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Full text of "Die strafgesetzgebung, der gegenwart in rechtsvergleichender darstellung"

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DIE STRAFGESETZGEBÜNG DER GEGENWART. 



DIE 



STRAFGESETZGEBUNG 



DER 



GEGENWART 



IN 



RECHTSVEMLEICHENDER DARSTELLUNG. 



HERAUSGEGEBEN 



VON DER 



INTERNATIONALEN KRIMINALISTISCHEN VEREINIGUNG. 



II. BAND: 

DAS STRAFBECDT DER AUSSEREÜROPÄISCHEN STAATEN. 




BERLIN 1899. 
VERLAG VON OTTO LIEBMANN, 

BUCHHANDLUNG FÜR RECHTS- UND STAATSWISSENSCHAFTEN. 

W. LLTZOWSTRASSE 27. 



c 



DAS STKAFEECHT 



DEB 



AÜ8SEREÜR0PÄISCHEN STAATEN. 

NEBST EINEM ANHANGE: 
NACHTRÄGE ZUM ERSTEN BAND: 

DAS STRAFKECHT DER STAATEN EUROPAS 

1893—1898. 



IM AUFTRAGE DER 

INTERNATIONALEN KRIMINALISTISCHEN YEßEINIGUNG 

UNTER MITWIRKUNG VON 
B. Aliicbna, Nkapkl — J. H. Bbalb, Gaiibeudor, Mass. — L. W. G. van den Bbrq, Dblft — L. Borno, 

PORT-AU-PRINCB — M. BüRCHARD, KömOSBBRG i. Pr. — G. BURBSCHy HiLDBSHBIM — F. ByL, AMSTERDAM — 

K. DicKXL, Berlin — P. Dorado, Salamanca — E. Bisbnuann, Paris — L. Faybr, Budapest — J. Fors- 
MAN, Hblsinopors — 8t. Gabuzzi , Bellikzona — A. Gautibr, Genf — B. Getz , Kristiania — G. A. 
VAN Hambl, Amsterdam — K. Hiller, Graz — H. Jaspar, Brüssel — Josefowitsch, Belgrad ~ E. Krebs, 
Peking — K. A. Kypriades, Athen — G. Lb Poittbvin, Paris — L. Loenholh, Tokio — M. G. Mabtinez, 
MoNTBViDBO — F. OcHOA , Maracaibo — E. Olrik , Kopenhagen — H. A. D. Phillips , Monghyr — 
N. PiJbBRO, Santiago — A. Poujol, Port-au-Princb — H. de Rolland, Monaco — E. Rosbnfeld, Halle — 
A. G. Sara VIA , Guatemala — A. Schiscuilbnxo , St. Petersburg — M. St. Schischmanow , Belgrad — 
E. Schtjbter, London — H. von Sbbfeld, Berlin — B. Sblya, Managua — H. I^uffert, Bonn — 
K. Frbibbrrn von Stengel, München — J. Tanoviceano, Jassy — J. J. Tavares de Medeiros, Lissabon 
— A. Teichmann, Basel — A. Ucl^, Tegucigalpa — W. UppstrOm, Stockholm — B. Vera, Santiago — 

J. Vieira de Araujo, Recifb — M. J. Wesnitsch, Belgrad, 

HERAUSGEGEBEN VON 

Dr. FRANZ VON LISZT, und Dr. GEORG CRÜSEN, 

O. Ö. PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT HALLK, QERICItTSASSBBSOR IM KÖNIGLICM PRKDSSISCIIBK 

JV8TIKMINI8TEEIUM ZU BERLIN. 




BERLIN 1899. 
VERLAG VON OTTO LIEBMANN, 

BÜCHHANDLUNG FÜR RECHTS- UND STAATSWISSENSCHAFTEN. 

W. LÜTZOWSTRASSK tl. 



l l. 



Die Verlagsbuchhandlung behält sich das Übersetzungsi'echt und alle anderen Kechte auf das 

ganze Werk, wie auf einzelne Teile desselben, ausdrucklich vor. 



i /^. :^jt^ d, /9o/. 



VERZEICHNIS DER MITARBEITER 

DES ZWEITEN BANDES. 



A LIM ENA, Dr. Bern., Professor an der Universität Neapel. 

Beale, Joseph H., Professor an der Haryard-Universität Cambridge, Mass. 

Bebg, Dr. L. W. C. van den, Professor des mohammedanischen Rechts, Delft. 

BoRNO, Louis, Professor an der Rechtsschule zu Port-au-Prince. 

Burchabd, Dr. Max, Regierungsassessor, Königsberg i. Pr. 

BuRESCH, Dr. Gustav, Gerichtsassessor, Hildesheim. 

Byl, Dr. jur. P., Amsterdam. 

Grusen, Dr. GeoRo, Gerichtsassessor, Berlin. 

DicKEL, Dr. Karl, Amtsgerichtsrat und Lehrer an der Forstakademie in Eberswalde, Berlin. 

DoRADO, Dr. Pedro, Professor an der Universität Salamanca. 

Eisenmann, Ernst, Gerichtsassessor a. D., Advokat, Paris. 

Fayer, Dr. Ladislaus, Professor, Budapest. 

FoRSMAN, Dr. Jaakko, Professor an der Universität Helsingfors. 

Gabuzzi, Stefano, Advokat und Notar, Bellinzona. 

Gautier, Dr. Alfred, o. Professor an der Universität Genf. 

Getz, Dr. B., Oberreichsanwalt, Kristiania. 

Hamel, Dr. G. A. van, o. ö. Professor an der Universität Amsterdam. 

Hill er, Dr. K., Regierungsrat, o. ö. Professor an der Universität Graz. 

Ja SPAR, Dr. Henri, Advokat, Brüssel. 

Josefowitsch, Dr., Belgrad. 

Krebs, Dr. jur. Emil, Peking. 

Kypriades, Dr. Konst. A., Advokat, Athen. 

Le Poittevin, Dr. Gustave, Untersuchungsrichter am Tribunal de la Seine, Chefredakteur 
des Journal des Parqueta, Paris. 

LiszT, Dr. Franz von, Geh. Justizrat, o. ö. Professor an der Universität Halle a. S. 

LoENHOLM, Dr. L., Landgerichtsrat, Professor an der Universität Tokio. 

Martinez, Martin C, Professor des Strafrechts an der Universität Montevideo. 

OcHOA, Dr. Francisco, Universitätsprofessor und Anwalt in Maracaibo. 

Olrik, Eyvind, Kopenhagen. 

Phillips, H. A. D., Bezirksrichter in Monghvr (Bengalen). 

PiNERO, Dr. Norberto, ehem. Professor des Strafrechts an der Universität Buenos Aires, be- 
vollmächtigter Minister der Argentinischen Republik zu Santiago. 

PouJOL, Alexander, ehem. Geschäftsträger in Port-au-Prince. 

Rolland, Hector de, Staatsrat und Generalanwalt zu Monaco. 

Rosenfeld, Dr. Ernst, Gerichtsassessor und Privatdozent, Halle a. S. 

Sara via, Antonio Gonzalez, Staatsrat, Guatemala. 

Schischi LENKO, Alexander, Professor des Strafrechts an der Universität St. Petersburg. 

Sc HI sc HM A NO w, Dr. M. St., Erster Sekretär der Fürstlich Bulgarischen diplomatischen Ver- 
tretung zu Belgrad, ehem. (ieneralsekretär des Fürstl. Bulgarischen Justizministeriums zu Sofia. 



VI Verzeichnis der Mitarbeiter des zweiten Bandes. 



Schuster, Dr. £bn8t, Barrister-at-Lawi London. 

Seefeld, Dr. Hermann von, Kegierungsaseessor, Berlin. 

Selva, Dr. BuoNAVENTURA, Präsident des Höchsten Gerichtshofes zu Managua. 

Seuffert, Dr. H., Geh. Justizrat, o. ö. Professor an der Universität Bonn. 

Steno EL, Dr. Karl Freiherr von, Professor der Rechte an der Universität München. 

Tanoviceano, J., Professor des Straf rechts an der Universität Jassy. 

Tavares de Medeiros, J. J., Advokat, Lissabon. 

Teichmann, Dr. A., o. Professor an der Universität Basel. 

UcL^s, Dr. Alberto, Präsident des Höchsten Gerichtshofes zu Tegucigalpa. 

Ufpström, Dr. Wilh., Häradshöfding, Stockholm. 

Vera, Robustiano, Gerichtsadvokat und Staatsanwalt, Santiago (Chile). 

Vieira de Araujo, Dr. Joao, Professor des Strafrechts an der Universität Recife. 

Wesnitsch, Dr. Milenko J., Professor, Belgrad. 



INHALTSVERZEICHNIS. 

(Die genauen Inhaltsübersichten nind der Darstellung der einzelnen Länder vorangestellt.) 



Seite 

I. ARGENTINIEN. Von Dr. Norberto Pinero, bevollmächtigtem Minister der 

Argentinischen Republik zu Santiago (Chile). (Übersetzung von Gerichts- 
assessor Dr. Georg Grusen, Berlin) 1 

I. Die Strafgesetzgebung bis zum Jahre 1863 (S. 3). II. Das Strafgesetz 
vom 14. September 1863 (S. 3). III. Das Strafgesetzbuch von 1886 (S. 4). 
IV. Das Spezialstrafrecht (S. 9). V. Reformbestrebungen (S. 10). VI. litte- 
ratur (S. 10). 

II. CHILE. Von Gerichtsadvokat und Staatsanwalt Robustiano Vera, Santiago. 

(Übersetzung von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin) .... 13 

I. Geschichtliches (S. 15). IL Kodifikationsbestrebungen (S. 15). IIL Der 
Ck')digo Penal von 1874 (S. 16). IV. Die Gestaltung des chilenischen Straf- 
prozesses (S. 17). V. Die unbehinderte Ausübung der btlrgerlichen und 
staatsbtlrgerlichen Rechte (S. 18). VI. Litteratur (S. 19). 

III. ECUADOR. Von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin 21 

litteraturübersicht (S. 23). I. Geschichtliche Einleitung (S. 23). IL Das 
Strafgesetzbuch von 1873 in der Fassung vom 9. September 1890 (S. 24). 
IIL Das Spezialstrafrecht (S. 43). 

IV. VENEZUELA. Nach Mitteilungen des Professors und Anwalts Dr. Francisco 

OcHOA, Maracaibo, von Gerichtsassessor und Privatdozenten Dr. Ernst 

Rosenfeld, Halle a. Saale 45 

§ 1. Geschichtlicher Überblick (S. 47). § 2. Die Ab&ssung des Strafgesetz- 
buches von 1873 (S. 48). § 3. Der allgemeine Teil: Das Verbrechen 
(S. 49). § 4. Das Strafensystem (S. 50). § 5. Die einzelnen Verbrechen 
(S. 52). § 6. Die Übertretungen (S. 54). 

V. PERU. Von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin 55 

I. Geschichtliche Einleitung (S. 57). IL Das Strafgesetzbuch vom 23. Sep- 
tember 1862 (S. 57). IIL Die übrigen Gesetze strafrechtlichen Inhalts (S. 71). 

VI. URUGUAY. Von Professor Martin C. Martinez, Montevideo. (Über- 

setzung von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin) 73 

Litteratur (S. 75). § 1. Einleitung (S. 75). § 2. Der allgemeine Teil des 
Strafgesetzbuches von 1889 (S. 76). § 3. Der besondere Teil des Straf- 
gesetzbuches von 1889 (S. 78). § 4. Das Spezialstrafrecht (S. 79). 

VII. PARAGUAY. Von Gerichtsassessor a. D. Ernst Eisenmann, Advokat, Paris 81 
I. Entstehungsgeschichte des Strafgesetzes (S. 83). IL Inhalt des Strafgesetz- 
buches (S. 84). III. Die Grundzüge (S. 84). IV. Die einzelnen Strafthaten 

(S. 87). V. Die sonstigen Strafgesetze (S. 88). 



VIII Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

YIII. COLUMBIA. Von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin . , . . 89 
Litteraturtlbersicht (S. 91). I. Geschichtliche Übersicht (S. 91). II. Das 
Strafgesetzbuch vom 18. Oktober 1890 (S. 93). III. Die übrigen Gesetze 
strafrechtlichen Inhalts (S. 112). 

IX. MEXICO. Von Gerichtsassessor a. D. Ernst Eisenmann, Advokat^ Paris . 113 

§ 1. Vor der Kodifikation (S. 115). § 2. Kodifikationen der Einzelstaaten 
(S. 115). § 3. Bundesstrafgesetzbuch vom 7. Dezember 1871. — Ent- 
stehung (S. 116). § 4. Ergänzungen (S. 116). § 5. Geltungsbereich des 
Bundesstrafrechts (S. 116). § 6. Einteilung des Strafgesetzbuches (S. 117). 
§ 7. System des Gesetzes (S. 119). § 8. Straiarten (S. 120). § 9. Straf- 
vollzug (S. 120). § 10. Entschädigung des Verletzten (S. 121). § 11. Ent- 
schädigung unschuldig Verhafteter (S. 121). § 12. Amtsvergehen (S. 122). 
§ 13. Bemerkungen zum allgemeinen Teil (S. 122). § 14. Sonstige Stiuf- 
gesetze (S. 123). § 15. Litteratur (S. 124). 

X. MITTEL- AMERIKA 125 

1. Einleitung 127 

2. Nicaragua. Von Dr. Buonaventura Selva, Präsidenten des 
Höchsten Gerichtshofes, Managua. (Übersetzung von Gerichtsassessor 

Dr. Georg Grusen, Berlin) 129 

3. Honduras. Von Dr. Alberto Ucl^s, Präsidenten des Höchsten 
Gerichtshofes zu Tegucigalpa. (Übersetzung von Gerichtsassessor 

Dr. Georg Grusen, Berlin) 133 

4. Costa Rica. Von Gerichtsassessor a. D. Ernst Eisenmann, Ad- 
vokat, Paris 140 

5. Guatemala. Von Staatsrat Antonio Gonzalez Sara via, Guatemala 
(Übersetzung von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin) . . 146 

6. Salvador. Von Gerichtsassessor a. D. Ernst Eisenmann, Advokat, 
Paris 152 

XI. BOLIVIA. Von Gerichtsassessor a. D. Ernst Eisenmann, Advokat, Paris . 161 

I. Einleitung (S. 163). IL Das Strafgesetzbuch von 1834 (S. 163). III. Lit- 
teratur (S. 167). 

XII. BRASILIEN. Unter Benutzung von Mitteilungen des Professors Dr. Joao 

Vieira de Araujo, Recife (Pernambuco), von Gerichtsassessor Dr. Georg 
Grusen, Berlin 169 

I. Bibliographie (S. 171). IL Geschichtliches (S. 172). III. Das Strafgesetz- 
buch vom 11. Oktober 1890 (S. 175). IV. Die Strafnebeugesetze (S. 191). 
V. Reformbestrebungen (S. 193). 

XIII. VEREINIGTE STAATEN VON AMERIKA. Von Professor Joseph H. 

Beale in Cambridge, Mass. (Übersetzung von Gerichtsassessor Dr. Georg 
Grusen, Berlin) 195 

I. Einleitung (S. 197). IL Allgemeine Grundsätze (S. 204). III. Die ein- 
zelnen strafbaren Handlungen (S. 211). 

XIV. BRITISCH-OSTINDIEN. Von Bezirksrichter H. A. D. Phillips, MonghjT 

(Bengalen). (Übersetzung von Gericht^iassessor Dr. Georg Grusen, Berlin) 221 

Litteratur (S. 223). Abkürzungen (S. 223). I. Die Entstehungsgeschichte 
des indischen Strafgesetzbuches von 1860 (S. 223). IL Das indische Straf- 
gesetzbuch von 1860 (S. 226). III. Spezial-, Lokal- und andere Gesetze 
(S. 265). 



InhaltsverzeichniH. IX 



Seite 

XV. CANADA. Unter Benutzung von Mitteilungen des Kaiserlich Deutschen Aus- 

wärtigen Amtes von Gerichtsassessor Dr. Gustav Buresgh, Hildesheim . 269 
I. litteratur (S. 271). IL Geschichte und Verfassung (S. 272). III. Ge- 
setzgebung und Gerichtsverfassung (S. 272). IV. Das geltende Strafrecht 
(Criminal Code von 1892) (S. 27B). V. Andere Gesetze strafrechtlichen In- 
halts (S. 276). 

XVI. AUSTRALIEN. Von Gerichtsassessor Dr. Gustav Buresch, Hildesheim . 279 

1. Geschichtliches, insbesondere über die Entwickelung der Depor- 
tation 281 

2. Neusüdwales 288 

I. Litteratur (S. 288). IL Gesetzgebung (S. 288). III. Gerichtsverfassung 

und Verfahren (S. 288). IV. Das geltende materielle Strafrecht (S. 288). 
V. Allgemeine Grundsätze (S. 289). VI. Die wichtigsten Gesetze strafrecht- 
lichen Inhalts (S. 291). 

3. Tasmania 292 

I. Litteratur (S. 292). IL Gesetzgebung (S. 292). III. Gerichtsverfassung 

und Verfahren (S. 292). IV. Geltendes Strafrecht (S. 293.) V. Strafneben- 
gesetze (S. 297). 

4. Neuseeland 298 

I. Litteratur (S. 298). IL Gerichtsverfassung und Verfahren (S. 298). III. Ge- 
setzgebung (S. 298). IV. Geltendes Strafrecht (Der Criminal Code von 1893 

und Nebengesetze.) (S. 299). 

5. Victoria 308 

I. Litteratur (S. 308). IL Gesetzgebung (S. 308). HL Gerichtsverfassung 

und Verfahren (S. 308). IV. Geltendes Strafrecht (The Crimes Act von 
1890) (S. 308). 

6. Queensland 318 

I. Litteratur (8. 318). IL Gesetzgebung (S. 318). III. Geltendes Straf- 
recht (S. 319). 

XVII. DIE KLEINEREN BRITISCHEN KOLONIEEN, GOUVERNEMENTS, 

GENERALGOUVERNEMENTS, SCHUTZGEBIETE UND SCHUTZ- 
STAATEN. Von Gerichtsassessor Dr. Gustav Buresch, Hildesheim . 329 
1. Einleitung (S. 331). 2. Kolonieen in Asien (S. 333). a) Hongkong 
(S. 333). b) Cypern (S. 339). c) Ceylon mit Malediven (S. 340). d) Straits 
Settlements (S. 340). e) Britisch Nordbomeo und Labuan (S. 341). 3. Ko- 
lonieen in Amerika (ausser Canada) (S. 342). a) Britisch Guiana 
(Guayana) (S. 342). b) Falklands-Inseln (S. 345). c) Barbados und Wind- 
ward-Inseln (S. 345). d) Trinidad und Tobago (8. 346). 4. Kolonieen 
in Afrika (S. 346). a) Goldküste (S. 346). b) Kapland mit Dependenzen 
(S. 349). c) Lagos (S. 350). d) Natal mit Sululand (S. 350). e) Ascension 
und St. Helena (S. 351). f) SieiTa Leone (S. 351). g) Gambia (S. 351). 
h) Die britisch -ostafrikanische Interessensi)hare (Sansibar und Dependenzen) 
(S. 351). 

XVIII. JAPAN. Von Landgerichtsrat Professor Dr. L. Loenholm, Tokio . . . 353 
I. Einleitung (S. 355). IL Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches von 
1880 (S. 356). III. Der besondere Teil des Strafgesetzbuches (S. 362). 

IV. Die übrigen Gesetze strafrechtlichen Inhalts (S. 367). 

XIX. CHINA. Von Dr. jur. Emil Krebs, Peking 369 

I. Geschichtliches (S. 371). IL Das geltende Strafrecht (S. 372). III. Lit- 
teratur (S. 384). 



X Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

XX. DIE DEUTSCHEN SCHUTZGEBIETE. Von Professor Dr. Karl Freiherrn 

VON Stengel, München 385 

Vorbemerkung (S. 387). § 1. Die öffentlich-rechtliche Stellung der deutschen 
Schutzgebiete (S. 387). § 2. Die Strafgerichtsbarkeit über die Europäer 
(Weissen) (S. 390). § 3. Der Umfang der Geltung der deutschen Strafgesetze 
in den Schutzgebieten (S. 398). § 4. Die Strafrechtspfiege über die Ein- 
geborenen (S. 402). 

XXI. KONGO-STAAT. Von Advokat Dr. Henry Jaspar, Brüssel. (Übersetzung 

von Gerichtsassessor Dr. Georg Crusen, Berlin) 407 

I. Einleitung (S. 409). II. Das Strafi-echt (S. 409). III. Bibliographie 
(S. 413). 

XXII. SULTANAT MAROKKO. Nach Mitteilungen des Kaiserlich Deutschen 

Auswärtigen Amtes 415 

XXIII. DIE SÜDAFRIKANISCHE REPUBLIK (TRANSVAAL). Von Dr. jur. 

P. Byl, Amsterdam 419 

XXIV. DER ORANJE-FREISTAAT. Von Dr. jur. P. Byl, Amsterdam .... 427 

XXV. SANTO DOMINGO UND HAITI 431 

1. Santo Domingo. Vom ehemaligen Geschäftsträger Alexander 
PoüJOL und Professor Louib Borno, Port-au-Prince. (Übersetzung 

von Gerichtsassessor Dr. Georg Crusen, Berlin) 433 

2. Haiti. Von Professor Louis Borno, Port-au-Prince. (Übersetzung 

von Gerichtsassessor Dr. Georg Crusen, Berlin) 435 



ANHANG. 
NACHTRÄGE ZUM ERSTEN BAND. 

Das Strafrecht der Staaten Europas 1893 — 1898. 

L DEUTSCHES REICH. Von Geh. Justizrat, Professor Dr. Hermann Seuffert, 

Bonn 439 

IL ÖSTERREICH-UNGARN 458 

1. Österreich. Von K. K. Regierungsrat, Professor Dr. Hiller, Graz 458 

2. Ungarn. Von Professor Dr. Ladislaus Fayer, Budapest .... 459 

III. DIE NIEDERLANDE. Von Professor Dr. G. A. van Hamel, Amsterdam . 462 

IV. DIE SKANDINAVISCHEN LÄNDER 463 

1. Dänemark. Von Eyvixd Olrik, Kopenhagen 463 

2. Norwegen. Von Oherreichsanwalt Dr. B. Getz, Kristiania . . . 468 

3. Schweden. Von Häradshöfding Dr. Wilhelm Uppström, Stockholm 469 

V. DER RUSSISCHE STAAT 472 

1. Das russische Kaisertu m. Von Professor Alexander Schischi- 
lenko, St. Petersburg 472 

2. Das Grossfürstentum Finnland. Von Professor Dr. Jaakko 
FoRSMAN, Ilelsingfors 480 



InhaltsverzeichniB. XI 



Seite 

VI. DIE BALKANSTAATEN 484 

1. Bulgarien. Vom Ersteu Sekretär der Fürstlich Bulgarischen diplo- 
matischen Vertretung Dr. M. St. Schischmanow, Belgrad .... 484 

2. Griechenland. Von Advokaten Dr. Konstantin A. Kypriades, 
Athen 493 

3. Montenegro. Von Aratsgerichtsrat und Lehrer an der Forstakadeniie 

in Eberswalde Dr. Karl Dickel, Berlin 495 

4. Rumänien. Von Professor J. Tanoviceano, Jassy. (Übersetzung 

von Regierungsassessor Dr. Max Bürchard, Königsberg i. Pr.) . . 498 

5. Serbien. Von Professor Dr. Mtlenko J. Wesnitsch und Dr. Jose- 
FOwiTSCH, Belgrad 500 

VII. DIE SCHWEIZ 502 

1. Die deutsche Schweiz (einschliesslich der Bundesgesetzgebung). 

Von Professor Dr. Albert Teichmann, Basel 502 

2. Die französische Schweiz (Kantone Freiburg, Waadt, Wallis, Neuen- 
burg, Genf). Von Professor Dr. Alfred Gautier, Genf. (Über- 
setzung von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin) 514 

3. Kanton Tessin. Von Advokaten und Notar Stefano Gabuzzi, 
Bellinzona 518 

VIII. FRANKREICH— BELGIEN— LUXEMBURG— MONACO 519 

1. Frankreich. Von Untersuchungsrichter am Tribunal de la Seine 
Dr. Gustav Le Poittevin, Paris. (Übersetzung von Gerichtsassessor 

Dr. Georg Grusen, Berlin) 519 

2. Belgien. Von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin . . . 522 

3. Luxemburg. Von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin . 525 

4. Monaco. Von Staatsrat und Generalanwalt Hector de Rolland, 
Monaco 526 

IX. DIE IBERISCHE HALBINSEL . 526 

1. Spanien. Von Professor Dr. Pedro Dorado, Salamanca. (Über- 
setzung von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin) . . . . 526 

2. Portugal. Von Advokat J. J. Tavares de Medeiros, Lissabon. 
(Übersetzung von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin) . . 530 

X. DIE ITALIENISCHE HALBINSEL. Von Professor Dr. Bernardino Ali- 

MENA, Neapel. (Übersetzung von Regierungsassessor Dr. Hermann von 
Seefeld, Berlin) 533 

XI. GROSSBRITANNIEN. Von Barrister-at-Law Dr. Ernst Schuster, London 535 

XII. DIE TÜRKEI. Von Professor Dr. L. W. C. van den Berg, Delft. (Über- 

setzung von Gerichtsassessor Dr. Georg Grusen, Berlin) 538 



VORWORT. 

Vier Jahi'e sind seit dem Erscheinen des ersten Bandes unserer 
„Strafgesetzgebung der Gegenwart" verstrichen. Damals, im Sommer 1894, 
konnte ich der Wahrheit gemäss versichern, dass das Manuskript des zweiten, 
die Strafgesetzgebung der aussereuropäischen Staaten umfassenden Bandes 
zu drei Vierteilen druckfertig vorliege, und zugleich der zuversichtlichen 
Hoffiiung Ausdruck geben, dass die noch vorhandenen. Lücken binnen wenigen 
Monaten ausgefüllt sein würden. Der raschen Fortführung des Werkes 
haben sich jedoch Schwierigkeiten entgegengestellt, deren Überwindung erst 
in letzter Zeit, insbesondere dank der unermüdlichen Thatkraft meines als 
Herausgeber mitunterzeichneten jungen Freundes Dr. Georg Grusen, mög- 
lich war. 

Die Aufgabe des zweiten Bandes ist, von der Verschiedenheit der 
behandelten Länder abgesehen, dieselbe wie die des ersten: die systema- 
tische Einführung in die Strafgesetzgebung der einzelnen Staaten. 
Dabei haben wir den im ersten Bande bereits befolgten und durch ihn 
bewährten Grundsatz festgehalten, dass jedes Land, wenn irgend möglich, 
durch einen seiner Angehörigen zu bearbeiten und dass in dieser Bearbeitung 
selbst die Eigenart der nationalen Gesetzgebung zur anschaulichen Dar- 
stellung zu bringen sei. Wir verdanken diesem Grundsatze eine Reihe 
interessanter Abhandlungen, die gerade deshalb den besonderen Wert der 
Ursprünglichkeit beanspruchen dürften, weil wir unseren Mitarbeitern nicht, 
wie von vereinzelten Beurteilern des ersten Bandes gewünscht worden w^ar, 
eine gebundene Marschroute mit auf den Weg gegeben hatten. Wir hoffen, 
dass auch dieses Mal die weit überwiegende Melirheit der Leser den von uns 
nur im Notfalle verlassenen Standpunkt teilen wii'd. 

Die angestrebte Vollständigkeit, die sich von vornherein auf die Staaten 
der Kulturgemeinschaft beschränken musste, ist im wesentlichen erreicht 
worden. Nur Persien und Slam fehlen. Für Persien konnten wir trotz 
aller Bemühungen einen Mitarbeiter nicht finden. Für Siam hatten wii' eine 
sehr geeignete Kraft gewonnen; aber die uns gegebene Zusage wurde nicht 
erfüllt. Besondere Schwierigkeiten boten die süd- und mittelamerikanischen 
Staaten einerseits, die Kolonieen der europäischen Mächte anderei-seits. Für 
das ausserordentlich umfangreiche Gebiet der spanischen und portugie- 
sischen Tochterrechte in Amerika mit seiner hier völlig ruhenden, dort 
sprunghaft fortschi-eitenden Gesetzgebung, die alle Stufen der strafrechtlichen 
Entwickelung von Feuerbach bis auf Lombroso, vom französischen Code 
penal bis zum italienischen Strafgesetzbuch von 1889 aufweist — für dieses 
ebenso grosse wie vielgestaltige Gebiet waren vielfach übei-seeische Mit- 



XIV Vorwort. 



arbeiter gar nicht, waren auch teilweise die Gesetze selbst nur nach langen 
Bemühungen zu gewinnen. Wenn es auch in einzelnen Fällen infolge der 
thatkräftigen Unterstützung einiger mittelamerikanischen Regierungen sowie 
der diplomatischen und konsularen Vertreter mehrerer südamerikanischen 
Staaten, deren ich an dieser Stelle in aufrichtiger Dankbarkeit gedenken 
möchte, uns gelungen ist, geeignete Mitarbeiter oder doch wenigstens die not- 
dürftigsten Materialien zu erlangen, so mussten doch vielfach unsere deutschen 
Kräfte, insbesondere Dr. Grusen in Berlin und Dr. Eisenmann in Paris, ein- 
springen. Diese aber sahen sich vor die schwierige und undankbare Aufgabe 
gestellt, den fremdartigen Stoff auf den wenigen, durch geschichtliche Einleitung 
und Litteraturangaben noch mehr beschränkten Seiten, die ihnen nach dem ur- 
sprünglichen Plane des Werkes zur Verfligung gestellt werden konnten , zu 
behandeln. Die Leser werden diesen Umstand nicht vergessen dürfen, 
wenn sie an die einzelnen Abhandlungen den kritischen Massstab an- 
legen. Für die überseeischen Kolonieen der europäischen Mächte 
aber lag die Schwierigkeit einmal darin, dass einzelne Mitarbeiter des ersten 
Bandes, so van Hamel für die Niederlande, Rivifere flir Frankreich, Rosenfeld 
fiir Spanien, das Strafrecht der Kolonieen gleichzeitig mit dem des Mutter- 
landes erledigt, andere dagegen, so Schuster filr Grossbritannien, Seuffert fiii* 
das Deutsche Reich, die Erörterung des kolonialen Strafrechts aus ihrer 
Darstellung ausgeschieden hatten. Diese verschiedene Behandlung mochte 
immerhin wissenschaftlich durchaus gerechtfertigt sein; sie zwang uns doch, den 
deutschen Schutzgebieten wie den englischen Kolonieen in dem vorliegenden 
Bande einen besonderen Platz einzuräumen. Für jene ist es uns gelungen, 
einem der besten Kenner des deutschen Kolonialrechts die Bearbeitung 
übertragen zu dürfen ; für diese waren wir im wesentlichen auf die uns gütigst 
gewährte Unterstützung des Deutschen Auswärtigen Amtes angewiesen. 
Für diese Unterstützung sowohl den leitenden Persönlichkeiten in Berlin wie 
den deutschen Konsuln im Auslande an dieser Stelle den aufrichtigsten Dank 
im Namen der rechtsvergleichenden Wissenschaft sagen zu können, ist mir eine 
besondere Freude. Aber mit der Beschaffung des Materials war die Aufgabe 
nicht erledigt. Man denke sich den Rechtszustand, wie er in den meisten eng- 
lischen Kolonieen heute noch besteht: neben dem englischen Common law eine 
kaum übersehbare Fülle von Statuten, die das gemeine Recht abändern oder 
ergänzen, da und dort vielleicht eine mehr oder weniger lückenhafte Kodi- 
fikation — und man wird ermessen können, wie schwer es dem Bearbeiter 
dieses Teils unseres zweiten Bandes fallen musste, eine kurze und doch 
übei'sichtliche Dai-stellung zu geben. 

Musste ich bisher auf Lücken und Mängel des vorliegenden Bandes 
aufmerksam machen, so darf icli anderei'seits auch hervorheben, dass der ur- 
sprünglich nur auf 50 Druckbogen berechnete Umfang der systematischen Ein- 
fiihrung in das Strafrecht der einzelnen Staaten auf 83 Druckbogen erweitert ist, 
und dass in dem auf Anregung des Verlegers beigefligten Anhange unseren 
Lesern eine nicht versprochene Gabe dargeboten werden konnte. Schon in dem 



Vorwort. XV 



Vorwort zu dem ersten Bande habe ich darauf hingewiesen, dass dieser dui'ch 
Jahresberichte über die in Gesetzgebung und Wissenschaft der verschiedenen 
Länder gemachten Fortschritte ergänzt w^erden solle. Derartige Berichte sind 
auch bisher in den „Mitteilungen der Internationalen Kriminalistischen Ver- 
einigung" regelmässig veröffentlicht worden. Das freundliche Entgegenkommen 
unseres Verlegers hat es ermöglicht, in diesem Bande diese Nachträge zu- 
sammenzufassen und zu ven^ollständigen. Unser Anhang: ,/Das Strafrecht 
der Staaten Europas 1893 — 1898" bringt den ersten Band, von dem in- 
zwischen im Verlage der Revista de Medicina y Cirugia präcticas, D. Rafael 
Ulecia y Cardona zu Madrid eine spanische Ausgabe erschienen ist, auf 
die volle Höhe der Gegenwart. 

Wenn ich so mit dem herzlichsten Dank an unsere Mitarbeiter, ohne 
deren opferwillige Entsagung auch der zweite Band unmöglich zu stände 
gekommen wäre, das bisher von uns Geleistete der Öffentlichkeit übergebe, 
wendet unwillkürlich mein Blick sich in die Zukunft. Wird es uns — mir 
oder anderen — vergönnt sein, das Unternehmen zum Abschluss 
zu bringen? Ich habe nicht den Mut, die Frage zu bejahen. Die Fort- 
fuhrung des Werkes ist nur möglich, wenn eine bestimmte Zahl von Ab- 
nehmern des ganzen Werkes sich zusammenfindet. Diese Zahl ist nicht 
erreicht worden. Der Verleger hat sich trotzdem entschlossen, den 
zweiten Band der deutschen Ausgabe zu veröffentlichen. Für die fran- 
zösische Ausgabe liegen die Manuskripte teilweise druckfertig vor; sie können 
nicht gedruckt werden, weil der Unterschied zwischen der erforderlichen 
und der erreichten Zahl der Abnehmer hier noch ungleich grösser ist als fui* 
die deutsche Ausgabe. Die Hauptaufgabe aber: das rechtsvergleichende 
System des Strafrechts selbst, kann unter diesen Umständen überhaupt 
noch nicht in Angriff genonmien werden. 

Ich habe es für richtig gehalten, diese Sachlage klar festzustellen. 
Nur wenn es unseren Bemühungen gelingen sollte, für unser rechtswissen- 
schaftliches Unternehmen eine staatliche Unterstützung oder den Zuschuss 
irgend einer gelehrten Körperschaft zu erlangen, wie sie in reichstem Masse 
geschichtlichen, philosophischen, naturwissenschaftlichen Arbeiten zu teil zu 
werden pflegen — kann an die Fortsetzung und den Abschluss des Werkes 
gedacht werden. Es wäre verfrüht, alle Hoffnung aufzugeben. Aber auch, 
wenn diese Hülfe uns versagt bleibt, ist unsere und unserer Mitarbeiter bis- 
herige Arbeit keine vergebliche gewesen. Die beiden ersten Bände unserer 
„Strafgesetzgebung der Gegenwart" bilden ein in sich geschlossenes Ganzes, 
das trotz aller Fehler und Mängel einen ehrenvollen Platz in der Geschichte 
der Rechtswissenschaft erringen und behaupten wird. Und unter allen, die 
an dem AVerke mitgearbeitet haben, ist wohl keiner, der nicht in dieser 
Zuversicht den voll befi-iedigenden Lohn für seine Arbeitsleistung erblickt. 

Halle a. S., im Winter 1898. 

Franz v. Liszt 



ARGENTINIEN 



Von 

Dr. ITorberto Pinero, 

ehemaligem Professor des Strafiechts an der UniTersität zu Buenos Aires, 
bevollmAchtigtem Minister der Argentinischen Bepablik xu SanUago (Chile). 

(Übersetzung aus dem Französischen 
von Dr. Georg Grusen, Gerichtsassessor im Königlich Preussischen Justizministerium zu Berlin.) 



Strafgesetzgebung der Gegenwart. II. 



Übersicht. 



I. Die Strafgesetzgebuiig bis zum Jahre 1863. 
II. Das Strafgesetz vom 14. September 1863. 

III. Das Strafgesetzbuch von 1886. 1. Entstehung. 2. Der allgemeine Teil, insbesondere 
das Verbrechen. 3. Das Strafensvstem. 4. Der besondere Teil. 

IV. Das Speziais traf recht. 
V. Reformbestrebungen. 

VI. Litteratur. 



I. Die Straf ^Gesetzgebung bis zum Jahre 1863. 

Solange die Gebiete, aus denen die Republik Argentinien besteht, nur 
eine spanische Kolonie waren, galten in ihnen die spanische Gesetzgebung und 
die vom Mutterlande für die amerikanischen Besitzungen erlassenen Sonder- 
gesetze. ^) Auf die Erlangung der Selbständigkeit (im Jahre 1813) folgte eine 
lange Übergangsperiode, welche der inneren Organisation gewidmet war; 
während dieser Zeit blieb die bestehende Gesetzgebung für eine Reihe von 
Gebieten, auch für das Straf recht, in Kraft. Die in Spanien zu verschiedenen 
Zeiten erlassenen allgemeinen, auch das Straf recht mit umfassenden Gesetz- 
bücher — der „Fuero Juzgo", der „Fuero Real", die „Partidas" und die 
später mit Gesetzeskraft versehenen „ Recopilaciones " 2) — sind also für die 
Länder, welche sich später zur Argentinischen Republik zusammenschlössen, 
geltendes Recht gewesen, und zwar nicht nui', solange diese als Kolonie von 
Spanien abhingen, sondern auch noch eine Zeit lang nach ihrer Loslösung 
vom Mutterlande. 

Das im Jahre 1853 erlassene, 1860 verbesserte und noch jetzt geltende 
Staatsgrundgesetz führte die Bundesverfassung ein und schuf zugleich die 
Einheit auf den wichtigsten Rechtsgebieten (Civilrecht, Strafrecht, Handels- 
recht u. s. w.). Das Strafgesetzbuch soll daher für die ganze Nation ein- und 
dasselbe sein; da es aber infolge des Föderativsystems neben dem National- 
staat Provinzialstaaten, neben den National- (Bundes-) Gerichten noch Provinzial- 
gerichte giebt und das Strafgesetzbuch von den einen wie von den anderen 
anzuwenden ist, so muss es nicht nur über die zur Zuständigkeit der Bundes- 
gerichte, sondern auch über die zur Kompetenz der Provinzialgerichte gehörigen 
Delikte Bestimmungen treffen (fuero nacional — provincial). 

IL Das Strafgesetz vom 14. September 1868. 

Bis 1863 tritt ein lebhaftes Interesse für die Straf gesetzgebung nicht 
hervor, von der Ausarbeitung irgend welcher Entwürfe verlautet nichts. In- 
dessen erheischten die Unzuträglichkeiten, welche das Fehlen eines einheitlichen 
Strafgesetzbuches verursachte, dringend Abhülfe, vor allem auf dem Gebiete 
der zur Zuständigkeit der Bundesgerichte gehörigen Strafsachen. Ein Gesetz 
hierüber wurde daher am 14. September 1863 erlassen. Es beschränkt sich 
auf die Definition der von den Bundesgerichten abzuurteilenden Strafthaten 
und die Strafandrohungen für diese und enthält, abweichend von anderen 
Strafgesetzbüchern , keinerlei allgemeine Bestimmungen über Zurechnung, 
Thäterschaft und Teilnahme, Rückfall, Zusammentreffen mehrerer Delikte u. s. w. 



*) Die letzteren sind unter dem Titel „Recopilacion de Indias" gesammelt worden. 
') Vgl. die Darstellung des spanischen Straf rechts von Dr. Ernst Rosenfeld in 
Bd. 1 S. 483—534. 



Argentinien. — II. Das Strafgesetz vom 14. September 1863. 



Da nach der Verfassung der gesamte Stoff des Gesetzes in dem zu erlassen- 
den Strafgesetzbuche geregelt werden muss, so hat das Gesetz von 1863 einen 
lediglich provisorischen Charakter, ist aber trotzdem noch jetzt in Kraft. 

Die darin mit Strafe bedrohten Delikte sind: Landesverrat, Unternehmungen 
gegen den Frieden und das Ansehen der Nation, Seeraub, Landfriedensbruoh 
und Aufruhr — mit anderen Worten: die strafbaren Handlungen gegen die 
nationale Staatsgewalt und die Verfassung; Ungehorsam und andere Angriffe 
auf die Bundesverwaltung, Gefangenenbefreiung, Verletzung des Briefgeheim- 
nisses und Unterschlagung von Briefen, Unterschlagung und Vernichtung von 
Urkunden, die von einer Behörde aufbewahrt werden; Fälschung im Amte, 
passive Bestechung und andere Beamtendelikte; strafbare Handlungen gegen 
den Staatsschatz. 

Die von dem Gesetze gegen diese Delikte angedrohten Strafen sind: 
Todesstrafe, Zwangsarbeit von einem Monat bis zu 10 Jahren, Gefängnis von 
einem Monat bis zu 3 Jahren i), Verbannung auf die Dauer von einem bis 
zu 10 Jahren, Geldstrafe von 10 bis 6000 Pesos fuertes (ursprunglich 50 bis 
30 000, jetzt etwa 25 bis 15 000 Francs), dauernder oder zeitweiser Ausschluss 
von der Erlangrmg öffentlicher Ämter oder Ehrenstellen, Amtsentsetzung, Ent- 
hebung von Amt und Gehalt, öffentlicher und sogar privater Schadensersatz.*) 
Die am häufigsten vorkommenden Straf arten sind: Zwangsarbeit und Geld- 
strafe; sie werden teils alternativ, teils kumulativ angedroht. — Die einfache 
Aufzählung der Straf arten ergiebt, dass es dem Gesetze von 1863 an einem 
wohldurchdachten, zweckentsprechenden Strafensystem fehlt; es ist in dieser 
Beziehung sehr lückenhaft und giebt beispielsweise über die Art, die Voll- 
ziehung und die Wirkung der Strafen (von der Todesstrafe abgesehen) keinerlei 
Auskunft, sodass hierüber völliges Dunkel herrscht. — Litteratur über dieses 
Gesetz ist nicht vorhanden. 



III. Das Strafgesetzbuch von 1886. 

1. Entstehung. Im Jahre 1863 wurde Dr. Carlos Tejedor mit der 
Ausarbeitung des Entwurfes eines Strafgesetzbuches beauftragt. Er überreichte 
der Bundesregierung einen Teil seiner Arbeit im Dezember 1865, den Rest 
etwas später. Nach seiner eigenen Angabe hat der Verfasser sein Material 
vorzugsweise aus dem bayerischen Strafgesetzbuche von 1813 geschöpft, vor 
allem für den ersten allgemeinen Teil. Jedoch sind daneben, besonders im 
speziellen Teil, auch andere Gesetzgebungen — die Strafgesetzbücher von 
Frankreich, Peru, Spanien, Brasilien u. s. w. — berücksichtigt worden. Auf 
Grund eines Gesetzes vom Jahre 1868 ernannte die Regierung noch in dem- 
selben Jahre einen aus Anwälten bestehenden Ausschuss zur Prüfung des Ent- 
wurfes und zur Einreichung etwaiger Verbesserungsvorschläge. Dieser Ausschuss 
erstattete 1881 über seine Thätigkeit Bericht, nachdem er inzwischen wiederholt 
seine Mitglieder völlig gewechselt hatte. Der von ihm an Stelle des Tejedorschen 
vorgelegte Entwurf wurde dem Kongress übersandt, von diesem jedoch nicht 



*) Ausgenommen ist der Fall der ungesetzlichen Eintreibung von Geldern mit 
Hülfe der bewaffneten Macht, wenn der Thäter zahlungsunfähig ist. Dieser. wird zu- 
nächst für den Zeitraum von 10 Jahren zur Bekleidung aller Öffentlichen Ämter für 
unfähig erklärt und ausserdem mit Gefängnis bis zu 4 Jahren bestraft (Art. 87). 

*) Nach Art. 23 werden die wegen einfachen Aufruhrs Verurteilten entweder 
2 Jahr lang im Militärdienst an den Grenzen verwendet oder mit einer Geldstrafe 
von 300 Pesos fuertes belegt. Der Grenzdienst gegen die Indianer kann danach eine 
Strafe bilden. 



in. Das Strafgesetzbuch von 1886. 



beachtet. Die mit der Prüfung dieser Vorarbeiten betraute Gesetzgebungs- 
kommission des Hauses der Abgeordneten arbeitete einen neuen Entwurf aus, 
der von dem des Dr. Tejedor in verschiedenen, und zwar wesentlichen, Punkten 
abwich. Die Kommission hatte in erster Linie das spanische Strafgesetzbuch 
von 1850 zum Muster genommen. Dieser Kommissionsentwurf, den man als 
den „abgeänderten Entwurf Tejedor" bezeichnen kann, wurde 1886 zum Ge- 
setz erhoben und trat 1887 in Kraft. Aus dem vorstehend Erwähnten ergiebt 
sich, dass das bayerische Strafgesetzbuch von 1813 und das spanische von 
1850 auf die Gestaltung des geltenden argentinischen Straf rechts den meisten 
Einfluss gehabt haben. 

Die sämtlichen Entwürfe sowohl wie das geltende Strafgesetzbuch ent- 
halten keinerlei Bestimmungen über die zur Zuständigkeit der Bundesgerichte 
gehörigen strafbaren Handlungen (fuero nacional). Für diese gilt noch, trotz 
seiner Mängel und seines provisorischen Charakters, das Gesetz von 1863; das 
von der Verfassung geforderte allgemeine Strafgesetzbuch ist noch nicht 
erlassen. 

2. Der allgemeine Teil, insbesondere das Verbrechen. Das 
Strafgesetzbuch zerfällt in zwei Bücher. Das erste enthält die allgemeinen 
Bestimmungen über Zurechnung, Versuch, Thäterschaft und Teilnahme, Strafen- 
system, Einteilung, Wirkung und Dauer der Strafe, Straf ausschliessungs-, 
Strafmilderungs- und Strafschärfungsgründe, Verjährung. Das zweite Buch 
behandelt die einzelnen Strafthaten und die für sie zu erkennenden Strafen. 

Das Gesetz betrachtet jeden Thäter, Teilnehmer oder Gehülfen einer straf- 
baren Handlung zunächst als strafbar und ordnet demgemäss an: „bei der 
Ausführung einer nach dem Gesetze strafbaren Handlung wird das Vorhanden- 
sein der verbrecherischen Absicht vermutet". Das Gesetz präsumiert also den 
Dolus, die vorsätzliche Begehung des Delikts, die überlegte Ausführung. An Stelle 
dieser gesetzlichen Vermutung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit kann 
jedoch auch, auf Grund vorliegender besonderer Umstände, die entgegengesetzte 
treten. Wenn daher gegebenen Falls die Thatumstände in Verbindung mit 
den übrigen für die Beurteilung der Handlung wichtigen Momente ergeben, 
dass das Delikt nicht vorsätzlich begangen ist, so kann an Stelle der Prä- 
sumption der strafrechtlichen Verantwortlichkeit die Rechtsvermutung des Gegen- 
teils Platz greifen. 

Andrerseits setzt das Gesetz unter der Rubrik „Gründe, welche die Strafe 
ausschliessen", ausführlich auseinander, aus welchen Gründen Straflosigkeit ein- 
tritt. Solche sind: Geisteskrankheit, Somnambulismus, unwiderstehlicher phy- 
sischer und psychischer Zwang, Notwehr, erzwungener Gehorsam u. s. w. Ab- 
gesehen von den Fällen, in welchen eine unveränderliche Strafe angedroht 
wird, huldigt das Gesetz dem System der mildernden und erschwerenden Um- 
stände. Je nachdem der eine oder andere Fall vorliegt, muss der Richter 
innerhalb des ihm vom Gesetze gelassenen Spielraumes zwischen Mindest- und 
Höchstmass die Strafe nach Art und Dauer bemessen. Hierbei hat er den 
Durchschnitt zwischen der schwersten und der leichtesten Strafe — welcher 
als die Regclstrafe des betreffenden Deliktes anzusehen ist — zu berechnen 
und diese, je nach der Lage des Falles, bei dem Vorliegen erschwerender 
Umstände bis zum höchsten zulässigen Masse zu steigern, bei mildernden Um- 
ständen bis zur untersten Grenze zu ermässigen. Liegen mildernde und er- 
schwerende Umstände gleichzeitig vor, so wird der Richter unter Berücksichtigung 
beider Arten das Strafmass innerhalb der gesetzlichen Grenzen nach freiem 
Ermessen bestimmen. Von dem allgemeinen Prinzip der Berücksichtigung der 
begleitenden Umstände einer That nach ihrer Beschaffenheit macht das Straf- 
gesetzbuch eine Ausnahme bei gewissen schweren Verbrechen, z. B. den 



Argentinien. — III. Das Strafgesetzbuch von 1886. 



Tötungen; hier wird nicht die Qualität, sondern die Quantität der begleiten- 
den Umstände in Betracht gezogen, sodass die Erhöhung oder Ermässigung 
der Strafe nicht davon abhängt, ob sehr erhebliche, sondern davon, ob sehr 
viele erschwerende oder mildernde Umstände vorhanden sind. Ein einziger, 
noch so unerheblicher mildernder Umstand kann so die Anwendung der Todes- 
strafe selbst bei dem verabscheuenswtirdigsten und brutalsten Eltemmorde 
ausschliessen. 

Bei der Regelung dieser Materie folgt das Gesetz dem Beispiel des spa- 
nischen Strafgesetzbuches, indem es die erschwerenden und mildernden Um- 
stände einzeln, und zwar in sehr kasuistischer Fassung, aufzählt. Im allge- 
meinen darf daher der Richter nur die im Gesetze ausdrücklich vorgesehenen 
Umstände berücksichtigen, jedoch mit der Ausnahme, dass auch solchen Um- 
ständen Rechnung getragen werden darf, die gewissen, einzeln aufgeführten 
mildernden Umständen analog sind. Da der Gesetzgeber nicht in der Lage 
ist, jede mögliche Besonderheit, jeden denkbaren Umstand, die bei einem 
Delikt in Frage kommen können, vorherzusehen, so liegen die Nachteile dieses 
Systems auf der Hand. Eine kasuistische Aufstellung wird immer unvoll- 
kommen sein und den Richter häufig in die Notwendigkeit versetzen, wesent- 
liche, vom Gesetzgeber aber nicht vorgesehene Momente bei der Strafzumessung 
unberücksichtigt zu lassen. 

3. Das Strafensystem des Strafgesetzbuches ist übersichtlich und bietet 
keinerlei Schwierigkeiten für die praktische Anwendung. Die zugelassenen 
Strafen sind: die Todesstrafe, Zwangsarbeit, Zuchthaus, Gefängnis, Haft, 
Verbannung, Ausschluss von der Ausübung politischer Rechte und Geldstrafe. 

Die Todesstrafe ist nur für eine beschränkte Anzahl schwerer Ver- 
brechen angedroht und wird nicht öffentlich, sondern innerhalb' des Gefäng- 
nisses vollstreckt. Ihre Verhängung ist in verschiedener Weise gesetzlich er- 
schwert. Besondere Föimlichkeiten und eine jeden Zweifel ausschliessende 
Beweisführung werden in den Fällen verlangt, in denen sie zulässig ist; sie darf 
nicht vollzogen werden an Frauen, Minderjährigen unter 22 und Greisen über 
70 Jahren. Obwohl gesetzlich zulässig, ist doch die Todesstrafe — von dem 
Gebiete des Militär- und Marinestrafrechts abgesehen — in der Argentinischen 
Republik thatsächlich abgeschafft und eine Hinrichtung seit vielen Jahren 
nicht mehr vorgekommen. 

Die Strafe der Zwangsarbeit (presidio) wird auf unbestimmte Zeit oder 
für die Dauer von mindestens 3 und höchstens 15 Jahren verhängt; sie ist 
identisch mit der in der Geschichte als „Galeerenstrafe" bekannten Strafart und 
besteht in dem Zwange zu „harten und mühevollen" Arbeiten („trabajos duros 
y penosos", wie das Gesetz selbst sagt) unter Ausscliluss jeglichen Verkehrs mit 
der Aussenwelt. Der Arbeitsertrag fällt dem Staate zu. Sowohl die ausdrück- 
liche Vorschrift, den Sträfling zu harter und peinlich(»r Arbeit zu verwenden, 
wie die Einziehung des Arbeitsverdienstes für den Staat ist zu missbilligen: 
die erstere, weil sie eine unnötige Grausamkeit bildet, ohne die menschliche 
Gesellschaft gegen das Verbrechen zu schützen, die letztere, weil sie dem 
Sträfling ein ihm von Rechtswegen zustehendes Gut, den Ertrag seiner Arbeit, 
entzieht, der besser in erster Linie zur Schadloshaltung der Opfer des Ver- 
brechens (falls diese nicht aus sonstigem Vermögen des Thäters erfolgen kann), 
in zweiter Linie zur Bestreitung der StrafvoUstreckungskosten zu verwenden wäre. 

Die Zuchthausstrafe (penitenciaria) unterscheidet sich von der in 
anderen südamerikanischen Strafgesetzgebungen (mit Ausnahme von Uruguay) 
unter dieser Bezeichnung vorkommenden Strafart. Sie besteht in Freiheitsent- 
ziehung mit Zwang zu bestimmten Arbeiten und wird in besonderen Strafanstalten 
verbüsst. Der Arbeitsertrag ist in erster Linie zur Entschädigung der durch die 



in. Das Strafgesetzbuch von 1886. 



That Verletzten und zum Unterhalt der Familie des Verurteilten bestimmt, wenn 
dieser nicht andere Hülfsquellen zur Verfügung stehen; in zweiter Linie wird 
er verwendet als Beitrag zu den Unterhaltungskosten der Strafanstalt und zur 
Bildung eines Kapitals, das dem Sträfling bei seiner Entlassung eingehändigt 
wird. Für die Unterhaltung der Anstalt dürfen nicht mehr als zwei Dritteüe 
des Arbeitsertrages abgezogen werden. Die Dauer der Zuchthausstrafe ist 
entweder unbestinmit oder bestimmt zwischen 3 und 15 Jahren. 

Die Verurteilung zu Zwangsarbeit und Zuchthaus hat als Nebenstrafen 
stets zur Folge: 1. den vollständigen Verlust der vom Verurteilten bekleideten 
öffentlichen Ämter sowie der aktiven und passiven Fähigkeit zur Ausübung 
politischer Rechte; 2. für die Dauer der Strafvollstreckung den Verlust gewisser 
civilrechtlicher Befugnisse, nämlich: der väterlichen Gewalt, der Verwaltung 
des eigenen Vermögens und des Eechts, Schenkungen unter Lebenden vorzu- 
nehmen; 3. die Stellung unter Polizeiaufsicht nach Verbüssung der Strafe für eine 
mit Rücksicht auf die Besonderheit des Falles zu bemessende Dauer. Die 
Verschiedenheit der Straf arten äussert ihre Wirkung darin, dass die unter 1. 
und 3. erwähnten Nebenstrafen nach der Zwangsarbeit länger dauern als nach 
der Zuchthausstrafe. 

Die gesetzliche Regelung der Zwangsarbeit und der Zuchthausstrafe ist 
unvollständig; es fehlt an genauen Bestimmungen über wesentliche Punkte, 
wie z. B. die Bedeutung der letzteren und die Art der Vollstreckung bei beiden 
Strafen, die man den Gefängnisordnungen überlassen hat. Der Gesetzgeber 
hat unterscheidende Merkmale zwischen beiden Strafarten nicht aufgestellt; 
die Gleichheit der Zeitdauer und die im besonderen Teil angeordnete unter- 
schiedlose Anwendung beider lassen erkennen, dass die Verwendung dieser 
zwei verschiedenen Strafarten auf einen klaren kriminalpolitischen Gedanken, 
wie z. B. dem der verschiedenartigen Reaktion gegen verschiedenartige Klassen 
von Verbrechern, nicht beruht. Beide Strafarten, und zwar vorzugsweise die 
Zuchthausstrafe, werden für schwere Verbrechen angedroht. Da es in der 
Argentinischen Republik Bagnos nicht giebt, so verbüssen auch die zu Zwangs- 
arbeit Verurteilten ihre Strafen in den Zuchthäusern. 

Die Gefängnisstrafe besteht in einfacher Freiheitsentziehung ohne 
Arbeitszwang, wird in besonderen, von den Zuchthäusern verschiedenen An- 
stalten verbüsst, dauert mindestens 1 Jahr, höchstens 3 Jahre und bewirkt 
für den Verurteilten den Ausschluss von sämtlichen politischen Ämtern und 
Rechten für die Zeit der Strafvollstreckung. 

Die Haftstrafe ist im wesentlichen mit der Gefängnisstrafe identisch 
und unterscheidet sich von ihr, ausser durch die kürzere Dauer (von einem 
Monat bis zu einem Jahre) nur dadurch, dass sie nicht nur in einem Gefängnis, 
sondern auch im Polizeigewahrsam, in einer Wachtstube, ja sogar, wenn es 
sich um anständige Frauen, altersschwache oder kränkliche Personen handelt, 
in der Wohnung des Verurteilten verbüsst werden kann. 

Gefängnis- und Haftstrafc sind Gegenstand berechtigter Angriffe gewesen. 
Sie sind völlig unproduktiv und bilden eine drückende Last für den Staat, 
der die Verurteilten auf Kosten der Steuerzahler erhalten muss, ohne sie 
zwingen zu können, für die Gewährung des Unterhaltes Ersatz, sei es aus 
ihrem Vermögen, sei es in Form von Arbeitsleistung, zu schaffen. Mit dem 
Ausschluss des Arbeitszwanges leistet man dem Müssiggange Vorschub, ver- 
zichtet auf die Verwertung des wichtigsten Besserungsmittels und verwandelt 
die Gefängnisse in wahre Brutstätten des Lasters. 

Die Verbannung dauert mindestens ein, höchstens sechs Jahre und findet 
nur auf politische Verbrecher und die Mitschuldigen eines ehebrecherischen 
Ehegatten Anwendung. 



8 Argentinien. — III. Das Strafgesetzbuch von 1886. 



Der Ausschluss vom Amte (interdicciön) ist entweder allgemein 
oder speziell und kann in beiden Fällen dauernd oder auf Zeit erfolgten. 
Der allgemeine Ausschluss hat zur Folge: 1. den Verlust der vom Verurteilten 
im Augenblicke der Bestrafung bekleideten öffentlichen Ämter und Stellung^en 
einschliesslich der auf öffentlichen, allgemeinen Wahlen beruhenden; 2. den Ver- 
lust aller aktiven und passiven politischen Rechte während der im Urteil be- 
stimmten Zeit; 3. die Unfähigkeit, während dieser Zeit öffentliche Ämter oder 
Stellungen zu erlangen. Der Ausschluss von einem speziellen Amte oder einer 
speziellen Stellung bewirkt deren Verlust sowie die Unfähigkeit, während der 
im Urteile bestimmten Zeit ein Amt oder eine Stellung derselben Art zu er- 
langen. Bezieht sich der spezielle Ausschluss auf die Ausübung politischer 
Rechte, so bewirkt er das Verbot der Ausübung der im Urteil aufgeführten 
Rechte. Diese Strafe in jeder Art der Anwendung (allgemeine oder spezielle, 
dauernde oder zeitweilige Ausschliessung) ist in der Regel Nebenstrafe, und 
zwar bei Delikten gegen die Staatsverwaltung. 

Die Geldstrafe, selten als einzige Strafe, kommt fast nur als Neben- 
strafe neben anderen Strafarten und zwar hauptsächlich bei Delikten gegen 
die Staatsverwaltung vor. Abgesehen von wenigen Fällen wird sie nach dem 
Vermögen, der Stellung und der Beschäftigung der Abzuurteilenden bemessen. 
Jedoch hat das GTesetz, mit Ausnahme eines einzigen Falles, stets ein Höchst- 
und ein Mindestmass festgesetzt, in deren Grenzen der Richter unter Berück- 
sichtigung der mildernden oder erschwerenden Umstände im Einzelfalle die 
Strafe finden muss, sodass das Prinzip der Berücksichtigung der Vermögens- 
lage des Delinquenten thatsächlich zur Ausnahme wird, weil es nur selten 
durchgeführt werden kann. Die Vorschrift bildet daher im allgemeinen nur 
einen Fingerzeig, der den Richter darauf hinweist, dass auch die Vermögens- 
lage des Schuldigen zu den zahlreichen Umständen gehört, die bei der Straf- 
zumessung zu berücksichtigen sind. Ist der Verurteilte zahlungsunfähig, so 
wird die Geldstrafe in Haft von höchstens 9 Monaten umgewandelt und bildet 
dann, anstatt eine Einnahmequelle, eine Last für den Staat, der den Ver- 
urteilten eine Zeit lang unterhalten muss. 

4. Der besondere Teil. Das Strafgesetzbuch teilt alle strafbaren 
Handlungen ein in Vergehen (delitos) und Übertretungen (faltas); erstere um- 
fassen die in anderen Gesetzbüchern als Vergehen und Verbrechen bezeichneten 
Strafthaten; letztere werden vom Strafgesetzbuche zwar definiert aber nicht 
geregelt. Ohne es ausdrücklich auszusprechen, behält das Gesetz die alther- 
gebrachte Einteilung der Vergehen in solche gegen die Gesamtheit und solche 
gegen Einzelne bei und handelt demgemäss in getrennten Abschnitten von 
den Delikten gegen das Leben, gegen die körperliche Unversehrtheit, gegen 
die Ehre, gegen die Geschlechtsehre, gegen den Personenstand, gegen die 
persönliche Freiheit, gegen das Eigentum einerseits, und andererseits von den 
sich gegen die Gesamtheit wendenden strafbaren Handlungen, wie: politischen 
Unternehmungen gegen die Einzelstaaten (Provinzen — die gegen den Bund 
gerichteten fallen, wie bereits bemerkt, unter das Gesetz von 1863), Angriffen 
gegen die Obrigkeit, Delikten, die nur von Beamten der Provinzen oder 
Gemeinden begangen werden können (Amtsdelikten im engeren Sinne oder 
Delikten gegen die Staatsverwaltung), Vergehen gegen Treu und Glauben u. s. w. 

Das Strafgesetzbuch beschäftigt sich nur mit den innerhalb des argen- 
tinischen Gebietes begangenen strafbaren Handlungen und enthält keinerlei 
Bestimmungen über die Delikte, welche sich gegen die Republik richten, aber 
ausserhalb ihres Gebietes begangen werden oder deren Wirkungen ausser- 
halb desselben eintreten; mit anderen Worten: er regelt das internationale 
Strafrecht nicht. 



IV. Das Spezialstrafrecht. 



IV. Das Spezialstrafrecht 

Ausser dem Strafgesetzbuche enthalten eine Reihe von Spezialgesetzen Straf- 
vorschriften zur Sicherung der darin getroffenen Anordnungen. Die Strafen- 
systeme dieser Gesetze (von denen die wichtigsten in der unten erwähnten 
„CoUecciön de Cödigos y Leyes usuales" abgedruckt sind) stimmen weder unter 
einander noch mit dem des Strafgesetzbuches überein und sind ohne einheitlichen 
Plan erlassen, sodass ihre Anwendung in der Praxis zu erheblichen Unzuträglich- 
keiten geführt hat. Zu erwähnen sind folgende Gesetze: 1. Verfassung von 
1853 mit Novellen von 1860 und 1866; Strafbestimmungen gegen Wahldelikte 
Ali;. 54 — 58 (vgl. Annuaire de lögislation 6trang6re Bd. 3 S. 523). — 2. Aus- 
lieferungsgesetz vom 25. April 1885 (französische Übersetzung im Annuaire 
Bd. 15 S. 724). Argentinien hatte früher der Auslieferung ablehnend gegen- 
übergestanden und die darüber mit anderen Nationen abgeschlossenen Ver- 
träge gekündigt mit der Begründung, dass die Auslieferungsbestimmungen 
wegen der hohen Kosten meistens illusorisch blieben und nur die Einwande- 
rung verhinderten. Durch das Gesetz von 1885 wird bei verbürgter Gegen- 
seitigkeit die Auslieferung solcher Personen zugelassen, die von den Gerichten 
des ersuchenden Landes wegen eines in diesem Gesetze bezeichneten Ver- 
brechens oder Vergehens verfolgt werden (Art. 1). Die Auslieferung ist nur 
zulässig bei gemeinen Delikten, die mit körperlicher Strafe von mindestens 
einjähriger Dauer bedroht sind (Art. 2); sie ist ausgeschlossen, wenn der Ver- 
folgte vor Begehung der That Argentinier geworden war, wenn die That 
einen politischen Charakter hat oder mit einem politischen Delikt in Verbin- 
dung steht, wenn sie auf argentinischem Gebiet begangen ist, wenn sie 
zwar im Auslande begangen ist, aber schon zu einer Strafverfolgung oder 
Verurteilung im Auslande Anlass gegeben hat, endlich wenn sie nach den 
Gesetzen der Argentinischen Republik oder des ersuchenden Landes verjährt 
ist (Art. 3). Ist der Thäter Sklave, so wird er nur ausgeliefert gegen die 
Zusicherung, dass er als Freier behandelt und abgeurteilt werden soll (Art. 4). 
Wird der Auslieferungsantrag abgelehnt, so wird der Schuldige in Argentinien 
abgeurteilt (Art. 5) ; wird er ausgeliefert, so kann er nur wegen derjenigen That 
verurteilt werden, wegen welcher die Auslieferung erfolgt ist (Art. 6). Dem Aus- 
lieferungsantrage muss eine Abschrift der gesetzlichen Bestimmungen beigefügt 
werden, nach denen das Delikt zu beurteilen ist (Art. 13 Nr. 3). Obwohl somit 
in Argentinien die Voraussetzungen der Auslieferung gesetzlich normiert sind, 
hat die Republik doch seit 1885 eine Reihe von Auslieferungsverträgen abge- 
schlossen, die überflüssig sind und lediglich die Bedeutung haben, dass 
Argentinien durch ein Spezialgesetz einem Lande diejenigen Vorteile sichert, die 
es durch ein allgemeines Gesetz allen Ländern in Aussicht gestellt hat. Solche 
Verträge sind vorhanden: mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika vom 
11. Juni 1887, Belgien vom 23. November 1887, Italien vom 16. Juni 1886, 
bestätigt durch Gesetz vom 16. November 1893, England, bestätigt durch 
Gesetz vom 7. Dezember 1893 (Analyse im Annuaire de 16gislation etrang^re 
Bd. 23 S. 865) und Chile vom 20. August 1888, genehmigt durch Gesetz 
vom 17. September 1894 (Analyse a. a. 0. Bd. 24 S. 1068). — 3. Gesetz 
über das Verbot gewisser Lotterien vom 23. September 1885; die Einführung 
und der Vertrieb der Lose verbotener Lotterien wird, erstere mit Gefängnis 
von 6 Monaten bis zu 1 Jahre und 400 — 1000 Piaster Geldstrafe, letzterer 
mit Haft von 3 — 6 Monaten und 25 — 300 Piaster Geldstrafe bedroht. — 4. Berg- 
gesetz vom 25. November 1886. — 5. Tierschutzgesetz vom 31. Juli 1891 (fran- 
zösische Übersetzung im Annuaire Bd. 22 S. 1008); jede Misshandlung von 



10 Argentinien. — V. Reformbestrebungen. — VI. Litteratur. 



Tieren wird mit Geldstrafe von 2 — 5 Pesos, im Unvermögensfalle für je 
2 Pesos 1 Tag Haft, bestraft. — 6. Eisenbahngesetz vom 24. November 1891 
(Analyse im Annuaire Bd. 22 S. 1017) hebt das frühere Gesetz vom 18. Septem- 
ber 1872 auf; Strafbestimmungen Titel V. — 7. Zollgesetz vom 23. Dezember 1893. 

— 8. Gesetz über den Weinhandel vom 31. Oktober 1893 (Analyse im Annuaire 
Bd. 23 S. 867); Strafbestimmungen Art. 10 und 11. — 9. Gesetz über die Be- 
strafung der missbräuchlichen Benutzung des Abzeichens des Roten Kreuzes 
vom 12. September 1893 (Übersetzung im Annuaire Bd. 23. S. 868); Strafen: 
Geldstrafe von 20 — 50 Pesos oder 3 — 6 Tage Arrest, im Rückfall das Dreifache. 

— 10. Gesetz vom 28. September 1895 betr. die Abänderung des Wahlgesetzes 
vom 26. Oktober 1877 (Übersetzung im Annuaire Bd. 25 S. 898); Straf- 
bestimmungen Artt. 67 und 69. — 11. Gesetz vom 19. Dezember 1895 über 
die Strafvollstreckung gegen Rückfällige (Übersetzung im Annuaire Bd. 25 
S. 900 j; wer sich im zweiten Rückfalle befindet, verbüsst korrektioneile und 
Gefängnis-Strafen in eigens dazu bestinunten Gegenden im Süden des Staates; 
es herrscht Arbeitszwang und die Untersuchungshaft wird auf die Strafdauer 
nicht angerechnet. 



V. Reformbestrebiingeii. 

Für Heer und Marine gelten noch die von Karl III. von Spanien am 
Ende des vorigen Jahrhunderts erlassenen Strafverordnungen (vgl. Bd. 1 
S. 531 — 533). Vor mehreren Jahren überreichte eine aus Juristen und Mit- 
gliedern der Armee und der Marine bestehende Kommission der Bundesregierung 
den formell und inhaltlich gleich vollendeten Entwurf einer Strafgesetzgebung 
für das Landheer und die Marine. Der Kongress, dem der Entwurf vorgelegt 
wurde, hat (soviel bislang bekannt geworden ist) noch keinen Beschluss darüber 
gefasst. — Durch Verordnung vom 7. Juni 1890 ernannte die Bundesregierung 
eine aus drei Mitgliedern bestehende Kommission zur Ausarbeitung eines neuen 
Strafgesetzbuches. Die Konmiission bestand aus den Dm. Norberto Piüero, 
damaligem Prof. des Straf rechts an der Universität Buenos Aires, Rodolfo 
Rivarola, Staatsanwalt bei dem Berufungsgericht (Fiscal de las Camaras de 
Apelaciön) der Provinz Buenos Aires, und Jose Nicolas Matienzo, Richter 
erster Instanz zu Buenos Aires. Der von ihnen ausgearbeitete, mit ausführ- 
licher Begründung versehene Entwurf wurde 1891 durch den Druck veröffent- 
licht (vgl. Bibliographie). Er beruht auf umfassenden rechtsvergleichenden 
Studien nicht nur der geltenden europäischen, sondern auch der wichtigsten 
hispano-amerikanischen Strafgesetzbücher und regelt ausser dem gesamten 
Inhalt des Gesetzes von 1863 und des zur Zeit geltenden Strafgesetzbuches 
auch einen grossen Teil der gegenwärtig in den Straf nebengesetzen be- 
handelten Materien. Der Entwurf ist dem Kongresse vorgelegt, aber bislang 
nicht zur Verabschiedung gelangt. 



VI. Litteratur. 

Gesetze 8- Ausgaben. Codigo penal de la capital de la naciön Argentina seguido 
de la ley de escarcelacion bayo fianza. Nueva ediciön. Buenos Aires, Felix Lajouane 1884. 
Cödigo penal de la Repüblica Argentina, Edieiön oficial. Buenos Aires 1887. Comple- 
mento €^ los codigos de la Repüblica Argentina. Leyes usuales. Leyes nacionales y 
leyos de la provincia de Buenos Aires actualniente vigentes. Nueva ediciön confornae 
& los testos oficiales. Buenos Aires 1884. Codigos v leves usuales de la repüblica 
Argentina. 2 ed. Buenos Aires 1885 (der II. Teil enthalt das StGB, und die StPO.). 



VI. Litteratur. H 



Entwürfe. Proyecto de cödigo penal presentado al poder ejecutivo nacional 
por la comision nombrada para examinar el proyecto redactado por C. Tejedor, Com- 

?uesta de Sisto Villegas, And. Ugarriza y J. Agst. Garcia. Buenos Aires 1881. — 
royecto de cödigo penal para la Repüblica Argentina. Redactado en cumplimiento 
del Decreto de 7 de junio ae 1890 y precedido de una Exposiciön de Motivoa por los 
Doctores Norberto Pinero, Rodolfo Kivarola, Jose Nicolas Matienzo. Buenos Aires. 
Taller Tipografia de la Penitenciaria Nacional 1891. (465 Seiten.) 

Systematische Darstellunsfen, Mongraphieen u. s. w. Dr. Rodolfo Ri- 
varola: Exposiciön y critica del Cödigo Penal de la Repüblica Argentina. 3 Bände. 
Buenos Aires, Felix Lajouane, 1890. B. Lehmann: Die Rechtsverhältnisse der Fremden 
in Argentinien. Berlin. Bahr (K. Hoffmann) 1889. Dr. Lisandro Segovia, Honorar- 
professor an der Universität Cordoba, Fiskal der Appellationskammer des Kriminal- 
und Handelsgerichts zu Buenos Aires, Die deutschen Kechtsgelehrten und ihr Einfluss 
auf die argentinische Rechtswissenschaft, in dem Jahrbuch der Internationalen Ver- 
einigung für vergleichende Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre zu Berlin, 
2. Jahrgang 1896, Berlin 1897, S. 602—606. 

Mitteilungen über die Gesetzgebung von Argentinien, in denen auch das 
Strafrecht berücksichtigt wird, finden sich in dem von der Soci^t^ de l^gislation 
comparöe zu Paris herausgegebenen Annuaire de lögislation etrang^re. Bd. 3 
S. 523—535 (betrifft die Verfassung von 1853 nebst den Novellen von 1860 und 1866), 
Bd. 13 S. 903—907 (Gesetze aus 1883) , Bd. 14 S. 887—896 (Gesetze aus 1884), Bd. 15 
S. 724—730 (Gesetze aus 1885), Bd. 16 S. 963—974 (Gesetze aus 1886), Bd. 17 S. 990—994 
(Gesetze aus 1887), Bd. 18 S. 1042—1048 (Gesetze aus 1888), Bd. 22 S. 1005—1020 (Ge- 
setze aus 1891), Bd. 23 S. 861—869 (Gesetze aus 1892 und 1893), Bd. 24 S. 1067—1084 
(Gesetze aus 1894), Bd. 25 S. 892—903 (Gesetze aus 1895). Verfasser dieser Mitteilungen 
sind: Jules Cambon, ancien auditeur au Conseil d'Etat (Bd. 3), Emile Daireaux, 
avocat ä la Cour d'appel de Paris, ancien avocat au barreau de Buenos Aires, und 
Henri Prudhomme, Substitut du procureur de la Republique zu Lille. 



IL 



CHILE 



Von 

Eobustiano Vera, 

chileniBcbem GerichtsadTokaten und Staatsanwalt zu Santiago, 
korrespondierendem Mitgliede der „Real Academia de Jurlspradenda i Legisladon" zu Siadrid u. s. w. 

(ObersetzuDg aus dem Spanischen 
von Dr. Georg Crnsen, Gerichtsassessor im Königlich Preussischen Jugtizministeriam za Berlin.) 



Übersicht 



I. Geschichtliches. 

II. Eodifikationsbestrebungen. 

III. Der Cödigo Penal von 1874 und seine Ergänzungen, 
rv. Die Gestaltung des chilenischen Strafprozesses. 

V. Die unbehinderte Ausübung der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte. 
VI. Litteratur. 



I. Geschichtliches. 

Die Entwiekelung des chilenischen Rechts hängt mit der politischen 
Geschichte des Landes auf das Engste zusammen. 

Während des langen Zeitraums, in welchem Chile eine spanische Kolonie 
bildete — von der Entdeckung durch D. Diego de Almagro im Anfang des 
XVI. Jahrhunderts bis zur Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1810 — hatten 
die Eroberer hinreichend Zeit, ihre Religion, ihre Sitten und ihre Rechtsgrund- 
sätze in Chile einzuführen. So finden wir gegenwärtig die bemerkenswerte 
Erscheinung, dass in Chile gewisse alte Gesetze noch heute gelten, die in 
Spanien bereits abgeschafft sind. Der berühmte „Cödigo de las Partidas" des 
weisen Königs Alfons X., die „Novisima Recopilaciön" und die „Leyes del 
Estilo" (vgl. die Darstellung des spanischen Strafrechts von Dr. Ernst Rosen- 
feld in Bd. 1 S. 483 — 534) wurden in Chile auf dem Gebiete des Civil- 
und Straf rechts ausschliesslich massgebend. Allerdings hat seit der Unab- 
hängigkeitserklärung die Civilgesetzgebung etwas grössere Fortschritte gemacht 
als die Straf gesetzgebung. Am 14. Dezember 1855 wurde das bürgerliche 
Gesetzbuch (Cödigo civil) mit Gültigkeit vom 1. Januar 1857 erlassen. Das 
Handelsgesetzbuch (Cödigo de Comercio) ist am 23. November 1865 veröffent- 
licht und am 1. Januar 1867 in Kraft getreten. Das Gesetz über die Ver- 
fassung und die Zuständigkeit der Gerichte datiert vom 15. Oktober 1875. 
Auf dem Gebiete des Militärrechts gilt die Allgemeine Heerordnung (Ordenanza 
jeneral del Ejercito) vom 25. April 1839 nebst zahlreichen späteren Er- 
gänzungsgesetzen und Verordnungen. Die für Mexiko erlassenen, in Chile 
eingeführten Bergverordnungen (Ordenanzas de Mineria) wurden zunächst durch 
das Berggesetz (Cödigo de Mineria) vom 1. März 1875 ersetzt. An Stelle des 
letzteren trat dann das jetzt geltende Gesetz vom 20. Dezember 1888. Auf 
dem Gebiete der Zollgesetzgebung existiert eine besondere Verordnung. Ein 
Feldgesetz sowie eine besondere Wassergesetzgebung sind in Chile nicht vor- 
handen. Ebenso fehlt es an einer besonderen gesetzlichen Regelung des 
Civil- und Strafverfahrens. Auf diesem Gebiete gilt noch die spanische Ge- 
setzgebung mit den durch Spezialgesetze eingeführten Änderungen. Indes 
wird an der Ausarbeitung einer Civil- wie einer Strafprozessordnung eifrig 
gearbeitet. Für die Handelsmarine gilt das Schiffahrtsgesetz (Ley de Nave- 
gaciön) vom 24. Juli 1878. 

n. Kodifikationsbestrebungen. 

Seit 1846 datieren die Bestrebungen auf Schaffung eines natio- 
nalen Strafgesetzbuches zum Ersatz für die spanische Gesetzgebung, deren 
für andere Zeiten und andere Sitten berechneten übermässig strengen Grund- 
sätze eine Refonn dringend erforderlich machten. Allerdings hatte sie mit 
der Unabhängigkeitserklärung durch verschiedene Spezialgesetze wichtige Ab- 



16 Chile. — II. Kodifikationsbestrebungen. 



ändenmgen erfahren; aber diese waren ungenügend und bezogen sich nicht 
auf das in den „Leyes de Partidas" enthaltene Strafensystem. Endlich wiirde 
am 12. November 1874 das Strafgesetzbuch (Cödigo penal) mit Gültigkeit vom 
1. März 1875 erlassen. 

Eine Strafprozessordnung ist aber auch heute noch nicht vorhanden. 
Es war für diese eine Konkurrenz ausgeschrieben, deren Frist bereits am 
1. Juni 1892 abgelaufen war. Für den besten Entwurf war ein Preis von 
18 000 Pesetas (= 18 000 Francs = 14400 Mark) ausgesetzt und zur Prüfung 
der eingegangenen Arbeiten eine Kommission ernannt. Es ist zu hoffen, dass 
in nicht allzu ferner Zeit auch die spanischen Gesetze über den Instanzenzug 
und das Verfahren in Strafsachen ausser Kraft treten werden. 

Die Schaffung einer vollständigen Gesetzgebung nimmt meistens eine 
Reihe von Jahren in Anspruch; deshalb ist es auch der Eepublik Chile bis- 
lang nicht gelungen, alle Rechtsgebiete in einer ihren politischen und kultu- 
rellen Verhältnissen völlig entsprechenden Weise zu regeln. 



m. Der „Cödigo penal de Chüe'* von 1874 

ist eine nahezu wörtliche Wiederholung des spanischen Strafgesetzbuches von 
1870. Bei seiner Anwendung in der Praxis haben sich Mängel herausgestellt, 
deren baldige Beseitigung dringend zu wünschen ist. Die angedrohten Strafen 
sind bei vielen Delikten ausserordentlich hart; bei anderen, wie bei Diebstahl 
und Betrug, kann im Falle des Zusammentreffens mehrerer Handlungen auf 
eine sehr lange Strafdauer erkannt werden, welche die günstigen Wirkungen 
der Bestrafung in Frage stellt. Andererseits wird von der Todesstrafe ein sehr 
beschränkter Gebrauch gemacht; sie ist nur angedroht: gegen Verschwörung 
wider die äussere Sicherheit des Staates, Tötung von Aszendenten (parricidio), 
verräterische und mit Überlegung ausgeführte Tötung (homicidio alevoso i 
premeditato), endlich gegen die vorsätzliche Herbeiführung der Entgleisung 
eines Eisenbahnzuges. 

Das chilenische Strafgesetzbuch zerfällt in drei Bücher. Das erste 
beschäftigt sich mit den strafbaren Handlungen, den strafrechtlich verant- 
wortlichen Personen und den Strafen, enthält mithin den allgemeinen Teil, 
die wissenschaftliche Grundlage des Strafrechts. Das zweite Buch handelt 
von den einzelnen Verbrechen und Vergehen (delitos) und ihrer Bestrafung. 
Das dritte Buch regelt die Übertretungen (faltas); sie werden nur als voll- 
endete Handlungen bestraft. — Jedes Buch ist in Titel eingeteilt, die zu- 
sammen 501 Artikel enthalten. 

Für die in Bezug auf Wahlen verübten strafbaren Handlungen gilt das 
Gesetz vom 9. Januar 1884. 

Für die Aburteilung der in der missbräuchlichen Benutzung der Press- 
freiheit bestehenden Delikte hat ein Spezialgesetz vom 17. Juli 1872 die Zu- 
ständigkeit der Geschworenen begründet; ein Schwurgericht entscheidet über 
die Frage, ob wegen einer Druckschrift das Strafverfahren eröffnet werden 
soll, ein anderes darüber, ob eine Venirteilung erfolgen soll; die Strafe wird 
dann von dem rechtskundigen Richter festgestellt. 

Die vorerwähnten Materien liegen ausserhalb des Rahmens des Straf- 
gesetzbuches. 

Zur Ergänzung des Strafgesetzbuches dienen folgende Gesetze: 

1. Gesetz über das litterarische Eigentum vom 24. Juli 1834. 

2. Gesetz über die inländischen und ausländischen Fabrik- und Handels- 
marken vom 12. November 1874. 



III. Der Cödigo penal von 1874. IV. Gestaltung des Strafprozesses. 17 



3. Gesetz über das Register der bei Rindern und Pferden anzubringen- 
den Zeichen vom 12. November 1874. 

4. Gesetz über die Tötungsdelikte, Diebstahl, Raub, Brandstiftung und 
Eisenbahnunglücksfälle vom 3. August 1876. Es bestimmt, dass bei diesen 
Delikten die Richter erster Instanz, ebenso wie die Obergerichte die Beweis- 
frage nach völlig freiem Ermessen erwägen sollen und auf Venirteilung 
oder Freisprechung erkennen können, je nachdem sie den Angeklagten nach 
bestem Wissen und Gewissen für schuldig oder nichtschuldig halten. Dieses 
Gesetz bricht also völlig mit dem Grundsatze, dass die Verurteilung eines 
Angeklagten nur zulässig ist, wenn die Beweise „klar, wie das Licht der 
Mittagssonne" sind. Die Richter werden zu Geschworenen umgebildet, was 
sicherlich gegen alle Grundsätze der Rechtswissenschaft verstösst, und der 
Angeklagte wird dem Ermessen überlassen, das die Richter sich auf Grund 
der Akten bilden. Derartige Meinungen sind trügerisch; verlangte man selbst 
in den finstersten Zeiten der Barbarei zur Veinirteilung eines Angeklagten 
das übereinstinmiende Zeugnis zweier grossjähriger, einwandsfreier Zeugen, so 
sollte man heute umsoweniger alles dem Gutdünken der Richter überlassen, 
als selbst der Zeugenbeweis unsicher ist, zumal in Chile, wo der Wahrheit 
durchaus nicht immer die der Heiligkeit des Eides geschuldete Ehre gegeben 
wird. Das Gesetz ist ein wahrer Schimpf für Chile. 

5. Die Schuldhaft im eigentlichen Sinne existiert in Chile nicht. Nach 
dem Gesetze vom 23. Juni 1868 tritt die Verurteilung zu Gefängnis wegen 
Nichterfüllung vermögensrechtlicher Verpflichtungen nur ein: bei einfachem 
und betrügerischem Bankerutt, bei Verwandlung der uneinziehbaren Geld- 
strafe in Gefängnis, gegen Kassenbeamte des Staates, der Gemeinden oder 
der mit staatlichen Mitteln begründeten oder unterhaltenen Wohlthätigkeits- 
und Erziehungsanstalten, sowie gegen Vormünder, Kuratoren und Testaments- 
vollstrecker. 

6. Die Prügelstrafe ist in Chile noch zulässig, darf jedoch nach dem 
Gesetze vom 7. September 1883 nur bei Diebstahl, Raub und räuberischer Er- 
pressung im Rückfalle, und nur gegen Männer zwischen 18 und 50 Jahren 
angewendet werden. Bei weiblichen Personen ist sie nicht zulässig. 

7. Die Veranstaltung von Lotterieen ohne besondere Genehmigung ist 
in Art. 276 des Strafgesetzbuches unter Strafe gestellt. Da Zweifel entstanden 
waren, ob auch der Vertrieb von Losen ausländischer Lotterieen unter diese 
Bestimmung fiele, so ist durch Gesetz vom 30. August 1890 diese Frage aus- 
drücklich bejaht. 

IV. Die Gestaltung des chilenischen Strafprozesses 

steht noch völlig unter dem Einflüsse des mittelalterlich-klassischen Inquisitions- 
Verfahrens mit all seinen starren Regeln und Mängeln. Die Strafgerichtsbar- 
keit liegt in den Händen juristisch gebildeter Richter, die in den grösseren 
Städten nur mit Strafsachen befasst werden, in kleineren Orten aber auch für 
alle anderen Zweige der Justiz zuständig sind. Es giebt zwei Instanzen. 
Die Einleitung und die Entscheidung des Prozesses liegt in der Hand eines 
und desselben Richters. Gegenwärtig wird die wichtige Frage allgemein er- 
örtert, ob für die neue Strafprozessordnung dem Inquisitions- oder dem An- 
klageverfahren der Vorzug zu geben sei. Sie ist schwer zu entscheiden; 
jedenfalls aber ist soviel sicher, dass Chile nienuxls zur Einführung der Schwur- 
gerichte in Strafsachen schreiten noch auf das Inquisitionsverfahren völlig ver- 
zichten wird. Vielleicht wird man ein System ausfindig machen, das der 
menschlichen Gesellschaft einen ausreichenden Schutz gegen das Verbrecher- 

Strafgeeetzgebung der Gegenwart. II. 2 



18 Chile. — V. Unbehinderte Ausübung d. bürgerlichen u. staatsbürgerlichen Rechte. 



tum gewährt, ohne die berechtigten Interessen des Angeklagten zu gefährden. 
Man kann alteingewurzelte Einrichtungen eines Volkes nicht beseitigen, ohne 
allgemeine Verwirrung hervorzurufen. Auch würden sich nach Einführung 
der Schwurgerichte keine geeigneten Persönlichkeiten finden, die geneigt 
wären, die Leitung der Justizvei*waltung zu übernehmen — eine Stellung, 
in welcher man dann vielleicht gezwungen werden könnte, dabei mitzuwirken, 
den Unschuldigen auf das Schaffot zu bringen und den Schuldigen leer aus- 
gehen zu lassen. Das Schwurgericht ist ein für Chile völlig exotisches Ge- 
wächs, dessen Einführung für Aburteilung der Pressdelikte durchaus un- 
günstige Resultate zu Tage gefördert hat und dessen weitere Verwendung 
eine ernste Gefahr für die Ruhe und Sicherheit der Gesellschaft mit sich 
bringen würde. 

Man könnte uns entgegenhalten, dass ja auch das Gesetz vom 3. August 
1876 nichts anderes bestimme, wenn es für die in seinen Geltungsbereich 
fallenden Vergehen den Richter ermächtigt, lediglich nach bestem Gewissen 
zu verurteilen oder freizusprechen. Dies ist allerdings richtig; aber die 
Geschworenen sind keine rechtskundigen Richter, und überdies zeretört eben 
jenes Gesetz, wie bereits gesagt, alle Rechtssicherheit. 

V. Die unbehinderte Ausflbung der bürgerlichen und 

staatsbfirgerlichen Rechte 

wird durch die Staatsverfassung und durch die Gesetze vom 24. September 1884 
und 3. Dezember 1891 gewährleistet. Allerdings wird sie in der Praxis nicht 
selten illusorisch gemacht — in allen Nationen, die, wie die amerikanischen, 
erst seit kurzem die republikanische Staatsform angenommen haben, giebt es 
anmassliche Personen, die durch Übergriffe und willkürliche Nichtachtung der 
Gesetze die in ihnen niedergelegten Grundsätze diskreditieren. Die guten 
Prinzipien der Gesetzgebung könnten nur dann zur Geltung kommen, wenn das 
Gesetz nicht lediglich auf dem Papiere steht und die thatsächlichen Vorgänge 
ihm direkt zuwiderlaufen, sondern eine strenge Bestrafung den Übelthäter 
träfe. Leider hat Chile kürzlich eine Zeit der Prüfung erlebt, in der die Ge- 
setze zum Spott geworden und derjenige des grössten Erfolges sicher war, 
der sie am meisten mit Füssen trat. Jede Revolution hinterlässt blutige Spuren 
in dem heimgesuchten Lande, ehe es sich wieder an geordnete und gesetz- 
liche Zustände gewöhnt. 

So sehen wir denn, dass die chilenische Strafgesetzgebung wohl auf dem 
Gebiete des materiellen Rechts eine Reihe von Gesetzen aufweist, aber einer 
Regelung des für die Freiheit des Einzelnen wie für den Schutz der Gesell- 
schaft eigentlich noch weit wichtigeren Prozessverfahrens entbehrt. Allerdings 
hat die Gesellschaft als solche darunter bisher kaum gelitten; ihr Interesse 
ist stets ausschliesslich ins Auge gefasst worden, und die Rechte des Einzelnen 
wurden verkürzt und übersehen, sobald er unter dem Drucke einer Anschuldi- 
gung stand. In der That geht man mit dem wegen eines Vergehens erst Be- 
schuldigten in Chile viel grausamer um, als mit dem Verurteilten, der seine 
gesetzliche Strafe verbüsst. 

Auf dem Gebiete des Gefängniswesens sind drei Arten von Anstalten 
zu unterscheiden: 1. Gefängnisse (cärceles), die zur Aufnahme von Unter- 
suchungsgefangenen dienen, 2. Festungsgefängnisse (presidios) für die zu 
Freiheitsstrafen von höchstens 5 Jahren und 3. Zuchthäuser (penitenciarias) 
für die zu solchen von mehr als 5 Jahren und 1 Tage Verurteilton. 

Die chilenischen Gefängnisse lassen viel zu wünschen übrig. Von einem 
Bestreben, den Gefangenen zu bessern, ist nicht die Rede, ein bestimmtes 



VI. Litteratur. 19 



System wird überhaupt nicht befolgt; die Gefängnisbeamten haben für ihr 
verantwortungsvolles Amt weder genügende Vorbildung noch Verständnis, und 
das Amt wird dem ungestümsten Bewerber und nicht dem befähigtsten ver- 
liehen. Durch eine, nicht mit Gesetzeskraft versehene, Verordnung ist eine 
Aufsichtsbehörde über sämtliche Gefängnisse geschaffen, die aber in Wahrheit 
ihren Beruf durchaus nicht erfüllt. Alle diese Umstände machen eine gründ- 
liche Reform dringend erforderlich. Man muss im Gefängniswesen fähige und 
uneigennützige Männer anstellen, die in dem Gefangenen nicht das wehrlose 
Objekt grausamer Quälereien, sondern ein Wesen sehen, das durch sittliche 
Besserung der menschlichen Gesellschaft als nützliches Glied wieder gewonnen 
werden soll. Der Staat wendet jährlich etwa 800 000 Pesos für Unterhaltung 
der Gefängnisse auf, ohne dass die Gefangenen auch nur so viel aufbrächten, 
dass ein Teil der Kosten ihres Unterhalts gedeckt werden könnte. So ist der 
Gefangene, freilich ohne sein Verschulden, eine Last für den Staat, während 
doch bei geeigneter Regelung der Anstaltsarbeit noch der ganze durch die 
strafbare Handlung verursachte Schaden beglichen werden könnte. 

In wenigen Ländern wird von der Gewährung des Strafaufschubs ein 
so ausgedehnter Gebrauch gemacht, wie in Chile. Wirft dieser Umstand ein 
wenig günstiges Licht auf die Qualität der Polizeibeamten und des Richter- 
standes, so beweist die grosse Zahl der Rückfälligen, dass unser Straf system 
weit davon entfernt ist, seinen eigentlichen Zweck, die Besserung des Ver- 
urteilten, zu erfüllen. 

VI. Litteratur. 

Amtliche Ausgabe des Cödigo penal von 1874, Santiago, Imprenta Nacional 
1889. — Ridopatron: Diccionario razonado de legislaciön y juris prudencia chilenas. 
2 Bde. Santiago, Imprenta „Victoria" de H. Izquierdo y Öa. 1883 — 84. Robustiano 
Vera: Cödiffo penal de la Repüblica de Chile comentado, Santiago de Chile, Cadot y 
Ca. 1883 (Sw Seiten, enthält eine geschichtliche und systematische Einleitung sowie 
in einem Anhang die zur Ergänzung des StGB, erlassenen Gesetze). Derselbe, Cödigo 
penal de la Repüblica de C^ile. Santiago, Rob. Miranda, 1886. Mitteilungen über 
chilenische Gesetzgebung seit 1880 von Manuel E. BaUesteros, ehemaligem Rate am 
Höchsten Gerichtshofe zu Santiago, enthält das von der Societ6 de legislation com- 
par^e zu Paris herausgegebene Annuaire de legislation etrang(*Te Bd. 18 S. 985 — 1006 
(über Gesetze aus 1888), Bd. 20 S. 864—883 (über Gesetze aus 1890), Bd. 22 S. 951—974 
mber Gesetze aus 1891 und 1892), Bd. 23 S. 849—860 (über Gesetze aus 1893), Bd. 25 
S. 886 — 891 (über Gesetze aus 1895). — Von geschichtlichem Interesse ist Medina: 
Historia del tribunal del santo officio de la inquisicion en Chile, 2 Bde. Santiago, 
Imprenta Ercilia 1890. 



m. 



ECUADOR. 



Von 



Dr. Georg Crusen, 

Gerichtsassessor im Königlich Preussischen Justizministerium zu Berlin. 



Übersicht, 



Litteraturübersiclit. 
I. § 1. Geschichtliche Einleitung. 

IL Das Strafgesetzbuch von 1873 in der Fassung vom 9. September 1890. a) § 2. Ent- 
stehung, Einteilung und Grundzüge, b) § 3. Der allgemeine Teil, c) § 4. Der 
besondere Teil. 

III. § 5. Das Spezi aistraf recht. 



Litteraturfibersicht. 

Einige Jahrgänge des von der „Societe de legislation comparee^ zu Paris heraus- 
gegebenen „Annuaire de legislation etrang^re" (Paris, Cotillon & Cie. seit 1872, bis- 
lang 25 Bände) enthalten kurze Berichte über die Gesetzgebung von Ecuador, in denen 
auch das Straf recht berücksichtigt wird. Vgl. Bd. 16 S. 908—915. Jose Maluquer y 
Salvador: Notice sur le mouvement l^gislatif des ann^.es 1884, 1885 et 1886. Bd. 17 
S. 950—956. Derselbe: Notice surle mouvement legislatif pendant Tann^e 1887. Bd. 19 
S. 966 — 976. Dr. Henri Prudhonime: Analyse du Code penal et du Code de la 
proc6dure en mati^re criminelle de 1890 (die Analyse des Strafgesetzbuches ist zu kurz, 
um auch nur ein annähernd anschauliches Bild vom Inhalt des Gesetzes zu geben). 
Bd. 22 S. 939 und 940. Theurault: Notice sur le mouvement legislatif pendant 
rannte 1892. 

Textausgabe des Cödigo penal und des Cödigo de enjuiciamientos en materia 
criminal de la Republica del Ecuador ist 1889 erschienen (New York, Imprenta de 
„Las Novedades", No. 2 Liberty Street). 



§ 1. Geschichtliche Einleitung. 

Das Gebiet der Republik Ecuador gehörte seit 1532 zu den spanischen 
Kolonieen und stand somit unter der Herrschaft der im Mutterlande geltenden 
bezw. von der spanischen Regierung für die Kolonieen erlassenen Gesetze^), 
(Leyes de las Indias), insbesondere der „Novisima Recopilaciön" von 1805. 
Im Anfang dieses Jahrhunderts erlangte es nach blutigen Kämpfen seine Un- 
abhängigkeit und trat dem am 19. Dezember 1819 gegründeten Freistaate 
Columbia bei, der nunmehr aus den drei Teilen Neugranada, Venezuela und 
Ecuador bestand. Jedoch bereits am 12. Mai 1830 sagte es sich von diesem 
Bündnisse los und konstituierte sich unter der Bezeichnung „Republica del Ecua- 
dor" als selbständiger Staat. Seit der Erlassung der ersten, später wiederholt 
abgeänderten Verfassung von 1835 war das Land bis vor wenigen Jahren 
der Schauplatz unaufhörlicher Paiteikämpfe unter Führung des liberahm 
Vicomte Rocafuerte einerseits und der Konservativen Jos6 de Flores und 
Garcia Morena andererseits, ohne dass jedoch der Tod dieser drei Partei- 
häupter den inneren Wirren ein Ende bereitet hätte. Seit der sogenannten 
„Restauration von 1883", einem Aufstande des Heeres gegen den General 
Veintimilla, der mit der Erwählung Placido Caamaflos zum Präsidenten endigte, 
hat sich eine sehr rege gesetzgeberische Thätigkeit, auch auf strafrechtlichem 
Gebiete, entwickelt. Nach der jetzt geltenden Verfassung von 1887 ist Ecuador 
eine einheitliche Republik mit zwei Kammern. 



') Siehe die Abhandlung von Dr. E. Rosenfeld über Spanien im I. Bde. S. 4Ö3— 534. 



24 Ecuador. — ü. Das Strafgesetzbuch von 1873. 



Die Gerichtsverfassung ist durch Gesetz vom 8. März 1884 (in unwesent- 
lichen Punkten abgeändert durch Gesetz vom 12. April 1884) geregelt. Die 
Gerichtsbarkeit in Strafsachen wird ausgeübt: in erster Instanz durch „rechts- 
gelehrte Richter" (Jueces de direito — je zwei in den Städten Quito und 
Guyaquil, je einer in jeder Provinzialhauptstadt) , in zweiter Instanz durch 
vier Landgerichte (Cortes Superiores, Schwurgerichte), in letzter Instanz durch 
den Höchsten Gerichtshof (Corte Suprema de justicia) in Quito. 

IL Das Strafgesetzbuch von 1873 in der Fassung vom 9. September 1890. 

a) § 2. Entstehung, Einteilung und Grundzäge. 

Das geltende Strafgesetzbuch ist bereits 1873 erlassen, hat jedoch im Laufe 
der Jahre durch spätere Gesetze zahlreiche Abänderungen erfahren. Um die 
hieraus entstandenen Unzuträglichkeiten zu beseitigen, veröffentlichte der Präsi- 
dent Florös durch Verfügung vom 9. September 1890 eine neue Ausgabe des- 
selben sowie der Strafprozessordnung unter Berücksichtigung aller späteren 
abändernden Bestimmungen, die hierdurch als besondere Gesetze gegenstands- 
los geworden sind. In dieser Gestalt gelten beide Gesetze^) vom 1. Dezember 
1890 ab. 

Das Strafgesetzbuch enthält 604 Aitikel und ist in zwei Bücher eingeteilt, 
von denen das erste (De las infracciones y penas en general, Artt. 1 — 117) den 
allgemeinen, das zweite (De las infracciones y de su represiön en particular, 
Artt. 118 — 604) den besonderen Teil des Straf rechts behandelt. Es ist mit 
mehreren der vor ihm erlasseneu Strafgesetzbücher der spanisch-portugiesischen 
Gruppe, besonders mit dem penianischen Strafgesetzbuche von 1862 und dem 
portugiesischen von 1852 nahe verwandt (vgl. die Definition der strafbaren 
Handlung, die Abgrenzung zwischen Teilnahme und Thäterschaft , die Be- 
handlung mehrerer wegen ein und derselben That zum Tode Verurteilter). 
In einzelnen Punkten scheint das deutsche Reichs-Strafgesetzbuch vom 15. Mai 
1871 nicht ohne Einfluss gewesen zu sein (vgl. die Begi'iffsbestimmung und 
Bestrafung des Versuchs; siehe imteu S. 26). 

Das Gesetz leidet an dem gemeinsamen Fehler aller spanisch-portugie- 
sischen Strafgesetzbücher, der viel zu kasuLstischen Fassung. Zwar ist das 
Strafensystem nicht so kompliziert, wie in Spanien und Peru; einzelne Begriffs- 
bestinmiungen von Delikten (z. B. Diebstalil; zeichnen sich sogar durch präzise 
Fassung aus. Aber die Systematik des Gesetzes ist nicht zu billigen: ein grosser 
Teil von Grundsätzen, die allgemeine Bedeutung beanspruchen, werden im 
besonderen Teile aufgestellt und auf einzelne Delikte und Deliktsgruppen 
beschränkt 2), in einzelnen Abschnitten werden Delikte gemeinschaftlich be- 
handelt, die unter sich keinerlei Beziehung haben und z. T. durch die Über- 
schrift des betr. Abschnittes gar nicht betroffen werden.^) 



^) Durch Gesetz vom 6. August 1J^92 ist inzwischen die Strafprozessordnung 
wiederum abgeändert und der Höchste Gerichtshof mit der Besorgung einer neuen 
Ausgabe beauftragt (vgl. Anuuaire de legislatioii etrangere. Bd. 22 S. 939). 

-) Vgl. z. B. die Bestimmungen ül)er Notwehr und Wegfall der Strafe, weil die 
That nicht zu vermeiden war, deren Anwendung auf Tötung und Körperverletzung 
beschränkt ist; Art. 549; ferner die Einreihung der Erklärung einzelner, im Gesetz 
ständig wiederkehrender Ausdrücke (wie „caminos piiblicos*^, ,,casa habitada", „armas^ 
u. 8. w.) in den X. Titel. 

') So wird in Buch II Titel 9 im ersten Kapitel unter der Überschrift „Tötung 
und Körperverletzung** die Gefährdung eines Eisenbahnzuges behandelt. 



§ 3. Der allgemeine Teil. 25 



In dem drakonischen Vorgehen gegen die Religionsdelikte (der Versuch, 
die katholische Religion als Staatsreligion abzuschaffen, wird beispielsweise mit 
Zuchthaus von 16 Jahren bedroht) dürfte das Gesetz unter den modernen 
Strafgesetzbüchern nahezu einzig dastehen.^) Das Gleiche gilt von den Vor- 
schriften über die Vollstreckung der Todesstrafe (Artt. 13 — 24), die an die 
Blütezeit der Inquisition erinnern. 

b) § 3. Der allgemeine Teil.') 

Das erste Buch behandelt die allgemeinen Lehren in neun Kapiteln, die 
sich folgendermassen in Gruppen zusammenfassen lassen: 1. das Verbrechen 
als Handlung (Kap. I); 2. die Strafen und strafähnlichen Mittel (Kap. II, III); 
3. Rückfall (Kap. IV); 4. Zusammentreffen mehrerer Strafthaten (Kap. V); 
5. ThÄterschaft und Teilnahme (Kap. VI); 6. Strafausschliessungs- und Milde- 
rungsgründe (Kap. Vn, VIII); 7. Wegfall der Strafe (Kap. IX). Ausserdem 
enthält der Art. 117 eine allgemeine Vorschrift des Inhalts, dass auch auf die 
in Spezialgesetzen enthaltenen Strafandrohungen die Vorschriften des allge- 
meinen Teiles des Strafgesetzbuches Anwendung finden, sofern nicht etwas 
anderes bestimmt ist; dieses gilt jedoch nicht für die Umwandlung solcher Geld- 
strafen, die zur Sicherung des Einganges der Staatseinnahmen angedroht sind. 

1. Das Verbrechen als Handlung, a) Einteilung. (Kap. I. De 
las infracciones, Artt. 1 — 11). In Übereinstimmung mit dem französischen Code 
pönal von 1810 und dem Deutschen Reichs-Strafgesetzbuche von 1870 teilt das 
Gesetz die strafbaren Handlungen ein in Verbrechen (crimenes). Vergehen 
(delitos) und Übertretungen (contra venciones). Welcher von diesen drei Klassen 
eine Handlung zuzurechnen ist, bestimmt sich lediglich nach der wider sie 
angedrohten Strafe: Verbrechen sind die mit einer „pena criminal'S Vergehen 
die mit einer „pena correccional", Übertretung die mit einer „pena de policia" 
bedrohten Thatbestände (Art. 1; vgl. unten unter „Strafen", S. 26). 

b) Begriff. Das Gesetz spricht nirgends (wie z. B. Cckiigo peual del Peru 
V. 1862 Art. 1, siehe No. V dieses Bandes) den Grundsatz aus, dass nm* die 
„vorsätzliche" und „böswillige" That als straf bare Handlung angesehen wird, giebt 
aber bezüglich der Verbrechen und Vergehen im Ai-t. 2 diesem Prinzip mittelbar 
Ausdruck. Es heisst dort: „Jedes Verbrechen und Vergehen gilt als vorsätz- 
lich (voluntario) und böswillig (malicioso), solange nicht das Gegenteil feststeht. 



^) Die Behandlung der Religionsdelikte erklärt sich, wie in fast allen Staaten, so 
auch in Ecuador, aus der Geschichte des Landes. Als 1850 der klerikale Diego Noboa 
zum Präsidenten gewählt wurde, war eine seiner ersten Uegierungshandhingen die 
Zurückberufung der aus dem Lande vertriebenen Jesuiten. Im Jalire 1869 kam der 
konservative, aber sich auf die Klerikalen stützende Chemiker Professor Dr. Gabriel 
Garcia Morcno an die Spitze der Regierung. Bei Eröffnung des Kongresses am 
10. August 1873 erklärte er, in den Gesetzbüchern müsse auch die letzte Spur von 
Feindseligkeit gegen die Kirclie getilgt und das Land der ungehinderten Wirksam- 
keit des Jesuitenordens geöffnet werden. Eine in Übereinstimmung hiermit erlassene 
Verfügung des Handelsministers (über die strenge Bestrafung der Veröffentlichung 
und Emfimrung von Gegenständen, welche dem Dogma und der Moral zuwider seien, 
d. h. von Büchern und Zeitungen, die von den Jesuiten nicht genehmigt würden) 
unterstellte Presse und Buchhandel völlig der Herrschaft der Jesuiten. Durch Kon- 
gressbeschluss vom 18. Oktober 1873 weihte sich die Republik dem heiligsten Herzen 
Jesu und Ende November 1874 wurde bestimmt, dass jährlich 10 Prozent der Staats- 
einnahmen dem Papst ausgezahlt werden sollten. Wenn man diese Thatsachen be- 
rücksichtigt, wird man über die Quelle zahlreicher kulturfeindlicher Bestimmungen 
des Strafgesetzbuches von 1873 kaum im Zweifel sein. 

*) Aus praktischen Gründen ist im Folgenden die Legcalanordnung des allge- 
meinen Teils beibehalten worden, obgleich sie vom Standpunkte der Systematik 
keineswegs einwandsfrei ist. 



26 Ecuador. — II. Das Strafgesetzbuch von 1873. 



c) Zeitliches und räumliches Geltungsgebiet der Strafgesetze. 
Nur die zur Zeit ihrer Begehung bereits mit Strafe bedrohte That kann 

bestraft werden (Art. 4 Abs. Ij, die analoge Anwendung der Strafvorschriften 
auf strafwürdig erscheinende, aber nicht mit Strafe bedrohte Handlungen ist 
verboten; jedoch sind die Gerichte vei'pflichtet , dem Höchsten Gerichtshofe 
von dem Vorkommen solchtT Handlungen Mitteilung zu machen (Art. 4 
Abs. 3). Bei Verschiedenheit der Bestimmungen zur Zeit der Begehung und 
im Augenblick der Aburteilung ist das dem Angeklagten günstigere Gesetz 
anzuwenden (Art. 4 Abs. 1 und 2). 

Sehr einfache Grundsätze stellt das Gesetz in Art. 5 und 6 bezüglich des 
„internationalen Strafrechtos" auf: jede von einem In- oder Ausländer im Ge- 
biete der Republik begangene strafbare Handlung wird nach ecuadorianischeni 
Recht bestraft, die im Auslande von Ecuadorianern oder Ausländem verübten 
nur in den gesetzlich besonders vorgesehenen Fällen. Diese letzteren zählt 
die Strafprozessordnung in Artt. 2 — 5 auf. 

d) Vollendung und Versuch. Ein strafbarer Versuch liegt vor, wenn 
der Entschluss, ein Verbrechen oder Vergehen zu verüben, durch äussere Hand- 
lungen bethätigt ist, welche einen Anfang der Ausführung (principio de ejecuciön) 
des Verbrechens oder Vf»rgehens bilden, vorausgesetzt, dass die Fortsetzung 
der Ausfühining bezw. der Eintritt des Erfolges unterblieben ist lediglich auf 
Grund von Umständen, die von dem Willen des Thäters unabhängig waren 
(Art. 7 Abs. Ij. Bilden vorbereitende Handlungen und solche Versuchshand- 
lungen, deren Vollendung infolge freiwilligen Entschlusses des Handelnden 
unterblieben ist, den Thatbestand einer anderen mit Strafe bedrohten Hand- 
lung, so unterliegen sie der hierfür beistimmten Strafe (Art. 7 Abs. 2, Art. 8). 

Der Versuch einer Übertretung ist niemals (Art. 11), der eines Verbrechens 
immer (Art. 9), der eines Vergehens nur in den vom Gesetz bestimmten Fällen 
(Art. 10) strafbar. Die Versuchsstrafe ist für Vergehen in jedem Einzelfalle 
bestimmt: bei Verbrechen beträgt sie mindestens ein Viertel und höchstens 
die Hälfte der für die vollendete Handlung angedrohten Strafe (Art. 9 Abs. 1); 
dabei gilt die für das vollendete Verbrechen angedrohte Todesstrafe zum 
Zwecke der Bt^rechnung als ausserordentliche (d. h. sechzehnjährige; Art. 26) 
schwere Zuchthausstrafe (Art. 9 Abs. 2). 

2. Die Strafen und strafähnlichen Mittel. Das Strafensvstem des 
Landes beruht z. T. auf der Verfassung. Nach den vom Kongresse im Jahre 
1886 beschlossenen Reformen ^) ist die Anwendung der Prügelstrafe und der 
Konfiskation überhaupt und die der Todesstrafe bei politischen Delikten aus- 
geschlossen; jedoch ist einerseits die letztere, trotz der politischen Natur der 
Strafthat, zulässig gegen bewaffnete und militärisch organisierte Personen, die 
mit Waffengewalt die Verfassung zu stürzen suchen; andererseits gelten Landes- 
verrat, Tötung naher Angehöriger, Brandstiftung, Plünderung und die Straf- 
t baten aktiver Militärpersonen selbst dann nicht als politische Delikte, wenn 
sie zu politischen Zwecken begangen werden. Mit diesen Ginindsätzen sind 
1886 die Vorschriften des Strafgesetzbuches in Einklang gebracht. 

Das Strafgesetzbuch unterscheidet: Strafen (penas, Kap. II) und andere 
Folgen der strafbaren Handlungen (otras condenaciones que pueden ser im- 
puestas por crimenes, delitos y contravenciones, Kap. III). Ausser der Todes- 
strafe werden I?>eiheitsstraf en , Verbannung, Geldstrafe, Verlust gewisser Be- 
fugnisse, Stellung unter Polizeiaufsicht und Einziehung einzelner Gegenstände 
angedroht. Diese Strafen sind teils nur Verbrechens-, teils nur Vergehens-, 
teils nur Übertretungsstrafen, teils finden sie gegen Verbrechen und Vergehen, 



*) Vgl. hierüber Aniiiiaire de legiHlation etrangere Bd. 17 S. BoO. 



§ 3. Der allgemeine Teil. — Strafen. 27 



teils gegen alle Arten von Delikten Anwendung (vgl. die Übersicht in Art. 12). 
Die wegen einer Strafthat erlittene Untersuchungshaft wird auf eine wegen 
dieses Deliktes erkannte Freiheitsstrafe in vollem Umfange angerechnet 
(Art. 44). 

a) Ausschliesslich Verbrechonsstrafen sind: Todesstrafe, schweres und 
leichtes Zuchthaus. Ein auf Verbrechensstrafe lautendes Urteil darf gegen eine 
schwangere Frauensperson, einen Geisteskranken („que ce halle en estado de 
verdadera dcmencia") sowie gegen solche Personen, die wegen grosser körper- 
licher Schwäche in Lebensgefahr schweben, nicht verkündet werden; die Voll- 
streckung an der ersteren ist erst nach der Entbindung zulässig (Art. 38). 
„Aus Achtung vor dem geistlichen Stande" (por honor al sacerdocio) dürfen 
die zu Freiheitsstrafen verurteilten Priester, Diakonen und Subdiakonen zu 
Arbeiten, die mit ihrer geistlichen Würde unvereinbar sind, nicht angehalten 
werden (Art. 37). 

Von der Todesstrafe (pena de muerte, Artt. 13 — 24) macht der Gesetz- 
geber in folgenden acht Fällen Gebrauch: Landesverrat (Art. 118), schwerer 
Seeraub (Art. 130), gewaltsamer Verfassungsbruch und Aufruhr (Artt. 143 und 
145), Notzucht mit tötlichem Ausgange (Art. 398), Mord in acht besond(»rs 
schweren Fällen (asosinato, Art. 428), Tötung naher Angehöriger (parricidio, 
Art. 430), Totschlag, der begangen wird, um die Ausführung eines Dit^bstahls 
oder einer Erpressung zu erleichtern oder um sich der Bestrafung wegen 
einer dieser Handlungen zu entziehen (Art. 512), endlich qualifizierte Brand- 
stiftung (Art. 548j. G(»gen Personen, die zur Zeit der Begehung des Ver- 
brechens das 17. Lebensjahr noch nicht vollendet haben , darf nicht auf 
Todesstrafe erkannt werden; an ihre Stelle tritt ausserordentliche schwere 
Zuchthausstrafe (Art. 21). 

Die Vollstreckung erfolgt durch Erschiessen (por las armas), und zwar 
öffentlich im weitestcui Sinne des Wortes. Das dabei zu beobachtende Cere- 
moniell dient zur Abschreckung der Zuschauer und ist vom Gesetz (in sechs 
umfangreichen Artikeln) in behaglicher Breite vorgeschrieben. Alle Äusser- 
lichkeiten sind genau geregelt: über dem Schaff ot sind Name, Herkunft und 
That des Delinquenten mit grossen deutlichen Buchstaben (con letras grandes 
y lesibles) anzugeb(»n ; der Mörder wird in weiss und blutrot, der Landesverräter 
in schwarz gekleidet, der Vatermörder geht in blutbeflecktem zerrissenem 
Gewände (tunica blanca ensangrentada y desgarrada) mit Ketten belastet, das 
Haupt mit einem schwarzen Schleier umhüllt und mit auf dem Rücken zu- 
sammengebundenen Händen zum Blutgerüst. Sein Leichnam ist an einem ab- 
gelegenen Orte ausserhalb des Kirchhofes zu beerdigen, kein äusseres Zeichen 
darf den Ort angeben, an dem er ruht. 

Auch das Strafgesetzbuch von Ecuador enthält (in Artt. 22 — 24) die, in 
anderen südamerikanischen Gesetzen häufiger wiederkehrende Vorschrift, dass 
von mehr als drei wegen derselben That in ein und demselben Verfahren 
zum Tode Verurteilten nur ein Teil hingerichtet werden soll. In erster Linie 
werden diejenigen ausgewählt, deren That als eine besonders schwere (de 
mayor gravedad) erecheint (Rädelsführer, der Thäter, wenn die anderen ledig- 
lich Beihülfe geleistet haben, der wegen mehrerer Strafthaten Verurteilte, der 
bereits einmal zum Tode Verurteilte aber Begnadigte). Sind besonders schwer 
belastete Verurteilte nicht vorhanden, so werden diejenigen, an denen die 
Todesstrafe vollzogen werden soll, durch das Los ermittelt; die übrigen werden 
zwar zu „ausserordentlichem schwerem Zuchthause" (reclusiön mayor extra- 
ordinaria; s. unten) begnadigt, müssen aber der Hinrichtung beiwohnen. 

Jede Verurteilung zum Tode schliesst den Verurteilten von der Befugnis, 
sein Vermögen zu verwalten, aus (Art. 31). 



28 Ecuador. — IT. Das Strafgesetzbuch von 1873. 



Die Zuchthausstrafe (pena de reclusiön) ist entweder eine schwere 
(mayor) oder eine leichte (menor); die Dauer der ersteren beträgt entweder 
4 — 8 oder 8 — 12 Jahre — reclusiön mayor ordinaria — oder 16 Jahre — 
reclusiön mayor extraordinaria (Art. 261) — ; die der letzteren 3 — 6 oder 
6 — 9 Jahre — reclusiön menor ordinaria — oder 12 Jahre — reclusiön 
menor extraordinaria (Art. 28). Da das Gesetz in Art. 27 ausdrücklich vor- 
schreibt, dass beide Strafen in denselben Anstalten verbtisst werden sollen, 
da femer der Arbeitszwang (Art. 29) für beide Kategorieen der nämliche ist, 
so besteht anscheinend der einzige gesetzliche Unterschied zwischen beiden 
Strafarten, abgesehen von der noch zu erwähnenden Verschiedenheit der 
Wirkung auf dem Gebiete des Privatrechts, in der verschiedenen Höhe des 
dem Gefangenen zustehenden Anteils am Arbeitsverdienst; nach Art. 30 darf 
sich dieser bei den zu schwerem Zuchthause Verurteilten auf nicht mehr als 
drei Zehntel, bei leichtem Zuchthause auf nicht mehr als vier Zehntel des 
Arbeitsvertrages belaufen. Der Staat kann über die Hälfte des dem Gefangenen 
reservierten Betrages verfügen, um dessen Familie zu unterstützen, vorzugs- 
weise aber, um die durch die That verletzten Personen zu entschädigen; der 
Rest wird dem Sträfling bei seiner Entlassung ganz oder ratenweise aus- 
gehändigt (Art. 30). 

Jede Verurteilung zu schwerem und zu leichtem ausserordentlichem Zucht- 
hause, sowie die bei vorliegendem Rückfalle oder bei Zusammentreffen mehrerer 
Strafthaten ausgesprochene Verurteilung zu leichtem ordentlichem Zuchthause 
bewirkt von der Rechtskraft des Urteils an für den Verurteilten die „inter- 
dicciön que administre sus bienes", d. h. er darf über sein Vermögen nur 
noch von Todeswegen verfügen, erhält einen Vormund mit den durch das 
bürgerliche Recht hieran geknüpften Wirkungen, von seinen Einkünften darf 
ihm nichts verabfolgt werden (Artt. 32 — 35). 

Die Zuchthausstrafe darf bei über 70 Jahre alten Personen nicht an- 
gewendet werden und wird bei diesen durch Gefängnis von gleicher Dauer 
ersetzt; Sträflinge, die zur Zeit der Vollendung des siebzigsten Lebensjahres 
eine Zuchthausstrafe verbüsscn, werden in das Gefängnis überführt (Art. 36). 

b) Ausschliesslich Vergehensstrafe ist die Gefängnisstrafe. Ihre Dauer 
beträgt regelmässig, d. h. falls das Gesetz nicht ausdrücklich etwas anderes 
vorschreibt, 8 Tage bis zu 5 Jahren (prisiön correccional, Artt. 12, 39 — 41). 
Der Tag wird zu 24 Stunden, der Monat zu 30 Tagen gerechnet. Die Ver- 
büssung geschieht in den Bezirksgefängnissen (cärceles del cantön) ; es herrscht 
Arbeitszwang, jedoch können durch die Anstaltsordnungen Ausnahmen zu- 
gelassen werden. Von dem höchstens fünf Zehntel betragenden Arbeits- 
verdienstanteile der Gefangenen kann der Staat die Hälfte in der bei Zucht- 
haus zulässigen Weise verwenden; die andere Hälfte dient zur Bildung eines 
bei der Entlassung auszuhändigenden Kapitals, kann aber von solchen Ge- 
fangenen, die sich gut geführt haben, teilweise zur Beschaffung von Genuss- 
mitteln verwendet werden (Art. 41). 

c) Die Haftstrafe (Polizeigefängnis, prisiön de policfa, Artt. 12, 42, 43) 
findet ausschliesslich auf Übertretungen Anwendung. Mindestbetrag ein Tag, 
Höchstbetrag sieben Tage, falls nicht das Gesetz ausdrücklich etwas anderes 
bestimmt. Die Strafe ist lediglich Freiheitsentziehung ohne jeden Arbeitszwang; 
das Gesetz sagt von den Gefangenen: „no serän obligados ä ningun trabajo". 

d) Verbrechen- und Vergehensstrafen sind: Landesverweisung, Aus- 
schluss von der Ausübung gewisser politischer und privatrechtlicher Befugnisse 
und Stellung unter Polizeiaufsicht. ^) 



^) Der Gesetzgeber hat sich einer Inkongruenz schuldig gemacht, indem er die 



§ 8. Der allgemeine Teil. — Strafen. 29 



Die Landesverweisung (extraüamiento, Art. 45) besteht in der zwangs- 
weisen Entfernung des Verurteilten aus dem Gebiete der Republik; wer vor 
Ablauf der im Urteile bestimmten Zeit zurückkehrt, wird abermals ausgewiesen 
und muss zwei Jahre länger in der Verbannung bleiben, als die im ersten 
Urteile bestimmte Zeit betrug. 

Der Ausschluss von der Ausübung gewisser politischer und 
privatrechtlicher Befugnisse (la interdicciön de ciertos derechos politicos y 
civiles) besteht nach Art. 46 in dem Verlust der staatsbürgerlichen Rechte (perdida 
de los derechos de ciudadania) und kommt sowohl als Haupt- wie als Nebenstrafe 
vor. Als letztere ist sie von Rechtswegen eintretende Folge einer Verurteilung: 
zum Tode, zu Zuchthaus oder zu Gefängnis von längerer als sechsmonatiger 
Dauer; der Verlust ist in diesem Falle dauernd. Ausserdem kann in den vom 
Gesetze bestimmten Fällen vom Gerichte der Verlust für den Zeitraum von 
3 — 5 Jahi-en ausgesprochen werden (Art. 47). Die in Übereinstimmung mit 
der Verfassung erfolgende Wiederverleihung der politischen Rechte setzt den 
Verurteilten auch wieder in den Genuss der ihm durch das Urteil entzogenen 
privatrechtlichen Befugnisse ein (Art. 48). 

Die Stellung unter Polizeiaufsicht (sujeciön ä la vigilancia especial 
de la policia, Artt. 49 — 51) ist bei Verurteilung wegen eines Vergehens nur 
in den vom Gesetze ausdrücklich angegebenen Fällen, bei Verurteilung wegen 
eines Verbrechens ganz allgemein zulässig; Dauer im letzteren Falle 5 — 10 
Jahre, bei erneuter Verhängung einer Verbrechensstrafe auf Lebenszeit. Die 
Strafe bewirkt für den dazu Verurteilten gewisse Beschränkungen der Frei- 
zügigkeit, insbesondere kann der Richter ihm das Betreten bestimmter Ort- 
schaften untersagen. 

e) Die bei allen strafbaren Handlungen zur Verwendung kommen- 
den Strafen sind: Geldstrafe und Einziehung.^) 

Die Höhe der Geldstrafe (multa) ist, wenn nicht das Gesetz ausdrück- 
lich etwas anderes anordnet: bei Übertretungen: mindestens 0,2 Sucres (1 Sucre 
= 4 deutsche Reichsmark = 5 Francs) und höchstens 8 Sucres; bei Ver- 
brechen und Vergehen beträgt sie mindestens 8 Sucres; ein allgemeines Höchst- 
mass ist nicht normiert. Die wegen einer Übertretung erkannten Geldstrafen 
fliessen in die Gemeindekasse, alle übrigen fallen dem Staate zu (Art. 52). 
Sind mehrere wegen ein und derselben That angeklagt, so wird die Strafe 
für jeden besonders festgesetzt (Art. 53). Die Geldstrafe, welche nicht binnen 
drei Tagen nach ergangener Aufforderung gezahlt ist, wird in Freiheitsstrafe 
umgewandelt, deren Dauer im Urteile zu bestimmen ist und deren höchstes 
zulässiges Mass 6 Tage (Übertretungen), bezw. 3 Monate (Vergehen) bezw. 
6 Monate (Verbrechen) beträgt. Der Angeklagte kann durch Zahlung seine 
Freilassung bewirken, hat aber, wenn er zahlungsfähig ist, nicht das Recht, 
an Stelle der gegen ihn erkannten Geldstrafe die Umwandlung in Freiheits- 
strafe zu verlangen (Artt. 54, 55). 

Der Einziehung (comiso especial) unterliegen Gegenstände, welche ent- 
weder 1. Objekt der strafbaren Handlung oder Mittel zu ihrer Begehung ge- 
wesen und Eigentum des Thäters, oder 2. durch das Delikt hervorgebracht 
sind. Sie ist bei Verbrechen und Vergehen stets, bei Übertretungen nur in 
den vom Gesetze besonders bezeichneten Fällen zulässig (Artt. 56, 57). 



Stellung unter Polizeiaufsicht in Art. 12 als für alle Deliktsarten zulässiges Strafmittel 
bezeichnet, während sie später richtig in dem von den Verbrechens- und Vergehens- 
strafen handelnden fünften Abschnitt des II. Kap. behandelt wird. Thatsftchlich ent- 
hält der besondere Teil des Gesetzes keine Vorschrift, welche diese Strafe gegen eine 
Übertretung androht. 

*) Wegen der Stellung unter Polizeiaufsicht vgl. die vorige Anm. 



30 Ecuador. — IL Das Strafgesetzbuch von 1873. 



Im Kap. III (Artt. 58 — 64) des ersten Buches handelt das Gesetz von den 
„otras condenaciones", d. h. straf ähnlichen Übeln, die wegen eines Delikts 
auferlegt werden können, und rechnet zu diesen die Verurteilung zur Heraus- 
gabe von Gegenständen, zu Schadensersatz und zur Zahlung der Prozesskosten 
an eine Partei oder an den Fiskus. Zur Vollstreckung einer derartigen Ent- 
scheidung ist persönlicher Zwang (apremio personal) zulässig, jedooh gegen Privat- 
kläger, Denunzianten und die für die Folgen der That civilrechtlich Haftenden 
nur auf Grund einer besonderen Anordnung des Richters (Art. 60). Bei den 
von Amtswegen betriebenen Sachen wird zwar im allgemeinen ebenfalls der per- 
sönliche Zwang solange fortgesetzt bis der Schuldner zahlt oder entsprechende 
andere Veiinögensstücke herausgiebt; weist er aber seine Zahlungsunfähigkeit 
nach, so wird er in Freiheit gesetzt (Art. 61). Gegen über 70 Jahre alte 
Personen ist die Zwangshaft unzulässig (Art. 62). Bei unzureichendem Ver- 
mögen des Verurteilten erfolgt die Zwangsvollstreckung zunächst wegen der 
Herausgabe von Sachen und der Schadensersatzleistung, und erst in letzter 
Linie wegen der Geldstrafe; bei Konkurrenz zwischen Geldstrafe und Kosten, 
die dem Fiskus geschuldet werden, sind die Zahlungen zunächst auf die 
Kosten zu verrechnen (Art. 63). Die durch ein und dasselbe Urteil wegen 
Beteiligung an ein und derselben Handlung Verurteilten haften für Kosten, 
Schadensersatz und Restitutionen solidarisch, jedoch kann der Richter Aus- 
nahmen machen; mehrere durch verschiedene Urteile mit Strafe belegte Per- 
sonen haften nur für die Kosten der gemeinsam gegen sie geführten sum- 
marischen Untersuchung solidarisch (Art. 64). Der Erlass, die Umwandlung 
und die Ermässigung der Strafe im Wege der Gnade sind ohne Einfluss auf 
die Verpflichtung zur Schadensersatzleistung u. s. w.; es können aber bei einer 
von Amtswegen verfolgten Strafthat auch die gerichtlichen Kosten erlassen 
werden (Art. 89 Abs. 2). 

3. Der Rückfall (reincidencia , Kap. IV, Art. 65 — 68) bildet bei Ver- 
brechen und Vergehen (nicht auch bei Übertretungen) einen allgemeinen Straf- 
schärfungsgrund. Rückfällig ist, wer nach Verurteilung zu einer Verbrechens- 
strafe ein Verbrechen oder Vergehen oder nach Verurteilung zu mindestens 
einjähriger Gefängnisstrafe innerhalb fünf Jahren nach Verbüssung oder Ver- 
jährung derselben ein Vergehen begeht. Die Art der Straferhöhung ist im' 
Gesetze sehr kasuistisch und daher wohl kaum praktisch bestimmt. Auch 
die vorhergegangene Verurteilung durch ein Militärgericht begründet den 
Rückfall. 

4. Zusammentreffen mehrerer strafbarer Handlungen (Concur- 
rencia de varias infracciones; Kap. V, Artt. 69 — 76). Das Gesetz unterscheidet 
Realkonkurrenz und sog. Gesetzeskonkurrenz. 

Sind von einem Thäter mehrere Übertretungen begangen, so werden die 
für jede von ihnen zu erkennenden Strafen zusammengezählt (Kumulations- 
prinzip); in allen übrigen Fällen dagegen tritt entweder eine gewisse Straf- 
ermässigung ein (Prinzip der Gesamtstrafe), oder die geringere Strafe geht in 
der schwereren auf (Absorptionsprinzip). Das Gesetz unterscheidet folgende 
Fälle : 

a) Zusammentreffen von Vergehen und Übertretungen oder von Ver- 
gehen und Vergehen: die Geld- und Freiheitsstrafen werden allerdings zu- 
sammengezählt, dürfen aber den doppelten Betrag des Höchstmasses nicht 
übersteigen (Artt. 70 und 71); 

b) Zusammentreffen von Verbrechen mit Vergehen oder Übertretungen: 
es wird nur auf die für das Verbrechen verwirkte Strafe erkannt (Art. 72); 

c) Zusammentreffen mehrerer Verbrechen: es wird auf die wegen des 
schwersten Delikts verwirkte Strafe erkannt (Art. 73). 



§ 3. Der allgemeine Teil. — Thäterschaft und Teilnahme. 31 



Verletzt eine strafbare Handlung mehrere Strafvorschriften (Fall der sog. 
Gesetzeskonkurrenz), so findet die schwerste angedrohte Strafe Anwendung (Art. 76). 

Als schwerste Strafe gilt diejenige, deren Dauer eine längere ist; bei 
gleicher Dauer gelten schweres und leichtes Zuchthaus für härter, als die 
übrigen Strafraittel (Art. 74). 

Die etwa erforderliche Einziehung von Gegenständen ist bei jedem De- 
likte besonders anzuordnen (Art 7b). 

5. Thäterschaft und Teilnahme (Kap. VI, Art. 77 — 81). Das Ge- 
setz kennt nur diese beiden Formen der strafbaren Beteiligung an einem De- 
likte; der besondere Begriff der Anstiftung ist ihm fremd, und gewisse Fälle 
der Begünstigung (die beispielsweise im peruanischen Rechte eine allgemeine 
Forni der Regelung einer Strafthat ist — Cödigo penal del Peru von 1862, 
Art. 11, 16, siehe No. V dieses Bandes) sind als selbständige Delikte unter 
Strafe gestellt (Art. 353). 

Der vom Gesetz aufgestellte Begriff der Thäterschaft ist ein sehr weiter und 
umfasst ausser der Thäterschaft i. e. S. die Anstiftung und einen Teil der BeihüWe. 

Als T hat er (autor, Art. 78) gilt: a) der Thäter i. e. S., d. h. der- 
jenige, welcher die That unmittelbar selbst ausführt; b) der mittelbare Thäter 
und der Anstifter: derjenige, welcher den Entschluss zur Begehung der That 
fasst und sie von einem anderen ausführen lässt; c) derjenige Gehülfe, wel- 
cher in hervoiTagender Weise unmittelbar (de un modo principal e directo) 
bei der Ausführung der That mitwirkt, indem er böswillig (maliciosamente) 
eine Handlung vornimmt, ohne welche die That nicht vollendet worden wäre. 

Ge hülfe (cömplice) ist: a) der Gehülfe i. e. S., d. h. derjenige, 
welcher vor oder während der Ausführung in mittelbarer, nebensächlicher 
Weise (indirecta e secundariamente) bei der Ausführung mitwirkt (Art. 79); 
b) der Begünstiger; unter einem solchen versteht das (resetz (Art. 80) den- 
jenigen, welcher in Kenntnis der verbrecherischen Lebensführung (conducta 
criminal) von Menschen, die Plünderungen (pillajes), Gewaltthätigkeiten gegen 
die Sicherheit des Staates, den öffentlichen Frieden, die Person oder das 
Eigentum begehen, diesen gewohnheitsmässig (habitualmente) Unterkunft (aloja- 
miento), Schlupfwinkel (escondite) oder ein Versammlungslokal (lugar de re- 
uniön) gewährt. Die Gewährung von Unterkommen an eine wegen eines 
Verbrechens bereits verurteilte oder strafrechtlich verfolgte Person ist als be- 
sonderes Delikt in Art. 353 unter Strafe gestellt. 

Der Gehülfe wird milder bestraft als der Thäter; bei Verbrechen trifft 
ihn die Strafe, welche der Schwere nach auf die für den Thäter angedrohte 
unmittelbar folgt; bei Vergehen darf sie zwei Dritteile der Thäterstrafe nicht 
überschreiten (Art. 81). 

6. Strafausschliessungs- und Milderungsgründe (Kap. VII und 
VIII, Art. 82—96). 

Im Gegensatz zum peinianischen Strafgesetzbuche (vgl. dessen Art. 10, 
No. V dieses Bandes) kennt das (xesetz keine allgemeinen Strafschärfungsgründe. 

a) Strafausschliessungsgründe (oder genauer ausgedrückt: Recht- 
fertigungs- und Entschuldigungsgründe — causas de justificaciön y excusa) 
sind die folgenden: 

1. Vornahme einer gesetzlich vorgeschriebenen Handlung auf Befehl der 
Obrigkeit (Art. 82); 

2. Ausfühnmg der That unter dem Einflüsse unwiderstehlicher Gewalt 
(fuerza a que non ha podido resistir; Art. 83); 

3. mangelnde geistige und sittliche Reife infolge von Geisteskrankheit 
(demencia, Art. 83), oder jugendlichem Alter (Art. Si — 87) oder Taubstumm- 
heit (Art. 88). 



32 Ecuador. — II. Das Strafgesetzbuch von 1873. 



Wer noch nicht sieben Jahre alt ist, kann nicht bestraft werden; wer 
sieben, aber noch nicht sechzehn Jahre alt ist, nur, wenn festgestellt ist, dass 
er mit dem Unterscheidungsvermögen (discernimiento) gehandelt hat. Ist 
dieses als vorhanden nachgewiesen, so tritt Strafe, jedoch mildere als für Er- 
wachsene, ein ; ausgeschlossen sind : Stellung unter Polizeiaufsicht, Aberkennung 
der bürgerlichen Ehrenrechte (derechos de ciudadania) (Art. 87). An Stelle 
der Todesstrafe sowie der ausserordentlichen Zuchthausstrafe tritt Gefängnis 
bis zu 6 Jahren, an Stelle der ordentlichen Zuchthausstrafe: Gefängnis von 
2—3 Jahren (Art. 85). Bei Vergehen darf die Strafe die Hälfte des für Er- 
wachsene zulässigen Masses nicht überschreiten (Art. 86). Der wegen fehlen- 
den Unterscheidungsvermögens Freigesprochene kann seiner Familie oder bis 
zum vollendeten einundzwanzigsten Lebensjahre einer Erziehungs- und Besse- 
rungsanstalt überwiesen werden (Art. 84). 

Ähnliche Grundsätze gelten für den über 16 Jahre alten Taubstummen 
(sordomudo); dieser ist freizusprechen, wenn feststeht, dass er ohne Unter- 
scheidungsvermögen gehandelt hat, und kann dann auf höchstens fünf Jahre in 
einer Erziehungsanstalt untergebracht werden. Andernfalls tritt die für Jugend- 
liche von 7 — 16 Jahren vorgeschriebene Straf ermässigung ein (Art. 88). 

b) Mildernde Umstände (circonstancias atenuantes, Art. 90 bis 
96) bewirken Strafermässigung in einer vom Gesetze genau vorgesehenen 
Weise, deren Einzelheiten aber kein besonderes Interesse bieten. Nur sei er- 
wähnt, dass bei Mord (asesinato) die Annahme von mildernden Umständen un- 
zulässig ist. Als strafmindernd sind (nach Art. 90) ausser den im Gesetze bei 
einzelnen Delikten besonders hervorgehobenen alle Umstände in Betracht zu 
ziehen, welche die Schwere der That, den Grad der Verschuldung (malicia: 
des bösen Willens) des Thäters, das durch die Begehung erregte Aufsehen in 
milderem Lichte erscheinen lassen (nur beispielsweise führt das Gesetz hier an: 
vorausgegangene Reizung durch den Verletzten, Furcht, Not, jugendliches Alter 
oder andere in den Beweggründen der That, dem geistigen oder körperlichen Zu- 
stande des Thäters oder in seinem Verhalten nach der That liegende Entschuldigungs- 
gründe). Dem richterlichen Ermessen ist danach ein weiter Spielraum gelassen. 

7. Erlöschen des Strafanspruchs und der Strafklage. 

Unter dem Titel „De la extinciön de las penas" handelt das Gesetz im 
IX. Kap. (Art. 97 — 116) von den Erlöschungsgründen des staatlichen An- 
spruchs auf Vollstreckung der rechtskräftig erkannten Strafe und dem Auf- 
hören des Rechts zur Strafverfolgung. 

a) Der Anspruch des Staates auf Verbüssung der rechtskräftig erkannten 
Strafe erlischt: 

1. durch den Tod des Verurteilten (Art. 97); 

2. durch Begnadigung. Durch ein Gesetz vom 20. August 1887 ^) ist 
der Präsident der Republik in der Ausübung des Begnadigungsrechts bedeu- 
tend beschränkt. Die Begnadigung ist nur zulässig, wenn der Verurteilte sich 
in der zur Strafvollstreckung bestimmten Strafanstalt befindet, sich seit der 
Verurteilung gut geführt und mindestens ein Drittel der erkannten Strafe ver- 
büsst hat. Völlig ausgeschlossen ist die Begnadigung bei Verwandtentot- 
schlägern. Rückfälligen, Landesverrätern, welche der Armee angehören, und 
Personen, die sich auf Befehl der Exekutivgewalt oder gegen das National- 
vermögen vergangen haben. Öffentliche Beamte, deren Ernennung und Ab- 
berufung der Exekutivgewalt zusteht, dürfen nicht von demjenigen Präsidenten 
begnadigt werden, dem sie ihre Erneimung verdanken. Die völlige Begna- 
digung ist u. a. unzulässig bei Seeräubern, Mördern, Giftmischern, Brand- 



*) Eine Inhaltsangabe findet sich im Annuaire de legislation etrangere. Bd. 17 S. 953. 



§ 4. Der besondere Teil. 33 



Stiftern, Falschmünzern und Urkundenfftlschem. Sie können jedoch einer 
Umwandlung oder Ermässigung der Strafe teilhaftig werden, wenn sie dem 
Vaterlande einen hervorragenden Dienst geleistet oder sich in einer Kunst 
oder Wissenschaft besonders ausgezeichnet haben. In diesem Falle kann dem 
Begnadigten die Verpflichtung auferlegt werden, während einer bestimmten 
Zeit in einer öffentlichen Unterrichtsanstalt unentgeltlich zu unterrichten. — 
Die Begnadigung bewirkt nicht ohne weiteres die Wiedererlangung derjenigen 
Befugnisse, von deren Ausübung der Verurteilte ausgeschlossen war (Art. 98;. 
Der Erlass oder die Umwandlung der Todesstrafe, der schweren oder der 
leichten ausserordentlichen Zuchthausstrafe hat, falls nicht im Begnadigungs- 
dekret etwas anderes beistimmt ist, zur Folgt», dass der Begnadigte 10 Jahre 
lang unter Polizeiaufsicht gestellt wird (Art. 99j. Der Verurteilte, dessen 
Strafe in eine solche umgewandelt ist, welche nach Art. 33 die „interdicciön 
civil" zur Folge hat, erleidet auch diese letztere (Art. 100). Anden^rseits 
hört in dem umgekehrten Falle die „interdicciön civil" auf mit dem Erlass 
der Hauptstrafe oder durch ihre Umwandlung in eine Strafe, welche die 
„interdicciön" nicht zur Folge hat (Art. 101); 

3. durch Verjährung. Die Verjährungsfrist beträgt für die Todesstrafe 
18 Jahre (Art. 103), für alle Verbrechens- und Vergehensstrafen zwei Jahre 
mehr als die erkannte Strafe (Artt. 103, 105, 109), für Cbertretungsstrafen 
6 Monate (Art. 107); für die allen drei Deliktarten gemeinschaftlichen Strafen 
(Geldstrafe und Einziehung) hängt die Frist davon ab, wegen welcher That 
sie im Einzelfalle verhängt sind (Art. 107). Der Lauf der Frist beginnt 
regelmässig mit dem Tage der Rechtskraft des Urteils (Artt. 103, 105, 107), 
wenn aber die Strafvollstreckung bereits ihren Anfang genommen hatte, mit 
dem Augenblicke, wo sich der Verurteilte dieser entzog (Art. 110 Abs. 1); 
die Dauer der bereits erfolgten Sti'afverbüssung wird (nach Art. 110 Abs .2) 
auf die Verjährungsfrist angerechnet, die also um so viel verkürzt wird. 
Der Lauf der Verjährung wird durch die Ergreifung des Verurteilten unter- 
brochen (Art. 111); die Verjährung ist wirkungslos (queda sin efecto; Art. 114), 
wenn der Thäter vor Ablauf der Verjährungsfrist ein anderes gleichartiges 
oder mit gleich schwerer oder schwererer Strafe, als das erste, bedrohtes 
Delikt begeht. — Der zum Tode, zu schwerem oder zu leichtem ausser- 
ordentlichem Zuchthaus Verurteilte, dc^ssen Strafe verjährt ist, wird für 10 Jahre 
unter Polizeiaufsicht gestellt (Art. 113). 

Die Verjährung des dem Beschädigten durch Urteil zuerkannten Rechts 
auf Schadensersatz u. s. w. erfolgt nach den Bestimmungen des „Cödigo civil" 
(Art. 115). 

b) Das Recht und die Pflicht des Staates zur Strafverfolgung ver- 
jährt: bei Verbrechen in 10 Jahren (Art. 102), bei von Amtswegen zu ver- 
folgenden Vergehen in 5 Jahren (Art. 104), bei nicht von Amtswegen zu ver- 
folgenden Vergehen in 100 Tagen inter praesentes, in 200 Tagen inter ab- 
sentes (Art. 106), bei Übertretungen in 30 Tagen (Art. 107). Die Frist beginnt 
zu laufen: im allgemeinen mit dem Augenblicke der Vollendung (desde la per- 
petraciön) der That (Artt. 102, 104, 107), wenn aber ein Strafverfahren ein- 
geleitet ist, mit dem Tage, an welchem die letzte richterliche Handlung (la 
ultima diligencia judicial) vorgenommen wurde (Art. 108). Die Bestimmung 
des Art. 114 über den Einfluss der Begehung einer neuen Straf that auf den 
Lauf der Verjähining bezieht sich auch auf die Verjährung der Strafklage. 

c) § 4. Der besondere Teil. 

Das die einzelnen Strafthaten behandelnde zweite Buch des Strafgesetz- 
buches enthält die Artt. 118 — 604 und zerfällt in 11 Titel, von denen die ersten 10 

straf gesetzgebuDg der Gegenwart. II. 3 



34 Ecuador. — II. Das Strafgesetzbuch von 1873. 



sich mit den Verbrechen und Vergehen beschäftigen, während der letzte den 
Übertretungen gewidmet ist. Des beschränkten Raumes wegen kann im 
Folgenden nur eine kurze Inhaltsangabe unter Hervorhebung besonderer Eigen- 
tümlichkeiten der Gesetzgebung von Ecuador gegeben werden. 

Tit. I. Verbrechen und Vergehen gegen die Sicherheit des Staates 
(Artt. 118 — 153). Drei Kapitel. 1. Verbrechen und Vergehen gegen die äussere 
Sicherheit des Staates. Dieses Kapitel umf asst alle Fälle des unerlaubten Verkehrs 
mit feindlichen Staaten, Verrat von Geheimnissen an diese u. s. w. Die an- 
gedrohten Strafen sind: Gefängnis, Zuchthaus und Todesstrafe; letztere trifft 
in besonders schweren Fällen den Landesverräter — traidor (Artt. 118, 123, 
127). Die Bestrafung ist die gleiche, wenn die landesverräterischen Hand- 
lungen u. s. w. gegen einen Staat gerichtet sind, der sich mit der Republik 
Ecuador zur Bekämpfung eines gemeinsamen Feindes verbündet hat (Artt. 121, 
122). — 2. Verbrechen und Vergehen gegen das Völkerrecht (contra el derecho 
internacional). Die Strafe der hier behandelten Delikte ist nach Art. 135 die 
gleiche, wenn sie gegen Ecuadorianer und wenn sie gegen Fremde begangen 
werden, die sich dauernd oder vorübergehend im Gebiete der Republik auf- 
halten, selbst wenn sie einem Lande angehören, mit dem Ecuador sich im 
Kriege befindet; dieses gilt auch bezüglich der Kriegsgefangenen, soweit es 
mit dem Rechte der Repressalien und der öffentlichen Sicherheit vereinbar 
ist. — Delikte gegen das Völkerrecht sind: a) Verletzung eines mit dem 
Feinde geschlossenen, gehörig bekannt gemachten Friedens oder Waffenstill- 
standes (Art. 128); ß) Seeraub (piraterla: bewaffneter Überfall auf hoher See 
oder in den Gewässern der Republik — asalto cometido ä mano armada en 
alta mar ö en las aguas ö rios de la Repüblica) und die diesem gleichgestellten 
Thatbestände (Artt. 129 — 134); die schweren Fälle des Seeraubes werden mit 
dem Tode bestraft (Art. 130); y) die Vornahme feindlicher Handlungen gegen 
auswärtige Staaten ohne Vorwissen der Regierung (Art. 136). — 3. Verbrechen und 
Vergehen gegen die innere Sicherheit der Republik (gewaltsame Änderung der 
Verfassung, Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Verfassung, Aufhetzung 
der Bevölkeiningsklassen unter einander, Aufruhr, Landfriedensbinich u. s. w.; 
Artt. 137 — 152). Die Teilnehmer am bewaffneten und militärisch organisierten 
Aufruhr und die Rädelsführer beim Landfriedensbruch werden mit dem Tode 
bestraft (Artt. 143, 145). — Nach Art. 153 tritt bei einem Teil der in diesem 
Titel behandelten Delikte für den Schuldigen Straflosigkeit ein, wenn er vor 
Ausführung der That und vor Beginn der Strafverfolgung die Obrigkeit von 
dem geplanten Verbrechen und den Namen der Teilnehmer in Kenntnis setzt. 

Titel IL Verbrechen und Vergehen gegen die von der Verfassung 
gewährleisteten Rechte (Artt. 154 — 178). Drei Kapitel. 1. Delikte in Bezug 
auf die Ausübung politischer Rechte (Verliinderung an der Ausübung der 
StaatsbürgeiTechte, Wahlbeeinflussimg, Walüfälschung, Stimmenkauf; Strafen: 
(lefängnis, Geld und Entziehung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer 
von 3 — 5 Jahren); 2. Verbrechen und Vergehen gegen die Religion. Wie in 
den meisten südamerikanischen Republiken ist die katholische Konfession („la 
religiön catolica, apostolica romana") Staatsreligion und wird als solche im wei- 
testen Umfange ^) auch strafrechtlich geschützt. Die Bestimmungen dieses Kapitels 
bilden in ihrer durchaus mittelalterlichen Tendenz einen seltsamen Anachro- 
nismus und seien deshalb ihren wesentlichen Bestandteilen nach kurz wieder- 
gegeben. Der Versuch, die katholische Religion als Staatsreligion abzuschaffen 
oder zu verändeni, wird in leichten Fällen mit Gefängnis von 2 — 3 Jahren, wenn 



^) Vgl, hierzu oben S. 25. 



§ 4. Der besondere Teil. 35 



im Rückfall begangen, mit schwerem Zuchthaus von 4 — 8 Jahren und, wenn 
der Thäter öffentlicher Beamter ist und in missbräuchlicher Ausübung seines 
Amtes handelte, mit schwerem ausserordentlichem Zuchthaus (16 Jahre) be- 
straft (Art. 159). Die öffentliche Vornahme von religiösen Handlungen, die 
nicht dem katholischen Ritus angehören, zieht leichtes Zuchthaus von 3 bis 
6 Jahren und Landesverweisung für die gleiche Zeitdauer nach sich (Art. 160). 
Mit leichtem Zuchthaus von 3 — 6 Jahren, zu welchem gegen Rückfällige noch 
Landesverweisung für 3 — 6 Jahre hinzukonm[it, wird belegt: 1. wer öffentlich 
zum Ungehorsam gegen religiöse Vorschriften auffordert, 2. wer öffentlich ein 
Sakrament oder Mysterium (misterio) der Kirche verspottet oder zur Miss- 
achtung eines solchen auffordert, endlich 3. wer solche der katholischen Religion 
widersprechende Ansichten oder Grundsätze fortgesetzt verbreitet, die bereits 
vorher von der kirchlichen Obrigkeit (d. h. für Ecuador: von den Jesuiten) 
gemissbilligt waren (Art. 161). Besonders schwer, nämlich mit 16 jährigem 
schwerem Zuchthaus, wird bestraft, wer die Hostie mit Füssen tritt oder zu 
Boden wirft oder auf andere Weise die Form des Abendmahls entweiht (Art. 162j. 
Wer in der Absicht, die Religion zu beschimpfen, die heiligen Bilder und Ge- 
fässe mit i^ssen tritt oder entweiht, hat schweres Zuchthaus von 4 — 8 Jahren, 
wer die gleichen Handlungen mit anderen zum Gottesdienst bestimmten Gegen- 
ständen vornimmt, Gefängnis von 1 — 3 Jahren zu gewärtigen (Art. 163). Wer 
wörtlich oder thätlich religiöse Gebräuche oder Handlungen (ritos ö präcticas) 
verspottet, wird mit Gefängnis bis zu 2 Jahren und Geldstrafe bis zu 160 Sucres 
belegt (Art. 164). Bei allen Verurteilungen auf Grund der Artt. 159 — 164 
muss ausgesprochen werden, dass der Thäter zur Bekleidung irgendwelches 
Lehramtes dauernd unfähig ist (Art. 165). Die Artt. 166 und 167 enthalten 
Strafandrohungen gegen Angriffe auf Geistliche und Störung des Gottesdienstes. 
Zu den Religionsdelikten gehört endlich nach Art. 168 auch die Beteiligung 
an geheimen Gesellschaften (sociedades secretas), die von der Kirche verboten 
sind; die Strafen richten sich nach der Art der Beteiligung und bestehen in 
Gefängnis von 6 Monaten bis zu 3 Jahren und Verbannung von 2 — 6 Jahren 
(Art. 168). Sonderbarerweise ist die Gotteslästerung nur eine Übertretung 
(Art. 601 Nr. 8). Die vorstehenden Strafbestimmungen drücken der Republik 
Ecuador den Charakter eines theokratisch organisierten Staatswesens auf; b(^- 
sonders bezeichnend ist der Art. 168: ein Blankettgesctz , dessen Ausfüllung 
der Kirche überlassen ist; dadurch, dass die Kirchenbehörde eine Gesellschaft 
verbietet, kann sie die Beteiligung daran zu einer strafbaren Handlung 
stempeln. Der Abs. 3 des Art. 161 bedeutet die Auslieferung der Schule an 
die Kjrche auf Gnade oder Ungnade: wer Lehren verbreitet, die von der 
Kirche gemissbilligt werden, wird nicht nur bestraft, sondern auch zur Be- 
kleidung des Lehramts für dauernd unfähig erklärt. Die Artt. 159 — 168 stehen 
in vollster Harmonie mit den bereits erwähnten Vorschriften über die Voll- 
streckung der Todesstrafe und sind, wie diese, symptomatisch für den Geist der 
ecuadorianischen Gesetzgebung. — 3. Delikte der öffentlichen Beamten gegen 
die von der Verfassung gewährleisteten Rechte (Artt. 169 — 178). Das Ka])it(d 
enthält Strafandrohungen gf^gfui ungesetzliche Verhaftungen (Art. 169), Haus- 
friedensbruch begangen in Ausübung des Amtes (Art. 170;, Verhetzung des 
Brief- und Telegrammgeheimnisses (Artt. 171, 172; , endlich in Art. 173 ganz 
allgemeine Schutzbestimmungen gegen alle and(Ten Beeinträchtigungen der 
oben bezeichneten Rechte. Weist der Thäter nach, dass er lediglich einen 
von seinem Vorgesetzten, dem er Gehorsam schuldet, in d(»sscn Amtsbereich 
gegebenen Befehl ausgeführt hat, so wird in den Fällen der Artt. 169 — 173 
nur der Vorgesetzte bestraft (Art. 114). Die Strafen sind auffallend milde 
und erheben sich nicht über 6 Monate Gefängnis und Geldstrafe. Schwerere 

3* 



36 Ecuador. — IT. Das Strafgesetzbuch von 1873. 



Freiheitsstrafen drohen an: Art. 176 (Begehung der vorerwähnten Handlungen 
mittels Fälschung von Unterschriften; Strafe: schweres Zuchthaus von 4 bis 
8 Jahren), Art. 177 (verfassungswidriges Vorgehen gegen gewisse, der gewöhn- 
lichen Gerichtsbarkeit nicht unterstehende Personen; Strafe: Geldstrafe von 
40 — 160 Sucres und Gefängnis von 1 — 3 Jahren) und Art. 178 (Gefangen- 
halten an anderen, als den hierzu bestimmten Orten; Strafe: wie in Art. 177). 

Titel III. Verbrechen und Vergehen gegen Treu und Glauben (contra 
la U publica; Artt. 179—246). Sechs Kapitel. 1. Münzfälschung. 2. Nach- 
ahmung oder Verfälschung von gesetzlich genehmigten Aktien, Obligationen, 
Zinsscheinen und Banknoten. 3. Nachahmung und Verfälschung von Siegeln, 
Stempeln, Formen (punzones), Marken u. s. w. 4. Fälschungen von Urkunden 
und Telegrammen; auch die von Beamten begangenen Fälschungen werden 
an dieser Stelle behandelt. — 5. Falsches Zeugnis und Meineid (Del falso 
testimoilio y del perjurio). Das Gesetz unterscheidet: „falso testimonio": die 
un eidliche falsche Aussage eines Zeugen (strafbar, wenn in einer „causa cri- 
minal" abgegeben, Artt. 233 — 235) — , „perjurio": die unter Eid gemachte 
falsche Angabe eines Zeugen (strafbar in allen Fällen: materia correccional, 
de policia und civil; Artt. 236 — 238; der Fall des „perjurio en materia crimi- 
nal" wird nicht besonders erwähnt, es ist deshalb anzunehmen, dass hierauf 
lediglich die in Art. 233 für falsche Aussagen in Verbrechenssachen überhaupt 
angedroht^ Strafe von 3 — 6jährigem leichtem Zuchthaus Anwendung findet) — , 
„falsa declaraciön": die, eidliche oder im eidliche, falsche Angabe eines Sach- 
verständigen (perito) oder Dolmetschers (interprete) (Art. 239) und „juramento 
falso": der Falscheid der Partei in einer Civilsache (Art. 242)^). Die Vor- 
schriften dieses Kapitels stehen in engem Zusammenhange mit den Grundsätzen 
des Cödigo de enjuiciamientos en materia criminal (vgl. Artt. 47, 56 — 58, 91 ff.) 
über die Beeidigung der Zeugen, Sachverständigen und Dolmetscher. Die 
Höhe der Strafe hängt teils von der Sache ab, in welcher das falsche Zeugnis 
abgelegt ist, teils von der Wichtigkeit der Aussage, teils von ihren Folgen. 
Auch die Bestechung von Zeugen u. s. w. ist strafbar (Art. 240). Wer für 
die falsche Aussage irgendwelche Vorteile erhalten hat, wird neben der Frei- 
heitsstrafe mit Geldstrafe belegt (Art. 241). — 6. Anmassung von Aemtem, 
Titeln oder Namen. 

Titel IV. Verb rechen und Vergehen gegen die öffentliche Ordnung, 
begangen von Beamten in Ausübung ihres Amtes (De los crimenes y 
delitos contra el orden publico cometidos por funcionarios en el ejercicio de 
sus funciones); Artt. 247 — 287; enthält in acht Kapiteln den wichtigsten Teil 
des Beamtenstrafrechts, von dem sich jedoch einzelne Bestimmungen an anderen 
Stellen (vgl. Artt. 169—178, 212, 213, 220, 226, 317 u. a. m.) finden. Wer 
als öffentlicher Beamter anzusehen ist, sagt das Gesetz nicht. — 1. Ungehor- 
sam öffentlicher Beamten gegen die Gesetze und die Befehle ihrer Vorgesetzten 
(De los funcionarios pübücos que no obedccen ö no cumplen las leyes y ördenes 
superiores); Artt. 247 — 249; sehr milde Strafen. — 2. Verbindung (coligaciön) 
von öffentlichen Beamten; strafbar, wenn sie geschieht, um die Vollziehung 
von Gesetzen oder Anordnungen der Vorgesetzten zu verhindern; Artt. 250 bis 
252. — 3. Amtsanmassung (usurpaciön de attribuciones) ; Artt. 253 — 255. — 
4. Unterschlagung und Erpressung im Amte (abusos y concusiones) ; Artt. 256 bis 
263. — 5. Pflichtverletzung im Amte (prevaricaciön), Artt. 264—269, umfasst 
u. a. die Rechtsverweigerung, Rechtsbeugung und die Verletzung des Amts- 



*) Indes wird diese Terminologie nicht völlig kont^equent durchgeführt: in 
Art. 285 wird auch die uneidliche falsche Angabe einer Auskunftsperson (personas 
llamadas A juicio para dar simples datos) als „falsa declaraciön" bezeichnet. 



§ 4. Der besondere Teil. 37 



geheimnisses; letztere wird mit Gefängnis von 1 — 5 Jahren bestraft; — 
6. Passive und aktive Bestechung von Beamten (sobomo ö cohecho); Artt. 
270 — 277; die letztere hat, obwohl nicht zu den von einem Beamten be- 
gangenen Delikten gehörig, aus Zweckmässigkeitsgründen hier Platz gefunden. 
Die zur Bestechung verwendeten Gelder werden eingezogen und der Regierung 
zur Verteilung an Wohlthätigkeitsinstitute überwiesen (Art. 277). — 7. Miss- 
brauch der Amtsgewalt (de los abusos de autoridad); Artt. 278 — 283. — 
Art. 284 enthält eine gemeinsame Bestimmung für Kap. 1 — 7. — 8. Zu 
früher Anfang oder ungesetzliche Verlängerung der Ausübung des Amtes 
(del ejercicio de la autoridad publica ilegalmente anticipado ö prolongado); 
Artt. 285 und 286. — Art. 287 enthält eine generelle Bestimmung für alle 
Amtsdelikte. 

Titel V. Verbrechen und Vergehen gegen die öffentliche Ord- 
nung, begangen von Privatpersonen; Artt. 288 — 335, acht Kapitel. 
1. Rebellion (rebeliön), Artt. 288 — 293, d. h. Widerstand gegen die Staats- 
gewalt. — 2. Thätliche Angriffe auf öffentliche Beamte, Artt. 294 — 306. Der 
gegen den Präsidenten der Republik oder den Inhaber der Exekutivgewalt 
gerichtete Mordversuch wird mit schwerem ausserordentlichem Zuchthause be- 
straft (Art. 294). Die Artt. 302 — 306 handeln von der sogenannten Sitzungs- 
polizei und drohen für ungebührliches Verhalten gegen Behörden und Beamte 
Gefängnisstrafen bis zu 3 Monaten an, die von den mit Jurisdiktionsbefug- 
nissen ausgerüsteten Behörden und Beamten ohne weiteres verhängt werden 
können. — 3. Siegelbruch (rompimiento de seilos), Artt. 307 — 312. — 4. Störung 
der Vornahme öffentlicher Arbeiten (de los embarazos ä la ejecuciön de las 
obras püblicas), Artt. 313 — 315. — 5. Verbrechen und Vergehen der Armee- 
und Marinelieferantcn (proveedores), Artt. 316 — 322. — 6. Pressdelikte (Ver- 
öffentlichung und Verbreitung von Druckschriften ohne Angabe des Namens 
des Druckers, Art. 323. Straffrei bleibt, wer den Drucker nennt, sowie der 
Verkäufer und Verteiler, welcher denjenigen namhaft macht, von dem er die 
Drucksache erhalten hat, Art. 324). — 7. Verbotene Spiele und Verlosungen 
(juegos prohibidos y rifas), Artt. 325 — 329. — 8. Strafbare Handlungen in 
Bezug auf Industrie, Handel und öffentliche Versteigerungen, Artt. 330 — 335. 
Dieses Kapitel enthält u. a. die strafrechtliche Bekämpfung eines Falles des 
unlauteren Wettbewerbes und des Missbrauchs des Koalitionsrechts. Der Ver- 
rat von Fabrikationsgeheimnissen wird, und zwar auch wenn er nach Lösung 
des Dienstverhältnisses begangen ist, mit Gefängnis von 3 Monaten bis zu 
3 Jahren und 16—320 Sucres Geldstrafe bedroht (Art. 330). 

Titel VI. Verbrechen und Vergehen gegen die öffentliche 
Sicherheit; Artt. 336 — 359, fünf Kapitel. — 1. Verbindungen mehrerer zu 
Angriffen auf Personen und Sachen (de las asociaciones formadas con el objeto 
de atentar contra las personas y las propriedades), Artt. 336 — 340. — 2. Dro- 
hungen (amenazas) mit einem Angriff auf Personen oder Sachen, Artt. 341 
bis 345. — 3. Entweichenlassen von Gefangenen (de la evasiön de los dete- 
nidos), Artt. 346 — 351; die Selbstbefreiung wird nicht bestraft; ebenso bleiben 
Personen, welche die Entweichung eines nahen Angehörigen befördern, straflos 
(Art. 349 Abs. 2). — 4. Bruch der Strafe und Verheimlichung von Verbrechern, 
Artt. 352 — 355. Des Bruches der Strafe — quebrantamiento de condena — 
macht sich der unter Polizeiaufsicht Gestellte schuldig, wenn er den ihm nach 
Art. 49 des Strafgesetzbuches obliegenden Verpflichtungen (Beschränkungen 
der Freizügigkeit) zuwiderhandelt. — 5. Landstreicherei und Bettelei (de los 
vagos y mendigos), Artt. 356 — 359. Landstreicher ist nach Art. 356, wer 
weder festen Wohnsitz noch Mittel zur Bestreitung seines Unterhalts hat und 
wer, ohne krank und schwach zu sein, eine regelmässige Beschäftigung nicht 



38 Ecuador. — II. Das Strafgesetzbuch von 1873. 



hat oder ein festes Gewerbe nicht betreibt. Strafe: Stellung unter Polizeiauf- 
sicht für 1 — 3 Jahre (Art. 357). Der Bettler oder Landstreicher, der sich in 
irgendeiner Verkleidung (disfrazado) betreffen lässt, wird mit Gefängnis von 
8 Tagen bis zu 2 Monaten bestraft (Art. 358). Schwerere Strafe ziehen nach 
sich: Benutzung gefälschter Pässe, fälschliches Vorgeben von Krankheiten 
oder Verstümmelungen, Betteln unter Drohungen oder mit Waffen (Art. 359). 

Titel VIL Kontrebande (De los contrabandos), Artt. 360 — 368. 
Wie schon aus der Überschrift des einzigen Kapitels dieses Titels: „De los 
fraudes en la importaciön y exportaciön y en la elaboraciön ö venta de 
articulos prohibidos" hervorgeht, versteht das Gesetz hierunter nicht nur den 
Schmuggel, d. h. die Ein- und Ausfuhr von zollpflichtigen Gegenständen ohne 
Kenntnis der Zollbehörde, sondern auch die unerlaubte Anfeiügung und den 
Verkauf von Gegenständen, deren Anfertigung und Verkauf verboten oder von 
der Erteilung einer Genehmigung abhängig gemacht ist. Art. 366 enthält eine 
Strafandrohung gegen Zollbeamte, welche die vorbezeichneten Handlungen be- 
günstigen. 

Titel Vni. Verbrechen und Vergehen gegen die Familienordnung 
und die öffentliche Moral (contra el orden de las familias y contra la moral 
publica), Artt. 369 — 423; neun Kapitel. 1. Abtreibung (aborto, Artt. 369 bis 
374), besonders schwer bestraft, wenn von einem Arzte, einer Hebamme oder 
von diesen gleichgestellten Personen begangen (Art. 374), milder angesehen 
bei der Schwangeren, die, um ihre Schande zu verbergen, sich die Frucht 
abtreibt oder abtreiben lässt (Art. 372 Abs. 2). — 2. Aussetzung und Ver- 
lassen von Kindern (exposiciön y abandono de nilios), Artt. 375 — 381; ge- 
schützt werden Kinder unter 7 Jahren. — 3. Personen Standsdelikte (que ce 
dirigen ä impedir ö destruir la prueba del estado civil del nifio), Art. 382 
bis 387. — 4. Entführung Minderjähriger (rapto de los menores), Artt. 388 
bis 391. Das Delikt kann an Minderjährigen beiderlei Geschlechts begangen 
werden, es setzt im allgemeinen (Art. 388) voraus, dass Gewalt, hinterlistige 
Kunstgriffe (artificios) oder Drohungen angewendet sind; jedoch ist die Ent- 
führung eines Mädchens über 16 Jahren auch dann strafbar, wenn diese ein- 
willigte (Art. 390). Haben Entführer und Entführte die Ehe geschlossen, so 
findet die Strafverfolgung nicht früher statt, als bis die Ehe endgültig für 
nichtig erklärt ist (Art. 391). — 5. Schamverletzung und Notzucht (Del aten- 
tado contra el pudor, y de la violaciön), Artt. 392 — 404. In diesem Kapitel 
werden behandelt: Vornahme unzüchtiger Handlungen ohne Gewalt mit oder 
an Kindern unter 14 Jahren (Art. 392), Verführung eines unbescholtenen 
Mädchens von 14 — 21 Jahren zum Beischlaf (Art. 393), Vornahme unzüchtiger 
Handlungen mit Gewalt an einer Person des anderen Geschlechts (Art. 394 j, 
Notzucht und Beischlaf mit einer Bewusstlosen (Art. 396, mit dem Tode be- 
straft, wenn mit tötlichem Ausgange verübt, Art. 398), Päderastie (sodomia, 
Art. 399; Strafe: schweres Zuchthaus zwischen 4 und 16 Jahren), Sodomie 
(bestialidad, Art. 400, wird mit 16 jährigem schwerem Zuchthause bestraft), 
öffentliches Zusammenleben im Konkubinat (Artt. 401, 402), Strafe: Gefängnis 
von 6 Monaten bis zu 2 Jahren, bis zu 5 Jahren aber, wenn einer der beiden 
Teile verheiratet war, besondere Verjährungsfrist von 90 Tagen; Straflosig- 
keit tritt ein, wenn vor Verkündung des Urteils die Beteiligten die Ehe 
schliessen oder einer von ihnen stirbt (Art. 404). — 6. Ausbeutung und Ver- 
führung jugendlicher Personen zur Unsittlichkeit, Zuhälterei (De la prostituciön 
ö coiTupciön de la juventud, y de los rufianes), Artt. 405 — 410. Strafbar ist: 
wer gewohnheitsmäsöig die Ausschweifung und die Unsittlichkeit von Minder- 
jährigen beiderlei (Tesclilechts veranlasst, erleichtert odcT fördert (Artt. 405 
bis 408; die Strafen schwanken zwischen zweijährigem Gefängnis und acht- 



§ 4. Der besondftre Teil. 39 



jährigem schwerem Zuchthause, woneben auf Geldstrafe von 16 — 160 Sucres 
zu erkennen ist) ; ferner wer in seiner Wohnung Frauenzimmer aufnimmt, damit 
sie dort aus der Unzucht ein Gewerbe machen können (Art. 409, Gefängnis 
von 1 — 5 Jahren); endlich der gewohnheitsmässige Dimenbeschützer (rufian, 
Art. 410; Strafe: Gef. von 2 — 5 Jahren, daneben Stellung unter Polizeiauf- 
sicht für die gleiche Zeit). Zum Nachweis der Gewohnheitsmässigkeit genügen 
zwei bei verschiedener Gelegenheit in Bezug auf verschiedene Personen vor- 
genommene Beschützungshandlungen. — 7. Verletzung der guten Sitten, be- 
gangen durch Ausstellung, Verkauf oder Verbreitung von Drucksachen u. s. w. ; 
Artt. 411, 412. Der Gesetzgeber hat es für nötig gehalten, ausdrücklich zu 
bemerken, dass die Darstellung des unbekleideten menschlichen Körpers nur 
dann strafbar ist, wenn sie einen sinnlichen oder unanständigen Akt wiedor- 
giebt. — 8. Ehebruch (adulterio), Artt. 413 — 415. Strafbar an der ehebreche- 
rischen Frau und an ihren Mitschuldigen auf Antrag des beleidigten Ehegatten. 
Der Strafantrag ist unzulässig, wenn dieser eingewilligt oder seine Ehefrau 
Verstössen oder verlassen hatte. Strafe für beide Teile: Gef. von 3 — 5 Jahren; 
sie erreicht bei der Frau ihr Ende, sobald der Ehemann sich bereit erklärt, 
sie wieder zu sich zu nehmen. — 9. Eingehung einer ungesetzlichen Ehe 
(celebraciön de niatrimonios ilegales), Art. 416 — 423. Als ungesetzlich gilt 
die Ehe: des bereits Verheirateten und nicht rechtsgültig Geschiedenen; des- 
jenigen, der die Weihen empfangen oder das Keuschheitsgelübde abgelegt hat; 
desjenigen, der eine Ehe schliesst, obwohl Umstände vorliegen, die von der 
Kirche als Ehehindernisse angesehen werden; des Minderjährigen, der eine 
Ehe ohne die erforderliche Genehmigung seiner Gewalthaber eingeht. In 
allen Fällen muss der männliche Teil die Frau, die in gutem Glauben mit 
ihm die Ehe geschlossen hat, ausstatten (Art. 423). 

Titel IX. Verbrechen und Vergehen gegen die Person (contra 
las personas); Artt. 424 — 496; sechs Kapitel. 

1. Vorsätzliche Tötungen und Körperverletzungen; Artt. 424 — 453. In 
Art. 424 wird für die vorbezeichneten Delikte der Begriff der vorsätzlichen 
(voluntario) Handlungsweise bestimmt: „Als vorsätzliche gelten die Tötungen 
und Körperverletzungen, die verübt sind in der Absicht (con la intenciön) eine 
bestimmte Person (persona detemiinada) anzugreifen oder eine Person, welcher 
der Thäter- zufällig, oder indem er sie suchte, begegnet ist, auch wenn die 
Absicht von irgendeinem Unistande oder einer Bedingung abhängig war oder 
der Thäter sich in der Person des Opfers g(»irrt hat". Danach ist der error 
in persona auf die Bestrafung der That ohne Einfluss. — Bei jeder vorsätzlichen 
Tötung (homicidio voluntario) besteht eine Rechtsvennutung dafür, dass der 
Thäter mit Tötungsabsicht (intenciön de matar) gehandelt hat, wenn nicht die 
Umstände der That, die Beschaffenheit der Wunden oder die angewandten 
Werkzeuge dagegen sprechen; in allen anderen Fällen liegt dem Angeklagtf^n 
die Beweisführung ob, dass er ohne diese Absicht thätig geworden ist (Art. 425). — 
Die gleiche Vermutung, jedoch ohne Zulässigkeit des Gegenbeweises, hat dor- 
jenige gegen sich, der einen anderen mittels einer Schusswaffe oder mittels 
vergifteter Pfeile oder Waffen tötet (Art. 426). — Das Gesetz unterscheidet fünf 
Arten der vorsätzlichen Tötung: Totschlag, Mord, Verwandtentötung, Beihülfe 
zum Selbstmord und Körperverletzung mit tötlichem Ausgange. Daneben 
findet die Tötung im Zweikampfe, von welchem später die Rede sein wird, 
eine besondere Behandlung. Totschlag (homicidio simple) ist die in Tötungs- 
absicht (con intenciön de dar la muerte), jedoch ohne Überlegung (preme- 
ditaciön) und ohne hinterlistige, verräterische Handlungsweise (alevosia) aus- 
geführte Tötung. Sie wird mit sechszehnjährigem schwerem Zuchthaus bestraft 
(Art. 427). Mord (asesinato) ist der Totschlag, welcher unter einem der im 



40 Ecuador. — II. Da» Strafgesetzbuch A'on 1S73. 



Art 428 aufgezählten acht erschwerenden Umstände begangen wird; die 
Umstände sind (in der Reihenfolge des Gesetzes): 1. bewnsster Vorbedacht 
fpremeditaciön con cida); 2. Gedungensein; 3. hinterlistige Vorbereitungs- 
handlungen; 4. Handeln aus dem Hinterhalt u. ä.; 5. vorsätzliche Anwendung 
von giftigen und gesundheitsschädlichen Substanzen; 6. Benutzung von ge- 
meingefährlichen Mitteln (Explosion, Überschwemmung u. s. w.) zur Erreichung 
des Zieles; 7. Anwendung von Martern oder grausamen Mitteln; 8. Ausführung 
in räuberischer Absicht oder um die Entdeckung einer anderen Strafthat zu 
verhindern. Strafe : der Tod. Für den bei Gelegenheit oder zur Durchführung 
eines anderen Delikts begangenen Mord haften alle an dem ersteren beteiligten 
Personen, wenn nicht feststeht, wer der Thäter ist und dass die übrigen 
den Mord nicht verhindern konnten (Art. 429). — Verwandtentötung (parri- 
cidio) ist die wissentlich und vorsätzlich (ä sabiendas y voluntariamente) aus- 
geführte Tötung eines ehelichen oder unehelichen Aszendenten, Deszendenten 
oder des Ehegatten und wird mit dem Tode bestraft (Art. 430). — Die Bei- 
hülfe zum Selbstmord wird vom Gesetze ebenfalls als Unterart der Klasse 
„homicidio" aufgefasst und ist strafbar (Art. 431; Gefängnis von 2 — 5 Jahren). 
— Körperverletzung mit Gesundheitsschädigung ohne Tötungsabsicht (heridas 
ö golpes — sustancias adminastradas voluntariamente, pero sin intenciön de 
dar la muerte), aber mit tötlichem Ausgange werden mit Zuchthaus bestraft 
(Artt. 435, 438, 442). 

Die Artikel 432 — 434 dieses Kapitels handeln von den übrigen nicht 
tötlich verlaufenden Körperverletzungen und Gesundheitsbeschädigungen und 
bieten kein besonderes Interesse. Seltsamer Weise behandelt der Gesetzgeber 
an dieser Stelle (Artt. 440 — 443) auch die Gefährdung eines Eisenbahntransports, 
vermutlich weil eine solche meistens Tötungen und Körperverletzungen zur Folge 
hat. Von der vorsätzlichen Vergiftung, d. h. der Verursachung von Krankheit 
oder Arbeitsunfähigkeit durch Beibringung von Substanzen, die geeignet sind, 
die Gesundheit zu zerstören oder zu beschädigen, handeln die Artt. 436 — 439; 
der Versuch ist strafbar. 

Besondere Strafmilderungs- und Strafausschliessungsgründe bei Tötungen 
und Körperverletzungen. — Strafmilderung tritt ein in den Fällen wo diese 
Delikte „entschuldbar" (excusables) (Artt. 445 — 449) d. h. begangen sind 1. 
auf Provokation (Art. 445); 2. bei Zurückweisung eines bei Tage verübten 
Einbruchs oder Hausfriedensbruchs, jedoch nicht, wenn der Thäter von 
vorneherein wissen konnte, dass der Eindringende es auf einen Angriff 
gegen Personen nicht abgesehen habe (Art. 446); 3. bei Ertappung der 
Tochter, Enkelin oder Schwester (wegen des Ehegatten siehe unten) im Un- 
zuchtsakte; die gegen beide Beteiligte begangenen Gewaltthätigkeiten gelten 
als entschuldbar (Art. 447). Jedoch bilden alle diese Umstände keine Milde- 
rungsgründe, wenn die That gegen einen ehelichen Aszendenten oder die un- 
ehelichen Eltern des Thäters gerichtet war (Art. 449^). — Straf ausschliessung 
findet statt, wenn die Rechtswidrigkeit der That ausgeschlossen, die Handlung 
„gerechtfertigt" (justificado) war (Artt. 450 — 453). Rechtfertigungsgründe sind: 
1. Notwehr, vom Gesetze in Art. 450 richtig definiert als „gegenwärtige Not- 
wendigkeit der rechtmässigen Verteidigung seiner selbst oder eines anderen" 
(necesidad actual de la legitima defensa de si mismo ö de otro), dann aber 
in Art. 451 auf bestimmte Fälle beschränkt (Verteidigung gegen Raub oder 
Plünderung mit Gewalt und gegen nächtlichen Einbruch oder Hausfriedens- 
bruch); 2. Betreffen eines Diebes auf frischer That oder im Besitz der ge- 



*) Art. 449 spricht nicht nur von einem „padre naturale", sondern auch von einer 
.madre naturale**. 



§ 4. Der besondere Teil. 41 



stohlenen Sache, jedoch nur im Falle leichter Körperverletzung (Ai't. 452); 
3. Betreffen des Ehegatten beim Ehebruch. 

2. Kap. 2 (Artt. 454 — 459) behandelt die fahrlässigen, d. h. nichtvor- 
sätzlichen (involuntarias) Tötungen und Körperverletzungen. Fahrlässig han- 
delt derjenige, welcher die Tötung oder Verletzung aus Mangel an Aufmerk- 
samkeit oder Vorsicht (por falta de previsiön ö precauciön) aber ohne Tötungs- 
bezw. Verletzungsabsicht (sin intenciön de atentar contra la persona de otro) 
herbeiführt (Art. 454). Art. 457 enthält die Strafandrohung gegen fahrlässige 
Vergiftung. Auch in diesem Kap. kehrt die Behandlung der Eisenbahntrans- 
portgefährdung (Art. 458) wieder. — Nach Art. 459 ist die Strafbarkeit aus- 
geschlossen, wenn die Tötung oder Verletzung rein zufällig (puramente casuale), 
unvermeidlich und unverschuldet (cometido de una manera inevitable 6 in- 
culpable) war. — 

3. Zweikampf (duelo); Artt. 460 — 466. Strafbar ist auch die Heraus- 
forderung zum Zweikampf (Art. 460; nicht die Annahme der Herausforderung), 
die öffentliche Beschimpfung wegen verweigerter Annahme einer Forderung 
(Art. 461) und die Beteiligung als Zeuge (Art. 464). Neben der Hauptstrafe 
(Gefängnis) werden Geldstrafen bis 160 Sucres angedroht. Erhöhte Strafe trifft 
denjenigen, der durch eine Beleidigung die Herausforderung veranlasst hat 
(Art. 462). Die Strafbarkeit tritt ein, sobald einer der Beteiligten auch nur 
von der Waffe Gebrauch gemacht hat (hubiere hecho uso de sus armas contra 
el adversario, Art. 463); die im Zweikampfe verursachten Tötungen und Ver- 
letzungen werden nach den für diese gewöhnlich geltenden Regeln bestraft 
(Art. 464). Die wiederholte Begehung der in diesem Kapitel behandelten Straf - 
thaten binnen 5 Jahren nach der Vollstreckung oder Verjährung der früheren 
Strafe hat die Verurteilung zu dem Höchstmass der angedrohten Strafen zur 
Folge; es kann sogar auf den doppelten Betrag erkannt werden. 

4. Die von Privatpersonen begangenen Angriffe gegen die individuelle 
Freiheit (libertad individual) und den Hausfriedon (inviolabilidad del domicilio); 
Artt. 467 — 475; Freiheitsberaubung und Hausfriedensbruch. — Die Strafen 
des letzteren sind unverhältnismässig hoch und betragen für den einfachen 
Hausfriedensbruch (Art. 472) Gefängnis von 15 Tag(*n bis 2 Jahren und Geld- 
strafe von 8 — 40 Sucres, für den qualifizierten Hausfriedensbruch (wenn be- 
gangen auf Grund eines gefälschten obrigkeitlichen Befehh^s, oder unter der 
Maske eines Beamten oder von mehreren Bewaffneten zur Nachtzeit, Art. 473) 
Gefängnis von 6 Monaten bis zu 5 Jahren, Geldstrafe von 20 — 80 Sucres und 
Zulässigkeit der Polizeiaufsicht für 3 — 6 Jahre. 

5. Ehrverletzungen (De los atentados contra la honra y la consideraciön 
de las personas); Artt. 476 — 490. Das Gesetz (Art. 476) unterscheidet: üble 
Nachrede, calumnia — die Behauptung, jemand habe eine bestimmt bezeich- 
nete Handlung begangen, die ihn einer Strafverfolgung wegen Verbrechens 
oder Vergehens aussetzen oder für ihn Unehre, Verachtung, Schande oder 
irgend einen anderen Nachteil nach sich ziehen würde (die nicht erweislich 
wahre Anzeige bei einer Behörde ist kein selbständiges Delikt, sondern ein 
Fall der „calumnia"; Art. 480) — und Beleidigung, injuria: die Behauptung 
einer unbestimmten Thatsache (Verbrechen, Vergehen, Laster, Handlung, Um- 
stand), die geeignet ist, dem Beleidigten irgendeine Verantwortlichkeit, Schande, 
Kränkung (afrenta), Missachtung, Hass oder öffentliche Verachtung zuzuziehen; 
ausserdem gilt die thatsächliche Beleidigung als „injuria". Der Wahrheits- 
beweis ist im allgemeinen zugelassen, unterliegt aber der Beschränkung, dass 
eine Behauptung über das Leben des Beleidigten, sofern sie nicht dahin geht, 
dieser huldige notorisch einem Laster, führe einen unsittlichen Lebenswandel oder 
habe sich eines Verbrechens oder Vergehens gegen das Eigentum oder gegen das 



42 Ecuador. — II. Das Strafgesetzbuch von 1873. 



Leben schuldig gemacht, nur durch ein rechtskräftiges Urteil oder eine andere 
öffentliche Urkunde als wahr nachgewiesen werden kann (Art. 484). Ist die 
behauptete Handlung Gegenstand einer an die Behörde gerichteten Anzeige oder 
eines noch nicht erledigten Strafverfahrens, so wird das Verfahren wegen übler 
Nachrede bis zur endgültigen Erledigung dieses Verfahrens eingestellt (Art. 485). 
Bei wechselseitigen Beleidigungen Zug um Zug (cuando las injurias fueren reci- 
procas en el mismo acte) ist, ohne Rücksicht auf die Schwere der Beleidigungen, 
kein Beteiligter zur Stellung des Strafantrages berechtigt (Art. 482). Das 
Strafverfahren ist femer unzulässig wegen der bei Gericht mündlich oder in 
Schriftsätzen zum Zwecke der Verteidigung oder Rechtsverfolgung gebrauchten 
beleidigenden Ausdrücke; sie können jedoch vom Gericht auf der Stelle ge- 
tadelt werden (Art. 488). Nach der — wohl zu weit gehenden — Bestim- 
mung des Art. 489 können sich Eltern, Vormünder, Pfleger, Dienstherren, 
Lehrer, Vorsteher von Erziehungs-, Besserungs- und Strafanstalten einer Be- 
leidigung ihrer Kinder, Pflegebefohlenen u. s. w. nicht schuldig machen. — 
In Art. 490 werden Handlungen, welche die Pietät verletzen (Grabschändung), 
mit Strafe bedroht. — 

6. Einige andere Delikte gegen die Person (Artt. 491 — 495): Beimischung 
von lebensgefährlichen oder gesundheitsschädlichen Substanzen zu Gegen- 
ständen, welche zum Verkauf bestimmt sind, Verletzung von anvertrauten 
Geheimnissen seitens der Ärzte, Apotheker, Hebammen u. s. w., sowie des Brief- 
geheimnisses ; die für die letzteren angedrohten Strafen finden jedoch (nach 
Art. 496 Abs. 2) keine Anwendung auf Ehemänner, Väter, Vormünder oder 
deren Vertreter und geistliche Obere bezüglich der Korrespondenz ihrer Ehe- 
frauen, Kinder, Pflegebefohlenen oder Untergebenen. 

Titel X. Eigentumsdelikte (Artt. 497—589); drei Kapitel. 1. Dieb- 
stahl und Erpressung; Artt. 497 — 525. Diebstahl (robo) ist: rechtswidrige 
Wegnahme einer fremden Sache in Aneignungsabsicht (el que sustrajere frau- 
dulentamente , con Animo de^apropiarse, una cosa que no le pertenece — 
Art. 497). Der zur Erleichterung der Ausführung eines Raubies oder einer 
Erpressung oder zur Erlangung der Straflosigkeit begangene Totschlag wird 
mit Todesstrafe bedroht (Art. 512). — 2. Betrügerische Handlungen (fraudes); 
Artt. 526 — 547; umfasst u. a. Bankerutt (quiebra), Vertrauensmissbrauch und 
Unterschlagung (abuso de confianza, hierunter fällt z. B. auch die Ausbeutung 
der Not, der Unerfahrenheit und der Leidenschaft Minderjähriger, zur Ver- 
schaffung von Vermögensvorteilen), Betrug und Täuschung (estafa y engaÄo). 
Die Materie ist durchaus kasuistisch geregelt; es finden sich in dem Abschnitt 
über Betrug und Täuschung Strafandrohungen gegen die Verausgabung un- 
echter Münzen und gegen die Verfälschung von Is"ahi-ungs- oder Genussmitteln, 
die schon in früheren Abschnitten des Gesetzes behandelt sind oder wenigstens 
hätten behandelt werden sollen. Einen besonderen Deliktsthatbestand bildet 
die Verbergung von Gegenständen, die mittels einer strafbaren Handlung er- 
langt sind; Artt. 543, 544. — 3. Zerstörung, Verschlechterung und Beschä- 
digung von Gegenständen (destrucciones, deterioros y dafios); Artt. 548 — 589. 
Die schwersten Fälle der Brandstiftung (incendio) werden mit dem Tode bestraft 
(Art. 548). 

Titel XL Übertretungen (Artt. 590 — 604). Sie zerfallen in vier 
Klassen, je nachdem sie bedroht sind: mit Geldstrafe von 0,2 — 1,6 Sucres und 
Gef. von 1 — 3 Tagen oder einer dieser beiden Strafen (I. Klasse), 1,6 bis 
3,2 Sucres und Gef. von 1 — 4 Tagen oder einer dieser beiden Strafen (IL Klasse), 
3,2 — 4,8 Sucres und Gef. von 1 — 5 Tagen oder einer dieser beiden Strafen 
(III. Klasse), Geldstrafe von 8 — 20 Sucres und Gefängnis von 3 — 7 Tagen 
oder einer dieser beiden Strafen (IV. Klasse). Aus der letzten Klasse sind zu 



§ 5. Spezialstrafrecht. 43 



erwähnen die in Art. 601 unter Nr. 6 — 9 aufgeführten Übertretungen: Aus- 
grabung von Leichen um sie zu verstümmeln oder sie zu entweihen, Ent- 
w^eihung von Kirchen und Friedhöfen durch unsittliche oder unanständige 
Handlungen, Lästerung oder Verächtlichmachung Gottes, der Jungfrau Maria, 
der Heiligen, der Dogmen und geweihten Gegenstände, Ruhestörung in Kirchen 
oder zum Gottesdienst bestimmten Räumen (lugares religiosos). 

III 

§ 5. Spezialstrafrecht. 

Ausser dem Strafgesetzbuche enthalten u. a. die im Folgenden erwähnten 
Gesetze Bestimmungen, welche für das Strafrecht von Bedeutung sind. Auf sie 
finden, wenn nicht etwas anderes ausdrücklich angeordnet ist, die Bestimmungen 
des allgemeinen Teils des Straf gt^setzbuches Anwendung; jedoch gilt dieser 
Grundsatz nicht für die Umwandlung der in Zoll- und Steuersachen ange- 
drohten Geldstrafen (Strafgesetzbuch Art. 117). 

1. Die Strafprozessordnung (in der revidierten Fassung vom 9. September 1889) 
regelt in Artt. 2 — 5 das sog. internationale Strafrecht. Der Gerichtsbarkeit der 
Republik unterliegt jeder, Inländer oder Ausländer, der innerhalb des Staats- 
gebietes eine strafbare Handlung begeht mit Ausnahme der in Art. 2 No. 1 
Abs. 2 genau bezeichneten sog. „Exterritorialen"; ausserdem sind aber die 
ecuadorianischen Gerichte zuständig für die Aburteilung: a) der von ecuado- 
rianischen diplomatischen Beamten, ihren Angehörigen und ihrer Begleitung 
(comitiva) im Auslande begangenen, sowie der von den Konsularbeamten der 
Republik in Ausübung ihres Amtes im Auslande begangenen Delikte; b) der 
von Inländern oder Ausländern, welche sich an Bord eines ecuadorianischen 
Fahrzeuges befinden, auf hoher See oder in ecuadorianischen Gewässern, so- 
wie der an Bord eines ecuadorianischen Kriegsschiffes in fremden Gewässern 
begangenen Delikte; c) der Seeräuber, welche von Gerichten eines anderen 
Staates noch nicht abgeurteilt sind; d) gewisser im Auslande von Ecuadorianern 
oder Ausländern begangenen Delikte (Angriffe auf die Sicherheit der Republik, 
Fälschung von Siegeln, Münzen und Papiergeld); e) der von einem Ecuadorianer 
begangenen Verbrechen, wenn der Thäter das Gebiet der Republik betritt, 
der Geschädigte die Bestrafung beantragt und nicht bereits im Lande der 
Begehung ein Strafverfahren stattgefunden hat. 

2. Gesetz vom 17. April 1884 über die Verfolgung der von den höchsten 
Beamten der Republik begangenen strafbaren Handlungen. Die Erhebung der 
Anklage erfolgt durch Beschluss der Nationalversammlung, die Aburteilung durch 
den Höchsten Gerichtshof. (Vgl. Ann. de Mgislation ötrangfere Bd. 16 S. 910). 

3. Stempelgesetz vom 28. August 1886. 

4. Gesetz vom 3. August 1887 über das litterarische und künstlerische Eigen- 
tum (Analyse desselben im Annuaire 16gislation ^trangfere Bd. 17 S. 951 — 953). 

5. Gesetz vom 20. August 1887 über die Ausübung des Begnadigungsrechts. 
Das Recht der Begnadigung steht dem Präsidenten der Republik zu und ist 
wegen bestimmter Verbrechen (Seeraub, Mord, Brandstiftung, Münz- und Ur- 
kundenfälschung u. a. m.) sowie gegen bestimmte Personen (öffentliche Beamte) 
ausgeschlossen oder doch nur in Ausnahmefällen (dem Lande geleistete Dienste, 
hervorragende künstlerische oder technische Leistungen) zugelassen. Sie ist 
abhängig davon, dass der zu Begnadigende sich gut geführt und mindestens 
zwei Dritteile der erkannten Strafe verbüsst hat. (Vgl. Annuaire de lögislation 
^trang^re Bd. 17 S. 953 und oben S. 32.) 



IV. 



VENEZUELA 



Nach Mitteilungen von 

Dr. Francisco Oclioa, 

UnlTenitAtoprofeBsor und Anwalt in Maracaibo (Venezuela), 

bearbeitet von 

Dr. Ernst ßosenfeld, 

GeriehtsasflesBor und Privatdozent in Halle a. S. 



Übersicht. 



§ 1. Geschichtlicher Überblick. 

§ 2. Die Abfassung des Strafgesetzbuches von 1873. 

§ 3. Der allgemeine Teil: Das Verbrechen. 

§ 4. Das Strafensystem. 

§ 5. Die einzelnen Verbrechen. 

§ 6. Die Übertretungen. 



§ 1. Geschichtlicher Überblick. 

Seit seiner Entdeckung durch Columbus gehörte Venezuela zu den 
spanischen Kolonieen und stand folglich unter spanischer Gesetzgebung. Nach 
der Unabhängigkeitserklärung vom 5. Juli 1811 und der endgültigen Los- 
lösung vom Mutterlande (1819) bildete es einen Teil der grossen kolum- 
bischen Republik, bestehend aus Nueva Crranada, Venezuela und 
Ecuador. Aus jener Zeit ist auf strafrechtlichem Gebiete das Gesetz vom 
3. Mai 1826, über Verfahren und Strafen beim Diebstahl, wegen seiner ausser- 
ordentlichen Härte erwähnenswert, sowie die Verordnung vom 20. Februar 1828 
wider Verschwörer. 

Während des weiteren Laufes seiner politischen Entwickelung, von 1830 
an, als Venezuela mit der Auflösung Kolumbiens souverän wurde, bis 1864, 
wo es durch ein neues Grundgesetz die verfassungsrechtliche Gestalt eines 
Bundes von Freistaaten erhielt, kam ein umfassendes Strafgesetzbuch nicht 
zustande. Im Strafprozesse wurde als Teil der Prozessordnung ein auf Ge- 
schworenengerichte berechnetes Gesetz vom 1. Juni 1850 erlassen. Jedoch sind 
bis auf den Teilstaat TAchira auch jetzt Geschworenengerichte in Venezuela 
unbekannt. Im materiellen Strafrechte galt das gemein - spanische Strafrecht 
weiter, die Siete Partidas, die Nueva und Novisima Recopilaciön 
(vgl. die Darstellung des spanischen Strafrechts in Bd. 1, namentlich S. 496 ff.), 
überhaupt die Masse der abändernden Gesetze, Erlasse, Verordnungen und 
Patente, denen bis zum 18. März 1808 die spanische Herrschaft auch für 
Venezuela Gültigkeit gab. 

Daneben wurden, je nach dem Bedürfnisse, durch Spezialgesetze die am 
häufigsten vorkommenden Verbrechensarten geregelt, besonders häufig in dem 
von Bürgerkriegen vielfach zerrissenen Lande die Materie des Hochverrates 
und der Staatsverschwörungen. Den Gesetzen vom 14. Oktober 1830 und 
15. Juni 1831, die für die oberste Klasse der traidores y conspiradores 
noch die Todesstrafe festhielten, folgte das Gesetz vom 3. April 1849, das 
die Todesstrafe abschaffte und in der neuen Einteilung der erwähnten Ver- 
brechensgruppe Verbannung auf Lebenszeit als schwerste Strafe kennt. Auch 
diese ist in den die Materie des „Hochverrates und der R(ibellion" abermals 
neu ordnenden Gesetzen vom 13. Juni 1865 und 18. Mai 1867 geschwunden: 
höchste Strafe ist die Zwangsarbeit Tpresidio). — Eine nahestehende Ver- 
brechensgruppe behandelt das Gesetz vom 25. April 1845: Landfriedensbruch 
und Aufruhr; bei bewaffnetem Widerstand gegen die Staatsgewalt treten die 
Verratsstrafen ein. 

Die Unsicherheit des Eigentums und das Auftauchen abenteuernder 
Existenzen unter zerrütteten politischen Zuständen erklären, warum das Kapitel 
der Diebstähle und das Vagantc^nwesen demnächst die volle Kraft der Gesetz- 
gebung in Venezuela in Anspruch nahmen. Beides regelte das dem alten 
kolumbischen Gesetz von 1826 derogierende Gesetz vom 23. Mai 1836. Die 






48 Venezuela. — § 2. Die Abfassung* des Strafgesetzbuches von 1873. 



Summe von 100 Pesos begründete den Unterschied zwischen kleinem und 
grossem Diebstahl; die Straf abstufungen waren: 

bis zu 100 Pesos: 25 Peitschenhiebe u. 6 Monate Zwangsarbeit, 

„ „ 500 „ 50 „ „ 2 Jahre 

r „ 1000 . 50 „ „ 4 „ 

über 1000 „ 75 „ „ 6 

Die Landstreicher und Domizillosen wurden auf 2 — 3 Jahre zum Strafdienst 
im Heere oder der Marine bestimmt. 

Erst die zwei Gesetze vom 1. April 1845 behandelten die beiden Delikts- 
gruppen gesondert. Gegen die Beschäftigungs- und Domizillosen (vagos) 
wurde neben Haftstrafe die Verpflichtung ausgesprochen, auf 2 Jahre als 
Taglöhner, Knecht oder Lehrling eines Handwerkes sich den Lebensunterhalt 
zu gewinnen, sofern sie nicht öffentliche Zwangsarbeit gewärtigen wollten. 
Das Diebstahlgesetz vom 1. April 1845 kannte neben grossem Diebstahl (über 
100 Pesos) 4 Arten schweren Diebstahls: Bandendiebstahl, der den öffent- 
liehen Rechtsfrieden stört, bewaffneten Diebstahl, Diebstahl mittels Einbruchs 
oder falscher Schlüssel, Diebstahl zur Nachtzeit oder seitens Mehrerer. 



§ 2. Die Abfassung des Strafgesetzbuches von 1873. 

Durch die Verordnungen vom 7. April 1835, 18. April 1843, 23. April 
1853, 17. August 1863, 27. Oktober 1868 und 9. September 1872 wurden 
Ausschüsse zur Abfassung nationaler Gesetzbücher eingesetzt. Der Entwurf 
zu einem Strafgesetzbuche für Venezuela wurde schliesslich nach dem Muster 
des spanischen von 1850 von den Lizentiaten Cecilio Acosta und Juan 
Pablo Rojas Paul verfasst und von dem Präsidenten, General Guzmän 
Blanco am 20. Februar 1873 bestätigt. Seit dem 27. April 1873 steht er 
als Strafgesetzbuch in Kraft; vom gleichen Tage datiert auch eine neue Straf- 
prozessordnung. 

Die Basis des Strafgesetzbuches ist, wie angedeutet, das spanische von 
1850; sehr empfindlich ist aber der Mangel an allem weiteren Material. Pro- 
tokolle der Kommissionssitzungen, aus denen die gehaltenen Diskussionen, die 
verschiedenen über zweifelhafte Punkte geäusserten Ansichten und die end- 
gültigen Beweggründe des Gesetzgebers sich ersehen Hessen, und die mannig- 
faches, zum richtigen Verständnis der Bestimmungen nötiges Licht verbreiten 
würden, sind niemals, wie in anderen Ländern, veröffentlicht worden. 

Vier Abänderungsgesetze zum Strafgesetzbuche sind seit 1873 ergangen: 
1. am 20. März 1882 erhielten die §§ 115—143 „Verbrechen gegen die Un- 
abhängigkeit, Unversehrtheit und öffentliche Ordnung der Nation und der 
Einzelstaatcn" ihre heutige Fassung; 3. das Gesetz vom 4. Juni 1884 änderte 
die §§ 468 — 473 über Seeräuber und Räuberbanden (agavillamiento) ab; 
3. die §§ 238 — 252 über die Verantwortlichkeit der Beamten der Bundes- 
staaten, der Präsidenten und hohen Beamten der Einzelstaaten wurden durch 
Gesetz vom 30. Juni 1891 umgestaltet; 4. das Gesetz vom 9. Juli 1891 hat 
die §§ 307 — 311 „Verbrechen der Beamten gegen Privatpersonen und durch 
Verletzung der in der Verfassung gewährleisteten Rechte" neu redigiert. 

Der einzige bisher vorhandene und auch der gegenwärtigen Darstellung 
zu Grunde liegende Kommentar zum Strafgesetzbuche ist die von Francisco 
Ochoa verfasste Exposiciön del Cödigo penal Venezolano (Maracaibo 1888. 
549 Seiten). Dieser Kommentar ist von der Regierung als offizieller Studier- 
text für die Universitäten und Kollc^gien dos Bundesstaates eingeführt worden. 



§ 3. Der allgemeine Teil: Das Verbrechen. 49 



Ausser dem wörtlichen Abdruck des Gesetzes enthält er eine Erläuterung und 
logische Rechtfertigung, öfters auch eine Kritik seiner Bestimmungen. Von 
den Abänderungsgesetzen sind die beiden ersten schon hier behandelt; der 
Text der letzten beiden ist zu finden in der Gaceta Oficial, No. 5304 und 
5305 (Caracas, den 15. und 16. JuU 1891). 

Von Literatur sind ausser einigen Abhandlungen in der Zeitschrift „Ei 
Mentor" (Urdaneta über Pressfreiheit, Portillo und Monteil Pulgar über 
Geschworenengerichte) nur die strafrechtlichen Aufsätze in Ochoa, Estudios 
juridicos, Maracaibo 1892 zu erwähnen. Mitteilungen über die venezolanische 
Gesetzgebung seit 1889, in denen teilweise auch das Strafrecht berücksichtigt 
ist, enthält das von der Soci6t6 de 16gislation compar6e zu Paris herausge- 
gebene Annuaire de lögislation ötrangfere Bd. 19 S. 957 — 965 (Gesetze aus 
1889); Bd. 21 S. 987—990 (Gesetze aus 1891); Bd. 23 S. 824—846 (enthält 
die französische Übersetzung der Verfassung vom 21. Juni 1893, deren Be- 
stimmungen z. T. für das Strafrecht grundlegende Bedeutung haben); Bd. 24 
S. 968—978 (Gesetze nichtstrafrechtlichen Inhalts aus 1894); Bd. 25 S. 868—871 
(Inhaltsangabe des Bankgesetzes vom 7. Mai 1895; Straf bestimmungen: Art. 33 . 
bis 39). Eine Zusammenstellung der älteren Gesetzgebung enthält: Recopilaciön 
de leyes y decretos de Venezuela (1830 — 1873) formada de örden del General 
GuzmÄn Blanco; 6 Bde., amtliche Ausgabe, Caracas 1874. 



§ 3. Der aUgemeine Teil: Das Verbrechen, (Buch I, Titel I.) 

I. Der enge Zusammenhang mit dem spanischen Strafgesetzbuche von 
1850 rechtfertigt die Hervorhebung nur der wichtigsten Abweichungen von 
diesem letzteren, das in dem heute geltenden spanischen Strafgesetzbuche 
nach unserer im ersten Bande (S. 502 ff.) enthaltenen Darstellung nur eine 
erneute Redaktion gefunden hat, und dessen Grundsätze somit unter Spanien 
zu ersehen sind. — Die Zweiteilung der strafbaren Handlungen in Verbrechen 
(delitos, Art. 1, mit schwerer Strafe, pena grave, bedroht) und Übertretungen 
(faltas, Art. 2, mit leichter Strafe, pena leve, bedroht) ist konsequenter als 
im spanischen Gesetzbuche und ungestört. Die fahrlässigen Strafthaten stehen 
als Quasidelikte erst am Schlüsse des Strafgesetzbuches unter den „ergän- 
zenden Bestimmungen"; sie werden (Art. 575) mit Yg — V2 ^^^ ^^^ ^^^ ^^" 
sichtlich begangene Straf that angesetzten Strafe geahndet. Art. 11 (entsprechend 
spanisches Strafgesetzbuch Art. 7) schliesst die Spezialdelikte aus dem Straf- 
gesetzbuche aus, wobei zu bemerken ist, dass nach der Bundesverfassung 
Art. 14, No. 16 die Freiheit der Meinungsäusserung durch die Presse keinerlei 
Einschränkungen unterliegt, und dass daher Pressstrafgesetze unmöglich sind. 
Demgemäss hat dann auch eine Deklaration des Hohen Bundesgerichtshofs 
(Alta Corte Federal) vom 20. Mai 1885 den auf die Pressdelikte bezüglichen 
Passus des Strafgesetzbuches Art. 11 als verfassungswidrig ausgemerzt. Soviel 
zu Titel I, Kap. 1: Von den Verbrechen und den Übertretungen. 

II. Kap. 2 (Von den für Verbrechen u. Übertretungen verantwortlichen 
Personen) enthält abweichend von den Grundsätzen des spanischen Strafgesetz- 
buches, wo diese Materie in das Gerichtsverfassungsgesetz verwiesen ist, auch 
die Bestimmungen über das räumliche bezw. persönliche Geltungsgebiet des 
Strafgesetzbuches (Art. 17 u. 18 Z. 1 — 13). 

m. Kap. 3 — 5 behandeln die Ausschliessungs-, Milderungs- und Er- 
höhungsgründe der Strafe. Art. 21 Z. 1 (span. Art. 8 Z. 1 Bd. 1 S. 507) zieht 
ausdrücklich die Schlaftrunkenheit mit herein und beti'achtet in allgemeiner 
Wendung jede „gänzliche Beraubung der Sinneskraft" als entschuldigend, 

Strafgesetzgebimg der Gegenwart. II. ^ 



50 Venezuela. — § 4. Das Strafensystem. 



worunter also auch die höchsten Grade der Trunkenheit zu bringen wftren. 
Die absolute Zurechnungsunfähigkeit erstreckt sich bis zum Lebensalter von 
10 Jahren (Z. 2). Art. 20 besagt, dass Rechtsunwissenheit nicht vor Strafe 
schützt. Die genaue Aufzählung der Strafzumessungsgründe rechtfertigt Ochoa 
(S. 113) mit den Worten des Baco: Optima lex est quae minimum relinquit 
arbitrio judicis (vgl. Bd. 1 S. 508 f., 514). Zu den mildernden Umständen ge- 
hört auch die bisherige Unbestraftheit (Art. 21 Z. 8). Von der Befugnis 
analoger Ausdehnung wird im Gegensatz zur spanischen Praxis häufig Ge- 
brauch gemacht; sie besteht auch für die erschwerenden Umstände (Art. 22 
Z. 22). Der Begriff der circunstancias mixtas (Bd. 1 S. 509) fehlt. 

IV. Kap. 6 (Artt. 24 — 29) handelt von den für Verbrechen u. Über- 
tretungen civilrechtlich haftenden Personen; Kap. 7 (Artt. 30 — 39) von 
Wirkungen und Umfang dieser Haftung. Vgl. spanisches Strafgesetzbuch 
Artt. 18—21, 121—128. 



§ 4. Das Strafensystem. (Buch I, Titel 11.) 

I. Einem kraftvoll wirkenden Repressivsystem ist in Venezuela ein starker 
Riegel durch die Bundesverfassung vorgeschoben. Darein, dass diese die Todes- 
strafen, die infamierenden und alle lebenslänglichen Strafen abschafft, würde 
man sich noch allenfalls finden können; aber sie gestattet als Höchstmass 
überhaupt nur eine Freiheitsstrafe von 10 Jahren Dauer! Und an diesem 
Prinzip wird unverbrüchlich festgehalten, in allen Fällen der Realkonkurrenz 
(Art. 70); ebenso bei Umwandelung einer schweren Freiheitsstrafe wegen 
physischen Unvermögens, sie zu überstehen, in eine leichtere unter Verlänge- 
rung der Dauer um V* — Vs i^^- ^3)- ^^^ einzige Ausnahme bietet Art. 91 
für den Fall des Bruches der Strafe (quebrantamiento de sentencia, s. Bd. 1 
S. 510, Spanien § 5 VIII), wo die Gesamtsumme der ursprünglichen und der 
zusätzlichen Strafen auch bei mehreren Ausbrüchen höchstens 15 Jahre betragen 
kann. Daneben stehen noch weitgehende ÄlUderungen, wie die, dass bei 
Jugendlichen unter 15 Jahren die Freiheitsentziehungsstrafen auf die Hälfte, die 
Freiheitsbeschränkungsstrafen auf ein Viertel sich verkürzen (Art. 75); dass für 
Greise über 70 Jahre das verfassungsmässige Höchstmass von 10 auf 3 Jahre 
sinkt (Art. 106); dass bei Freiheitsentziehungsstrafen, wenn Y^ verbüsst sind, 
das letzte Viertel durch ein nicht anfechtbares Urteil des Gerichts auf Antrag 
des Verurteilten erlassen wird, wenn er keinen Fluchtversuch gemacht hat 
und Anzeichen sittlicher Besserung vorliegen (Art. 111, also keine bedingte 
Entlassung). 

Die Resultate dieser stark beschränkten Repressivgewalt des Staates sind 
sehr schlecht. Dazu kommt, dass Entweichungen der gefährlichsten Verlttecher 
an der Tagesordnung sind, dass hygienische Veranstaltungen kaum existieren, 
dass eine Trennung von anderen Gefangenen oft nicht einmal bei den ver- 
schiedenen Strafarten und weder bei politischen Verbrechern, noch bei Jugend- 
lichen, noch bei Untersuchungsgefangenen stattfindet. Von ernstem Arbeits- 
zwang, von Erziehungsversuchen ist keine Rede. Derartige Zustände herrschen 
nicht blos in den in der Hauptstadt jedes Staates befindlichen presidios abiertos 
(Zwangsarbeitsanstalten mit Aussenarbeit), sondern auch in den 3 Zentral- 
anstalten der Bundesrepublik zur Verbüssung der Zwangsarbeit mit Innen- 
arbeit (presidio ccrrado) : Festung San Carlos, Secciön Zulia ; Kastell Libertador 
in Puerto Caballo, und Festung Santiago in Aniaya, Secciön Cumanä — das 
sog. westliche, mittere und östliche Penitentiärgefängnis (Penitenciarias de 
Oecidente, del Centro y de Oriente). 



§ 4. Das Straf ensvstem. 51 



Schon zweimal hat Ochoa (in seiner Exposiciön S. 173 und in dem Auf- 
satz Establecimientos penales in den Estudios juridicos S. 79 ff.) sein ver- 
nichtendes Urteil über das venezolanische Gefängniswesen in die Sätze zu- 
sammengefasst: „In diesen Anstalten besteht keinerlei durchgreifende Über- 
wachung, um aus ihnen den schrecklichen Krebsschaden des Hazardspielens 
und Schnapstrinkens zu verjagen, was die hervorstechende, wenn nicht einzige 
Beschäftigung der Zwangsarbeitssträflinge zu sein scheint, und um die Wir- 
kungen dieser düsteren Verbrecherschlupfwinkel abzuschwächen, in denen 
immer neue Verbrechen ersonnen und Ansteckungen ausgebreitet werden, die 
dem Sühnegedanken ins Gesicht schlagen." ^) 

n. Der Titel von den Strafen enthält im Kap. I Artt. 40 — 46 allge- 
meine Bestimmungen. Nach Art. 41 hat ein dem Schuldigen günstiges Gesetz 
rückwirkende Kraft, auch wenn das Urteil rechtskräftig ist oder die Voll- 
streckung begonnen hat; dies bezieht sich also auch auf den Fall, wo eine 
bisher verbrecherische Handlung durch ein neues Gesetz diesen Charakter 
verliert. 

in. Kap. 2 Artt. 47 — 63 giebt die Aufzählung der Strafmittel, Kap. 4 
Artt. 72 — 80 bestimmt Dauer und Wirkungen, Kap. 5 Artt. 81 — 86 die Neben- 
strafen. Körperliche Strafen d. h. Freiheitsentziehungs- (vgl. Artt. 113, 56 bis 
59, 68, 69, 72, 103 — 105) und Freiheitsbeschränkungsstrafen sind (Art. 48): 
1. Zwangsarbeit mit Innenarbeit (presidio cerrado; Inhalt Art. 53, Nebenstrafen 
Art. 81). 2. Zwangsarbeit mit Aussenarbeit (presidio abierto, Inhalt Art. 53, 
Nebenstrafen Art. 82). 3. Gefängnis (prisiön; Inhalt Art. 55, Nebenstrafen 
Art. 83). 4. Arbeitshaus (reclusiön en casas de trabajo; Inhalt Art. 54, Neben- 
strafen Art. 83). 5. Ausweisung (expulsiön) aus dem Gebiete der Republik. 

6. Verschickung (confinamiento) in einen Bezirk oder Ort eines andern Staates. 

7. Ausweisung aus dem Gebiete des Staates. 8. Verschickung in einen Bezirk 
oder Ort desselben Staates. (Zur expulsiön vgl. Art. 84, zum confinamiento 
Artt. 60, 85). 9. Haft (arresto ; Inhalt Art. 55, Nebenstrafen Art. 86). Nicht 
körperliche Strafen (Art. 49) sind: 1. Unfähigkeit (inhabilitaciön) zur Ausübung 
politischer Rechte oder eines öffentlichen Amtes. 2. Unfähigkeit zur Ausübung 
eines Handwerks, Gewerbes, Berufs (Artt. 76, 80). 3. Amtsentsetzung (desti- 
tuciön; Axt, 11 1 nach dem Zeitablauf kann der Bestrafte neu ernannt werden). 
4. Amtsenthebung (suspensiön; Art. 78: nach dem Zeitablauf tritt der Bestrafte 
wieder in das Amt ein, vgl. Art. 80). 5. Geldstrafe (multa, Art. 74 Um- 
wandlungsmodus: bei Verbrechen 1 Tag Gefängnis = 5 venezolanos = 25 
bolivares = 4 Mark; 1 Tag Haft = 3 venez. := 15 boliv. = 2,40 Mark; 
bei Übertretungen 1 Tag Haft = 1 venez. = 5 boliv. = 0,80 Mark, vgl. 
Art. 107). 6. Sicherheitsleistung (Art. 62). 7. Stellung unter behördliche 
Aufsicht (Art. 61). 8. Einziehung (Artt. 45, 46). 9. Verwarnung oder Er- 
mahnung (amonestaciön ö apercibimiento, Art. 63). Notwendige Nebenstrafen 
(penas accesorias necesariamente inherentes, Art. 51) sind immer ausser Ein- 
ziehung: Schadenersatz und Prozesskostenpflicht (vgl. Artt. 38, 46). Als be- 
sondere Nebenstrafen (bei gewissen Straf ai'ten, accidentalmente inherentes, 



*) Wie Venezuelas Staatskörper ewig vom Fieber der Revolution erschüttert ist, 
zeigt sich noch erschreckender in den folgenden Worten Ochoas: „Seht doch die stete 
Drohung, die die Gesellschaft in den Zwangsarbeitsanstalten zu erblicken glaubt, da 
sie jeden Augenblick fürchten muss, dass eine Staatsumwillzung die Pforten ihrer 
Kerker spreng-t und die Verbrecher wie entfesselte Bestien herauslässt, dass sie alles 
mit dem Dolch terrorisieren und grausame Rache nehmen an dem Richter, der ihnen 
das Urteil sprach, an dem Staatsanwalt, der die Strafe beantragte, an dem Zeugen, 
der gegen sie aussagte." 

4* 



52 Venezuela. — § 5. Die einzelnen Verbrechen. 



Art. 52) kommen vor: Rechtsverlust (interdlcciön civil, Art. 79), und femer 
inhabilitaciön, destituciön, Suspension und behördliche Aufsicht. 

rv. Die Länge der Strafdauer bestimmt der besondere Teil; es giebt 
keine Grade, Stufen und Stufenleitern, wie im spanischen Strafrecht (§ 6, 
VI, VII Bd. 1 S. 5 14 ff.). Für die Bemessung ist man vielmehr in Kap. 3 
(Artt. 64 — 71 von der Straf anwendung) zu der arithmetischen Methode des 
spanischen Strafgesetzbuches von 1822, doch ohne dessen Künsteleien, zurück- 
gekehrt (vgl. a. a. 0. S. 500). Je nach dem Gewicht (mörito Art. 65, I) der 
mildernden oder erschwerenden Umstände geht man vom arithmetischen Mittel 
des Strafrahmens abwärts oder aufwärts. Die so erlangte Strafe wird bei Fehl- 
schlagung um Yg» ^^i Versuch um Ys verkürzt, gegen den Teilnehmer wird 
nur Ys — Vs» S^S^^ ^^^ Begünstiger höchsten Ys ^^^ ^^ ausgesprochen, 
bei Verabredung Y5 — V4 (^^' ^^> H — I^)« i^i® Bemessungsunterschiede 
fallen weg bei den unteilbaren Strafen der Amtsentsetzung und der Ver- 
warnung (Art. 67). 

V. Kap. 6 Artt. 87 — 92, vom Bruche (quebrantamiento) der Strafe und 
Kap. 8 Artt. 107 — 114, ergänzende Bestimmungen, sind bereits gewürdigt. 

VI. Kap. 7 Artt. 93 — 100 zählt die Strafaufhebungsgründe auf, wobei 
die auch von Ochoa getadelte Anomalie zu erwähnen ist, dass die Verjährung 
der Strafe kürzer ist, als die des Verbrechens; während der Verjährungs- 
frist des Verbrechens darf kein neues Verbrechen begangen werden. 



§ 5. Die einzelnen Verbrechen. 

A. Die Verbrechen gegen die Gesamtheit (Buch 11) zerfallen in 9 Titel: 
I. Verbrechen gegen die Unabhängigkeit, den Bestand und die öffentliche 
Ordnung der Nation und der Staaten (Artt. 115 — 143); die Ausführlichkeit und 
Kasuistik dieser Bestimmungen über traiciön, rebeliön, sediciön (s. Bd. 1 S. 516, 
Spanien § 7, I, 11) und deren gelindere Formen (als motin ö asonada. Auf- 
stand oder Auflauf bezeichnet) wird durch die neuere Geschichte Venezuelas 
ohne weiteres verständlich. 11. Gewaltsame Angriffe (atentados) und Schmä- 
hungen (desacatos) gegen die Staatsgewalt, Artt. 144—149. III. Verbrechen 
gegen das Völkerrecht, Artt. 150, 151. IV. Verbrechen gegen die freie Aus- 
übung eines Glaubensbekenntnisses (Kap. 1 Artt. 152 — 159) und Grab- 
schändung (Kap. 2 Artt. 160 — 168). V. Von den verbotenen Spielen und 
Lotterieen, Artt. 164 — 169. VI. Verbrechen gegen den öffentlichen Gesund- 
heitszustand, Artt. 170 — 187 in 4 Kap. VII. Verbrechen des katholischen 
Klerus gegen die weltliche Rechtspflege, Artt. 188 — 192. VIII. Fälschungen 
und sonstige Verbrechen gegen Treu und Glauben im öffentlichen und privaten 
Verkehr, Artt. 193 — 237 in 7 Kap. IX. Das Beamtenstrafrecht, dessen ausser- 
ordentliche Breite die demokratisch-liberale Verfassung kennzeichnet. Die be- 
handelten Materien sind nach Kapiteln : 1. Verantwortlichkeit der Bundesbeamten 
und der Präsidenten der Staaten, Artt. 238 — 252, jetzt in der Fassung vom 
30. Juni 1891. 2. Amtsuntreue, Artt. 252 — 266. 8. Verantwortung für die Flucht 
Gefangener, Artt. 267 — 271. 4. Verletzung des Amts- und Schriftengeheimnisses, 
Untreue in der Bewahrung von Archiven und Urkunden, Artt. 272 — 277. 
5. Ungehorsam gegen Vorgesetzte, Artt. 278 — 282. 6. Weigerung der Rechts- 
hülfe oder Versagung des obrigkeitlichen Schutzes, Artt. 283 — 291. 7. Vor- 
eilige und verlängerte Amtsausübung und Vernachlässigung des Amtes, Artt, 
292 — 295. 8. Anitsanmassung, Artt. 296 — 306. 9. Missbrauch des geistlichen 
Amtes, Artt. 303 — 306. 10. Verbrechen gegen Einzelpersonen und durch Bruch 
der verfassungsmässigen Garanticen, Artt. 307 — 311, jetzt in der Fassung vom 



§ 5. Die einzelnen Verbrechen. 53 



24. Juni 1891. 11. Verstösse gegen Ehrbarkeit und gute Sitten, Artt. 312 bis 
314. 13. Betrügereien, ungesetzliche Erhebungen und Entfremdungen öffent- 
licher Gelder, Artt. 315 — 330. 13. Bestechung (cohecho), Artt. 331 — 337. 
14. Gemeinsames, Artt. 338 — 344. 

B. Die Verbrechen gegen die Einzelnen (Buch III, delitos privados) zer- 
fallen in fünf Titel. I. Titel : Verbrechen gegen die Person mit folgenden Kapiteln : 
1. Tötung, Artt. 345 — 362. Inhalt: (a) Vorsätzliche Tötung, a) gewöhnlicher 
Fall, Art. 348, Strafe 6 — 8 Jahre presidio cerrado; ß) schwerer Fall, Art. 347 
z. B. mit Arglist (alevosia), mit Vorbedacht (premeditaciön), in der Wut (ensafia- 
miento) — gemeinspanischer Assassinat vgl. auch Bd. 1 S. 494 ff.; Strafe: 
6 — 9 J. presidio cerrado; y) schwerster Fall, Art. 346, Tötung von Aszendenten, 
Deszendenten und gewissen höchsten Staats- und Kirchenbeamten, Strafe: 
4 — 10 J. presidio cerrado. (b) Fahrlässige Tötung, Art. 349, Strafe: 1 — 3 J. 
Gefängnis und 100 — 1000 venezolanos Geldstrafe, in mildem Fällen letztere allein 
oder Haft. Die Geldstrafe konmit den Erben des Getöteten zu gut. (c) Zur 
culpa dolo determinato gehören folgende Fälle: a) Tötung, während man ein 
geringeres Übel zu verursachen beabsichtigte, Art. 350, Strafe: die des beab- 
sichtigten Übels, aber mindestens die der fahrlässigen Tötung; ß) Körperver- 
letzung mit tödlichem Ausgange, Art. 351, wird, wenn die Wunden notwendig 
tödlich waren (letalitas absoluta) als Tötung, sonst als Körperverletzung 
bestraft; y) Raufhandel, Artt. 354 — 355. (d) Straflose Tötungen: a) aus Zufall 
und in Notwehr und Notstand, Art. 345; ß) bei Verfolgung eines flüchtigen 
Verbrechers, Art. 352; y) dessen, der nächtlich oder in freiem Felde gewalt- 
sam die Behausung des Thäters betritt oder ansteckt, Art. 356. (e) Mildere 
Fälle: a) Exzess bei a, b, Art. 352; ß) Überschreitung der Notwehr im Rauf- 
handel, Art. 353; y) Ertappung in Unsittlichkeit durch den Ehemann, Vater, 
Grossvater, Art. 357. Tötung im Duell ist für den Herausgeforderten mil- 
dernder Umstand, Art. 359. 2. Abtreibung, Artt. 363 — 367. 3. Körperver- 
letzungen, Artt. 368 — 378. 4. Vergiftung, Artt. 379 — 384. 6. Raufhandel, 
Artt. 385 — 388. 6. Gewaltthätigkeiten (violencias, Freiheitsverbrechen), Artt. 389 
bis 398. 7. Menschenraub, Artt. 399 — 400. 8. Aussetzung von Kindern und 
Hülflosen, Artt. 401 — 407. 

n. Titel: Verbrechen gegen die Sittlichkeit und Familie. Kap. 1. Ent- 
führung (rapto), Artt. 408 — 414. 2. Ehebruch, Artt. 415 — 422. 3. Notzucht, 
Artt. 423 — 427. 4. Unzucht (estupro), Artt. 428 — 431. 5. Andere Verbrechen 
gegen die Schamhaftigkeit und die guten Sitten, Artt. 432 — 436. 6. Gemein- 
sames, Artt. 437 — 441. 

in. Titel: Verbrechen bei der Eheschliessung, Artt. 442 — 449. 

rv. Titel: Verbrechen gegen die Ehre. Kap. 1. Verleumdung, Artt. 450 
bis 453. 2. Beleidigung, Artt. 454 — 459. 3. Gemeinsames, Artt. 460 — 467. 

V. Titel: Verbrechen gegen das Eigentum enthält folgende 12 Kapitel: 
1. Seeräuberei und Räuberbanden, Artt. 468 — 473. 2. Raub, Artt. 474 — 481. 
3. Diebstahl, Artt. 482 — 489. 4. Unbefugte Besitznahme von Immobilien und 
dinglichen Rechten, Artt. 490 — 494. 5. Brandstiftung und andere Zerstörungen, 
(estragos — mit dem Sinn der Gemeingefährlichkeit), Artt. 495 — :503. 6. Sach- 
beschädigung, Artt. 504 — 509. 7. Betrug und andere Gaunereien, Artt. 510 
bis 517. 8. Gemeinsames zum Vorstehenden, Artt. 518 — 521. 9. Vertrauens- 
missbrauch, Artt. 522 — 530. 10. Verletzungen von Geheimnissen einschliesslich 
des Briefgeheimnisses, Artt. 531 — 535. 11. Betrügerischer und schuldhafter 
Bankerutt, betrügerische Handlungen bei der Verwaltung von Aktiengesellschaften, 
Zahlungsunfähigkeit von Nichtkaufleuten, Artt. 536 bis 552. 12. Kindesunter- 
schiebung und -Verheimlichung, Artt. 553 — 554. 



54 Venezuela. — § 6. Die Übertretungen. 



§ 6. Die Übertretungen. 

I. Das Übertretungs- Strafgesetzbuch (Buch IV) hat in Kap. 5 daselbst 
einen allgemeinen, nur in wenigem vom Buch I des Strafgesetzbuches ab- 
weichenden Teil (Artt. 563 — 573). So geht bei der Strafzumessung der Richter 
ganz nach freiem Ermessen vor, und werden die Teilnehmer mit den Urhebern 
gleich gestraft. Rückfall wird allgemein mit der doppelten Strafe geahndet. 

II. Die einzelnen Übertretungen sind in Artt. 555 — 562 behandelt und in 
folgende Kap. verteilt: 1. Gegen die öffentliche Ordnung. 2. Gegen gemeine 
und Verkehrsinteressen. 3.' Gegen die Personen. 4. Gegen das Eigentum. 

III. Buch IV, Kap. 6 enthält ergänzende und Schlussbestimmungen zum 
Strafgesetzbuche, Artt. 574 — 582. 



V. 



PERU 



Von 



Dr. Georg Grusen, 

Oerichtaassessor im Königlich PreuBsischen JastisminiBterium zu Berlin. 



Übersicht. 



I. Geschichtliche Einleitung', 
n. Das Sti^afgesetzbuch vom 23. September 1862. 

a) Entstehung, Grundzüge und Litteratur. 

b) Der allgemeine Teil. 

c) Der besondere Teil. 

1. Von den Verbrechen und ihrer Bestrafung. 

2. Die Übertretungen. 

in. Die übrigen Gesetze strafrechtlichen Inhalts. 



L 

§ 1. Geschichtliche Einleitung. 

Das Gebiet der jetzigen Republik Peru wurde von den Spaniern zuerst 
1531 unter Pizarro betreten, 1547 niit Waffengewalt endgültig erobert und 
mit Chile, Paraguay, Buenos Aires und Terra Firma als „Vizekönigreich Peru" 
für eine spanische Kolonie erklärt. Im Laufe der Jahre fanden verschiedene 
Neueinteilungen des spanischen Kolonialgebietes statt; 1608 wanderten die 
Jesuiten in Paraguay ein und gründeten dort einen eigenen Staat; 1739 wurde 
die Terra Firma nebst Quito als eine besondere Statthalterschaft unter dem 
Namen Neu-Granada und 1776 Buenos Aires als besonderes Vizekönigreich 
Rio de la Plata von Peru getrennt. Im südamerikanischen Revolutionskriege 
fochten die Peruaner, die bereits am 28. Juli 1821 ihre Unabhängigkeit pro- 
klamiert hatten, mehrere Jahre mit verschiedenem Erfolge gegen die Spanier, 
bis das siegreiche Vorgehen Simon Bolivars und seines Untergenerals Sucre 
das Geschick des Landes entschied. Am 10. Dezember 1824 räumten die 
Spanier infolge der Kapitulation von Ayacucho das peruanische Gebiet bis auf 
Callao, das sich noch bis zum 22. Januar 1826 zu halten vermochte; am 
23. Januar war Peru thatsächlich frei. Während des Krieges (am 6. August 1825) 
hatte sich Oberperu von den übrigen Landesteilen losgelöst und als selbstän- 
dige Republik Bolivia konstituiert. Die Verfassung ist am 18. Oktober 1856 
erlassen und am 25. November 1860 revidiert. 



n. Das Strafgesetzbuch vom 23. Septemlwr 1862. 

§ 2. a) Entstehung, Grundzöge und Litteratur. 

1. Entstehung. — Das geltende peruanische Strafgesetz (Cödigo penal) 
und die Strafprozessordnung (Cödigo de enjuiciamientos en mat(Tia penal) 
sind i. J. 1862 erlassen. Die von Ramon Castilla im Sommer 1855 einbe- 
rufene Nationalversammlung, welche die gänzlich verwii'rten Verhältnisse des 
Landes ordnen sollte, setzte am 6. September 1856 eine Kommission ein, 
welche an Stelle des bis dahin geltenden spanischen Strafrechts (Növisima 
Recopilaciön von 1805^) ein neues Strafgesetzbuch ausarbeiten sollte. Ihre 
fünf Mitglieder waren die Drn.: Jose Simeon, Tejeda, Jose GAlvez, Santiago 
Tävara, Ignacio Xoboa y Benavides und Tomas Lama. Die Kommissionsent- 
würfe wurden denn höchsten Gerichtshofe (Corte Suprema de Justicia) zur 
Kritik unterbreitet und mit d<?ssen Bemerkungen durch Bcschluss des (am 



») Vgl. Bd. 1 S. 41)9. (Dr. Ros^enfeld: Spanien.) 



58 Peru. — IT. Das Strafgesetzbuch vom 23. September 1862. 



28. Juli 1860 zusammengetretenen zweiten) Kongresses vom 18. Mai 1861 einer 
besonderen, aus sieben Mitgliedern bestehenden Gesetzgebungskommission 
(Comisiön Codificadora) überwiesen. Diese wurde ermächtigt, auch nach Schluss 
des Kongresses ihre Beratungen fortzusetzen und die endgültigen Entwürfe 
dem nächsten Kongresse zur Annahme vorzulegen. Beide Entwürfe wurden 
von dem Kongresse am 23. September 1862 zu Gesetzen erhoben und nebst 
dem gemeinschaftlichen Einführungsgesetze vom gleichen Tage durch den 
Präsidenten Ramon Castilla öffentlich bekannt gemacht. In dem Einführungs- 
gesetze war bestimmt, dass beide Gesetze am 1. Januar 1863 in allen Teilen 
des Landes in feierlicher Form publiziert werden und am 2. Januar in Kraft 
treten sollten. Die Innehaltung dieses Termins stiess jedoch auf Schwierig- 
keiten und der Kongress beschloss deshalb am 5. Januar 1863, den Zeitpunkt 
der Einführung bis zum 1. März hinauszuschieben, an welchem sie in der 
That erfolgt ist. 

2. Grundzüge. — Das Strafgesetzbuch enthält 400 Artikel und zerfällt 
in drei Bücher; das erste (De los delitos, de los delincuentes y de las penas 
en general, Artt. 1 — 98) enthält die allgemeinen strafrechtlichen Vorschriften, 
das zweite (De los delitos e de sus penas, Artt. 99 — 371) behandelt die ein- 
zelnen Verbrechen und Vergehen, das dritte (De los faltas y de sus penas, 
Artt. 372 — 400) die einzelnen Übertretungen. 

Da seit der Ausarbeitung des Gesetzes bereits über 40 Jahre verflossen 
sind, so braucht nicht erst besonders hervorgehoben zu werden, dass es nicht 
auf der Höhe der modernen Straf rechtswissenschaft steht. Sein Hauptmangel, 
den es übrigens mit dem französischen Code ptoal teilt, besteht in der Bunt- 
scheckigkeit des Strafensystems, das nicht weniger als 19 verschiedene Straf- 
arten aufweist. Das gewiss lobenswerte Bestreben des Gesetzgebers, alle 
nur irgendwie denkbaren Fälle im voraus zu regeln, hat eine kasuistische 
Fassung des Gesetzes veranlasst, die beispielsweise in dem Abschnitte über 
Strafausschliessungs-, Strafmilderungs- und Straferschwerungsgründe, noch mehr 
aber in vielen Artikeln des besonderen Teiles hervortritt. Ich verweise hier 
nur auf die Artt. 127 — 132 (Rebellion), 156—159 (Delikte in Bezug auf Wahlen) 
168 (Amtsmissbrauch), 346 (Betrug). Die Begriffsbestimmungen der einzelnen 
strafbaren Handlungen sind nicht immer scharf genug; einzelne Delikte, wie 
z. B. der Diebstahl (Art. 326 ff.), werden überhaupt nicht definiert Die Straf- 
androhungen sind durchweg milde und enthalten sogar z. T. kaum einen ge- 
nügenden Schutz der Gesellschaft gegen strafbare Handlungen; so ist z. B. 
der Versuch der gewaltsamen Verfassungsänderung nur mit sechsjähriger Ver- 
bannung, Rebellion nur mit Verbannung auf die Dauer von 3, 6 oder 9 Jahren 
oder mit Eingrenzung (confinamiento) auf 2 oder 3 Jahre bedroht. Völlig 
unzureichend und für europäische Begriffe höchst auffallend sind die Straf- 
androhungen gegen die von öffentlichen Beamten begangenen Delikte; so 
werden gewisse Fälle des Amtsmissbrauches (Art. 168) nur mit Geldstrafe von 
200 — 2000 Pesos und Amtsenthebung auf 1 — 2 Jahre, andere nur mit Geldstrafe 
und Amtsenthebung, andere nur mit dem Verlust gewisser öffentlich rechtlichen 
Befugnisse bestraft (Art. 169). Die Rechtsbeugung (prevaricato, Art. 170), also 
beispielsweise die vorsätzliche Verkündung eines ungerechten Urtjeils (Ziffer 1 
a. a. 0.) hat lediglich Enthebung vom Amte für 6 Monate bis zu einem Jahre 
zur Folge. 

Die zahlreichen Mängel, die in Peru nicht unbemerkt blieben, haben 
1884 zur Einsetzung einer Kommission geführt, deren Aufgabe die Aus- 
arbeitung eines neuen Strafgesetzbuches ist. Sie bestand anfangs aus den 
drei Mitgliedern Dr. Jose Silva Sansisteban, Dr. Miguel A. de la Lama und 
Dr. Octavio Judela und steht zur Zeit, nach dem Tode des ersteren, unter 



§ 3. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 59 



dem Vorsitze de la Lamas. Der von ihr ausgearbeitete Entwurf war Anfang 
1893 dem Kongresse zur Beschlussfassung vorgelegt; veröffentlicht ist er nicht. 
Das Strafgesetzbuch ist nicht die einzige, wohl aber die wichtigste Quelle 
des peruanischen Strafrechtes und enthält einzelne Bestimmungen (z. B. über 
Verfälschung von Nahrungs- und Genussmitteln, Bankeinitt, Vergehen gegen 
das Gesundheitswesen u. s. w.), die z. T. in anderen Ländern in Spezialgesetzen 
enthalten sind. Auch in Peini sind neben dem Strafgesetzbuche eine Reihe 
von solchen in Kraft (vgl. § 6 dieser Darstellung). 

3. Die Litteratnr über das peruanische Straf recht ist, soweit ich zu ermitteln 
vermochte'), nur wenig umfangreich. Das umfassendste Werk ist: Miguel A. de la 
Lama: Diccionario de Derecho Penal, Lima, Imprenta del Universo 1890; ausserdem 
sind zu erwähnen: Dr. Ricardo Heredia: Lecciones de Derecho Penal. — Dr. Jose 
Silva Sansisteban: Principios de Derecho Correccional. — Dr. Jose Vitervo 
Arias: Estudios sobre el C6digo Penal. Eine Textausgabe des Strafgesetzbuchs 
und der Strafprozessordnung nebst einem Anhang, enthaltend die Strafnebengesetze, 
ist von Manuel A. Fuentes herausgegeben (Lima. Imprenta del Estado, 1880). 
M. A. de la Lama hat ausserdem einen Kommentar zur Strafprozessordnung ver- 
öffentlicht. Einzelne kurze Mitteilungen über die peruanische Gesetzgebung enthält 
das von der Soci6t6 de K'igislation comparee zu Paris herausgegebene „Annuaire de 
legislation etrangfere" Bd. 8 (über Gesetze aus 1878) S. 758 ff. (von Pradier-Fodere), 
Bd. 18 (1888) S. 981 ff. (von M. A. Theurault), Bd. 19 (1889) S. 977 ff. (von Fravaton), 
Bd. 21 (1891) S. 991—994 (von Daguin), Bd. 25 (1895). 

Amtliche Ausgaben des Strafgesetzbuchs und der Strafprozessordnung sind 1862 
in Lima, Imprenta Galle de la Rifa 58, erschienen. 

§ 3. b) Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 

1. Begriff und Einteilung der strafbaren Handlungen. — Wenn 
an der Spitze des peruanischen Strafgesetzbuches der Satz steht: „Las acciones 
ü omisiones voluntarias y maliciosas, penadas por la ley, constituyen los delitos 
y las faltas" (Die willentlichen und böswilligen Handlungen und Unterlassungen, 
soweit sie vom Gesetze mit Strafe bedroht sind, bilden die Vergehen und 
Übertretungen), so wird hierdurch der Anschein erweckt, als seien nach peru- 
anischem Recht nur vorsätzliche Begehungen und Unterlassungen strafbar. 
Dass dieses jedoch nicht zutrifft, ergiebt sich aus der Bestimmung des Art. 60, 
wonach Strafmilderung nach richterlichem Ermessen, mindestens aber um zwei 
r4rade, eintritt, wenn der Thftter nur aus leichtsinniger Unüberlegtheit oder 
strafwürdiger Nachlässigkeit gefehlt hat (cuando el reo hubiere delinquido por 
impnidencia temeraria ö descuido punible). Trotz der anscheinend entgegen- 
stehenden Ausdrucksweise des Art. 1 muss daher (in Übereinstimmung mit 
de la Lama, Diccionario S. 163 unter „culpa") angenommen werden, dass ausser 
der willentlichen und böswilligen auch die auf Unüberlegtheit oder Nachlässig- 
keit beruhende Handlung oder Unterlassung strafbar ist, mit anderen Worten : 
dass auch der peruanische Gesetzgeber die Einteilung der Delikte in vorsätzliche 
und fahrlässige anerkennt, wenngleich sie im Strafgesetzbuche nicht zum deut- 
lichen Ausdruck gekommen ist. Behauptet der Angeklagte nur fahrlässig oder 
ohne strafbares Verschulden gehandelt zu haben, so muss er den Beweis führen: 
bei jeder mit Strafe bedrohten Handlung oder Unterlassung wird bis zum 
Nachweis des Gegenteils vermutet, dass sie willentlich und in böser Absicht 
begangen ist (Art. 2). — Der Schwere nach unterscheidet das Gesetz zwei 
Arten von strafbaren Handlungen: delitos — Verbrechen, solche, welche mit 
schweren Strafen (penas graves) und faltas — Übertretungen, solche welche 
mit leichten Strafen bedroht sind (Art. 1 Abs. 2). Der peruanische Gesetz- 



*) Die nachfolgenden Litteraturangaben verdanke ich teilweise der Güte des Herrn 
Dr. M. A. de la Lama, Advokat und Professor an der Universidad Mayor zu Lima. 



60 Peru. — § 3. Der allgemeine Teil des StrafgeBetzbuches. 



geber hat sich so zwar von der Dreiteilung des französischen Rechtes in 
crimes, d^lits und contraventions freigemacht, andererseits aber auch nicht 
versucht, ein auf begrifflichen Verschiedenheiten der Delikte beruhendes Ein- 
teilungsprinzip aufzustellen. — Strafbar ist: das vollendete, das fehlgeschlagene 
und das versuchte Verbrechen, die Verabredung zu einem Verbrechen sowie 
— unter gewissen Voraussetzungen — die vorbereitenden Handlungen zu 
einem solchen. Übertretungen werden nur als vollendete bestraft (Art. 4). 
Ein fehlgeschlagenes Verbrechen (delito frustrado) liegt vor, wenn 
der Thäter die von ihm gewollte Handlung vorgenommen hat, aber aus 
Gründen, welche von seinem Willen unabhängig sind, der von ihm beabsichtigte 
Erfolg nicht eingetreten ist (Art. 3 Abs. 1: cuando, perpetrado el hecho cri- 
minal, no produce el mal que se propuso el culpable, por causas independientes 
de SU voluntad). — Ein versuchtes Verbrechen (conato oder tentativa) 
liegt vor, wenn die unmittelbare Ausführung der That zwar begonnen aber 
nicht vollendet worden ist (Art. 3 Abs. 2: cuando se comienza y no se con- 
cluye la ejecuciön directa del hecho criminal). — Zum Thatbestande der Ver- 
abredung zur Begehung eines Verbrechens (conf abulacion) genügt 
es, wenn mehrere Personen gemeinschaftlich beschliessen , ein solches zu be- 
gehen (se conciertan para cometer el delito), und zu diesem Zwecke minde- 
stens zwei Zusammenkünfte veranstalten (Art. 3 Abs. 4). — Unter vorbe- 
reitenden Handlungen (actos preparatorios) versteht das Gesetz alle 
Handlungen, welche jemand vor Beginn der unmittelbaren Ausführung eines 
Delikts vorgenommen hat, um diese letztere vorzubereiten (Art. 3 Abs. 3). Sie 
sind nur strafbar, wenn sie auf Grund einer Verabredung vorgenommen werden 
(Art. 4 Abs. 2). 

Das nicht zur Vollendung gediehene Verbrechen wird grundsätzlich 
milder bestraft als das vollendete. Wer ein fehlgeschlagenes Verbrechen ver- 
übt, wird um einen Grad, wer sich eines versuchten Verbrechens oder der 
Verabredung zu einem Verbrechen schuldig macht, um zwei Grade milder 
bestraft als der Urheber eines vollendeten Delikts (Artt. 46, 47). Macht in 
den letzteren beiden Fällen der Thäter glaubhaft, dass er von der vollstän- 
digen Ausführung des Verbrechens aus freien Stücken zurückgetreten ist, so 
bleibt er, wenn lediglich eine Verabredung vorlag, straffrei; war durch vorbe- 
reitende Handlungen ein Schaden entstanden, so tritt Strafe nach Verhältnis 
seiner Höhe ein (Artt. 5, 47 Abs. 2). — In gewissen Fällen wird das ver- 
suchte oder fehlgeschlagene Delikt bezüglich der Strafbarkeit dem vollendeten 
gleichgestellt; vgl. z. B. Art. 52 (traiciön, rebeliön und sediciön) und Art. 334 
(robo). 

2. Die Subjekte der strafbaren Handlung (Thäterschaft, Teil- 
nahme, Hehlerei). Die bei der Begehung einer strafbaren Handlung mög- 
licherweise thätigen Personen werden unterschieden in Thäter (autores), 
Teilnehmer (cömplices) und Hehler (encubridores) (Art. 11). Der Begriff 
der Anstiftung ist dem Gesetze fremd. 

a) Thäterschaft. Der Begriff ist im peruanischen Recht ein sehr weiter 
und umfasst auch Handlungen, welche nach den Anschauungen der deutschen 
und meisten anderen Strafrechtslehren unter den Begriff der Beihülfe fallen 
würden, und ausserdem alle Fälle der Anstiftung. Der Begriff der Thäter- 
schaft ist verschieden, je nachdem es sich um ein Begehungs- oder ein Unter- 
lassungsdelikt handelt. Thäter eines Begehungsdeliktes ist: 1. wer es selbst 
vollführt; 2. wer den Plan der Ausführung fasst und diese durch andere 
bewirken lässt. Zu dieser zweiten Kategorie gehört sowohl der Fall der An- 
stiftung als der der sog. mittelbaren Thäterschaft (Art. 12). Ausserdem wird 
als Thäter betrachtet: 8. wer bei Ausführung eines Deliktes wissentlich un- 



§ 3. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 61 



mittelbare Beihtllfe leistet, indem er in böswilliger Absieht (maliciosamente 
= vorsätzlich) eine Handlun^g vornimmt, ohne welche das Delikt nicht hätte 
ausgeführt werden können (Art. IH). Thäter einer Unterlassung ist, wer die 
Befolgung einer gesetzlichen Vorschrift unterlässt oder wer die Unterlassung 
veranlasst oder bei dieser in der vorbezeichneten (Art. 13) Weise mitwirkt 
(Art. 14). 

b) Teilnehmer ist, wer bei der Ausführung eines Deliktes mittelbar und 
in nebensächlicher Weise mitwirkt, einerlei ob die Thätigkeit mit der Aus- 
ftlhrungshandlung gleichzeitig erfolgt oder ihr vorangeht (Art. 15). Bei allen 
Verbrechen (sowohl dem vollendeten wie dem fehlgeschlagenen, dem Versuche 
und der Verabredung) wird der Teilnehmer um einen Grad milder bestraft 
als der Thäter (Ai-t. 48). 

c) Die Hehlerei (welQbe im Folgenden im weiteren Sinne zu verstehen 
ist und die Begünstigung mit umfasst) bildet nach peruanischem Recht (wie fast 
in allen spanisch-amerikanischen Ländern) nicht eine besondere strafbare Hand- 
lung, sondern eine Art der Begehung der strafbaren Handlungen überhaupt. 
Hehler (encubridor) ist, wer, ohne Thäter oder Teilnehmer einer strafbaren 
Handlung zu sein, während oder nach der Begehung wisseijtlich 1. sich ihre 
Früchte aneignet oder dem Thäter oder Teilnehmer bei der Aneignung be- 
hülflich ist; 2. den Gegenstand oder die Spuren der That oder die zu ihrer 
Verübung benutzten Werkzeuge verbirgt oder vernichtet, um die Entdeckung 
zu verhindern, 8. die Thäter oder Teilnehmer verbirgt oder ihnen zur Flucht 
behülflich ist (Art. 16). Die unter 2. und 3. erwähnte Thätigkeit bleibt straf- 
los, wenn sie zu Gunsten eines Angehörigen (Ehegatten, Aszendenten, Des- 
zendenten, Geschwister und Verschwägerte bis zum zweiten Grade) geschieht 
(Art. 17). — Der Hehler wird milder bestraft als der Thäter (Art. 49). 

3. Zeitliches und räumliches Geltungsgebiet des Strafgesetzes. 
Der Grundsatz, dass wegen einer Handlung nur dann auf Strafe erkannt 
werden kann, wenn und soweit diese zur Zeit ihrer Begehung bereits mit 
Strafe bedroht war, ist im Gesetze nirgends ausdrücklich ausgesprochen. Da- 
gegen bestimmt Art. 26, dass bei Verschiedenheit des Gesetzes zur Zeit der 
Begehung und zur Zeit der Aburteilung der That das letztere anzuwenden 
ist, wenn es dem Angekhig-ten günstiger ist. — Die Vorschriften des inter- 
nationalen Strafrechts enthält nicht das Strafgesetzbuch, sondern die Straf- 
prozessordnung. Sie steht im wesentlichen auf dem Standpunkte des Natio- 
nalitätsprinzips: inländische Rechtsgüter werden in allen Fällen, ausländische 
gegen im Auslande verübte Angriffe nur ausnahmsweise geschützt. 

Nach Art. 2 der Strafprozessordnung unterliegen der Zuständigkeit der 
peruanischen Gerichte zur Aburteilung (und zwar, wie allerdings nicht aus- 
drücklich hervorgehoben, aber doch aus dem Geiste des Gesetzes zu schliessen 
ist, nach peruanischem Recht): a) alle innerhalb des Staatsgebietes sowie 
an Bord peruanischer Schiffe in peruanischen Gewässern oder auf hoher See 
begangenen strafbaren Handlungen, einerlei ob der Thäter ein Peruaner 
oder ein Ausländer ist; die Vorrechte der Exterritorialen werden im Gesetze 
nicht erwähnt; b) die von einem Peruaner im Auslande begangenen Delikte, 
wenn 1. der Thäter im diplomatischen oder Konsulatsdienste der Republik 
steht und in Ausübung seines Amtes gehandelt hat oder 2. die Straf that 
gegen einen Peruaner gerichtet war und der Verletzte nach der Rückkehr 
des Thäters in peruanisches Gebiet die Bestrafung verlangt, oder wenn 3. die 
Strafthat LandesveiTat ist (für diesen Fall wird der naturalisierte Ausländer 
neben dem Peruaner ausdinicklich erwähnt); c) die von einem Peruaner oder 
Ausländer im Auslande begangene Verfälschung peruanischen Metallgeldes, 
peruanischer Ki'editpapiere oder peruanischer öffentlicher Urkunden (bezüglich 



62 Peru. — § 3. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 



des Ausländers jedoch nur, wenn dieser sich auf peruanischem Gebiete betreffen 
lässt), sowie die an Bord eines peruanischen Kriegsschiffes in fremden Gewässern 
von einem Seemanne in Ausübung seines Berufes begangene That, endlich wenn 
sich ein Inländer oder Ausländer des Seeraubes (pirateria) schuldig macht. 

In dem unter b) Nr. 2 erwähnten Falle, sowie bei den unter c) erwähnten 
Fälschungsdelikten findet ein Strafverfahren vor den peruanischen Gerichten 
nicht mehr statt, wenn der Thäter bereits durch ein Gericht des Landes, in 
welchem die That begangen war, abgeurteilt worden ist; bei den strafbaren 
Handlungen eines Seeräubers genügt es, dass die Aburteilung durch irgendein 
anderes Gericht erfolgt ist (Art. 3 der Strafprozessordnung). 

4. Zurechnung. Gründe, welche die Strafbarkeit ausschliessen, 
vermindern oder erhöhen. Unkenntnis des Strafgesetzes schliesst die Straf- 
barkeit nicht aus (Strafgesetzbuch Art. 6). Nach ausdrücklicher Vorschrift des 
Art. 7 wird die Strafbarkeit einer Handlung nicht dadurch ausgeschlossen, dass 
sie einen anderen als den von dem Thäter beabsichtigten Erfolg gehabt hat, 
sei es, dass der verursachte Schaden ein anderer, oder sei es, dass die verletzte 
Person eine andere ist, als die vom Thäter gemeinte. Dagegen werden solche 
straf erhöhende oder strafmildernde Umstände, die in einem besonderen mora- 
lischen oder intellektuellen Zustande des Schuldigen ihren Grund haben, nur 
demjenigen zugerechnet, in dessen Person sie vorliegen (Art. 56), ebenso solche 
Umstände, die in der Art der Ausführung der That oder in den dabei ange- 
wendeten Mitteln liegen, nur demjenigen Schuldigen, der von diesen Umständen 
zur Zeit der Begehung der That Kenntnis gehabt hat (Art. 59). 

Die Grundsätze über die Zurechnung werden modifiziert durch die sehr 
kasuistisch gehaltenen Bestimmungen des Gesetzes über die Umstände, welche 
die Strafbarkeit einer Handlung ausschliessen, vermindern oder erhöhen. 

a) Strafausschliessungsgründe kennt das Gesetz elf (Art. 8); zu 
diesen gehören: Geisteskrankheit: Blödsinn (demencia) und Wahnsinn (locura); 
jugendliches Alter unter 9 Jahren (absolute Straflosigkeit) oder unter 15 Jahren 
(wenn nicht das Vorhandensein des Unterscheidungsvermögens — discemi- 
miento — nachgewiesen wird); Notstand^) und Notwehr; unwiderstehliche 
Gewalt und Bedrohung mit einem unmittelbaren, erheblichen Übel; Begehung 
der Handlung in rechtmässiger Ausübung des Amtes oder Berufes oder auf 
Befehl eines Vorgesetzten; Unterlassung einer Handlung aus erheblichen, nicht 
zu beseitigenden Hinderungsgründen. Unter Notwehr versteht das Gesetz: 
die Verteidigung der eigenen oder fremden Person, eines eigenen oder fremden 
Rechts, vorausgesetzt dass: 1. ein rechtswidriger Angriff vorliegt; 2. das an- 
gewendete Mittel zur Abwehr oder Verhinderung des Angriffs erforderlich 
(deshalb: keine Notwehr zulässig gegen Angriffe, deren Beseitigung mit Hülfe 
der Behörden möglich ist, z. B. Ehrverletzungen; de la Lama S. 30) und ge- 
eignet war, und 8. der Verteidiger dem Angreifer keinen Anlass zum Angriff 
gegeben hatte. Unter diesen Voraussetzungen ist die in Notwehr begangene 
Handlung immer straflos, wenn sich der Angriff gegen die Person oder ein 
Recht des Thäters oder eines seiner nahen Angehörigen richtet; als solche 
werden in Art. 8 No. 4: aufgezählt: Ehegatten, Aszendenten, Deszendenten, 
Seitenverwandte bis zum vierten Grade einschliesslich und Verschwägerte 
bis zum zweiten Grade. Wurde die Notwehrhandlung zum Schutze einer 
anderen, mit dem Thäter nicht in einer der vorerwähnten Beziehungen stehen- 
den Person vorgenommen, so wird die Straflosigkeit nur unter der Voraus- 
setzung gewährt, dass sie nicht aus Hass, Rachsucht oder irgendeinem anderen 



*) Hauptwörter, welche den deutschen Ausdrücken „Notwehr" und „Notstand" 
entsprächen, kommen im Strafgesetzbuche nicht vor. 



§ 3. Der allgemeine Teil de» Strafgesetzbuches. 63 



unedlen Motive (ödio, venganza ü otro motivo innoble) begangen wurde 
(Art. 8 No. 5). — Die Strafbarkeit einer Handlung ist auch ausgeschlossen, 
wenn jemand fremdes Eigentum beschädigt, um ein drohendes grösseres Übel 
zu verhüten, falls andere, weniger schädliche Mittel nicht anwendbar waren 
(Art, 8 No. 7); dieser Straf ausschliessungsgrund entspricht etwa dem Falle des 
„Notstandes" des deutschen Strafrechts (Deutsches Reichs-Strafgesetzbuch § 54), 
unterscheidet sich jedoch von diesem dadurch, dass sein Anwendungsgebiet 
nach der einen Seite beschränkt, nach der anderen dagegen erweitert ist. 
Es ist sachlich beschränkt, denn die Strafausschliessung findet nur bei Eigen- 
tumsdelikten statt; dagegen ist nicht erforderlich, dass das gefährdete Rechts- 
gut ein solches des Thäters oder eines seiner Angehörigen war. 

Die Verzeihung des Verletzten bildet bei den von Amtswegen zu ver- 
folgenden Delikten im allgemeinen keinen Strafausschliessungsgrund (Art. 27). 

Ausser diesen allgemeinen Strafausschliessungsgrllnden finden sich im 
besonderen Teil des Gesetzes noch verschiedene andere, die bei einzelnen 
Delikten den Wegfall der Strafe bewirken (vgl. Art. 344, Bankerutt: Verzeihung 
des geschädigten Gläubigers, — 369, Diebstahl, Betrug und Sachbeschädigung: 
verwandtschaftliches Verhältnis zwischen dem Thäter und dem Beschädigten), 
b) Strafmilderungsgründe (circunstancias atenuantes, Art. 9) werden 
in grosser Zahl zugelassen. Solche sind: jugendliches Alter zwischen 9 und 
15 Jahren, wenn das Vorhandensein des Unterscheidungsvermögens festgestellt 
wird (vgl. Art. 8 No. 3) und zwischen 15 und 18 Jahren. Drohung, Reizung 
oder schwere Beleidigung des Thäters oder eines nahen Angehörigen seitens 
des Verletzten; Verleitung durch einen Vorgesetzten; unverschuldete Trunken- 
heit. Endlich bilden die in Art. 8 aufgeführten Strafausschliessungsgründe 
mildernde Umstände, wenn sie zwar teilweise vorliegen, aber ein Thatbestands- 
moment entweder fehlt oder doch nicht voll bewiesen ist (Art. 9 No. 1). Das 
Vorhandensein eines mildernden Umstandes bewirkt die Herabsetzung der 
vom Gesetze für den Regelfall angedrohten Strafe um einen bis drei Unter- 
grade (törminos, siehe das Strafensystem), in gewissen Fällen nach billigem 
Ermessen des Richters (Artt. 57, 60). Besondere, nur bei einzelnen Delikten 
Anwendung findende Milderungsgründe enthalten z. B. Art. 141 (Grund zur 
Beschwerde bei Auflauf und Zusammenrottung), Art. 143 (der Umstand, dass 
die Versammlungen der Aufständischen ohne Waffen stattgefunden haben). 

c) Als straferschwerende Umstände (circunstancias agravantes, 
Art. 10) gelten: ein bestehendes Respektsverhältnis zwischen dem Thäter und 
dem Verletzten (wenn dieser Aszendent oder Vorgesetzter des crsteren ist), 
femer gewisse, mit der Ausführung der That in Zusammenhang stehende Um- 
stände: Begehung mit Vorbedacht (con detenida premeditacion, Art. 10 Z. 2); 
in hinterlistiger Weise (con alevosia); gegen Entgelt; bei Gelegenheit eines 
öffentlichen Unglücks (Erdbebens, Feuersbrunst u. a. m.); unter absichtlicher 
Herbeiführung eines grösseren Schadens, als zur Ausführung an und für sich 
erforderlich gewesen wäre; Vertrauensmissbrauch oder grobe Undankbarkeit 
gegenüber dem Beschädigten; Begehung der That als Mittel zur Vollführung 
eines anderen Delikts; zur Nachtzeit, oder an einem geweihten Orte. Auch 
der Rückfall (d. h. die wiederholte Begehung von Delikten derselben Art, 
de la misma naturalezza) sowie die Eigenschaft des Thäters als Gewohnheits- 
verbrecher (consuetudinario) — im letzteren Falle ist Gleichartigkeit der straf- 
baren Handlungen nicht erforderlich — bilden einen allgemeinen Strafschärfungs- 
grund (Art. 10 Z. 14). Das Vorliegen eines solchen bewirkt die Erhöhung der 
Regelstrafe um einen bis drei Untergrade (Art. 57). Einzelne Strafschärfungs- 
gründe enthält der besondere Teil; z. B. Art. 121 (Bestrafung der von See- 
räubern begangenen Delikte). Liegen gleichzeitig mildernde und erschwerende 



64 Peru. — § 3. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 



Umstände vor, so soll sie der Richter nach vernünftigem Ermessen ge^en 
einander aufrechnen (Art. 61). 

Eine nachträgliche Erhöhung der bereits rechtskräftig festgesetzten Strafe tritt 
ein im Falle des Unternehmens, sich der Strafvollstreckung zu entziehen (quebran- 
tamiento de la sentencia, Artt. 62—65), dieser Thatbestand hat seit Alters her in den 
spanischen Strafrechten eine besondere Behandlung erfahren (vgl. Bd. 1 S. 510). 

5. Das Strafensvstem. Der Richter darf nur auf die im Gesetze aus- 
drücklich vorgesehenen Strafarten erkennen (Art. 23). — Das Gesetz kennt 
Haupt- und Nebenstrafen und unterscheidet erstere in schwere und leichte. 
Die Untersuchungshaft sowie die etwa im Disziplinarwege erfolgende Ent- 
hebung vom Amte gilt nicht als Strafe im Sinne des Gesetzes (Art. 25). 

A. Hauptstrafen, a) Schwere Strafen (penas graves). 1. Die Todes- 
strafe (pena de muerte), angedroht nur gegen einige besonders strafwürdige 
Fälle der vorsätzlichen Tötung (Eltemmord, Art. 231, und den unter gewissen 
erschwerenden Umständen begangenen Mord, Art. 232) wird durch Erschiessen 
vollstreckt. Die Exekution ist hinauszuschieben: bei Schwangeren und solchen 
Personen, die einen nahen Angehörigen durch den Tod verloren haben. Eine 
für das südamerikanische Recht durchaus charakteristische Bestimmung enthält 
Art. 70: von mehreren wegen ein- und desselben Delikts zum Tode Ver- 
urteilten darf nur ein Teil und zwar dürfen ausser dem Rädelsführer (cabecilla) 
niemals mehr als fünf hingerichtet werden. Die Strafe der übrigen wird in 
Zuchthaus vierten Grades umgewandelt. Der Rädelsführer wird stets hin- 
gerichtet, die übrigen werden ausgelost. Über das hierbei zu beobachtende 
Verfahren ist unter dem 18. Januar 1879 ein besonderes Gesetz erlassen 
(abgedruckt bei Fuentes, Cödigo Penal, S. 182 — 184). 2. Zuchthaus (peni- 
tenciaria) ist die schwerste Freiheitsstrafe; Dauer: 4 — 15 Jahre (Art. 28). 
Sie ist, wie alle auf eine bestimmte Zeitdauer erkannten Strafen, in Grade 
(grados) eingeteilt. Ihre Zahl beträgt bei Zuchthaus vier: I. Grad: Straf- 
dauer von 4, 5 und 6 Jahren, IL Grad: 7, 8, 9 Jahre, III. Grad: 10, 11, 12 
Jahre, IV. Grad: 13, 14, 15 Jahre. Jeder Grad zerfällt wieder in drei unter 
sich gleiche Untergrade, die mit termino minimo, termino medio und temiino 
maximo bezeichnet werden (Art. 32), sodass beispielsweise der Ausdruck „peni- 
tenciaria in termino medio del primer grado" bedeutet: Zuchthaus auf die 
Dauer von fünf Jahren. Diese bei anderen Strafmitteln analog wiederkehrende 
Einteilung ist deshalb von Wichtigkeit, weil das Gesetz bei den Strafandrohungen 
nicht ein Mindest- und ein Höchstmass angiebt, sondern die Strafen nach 
Graden und Untergi-aden bemisst. — Die Verbüssung der Zuchthausstrafe er- 
folgt in besonderen Anstalten (Art. 71); der Arbeitsverdienst wird verwendet: 
in erster Linie zur Bestreitung der Haftkosten, in zweiter zur Erfüllung der 
durch die strafbare Handlung entstandenen civilrechtlichen Verbindlichkeiten, 
endlich zur Bildung eines Kapitals, das dem Gefangenen bei seiner Entlassung 
ausgehändigt wird (Art. 75). Die Veinirteilung zu Zuchthaus bewirkt die 
,anhabilitaciön absoluta", deren Begriff später noch zu erläutern ist, den 
Verlust gewisser Rechte und Stellung unter Polizeiaufsicht auf 1 — 5 Jahre 
(Art. 85). — 3. Gefängnis (cärcol), dauert 4 Monate bis 5 Jahre und zer- 
fällt in 5 Grade zu je 3 Untergraden (Artt. 28, 34). Die Verurteilung zu 
Gefängnis hat ähnliche Rechtsfolgen wie die zu Zuchthaus (Art. 37): Arbeits- 
zwang nach Massgabe der Hausordnung; besondere Abteilungen für w^eibliche 
Gefangene; Verwendung des Arbeitsverdienstes wie bei Zuchthaus (Artt. 73, 
75, 76). — 4. Einsperrung (rcclusiön); Dauer, Einteilung, gesetzliche Folgen 
und Verwendung dos Arbeitsv(»rdienstes sind dieselben wie bei Gefängnis 
(Artt. 28, 32, 37, 75). Da die Strafe ebenfalls in den „Cärceles" verbüsst 
wird, so besteht der einzige Unterschied zwischen Einsperrung und Gefängnis 



§ 3. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. — Straf ensy stein. 65 



darin, dass die zu der ersteren Verurteilten sich ihre Beschäftigung innerhalb 
des Rahmens der Hausordnung selbst wählen können (Art. 78), während die 
Gefängnisgefangenen eine der in der Anstalt eingeführten Arbeiten verrichten 
müssen. — 5. Schwerer Arrest (arresto mayor); Dauer: 40 Tage bis sechs 
Monate; 5 Grade zu je 3 Untergraden. Arbeitszwang wii'd im Gesetze nicht 
erwähnt. Rechtsfolge: Verlust der etwa bekleideten öffentlichen Ämter sowie 
Unfähigkeit zu wählen, gewählt zu werden oder ein Amt zu erlangen für die 
Dauer der Strafverbüssung. Der Unterschied von schwerem und leichtem 
Arrest besteht lediglich darin, dass der erstere in den Provinzial-, der letztere 
in den Bezirkshauptstädten vollstreckt werden soll, hat aber, wie de la Lama 
(S. 50) bemerkt, vorzugsweise theoretische Bedeutung, da fast alle Bezirks- 
hauptstädte, soweit sie nicht zugleich Provinzialhauptstädtc sind, überhaupt 
keine zur Vollstreckung von Arreststrafen geeignete Räumlichkeiten haben 
(Artt. 28, 32, 88, 74). — 6. Verbannung (expatriaciön) ; Dauer: 1 — 15 Jahre; 
Einteilung in fünf Grade zu je drei Untergraden von je 1 Jahre (Artt. 28, 
32 — 34). Die Strafe besteht in der Venveisung aus dem Gebiete der Republik 
und hat „inhabilitaciön absoluta" für die Dauer der Strafverbüssung sowie 
nach deren Beendigung Stellung unter Polizeiaufsicht auf 6 Monate bis 2 Jahre 
zur Folge (Artt. 77, 36). — 7. Eingrenzung (confinamiento) ; Dauer: 
4 Monate bis 5 Jahre; Einteilung in 5 Grade zu je 3 Untergraden von je 
4 Monaten (Artt. 28, 32, 33, 84). Der Verurteilte muss sich eine von dem 
Orte der That in gewissem Abstände befindliche Stadt oder Provinz auswählen, 
die er nicht verlassen darf. Auf seinen Antrag wird die Strafe in Verbannung 
von gleicher Dauer umgewandelt (Art. 78). — 8. Die „pena de inhabilitaciön 
absoluta" umfasst: a) den Verlust der von dem Verurteilten bekleideten 
öffentlichen Ämter einschliesslich der durch Wahlen erlangten; b) die Un- 
fähigkeit, während der im Urteile bestimmten Zeit ein ^f entliches Amt zu 
erlangen; c) die Entziehung aller aktiven und passiven politischen Rechte; 
d) die Entziehung des Anspruchs auf Ruhegehalt, Wartegeld oder ähnliche 
Bezüge wegen fiiiher geleisteter Dienste für die im Urteil bestimmte Zeit 
(Art. 79). Dauer der Strafe: 1 — 15 Jahre; Einteilung in 5 Grade zu je drei 
Untergraden von je einem Jahre (Artt. 28, 82, 38, 34). — 9. Die „pena de in- 
habilitaciön especial" ist gewissermassen eine mildere Form der „inhabili- 
taciön absoluta", mit der sie Dauer und Einteilung gemein hat, und erscheint 
entweder als „inhabilitaciön para empleo ö cargo püblico", d. h. Verlust eines 
im Urteil bezeichneten Amtes und Unfähigkeit, während der Dauer der Strafe 
ein anderes Amt derselben Gattung zu erlangen — oder als „inhabilitaciön 
para derechos pollticos", d. h. Unfähigkeit, ein im Urteil bezeichnetes poli- 
tisches Recht während der Dauer der Strafe auszuüben (Art. 80). — 10. Die 
dauernde Entfernung aus einem öffentlichen Amte oder einer öffent- 
lichen Stellung (destituciön de empleo ö cargo) (Art. 81). — 11. Der zeit- 
weilige Ausschluss von einem öffentlichen Amte oder einer öffent- 
lichen Stellung sowie von der Ausübung politischer Rechte (suspensiön 
de empleo, cargo ö derechos politicos); Dauer: 1 Monat bis 2 Jahre, als Aus- 
schluss von der Ausübung politischer Rechte: 4 Monate bis 5 Jahre; nur in 
der letzteren Form ist die Strafe in Grade, und zwar in 5 zu je 3 Untergraden 
von je 4 Monaten, eingeteilt (Artt. 28, 32, 33, 34, 82, 29). — 12. Geldstrafe 
(multa); kein Mindestbetrag; kein absoluter Ilöchstbetrag ; die Strafe soll den 
fünften Teil des Jahreseinkommens des Verurteilten nicht übersteigen (Artt. 23, 
53), sie wird in erster Linie zur Erfüllung der dem Veinirteilten obliegenden 
civilrechtlichen Entschädigungspflicht und, wenn eine solche nicht oder nur 
in geringerem Umfange besteht, zum übcrschiessenden Teile für die Gefäng- 
nisse des betreffenden Bezirks verwendet (Art, 86). 

Strafgesetzgebung der Gegenwart. II. 5 



Qß Peru. — § 3. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 



b) Leichte Strafen (penas leves). — 1. Leichter Arrest (arresto 
menor); Dauer 2 — 30 Tage; 5 Grade zu je 3 Untergraden von je 2 Tagen 
(Artt. 28, 32, 33, 34), Arbeitszwang wird nicht erwähnt; wegen des Unter- 
schieds zwischen leichtem und schwerem Arrest siehe oben S. 65. 2. Geld- 
strafe (multa) kann sowohl schwere als leichte Strafe sein; die Grundsätze 
sind in beiden Fällen dieselben (Artt. 23, 53). 8. Der Verweis (reprensiön) 
wird von dem Richter vor Beginn der Sitzung in Gegenwart des Gerichts- 
schreibers und des Verletzten oder eines Zeugen erteilt (Art. 85). — 4. Die 
Verpflichtung zur Bürgschaftsleistung (cauciön). Obwohl ihrer Natur 
wie ihrem Zwecke nach weniger eine Strafe für begangene, als ein Mittel zur 
Verhütung zukünftiger Strafthaten, hat doch diese Massregel unter die eigent- 
lichen Strafmittel Aufnahme gefunden. 

B. Nebenstrafen (penas accessorias). Die Nebenstrafen kommen 
nicht selbständig, sondern nur als Folge einer Hauptstrafe vor, müssen aber 
neben dieser im Urteil besonders bezeichnet werden (Art. 51). Die Dauer der 
Nebenstrafe ist gleich der der Hauptstrafe, wenn nicht das Gesetz ausdrücklich 
das Gegenteil sagt (Art. 30). Ausser der „inhabilitaciön", die sowohl Haupt- 
ais Nebenstrafe sein kann, kennt das Gesetz (Art. 24) folgende Nebenstrafen: 
1. Die civilrechtliche Handlungsunfähigkeit (interdicciön civil); sie be- 
wirkt, falls nicht das Gesetz etwas anderes anordnet, für den Verurteilten den 
Verlust der väterlichen Gewalt, der ihm nach Massgabe des bürgerlichen 
Rechts zustehenden Befugnis, seinen Ehegatten zu vertreten, sowie des Rechts, 
sein Vermögen zu verwalten und darüber unter Lebenden zu verfügen 
für die im Urteil bestimmte Zeit (Art. 83). — 2. Die Einziehung der bei 
der Ausführung der That benutzten Gegenstände (p6rdida de los in- 
strumentos con que se eometiö el delito, art. 34). — 3. Leistung von 
Schadensersatz und Tragung der Prozesskosten (pago de daüos, gastos 
y costas procesales). Die Einreihung dieser Massregel unter die Strafen beruht 
auf einer Vermischung civilrechtlicher und strafrechtlicher Begriffe. — 4. Stel- 
lung unter Polizeiaufsicht (sujeciön A la vigilancia de la autoridad) ist 
für die Zeit von 6 Monaten bis zu 5 Jahren zulässig (Art. 28) und hat für 
den Verurteilten gewisse Beschränkungen der Freizügigkeit zur Folge (Art. 84). 

6. Strafzumessung und Strafvollzug. — Die Strafen sind vom 
Richter so zu verhängen, wie sie im Gesetze angedroht sind, d. h. nach 
Graden und Untergraden. Dabei bilden Todesstrafe, Zuchthaus einerseits, 
Einsperrung, schwerer Arrest und leichter Arrest andrerseits eine absteigende 
Skala (Art. 42). Die Strafbestimmungen beziehen sich, wenn nicht das Gegen- 
teil gesagt ist, auf das vollendete Delikt; giebt das Gesetz keinen bestimmten 
Grad und Untergrad an, so ist der dritte Grad und der höchste Untergrad 
gemeint (Art. 44). Nach der Regelstrafe ist die des Versuchs, des fehl- 
geschlagenen Verbrechens, der Verabredung, sowie die der Teilnahme an 
dieser oder der Hehlerei bezüglich einer dieser Handlungen durch Ermässigung 
der Regelstrafe in der bereits oben S. 60 und 61 erwähnten Weise zu bestimmen. 
Die genaueren Vorschriften über die hierbei zu beachtenden Grundsätze ent- 
halten die Artt. 43 und 46 — 50. Von der Strafzumessung bei dem Vorliegen 
mildernder oder ei'schwerender Umstände handeln Art. 55 — 61. 

Die in diesem Zusammenhange zu erwähnenden Grundsätze über das Zu- 
sanunentreffen mehrerer strafbaren Handlungen sind sehr einfach. Das Gesetz 
berücksichtigt weder den Fall der Gesetzeskonkurrenz, noch den der sog. 
Idealkonkurrenz, sondern nur die RealkonkuiTenz. Begeht jemand zwei oder 
mehrere strafbare Handlungen, so hat er die für die schwerste angedrohte 
Strafe verwirkt, und zwar wird das Vorliegen des oder der mehreren anderen 
Delikte als strafschärfender Umstand betrachtet (Art. 45). 



§ 3. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 67 



Die Strafvollstreckung darf nur in den vom Gesetze vorgeschriebenen 
Formen und erst dann erfolgen, wenn das Urteil rechtskräftig ist (Art. 66; 
Voraussetzungen der Rechtskraft: Codigo de enjuiciamientos en materia penal, 
Alt. 182). Art. 67 bestimmt, in welchen Fällen ein Aufschub der Voll- 
streckung zulässig ist: Geisteskrankheit oder schwere körperliche Erkrankung 
des Verurteilten. 

7. Verjährung (prescripciön). Der Verjährung unterliegt sowohl die 
Strafverfolgung wie die rechtskräftig erkannte Strafe. Die Frist richtet sich 
im ersteren Falle nach der generell angedrohten Strafart und beträgt 8 Jahre, 
wenn sie Todesstrafe, 5 Jahre, wenn sie Zuchthaus oder Gefängnis ist. Alle 
übrigen von Amtswegen zu verfolgenden Verbrechen verjähren in 3 Jahren, 
die nicht von Amtswegen zu verfolgenden in 100 Tagen Inter praesentes und 
in einem Jahre inter absentes, Übertretungen in 30 Tagen (Art. 95). Die 
Verjährungszeit rechtskräftig erkannter Strafen beträgt: fttr die Todesstrafe 
18 Jahre, für alle Übertretungsstrafen 6 Monate, für alle Geldstrafen 5 Jahre und 
für alle übrigen Strafen ebenso lange wie die Strafzeit, vermehrt um 2 Jahre 
(Art. 96). Die Frist beginnt: bei der Klagverjährung mit dem Tage der Be- 
gehung der That, bei der Vollstreckungsverjährung mit dem Augenblick, in 
welchem die Vollstreckung unterbrochen wird. Die Verjährung wird unter- 
brochen, wenn vor Ablauf der Frist der Schuldige ein gleichartiges oder mit 
gleich hoher oder härterer Strafe bedrohtes Delikt begeht (Art. 97). 

8. Die civilrechtlichen Folgen der strafbaren Handlung. Das 
Strafgesetzbuch enthält im dritten und sechsten Abschnitt des ersten Buches 
(Artt. 18 — 22, 87 — 94) sehr interessante und ausführliche Bestimmungen über 
die Entschädigung des durch eine strafbare Handlung Verletzten. Es stellt den 
Grundsatz auf, dass derjenige, der für eine Handlung strafrechtlich verant- 
wortlich ist, für ihre Folgen auch civilrechtlich haftet (Art. 18). Das Vorliegen 
eines der allgemeinen Strafausschliessungsgründe des Art. 8 (Geisteskrankheit, 
jugendliches Alter, Zwang u. s. w.) oder des besonderen des Art. 17 (Hehlerei 
zu Gunsten eines nahen Verwandten) bewirkt keineswegs das Erlöschen der 
civilrechtlichen Schadensersatzpflicht, sondern hat nur einen Übergang der 
Verpflichtung auf andere Personen zur Folge (Art. 19). Es haften nämlich: 
a) ftlr den Geisteskranken: diejenigen, welche ihn beaufsichtigen (guardadores), 
wenn sie nicht nachweisen, dass sie ihre Schuldigkeit gethan haben; in 
letzterem Falle, sowie, wenn der Kranke keinen Wärter oder dieser kein 
Vermögen hat, erfolgt die Entschädigung aus dem Vermögen des Kranken, 
dem jedoch das zum Leben Notwendige nach Massgabe der Civilgesetze belassen 
werden muss; b) für Minderjährige unter 15 Jahren: deren Eltern oder die 
mit ihrer Aufsicht betrauten Personen unter den gleichen Voraussetzungen; 

c) der Schaden, den jemand angerichtet hat, um. einen grösseren abzuwenden, 
ist von allen zu tragen, die durch die Handlung vor Verlust bewahrt sind; 

d) für die Beschädigung, die jemand unter dem Einfluss von Furcht oder 
Zwang zufügte, haftet derjenige, der ihn in Furcht versetzte oder den Zwang 
ausübte, subsidiär aber auch der Thäter. 

Das Gesetz geht aber noch weiter und statuiert auch in gewissen Fällen, 
in denen dem Thäter kein Straf ausschliessungsgrund zur Seite steht, die 
subsidiäre Haftung dritter Personen, die entweder mit dem Urheber des Delikts 
oder mit dem Begehungsorte der That oder mit den Umständen, unter denen 
sie begangen wurde, in besonderer Beziehung stehen. Es haften nämlich die 
Eigentümer, Unternehmer oder Leiter gewerblicher Anlagen subsidiär für die 
von ihren Arbeitern oder Angestellten in Ausübung ihres Berufs verübten 
Delikte (Art. 20). Ebenso sind die Leiter von öffentlichen Etablissements, wie 
Gastwirtschaften, Gasthäusern, Badeanstalten, Vergnügungslokalen u. a. m. für 

5* 



68 Peru. — Der besondere Teil des Strafgesetzbuches. 



die innerhalb derselben begangenen strafbaren Handlungen subsidiär verant- 
wortlich, wenn sie durch Übertretung polizeilicher Vorschriften zu der Begehung 
Gelegenheit gegeben haben (Art. 21). Endlich haftet, wie bereits der alt- 
römische ^,caupo", so der peruanische „posadero" (Gastwirt) fiir die ihm von 
einem Gaste in Verwahrung gegebenen Gegenstände, deren Wert er ersetzen 
muss, wenn sie gestohlen werden. Wurde der Diebstahl mit Gewalt von einem 
seiner Angestellten begangen, so haftet er auch ohne dass die Gegenstände 
seiner Obhut anvertraut waren (Art. 22). — Die civilrechtliche Verantwortlich- 
keit für eine strafbare Handlung umfasst: 1. die Rückgewähr des abhanden 
gekommenen Gegenstandes (auch wenn er im Besitze eines Dritten ist, dessen 
Schadensersatzansprüche gegen seinen Vormann vorbehalten bleiben) oder die 
Erstattung des Wertes, und zwar des Affektionswertes, wenn ein solcher vor- 
handen ist; 2. die Leistung von Schadensersatz für die zugefügte Beschädigung 
nach dem Gutachten Sachverständiger oder nach richterlichem Ermessen; 
3. Ersatz für alle uimiittelbaren oder mittelbaren Nachteile, die der Be- 
schädigte oder dessen Angehörige durch die strafbare Handlung erlitten haben 
(Artt. 87—90). 

Die civilrechtliche Verantwortlichkeit lastet auf allen Schuldigen soli- 
darisch; jedoch kann der Richter für jeden von ihnen unter Berücksichtigung 
aller in Frage kommenden Umstände eine Quote festsetzen, damit derjenige, 
der die gesamte Schuld gezahlt hat, gegen seine Mitschuldigen Regress nehmen 
kann (Art. 92). Die civilrechtliche Haftung geht auf die Erben des Schuldigen 
über und kann von den Erben des Berechtigten geltend gemacht werden; sie 
geht allen von dem Schuldigen nach Begehung der That eingegangenen ander- 
weiten Vei'pflichtungen vor (Artt. 93, 94). 

Die in Vorstehendem kurz wiedergegebenen Grundzüge enthalten eine 
weitgehende Bevorzugung des Verletzten. 

c) Der besondere Teil des Strafgesetzbuches. 
1. § 4. Von den Verbi^echen und ihrer Bestrafung. 

Der besondere Teil des Strafrechtes ist im zweiten und dritten Buche des 
Strafgesetzbuches enthalten, von denen das zweite die Vergehen behandelt. 
Es umfasst 12 Abschnitte und enthält die Artikel 99 — 371. Die Einteilung 
der Delikte ist nach der Verschiedenheit des angegriffenen Rechtsgutes erfolgt; 
jedoch ist dieser Grundsatz aus praktischen Rücksichten insofern durchbrochen, 
als die von Beamten begangenen Delikte im fünften Abschnitte zusammen- 
fassend behandelt sind. — Der Inhalt der einzelnen Abschnitte ergiebt sich aus 
folgender Übersicht: 

I. Abschnitt. Religionsdelikte (delitos contra la religiön) (Artt. 99 
bis 107). Die katholische Konfession ist Staatsreligion; der Versuch, sie abzu- 
schaffen oder zu ändern, wird mit Verbannung, die öffentliche Vornahme von 
Kultushandlungen einer anderen Religion mit Einsperrung bestraft (Artt. 99, 
100). In diesem Abschnitte wird auch die sog. Leichenschändung behandelt. 

II. Abschnitt. Strafbare Handlungen gegen die äussere Sicher- 
heit des Staates (delitos contra la seguridad exterior del Estado). Artt. 108 
bis 124; drei Titel: 1. Landesverrat (traiciön ä la patria); 2. Delikte, welche 
die Unabhängigkeit des Staates gefährden (delitos que comprometen la in- 
dependencia del Estado). Die am häufigsten in diesen Titeln angedrohte 
Strafe ist die Verbannung; Zuchthaus findet gegen rückfällige Personen und 
bereits bei der ersten Begc^hung gegen Ausländer Anwendung. 3. Strafbare 
Handlungen gegen das Völkerrecht (delitos contra el derecho de gentes). 



§ 4. Von den Verbrechen und ihrer Bestrafung. 69 



Unter dieser Kategorie behandelt das Gesetz auch den Seeraub (piraterla), 
der mit Zuchthaus bestraft wird; für die von einem Seeräuber begangenen 
anderen strafbaren Handlungen wird die Strafe um 2 oder 3 Untergrade er- 
höht (Artt. 119, 120). 

IIL Abschnitt. Strafbare Handlungen gegen die innere Sicherheit 
des Staates (delitos contra la seguridad interior del Estado). Artt. 125 — 159, 
sieben Titel: 1. Delikte gegen die Staatsverfassung (delitos contra la constitu- 
ciön politica del Estado). 2. Rebellion (rebeliön); die Bestimmungen dieses 
Titels sind ergänzt durch ein Gesetz vom 14. September 1878 (Fuentes, S. 177 
bis 179) und durch Gesetz vom 25. Oktober 1889 (dieses letztere ist an Stelle 
der aufgehobenen Artikel 131, 132 und 136 des Strafgesetzbuches getreten). 
3. Aufstand (sediciön); 4. Auflauf und Zusammenrottung (motin y asonada); 

5. (enthält gemeinsame Bestimmungen für die drei vorhergehenden Titel); 

6. Angriffe und Mangel an Ehrerbietung gegen die Obrigkeit (atendados y 
desacatos contra la autoridad); 7. Delikte gegen die Ausübung des Wahlrechts 
(delitos contra el ejercicio del sufragio). Die angedrohten Strafen sind: Ver- 
bannung, Einsperrung, schwerer Arrest, Eingrenzung und Ehrenstrafen. 

IV. Abschnitt. Strafbare Handlungen gegen die öffentliche Ge- 
sundheitspflege (delitos contra la salubridad publica); Artt. 160 — 165. 
Hier wird auch der VtTkauf schädlicher und verfälschter Nahruugs- und Ge- 
nussmittel mit Strafe bedroht. Nach Art. 165 ver\\irkt der Arzt oder Chirurg, 
der sich ohne Grund weigert, im Falle der Not Hülfe zu leisten, eine Geld- 
strafe von 20 — 200 Pesos zu Gunsten der geschädigten Familie. 

V. Abschnitt. Die besonderen Delikte der öffentlichen Beamten. 
Artt. 166 — 205, zehn Titel. 1. Amtsanmassung (usurpaciön de autoridad); 
2. Amtsmissbrauch (abuso de autoridad); 3. Prävarikation; der im Deutschen 
durch 6in Wort nicht wiederzugebende peruanische Begriff des „prevaricato" 
umfasst die Rechtsbeugung und Rechtsverweigerung durch den Richter und 
die sogen. Untreue der Sachwalter ; 4. Bestechung (cohecho) ; sowohl die aktive, 
wie die passive Bestechung ist strafbar; 5. Ungehorsam und Nachlässigkeit 
im Amte (insubordinaciön e inexactitud en el ejercicio de sus funciones); 
6. Untreue bei der Bewachung von Gefangenen (infidelidad en la custodia 
de presos); 7. Untreue bei der Aufbewahining von Urkunden (infidelidad en 
la custodia de documentos); 8. Offenbarung von Geheimnissen (revelaciön de 
secretos); 9. Veruntreuung öffentlicher Gelder (malversaciön de caudales publi- 
cos); 10. Betrügerische Handlungsweise und Gebührenüberhebung (fraudes y 
exacciones). 

VI. Abschnitt. Fälschungsdelikte (f alsedades) ; Artt. 206 — 229, sechs 
Titel. 1. Fälschung von Siegeln, Unterechriften und Stempeln (falsificaciön 
de seilos, firmas y marcas); 2. Urkundenfälschung im allgemeinen (falsificaciön 
de documentos en general); 3. Fälschung von Kreditpapieren (falsificaciön de 
documentos de credito); 4. Falschmünzerei (falsificaciön de moneda); 5. Fal- 
sches Zeugnis (falso testimonio); die Strafe ist verschieden, je nachdem das 
Zeugnis in einer Civil- oder einer Strafsache abgegeben ist und in letzterem 
Falle je nach den Folgen, die es für den Angeklagten gehabt hat. Unter 
Zeugen (testigos) versteht das peruanische Recht nur solche Personen, welche 
eidlich vemonmien werden können (vgl. Strafprozessordnung Artt. 60 — 62). 
Titel 6 enthält allgemeine Bestimmungen und schafft in Art. 227 einen ganz 
allgemeinen Deliktsthatbestand der Fälschung, nach dem alle in den vorigen 
Titeln nicht erwähnten Fälschungsdelikte fallen. 

VII. Abschnitt. Strafbare Handlungen gegen die Person (delitos 
contra las personas). Artt. 230 — 263; fünf Titel. 1. Tötung (homicidio). 



70 Peru. — Der besondere Teil des Strafgesetzbuches. 



Der Begriff umfasst: Mord und Totschlag, Körperverletzung mit tötlichem 
Ausgange und Beihülfe zum Selbstmord. Die ersteren beiden werden im 
peruanischen Recht begrifflich nicht unterschieden. Die Regelstrafe der Tötung 
ist zwölfjähriges Zuchthaus (Art. 230); Eltemtotschlag und Tötung unter ge- 
wissen erschwerenden Umständen sind jedoch mit dem Tode bedroht (Artt. 231, 
232). Beihtllfe zum Selbstmord hat Gefängnis auf die Dauer von 5 Jahren 
zur Folge (Art. 238). — 2. Kindestötung (infanticidio) wird an der bisher 
unbescholtenen, zur Rettung ihrer Ehre im Augenblick der Geburt (en el 
momento de nacer) handelnden Mutter mit Gefängnis von 5 Jahren, an ihren 
Eltern mit Zuchthaus von 6 und an anderen Personen mit Zuchthaus von 
12 Jahren bestraft (Art. 242). — 3. Abtreibung (aborto). — 4. Körperver- 
letzung (lesiones corporales). — 5. Zweikampf (duelo). Bestraft werden, ausser 
den Kämpfenden selbst: die Sekundanten (Art. 259) und derjenige, der einen 
anderen mit Erfolg anstiftet, jemanden zum Zweikampf zu fordern oder eine 
Forderung anzunehmen (Art. 258). Die Herausforderung zum Zweikampf ist 
nicht strafbar; wer jedoch einen anderen dadurch öffentlich verächtlich macht, 
dass er behauptet, er habe die Annahme einer Forderung verweigert, wird 
nach den Grundsätzen der schweren Beleidigungen bestraft (Art. 258 Abs. 2). 

VIII. Abschnitt. Sittlichkeitsdelikte (delitos contra la honestidad); 
zwei Titel, Artt. 264 — 280. 1. Ehebruch (adulterio) liegt bei dem Ehemanne nur 
dann vor, wenn er innerhalb oder ausserhalb der ehelichen Wohnung eine Kon- 
kubine unterhält (Art. 265). Die Strafverfolgung (unzulässig, solange die Klage 
auf Trennung der Ehe vor dem geistlichen Richter schwebt; de la Lama S. 22 
unter „adulterio") findet nur auf Antrag des verletzten Ehegatten statt, der 
jederzeit zuriickgenonmien werden kann und als zurückgezogen gilt, wenn 
die Ehegatten wieder zusammenleben. Der Ehegatte, welcher den anderen 
verlassen hatte, kann dessen Bestrafung wegen Ehebruchs nicht verlangen 
(Artt. 266, 267). — 2. Notzucht, Verführung zum Beischlaf und andere Sitt- 
lichkeitsdelikte (violaciön, estupro, rapto y otros delitos). Die in dieser Über- 
schrift nicht ausdrücklich erwähnten Strafthaten sind: Sodomie (sodomia, Art. 272), 
umfasst anscheinend widernatürliche Unzucht zwischen Männern und Weibern 
und Päderastie, nicht aber Unzucht zwischen Mensch und Tier (bestialidad ; 
vgl. de la Lama S. 469 unter „pederastia" und S. 89 unter „bestialidad") 
und Kuppelei (Art. 279; strafbar nur, wenn in Bezug auf Minderjährige ge- 
wohnheitsmässig oder unter Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses oder einer 
Vertrauensstellung begangen). 

IX. Abschnitt. Ehrverletzungen (delitos contra el honor). Artt. 281 bis 
292, einziger Titel: Beleidigung und Verleumdung (iniurias y calumnias). Der 
Beleidigung macht sich schuldig, wer durch Worte, Schrift oder Handlungen 
einen anderen beschimpft, schmäht oder ihm seine Missachtung zu erkennen 
giebt. Verleumdung ist die unwahre Behauptung, dass jemand ein von Amts- 
wegen zu verfolgendes Verbrechen oder Vergehen, oder dass ein Beamter in 
Ausübung seines Amtes eine strafbare Handlung begangen habe. 

X. Abschnitt. Strafbare Handlungen gegen den Personenstand 
(delitos contra el estado civil de las personas). Artt. 293 — 299, 2 Titel: 
1. Kindesunterschiebung und andei'weite Beilegung eines falschen Personen- 
standes (suposiciön de partos y otras usurpaciones del estado civil); 2. Ein- 
gehung einer ungesetzlichen Ehe (matrimonios ilegales). 

XI. Abschnitt. Strafbare Handlungen gegen die persönliche 
Freiheit und Sicherheit, den Hausfrieden und andere Persönlich- 
keitsrechte (delitos contra la libertad y seguridad personal, inviolabüidad del 
domicilio y otras garantias individualesj. Artt. 300 — 325; 5 Titel. I.Angriffe 
auf die persönliche Freiheit (atentados contra la libertad); 2. Heimliche Weg- 



§ 5. Übertretungen. — § 6. Die übrigen Gesetze strafrechtlichen Inhaltes. 71 



ftthrung Minderjähriger (sustraciön de menores); hier wird auch die Anssetzung 
(abandono) von Kindern behandelt; 3. Hausfriedensbruch (violaciön del do- 
micilio); 4. Bedrohung und Nötigung (amenazas y coacciönes); 5. Offenbarung 
von Geheimnissen (violaciön de secretos). 

Xn. Abschnitt. Strafbare Handlungen gegen das Privateigentum 
(delitos contra la propriedad particular); Artt. 326 — 371; 8 Titel. 1. Raub 
und Diebstahl (robos y hurtos). Der Begriff des Diebstahls wird vom Gesetz- 
geber als feststehend vorausgesetzt und daher nicht ausdrücklich definiert. 
2. Gewaltsame Inbesitznahme von Grundstücken (usurpaciön) ; 3. Strafbares 
Schuldenmachen (deudores punibles); 4. Betrug (estafetas y otras def raudaciones) ; 
der Vertrauensmissbrauch (abuso de confianza) hat nur civilrechtliche Nach- 
teile zur Folge (de la Lama, S. 7). 5. Brandstiftung und andere gemein- 
gefährliche Beschädigungen (incendios y otros estragos); 6. Sachbeschädigung 
(dafios); 7. Glücksspiele und Lotterien (juegos y rifas); 8. Allgemeine Be- 
stimmungen über die Straflosigkeit von Diebstahl, Betrug und Sachbeschä- 
digung unter nahen Angehörigen. 

8. § 5. Die Übertretungen. 

Das dritte Buch des Strafgesetzbuches behandelt in acht Titeln und 
29 Artikeln (Artt. 372 — 400) die Übertretungen (faltasj und ihre Bestrafung. 
Die Einteilung ist folgende: 1. Übertretungen gegen die Religion; 2. Über- 
tretungen gegen die guten Sitten; 3. Verletzungen der öffentlichen Sicherheit 
und Ordnung; 4. Beeinträchtigung der öffentlichen Reinlichkeit und Beschädigung 
öffentlicher Anlagen; 5. Übertretungen der Vorschriften über das öffentliche 
Gesundheitswesen; 6. Leichte Sachbeschädigung; 7. Leichte Körperverletzung 
und Beleidigung; 8. (enthält gemeinsame Bestimmungen für alle Übertretungen). 



m. 

§ 6. Die übrigen Gesetze strafrechtlichen Inhaltes. 

Neben dem Strafgesetzbuche enthalten verschiedene peruanische Gesetze 
Bestimmungen strafrechtlichen Inhaltes. Ein Teil dieser Gesetze (soweit sie 
bis 1880 erlassen sind) findet sich abgedruckt im Anhange der bereits mehr- 
fach erwähnten Ausgabe des Strafgesetzbuches und der Strafprozessordnung 
von Manuel A. Fuentes; einzelne von ihnen sind bereits in den vorigen 
Paragraphen erwähnt. Das peruanische Militär-, Straf- und Strafprozessrecht 
befindet sich zui* Zeit im Stadium der Umbildung. Eine im Jahre 1890 ein- 
gesetzte Kommission (Mitglieder: Dr. M. A. de la Lama und Dr. Antenor Arias) 
hat bereits das Strafgesetzbuch und die Strafprozessordnung für das Landheer 
sowie die Strafprozessordnung für die Marine beendigt, während das Straf- 
gesetzbuch für die Marine der Vollendung entgegengeht. Im Druck sind die 
vorerwähnten Entwürfe nicht erschienen.^) Das nachstehende Verzeichnis 
macht auf Vollständigkeit keinen Anspruch. 

1. Gesetz über die Presse vom 3. November 1823, ergänzt und modi- 
fiziert durch die Gesetze vom 8. November 1823, vom 25. Mai 1861 und vom 
16. Dezember 1868. — Für die in einer Druckschrift enthaltenen strafbaren 
Handlungen (abusos de la libertad de imprenta) ist der Verfasser oder Her- 
ausgeber verantwortlich; er muss das in den Händen des Druckers bleibende 



^) Nach Mittellungen des Herrn Dr. M. A. de la Lama. 



72 Peru. — Die übrigen Gesetze strafrechtlichen Inhaltes. 



Original mit seinem Namen unterzeichnen (Art. 25). Für den Drucker (im- 
presor) besteht die Verpflichtung, den Verfasser oder Herausgeber auf Er- 
fordern des Gerichtes namhaft zu machen; die Weigerung oder Falschnennung 
zieht Bestrafung nach sich (Art. 26). Auf Veranlassung der „Vereinigung der 
peruanischen Presse" (La Prensa Asociada del Peru) hat eine aus den Herren 
Dr. Cesares Chacaltana, Dr. M. A. de la Lama und Dr. Abelardo Gamarra 
bestehende Kommission einen Entwurf eines neuen Pressgesetzes ausgearbeitet, 
der jedoch bislang nicht veröffentlicht ist.^) 

2. Strafprozessordnung (Cödigo de enjuiciamientos en materia penal) vom 
23. September 1862; amtli3he Ausgabe Lima 1862, Imprenta Galle de la 
rifa 58; Ausgabe mit Kommentar von M. A. de la Lama; abgeändert durch 
Gesetz vom 20. Dezember 1878, enthaltend Bestimmungen über Berufung, 
Revision und Anrechnung der Untersuchungshaft. 

3. Gesetz vom 28. September 1868 über die Verantwortlichkeit der 
öffentlichen Beamten. 

4. Gesetze vom 14. September 1878 und 25. Oktober 1889; enthalten Be- 
stimmungen über geii^isse Delikte gegen die innere Sicherheit des Staates (Auf- 
ruhr u. s. w.) und sind bereits oben (S. 69) erwähnt. 

5. Gesetz vom 18. Januar 1879 über die Auslosung mehrerer zum Tode 
verurteilter Personen (ist ebenfalls bereits S. 64 erwähnt). 

6. Gesetz vom 28. September 1888 betreffend die geschlossenen (mystischen 
Testamente); eine Analyse findet sich im „Annuaire de l^gislation 6trangöre" 
Bd. 18 S. 981. 

7. Gesetz vom 9. Oktober 1888 über den Checkverkehr (französische 
Übersetzung im „Annuaire de legislation ötrangöre" Bd. 18 S. 982). 

8. Gesetz vom 25. Oktober 1892 über die Fabrikmarken; Analyse im 
„Annuaire de legislation ^trang^re" Bd. 22 S. 948 — 950. 



') Nach Mitteihmgen des Herni Dr. M. A. de la Lama. 



VL 



URUGUAY. 



Von 



Martin C. Martinez, 

Professor des Strafrechts an der Unirersität Montevideo. 



(Übersetzung aus dem Spanischen 
von Dr. Georg Grusen, Gerichtsassessor im Königlich Preussischen Justizministerium zu Berlin.) 



Übersicht, 



Litteratur. 
§ 1. Einleitung. 

§ 2. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches von 1889.] 
§ 3. Der besondere Teil des Strafgesetzbuches von 1889. 
§ 4. Das Spezialstrafrecht. 



Litteratur. 

Wie in den meisten südamerikanischen Staaten, so ist auch in Uruguay die 
Strafrechtswissenschaft von der europäischen, und namentlich von der französischen, 
abhängig und die eigene Litteratur nur gering. Zu erwähnen sind: Dr. Gonzalo 
Ramirez, Proyecto de Cödigo Penal 1874; Jacobo Varela, Denkschrift über die 
Gefängnis-Systeme (über denselben Gegenstand hat auch die mit der Ausarbeitung des 
Strafgesetzbuches beauftragte Kommission ein Gutachten veröffentlicht); Dr. Al- 
fredo Vazquez Acevedo hat Kommentare zum Strafgesetzbuche und zur Straf- 
prozessordnung verfasst. Mitteilungen über die Strafgesetzgebung der Republik Uru- 
guay seit 1885 finden sich in dem von der Societe de l^gislation comparee zu Paris 
herausgegebenen Annuaire de legislation etrangfere Bd. 15 S. 731 — 736 (Gesetze aus 
1885); Bd...l7 S. 995—998 (Gesetze aus 1886); Bd. 23 S. 870 bis 883 (enthält eine fran- 
zösische Übersetzung des Berichts, den die Kommission für die Ausarbeitung des 
Strafgesetzbuches von 1889 dem Präsidenten der Republik erstattet hat); Bd. 25 (Ge- 
setze aus 1895: über die Personenstandsregister vom 28. März und über die Liquidation 
der Aktiengesellschaften vom 31. Mai). 

§ 1. Einleitung. 

Bis zur Erlassung des Strafgesetzbuches vom 17. Januar 1889 galt in 
Uruguay auf dem Gebiete des Strafrechts der alte „Cödigo de las Siete Parti- 
das"*), der zur Zeit der Lostrennung des Landes von der Krone Spanien 
noch in Kraft war; jedoch nur formell, da die Richter befugt waren, in allen 
Fällen, in denen das Gesetz den modernen Kulturanschauungen nicht ent- 
sprach, die Strafen zu mildem. Die Praxis, weit entfernt von übertriebener 
Strenge, auf die man vielleicht aus der fortdauernden Geltung des mittelalter- 
lichen Rechts schliessen könnte, liess vielmehr eine allzugrosse Milde walten, 
sodass bis 1886 die der Schwere nach auf die Todesstrafe unmittelbar folgende 
schwerste Gefängnisstrafe nur zehn Jahre betrug. Da sich eine wirksamere 
Verteidigung der Gesellschaft gegen das Verbrechertum als notwendig heraus- 
gestellt hatte , wurden durch ein besonderes Gesetz vom Jahre 1886 das 
Maximum der Gefängnisstrafe auf 30 Jahre erhöht und aUe übrigen Strafen 
dementsprechend verschärft. — Am 18. Juli 1890 trat das neue Strafgesetz- 
buch in Kraft, dessen Hauptgrundsätzen die nachstehende Abhandlung ge- 
widmet ist. 

In der Einteilung des Stoffes folgt unser Strafgesetzbuch dem italienischen 
„Codice penale" von Zanardelli; für den allgemeinen Teil haben (nach dem 
Berichte der Kommission) hauptsächlich die Strafgesetzbücher von Spanien 
und Chile sowie der italienische Entwurf Mancini, für das Strafensystem und 
den besonderen Teil in erster Linie die italienischen Entwürfe von Zanardelli 
und Savelli sowie die Strafgesetzbücher von Spanien, Chile, Peru und Argen- 
tinien als Quellen gedient; einige Bestimmungen, wie z. B. die über geistes- 
kranke Verbrecher und den Rückfall bei den Tötungsdelikten, lassen den 
Einfluss der positivistisch-kriminologischen Schule erkennen. 



') Vgl. Bd. 1 S. 492 ff. 



76 Uruguay. — Das Strafgesetzbuch von 1889. 



§ 2. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches von 1889. 

1. Einteilung der strafbaren Handlungen. Alle strafbaren Hand- 
lungen zerfallen in Verbrechen (delitos) und Vergehen (faltas), wobei die 
letztere Bezeichnung die Übertretungen mit umfasst. 

2. Räumliches Geltungsgebiet der Strafgesetze. DaÄ Strafgesetz- 
buch beschäftigt sich im allgemeinen nur mit den im Gebiete der Republik 
begangenen strafbaren Handlungen, bestraft aber ausnahmsweise denjenigen, 
welcher von fremdem Gebiete aus Angriffe auf die Sicherheit des Staates 
unternimmt, Geld oder öffentliche Kreditpapiere verfälscht, sowie den Staats- 
bürger, der im Auslande eine strafbare Handlung begangen hat. Im Gegen- 
satze zu diesem letzt(»ren Prinzip bekannte sich der Südamerikanische Kon- 
gress für internationales Privatrecht in seiner Versammlung zu Montevideo 
(1889) zu dem Gnindsatze, dass ein uruguaischer Staatsbürger, der im Aus- 
lande ein Delikt begangen und sich dann in das Gebiet der Republik ge- 
flüchtet hat, auszuliefern sei. Auslieferungsverträge sind u. a. mit Peru 
(17. März bezw. 23. November 1885), mit dem Deutschen Reiche (12. Februar 

1880, Deutsches Reichsgesetzblatt für 1883 S. 287), mit England (30. Januar 

1881, abgeändert durch Vertrag vom 29. April 1891, Annuaire de l^gislation 
ötrangöre Bd. 23 S. 874) , mit Spanien (18. Januar 1886, Annuaire de lögis- 
lation 6trangöre Bd. 23 S. 874) abgesclilossen. Aus dem Vertrage mit Deutsch- 
land (Alt. 6 Abs. 2) ist zu erwähnen, dass der Angriff gegen das Oberhaupt 
einer fremden Regierung oder gegen Mitglieder seiner Familie weder als 
politisches Vergehen, noch als mit einem solchen im Zusammenhang stehend 
angesehen werden soll, wenn dieser Angriff den Thatbestand des Totschlags, 
Mordes oder Giftmordes bildet. Nach dem Vertrage mit Spanien gilt dieser 
Grundsatz für den gegen das Staatsoberhaupt gerichteten Mord und Mordversuch. 

3. Strafausschliessungsgründe. Nach Vorschrift des Gesetzes bleiben 
straflos: 1. Der Geisteskranke, falls er nicht während eines lichten Augenblickes 
(intervalo lucido) gehandelt hat, und derjenige, welcher aus irgendeinem von 
seinem Willen unabhängigen Grunde des Gebrauchs seiner Vernunft beraubt 
gewesen ist. Ein Geisteskranker, der ein gcuneingefährliches Delikt begangen 
hat, kann auf Anordnung des Richters in einer besonderen Anstalt interniert 
werden, aus welcher er nur auf Grund erneuter richterlicher Verfügung wieder 
entlassen wird. — Im Falle eines leichten Delikts muss die Familie des geistes- 
kranken Thäters für sein zukünftiges Wohlverhalten Sicherheit leisten. 3. Kinder 
unter 10 Jahren; 3. Jugendliche über 10 aber unter 14 Jahren, die ohne 
Unterscheidungsvermögen (discernimiento) gehandelt haben; jedoch kann der 
Richter selbst bei dessen Vorhandensein auf Unterbringung in eine Erziehungs- 
oder Besserungsanstalt bis zur Dauer von 2 Jahren erkennen; 4. Taubstumme 
unter 14 Jahren; 5. w(»r in Notwehr gegen einen Angriff auf seine eigene 
Person, seine Eltern oder einen anderen, oder 6. wer infolge physischen oder 
psychischen Zwanges handelt. 

4. Mildernde Umstände sind alle die vorerwähnten, wenn an ihrem 
Thatbestande irgendein Moment fehlt, ausserdem: Lebensalter unter 18 Jahren, 
Taubstummheit in Verbindung mit Schreibensunkunde, schwere Beleidigungen 
und ähnliche Fälle; das Strafgesetzbuch giebt also keine erschöpfende Auf- 
zählung der mildernden Umstände. Trunkenheit ist niemals ein Strafaus- 
schliessungsgrund; damit sie strafmildernd wirkt, ist erforderlich: dass der 
Thäter nicht bereits vor der Berauschung zu der That entschlossen gewesen 
ist, dass er die Trunkenheit nicht absichtlich herbeig(*führt hat, um sich Mut 
zu machen, und dass er nicht die Gewohnheit hat, in diesem Zustande straf- 
bare nandlung(»n zu begeluMi. 



§ 2. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 77 



5. Umstände, welche die Strafbarkeit erhöhen, sind diejenigen, 
welche die südamerikanischen Strafgesetzbücher gewöhnlich unter dieser Rubrik 
aufzählen: Hinterlist, unnötige Grausamkeit, Überlegung, Vertrauensmissbrauch, 
Ausführung des Verbrechens gegen Entgelt im Auftrage eines anderen, Beamten- 
qualität des Thäters und Benujzung dieser Eigenschaft bei Begehung der That, 
Rückfall u. a. m. Der im Rückfall begangene Mord wird besondere erwähnt 
und mit dem Tode oder 30jährigem Gefängnis bestraft. 

6. Thäterschaft und Teilnahme. Das Gesetz teilt diejenigen, welche 
bei der Begehung eines Delikts mitwirken können, in drei Klassen: Thäter, 
Gehülfen und Hehler. 

7. Privat- und Strafklage. Das Gesetz betrachtet nicht die erstere 
als blosse Verstärkung, oder, wie eine Reihe von Schriftstellern für viele Fälle 
vorgeschlagen haben, als Ersatz für die Strafklage, sondern beide Arten von 
Klagen sind von einander unabhängig. Die Erhebung der Strafklage steht 
dem Vertreter des Staates, die der Privatklage dem Verletzten oder seinen 
Erben zu. 

8. Strafensystem. Die Strafmittel des Gesetzes sind: Todesstrafe, Zuchthaus 
(penitenciaria) , Verbannung (destierro), gänzliche oder teilweise Unfähigkeit, 
sowie zeitweilige Aufhebung der Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Amter 
und Ehrenstellen und zur Ausübung politischer Rechte, Gefängnis (prisiön) und 
Geldstrafe. Die Todesstrafe, für deren Beibehaltung sich die Kommission nach 
reiflicher Erwägung entschieden hat, findet nur Anwendung bei Landesverrat, 
Mord in grausamer Ausführung und Mord im Rückfalle, wenn bei dem zweiten 
Morde mildernde Umstände nicht vorliegen. Die Todesstrafe wird mittels Er- 
schiessens vollzogen, und zwar öffentlich; jedoch kann die Vollstreckung auch 
innerhalb der Gefängnisse stattfinden, wobei dann von der Hinrichtung öffent- 
liche Mitteilung gemacht wird; die Zahl der zuzulassenden Zuschauer ist durch 
Beschluss des Höchsten Gerichtshofes (Superior Tribunal de Justicia) vom 
September 1895 auf nicht mehr als zehn festgesetzt. — Die Strafe der Verbannung 
wird nur für politische Delikte angedroht. — Die Geldstrafe findet bei geringen 
Vergehen und Übertretungen Anwendung; ihr Höchstbetrag ist 2000 Pesos. — 
Die Zuchthausstrafe hat eine Höchstdauer von 30 Jahren und wird in An- 
stalten vollstreckt, die für gemeinschaftliche Arbeit bei Tage und Einzelhaft 
bei Nacht berechnet sind. Durch Gesetz vom April 1895 ist die Verwendung 
von Zuchthaussträflingen zu Aussenarbeiten gestattet. — Die Gefängnisstrafe 
beträgt mindestens 3 Monate und höchstens 2 Jahre und wird in gemeinsamer 
Haft vollstreckt. Im Falle guter Führung des Verurteilten kann dieser nach 
Verbüssung von mindestens drei Vierteilen der verhängten Strafe vorläufig 
entlassen werden; die Entlassung ist jedoch nach freiem Ermessen des Gerichts 
widerruflich; der Entlassene bleibt unter polizeilicher Aufsicht. 

9. Abstufung der Strafen. Die Strafen sind in Grade eingeteilt. 
Diese Einteilung steht in Beziehung zu der Unterscheidung der strafbaren 
Handlungen in solche mit erschwerenden oder mildernden Umständen, in voll- 
endete, versuchte oder fehlgeschlagene, und zu der Unterscheidung der schuldigen 
Personen in Thäter und Gehülfen. Das System des Gesetzes besteht darin, 
die angedrohte Strafe um einen oder mehrere Grade zu erniedrigen oder zu 
erhöhen, je nachdem es sich um den einen oder den anderen Fall handelt. 
So z. B. beträgt ein Grad bei der Zuchthausstrafe 2 Jahre; wenn also das 
Gesetz sagt, dass mit Rücksicht auf das Vorliegen eines erschwerenden oder 
nodldemden Umstandes die Strafe um einen Grad erhöht oder ermässigt werden 
kann, so darf der Richter auf 2 Jahre mehr oder weniger erkennen. — Der 
Fehler dieses Systems, dessen Vorzug die Gesetzgebungskommission in der 
dadurch bewirkten Beschränkung der richterlichen Willkür sieht, liegt darin. 



78 Uruguay. — § 3. Der besondere Teil des Strafgesetzbuches von 1889. 



dass ein Grad für die langdauemden und die kurzzeitigen Freiheitsstrafen 
denselben Zeitraum umfasst; ordnet daher das Gesetz die Erhöhung oder Er- 
mässigung einer Strafe um einen Grad an, so ist der Unterschied der Straf- 
rahmen bei einem mit langdauernder Strafe bedrohten Delikte verhältnismässig 
gering, bei einem mit einer kurzzeitigen Strafe bedrohten aber sehr bedeutend. 



§ 3. Der besondere Teil des Strafgesetzbuches von 1889. 

1. Einteilung der strafbaren Handlungen. Delikte gegen die 
Gesamtheit. Die strafbaren Handlungen zerfallen in zwei Hauptgruppen: 
Delikte gegen die Gesamtheit oder den Staat (delitos publicos, delitos contra 
el Estado) und Delikte gegen Einzelne (delitos privados, delitos contra los 
particulares). Die ersteren gliedern sich in: Delikte gegen die äussere Sicher- 
heit des Staates (Delikte gegen das Vaterland: delitos contra la patria) — 
und Delikte gegen die innere Sicherheit des Staates; zu diesen gehören: An- 
griffe auf die verfassungsmässigen Einrichtungen, Aufruhr, Aufstand, Auflauf, 
Zusammenrottung. Die strafbaren Handlungen gegen das Vaterland werden, 
abgesehen von wenigen, mit dem Tode bedrohten, FäUen mit Verbannung und 
der Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Ämter und zur Ausübung politischer 
Rechte bestraft. — Das Gesetz behandelt in besonderen Artikeln die öffent- 
lichen, allgemeinen Aufforderungen zur Begehung von strafbaren Handlungen, 
sowie die unerlaubten Verbindungen und trennt diese Bestimmungen von 
denjenigen, welche sich auf die Unterdrückung der — übrigens in unserem 
Lande glücklicherweise nicht vorkommenden — Arbeitsausstände beziehen. — 
Die Delikte gegen das Völkerrecht büden eine besondere Unterabteilung und 
sind mit schweren Zuchthausstrafen bedroht. — Angriffe auf die freie Aus- 
übung des Wahlrechts, die Freiheit des Kultus, die persönliche Freiheit und 
das Briefgeheimnis werden mit Gefängnis bestraft. 

2. Die einzelnen Delikte. — Es ist unmöglich, ein so kompliziertes 
Werk wie ein Strafgesetzbuch im Rahmen einer gedrängten Abhandlung genau 
zu analysieren. Um jedoch von den strafbaren Handlungen, welche das Straf- 
gesetzbuch kennt, und ihrer Einteilung einen Begriff zu geben, seien sie im 
folgenden aufgezählt, und zwar in der gesetzlichen Reihenfolge. Strafbare 
Handlungen gegen die Staatsverwaltung: Unterschlagung und Erpressung 
im Amte, Bestechung, Erkaufung von Zeugen, Missbrauch der Amtsgewalt, 
Schmuggel, Anmassung eines öffentlichen Amtes oder Titels, Siegelbruch, Mangel 
an Ehrerbietung gegenüber einer Behörde oder einem Beamten. Delikte 
gegen die Justizverwaltung: wissentlich falsche Anschuldigung oder An- 
klage, falsches Zeugnis, pflichtwidrige Begünstigung seitens eines Justizbeamten 
(prevaricato), Entweichenlassen von Gefangenen, Urfehdebruch (quebrantamiento 
de condena; vgl. Bd. 1 S. 510). Strafbare Handlungen gegen Treu 
und Glauben: fälschliche Anfertigung oder Verfälschung von Geld oder 
öffentlichen Kreditpapieren, Urkundenfälschung im allgemeinen, Verfälschung 
von Zeugnissen und Telegrammen. Strafbare Handlungen gegen die 
öffentliche Sicherheit: Brandstiftung und andere gemeingefährliche Be- 
schädigungen, Delikte gegen die Sicherheit der Eisenbahnen und Telegraphen, 
gegen die öffentliche Gesundheit und die öffentliche Eniährung. Strafbare 
Handlungen gegen den öffentlichen Wohlstand: schuldhafter Bankerutt 
und Zahlungseinstellung. Delikte gegen die guten Sitten: Verletzung des 
Sittlichkeitsgefühls — Notzucht, Blutschande, gewaltsame Entführung, Ver- 
führung Minderjähriger, Bigamie, Delikte gegen den Personenstand. Straf- 
bare Handlungen gegen die Person: Tötung, Körperverletzung, Kinds- 



§ 4. Das Spezialstrafrecht. 79 



mord, Abtreibung der Leibesfrucht, Kiudesaussetzung, Zweikampf. Strafbare 
Handlungen gegen die Ehre und den persönlichen Frieden. Die 
alten Delikte der iniuria und calumnia hat das Gesetz zu einem einzigen 
zusammengefasst. Strafbare Handlungen gegen das Eigentum: Dieb- 
stahl, Eaub, Erpressung, Betrug, widerrechtliche Aneignung, widerrechtliche 
Inbesitznahme, Sachbeschädigung. Zweikampf. Das Gesetz bedroht die 
Herausforderung zum Zweikampf, selbst wenn sie nicht angenommen wird, 
mit dreimonatigem Gefängnis und die Annahme der Forderung mit Geldstrafe 
von 300 — 500 Pesos; in gleiche Strafe verfällt, wer einen anderen öffentlich 
oder durch die Presse in Verruf bringt oder beleidigt, weil er eine Heraus- 
forderung nicht hat ergehen lassen oder die Annahme einer solchen ver- 
weigert hat. Wer seinen Gegner tötet oder ihm Verletzungen beibringt, die 
den Tod zur Folge haben, wird mit Zuchthaus von 2 bis zu 4 Jahren bestraft; 
die Strafe ist entsprechend niedriger, wenn die Verletzungen leichter Art sind 
oder kein Blut geflossen ist. Der Zweikampf wird dem Totschlag gleich er- 
achtet, wenn er ohne Sekundanten oder mit ungleichen Waffen stattfindet, 
einer der Duellanten hinterlistige Mittel anwendet oder aus den Bedingungen 
oder den begleitenden Umständen die Absicht hervorgeht, dass einer von ihnen 
sein Leben verlieren soll. Milderung tritt ein, wenn die Beteiligten den Fall 
zunächst der Entscheidung eines Ehrengerichtshofes unterbreitet haben. 

Die vorstehende Aufzählung der im Strafgesetzbuch vorgesehenen Delikte 
beweist zur Geniige, dass dieses zwar sehr kasuistisch gehalten ist, Immerhin 
aber nicht, wie manche anderen Strafgesetzbücher, jeden einzelnen möglichen 
Fall im voraus speziell regelt. 



§ 4. Das Spezialstrafrecht. 

1. Pressgesetzgebung. Für die mittels der Presse begangenen straf- 
baren Handlungen gilt die am 31. Dezember 1879 erlassene Strafprozessordnung 
(Cödigo de instrucciön criminal). Sie zerfaUen in zwei Klassen: Delikte gegen 
den Staat und solche gegen Privatpersonen. Als Missbrauch der Presse, der sich 
gegen den Staat richtet, werden angesehen: Veröffentlichungen, die die öffent- 
liche Sittlichkeit, den Anstand und die guten Sitten verletzen; Aufreizungen 
zur Revolution und zum Ungehorsam gegen die Gesetze, sowie solche Auf- 
forderungen, durch welche die verfassungsmässigen staatlichen Organe beleidigt 
werden, und die Verherrlichung von Handlungen, welche als Verbrechen oder 
Vergehen mit gesetzlicher Strafe bedroht sind; jedoch wird durch diese letztere 
Bestimmung die Erörterung über die Strafbarkeit oder Straflosigkeit der 
erwähnten Thaten nicht verboten. — Ein Missbrauch der Presse gegenüber 
einer Privatperson liegt vor, wenn einer solchen persönliche Laster oder 
Fehler vorgeworfen und Familiengeheimnisse oder ehrenrührige Handlungen 
an die Öffentlichkeit gebracht werden, an deren Bekanntwerden ein öffent- 
liches Interesse nicht besteht; wenn Aktenstücke, Urkunden oder Urteüe ab- 
gedruckt werden, die sich auf die uneheliche Abstammung jemandes, die Be- 
streitung seines Personenstandes, einen Ehebruch, eine Ehescheidung oder ein 
Strafverfahren wegen eines Sittlichkeitsdelikts beziehen; endlich wenn jemand 
verleumderischer Weise der Verübung eines Verbrechens oder Vergehens be- 
zichtigt wird. — Der Verletzte kann wählen, ob das Verfahren vor dem 
ordentlichen (rechtskundigen) Richter oder vor den Geschworenen stattfinden 
soll. — Das Verfahren vor dem Geschworenengericht zerfällt in zwei Instanzen: 
die erste entscheidet über die Eröffnung des Verfahrens, die zweite über Frei- 
sprechung oder Verurteilung. 



80 Uruguay. — § 4. Das Spezialstrafrecht. 



2. Patent gesetz vom 11. November 1885 (Annuaire de l^gislation 6traii- 
ghre Bd. 15 S. 735); die Anfertigung patentierter Gegenstände wird mit Geld- 
strafe von 100 — 500 Piaster und Gefängnis von 1 — 6 Monaten bedroht. 

3. Gesetz über die Personenstandsregister vom 28. März 1895 (Annuaire 
Bd. 25 S. 908); Strafbestimmungen: Kap. XI. 

4. Gesetz über die Liquidation der Aktiengesellschaften vom 31. Mai 1895 
(Annuaire Bd. 25 S. 928); Strafbestimmungen: Kap. V. 

5. Gesetz vom 31. Dezember 1890 zur Ausführung der internationalen 
Konvention von 1884 über den Schutz der unterseeischen Kabel (Annuaire 
de 16gislation 6trang^re Bd. 23 S. 874). 

6. Das Wahlgesetz (ley electoral) vom 13. April 1893 enthält Straf- 
androhungen gegen Gewaltthätigkeiten und Unredlichkeiten bei Aufstellung 
der Wählerlisten, Bildung der Wahlvorstände und Beurkundung der Ab- 
stimmungen. 

7. Ein Gesetz vom Juni 1893 über die Liquidation von Aktiengesell- 
schaften bedroht die Untreue der Vorsteher (administradores) derartiger Ge- 
sellschaften mit Strafe. 

8. Das Militärgesetz ist am 7. Juli 1884 publiziert. Mit der Ausarbeitung 
eines neuen wurde Anfang 1889 eine Kommission beauftragt, indes ist bislang 
eine Änderung des gesetzlichen Zustandes nicht erfolgt. 



VIL 



P A R A G U A Y 



Von 



Ernst lisenmaiiii, 

Königlich Preassischem Gerichtsassessor a. D., 
AdTokaten in Paiii. 



StrafgesetEgebang der Gegenwart. II. 



Übersicht. 



I. Entstehungsgeschichte des Strafgesetzes. 

n. Inhalt des Strafgesetzbuches, 
m. Die Grundzüge. 
IV. Die einzelnen Strafthaten. 

V. Die sonstigen Strafgesetze. 



I. Entstehungsgeschichte des Strafgesetzes. 

Die Republik Paraguay hat unter dem 21. Juli 1880 das heute geltende 
Strafgesetzbuch adoptiert. Anscheinend ist dies unter dem Drucke derselben 
Notlage, wie sie bei allen spanischen Kolonieen nach deren Befreiung hervor- 
getreten ist, geschehen. Nur mag die Unzulänglichkeit der veralteten Gesetz- 
gebung, an deren Verbesserungen im Mutterlande die Republik seit ihrer 
Unabhängigkeitserklärung nicht mehr Teil hatte, in dem fernab gelegenen 
Staatswesen erst neuerdings hervorgetreten sein, wo die Berührung mit den 
der Civilisation mit allen ihren Auswüchsen erschlossenen Nachbarrepubliken 
auch Paraguay zu einem modernen, demokratisch - konstitutionellen Freistaat 
umgeformt hat. 

Für die Notlage und die Abwesenheit früherer einheimischer Kodifikation 
des Strafrechtes spricht jedenfalls der Umstand, dass das Einfühiningsgesetz 
das sofortige Inkrafttreten des Gesetzbuches anordnete, ohne erst die Ein- 
richtung der in demselben vorgesehenen verschiedenen Gefängnisanstalten ab- 
zuwarten, ja selbst ohne sich bis zur Drucklegung des Gesetzes zu gedulden. 

Ebendafür spricht auch die so ziemlich en bloc erfolgte Übernahme 
einer fremden Arbeit, nämlich des damals in den meisten Provinzen von Argen- 
tinien in Geltung befindlichen Strafgesetzbuches der Provinz Buenos Aires. ^) 
Die an dem Texte dieses Gesetzes gemachten Änderungen beschränken sich 
auf die notwendigen Modifikationen wegen der veränderten politischen Ein- 
richtungen u. dgl. 

Da das Provinzialgesetzbuch von Buenos Aires heute in seinem Ursprungs- 
lande nicht mehr in Geltung ist, sondern dem Bundesgesetzbuche der Argen- 
tinischen Republik von 1863 und dem Strafgesetzbuche von 1886 (s. oben 
S. 3 ff.) hat weichen müssen, so ist durch die Wiedergabe des hauptsächlichsten 
Inhalts und der Eigentümlichkeiten des paraguayischen Gesetzbuches Gelegen- 
heit geboten, diese in vieler Beziehung merkwürdige und jedenfalls vielfach 
selbständige legislatorische Arbeit der Vergessenheit zu entziehen. 

Wenn auch natürlich bei den einzelnen Delikten und Strafen die Ähn- 
lichkeit mit den übrigen Gesetzbüchern der spanischen Kulturwelt unverkennbar 
ist und insbesondere das chilenische ,, Mustergesetz** (das aber erst lange nach 
dem von Buenos Aires geschaffen wm'de und also allenfalls auf diesem fusst 
wie auf dem spanischen) nicht allzu entfernt davon steht, so kann doch der all- 
gemeine Teil als eine weit durchdachtere, obwohl kaum ganz harmonische Arbeit 
gelten. Es ist hier eine grosse Unabhängigkeit in der Behandlung fast aller 
Grundlehren des Strafrechtes zu verzeichnen, die aus der Menge der übrigen 
unkritischen Kopien europäischer Muster hervorleuchtet und die vergleichende 
Strafrechtsforschung bereichem wird. 



*) Eine neue mit dem offiziellen Texte übereinstimmende Au.s<»*abe dieses Gesetzes 
ist in der „Colecciön de Cödigos y Leyes usuales**, Buenos Aires, Felix Lajouane, 1884 
erschienen. 



84 Paraguay. — U. Inhalt des Strafgesetzbuches, m. Die Grundzüge. 



IL Inhalt des Strafgesetzbuches. 

Bei dem uns knapp zugemessenen Räume seheint zunächst zur Orientierung 
die Aufführung der Titelfolge des Gesetzbuches angezeigt: 

Einleitungstitel (§§ 1 — 5). Verbrechen, Vorgehen und Übertretungen. 

Buch I (§§ 6 — 195). Allgemeine Bestimmungen. I. Abschnitt. 
Von Verbrechen, Vergehen und verantwortlichen Personen. 1. Ver- 
brecherischer Wille und Ausführung des Verbrechens. 2. Vereuch. 3. Fahr- 
lässigkeit. 4. Urheber. 5. Mitschuldige. 6. Begünstiger. 7. Civilrechtlich 
verantwortliche Personen. II. Abschnitt. 1. Strafen im allgemeinen. 2. Arten. 
Dauer, Vollziehung und Wirkungen. (Kap. 1 — 5: Arten, Leibesstrafen, Ehron- 
strafen, Geldstrafen, Geltendmachung der Civilverantwortlichkeit.) 3. Straf- 
ausschliessungsgründe. 4. Gesetzliche Strafmilderung. 5. Gesetzliche Straf- 
schärfung. 6. Richterliche Strafmilderung. 7. Verjährung. 

Buch n (§§ 196 — 493;. Verbrechen, Vergehen und ihre Strafen. 
I. Abschnitt. Private Verbrechen und Vergehen und ihre Strafen. 
1. Gegen die Person. (Kap. 1 — 7: Einfache Tötung, Meuchelmord, Verwandten- 
mord, Kindesmord, Abtreibung, Selbstmord, Zweikampf.^ 2. Körperverletzungen. 
3. Verbrechen und Vergehen gegen die Ehrbarkeit. (Kap. 1 — 5: Ehebruch, 
Notzucht, Schändung und Verführung Minderjähriger, Entführung, Gemeinsame 
Bestimmungen.; 4. Ungesetzliche Ehen. 5. Vergehen gegen den Personen- 
stand. 6. Vergehen gegen die gewährleisteten Rechte der Person. (Kap. 1 — 6 : 
Freiheitsberaubung, Kindesraub, Aussetzung, Hausfriedensbruch, Drohungen 
und Erpressungen, Verletzung des Geheimnisses.) 7. Beleidigungen und Ver- 
leumdungen. 8. Vergehen gegen das Privateigentum. (Kap. 1 — 7: Raub und 
Diebstahl, Besitzverdrängung, Bankerotteure und andere strafbare Schuldner, 
Betrug und andere Defraudationen, Beschädigung, Allgemeines.) 11. Ab- 
schnitt. Öffentliche Verbrechen und Vergehen. 1. Gegen die äussere 
Sicherheit des Staates. (Kap. 1 — 3: Verrat, Vergehen gegen Frieden und 
Unabhängigkeit, gegen das Völkerrecht.) 2. Gegen die innere Sicherheit des 
Staates und die öffentliche Ordnung. (Kap. 1 — 6: Aufstand, Aufruhr, Tumult, 
(jemeinsame Bestimmungen, Widerstand gegen Behörden, Pressvergehen.; 
3. Beamtonvergehen. (Kap. 1 — 10: Amtsanmassung , Überschreitung der 
Amtsgewalt, Untreue, Bestechung, Insubordination und Nachlässigkeit in der 
Amtsausübung, Untreue bei Gefangenenbewahrung, desgl. bei Aufbewahrung 
von Urkunden, Bruch des Geheimnisses, Veruntreuung öffentlicher Gelder, 
Betrug und Erpressung.) 4. Fälschungsdelikte. (Kap. 1 — 7: Fälschung von 
Siegeln, Unterschriften und Zeichen, von Urkunden im allgemeinen, von Wert- 
papieren, von Banknoten, von Geld, Falsches Zeugnis, Allgemeines.) 5. Ver- 
gehen gegen die Religion. 6. Gegen die Hygiene. 7. Vagabondage. 8. Spiele 
und Lotterieen. 

Buch III (§§ 494—509). Übertretungen. 

III. Die Grundzfige. 

Was in dem allgemeinen Teile zumeist auffällt, ist die offenbare 
Sorgfalt, mit der der Gesetzgeber die Grundbegriffe in scharfen Definitionen 
festzulegen bemüht war ; so den der Vollendung, des Dolus und Dolus eventualis, 
der Verantwortlichkeit trotz eingebildeter Berechtigung, trotz absichtlich zur 
Ausführung der geplanten That herbeigeführter Trunkenheit u. dgl. Hervor- 
zuheben ist die Definition des Versuches, welche die Vorbereitungshandlungen 
mit einbegreift, aber die Strafen auch bis zum Verweise herabzumildern er- 
laubt; eigentümlich ist die Präsumtion der Freiwilligkeit des Rücktritts. Der- 



III. Die Grundzüge. 85 



artige Rechtsvermutungen, die offenbar ein Notbehelf und Korrektiv des an 
strikte Beweisregeln gebundenen Prozessverfahrens sind, fallen in diesem Straf- 
rechte mehrfach auf: so wird der Dolus selbst ganz allgemein präsumiert (!) 
(§ 13); und nur bei der Todesstrafe ist verordnet, dass sie nie auf eine 
Präsumtion hin erkannt werden dürfe, vielmehr soll, wenn der Schuldbeweis 
unter Zuhülfenahme einer solchen zustande kommt, die Überzeugung von der 
Schuld aber gleichwohl feststeht, Festungsbau- oder Zuchthausstrafe von un- 
bestimmter Dauer verhängt werden. (§§ 91, 173.) 

Die Kulpa ist als eine besondere Vergehensart ausgeschieden worden, 
nicht wie in den europäischen Gesetzbüchern bei jeder Vergehensart der dolosen 
That gegenübergestellt. Erstere Gruppierung, die dem Wesen des zu be- 
strafenden Verbrechefischen Willens gerechter wird, führt naturgemäss zu einer 
geringeren Korrelation mit den Strafmassen der dolosen Vergehungen, trotzdem 
eine Art proportioneller Abstufung beibehalten ist. Die Klassifikation der 
einzelnen Abarten des Frevelmutes darf als gut charakterisiert gelten. Das 
Komplott ist besonders eingehend behandelt, die civilrechtliche Verantwortung 
nicht nur für alle Arten Urheber, Mitschuldige, Begünstiger in gerechter Weise 
festgesetzt, sondern auch (offenbar mit Rücksicht auf landläufige Übelstände), 
den Wirten für alle in ihrem Hause vorkommenden Vergehen auferlegt (§ 74), 
sobald gegen sie selbst nur die geringste Polizeiübertretung bei der That dar- 
gethan ist. Civilvcrantwortung trifft auch die Meister, Lehrer und Herr- 
schaften für Vergehen ihrer Gesellen bezw. Schüler und Diener (§ 75). Der 
Civilanspruch ist stets für beide Parteien vererblich. 

Als bewusste Abweichungen von sonst allgemein anerkannten Prinzipien 
müssen folgende Bestimmungen auffallen: 

㤠86: Niemand kann mehr als einmal wegen derselben strafbaren Hand- 
lung oder Unterlassung bestraft werden, ausgenommen: 

1. wenn eine Handlung nur als Übertretung bestraft worden ist und 
später Umstände entdeckt werden, welche sie als Vergehen erscheinen zu 
lassen geeignet sind; und ebenso wenn nach Abstraf ung als Vergehen nach- 
her Gründe geimg auftreten, um sie zum Verbrechen zu stempeln; 

2. wenn nach ausgesprochener Verurteilung entdeckt wird, dass die 
That von einem anderen Verbrechen oder Vergehen begleitet war, welches, 
wenn es bekannt gewesen wäre, dem Angeklagten schwerere Strafen, wegen 
des Zusammentreffens der Vergehen, zugezogen hätte." 

Kann es bei dem zweiten Falle fraglich sein, ob nicht das Vorliegen 
einer zweiten noch ungestraften, selbständigen That den neuen Prozess wegen 
beider Thaten rechtfertigen könnte, so ist bei dem ersten Absätze doch un- 
zweifelhaft — und nach den Eingangsworten des Artikels ganz bewusst — 
dem Grundsatze ,,ne bis in idem" entgegengehandelt. 

Ähnlich sind die Verstösse gegen allgemein verbreitete Grandsätze in 
den Strafvollzugsbestimmungen, welche die §§97 — 115 enthalten. Wenn keine 
Festungsbauanstalt vorhanden ist, soll statt dieser Strafe auf Zuchthaus erkannt 
werden — aber um die Hälfte mehr! Und wenn die Familie des Angeklagten 
durch eine Gefängnisstrafe und die dadurch herbeigeführte Unterbrechung 
seiner Erwerbsthätigkeit leiden würde, so kann dieser für die Hälfte der 
Zeit, jedoch bei Zwangsarbeit, verurteilt werden! Es scheint doch kaum ge- 
recht, gewissen Angeklagten wegen äusserer Umstände, die ihre That in keiner 
Weise berühren, eine abweichende Behandlung angedeihen zu lassen, die unter 
keinen Umständen als milder wird angesehen werden können. 

Das Strafensystem ist das allgemeine, nur ohne die Festungshaft. Tod, 
Festungsbau (presidio mayor, Bauarbeit in Ketten), Zuchthaus (presidio menor, 
Einsperrung mit Zwangsarbeit), Verbannung (destieiTo), Bannung (confina- 



8H Para^UÄv. — IIT. Die Gnudzü^e. 



miento;, Gefängnis, Haft, — Ehrenstrafen: Unfähigkeitseitiftning, Absetzung, 
Suspension, Widermf, Genugthunng, Polizeiaufsicht, Verweis, — Vermögens- 
strafen: Geldstrafe, Sicherheitsleistung für Unterlassung künftiger Vergehungen, 
Einziehung, Kosten- und Auslagenerstattung. ^§ 90.; 

Die Todesstrafe wird am Tage nachVerkündung des endgültigen Urteils 
vollstreckt: die Todesart ist nicht bestimmt. Die Hinrichtung ist öffentlich; 
sie findet nicht statt für Verurteilte von unter 21 Jahren und über 70 Jahren, 
sowie bei schwangeren Frauen erst 40 Tage nach der Niederkunft. — Der 
Arbeitserlös der Zuchthäusler dient: 1. zum Ersatz der Unkosten, 2. zur Civil- 
entschädigung, 3. zur besseren Verpflegung des Sträflings und als Sparanlage. 
Die beiden Arten des ,,presidio'' werden entweder auf bestimmte Zeit (6 bis 
15 Jahre I oder auf unbestimmte Zeit verhängt; in letzterem Falle soll aber 
dem Sträfling die Hoffnung auf Wiedererlangung der Freiheit nach 15 Jahren 
nicht benommen werden, wenn er sich gut führt. Auf Grund dieses 
schwachen Lichtschimmers weist der Gesetzgeber die Zulässigkeit lebensläng- 
licher Strafen von sich! In gleichem Falle kann die zeitige Strafe auf die 
Hälfte ermässigt werden. Diese Strafen entziehen dem Sträfling das Recht, 
sein Vermögen zu verwalten und zu testieren, jedoch nur während der Straf - 
dauer. Gefängnis wird auf 1 — 3 Jahre, Arrest auf 15 Tage bis zu 3 Monaten 
verhängt; ehrbare Frauen, Greise und Kranke können letzteren in ihrer Be- 
hausung verbüssen, — ebenso auch solche Personen, die von einer im Hanse 
betriebenen Gewerbe-, Kunst- oder Amtsthätigkeit leben. Die zur Verbannung 
ins Ausland oder Bannung an einen (selbstgewählten}, über 50 Leguas entfernten 
Ort VerurteDten werden bei Rückkehr vor der bestimmten Zeit (2 — 6 Jahre) 
mit um ein Sechstel erhöhter Strafe belegt. Geldstrafe ist bei Ver- 
gehen bis 250 Pesos, bei Verbrechen in unbestimmter Höhe zulässig, doch 
darf sie nie die Hauptstrafe sein (%% 128 — 131^. Das an ihre Stelle tretende 
Gefäng^s darf 6 Monate nicht tibersteigen. Bei ungenügendem Ausfall der 
Zwangsvollstreckung gehen der Schadenersatz den Auslagen des Anklägers, diese 
den Kosten des Prozesses, diese endlich der Strafe bei der Befriedigung im 
Range vor (§ 144). Der Schadenanspruch hat femer ein Vorzugsrecht vor den 
nach der Strafthat kontrahierten Schulden. — Verweis und Widerruf finden teils 
öffentlich, teils nur in Gegenwart des Verletzten und einer Urkundsperson statt. 

Die Amtsstrafen treffen bei Geistlichen nur die Teniporalien und die 
Seelsorgerechte, nicht den geistlichen Charakter des Schuldigen. 

Die Strafmündigkeit beginnt mit dem voDendeten 10. Jahre, bei fest- 
gestellter Zurechnungsfähigkeit werden dem Schuldigen im Alter von 10 bis 
14 Jahren 2 Monate bis 1 Jahr Gefängnis auferlegt, die Strafe des 14 — 18- 
jährigen dagegen nur gemindert und für den 18 — 21 Jahre alten Verbrecher 
nur die Todesstrafe durch unbestimmtes Baugefängnis oder Zuchthaus ersetzt. 
Bis zum 18. Jahre zieht die Kulpa nur häusliche oder obrigkeitliche Aufsicht 
nach sich. Verbrecher über 70 Jahre trifft statt der Todesstrafe Festungsbaustrafe 
oder Zuchthaus bis zum Lebensende; jedoch bleiben sie immer von Arbeits- 
zwang verschont. 

Die Untersuchungshaft, welche ohne Verschulden des Thäters 6 Monate 
übersteigt, wird voll angerechnet; übersteigt sie 2 Jahre, so tritt statt der 
Todesstrafe Baugefängnis oder Zuchthaus von unbestimmter Dauer ein. 

Nicht klar ist die Bestimmung bei kumulierten Vergehen (reiteraciön) *) ; 
Rückfall (innerhalb 10 Jahren) wirkt in hohem Masse strafschärfend. 



') Diese unentzifferbare Bestimmung ist um so auffälliger als im übrigen das 
Gesetzbuch als knapp und klar stilisiert gelten muss: ein wahrlich seltenes Lob bei 
Gesetzen spanischer Zunge. Sonderbarer Weise enthält gerade auch der allererste 



rV. Die einzelnen Strafthaten. 87 



Bei Eigentumsvergehen sind nicht nur Aszendenten und Deszendenten 
(agnatische und kognatische) straffrei, sondern auch Seitenverwandte zweiten 
Grades, sofern sie gleichzeitig Hausgenossen sind. Alle Milderungsgründe, 
selbst thätige Reue, mindern das Strafmass nur innerhalb der ursprüng- 
lichen Strafgrenzen; nur an die Stelle der Todesstrafe kann Baugefängnis 
oder Zuchthaus auf unbestimmte Zeit treten. 

Die Verjährung der Strafklage und der Entschädigungsklage tritt bei 
denjenigen Strafthaten, die mit Haft oder Gefängnis bedroht sind, mit 2 Jahren, 
bei zeitlich bestinunter Zuchthaus- oder Baustrafe mit 8 Jahren, bei denselben 
Strafen von unbestimmter Dauer oder bei Todesstrafe mit Ablauf von 12 Jahren 
ein; die Verjährung der rechtskräftigen Strafe erfolgt in ersterem Falle nach 
einer der Strafzeit gleichen, um 2 Jahre verlängerten Frist, im zweiten nach 20, 
im dritten nach 30 Jahren seit Unterbrechung der Vollstreckung. Jede Ver- 
jährung hört zudem bei Begehung eines neuen Vergehens gleicher Art oder 
aber von gleicher Strafbarkeit auf zu laufen. 

IV. Die einzelnen Strafthaten. 

Bei den einzelnen Vergehungen und ihrer Bestr'afung ist hervor- 
zuheben, dass das Strafmass durchgängig ein mildes ist; von der Todesstrafe 
ist massiger Gebrauch gemacht, denn sie ist nur bei Meuchelmord, Tötung 
der Aszendenten ersten Grades (ehelicher und unehelicher, während sonst im 
Gesetz die unehelichen Verwandten nirgends erwähnt sind) , Hochverrat, 
Tötung eines im Inlande w^eilenden fremden Souveräns, und in qualifizierten 
Fällen der Piraterie angedroht, wobei noch die oben erwähnte Ausschliessung 
ihrer Verhängung bei nicht völlig klarem Beweise die Zahl der Fälle ver- 
mindert. Beim Kindesmord ist das Alter des Neugeborenen auf 3 Tage 
ausgedehnt. Die Ehebruchsklage ist nicht zulässig, wenn der Ankläger das 
Eheleben selbst durch Verlassung aufgegeben hatte. Der Ehemann wird bei 
Tötung der in flagranti ertappten Ehebrecher mit 1 — 3 Jahren Verbannung 
bestraft; der Vater und Bruder einer Verführten mit 3 Jahren. Minderjährige 
werden gegen Aussetzung bis zum 7., gegen Raub bis zum 9., gegen unsittliche 
Angriffe bis zum vollendeten 12., gegen Verleitung zur Flucht bis zum 15., 
gegen Verführung endlich bis zum 20. Jahre vom Gesetze geschützt. Vom 
Schutze des Hausfriedens sind Gastwirtschaften aller Art ausgeschlossen. Der 
Verrat von Erfindungen und Geheimnissen durch Angestellte, sowie der Nach- 
druck wird bestraft. Die Beleidigungen gegen Behörden, welchen aus- 
drücklich fremde Souveräne, Gesandte und Konsuln gleichgestellt werden, sind 
von Amtswegen zu verfolgen. Die Erpressung wird als Abart des Raubes, 
die Unterschlagung, Benutzung von Blankounterschriften, Entwehrung eigener 
Sachen, Scheinverträge, Auktionskomplotte werden als Abarten des Betruges 
— wozu auch der Nachdruck zählt — bestraft. 

Unter den Amtsvergehen findet sich auch die wissentlich ungerechte 
Urteilsfindung durch den Richter, mit mehreren spezialisierten Unterarten. 
Der Schuldner, der seine Schuld ableugnet oder die Zwangsvollstreckung 
durch Wegschaffen von Objekten oder Scheinbelastungen vereitelt, gewärtigt 
Gefängnis bis zu 1 Jahre. Für Pressvergehen, für welche übrigens ebenso 



Artikel einen Mangel an Logik, indem er die Strafthaten in zwei Klassen, schwerere 
und leichtere, scheidet und in letzterer Bezeichnung Vergehen und Übertretungen 
zusammenwirft, während schon der folgende § 2 die bekannte Dreiteilung wieaer- 
giebt, ferner das II. Buch die Verbrechen und Vergehen durcheinander behandelt und 
die Übertretungen unlogischer Weise einem (ganz kurzen) III. Buch zugewiesen sind. 



88 Paraguay. — V. Die sonstigen Strafgesetze. 



wie für alle Verbrechen das Geschworenengericht besteht, ist die Popularklage 
konkurrierend mit der staatsanwaltlichen Anklage gewährt. 

Für die Vagabondage war die eigentümliche Bestimmung getroffen, dass 
die Exekutivgewalt (Regierung) das Recht habe, die erkannten Strafen zu 
erlassen, sofern der Verurteilte in das Heer eintrat; dies dürfte seit der Ein- 
führung der allgemeinen Wehrpflicht (Gesetz vom 22. Juni 1887) nicht mehr 
zur Anwendung gelangen können. 

Unter den Übertretungen, deren Auswahl als erschöpfende luid ver- 
ständige gerühmt werden muss, finden sich auch einige begrifflich entschieden 
hierhergehörige Straf thaten, die anderwärts zumeist als Vergehen behandelt 
werden: Lästerung und Verspottung der staatlichen und der zugelassenen 
Religionsgesellschaften, Verbreitung unsittlicher Schriften u. dgl. Sonst sind 
bemerkenswert: Skandale und Achtungsverletzung innerhalb der Familien und 
das Unterlassen von Hülfeleistungen an einem in öder Gegend verwundet 
oder misshandelt angetroffenen Mitmenschen. 

V. Die sonstigen Strafgesetze. 

Das Strafgesetzbuch nimmt ausdrücklich von seinem Wirkungskreise die 
Disziplinarstrafen aus. Die militärischen Vergehen, Zolldefraudationen, 
Vergehen gegen die gesundheitspolizeilichen Bestimmungen u. dgl. finden 
sich in besonderen Gesetzen; sie dürften, abgesehen von den Militärgesetzen, 
mit denen der Nachbarländer Paraguays in allem Wesentlichen übereinstimmen. 

Das Militärwesen der Republik ist dagegen durch die drei Gesetzbücher 
vom 22. Juni 1887, mit Gesetzeskraft vom 22. August 1887, und durch das 
Gesetz (vom gleichen Tage) über die Auslosung der Wehrpflichtigen voll- 
kommen abweichend neu geordnet. Entsprechend dem modernen Charakter 
des für ein möglichst kleines Volksheer berechneten Militärgesetzes (Ordenanza 
Militär) sind das Militärstrafgesetzbuch und die Militärstrafprozessordnung auf 
liberalster Basis aufgebaut. Letzteres Gesetz ist vielfach originell; das Militär- 
strafgesetzbuch lehnt sich zumeist an das von Salvador, hin und wieder an 
das von Honduras an, auch das italienische Gesetz ist von Einfluss gewesen. 
Von einzelnen Bestimmungen, die in eigentümlicher Weise von denen des 
allgemeinen Strafgesetzes abweichen, nennen wir hier nur die, dass die Straf- 
dauer von der Verhaftung ab gerechnet wird, dass der Versuch anders (nach 
dem Fortschritte des Erfolges) abgestuft ist, und der freiwillige Rücktritt des 
eigentlichen Thäters demjenigen, der die That befohlen hat, nicht zu gute 
kommt; ferner, dass das Alter unter 20 Jahren strafmildernd wirkt, Trunken- 
heit dagegen nur unter eng begrenzten Umständen. Hehler, Spione, Depeschen- 
träger werden nach diesem Gesetze bestraft, auch wenn sie nicht dem Heere 
angehören; im übrigen werden Civilisten nach dem Militärstrafi*echt, Militär- 
personen nach dem allgemeinen Strafgesetz behandelt, wenn sie au einer Straf- 
that des betreffenden Gesetzes teil genommen haben. 



VIII 



COLUMBIA 



Von 



Dr. Georg Grusen, 

Gerichtsaasessor im Königlich PreusBischen Justizministerium lu Berlin. 



Übersicht. 



Litteraturübersicht. 
I. § 1. Geschichtliche Einleitung. 
II. Daß Strafgesetzbuch vom 18. Oktober 1890. 

a) § 2. Einteilung und Grundzüge. 

b) § 3. Der allgemeine Teil. 

c) § 4. Der besondere Teil. 

III. § 5. Die übrigen Gesetze strafrechtlichen Inhalts. 



Litteratiirfibersicht. 

Fortlaufende Berichte über die Gesetzgebung der Republik Columbia unter Be- 
rücksichtigung des Straf rechts enthält das seit 1872 von der „Soci6te de legislation 
comparee** zu Paris herausgegebene „Annuaire de legislation 6trangfere". Vgl. insbes. 
Bd. 14 S. 857 — 862 (von Demetrio Porras, Staatsrat und Professor an der katnolischen 
Universität zu Bogota; enthält einen kurzen Abriss der geschichtlichen Entwicklung 
des Landes); Bd. 15 S. 682—685 (von Porras; Bericht über die Gesetzgebung im 
Jahre 1885); Bd. 16 S. 877—882 (von Porras; Bericht über die Gesetzgebung im Jahre 
1886); 882—894 (Analyse der Verfassung vom 4. August .1886 von Dr. Fernand 
Daguin, Advokat an der Cour d'appel zu Paris); 894—907 (Übersetzung des Gesetzes 
vom 26, Oktober 1886 über das litterarische und künstlerische Eigentum nebst einer Ein- 
leitung von Edouard Delalande, Substitut du procureur de la Republique in Hävre) ; 
Bd. 17 S. 947—949 (Bericht über die Gesetzgebung im Jahre 1887 von dem ehemaligen 
Richter Dr. iur. A. Theurault); Bd. 18 S. 976—980 (desgl. über 1888 von Theurault; 
enthält u.a. eine kurze Analyse des Gerichts Verfassungsgesetzes vom 1. Dezember 1888); 
Bd. 20 S.844 — 846 (über Gesetze aus 1890 von Jose Vincente Concha, Untersuchungs- 
richter in Cundinamarca); S. 847 — 861 (Analyse des Strafgesetzbuches vom 18. Oktober 
1890 von Dr. iur. Henri Prudhomme, Substitut du procureur de la Republique in 
Sens); Bd. 22 S. 931—937 (über die Gesetzgebung im Jahre 1892 von Concha; erwähnt 
werden u. a. : Gesetz vom 20. November 1892 betreffend die Abänderung des Gesetzes 
No. 62 von 1887 über das Verbot der Einführung chinesischer Arbeiter; Zusatz- 
bestimmung zum Konkordat vom 31. Dezember 1887, Auslieferungsvertrag mit Spanien); 
Bd. 24 S. 979—983 (Bericht über Gesetze aus dem Jahre 1894 von Dr. Edmond 
Champeaux, Professor an der National-Universität zu Bogota). 

Schriften strafrechtlichen Inhalts:^) Manuel J. Angarita. Codificaciön 
nacional. 2 Bde. Bd. I. Bogota, Imprenta Colombiana 1890 (enthält eine Zusammen- 
stellung der in Columbia zeltenden Gesetze mit ausführlichen Erläuterungen). Dr. phil. 
Bernard Moses. Constitution of the Republic of Colombia with an historical intro- 
duction translated. Philadelphia, American Academy of Political and Social science, 1893. 

Amtliche Gesetzes-Ausgaben: Cödigo penal de Cundinamarca vom 
16. Oktober 1858. Bogota, Imprenta de Pizano, 1886. — Cödigo penal de los 
Estados unidos de Colombia vom 26. Juni 1873. BogotA, Imprenta de Medardo 
Rivas, 1873. — Cödigo penal de la Repüblica de Colombia vom 18. Oktober 
1890. Bogota, Imprenta de „La Naciön**, 1890. 

Die erlassenen Gesetze werden im amtlichen Gesetzblatte — Diario oficial — 
abgedruckt. Sie werden nach Nummern und Jahrgängen citiert; die hinzugefügten 
Daten bezeichnen den Tag der Veröffentlichung. 



§ 1. Geschichtliche Einleitung. 

Die Länderstriche, welche gegenwärtig die Republik Columbia bilden, 
gehörten früher als Teil des Vizekönigreiches Peru, der i. J. 1663 die Bezeich- 
nung „Königreich Neugranada" erhielt, zu den ausgedehnten Kolonieen, die 



*) Die Aufstellung eines auch nur einigermassen vollständigen Verzeichnisses 
der columbischen Strafrechtslitteratur war nicht möglich, da die Versuche, von colum- 
bischen Juristen hierüber Auskunft zu erhalten, vergeblich gewesen sind. 



92 Columbia. — I. Geschichtliche Einleitung. 



Spanien in Südamerika bald nach der Entdeckung dieses Erdteiles am Ende 
des XV. Jahrhunderts begründet hatte. Als im Anfange unseres Jalirhunderts 
die Wogen der grossen französischen Revolution auch in Südamerika fühlbar 
wurden und die spanischen Pflanzlande sich anschickten, die nahezu drei- 
hundert Jahre lang ertragene spanische Missregierung mit Waffengewalt von 
sich abzuschütteln, fand auch in Neugranada die freiheitliche Bewegung einen 
fruchtbaren Boden. 

Die ersten erfolgreichen Unternehmungen, die mit der Absetzung des 
Vizekönigs endigten, fallen in das Frühjahr 1810. Die feierliche UnabhÄngig- 
keitserklärung des Landes erfolgte 1815, ohne dass jedoch der Kampf zwischen 
Spanien und den von dem Kreolen Simon Bolivar geführten Eingeborenen 
bereits zu Gunsten der letzteren entschieden gewesen wäre. Am 17. Dezember 
1819 vereinigten sich Venezuela und Neugranada unter dem ruhmvollen Namen: 
„Repüblica de Colombia" zu einem neuen Freistaate. Der von General Sucre 
am 9. Dezember 1824 bei Ayacucho über die Spanier errungene Waffenerfolg 
besiegelte die völlige Unabhängigkeit aller ehemaligen Kolonieen vom Mutter- 
lande. Bald nach dem Tode Bolivars, des unermüdlichen Vorkämpfers für 
den columbischen Einheitsstaat (f 1830), zerfiel dieser in die drei Republiken 
Neugranada, Venezuela und Ecuador. Die inneren Wirren, die in den folgen- 
den Jahrzehnten eine inihige Entwickelung des Landes unmöglich machten, 
verschafften einzelnen Provinzen die völlige Unabhängigkeit und damit das 
Recht eigener Gesetzgebung. So entstanden in den Jahren von 1855 bis 1861 
die selbständigen Republiken Antioquia, Bolivar, Boyacä, Cauca, Cundinamarca, 
Magdalena, Panama, Santander und Tolima, die aber bereits 1861 sich als 
„Vereinigte Staaten von Columbia" (Estados unidos de Colombia) zu einem 
neuen Staatswesen zusammenschlössen. Die vom 8. Mai 1863 datierte Ver- 
fassung war der der Vereinigten Staaten nachgebildet und auf föderativer 
Grundlage aufgebaut; die „souveränen Einzelstaaten" hatten auf dem Gebiete 
der Gesetzgebung einen weiten Spielraum.^) Indes scheint der unruhige Geist 
der Columbianer eine ruhige, friedliche Entwickelung der Verhältnisse nicht 
ertragen zu können. Der heftige Gegensatz zwischen den Anhängern der 
losen Konföderation und denen der Einheitsrepublik führte i. J. 1885 zu 
einem blutigen Aufstande der radikalen Partei, der mit ihror völligen Nieder- 
lage endete. Dieses Ereignis wurde der Ausgangspunkt für eine völlige Um- 
gestaltung des Staatswesens; am 4. August 1886 wurde eine neue Verfassung 
erlassen, die den Sieg der Einheitsbestrebungen gegenüber dem Partikularis- 
mus der Provinzen bedeutet. Ihr erster Artikel lautet: „Die columbische 
Nation rekonstituieit sich in Form einer einheitlichen Republik". Der Um- 
schwung der Verhältnisse ergiebt sich deutlich aus einem Vergleiche dieser 
Bestimmung mit dem ersten Artikel der Constitution von 1863, welcher besagte, 
dass die neun „selbständig(»n columbischen Staaten" einen dauernden Bund 
schliessen wollten. Da die Einzelstaaten durch die neue Verfassung ihre Selb- 
ständigkeit verloren hatten, mithin auch die gesetzgeberische Gewalt aus- 
schliesslich auf die Organe des Gesamtstaates übergegangen war, so ergoss 
sich in den nächsten Jahren eine wahre Flut von Gesetzen über das Land. 
In der Sitzungsperiode von 1886 erliess der Kongi'ess 65 Gesetze, 1887 waren 
es sogar 153 und 1888 sank die Zahl auf 150. Zur Kennzeichnung der Hast 
und Oberflächlichkeit, mit welcher vorgegangen wurde, sei erwähnt, dass das 
Gerichtsverfassungsgesetz (Cödigo de organizaciön judicial) vom 25. November 
1886 in der Zeit von 2 Jahren (nämlich bis zur Erlassung des neuen Gerichts- 



*) Über die verfassung-H- und verwaltungsrechtliche Entwickhmg der Republik 
Columbia vgl. Moses, a. a. O. S. 9—19. 



II. Dag Strafgesetzbuch vom 18. Oktober 1890. 93 



Verfassungsgesetzes vom 1. Dezember 1888) durch nicht weniger als acht Ge- 
setze abgeändert bezw. ergänzt wurde. (Vgl. das zuletzt erwähnte Gesetz, 
Art. 230.) 

Nach vorstehendem Überblick kann man sich über die Geschichte des 
columbischen Strafrechtes kurz fassen. Denn es bedarf wohl keiner beson- 
deren Ausftlhrung, dass ein Land, dessen politische Geschichte so wenig Stetig- 
keit aufweist, auch des Vorteiles einer ruhigen, geschichtlichen Entwickelung 
des Rechtes selten teilhaftig werden, sondern gezwungen sein wird, in seiner 
Gesetzgebung fremden Mustern zu folgen. 

Solange das columbische Gebiet unter spanischer Herrschaft stand, galten 
in ihm die vom Mutterlande für die südamerikanischen Kolonieen erlassenen 
Gesetze, insbesondere die in allen Kolonieen eingeführte „Novisima Recopilaciön" 
von 1805, deren zwölftes und letztes Buch das Strafrecht behandelt.^) Das 
erste im Gebiete von Columbia geltende selbständige Strafgesetzbuch war der 
Cödigo penal vom 27. Juni 1837. An seine Stelle trat später der Cödigo 
penal de los Estados unidos de Colombia vom 26. Juni 1873. Durch ein 
Gesetz vom 15. April 1887 wurden zur Herbeiführung einer einheitlichen Gesetz- 
gebung verschiedene von den früheren Einzelstaaten erlassene Gesetze für das 
ganze Staatsgebiet eingeführt; zu diesen gehörte auch das Strafgesetzbuch 
für Cundinamarca vom 16. Oktober 1858, das bis zum Erlasse des noch 
jetzt geltenden Cödigo penal vom 18. Oktober 1890 in Kraft blieb. 



II. Das Strafgesetzbuch vom 18. Oktober 1890. 

a) § 2. Einteilung und Grundzflge. 

Das geltende Strafgesetzbuch wurde vom Senate und dem Hause der 
Abgeordneten bereits am 16. Oktober 1889 angenommen, gleichzeitig aber 
dem Staatsrate zur endgültigen Feststellung des Textes überwiesen. Nach 
Beendigung dieser Arbeit erfolgte die Veröffentlichung durch Verordnung vom 
18. Oktober 1890. Das Gesetz schliesst sich nach Anordnung, Form und In- 
halt im ganzen an den Cödigo penal von Cundinamarca von 1858 an. Nach dem 
Urteil Conchas*) ist er kaum als eine verbesserte Auflage desselben zu bezeich- 
nen. Die Abweichungen bestehen in der Ermässigung einiger Strafandrohungen 
und der Hinzufügung neuer Strafbestimmungen zur Befestigung der inneren 
und äusseren Sicherheit der Republik. Die Fortschritte, welche in Europa auf 
strafrechtlichem Gebiete in den letzten Jahrzehnten gemacht sind, haben keine 
Berücksichtigung gefunden; die Ausdrucksweise ist weitschweifig; manche Be- 
stimmungen sind in lehrbuchartiger Breite gegeben, kurze und treffende 
Definitionen finden sich selten, dagegen eine ungeheuere Fülle von Kasuistik, 
die den Hauptfehler des Gesetzes bilden dürfte; auch die systematische An- 
ordnung ist wenig klar, indem häufig Gleichartiges an ganz verschiedenen 
Stellen behandelt wird. 8) Andererseits verdient die verhältnismässige Ein- 



*) Vgl. hierzu die Abhandlung von Dr. Rosenfeld über Spanien, in Bd. I S. 483, 

») Annuaire de l^gislation Prangere. Bd. 20 (1890) S. 846. 

') Als Beispiele seien erwähnt die völlige Auseinanderreissung der Bestimmungen 
über Straf ausSchliessung, Straf minderuiig und Straf er höhung. Man beachte auch z. B. 
die Behandlung der Brandstiftung in Tötungsabsicht in einem besonderen Kapitel, 
während es doch nahe gelegen hätte, sie entweder bei der Tötung oder bei der Brand- 
stiftung zu erwähnen. 



94 Columbia. — II. Das Strafgesetzbuch vom 18. Oktober 1890. 



fachheit und Klarheit des Straf ensystemes, die Milde mancher Bestimmungen, 
die sich auch in der Beschränkung der Todesstrafe auf die notwendigsten 
Fälle zeigt, volle Anerkennung. 

Das Gesetz enthält wohl von allen geltenden Strafgesetzbüchern die grösste 
Anzahl von Artikeln, nämlich 916, und zerfällt in drei Bücher; von diesen 
behandelt das erste den allgemeinen Teil des Straf rechts, das zweite die 
strafbaren Handlungen, welche gegen den Staat oder die Gesellschaft gerichtet 
sind oder von öffentlichen Beamten begangen werden, das dritte die gegen 
Privatpersonen veilibten Delikte. Dem dritten Buche folgt ein kurzer Schlusstitel. 

In der folgenden kurzen Darstellung ist aus Zweckmässigkeitsgründen 
die vom Gesetzgeber gewählte Anordnung des Stoffes beibehalten. 

b) § 3. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 

Das erste Buch ist überschrieben: „Von den strafbaren Handlungen, 
den strafbaren Pereonen und den Strafen im allgemeinen. — Abstufung der 
strafbaren Handlungen und Anwendung der Strafen". Es umfasst die Artt. 1 
bis 149 und zerfällt in vier Titel. 

I. Erster Titel. Einleitende Bestimmungen. Diese betreffen fol- 
gende Materien: 

1. Begriff und Einteilung der strafbaren Handlungen. Das 
Gesetz kennt nur eine Art der strafbaren Handlungen und bezeichnet sie mit 
„delito"; im weiteren Sinne bezeichnet das Wort jede Handlung und Unter- 
lassung, welche die Bestrafung des Thäters zur Folge hat, d. h. vorsätzliche und 
fahrlässige Begehung eines vollendeten Delikts, Versuch und die Verabredung 
zu einem Delikt, sowie das fehlgeschlagene Delikt, im engeren Sinne dagegen 
nur die strafbare willentliche (voluntaria) und böswillige (maliciosa) Gesetzes- 
verletzung (Art. 1). Für die Willentlichkeit und Böswilligkeit einer Handlung 
spricht eine gesetzliche Vemmtung, welche vom Thäter zu widerlegen ist, so- 
fern nicht das Gegenteil völlig klar ist (Art. 2). Fahrlässigkeit (culpa) ist die 
zurechenbare (imputable), aber weder willentliche noch böswiUige, mit Strafe 
bedrohte Gesetzesverletzung (Art. 3). Ein fehlgeschlagenes Delikt (delito 
frustrado) liegt vor, wenn die Handlungen des Thäters an und für sich (por 
SU naturaleza) geeignet waren, die Vollendung der Strafthat zu bewirken und 
diese lediglich aus Gründen, die von seinem Willen unabhängig sind, nicht 
eingetreten ist (Art. 4). Das fehlgeschlagene Delikt ist in allen Fällen straf- 
bar; die Strafe beträgt zwei Drittel der für die Vollendung angedrohten 
(Art. 7). Unter Versuch (tentativaj versteht das Gesetz die Offenbarung des 
W^illens, ein Delikt zu begehen, durch Handlungen, welche, ohne unter den 
Begriff des fehlgeschlagenen Delikts zu fallen, die That vorbereiten oder 
einen Anfang der Ausführung enthalten (Art. 5). Der Versuch bleibt straflos 
im Falle des offenbaren, freiwilligen Rücktrittes ( desistimiento voluntario y 
manifiesto) des Thäters, wird aber in allen anderen Fällen mit einer Strafe 
belegt, die mindestens ein Viertel und höchstens zwei Drittel der für das 
vollendete Delikt angedrohten beträgt (Art. 8). Ist eine der den Versuch 
bildenden Handlungen als selbständiges Delikt unter Strafe gestellt, so tritt 
neben der für den Versuch als solchen verwirkten Strafe auch die für die 
einzelne Handlung angedrohte Strafe ein (Art. 9). Diese Bestimmung wider- 
spricht dem allgemein anerkanten Grundsatze, dass eine Handlung, die mehrere 
Gesetzesbestinmiungen verletzt, nur auf Grund einer von diesen (meist der- 
jenigen, welche die schwerere Strafe androht) zu bestrafen ist. — Verabredung 
(conjuraciön ö conspiraciön) zur Begehung eines Delikts ist die zwischen zwei 
oder mehr Personen getroffene Verabredung, es zu begehen (Art. 6); sie bleibt 



§ 3. Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 95 



im Falle des freiwilligen Rücktrittes straflos und wird im übrigen mit einer 
Strafe belegt, die mindestens ein Achtel und höchstens ein Viertel der für 
das beabsichtigte Delikt angedrohten betragt (Art. 10). — Die nicht ange- 
nommene Aufforderung zur Begehung einer strafbaren Handlung wird nur in 
den vom Gesetz ausdrücklich bestimmten Fällen bestraft (Art. 11). 

2. Zeitliches Geltungsgebiet der Strafgesetze. Nur wegen einer 
zur Zeit ihrer Begehung bereits mit Strafe bedrohten Handlung kann eine 
Bestrafung erfolgen; bei Verschiedenheit des Gesetzes zur Zeit der Begehung 
und zur Zeit der Aburteilung der That ist das dem Angeklagten günstigere 
Gesetz anzuwenden; im Zweifel kann er wählen, nach welchem Recht er ge- 
richtet werden will (Art. 12). — Von strafwürdigen Handlungen, zu deren 
Ahndung das geltende Recht eine Handhabe nicht bietet, ist der Regierung 
Mitteilung zu machen, damit sie die erforderlichen gesetzgeberischen Mass- 
nahmen herbeiführen kann (Art. 13). 

3. Die Begriffe „gewohnheitsmässig" und „Waffe" werden in Artt. 14 
und 15 näher bestimmt; unter Gewohnheitsmässigkeit (häbito ö costumbre) 
versteht das Gesetz die mindestens dreimalige Ausführung ein und derselben 
Art (especie) von Delikten innerhalb eines Zeitraumes von einem Monate. 

4. Norm und Strafgesetz. Jede vom Gesetz mit Strafe bedrohte 
Handlung gilt als verboten; umgekehrt stellt das Gesetz damit, dass es die 
Unterlassung einer Handlung mit Strafe bedroht, eine Verpflichtung zu ihrer 
Vornahme fest (Art. 16). 

5. Umfang der strafrechtlichen Verantwortlichkeit. Der Thäter 
haftet für seine That in vollem Umfange auch dann, wenn die Folgen andere 
waren oder bei einer anderen Person eintraten, als er beabsichtigt hatte 
(Art. 17). Art. 594 enthält die ausdrückliche Anwendung der letzteren Alter- 
native auf die Tötungen. 

6. Auslieferung. Wegen politischer Delikte, deren Begriff und Um- 
fang übrigens nicht näher erläutert wird, findet eine Auslieferung nicht statt. 
Bei gemeinen Strafthaten (delitos comunes) sind in erster Linie die abge- 
schlossenen Verträge massgebend; wo diese fehlen, ist die Auslieferung bei 
solchen Verbrechen zulässig, deren höchste Strafe mindestens fünf und deren 
niedrigste mindestens vier Jahre Zuchthaus (presidio) oder Festung (reclusiön) 
beträgt; jedoch kann sie von der Regierung auch in anderen Fällen zuge- 
standen werden, wenn sie ihrer Meinung nach zu den schweren gehören 
(Art. 18). Französische Übersetzung des Auslief eningsvertrages mit Spanien 
im Annuaire de lögislation ötrang^re Bd. 22 S. 934. 

7. Verhältnis des Strafgesetzbuches zu den SpezialStrafgesetzen. 
Während durch Art. 911 das bisher geltende Strafgesetzbuch nebst allen er- 
gänzenden oder abändernden Gesetzen mit dem Inkrafttreten des neuen 
Strafgesetzbuches aufgehoben ist, bleiben die besonderen Gesetze, Regulative 
und Verordnungen, welche für einzelne besondere Materien und Zweige der 
öffentlichen Vei'waltung erlassen sind, auch ferner in Geltung und zwar mit 
den ihnen eigentümlichen Grundsätzen (Art. 19). 

IL Zweiter Titel. Von den strafbaren Personen (deHncuentes). 
Der Titel zerfällt in vier Kapitel (strafbare Personen; entschuldbare Personen; 
Personen, welche für die Handlungen anderer haften; Verurteilte, welche durch 
die Flucht oder auf andere Weise sich der Strafe entziehen wollen) und be- 
handelt folgende Materien: 

1. Die Grundsätze über das örtliche Geltungsgebiet des colum- 
bischen Strafgesetzes, die im wesentlichen denen des Strafgesetzbuches 
von Ecuador von 1873 (Artt. 5, 6; vgl. oben S. 26) und der peruanischen 



96 Columbia. — IT. Das Strafgesetzbuch vom 18. Oktober 1890. 



Strafprozessordnung von 1862 (Art. 2; vgl. oben S. 61) entsprechen. Neben 
allen im Gebiete der Republik, sei es von einem Inländer^) oder von 
einem Ausländer (mit Ausnahme der sogenannten Exterritorialen), be- 
gangenen Delikten werden auch gewisse ausserhalb des Staatsgebietes be- 
gangene nach columbischem Recht bestraft. Es sind dieses nach Art. 20: 
1. die von einem Staatsangehörigen oder Ausländer begangenen, gegen die 
innere oder äussere Sicherheit oder die Verfassung des Staates gerichteten 
oder in der Fälschung gewisser wichtiger Gegenstände (Geld, Urkunden, 
Siegel u. s. w.) bestehenden Delikte, deren Aburteilung im Begehungslande 
noch nicht erfolgt ist; 3, die von einem columbischen Staatsangehörigen gegen 
einen anderen Staatsangehörigen begangene Handlung, welche auch im Lande 
der Begehung mit Strafe bedroht ist, vorausgesetzt, dass eine Verurteilung 
wegen derselben noch nicht stattgefunden hat, der Thäter sich im Gebiete der 
Republik Columbia aufhält und der Verletzte die Bestrafung beantragt; der 
Schuldige kann in diesem Falle verlangen, mit derjenigen Strafe belegt zu 
werden, welche ihn bei der Aburteilung im Lande der Begehung betroffen 
haben würde, bezw. mit der dieser am nächsten stehenden, wenn erstere als 
zulässige Straf art im columbischen Straf recht nicht anerkannt ist; 8. alle von 
einem diplomatischen Vertreter der Republik begangenen strafbaren Hand- 
lungen sowie die von einem anderen columbischen Beamten begangenen, die 
in Ungehorsam oder Untreue gegen die Regierung bestehen oder in Ausübung 
des Amtes vorgenommen sind; 4. alle Fälle des Seeraubes (actos de pirateria), 
wenn die Thäter von columbischen Behörden ergriffen werden und nicht be- 
reits von den Gerichten eines anderen Staates abgeurteilt sind; 6. die auf 
hoher See oder in den Gewässern einer fremden Nation von dem Mitgliede 
der Besatzung eines columbischen Kriegsschiffes begangenen Delikte, voraus- 
gesetzt, dass der Thäter columbischer Staatsangehöriger ist; der Begriff Be- 
satzung ist hier im weiteren Sinne zu verstehen und umfasst auch Befehls- 
haber und Offiziere; 6. die auf hoher See oder in fremden Gewässern begangenen 
Delikte der Kapitäne, Passagiere oder Mannschaften eines columbischen Handels- 
schiffes, unter der Voraussetzung, dass nicht bereits im Lande des Begehungs- 
ortes eine Abuiteilung stattgefunden hat. 

2. Die bei einer Strafthat möglicherweise beteiligten Personen 
werden vom Gesetz unterschieden in: Thäter, Gehülfen, Begünstiger und Hehler 
(Art. 21). Wie viele Strafgesetzbücher spanisch -portugiesischer Zunge giebt 
das Strafgesetzbuch von Columbia keine Definition der Begriffe, sondern zählt 
in äusserst weitschweifiger Weise die Fälle auf, in denen eine Person der 
einen oder der anderen Kategorie zuzurechnen ist. 

a) Das Gesetz kennt vier Arten der Thäterschaft (Art. 22). Thäter 
(autor) ist: 1. wer die Strafthat freiwillig (espontäneamente), sei es allein und 
ohne fremde Hülfe (aisladamente) , sei es in wechselseitiger Unterstützung mit 
einem oder mehreren anderen begeht; 2. wer einen anderen zur Begehung 
gegen seinen (des anderen) Willen zwingt; als Mittel, den anderen zur Be- 
gehung zu veranlassen, erwähnt das Gesetz: Erteilung eines Befehls, dem der 
andere gehorchen muss, Anwendung physischer Gewalt, Beraubung des freien 
Gebrauchs der Vernunft oder Benutzung eines bereits vorhandenen Zustandes 
von Willenlosigkeit; Voraussetzung ist, dass diese Mittel wissentlich und frei- 
willig angewendet sind, um die Begehung des Delikts zu veranlassen und 
dass sie diese auch zur Folge gehabt haben; 3. wer zur Begehung des Delikts 



*) Vgl. hierzu Titel H der Verfassung von 1886: Von den Einwohnern: Inländer 
und Ausländer, Artt. 7—18 (Angarita a. a. 0. Bd. I S. 19 ff.) und Gesetz No. 145 vom 
26. November 1888 über die Naturalisation. 



Der allgemeine Teil des StrafgeKetzbuche«. 97 



Auftrag erteilt und entweder die zur Begehung erforderlichen Gegenstände 
(lo que se necesite para cometerlo) herbeischafft oder Mittel hergiebt, um sie 
herbeizuschaffen oder zu bezahlen, vorausgesetzt, dass infolgedessen die That 
begangen wird; 4. wer jemand zur Begehung anstiftet, vorausgesetzt, dass 
die Anstiftung als einziges oder hauptsächliches Motiv der Begehung erscheint. 

b) Als Gehülfe (cömplice) gilt (Art. 23): 1. wer freiwillig und wissentlich 
(espontÄneamente y a sabiendas) b<»J der Ausfiihrungshandlung mitwirkt, ohne 
dass er als Thäter bestraft werden kann; 2. wer, ohne bei der Ausführungs- 
handlung unmittelbar mitzuwirken, dem Thäter freiwillig Waffen, Mittel oder 
Werkzeuge verschafft, wissend, dass diese bei der Ausführung verwendet 
werden sollen; 3. wer durch Reden, Verleitung, Rat oder Auskunftserteilung 
€»inen anderen zur Begehung veranlasst oder antreibt oder ihm die Mittel zur 
Ausführung angiebt oder zugänglich macht, vorausgesetzt, dass die That 
wirklich begangen ist; 4. wer, ohne als Thäter bestraft werden zu können, 
durch Anstiftung oder Bestechung, Geschenke, Versprechungen, Befehlseiteilung, 
Drohungen oder hinterlistige Kunstgriffe die Begehung eines Delikts bewirkt, 
das ohne diese nicht begangen wäre. 

Der Gehülfe wird milder bestraft als der Thäter; die ihn treffende Strafe 
beträgt nur zwei Drittel der gegen den letzteren angedrohten (Art. 27 Abs. 1). 
Ist der Hauptthäter zum Tode verurteilt, so muss der Gehülfe der Hinrichtung 
beiwohnen; nur Kranke und schwangere Frauen sind hiervon befreit (Art. 28). 

c) Helfer und Begünstiger (auxiliador y fautorj ist nach Art. 24: 
1. wer freiwillig und wissentlich bei der Ausführung einer strafbaren Handlung 
beteiligt gewesen ist, ohne bei der Ausführungshandlung selbst unmittelbar 
thätig geworden zu sein und ohne als Gehülfe (Art. 23) zu gelten; 2. wer 
ohne zuvorige Verabredung, jedoch wissend, dass eine», Strafthat begangen 
werden soll, und ohne ferner bei der Ausführung mitzuwirken, den Thäter 
freiwillig zu der letzteren begleitet oder sich mit ihm die Ergebnisse ders(»lben 
zu Nutze macht (se aprovechan con el reo principal de las consecu(»ncias del 
delito) ; 3. wer, nachdem er freiwillig und wissentlich die Begehung eines Ver- 
brechens befohlen, angeraten, beschrieben oder erleichtert, oder durch Verleitung, 
Drohung oder Aufforderung dazu angestiftet hat, nicht die Begehung des von 
ihm beabsichtigten Delikts bewirkt, falls nicht durch weitergehende Thätigkeit 
(exceso) oder Absicht des Ausführenden ein scliwererf»s oder von dem beab- 
sichtigten verschiedenes Delikt begangen wird; 4. wer freiwillig durch Reden, 
Anraten, Auskunftserteilung, Belehrung, Befehle oder anden^ schuldhafte Mittel 
zur Begehung eines Delikts beigetragen hat, auch ohne unmittelbar dazu auf- 
gefordert zu haben; 5. wer vor Begehung der That freiwillig mit einem der 
Hauptthäter oder Gehülfen verabredet, dass (»r eine dieser Personen oder die 
bei der Begehung benutzten Waffen, Instrumente oder Werkzeuge oder einen 
durch die That luTvorgebrachten Gegenstand bei sich aufnehmen oder ver- 
bergen oder die vorcu'wähnten Gegenstände ganz od(»r teilweise kaufen, ver- 
kaufen oder verteilen werde; 6. wer freiwillig und wissentlich als Spion oder 
Aufpasser dient oder den Thäter bei Ausführung der That beschützt oder 
ihm Unterkunft gewährt, Nachrichten verschafft oder Hülfe leistet, ohne unter 
die Bestimmungen des Art. 23 (Beihülfe) zu fallen, oder den Thäteni Mittel 
gewährt um sich zu versammeln oder ihnen vor der Begehung, in Kenntnis des 
beabsichtigten Delikts, Schutz oder Verteidigung zusichert. 

Die Strafe des „auxiliador" ist ebenfalls geringer als die des Thäters 
und beträgt mindestens die Hälfte und höchstens zwei Drittel der letzteren 
(Art. 27 Abs. 2). D(;r Begünstiger eines zum Tode Veinirteilten muss ebenso 
wie der Gehülfe der Hinrichtung beiwohnen (Art. 28; Ausnahmen: Krank(» und 
schwangere Frauen). 

Strafgesetzgfbung der Gegenwart. II. 7 



98 Columbia. — Der allgemeine Teil des Strafg-esetzbucher*. 



d; Hehlertä ist in Columbia, wie in den meisten spanisch-amerikanischen 
Staaten, nicht ein besonderes Delikt, sondern eine allgemeine Begehungsfonn 
der strafbaren Handlungen. Hehler (encubridor) ist nach Art. 25: 1. wer frei- 
willig, ohne vor der Begehung der That von dieser Kenntnis gehabt oder 
über diese Verabredungen getroffen zu haben, nach der Begehung den oder 
die Thäter, Gehiilfen oder Begünstiger bei sich aufnimmt, oder verbirgt, sie 
beschützt oder verteidigt od<»r ihnen Hülfe leistet oder Nachricht giebt, damit sie 
sich vorsehen oder flüchten können, oder die bei Begehung der That benutzten 
Waffen, Werkzeuge oder Geräte bezw. die durch das Delikt hervorgebrachten 
Gegenstände in Kenntnis dieser Eigenschaften verbirgt, kauft, verkauft oder 
verteilt; 2. wer freiwillig, wenn auch ohne Kenntnis des bestimmten Delikts, 
das begangen worden ist, die» dabei Beteiligten in Kenntnis dieser ihrer Eigen- 
schaft aufnimmt, verbirgt oder beschützt, ihnen einen Vei'sammlungsort oder ein 
sicheres Versteck gewährt, ihre Waffen versteckt oder ihnen Mittel und Wege 
angiebt um sich vor Ergreifung zu schützen; 3. wer wissend, dass die Be- 
gehung einer Strafthat geplant ist, obwohl er in der Lage ist, den Behörden 
hiervon Kenntnis zu geben, es unterlässt, dieses derartig zu thun, dass die 
Verhinderung möglich ist; 4. wer wissend, an welchem Orte sich ein flüchtigcT 
oder abwesender Verbrecher, der abgeurteilt werden soll, befindet, es unter- 
lässt, hiervon der Obrigkeit Kenntnis zu geben. 

Die Strafe des Hehlers beträgt mindestens ein Viertel und höchstens die 
Hälfte der für den Thäter angedrohten (Art. 27 Abs. 3). Die zu Gunsten 
gewisser naher Verwandten begangene Hehlerei bleibt straflos, wenn sie nicht 
in gewinnsüchtiger Absicht geschah (Art. 32 j. 

Die vorstehenden Bestimmungen über Thäterschaft und Teilnahme illustrieren 
den unwissenschaftlichen Geist des Gesetzes zur Genüge: viele Worte aber wenig 
Klarheit; die Begriffe „Thäter" und „Gehülfe" fliessen in einander, ebenso sucht 
man vergebens nach einem begrifflichen Unterschied zwischen dem „auxiliador" ^) 
und dem „encubridor". 

3. Fälle der Straflosigkeit (Kap. 2: Personas excusables). Das Gesetz 
(Art. 29) kennt vier allgemein, d. h. bei allen Delikten wirkende Strafaus- 
schli(?ssungsgründ(?. 

a) Geisteskrankheit (verdadera demencia 6 locura) und dieser gleich- 
stehende unfreiwillige Beraubung des Vernunftgebrauchs; selbstverschuldete 
Tninkenheit hat weder Ausschluss noch Ennässigung der Strafe zur Folge; 
dass sie selbstverschuldet ist, wird angenommen, bis der Thäter das Gegenteil 
erweist; hat er nachweislich geistige Getränke zu sich genommen in der Ab- 
sicht, sich zu betrinken, so ist er selbst für die im Zustande völliger Bewusst- 
losigkeit begangenen Handlungen strafrechtlich verantwortlich (Art. 30); du* 
Begehung der That in voi'sätzlich herbeigeführter Tninkenheit bildet einen 
ei'schwerenden Umstand (Art. 117 Z. 9). 

b) Unwidei-steh liehe Gewalt oder bindender B(»f(»lil. 

c) Lebensalter unter 7 Jahren; jug(Midliche Übelthäter im Alter zwischen 
7 und 12 JahrcMi werden ebenfalls nicht bestraft, sondern ihren Eltern und 
Vormündern zur Erziehung übergeben, oder wenn diese Personen nach be- 
gründeter Ansicht hierzu ung(»eignet sind oder der Thäter unverbesserlich ist, 
in eine Erziehungsanstalt (casa de reclusiön) untergebracht. Die Dauer der Unter- 
bringung richtest sich nach der Schw(»r(» der That und den sie begleitenden 
Umständen, kann jc^doch nicht über das vollendet<» achtzehnte Lebensjahr des 
Thäters ausged(»hnt werden (Art. 31). 



M Während da?« Gesetz in Art. 24 von „auxiliadores y fautores*^ spricht, ist 
später (vgl. Artt. 27. '2S) nur noch von „aiixiliadores" die Kode. 



Das Strafensystem. 99 



d) Zufall. Die Herbeiführung eines nicht vorherzusehenden Schadens 
hei Vornahme einer erlaubten Handlung oder Unterlassung mit der nötigen 
Sorgfalt bleibt straflos (Art. 29 Z. 4). 

4. Civilrechtliche Haftung für die Handlungen anderer Personen 
(Kap. 3, Art. 38j. Für die Folgen der von Hauskindern, Mündeln, Dienstboten 
und sonstigen Gewaltunterworfenen begangenen Delikte haften die Gewalthaber, 
jedoch nur subsidiär, nach Massgabe der Civilgesetze. 

5. Von den Verurteilten, die sich durch die Flucht oder auf 
andere Weise der Strafvollstreckung zu entziehen suchen, handelt 
Kap. 4, Artt. 84 — 38. In diesen Fällen tritt teils Verlängerung der Strafdauer, 
teils Strafverschärfung ein. 

HI. Dritter Titel. Von den Strafen und ihrer Vollstreckung; 
Artt. 39 — 116; sieben Kapitel. 

1. Einteilung der Strafen und allgemeine Grundsätze (Kap. 1). 
Das Gesetz unterscheidet: körperliche und nicht körperliche Strafen (penas 
corporales — no corporales, Art. 39;. Körperliche Strafen sind: Todesstrafe, 
Zuchthaus, Einschliessung f Festungsgefängnis) , Gefängnis, Haft, Aufenthalts- 
verbot und Eingi'enzung. Mit Ausnahme von Gefängnis, Haft und Eingrenzung 
gelten sie sämtlich als „penas aflictivas" im Sinne des Art. 16 Z. III der Ver- 
fassung von 1886, d. h. sie haben den Verlust des Staatsbürgerrechts zur 
Folge (Art. 40j. Die Verurteilung zu Zuchthaus und Festungshaft bewirkt 
ausserdem den Verlust aller öffentliclien Ämter, sowie der etwa bezogenen 
Pensionen und den dauernden Ausschluss von der Ausübung aller politischen 
Rechte (Art. 42;. — Niclit köi-perliche Strafen sind: zeitiger oder dauernder 
Verlust einzelner oder aller politischen Rechte; zeitige oder dauernde Unfähig- 
keit zur Bekleidung eines bestimmten öffentlichen Amtes oder zur Ausübung 
eines bestimmten Berufes oder Gewerbes; dauernde oder zeitweilige Entziehung 
eines Amtes oder einer Pension; Veq)flichtung zur Leistung von Friedens- 
bargschaft; Stellung unter obrigkeitliche Aufsicht; Busse; Verweis (Art. 41). — 
Die Dauer zeitiger Strafen wird von der Verkündung des Endurteils an ge- 
rechnet (Art. 43;; ein Tag = 24 Stunden, ein Monat = 30 Tagen, als Jahr 
gilt das Kalenderjahr (Art. 44). Einem Angeklagten, der sich in unmittelbarer 
Lebensgefahr befindet oder nahe Angehörige durch den Tod verloren hat, ist 
ein verurteilendes Erkenntnis erst nach Beseitigung der Gefahr bezw. erst nach 
dem neunten Tage seit dem Eintritt des Todesfalls mitzuteilen (Art. 45). An 
Geisteskranken darf eine Strafe nicht vollstreckt werden, auch soll einem 
solchen von dem Urteil keine Kenntnis gegeben werden; das Erkenntnis ist 
nach Verlauf von vierzehn Tagen seit der Verkündung dem für den Verur- 
teilten ernannten Pfleger zuzustellen und wird alsdann, jedoch nur bezüglich 
der darin verhängten Geldstrafe, vollstreckbar (Art. 46;. 

2. Körperliche Strafen. (Kap. 2.) a) Die Todesstrafe wird durch 
Erschiessen (por las armas) vollstreckt, und zwar, nach Bestimmung des Gerichts, 
an öffentlichem Platze oder im Inneren des Gefängnisses, stets aber öffentlicli 
(Artt. 48, 49;. An Sonn- und Feiertagen sowie während der Stillen Woche ist 
die Vollziehung verboten (Art. 47). Das Ceremoniell (schwarzes Gewand, Be- 
gleitung des Geistlichen, Verlesung der Urteilsfomiel u. s. w., Artt. 50, 51) ist 
einfach und unterscheidet sich z. B. vorteilhaft von Ecuador, Strafgesetzbuch von 
1873 Artt. 13 — 19 (vgl. oben S. 27). Bei Schwangeren ist mit der Verkündung und 
Vollstreckung des Urteils bis zum vierzigsten Tage nach der Entbindung zu 
warten (Art. 53;. Die gegen einen noch nicht 18 Jahre alten Angeklagten 
erkannte Todesstrafe ist nach Art. 54 durch die Regierung in die höchste zu- 
lässige Festungshaft umzuwandeln. Wie bereits angedeutoit, macht der Gesetz- 
geber von der Todesstrafe im besond(»ren Teil keinen allzu umfassendcMi Ge- 

7* 



100 Columbia. — Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 



brauch; sie wird angedroht in den Artt. 152 (Landesverrat eines öffentlichen 
Beamten), 174 (Körperverletzung mit tötlichem Ausgange, begangen bei Ge- 
legenheit eines Aufruhrs an einem öffentlichen Beamten, der die Menschen- 
menge in der gesetzlich vorgeschriebenen Weise zum Auseinandergehen auf- 
gefordert hat), 196 (schwerer Seeraub), 252 (bandenmässiger räuberischer 
Überfall), 598 (schwere Fälle des Mordes), 615 (schwere Fälle der Verwandten- 
tötung), 624, 627 (Vergiftung mit tötlichem Ausgange), 644 (Brandstiftung in 
Tötungsabsicht). — Art. 30 der Verfassimg von 1866 besagt: „No habrä pena 
de muerte por delitos politicos. La ley los definirA": „Gegen politische 
Delikte darf die Todesstrafe nicht angedroht werden. Das Gesetz bestimmt, 
welche Delikte als politische anzusehen sind". Bis 1890 war ein diesbezüg- 
liches Gesetz nicht ergangen. Vgl. Angarita a. a. 0., Bd. 1 S. 45 ff. — b) Zucht- 
hausstrafe (presidio) ist Einsperrung in besondere Anstalten mit Verpflichtung 
zu täglich mindestens neunstündiger Arbeit nach Anweisung der Behörde; 
beträgt die Strafdauer nicht mehr als 6 Monate, so kann die Vollstreckung 
im Gefängnis geschehen. Bei einer Straf dauer von weniger als einem Jahre 
wird der Verurteilte nicht gefesselt, dagegen muss er bei mehr als einjähriger 
Dauer den Fussring (grillete), und bei mehr als fünfjähriger Dauer auch die 
Kette (cadena) tragen. Personen über 60 und unter 18 Jahren sowie Geist- 
liche, welche zu Zuchthaus verurteilt werden, verbüssen die Strafe in den 
Festungsgefängnissen (estabelecimientos de reclusiön;; ein Gefangener, der im 
Zuchthause das sechzigste Lebensjahr vollendet, wird auf seinen Wunsch zur 
Verbüssung des Restes seiner Strafe in das Festungsgefängnis gebracht (Art. 56). 
Die höchste wegen einer Strafthat zulässige Dauer der Zuchthausstrafe beträgt 
grundsätzlich 20 Jahre (Art. 57); ein allgemeines Mindestmass ist nicht fest- 
gesetzt. Ist in ein- und demselben Urteil auf nu^hr als 20 Jahre Zuchthaus 
erkannt,^) so ist der Rest im Festungsgefängnis zu verbüssen. Die überhaupt 
zulässige Höchstdauer einer Freiheitsstrafe, die in keinem Falle überschritten 
werden darf, beträgt 25 Jahre (Art. 71). — c) Festungsgefängnis (reclusiön; 
unterscheidet sich von Zuchthaus dadurch, dass eine F(»sselung der Gefangenen, 
ausser wenn sie aus Gründen der Sicherheit od«;r der Disziplin erforderlich 
wird, nicht stattfindet, das Mindestmass der täglichen Arbeitszeit nur 8 Stunden 
beträgt und die Gefang<»nen gegen ihren Willen nur aus wichtigen Gründen 
zur Beschäftigung ausserhalb der Anstalt v(»nvendet werden dürfen. Strafen 
bis zu 6 Monaten werden in Gefängnissen verbüsst (Art. 58 j. Höchstdauer: 
15 Jahre*); eine Mindestdauer ist auch hier nicht festgesetzt (Art. 59). — 
d) Gefängnis (prisi6nj ist Einsperining in Einzelhaft, soweit sich dieses er- 
möglichen lässt, mit Befugnis der Wahl d(»r B(»schäftigung und Anspruch auf 
den vollen Ertrag der Arbeit, j(Hloch unter d(»r V(»ri)flichtung, sich selbst zu 
unterhalten. AV(»r dieses nicht kann, ist zur Vornahme der ihm innerhalb oder 
ausserhalb der Anstalt angewiesenen Arbeit vei'])flicht(»t (Artt. 60, 61); Höchst- 



*) Der Wortlaut des Anfangs voii Art. 71: ^Cuando por un delito se hayaii 
de imponer mas de veinte afios de j)residio'* steht in unlöslichem Widerspruche mit 
Art. 57, in welchem gesagt ist, dass „pcn* un delito** auf nicht mehr als 20jährige Zucht- 
hausstrafe erkannt werden darf. Anstatt .,por un delito" müsste es richtig heifiseu 
„en una misma sentencia". Die ZulHssigkeit längerer als 20jtthriger Freiheitsstrafen 
(bis zu 25 Jahren, und zwar im FnlW des Zusammentreffens mehrerer strafbarer Hand- 
lungen) ergiebt sich aus Art. l^VJ Abs. :\: „En estos casos (Konkurrenz) el monto total 
de la pena impuesta puede exceder del imiximo senalado para un delito** — und 
Art. 71: „. . . . p(^ro en ningiin caso la pena corporal podra exceder de veinticineo 
anos, sea que el reo la merezca por uno o por varios delitos calificados en una misma 
sentencia." — Das gleiche gilt, mutatis mutandis, aucli für die Höchstmasse dc> 
Festungsgefjlngnisses und der (iefMngnisstrafe. 

*) ^ n^- jt*doch Art. 71 und die vorige Anm. 



Da» Strafen« vHtem. 101 



mass: 10 Jahre (Art. 62). — e) Haft (arresto) ist einfache Freiheitsberaubung 
ohne Arbeitazwang für Bemittelte, mit Arbeitszwang für Unbemittelte; die 
Verbüssung geschieht gewöhnlich in den Gefängnissen, kann aber „nach den 
Umständen der Örtlichkeit, der That, des Verschuldens oder der Person" auch 
in den anderen hierzu geeigneten öffentlichen Gebäuden erfolgen (Artt. 63, 66). 
Gewissen Personen (anständigen Frauen, alten und gebrechlichen Personen, 
Geistlichen) ist sogar gestattet, die Hafl in Form des „Hausarrestes" in ihrer 
eigenen Wohnung abzusitzen; sie müssen alsdann Bürgschaft leisten dafür, 
dass sie das Haus während der Strafdauer nicht verlassen werden (Artt. 64, 
65). Längste Dauer: 4 Jahre, abgesehen von den Fällen, wo Haft an Stelle 
einer anderen Strafe getreten ist (Art. 67). — f) Aufenthaltsverbot (destierro) 
ist wegen einer That für höchstens 20 Jahre zulässig; wird in ein- und dem- 
selben Urteil auf eine längere Strafdauer erkannt, so wird d(»r Rest in Ein- 
grenzung verwandelt (Artt. 68, 72) ^). Der mit dem Aufenthaltsverbot Belegte 
wird an die Grenze des G(»bietes, dessen Betreten ihm untersagt ist, geführt 
und dort in Freiheit gesetzt. Wer Bürgschaft dafür leistet, dass er den frag- 
lichen Bezirk verlassen und dieses zu den Akten nachweisen werde, kann 
ohne Begleitung reisen. Bei Jugendlichen unter 18 Jahren tritt an Stelle des 
Aufenthaltsverbots Eingrenzung von gleicher Dauer (Art. 68). — g) Ein- 
grenzung (confinamieuto) besteht in der Anweisung eines bestimmten Wohn- 
sitzes im Inlande, den der Beurteilte nicht verlassen darf; er muss der Orts- 
behörde von seiner W^ohnung und seiner Beschäftigung Mitteilung machen (Art. 70). 
3. Nicht-körperliche Strafen (Kap. III, Artt. 73—89). — a) Die 
Artt. 73 — 77 enthalten sehr ausführliche B(»stimmungen über die Wirkungen 
des Verlustes aller oder einzelner bürgerlicher Ehrenrechte, der Fähigkeit zur 
Bekleidung von Ämtern und der Entziehung eines Amtes. Diese Strafen stehen 
der Verwendung des Verurteilten im Kriege nicht entgegen. Ist jemand zum 
Verlust eines Amtes, einer Stellung u. s. w. vcanirteilt, welches er zur Zeit der 
Rechtskraft des Urteils nocli garnicht bekk^idet, so tritt an Stelle dieser Strafe 
(reldstrafe, deren Höhe sich nach der Art des Amtes, des G(»werbes u. s. w. 
riehtet (Art. 77). — b) Die Friedensbürgschaft (fianza d<^ buena conducta). 
Der zu ihrer Leistung V(»rurt(»ilte nmss einen der Obrigkeit genehmen leistungs- 
fähigen Bürgen (fiador abonado) stellen, der sicli verpflichtet, sämtliche Kosten 
und Schadensersatzleistungen, sowie eine Geldstrafe von 25 — 500 Pesos zu 
zahlen, wenn der Verurt(»ilt(* ein ähnliches Delikt begeht, wie das, w<*gen 
dessen er verurteilt ist. Ist der Verurteilte zur Herbeischaffang eines solchen 
Bürgen nicht imstande, so wird di(* Strafe in Aufentiialtsverbot \imgewandelt : 
er darf sein(»n bislierigen Wohnsitz und die Umgebung bis zu mind(»stens 
100 Kilometern (10 Myriameteni) auf die Dau<T von 6 Monaten bis zu 3 Jahren 
nicht betreten (Art. 78j. — c) Die Stellung unter obrigkeitliche Aufsicht 
(sujeciön k la vigilancia (^special de» las autoridad(»s) verpflichtt't den Ver- 
urteilten, der zuständig(»n Ortsbehörde von seiner Wohnung und Lebensweise 
Anzeige zu machen und sich zu den vorgeschrielx^nen Zeiten persönlich zu 
melden; verletzt er diese Verpflichtungen oder macht er sich in anderer Weise 
verdächtig, so kann er eingesperrt und zur Arbeit ang(»halten werden; Ver- 
lassen des ang(»vvies<Mien Auf<»nthaltsortes wird mit P'estungsgefängnis von 
1 — 2 Jahren bestraft (Art. 79). - d) (t eidstrafen sind entweder bestimmt, 
d. h. auf eine, bestimmte Summe lautend, oder unbestimmt, d. h. auf eine 
unbestimmte Sumnu» oder auf das Vi(»Ifache einer unb(»stinunten Sunnni» oder 
einen Teil d(*s V(»rmögens des Angeklagten lautend; im letzteren Falle darf 
die Quote höchstens ein Fünft(4 des Vermögens betragen (Artt. 80, 81). (leld- 



») Vgl. Aiiiii. 1 auf S. 100. 



102 Columbia. — Der allgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 



strafen müssen, wenn nicht Aufschub (der bis za 30 Tagen gegen Bürgschaft 
zulässig ist) gewährt ist, binnen drei Tagen nach Zustellung des verurteilenden 
Erkenntnisses bezahlt werden, widrigenfalls verhältnismässige Haft an die Stelle 
tritt. Bei unbestimmten Verurteilungen wird vor der Zustellung seitens des 
Vollstreckungsbeamten (recaudadorj, nötigenfalls mit Hülfe von Sachverständigen, 
der Betrag festgestellt (Art. 83). Als einen Fall der „multa" betrachtet das 
Gesetz anscheinend auch die Einziehung der bei der Strafthat benutzten Gegen- 
stände (Art. 85), so^vie die solidarische (mancomunadamente) Haftung aller bei 
der That Beteiligten für Strafe, Kosten und Schadensersatz (Artt. 86, 87, 88). — 
e) Der Verweis (apercibimiento jucidial) ist die einfache Erklärung des Richters, 
dass der Angeklagte seine Pflicht verletzt hat (Art. 89). 

4. Wiedereinsetzung in den vorigen Stand (^rehabilitaciön, Kap. IV, 
Art. 90) ist bei Ehrenstrafen zulässig, wenn der Veinirteilte die etwa ausserdem 
erkannten anderen Strafen verbüsst und sich längere Zeit (4 bezw. 8 Jahre) 
tadellos geführt hat. 

5. Verjährung (prescripciön de las penas, Kap. V, Artt. 92 — 99). Das 
Gesetz kennt sowohl das Erlöschen des Rechts der Strafverfolgung durch Ver- 
jährung, wie die Verjährung der rechtskräftig erkannten Strafe. — Das Recht 
zur Strafverfolgung (el derecho de imponer penaj geht ausser durch den Tod 
des Schuldigen (Art. 92) unter durch Ablauf von 40 Jahren, wenn das Delikt 
mit dem Tode, von 10 Jahren, wenn es mit einer höchstens fünfjährigen körper- 
lichen Strafe, von 4 Jahren, wenn es mit einer anderen Strafe bedi'oht ist. 
Bei Antragsdelikten beträgt die Frist ein Jahr, bei den mit mehr als fünf- 
jährigen köi*perlichen Strafen bedrohten Strafthaten das doppelte der höchsten 
zulässigen Strafe, höchstens aber 35 Jahre (Artt. 93 — 95, 98). Die Verjährung 
der Strafverfolgung beginnt mit dem Augenblick, in welchem die That voll- 
endet oder fehlgeschlagen oder die letzte Versuchshandlung vorgenommen ist, 
die letzte Verabredung oder die letzte Aufforderung zur Begehung stattgefunden 
hat; bei Dauerdelikten (delitos crönicos) oder fortgesetztem Handeln (delitos 
continuados) ist der Zeitpunkt des Aufhören s bezw. der letzten Begehung mass- 
gebend (Art. 96). — Die Verjährung der erkannten Strafe beginnt mit der 
Erlassung des Urteils; die Fristen sind dieselben wie bei der Verfolgungs- 
verjährung; jedoch sind erkannte dauernde Strafen unverjährbar (Art. 97). 

6. Amnestie und Straferlass (amnistfa e indulto, Kap. VI, Artt. 100 
bis 106) sind nur bei Delikten gegen die öffentliche Ordnung und nur bezüg- 
lich bereits begangener Thaten, nicht auch für zukünftige, zulässig. Sie haben 
auf die einer Privatpei*son gegenüber etwa bestehende Entschädigungspflicht 
nur dann Einfluss, wenn dic^ses besondei-s ausgesprochen ist; in diesem Falle 
erfolgt di(^ Entschädigung von Staats wegen. Die Amnestie, deren Erlass nur 
dem Kongresse zusteht, fingiert, dass die begangene That nicht begangen sei; 
der Straferlass, der seitens des Kongress(»s oder der Regieining erfolgen kann, 
stellt das Vorhandensein einer Strafthat fest, gewährt aber Verzeihung für sie; 
der von dem Straferlass Betroffene kann ihn zurückweisen und Einleitung 
oder Fortführung des Verfahrens verlangen, wenn nicht dieses im Erlasse aus- 
drücklich verboten ist (Art. 105 j. 

7. Umwandlung und Ermässigung der Strafen ('sustituciön y rebaja 
de penas, Kap. VIT, Artt. 107—116; durch die R(*gierung oder einzelne von 
dies<»r dazu ermächtigte Beamte ist in weitem Umfange, teils ganz allgemein 
für bestimmte Straf arten und b(»i bestimmten D(»likten, teils aus einzelnen be- 
sonderen Gründen zugelassen. Solche Gründe sind z. B.: körperliche Verhält- 
nisse des Sträflings, gute Führung, thatkräftige Unterstützung der Gefängnis- 
beamten bei ausgebrocliener Meuterei u. s. w. Die (einzelnen sehr kasuistisch 
gehaltenen Voi'sehriften bieten kein besonderes Inter(»sse. 



Erschwerende und mildernde Umstände. 103 



IV. Vierter Titel. Erschwerende und mildernde Umstände. — 
Abstufung der strafbaren Handlungen und Strafzumessung. Artt. 117 
bis 149; drei Kapitel. 

1. Erschwerende Umstände (circunstancias agravantes, Art. 117) all- 
gemeiner Natur kennt das Gesetz elf, damnter z. B.: ])e8ondere Höhe des 
Schadens, des Aufsehens, der hervorgerufenen Unordnung; besondere Häufigkeit 
der Deliktsart; besondere Bosheit, Arglist u. s. w. des Thäters und besondere 
Veipflichtung für ihn, die That nicht zu begehen; hohe Zahl der bei der That 
Beteiligten; Anwendung von Waffen bei einer That, welche sonst ohne solche 
begangen zu werden pflegt und Begehung der That bei Gelegenheit eines 
Aufstandes, einer Feuersbrunst und ähnlicher Ereignisse; besondere Öffentlich- 
keit und Heiligkeit des Begehungsortes; Missbrauch des Ansehens, welches 
der Thäter anderen bei der That Beteiligten gegenüber hatte; Begehung der 
That in vorsätzlich herbeigeführter Trunkenheit; besondere Eigenschaften 
(hohes Alter, weibliches Geschlecht, Krankheit, Gebrechlichkeit u. s. w.) des 
Opfers; tadelnswerte Führung des Thäters vor oder nach Begehung der That. 
Ausserdem bezeichnet das Gesetz im besonderen Teile zahlreiche Momente als 
bei der Beurteilung einzelner Delikte erschwerend ins Gewicht fallend. Nach 
Art. 119 Abs. 1 hat der Richter die Befugnis, auch Umstände, welche in 
Art. 117 nicht erwähnt, aber einem dort erwähnten analog sind, als er- 
schwerend anzusehen. Ausserdem sind nach Artt. 143 — 145 solche Vorbe- 
strafungen, welche den Rückfall nicht begründen, bei der Strafzumessung als 
erechwerende Umstände zu berücksichtigen. Bei der Festsetzung einer Geld- 
strafe ist Reichtum des Angeklagten als ei'schwerender Umstand zu berück- 
sichtigen (Art. 119 Abs. 2). 

2. Mildernde Umstände (circunstancias atenuantes) von allgemeiner 
Bedeutung werden in Art. 118 sechs aufgeführt: jugendliches oder hohes Alter 
sowie mangelhafte Einsicht dos Thäters; Begehung der That unter dem Ein- 
flüsse mächtiger Affekte, Gefühle oder Zustände (Not, Liebe, Freundschaft, 
Dankbarkeit, Provokation, plötzliche leidenschaftliche Aufwallung); Begehung 
infolge von Drohungen oder von Verführung, ohne dass diese die That straf- 
los machen (vgl. Art. 29 Z. 2j; erstmalige Straffälligkeit bei bisheriger guter 
Führung; freiwillige Gestellung bei der Obrigkeit und wahrheitsgemässes Ge- 
ständnis; unvei-schuldete Trunkenheit bei Begehung der That. Analoge Aus- 
dehnung dieser Thatbestände ist auch hier zulässig (Art. 119 Abs. 1); Ammt 
des Angeklagten ist bei Ausmessung einer Geldstrafe mildernd in Betracht 
zu ziehen ('Art. 119 Abs. 2). 

3. Einteilung der strafbaren Handlungen in (irade. Das Gesetz 
unterscheidet bei jedem Delikt drei Grade: den ersten (seh weitsten), den zweiten 
(mittlerenj und den dritten (leichtesten) Grad (Art. 121j. Der Richter muss 
in jedem einzelnen Falle, wenn nicht das Gesetz eine absolut bestimmte Strafe 
androht, feststellen, welcher (irad der That als vorliegend zu erachten ist; 
dabei sind alle Nebenumständc; der That, besondei-s die etwa vorhandenen 
erschwerenden und mildernden Umständen in Betracht zu ziehen (Artt. 120, 
122, 125). Das (lesetz giebt in Art. 123 die starre und wenig praktische 
Vorschiift, dass b(4 Vorliegen von erschwerenden und F(»hlen von mildernden 
Umständen stets der erste Grad, bei Vorhandensein von mildernden und Ab- 
wesenheit von erschw(irenden stets der dritte Grad, und bei Zusammentreffen 
beider Arten stets der zweite (irad als vorlic^gend anzunehmen ist. Von der 
Feststellung des Grades hängt die Strafzumessung ab. Die Strafe (Art. 124) 
beträgt: bei einem Delikte ei-sten Grades: das vom Gesetze angedrohte Höchst- 
mass, das um den sechsten Teil der Differenz zwischen dem Höchst- und dem 
Mindestmass (hasta una sexta parte d(» la dif(4'encia entn» el maximo y el 



104 Columbia. — Der aUgemeine Teil des Strafgesetzbuches. 



minimo) ermässigt werden kann; bei einem Delikte zweiten Grades ist zu ver- 
hängen: der Durchschnitt zwischen dem angedrohten Höchst- und Mindestmass, 
der nur um ein Sechstel der Differenz zwischen beiden vermindert oder er- 
höht werden kann; — bei einem Delikte dritten Grades: das Mindestmass der 
angedrohten Strafe, das um ein Sechstel des Unterscliiedes zwischen Mindest- 
und Höchstmass erhöht werden kann. In allen diesen Fällen soll die Straf- 
zumessung nach vernünftigem Ermessen des Richters (al prudente juicio de 
los Jueces) geschehen. In den Fällen, in denen das Gesetz Teile einer Strafe 
androht, werden gewisse ihrer Natur nach unteilbare Strafen (Todesstrafe, 
Entfernung aus einem Amte und dauernde Aberkennung von Rechten) dadurch 
zu teilbaren gemacht, dass die Todesstrafe als einer 20 jährigen Zuchthaus- 
strafe für gleichwertig erachtet und die Dauer der Entfernung vom Amte als 
4 jährig, die der Aberkennung von Rechten als 20 jährig fingiert wird (Art. 126;. 
Das Gesetz hebt aber ausdrücklich hervor, dass Verweis und Friedensbürg- 
schaft stets unteilbar sind (Art. 127). Bruchteile von Tagen, die sich bei der 
Berechnung einer Strafe ergeben, sind nach unten, wenn es sich aber um die 
Berechnung einer Strafermässigung handelt, nach oben auf volle Tage abzu- 
runden (Art. 128). Im Zweifel ist die mildere Strafe anzuwenden (Art. 129). 
Zwischen mehreren vom Gesetze zur Wahl gestellten Strafarten soll der Richter 
nach seinem Ermessen die geeignete auswählen, niemals aber dem Angeklagten 
die Auswahl überlassen (Art, 130). 

4. Zusammentreffen mehrerer strafbarer Handlungen (Aitt. IHl 
bis 135). Wird jemand wegen mehrerer Strafthaten gleichzeitig abgeurteilt, 
von denen eine mit dem Tode bedroht ist, so sind auss(»r der Todesstrafe 
stets alle anderen von ihm verwirkten Strafen im Urteil einzeln aufzuführen; 
in der Regel wird nur die erstere und daneben die etwa erkannte» Geldstrafe 
vollstreckt, die übrigen Strafen gelangen nur zur Vollstreckung, wenn die 
Todesstrafe» in eine andere Strafe umgewandelt wird (Art. 131j. Treffen 
Aufenthaltsverbot, Eingrenzung, Verpflichtung zur Stellung von Friedensbürg- 
sehaft und Stellung unter obrigkeitliche Aufsicht einerseits — und Zuchthaus, 
Festungsgefängnis, Gefängnis und Haft andererseits zusammen, so werden die 
letzteren zuerst und dann (»rst die ersteren vollstreckt; treffen nur die ei*steren 
unter sich zusammen, so gelangen sie in der angegebenen Reihenfolge zur 
Vollziehung (Art. 132). Treffen die h^tzteren unter sich zusammen, so findet 
eine Erhöhung der Dauer der schwersten Strafe statt, indem 2 Jahre Zucht- 
haus = 3 Jahre Festungsgefängnis = 4 Jahren Gefängnis = 8 Jahre Haft 
gereciniet w(»rden; in diesem Falle darf das gesetzlich zulässige Höchstmass 
übei*sch ritten wenh'u (Art. 133). Diese Bestimmung findet auch dann An- 
wendung, wenn die» Aburteilung in mehreren Proz(»ssen erfolgt (Art. 134). 
Besondere Besthnmungen treffen die Artt. 135 — 137 für di<' Umwandlung einer 
nicht beig(^tri(»b(»nen Geldstrafe»; dies<» gesciiieht, wenn der Schuldige ausserd(*m 
zu Zuchthaus oder Gefängnis bezw. zu Aufenthaltsverbot, Eingrenzung oder 
Friedensbürgschaft verurteilt war, in diejenige Straf art, welche gegen ihn nach 
den Vorschriften der Artt. 132, 133 und 134 vollstreckt wird. 

5. Rückfall (^reincidencias, Kap. III, Artt. 140—149). Rückfällig im 
Sinnen des Strafgesetzbuches ist, wer, nachdem er bereits mit Zuchthaus oder 
Festungsgefängnis bestraft ist, aufs n<»u(* (mu mit (»iner dii'ser Strafen bedrohtes 
Delikt begeht (Artt. 140 Abs. 1, 148, 149). Es ist dabei einflusslos, ob er als 
Thät<*r, Geliülfe oder in anderer Weist' bet<»iligt ist, sowie ob es sich um eine 
vorsätzliche oder fahrlässige Begehung, eine volh*ndete, fehlg(\schlagene oder 
versuchte That handelt. Jedoch werden einzelne Delikte hol der Feststellung 
des Rückfall(»s nicht mitgerechnet, nämlich: gewisse privilegierte Fälle der 
Tötung (Artt. 601—604, 606—608, 617), fahrlässige Tötung (Art. 613), fahr- 



§ 4. Der besondere Teil des Strafgesetzbuchen. 105 



lässige Vergiftung von Wasserleitungen, Brunnen u. s. w. (Alt. 626;, gewisse 
Fälle der Körperverletzung (Artt. 660, 661, 668 — 665;. Ausserdem kommen 
nicht in Betracht: die Verurteilungen wegen Verabredung zur Begehung eines 
Deliktes (conjuraciön) (Art. 144) und wegen Übertretung eines Polizei-, Steuer- 
oder anderen Spezialgesetzes (contravenciön k las leyes de policia, fiscalc»s 
y otras especiales). Die dieserhalb erlittenen Vorstrafen, sowie vorher erfolgte 
Verurteilungen zu anderen Strafarten als Zuchthaus und Festungsgefängnis, 
die also Rückfall nicht begrtlnden, sind indes bei der Strafzumessung als er- 
schwerende Umstände zu berücksichtigen (Artt. 143, 144, 145). 

Rückfall bewirkt Erhöhung der regelmässigen Strafe; die Berechnung 
ist hierbei genau vorgeschrieben und für die theoretisierende Neigung des 
columbischen Gesetzgebers so bezeichnend, dass ich mir nicht versagen kann, 
den betr. Teil des Art. 142 in wörtlicher Übersetzung hier anzuführen: „Man 
nimmt die für das neue Delikt verwirkte Strafe und die in den bereits voll- 
streckten Urteilen ausgesprochenen Strafen abzüglich etwaiger wegen Rückfalls 
erfolgter Straf erhöhungen , teilt die Summe dieser Strafen durcli die Anzahl 
der Delikte und multipliziert den Quotienten mit der Anzahl der Rückfälle, i) 
Das Produkt ergiebt die bei der verwirkten Strafe vorzunehmende Erhöhung. 
Bei dieser Berechnung wird das Jahr zu 12 Monaten und der Monat zu 
30 Tagen gerechnet. Ist bei einem ersten Rückfall der Betrag der Erhöhung 
grösser als der Betrag der zu erhöhenden Strafe, so bildet die letztere d<»n 
Multiplikand, der mit der Anzahl der Rückfälle zu multiplizieren ist, um den 
endgültigen Betrag der Erhöhung zu erhalten. Um diese Operationen vor- 
nehmen zu können, sind die früher erkannten Strafen nach Massgabe d(»s 
Art. 133 -) umzurechnen". 

Ist die nach diesen Grundsätzen zu verhängende Zuchthaus- oder Festungs- 
gefängnisstrafe grösser als das gesetzlich zulässige Höchstmass, so wird nur 
dieses letztere in der eigentlich verwirkten Strafart, der Rest aber in der der 
Schwere nach unmittelbar darauf folgenden Strafart vollstreckt; die Reihen- 
folge der Strafen ihrer Schwere nach ist: Zuchthaus, Festungsgefängnis, (tc- 
fängnis, Haft (Art. 147); letztere dürfte j<»doch , obwohl sie das Gesetz aus- 
drücklich an dieser Stelle mit erwähnt, praktisch nicht in Frage kommen. 
Im Falle des Zusammentreffens mehrere I)(*likt(^ sind ausserdem die Bestim- 
mungen des Art. 133 zu beachten. 

c) § 4. Der besondere Teil des Strafgesetzbuches. 

Der den einzelnen Deliktcni und ihrer Bestrafung gewidmete Teil des Straf- 
gesetzbuches umfasst die Artt. 150 — 916 und zerfällt in zwei Bücher (Buch IT 
und III des Gesetzes). Der Stoff ist unt(»r diese derart verteilt, dass Buch II 
die gegen die Nation und die Gesellschaft g(»richt(»ten, sowie die von öffent- 
lichen Beamten begangenen Delikte, Buch III die strafbaren Handlungen gegen 
Privatpersonen behandelt; ausserdem bilden (li(^ Artt. 911 — 91() einen Schluss- 
titel, der einige allgemeine Vorschriften enthält. 



^) Die Anzahl der Rückfälle entsprk-Iit der Anzahl von Bestrafungen, welche 
der Angeklagte innerhalb der letzten 10 Jahre vor der Regelung des in Frage stehen- 
den Delikts erlitten hat, sodass z. B. die zweite That als erster, die dritte als zweiter 
Rückfall u. s. w. bezeichnet wird. Diese Terminologie beruht auf positiver Vorschrift 
des Art. 141. Natürlich konunen hei dieser Berechnung nur Verurteilungen zu Zwangs- 
arbeit und Zuchthaus in Frage — ein Grundsatz, der sich bereits aus Art. 140 ergiel)t, 
aber von dem vorsichtigen Gesetzgeber in Art. 141 Abs. ^ noch ausdrücklich wieder- 
holt wird. 



2) Vgl. oben S. 104. 



106 Columbia. — § 4. Der besondere Teil des Strafgesetzbuches. 



Noch störender als im allgemein(»n Teil macht sich ])ei der Behandlung 
der einzelnen Delikte die Kasuistik benuTkbar; fast in allen Fällen werden 
nicht die Delikte definiert, sondern die Gestaltungen aufgezählt, die sie mög- 
licherweise annehmen können; jeden möglichen Fall will der Gesetzgeber im 
voraus regeln, für jeden eine besonders abgestufte Strafe androhen. Häufig 
werden die an und für sich schon verwickelten Thatbestände durch Unter- 
scheidungen in schwere, weniger schwere und leichte Fälle, alle mit besonderen 
Strafrahmen, bis ins Unendliche kompliziert. Erscheint unter diesen Umständen 
eine wissenschaftliche Analyse des columbianischen Strafrechts ausserordentlich 
schwierig, wenn nicht gar unmöglich, so musste jedenfalls für den Zweck der 
vorliegenden Darstellung auf das Eingehen in Einzelheiten möglichst verzichtet 
werden und die Thätigkeit des Verfassers sich auf eine genaue Wiedergabe 
der Überschriften unter Hinzufügung einiger weniger Andeutungen beschränken. 

Das zweite Buch (Delitos que afectan principalmente ä la Naciön ö a 
la sociedad, ö que sean cometidos por empleados püblicos) behandelt die De- 
likte gegen die Rechtsgüter der Gesamtheit und die Verbrechen im Amte. 
Es enthält die Artt. 150 — 582 und zerfällt in 10 Titel, die z. T. wieder in 
Kapitel eingeteilt sind. 

Titel I. Strafbare Handlungen gegen die Nation. Vier Kapitel. 
1. Landesverrat (traiciön) und ähnliche Delikte (Artt. 150 — 166); Strafe des 
von einem öffentlichen Beamten begangenen Landesverrats: der Tod (Art. 152 
Abs. Ij. — 2. Strafbare Handlungen gegen den äusseren Frieden und die äussere 
Sicherheit des Staates (Artt. 167 und 168j. — 8. Delikte gegen den inneren 
Frieden, die vorhandene Regierung und die Verfassung (Artt. 169 — 194); wer 
einem Beamten, welcher die Aufrührerischen in der vom Gesetze vorgeschriebenen 
Fonn zum Auseinandergehen auffordert, eine Körperverletzung zufügt, die den 
Tod des Angegriffenen zur Folge hat, wird nach Art. 174 mit dem Tode be- 
straft. — 4. Seeraub (pirateriaj, d. h. Begehung eines gewaltsamen Diebstahls, 
einer Sachbeschädigung oder einer strafbaren Handlung gegen die Person 
durch Personen, welche sich bewaffnt^ auf Schiffen befinden und nach völker- 
rechtlichen Grundsätzen als Seeräuber anzusehen sind (Art. 195). Die Strafe 
ist für leichte Fälle 8 — 12 jährige Zwangsarbeit, für schwere Fälle (d. h. wenn 
gewisse besonders schwere, vom Gesetze bezeichnete Delikte begangen sind) 
der Tod (Artt. 196, 197). 

Titel II. Strafbare Handlungen gegen die Religion und die 
Kultusfreiheit (Artt. 198 — 209). Obwohl nach Art. 38 der Verfassung von 
1886 die katholische Religion Staatsreligion ist, so werden doch auch die 
Bekenner aller anderen Konfessionen in ihren religiösen Gefühlen und deren 
freier Bethätigung in weitestem Umfange geschützt. Die Störung des Gottes- 
dienstes ist ganz allgemein strafbar, ohne Rücksicht darauf, ob die Religion, 
um deren Übung es sich handelte, staatlich zugelassen ist (Artt. 198 — 202), 
während z. B. die öffenth'che Verhöhnung und Schmähung von Dogmen nur 
unter dieser Voraussetzung strafbar ist (Artt. 204, 205). Immerhin tritt der 
Charakter der katholischen Konfession als Staatsreligion insofern auch im 
Strafgesetzbuche hervor, als die Strafen erhöht werden, wenn eines der im 
zweiten Titel ei*M'ähnten Delikte sich gegen diese richtete (Art. 209). 

Titel IIL Strafbare Handlungen gegen die öffentliche Ruhe 
und Ordnung. Sechs Kapitel. 1. Sedition, Aufstand (sediciön; Artt. 210 — 216), 
d. h. lännende Zusammenrottung von mindestens 40 Personen, in der Absicht, 
die Ausführung eines Gesetzes oder irgendeiner anderen verfassungsmässigen 
Handlung oder der Anordnung einer Behörde zu verhindern, oder einem Be- 
amten mit (iewalt Widerstand zu leisten (Art. 210). Die Rädelsführer werden 
härter bestraft, als die übrigen Beteih'gten. — 2. Störung der öffentlichen 



§ 4. Der besondere TeU des Strafgesetzbuches. 107 



Ruhe und Ordnung durch Volkshaufen (motines ö tumultos y otras commociones 
populäres, Artt. 217 — 229); die wichtigsten hier behandelten Delikte sind: 
„motin" oder „tumulto" und „asonada". „Motin" und „tumulto" sind am 
besten durch „Aufruhr" wiederzugeben; das Delikt entspricht i. g. dem „Auf- 
ruhr" des deutschen Straf rechts ^j , jedoch ist der Begriff des „motin" enger; 
das Delikt liegt vor (Art. 217), wenn mindestens 20 Pei'sonen sich ohne ge- 
setzmässigen Grund in lärmender und ungeordneter Weise zusammenrotten, 
um mit Gewalt, Geschrei, Beleidigungen oder Drohungen von einer Behörde 
oder einem öffentlichen Beamten die Vornahme oder die Unterlassung einer 
rechtmässigen oder unrechtmässigen Handlung zu verlangen, ohne dass jedoch 
ein Fall der „sediciön" vorliegt. Das Vergehen der „asonada" (Art. 219) 
entspricht etwa dem „Landfriedensbruch" des deutschem Strafrechts*) und liegt 
vor, wenn mindestens 10 Personen ohne gesetzlichen Grund sich zusammen- 
rotten, um durch Geberden, Beleidigungen und Drohungen irgendein öffent- 
liches Fest oder einen öffentlichen Akt zu stören oder zu beeinträchtigen, um 
sich selbst Recht zu verschaffen, um andere zu belästigen, zu beleidigen oder 
einzuschüchtern oder sie mit (lewalt zu irgend einer rechtmässigen oder un- 
rechtmässigen Handlung zu zwingen , oder um irgendeinen Aufruhr oder 
Tumult im Volke zu erregen , ohne dass jedoch ein Fall des Aufstandes 
(sediciön) oder Aufruhrs (motin 6 tumulto) vorliegt. — 3. Gemeinsame Be- 
stimmungen für die beiden vorhergehenden Kapitel (Artt. 230 — 284 j. — 
4. Ungesetzliche Bewaffnung von Truppen (Artt. 285—287). --5. Personen, 
welche der Ausführung von Gesetzen oder der Vollstreckung gerichtlicher oder 
obrigkeitlicher Anordnungen Widerstand leisten oder sie zu verhindern suchen 
oder zum Widerstände gegen sie auffordeni f Artt. 238 — 247). — 6. Vereinigung 
von Verbrechern (Art. 248 255). Als „Cuadrilla de malhechores" bedroht 
das Gesetz mit Strafe jede Vereinigung oder Gesellschaft von mindestens vier 
Personen, die sich zusammengethan haben, um gemeinschaftlich oder einzeln, 
jedoch im gegenseitigen Einverständnis, eine oder meln*ere strafbare Hand- 
lungen gegen das Eigentum zu begehen (Art. 248). Schon die Thatsache der 
Zugehörigkeit zu einer derartigen Bande, ohne dass sie irgendein Delikt be- 
gangen hat, macht strafbar; die Strafe beträgt für die Anführer 2 — 5jährige, 
für die übrigen Teilnehmer 1— 8jährige Zwangsarbeit (Artt. 249, 250). Der 
unvermutete Überfall seitens einer Verbrecherbande (asalto en cuadrilla de 
malhechores), bei dem mindestens 3 Mitglieder beteiligt gewesen sind, wird 
in schweren Fällen (wenn dabei eine vorsätzliche Tötung, Notzucht oder 
schwere Verstümmelung verübt wurde) mit dem Tode bestraft (Art. 252j. 
Interesse verdient Art. 255; er lautet in wörtlicher Übersetzung: ,,Strassen- 
räuber (salteadores de caminos), die nicht als Mitglieder einer Verbrecher- 
bande (cuadrilleros) anzusehen sind , werden lediglich wegen dieser ihrer 
Eigenschaft mit 1—8 jähriger Zwangsarbeit bestraft". 

Titel IV. Strafbare Handlungen gegen öffentliche Angestellte 
oder Beamte. Artt. 256 — 281; zwei Kapitel. 1. Delikte gegen die Person 
der öffentlichen Beamten (Artt. 256 — 270); 2. Amtsanmassung und Widerstand 
gegen die amtliche Thätigkeit der öffentlichen Beamten (Artt. 271 — 281). 

Titel V. Erstürmung von Gefängnissen und anderen Straf- 
oder Besserungsanstalten; Entweichen von Gefangenen; Artt. 282 bis 
292; drei Kapitel. Die mittels Übersteigens einer Mauer, Sachbeschädigung oder 
Gewalt bewirkte Selbstbefreiung eines Gefangenen ist in Art. 284 als beson- 
deres Delikt unter Strafe gestellt. 



^) Deutsches Reichs-Strafgesetzbuch vom 15. Mai 1871 § 115. 
») A. a. 0. § 125. 



108 Columbia. — § 4. Der besondere Teil des Strafgesetzbuches. 



Titel VI. StrafbareHandlungen gegen die öffentlicheGesundheit; 
Aitt. 293— 314; drei Kapitel. Dieser Titel enthalt auch einige Normen gesundheits- 
polizeilicher Natur (Artt. 295, 297 und 313: Anzeigepflicht der Ärzte und Familien- 
oberhäupter bei gewissen Erkrankungen). 1. Von den Ärzten und Chirurgen. 
(Artt. 293 — 299) ; 2. von den Apothekern und anderen Personen, die Arzneimittel 
verkaufen (Artt. 300 — 306); 3. von denjenigen, welche die öffentliche Gesund- 
heit der Einwirkung von Seuchen und Krankheiten aussetzen (Artt. 307 — 314). 

Titel VII. Strafbare Handlungen gegen Treu und Glauben 
(Delitos contra la fe publica); Artt. 315 — 414; 12 Kapitel. 1. Münzfälschung 
(falsificaciön de monedas, Artt. 315 — 328) und 2. Manzbeschneidung (cercena- 
miento, Artt. 329 — 332); die Höhe der Strafe ist verschieden, je nachdem es 
sich handelt um Münzen, die im Lande geprägt werden, Kurs haben, oder 
keinen Kurs haben. — 3. Gemeinsame Bestimmungen zu Kap. 1 und 2 (Artt. 333 
bis 335). — 4. Fälschung von Kreditpapieren (Artt. 336 — 344). — 5. Fälschung 
von staatlichen Siegeln (seilos), Stempelpapier (papel sellado) oder Stempeln 
(estampillas) (Artt. 345 — 355). — 6. Fälschung öffentlicher amtlicher Urkunden 
(documentos officiales y püblicos) (Artt. 356 — 365); amtliche Telegramm gelten 
als öffentliche, Privattelegramme als Privaturkunden (Artt. 365 und 375). — 
7. Fälschung von Privaturkunden (Artt. 366 — 375). — 8. Fälschung von Massen 
und Gewichten (Artt. 376 — 378). — 9. Verletzung des Briefgeheimnisses (violencia 
de la correspondencia i)üblica; Artt. 379 — 393). — Das 10. Kapitel (Artt. 394 bis 
402) behandelt eine Reihe verschiedenartiger Delikte : Entwendung, Beschädigung 
und Zerstörung von Urkunden oder Gegenständen, die in öffentlichen Archiven 
oder anderen Verwahrungsräumen aufbewahrt werden; ungesetzliche Eröffnung 
von Testamenten oder anderen verschlossenen Urkunden; Arrest- und Siegel- 
bruch. — 11. Anmassung von Titeln und Eigenschaften (Artt. 403 — 406). — 
12. Falsches Zeugnis und Meineid. Der Meineid wird besonders schwer bestraft, 
wenn er in einem Civilprozess , noch schwerer, wenn er in einer Strafsache 
geleistet ist. Der eidlichen Aussage wird die uneidliche Bekundung solcher 
Personen gleich erachtet, die nach den Vorschriften ihrer Religion zur Ab- 
leistung eines Eides nicht gezwungen werden können (Artt. 407 , 410). Da- 
neben ist jede der gesetzmässigen Obrigkeit gegenüber bei amtlicher Gelegen- 
heit gemachte uneidliche falsche Aussage strafbar, abgesehen von den Fällen, 
in denen eine wahrheitsgemässe Aussage nicht erwartet wird (Angaben zu 
Ungunsten der eigenen Person oder naher Angehöriger) (Art. 412). Auch der 
Versuch der Verleitung zum falschen Zeugnis wird bestraft (Art. 414). 

Titel VIII. Strafbare Handlungen gegen die öffentliche Sitt- 
lichkeit; Artt. 415 — 457; 5 Kapitel. — 1. Unsittliche Worte, Handlungen, 
Schriften, Gemälde und andere Erzeugnisse (Artt. 415 — 423); zu den unsitt- 
lichen Handlungen gehört auch der geschlechtliche Verkehr zwischen erwachsenen 
Personen desselben Geschlechts (Art. 419). — 2. Kuppelei (alcahueteria, Artt. 424 
bis 428) treibt, wer Frauenzimmer in seiner Wohnung aufnimmt, damit sie dort 
aus ihrem Körper ein (lewerbe machen (Ai*t. 424); Gewerbs- oder Gewohu- 
heitsmässigkeit ist nicht erforderlich; ferner: wer eine Frauensperson veranlasst, 
sich geschlechtlich gebrauchen zu lassen oder hierzu wissentlich Hülfe leistet 
(Zuhälter) (Art. 427 i. Auch die Frauensperson, welche sich gewohnheitsmässig 
geschlechtlich g(*brauchen lässt, macht sich strafbar (Art. 426). — 3. Verfüli- 
rung fcoiTupcion, Artt. 429 — 438). Dieses Kapitel will die unerwachseue 
Jugend beiderlei Geschlechts vor Verführung zu Unzucht und Ausschweifung 
bewahren; die Verführten bleiben straflos (Art. 429 Z. 3); ausser den eigent- 
lichen Verführern sind auch strafbar: Eltern, Vormünder, Anstaltsleiter und 
ähnliche Personen, die durch Unaufmerksamkeit und Nachlässigkeit die Ver- 
führung ihrer Pflegebefohlenen ermöglicht haben (Artt. 435, 437), sowie Ehe- 



§ 4. Der besondere Teil des Strafgesetzbuches. 109 



männer, die ihren Frauen gestatten, sich zu prostituieren (Art. 436). — 
4. Doppelehe und Eheschliessung trotz Vorhandenseins von Ehehindernissen 
oder ohne Beobachtung der vorgeschriebenen Formalitäten (Artt. 439 — 450). 
Eine Doppelehe liegt nicht vor in denjenigen Fallen, in denen durch die 
kirchliche Eheschliessung eine vorher geschlossene Civilehe ipso iure aufgelöst 
wird (Art. 439 Abs. 2). — 5. Konkubinat (amancebamientos ; Artt. 451 — 457). 
Das Leben im öffentlichen Konkubinat ist strafbar, wenn dadurch Ärgernis erregt 
wird (Art. 451); schliessen dieSchuldigen vor Erlassung des UrteilesdieEhe, so erfolgt 
Einstellung des Verfahrens (Art. 452). Gegen öffentliche Beamte ist auf Amtsent- 
setzung und zeitige Unfähigkeit zur Bekleidung von Ämtern zu erkennen (Art. 457). 

Titel IX. Strafbare Handlungen gegen das Staatsvermögen; 
Artt. 458 — 484; 4 Kapitel. — 1. Abhandcnkommenlassen (extravio), wider- 
rechtliche Aneignung (usurpaciön), Veruntreuung (malversaciön) oder schlechte 
Verwaltung (mala administraciön) der Erträge und Bestände des Staatsvermögens 
(Artt. 458 — 473). — 2. Von den Beamten, welche betrügerische Handlungen 
gegen die Staatseinkünfte begünstigen, unterstützen, verheimlichen oder ver- 
hehlen (Artt. 474, 475). — 3. Von den Lieferanten (asentistas ö proveedores) 
und Beamten, die Sachen zum Nachteil des Staates liefern, kaufen oder ver- 
kaufen, annehmen oder verwalten (Artt. 476 — 479). — 4. Strafbare Handlungen 
zum Nachteil des Vermögens, der Einkünfte oder Sachen der Bezirks- oder 
Gemeindeverwaltungen, der öffentlichen Anstalten und Einrichtungen oder der 
obrigkeitlich sequestrierten Gegenstände (Artt. 480 — 484). 

Titel X. Strafbare Handlungen der öffentlichen Beamten bei 
Ausübung des Amtes und der mit der Wahrnehmung amtlicher Funk- 
tionen beauftragten Privatpersonen; Artt. 485 — 582; 9 Kapitel. Dieser 
sehr umfangreiche Titel behandelt das Beamtenstraf- und Disziplinarrecht. — 
1 . Prävarikation (Artt. 485 — 487 ; keine Definition, sondern Aufzählung der einzelnen 
Fälle in 11 Nummern). - — 2. Von denjenigen, welche in Ausübung eines öffent- 
lichen Amtes sich bestechen lassen oder Geschenke annehmen (Artt. 488 — 494). — 

3. Erpressungen (extorsiones), Betrügereien (estafas) und Bedrückungen (vejä- 
menes), die seitens eines öffentlichen Beamten verübt werden (Artt. 495 — 504). — 

4. Abschluss von Verträgen und Eingehung von Verbindlichkeiten, die mit der 
Stellung des öffentlichen Beamten unvereinbar sind (Artt. 505 — 514). — 5. Von 
den öffentlichen Beamten, welche die Gesetze und die Anordnungen der Vor- 
gesetzten nicht beachten, oder die Ausführung gerichtlicher Anordnungen ver- 
hindern oder erschweren oder sich zu solcher Verhinderung oder Erschwerung 
verabreden oder in anderer Weise ungehorsam oder bei Nichterfüllung von 
Pflichten behülflich sind (Artt. 515—528). — 6. Nachlässigkeit, Verzögerung 
oder anderweite Pflichtwidrigkeit eines öffentlichen Beamten bei der Verfol- 
gung von Verbrechern, bei der Justizverwaltung sowie bei der Leistung oder 
der Beaufsichtigung von öffentlichen Diensten (Artt. 529 — 546). — 7. Schlechter 
Lebenswandel eines öffentlichen Beamten (Artt. 547 — 550); strafbar ist der 
Beamte, welcher eine P>au verführt, die er als Richter, Gefängnisbeamter u. s. w. 
in seiner Gewalt hat (Artt. 547-549). Beamte, welche dem Trunk oder dem 
Spiel ergeben sind, oder einen unsittlichen Lebenswandel führen oder ihren Dienst 
vernachlässigen, werden ihres Amtes entsetzt und sind für 6 Jahre unfähig, ein^ 
anderes Amt zu erhalten (Art. 540). — 8. Missbrauch der Amtsgewalt (abusos de 
autoridad; Artt. 551 — 569). — 9. Angi'iffe auf Individualrechte (atentados contra 
los derechos individuales; Artt. 570 — 582); wichtigster Fall: Freiheitsberaubung. 

Das dritte Buch (Delitos contra los particulares y sus penas, Artt. 583 
bis 910) behandelt in drei Titeln die strafbaren Handlungen gegen die 
privaten Rechtsgüter: Leib und Leben, Ehre und persönliche Ruhe und 
Sicherheit, Eigentum. 



110 Columbia. — § 4. Der besondere Teil des Strafgesetzbuches. 



Titel I. Strafbare Handlungen gegen die Person, Artt. 583 bis 
742; 11 Kapitel. — 1. Tötung (homicidio, Artt. 583—623). Das Gesetz (Art. 583) 
definiert den „homicidio" als: Tötung eines anderen ohne vorherigen, mit den 
Gesetzen in Einklang stehenden obrigkeitlichen Auftrag und unterscheidet 
folgende Fälle: a) Der Regelfall ist die Tötung mit Vorbedacht (h. pre- 
meditado) d. h. die willentlich (voluntariamente) und nach vorhergegangener 
Überlegung oder Entschliessung ausgeführte Tötung (Strafe: Zuchthaus von 
12 — 18, in milderen Fällen von 8 — 12 Jahren, Artt. 595, 596). Dass Vor- 
bedacht vorliegt, wird bei jeder Tötung vermutet, bis erwiesen ist, dass der 
Fall zu einer anderen Klasse von Tötungen gehört (Art. 585). b) Ein 
schwererer Fall ist der Mord (asesinato, Art. 586), d. h. die mit Vor- 
bedacht verübte Tötung, welche unter besonders erschwerenden Umständen 
begangen wurde (gegen Entgelt, mit besonderer Hinterlist oder Grausamkeit, 
mit besonders gefährlichen Mitteln, wie Gift, Explosion oder Brandstiftung, 
oder als Mittel zur Begehung einer anderen strafbaren Handlung, bei Ge- 
legenheit eines öffentlichen Unglücks, wie z. B. einer Eisenbahnkatastrophe, 
oder in einem Streite, den der Thäter absichtlich veranlasst hat; in Art. 586 
werden die einzelnen Umstände unter No. 1 — 9 sehr kasuistisch aufgezählt); 
Strafe: in schwereren Fällen der Tod, in leichteren Zuchthaus von 18 — 20 
Jahren (Artt. 597, 598). c) Leichtere Fälle sind: «) d^r Totschlag, d. h. 
die einfache willentliche Tötung (homicidio simplemente voluntario, Art. 587;. 
Im Gegensatz zu anderen Gesetzgebungen, die den Totschlag als den Regel- 
fall der Tötungsdelikte ansehen, werden hier in Art. 587 acht Fälle auf- 
gezählt, in denen der homicidio voluntario als vorliegend zu erachten ist (Be- 
gehung auf Provokation, im Affekt, zur Abwehr eines noch bevorstehenden 
Angriffes oder eines Deliktes gegen die Verfassung, die Sicherheit des Landes, 
die öffentliche Ordnung oder das Leben, in Überschreitung des Züchtigungs- 
rechtes in gerechtem Zorn). Ausserdem wird in Art. 606 der Fall hervor- 
gehoben, dass der Thäter eine ihm nahe stehende weibliche Person, die nicht 
seine Ehefrau oder Tochter ist, bei unsittlichen Handlungen überrascht und 
willentlich tötet. Strafe, je nach der Lage des Falles: viermonatiges Ge- 
fängnis bis zwölfjähi-iges Zuchthaus (Artt. 600 — 607, 617). — ß) Die nicht 
willentliche, fahrlässige Tötung (homicidio involuntario, Art. 589), d. h. 
die Verursachung des Todes ohne Tötungsabsicht. Das Gesetz unterscheidet 
zwei Fälle, je nachdem der Thäter zwar dem Getöteten ein übel zufügen, 
nicht aber ihn töten wollte, oder überhaupt nicht die Absicht hatte, ein Delikt 
zu begehen, die Tötung also lediglich auf Fahrlässigkeit beruht (Art. 590;. 
Strafe: Zuchthaus von 3 — 11 Jahren (Artt. 610 — 613); völlige Straflosigkeit 
tritt ein, wenn die Tötung ausschliesslich auf Zufall oder unvermeidliche Umstände 
zurückzuführen ist (Art. 614). — y) Kindestötung, d. h. Tötung eines noch 
nicht drei Tage alten Kindes seitens der Mutter oder deren Eltern zur Verdeckung 
der Schande der ersteren; Strafe: Gefängnis von 1 — 3 Jahren für die Mutter, 
von 3 — 6 Jahren für die Grosseltem (Art. 615). d) Eine besondere Stellung hat 
die Verwandtentötung (parricidio, Art. 593), d. h. die Tötung eines Aszen- 
denten oder Deszendenten oder des Ehegatten, die sowohl Mord, als Totschlag 
oder fahrlässige Tötung sein kann; die Bestrafung erfolgt nach den all- 
gemeinen Regeln, nur für die schwersten Fälle (casos mAs graves): willent- 
liche oder mit Vorbedacht ausgeführte Tötung eines Aszendenten und der 
Ehefrau und mit Vorbedacht verübte TiHung eines Deszendenten, wird in 
Art. 615 der Tod angedroht, e) Fälle der straflosen Tötung zählt das 
Gesetz in Art. 591 elf auf; der wichtigste ist der der Notwehr im weiteren 
Sinne (No. 2 — 4 des Art. 591); als Notwehr im engeren Sinne (defensa legitima 
y natural, Art. 591 No. 1) gilt nur die Verteidigung des eigenen oder fremden 



§ 4. Der besondere Teil des Strafgesetzbuches. Hl 



Lebens gegen widerrechtlichen, gegenwärtigen Anginff, dessen Zurückweisung 
durch andere Mittel nicht möglich war. — Die Verurteilung wegen Tötung 
kann nur erfolgen, wenn der Tod des Verlotzton binnen 60 Tagen eintritt 
(Artt. 619 — 621). — Die Begriffsbestimmungen des Gesetzes auf dem Gebiete 
der Tötungsdelikte sind keineswegs klar, die Grenzen der einzelnen P^'älle 
f Hessen zum Teil in einander. — Kapitel 2. \'ergiftung (envenenamiento, 
Artt. 624 — 633); bei tötlicher Wirkung der Vergiftung von Wasserleitungen, 
Brunnen u. s. w. sowie der Vergiftung einer Person ist auf Todesstrafe zu 
erkennen (Artt. 624, 627). — 3. Kastration (Art. 634 — 637) und, dieser gleich- 
stehend, Herbeiführung der Zeugungsunfähigkeit auf andere Weise; bei 
Kastration einer erwachsenen Person mindert deren Einwilligung die Strafbar- 
keit, ohne sie aufzuheben (Art. 635). — 4. Abtreibung (aborto, Artt. 638 bis 
643); mildere Strafe trifft die bislang unbescholtene Frauensperson, die sich 
lediglich um ihre Schwangerschaft zu verbergen die Leibesfrucht abtreibt 
(^irt. 642). — 5. Brandstiftung in Tötungsabsicht, Art. 644; Strafe: wenn der 
Tod eingetreten ist: Todesstrafe, sonst Zuchthaus von 2 — 3 Jahren. — 

6. Körperverletzung (heridas, golpes y malos tratamientos, Artt. 645 — 666). — 

7. Zweikampf (rifias ö peleas, Artt. 667 — 675); genauer niüsste man sagen: 
Kampf, da das Kapitel 7 auch auf den Kampf zwischen mehr als zwei Per- 
sonen Anwendung findet; es ist gleichgültig, ob der Kampf durch besondere 
Herausforderung oder nur in gegenseitigem Einverständnis oder durch blossen 
Zufall herbeigeführt wird (Art. 667). — 8. Entführung und gewaltsame Hand- 
lungen gegen die Person, Verletzung von Gräbern (raptos, fuerzas y violen- 
cias contra las personas, violaciön de los enterramientos, Artt. 676 — 711). An 
dieser Stelle wird auch die Notzucht behandelt. — 9. Ehebruch, Erschleichung 
des Beischlafs und Verführung (adulterio, estupro alevoso y seducciön, Artt. 
712 — 724). Der Ehebruch als solcher wird nur an der ehebrecherischen Frau 
und ihrem Mitschuldigen bestraft, nicht auch an dem schuldigen Ehemanne. 
Strafe: für beide Zuchthaus nach Belieben des hintergangenen Ehemannes, 
jedoch nicht über 4 Jahre, für den Mitschuldigen ausserdem Aufenthaltsverbot 
(Artt. 712, 713). Straflosigkeit tritt ein: wenn der Ehemann den unsittlichen 
Verkehr seiner Frau billigte, wenn er sich von ihr getrennt hatte, wenn er 
eine Konkubine in der ehelichen Wohnung unterhielt, endlich, wenn er ver- 
zeiht (Art. 714). Das Kapitel behandelt ferner die Erschleichung des Bei- 
schlafs durch Täuschungen verschiedener Art (Artt. 715 — 723) und die 
„seducciön": die Weigerung eines Verlobten, seine Verlobte, mit welcher er 
bereits geschlechtlich verkehrt hat, zu heiraten; Bc^strafung tritt nur auf An- 
trag ein, die thatsächliche Schliessung der Ehe zwischen den Verlobten be- 
wirkt Einstellung des Verfahrens einschliesslich der etwa bereits begonnenen 
Strafvollstreckung (Art. 724). — Kapitel 10 behandelt in Artt. 725 — 738 
Kindesaussetzung und Vergehen gvgeii den Personenstand. — Kapitel 11 
(Artt. 739 — 742) enthält einige B(»stimmungen vermischten Inhalts. 

Titel IL Strafbare Handlungen gegen die Ehre, den guten 
Ruf und den Frieden der Privatpersonen, Artt. 743 — 770, drei Kapitel. 
— 1. Verleumdung (calumnia, Artt. 743 — 754), d. h. die Behauptung einer 
falschen Thatsache in Beziehung auf (»inen anderen, die, wenn sie wahr wäre, 
diesem Strafe, Verachtung, Hass oder Schande zuziehen würde (Art. 743). — 
2. Beleidigung (injuria, Artt. 755 — 764); hier verzichtet das Gesetz auf eine 
kurze Begriffsbestimmung, zählt vielmehr in Art. 755 die einzelnen Fälle der 
Beleidigung auf. — 3. Offenbarung von Geheimnissen und Bedrohung (reve- 
laciön de secretos; amenazas, Artt. 765—770). 

Titel III. Eigentumsdelikte, Artt. 771 --910, 11 Kapitel. — 1. Raub 
(robo, Artt. 771 — 791): Wegnahme von Gegenständen in Aneignungsabsicht 



112 (Columbia. — ITI. Die übrigen Gesetze strafrechtlichen Inhalts. 



mit Gewalt gegen Personen oder Sachen (Artt. 771 und 772); schwere FÄlle: 
Art. 791. — 2. Diebstahl (hurto, Artt. 792 — 802): rechtswidrige (fraudulent»- 
mente) Wegnahme einer fremden Sache in Aneignungsabsicht ohne Gewalt 
gegen Personen oder Sachen, die Aneignungsabsicht wird bis zum Nachweise 
des Gegenteils als vorhanden angenommen (Art. 792). — 3. Gemeinsame Vor- 
schriften zu Kapitel 1 und 2 (Artt. 803 — 809). — 4. Bankerutt (quiebra, Artt. 
810 — 819). — 5. Betrügerische Handlungen (estafas y engalios, Artt. 820 bis 
835). — 6. Vertrauensmissbrauch (abuso de confianza, Artt. 836 — 857). — 
Kapitel 7 behandelt Vergehen gegen den Markenschutz und Verletzung ver- 
liehener Privilegien durch unbefugte Dritte (Artt. 858 — 860). — 8. Brand- 
stiftung und andere Fälle der Beschädigung (Artt. 861 — 893). — 9. Gewalt- 
same Handlungen gegen das Eigentum, gewaltsame Besitzentsetzung (fuerzas 
y violencias contra las propriedades. — Despojos, Artt. 894 — 903). — 10. Un- 
erlaubte Benutzung fremder Gegenstände (Uso de las propriedades ajenas sin 
el consentimiento del dueflo, Artt. 904 — 907). — 11. Grenzverrückung (mu- 
danza ö alteraciön de los t^rminos de las heredades, ö de la divisiön terri- 
torial en la Naciön, Artt. 909 und 910). 

Der dem dritten Buche angehängte Schlusstitel (Artt. 911 — 916) ent- 
hält verschiedene Bestimmungen. Der Tag des Inkrafttretens des Gesetzes 
sowie der Erlass von Gefängnisordnungen wird der Regierung überlassen 
(Artt. 911, 912). Von verschiedenen Artikeln sind Sonderabdrücke anzu- 
fertigen und teils in den Gefängnissen, teils in den Apotheken, teils in den 
öffentlichen Gerichtsräumen auszuhängen (Artt. 913 — 915). Die endgültige 
Fassung und Einteilung des Gesetzes wird dem Staatsrat überlassen (Art. 916). 

IIL 

§ 5. Die übrigen Gesetze strafrechtlichen Inhalts. 

Von den im Jahre 1890 geltenden besonderen Strafgesetzen sind durch 
Art. 911 des Strafgesetzbuches alle diejenigen materiell-rechtlicher Natur auf- 
gehoben, welche zur Abänderung oder Vervollständigung des damals gelten- 
den Strafgesetzbuches von 1858 (ursprünglich für Cundinamarca erlassen, seit 
1887 für die ganze Republik gültig) dienten. Eine ausdrückliche Aufhebung 
der anderen SpezialStrafgesetze hat nicht stattgefunden, es ist daher anzu- 
nehmen, dass sie in Kraft geblieben sind. 

Von den kleineren Gesetzen strafrechtlichen Inhalts sind zu erwähnen: 

1. Gesetz No. 32 vom 26. Oktober 1886 über das Eigentum an Schriften 
und Kunstwerken. Strafbestimmungen: Artt. 63 — 73; französische Übersetzung 
im Annuaire de legislation etrangere Bd. 16 S. 894 — 907. 

2. Gesetz No. 36 vom 28. Oktober 1886 über die Zölle. 

3. Gesetz No. 56 vom 18. November 1886 über die Ausübung des dem 
Präsidenten der Republik nach Art. 119 No. 6 der Verfassung zustehenden 
Rechts der Strafumwandlung. 

4. Gesetz No. 3 vom 20. Januar 1887 über die Stempelabgaben. Ygl^ 
hierzu Stempelgesetz vom 24. November 1888. 

5. Gesetz No. 57 vom 15. April 1887 über die Einfülu"ung verschiedener 
Gesetze für die ganze Republik. Dieses Gesetz sollte die Einheitlichkeit auf 
dem Gebiete der Gesetzgebung herstellen. 

6. Gesetz No. 67 vom 10. Mai 1887 über die Vollstreckung der Ge- 
fängnisstrafen. 

7. Gesetz No. 62 vom 6. November 1894 über die Redaktion der Prozess- 
ordnung, wodurch der Staatsrat beauftragt wird, alle bestehenden Vorschriften 
über Gerichtsverfassung, Civil- und Strafprozoss zu einem Gesetze zu verarbeiten. 



IX. 



MEXIKO 



Von 



Ernst Eisenmaiiii, 

Königlich PreuBBiBchem GerichtsasBeBsor a. D., Advokaten In Paris. 



Strafgesetzgebung der Gegenwart. II. 



Übersicht. 



§ 1. Vor der Kodifikation. 

§ 2. Kodifikationen der Einzelstaateu. 

§ 3. Bundesstrafgesetzbuch vom 7. Dezember 1871. — Entstehung. 

§ 4. Ergänzungen. 

§ 5. Geltungsbereich des Bundesstrafrechts. 

§ 6. Einteilung des Strafgesetzbuches. 

§ 7. System des Gesetzes. 

§ 8. Strafarten. 

§ 9. Strafvollzug. 

§10. Entschädigung des Verletzten. 

§11. Entschädigung unschuldig Verhafteter. 

§ 12. Amtsvergehen. 

§13. Bemerkungen zum Allgemeinen Teil. 

§14. Sonstige Strafgesetze. 

§ 15. Litteratur. 



§ 1. Vor der Kodifikation. 

In dem gesamten Gebiete der Vereinigten Staaten von Mexiko waren 
zur Zeit der spanischen Herrschaft ausschliesslich die Strafgesetze des euro- 
päischen Mutterlandes in Geltung; wenigstens dem Namen nach. Die Zer- 
setzung der in die Zeiten Alonso*s des Weisen (vgl. Bd. 1 S. 489) zurück- 
reichenden Gesetzbücher ging in den amerikanischen Kolonieen indes in be- 
schleunigtem Masse vor sich, seitdem die Erklärung der Unabhängigkeit (1823) 
die Einführung fortschrittlicher und freiheitlicher Gedanken begünstigtCi und 
die mancherlei Verfassungsversuche oder Regierungsprogramme der zur Herr- 
schaft gelangenden wechselnden Richtungen und Personen stets wenigstens in 
dem einen Punkte übereinstimmten, die Abänderung der aus spanischer Zeit 
stammenden Einrichtungen zu wünschen, zu planen oder in Angriff zu nehmen. 
Der Zustand vor Schaffung des nationalen Rechtes wird von den Motiven 
zum Bundesstrafgesetzbuch treffend dahin gekennzeichnet, dass seit langem 
die spanische Gesetzgebung gänzlich ausser Übung sei und kein anderes Gesetz 
gelte, als das bald billig denkende, bald launenhafte richterliche Ermessen. 

§ 2. Kodifikationeil der Einzelstaaten. 

Nachdem die Verfassung von 1857 nach Niederwerfung der letzten in- 
ländischen Gewaltherrschaft des Diktators Antonio Lopez de Santa Ana der 
Organisation der einzelnen Bundesstaaten eine festere Grundlage gegeben 
hatte, begannen diese zum Teil selbst die Gesetzgebung in die Hand zu 
nehmen, welche in Bezug auf das Strafrecht bedauerlicher Weise nicht der 
Kompetenz des Bundes übertragen war.^) 

Die meisten Staaten überliessen dagegen die Initiative dieses Fortschrittes, 
ein den nationalen Verhältnissen angepasstes und aus nationaler Geistesarbeit 
erflossenes Strafrecht zu schaffen, der Bundesregieining, welche mit rühmlicher 
Zähigkeit diese Aufgabe während der drangvollen Zeit der Fremdherrschaft 
nicht aus dem Auge verloren und unmittelbar nach deren Beendigung wieder 
aufgenommen hat. Seitdem ist das Strafgesetzbuch der Bundesregierung, obwohl 
es formell nur für das kleine Stadtgebiet der Bundeshauptstadt und das schwach- 
bevölkerte Territorium Nieder-Kalifomien (zusammen etwa eine halbe Million 



*) Das Verhältnis des Bundes zu den Einzelstaaten ist dem der Vereinigten 
Staaten von Nordamerika nachgebildet und ähnlich dem des Deutschen Reichs. Obige 
Abweichung besteht, wie weiter unten gezeigt wird, mehr der Form als dem Wesen nach. 
— Das erste der Strafgesetzbücher der Einzelstaaten war da» von Veracruz-Llave vom 
18. 12. 1868, das ebenso wie das von Guauajuato vom 15. 7. 1871 in der Anordnung 
des Stoffes selbständig auftritt, aber doch auch die bereits vorliegenden Grundlehren 
des Bundesgesetzentwurfes sich angeeignet hat. Abweichend ist bei beiden Gesetzen, 
ebenso wie bei Yucatan u. a., die Abschaffung der Todesstrafe und die Einführung 
der Polizeiarbeit , d. h. strafweise BesciUlftigung mit Strassenreinigimg , Hospital- 



arbeiten u. dergl. 



8^ 



116 Mexiko. — § 3. Bundesßtrafgesetzbuch. § 4. Ergänzungen. 



Einwohner umfassend)^) gilt, insofern als gemeines Recht anzusehen, als die 
Mehrzahl der Einzelstaaten 2) durch ihre Gesetzgebung ein gleichlautendes oder 
doch unwesentlich abweichendes Strafgesetz als Sonderrecht angenommen haben. 
Diese thatsächliche Rechtseinheit ist es, welche uns autorisiert, der fol- 
genden Betrachtung das Bundesstrafgetzbuch zu Grunde zu legen, umsomehr, 
als bei der ungeteilten Anerkennung, deren es sich erfreut, kein Zweifel bestehen 
kann, dass bei dem allmählichen Verschwinden der separatistischen Gelüste 
auf allen nicht rein politischen Gebieten, nur die Behutsamkeit der Zentral- 
regierung, Konflikte mit dem Partikularismus zu vermeiden, der Umwandlung 
des Gesetzbuches in ein für die ganze Republik gültiges Bundesgesetz ent- 
gegensteht. 

§ 3. Bundesstrafgesetzbuch vom 7. Dezember 1871. — Entstehung. 

Am 6. Oktober 1862 ernannte die Bundesregierung eine Kommission zur 
Ausarbeitung eines Strafgesetzbuches, welches den in der Verfassung enthaltenen 
Grundzügen entsprechen und die dort gewährleisteten Bürgerrechte mit Straf- 
schutz umgeben sollte. Bis zur Fertigstellung des allgemeinen Teiles gelangt, 
wurden die Arbeiten gezwungenermassen infolge des Elrieges abgebrochen. 
Unmittelbar nach Wiederherstellung der nationalen Ordnung erteilte Präsident 
Juarez, der grosse Reformator des Landes, einer neuen Kommission den Auf- 
trag zur Fortführung jenes Gesetzes Werkes; nach Jahresfrist bereits waren die 
beiden ersten Bücher fertiggestellt, und am 15. März 1871 überreichte der 
Vorsitzende der Kommission, Antonio Martinez de Castro, dem Ministerium 
das fertige Gesetz nebst kurzgef assten , nur die Prinzipien und Neuerungen 
hervorhebenden Motiven. 

Unverändert von dem damals nur aus einer Kammer bestehenden Land- 
tage des Bundes am 7. Dezember 1871 angenommen, wurde es noch am selben 
Tage von Juarez gezeichnet und trat mit dem 1. April 1872 in Kraft. 

§ 4. Ergänzungen. 

Zeitlich vorhergehend und dennoch als blosse Ergänzung des Strafgesetz- 
buches zu betrachten ist das am 3. November 1870 ergangene Gesetz über 
die Oberbeamten des Bundes, dessen Inhalt unten im System mitbehandelt 
werden soll. Einige wenige offensichtliche Unebenheiten in Definitionen und 
Strafmassen sind seither durch eine Novelle, die mit Genehmigung des Land- 
tages vom Pi'äsidenten erlassene Verordnung vom 26. Mai 1884, berichtigt. 
Im übrigen ist das Gesetzbuch durch die frühere Strafprozessordnung vom 
15. September 1880, an deren Stelle jetzt die neue vom 6. Juli 1894 getreten 
ist, das Gerichtsverfassungsgesetz vom gleichen Tage, sowie durch einige Aus- 
führungsverordnungen erst zu voller Wirksamkeit als abgerundetes Gesetzes- 
werk gelangt; unter den letztgedachten Bestimmungen sind die wichtigsten 
die Ausführungsverordnung zum Strafgesetzbuch, vom 20. Dezember 1871, 
und die zum Gerichtsverfassungsgesetz, vom 26. Oktober 1880. 



*) Seither ist das blühende Territorium von Tepic von dem Nachbarstaate ab- 
«fezweigt und der Biindesgesetzgebiing unterstellt worden. Die Regelung der dortigen 
Kriminaljustizpflege erfolgte durch Verordnung vom 12. 6. IHH.'). 

*) Folgendes sind diese Staaten mit den Daten der betreffenden Einführungs- 
gesetze, soweit sie (bis 1880) ermittelt werden konnten: 

Yucatan . . . . r>. 10. 1871 Chiapas . . 13. 12. 1872 Hidalgo 5. 2. 1875 
Guerrero . . . 2(>. 6. 1872 Tamaulipas . 12. 6. 1873 Puebla . 30. 11. 1875 
(^ampeche . . . 21. 10. 1872 Coahuila . . 20. 8. 1874 Colima . 22. 6. 1878 
Zacatecas ... 2. 12. 1872 Sinaloa ... 11. 11. 1874 Oaxaca 15. 12. 1878 
San Luis Potosi 7. 12. 1872 Mexico ... 12. 1. 1875 Morelos 30. 5. 1879 



§ 5. Geltungsbereich. § 6. Einteilung des Strafgesetzbuches. 117 



§ 5. Geltungsbereich des Bundesstrafrechts. 

Die Zwiespältigkeit der Bundeskompeteiiz bringt es mit sich, dass der 
Geltungsbereich der Strafbestimniungen ein zwiefach verschiedener ist. Dies 
gelangt zu klarem Ausdruck in dem Titel des Gesetzbuches: „Strafgesetz- 
buch für den Bundesdistrikt und das Territorium Nieder-Kalifornien 
über gemeine Vergehen, und für die ganze Republik über Ver- 
gehen gegen den Bund."^) 

§ 6. Einteilung des Strafgesetzbuches. 

Das Gesetzbuch zerfällt in 4 Bücher, nebst einem Einleitungsabschnitt 
und dem als Übergangsgesetz bezeichneten Schlussteil, sowie endlich einem 
Übergangsartikel über den Geltungsbeginn; es umfasst 1181 Artikel, deren 
Mehrzahl von beträchtlicher Länge und wiederum in Absätze gegliedert ist, 
und ist von seltener Reichhaltigkeit, ohne irgendwelche eigentlich fremde Materie 
hineinzumischen. 

Wir geben zunächst die Inhaltsübersicht, weil aus derselben vorstehendes 
Urteil kontrolliert werden kann und es bei dem uns zugemessenen Räume nur 
so möglich wird, einige wenige Hauptpunkte noch besonders erläutern zu können. 

Einleitung Artt. 1 — 3. 

Erstes Buch: Von Vergehen, Übertretungen, Verbrechen und Strafen 
im allgemeinen. Artt. 4 — 300. I. I.Vergehen und Übertretungen im 
allgemeinen. 2. Stufen des absichtlichen Vergehens. 3. Häufung und Rückfall. — 
IL 1. Strafrechtliche Verantwortung. 2. Ausschliessende, 3. 4. 5. Mildernde 
und erschwerende Umstände. G.Verantwortliche Personen. — III. 1. Strafen 
im allgemeinen. Gefangenenarbeit und Verteilung ihres Erlöses. 2. Strafarten 
und Vorbeugungsmassregeln. 3. Straf-Milderungen und -Schärfungen. 4. Vorbe- 
reitende Freiheit. — IV. Strafarten und Vorbeugungsmassregeln: 1. Ein- 
ziehung. 2. VerAveis, Warnung. 3. Geldstrafe. 4. Kürzere und längere Haft. 
5. Besserungsanstalt. 6. Ordentliches Gefängnis. 7. Bannung. Einfache Ein- 
schliessung. Verbannung vom Wohnort. Verbannung ausser Landes. Todes- 
strafe. Ausserordentliches Gefängnis. 8. Verlust bürgerlicher, Familien- und 
politischer Rechte. Unfähigkeit zur Ausübung eines dieser Rechte. 9. Zeit- 
weilige Enthebung und Absetzung von Ämtern und Ehrenämtern. Unfähigkeit 
zu deren Erlangung und zu jeder Art derselben. 10. Vorbeugende Einschlies- 
sung in eine Zwangserziehungs-, Taubstummen- oder Heilanstalt. 11. Sicher- 
heitsleistung für Unterlassung künftiger Frevel. Versicherung künftigen Wohl- 
verhaltens. Ermahnung. 12. Polizeiaufsicht. Verbot des Betretens eines 
bestimmten Ortes oder Landesteiles oder des Wohnens daselbst. — V. Straf- 
zumessung. 1. Allgemeines. 2. Bei Fahrlässigkeitsvergehen. 3. Bei Ver- 
such, unternommenen, vereitelten und vollendeten Vergehen, 4. bei Häufung 
und Rückfall, 5. für Mitschuldige und Hehler, 6. bei Personen von 9 — 18 
Jahren und Taubstummen, die mit Unterscheidungsvermögen handeln, 7. bei 
mildernden und ei'schwerenden Umständen. 8. Vertauschung, Verminderung 
und Umwandlung der Strafen. 9. Vollstreckung der Urteile. — VI. 1. Erlöschen 
der Straf klage, 2. durch Tod, Amnestie, 3. Verzeihung und Einwilligung 
des Verletzten, 4. Verjährung. — VII. 1. Erlöschen der Strafen, 2. durch 
Tod, Amnestie, Rehabilitation, 3. Straferlass, 4. Verjährung. 



^) Eine von dem Verfasser dieser Darstelhuio^ bearbeitete deutsche Übersetzung 
erBchien als Beilage zu Bd. 14 der Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft; 
eine Einleitung dazu in demselben Bande S. 19. 



•» 



118 Mexiko. — § 6. Einteilung des Strafgesetzbuches. 



Zweites Buch: Civilrechtliche Haftpflicht in Strafsachen. Artt. 301 
bis 367. 1. Ausdehnung und Voraussetzungen. 2. Bemessung. 3. Haftpflichtige 
Personen. 4. Verteilung bei mehreren Haftpflichtigen. 5. Vollstreckung. 
6. Erlöschung der Haftpflicht und der Klagen zu ihrer Geltendmachung. 

Drittes Buch: Von den Vergehen insbesondere. Artt. 368 — 1139. 

1. Vergehen gegen das Eigentum: 1. Diebstahl. 2. Diebstahl ohne 
Gewaltthätigkeit. 3. Diebstahl mit Gewaltthätigkeit. 4. Veruntreuung. 5. Be- 
trug. 6. Betrügerischer Bankerutt. 7. Besitzentziehung bei Immobilien und 
Wasserrechten. 8. Wörtliche und thätliche Drohungen. Vergewaltigung. 9. Zer- 
störung und Beschädigung fremden Eigentums durch Brandstiftung, 10. durch 
Überschwemmung und 11. durch andere Mittel. — IL Vergehen von Privat- 
personen gegen diePerson: 1. Schläge und andere einfache Thätlichkeiten. 

2. Verletzungen; allgemeines. 3. Einfache und 4. qualifizierte Verletzungen. 
5. Tötung; allgemeines. 6. Einfache und 7. qualifizierte Tötung. 8. Eltern- 
mord. 9. Abtreibung. 10. Kindesmord. 11. Zweikampf. 12. Aussetzung und 
Verlassung von Kindern und Kranken. 13. Menschenraub. 14. Freiheits- 
beraubung und Hausfriedensbruch. — III. Vergehen gegen den Huf: 

1. Beleidigung. Verleumdung. Aussergerichtliche falsche Beschuldigung. — 

2. Gerichtliche falsche Beschuldigung. — IV. Falschheit: 1. Falschmünzerei 
und Münzverfälschung. 2. Fälschung von Wertpapieren, 3. von Siegeln, 
Stempeln, Massen und Gewichten, 4. von öffentlichen und Privaturkunden, 
5. von Bescheinigungen, 6. von Schlüsseln. 7. Falsche Erklärungen vor Gericht 
und Gutachten für Behörden. 8. Verheimlichung des Namens oder Angabe 
eines falschen. 9. Fälschung bei Telegrammen. 10. Anmassung von Amts- 
oder Berufsrechten, unbefugter Gebrauch von Orden und Uniformen. — V. Ent- 
hüllung von Geheimnissen. — VI. Vergehen gegen die Familien- 
ordnung, öffentliche Sittlichkeit und den Anstand: I.Vergehen gegen 
den Civilstand von Personen. 2. Ausschreitungen gegen Sittlichkeit und Anstand. 

3. Angriffe gegen die Scham. Schändung. Notzucht. 4. Verführung Minder- 
jähriger. 5. Entführung. 6. Ehebruch. 7. Doppelehe und sonstige ungesetz- 
liche Ehen. 8. Aufreizung zu einem Vergehen. Beschönigung eines solchen 
oder eines Lasters. — VII. Vergehen gegen die öffentliche Gesund- 
heit. — VIII. Vergehen gegen die öffentliche Ordnung: 1. Land- 
streicherei, Bettelei. 2. Lotterieen. 3. Verbotene Spiele. 4. Vergehen gegen 
die Vorschriften über Begräbnisse. 5. Grabschändung. Entweihung eines 
menschlichen Leichnams. 6. Siegel bruch. 7. Widerstand gegen Vornahme 
öffentlicher Arbeiten. 8. Vergehen von Armeelieferanten. 9. Ungehorsam und 
Widerstand von Privaten. 10. Ausschreitungen und Angriffe gegen öffentliche 
Beamte. 11. Zusammenrottung. Tumult. 12. Gewohnheitstrunkenheit. 13. Vergehen 
gegen Gewerbfleiss, Handel und die Freiheit bei öffentlichen Versteigerungen. — 
IX. Vergehen gegen die öffentliche Sicherheit: 1. Entweichung Gefangener. 
2. Vereitelung der Verurteilung. 3. Verbotene Waffen. 4. Bandenbildung zur 
Verübung von Vergehen gegen die Person oder das Eigentum. — X. Vergehen 
gegen die verfassungsmässig gewährleisteten Rechte: 1. Vergehen bei 
Volkswahlen, 2. gegen die Pressfreiheit, 3. gegen die Freiheit der Religionsübungen, 

4. gegen die Gewissensfreiheit. 5. Verletzung und Unterdrückung von Briefen 
und Telegrammen. 6. Freiheitsberaubung und Hausfriedensbruch, begangen 
durch Beamte. Durchsuchung und Wegnahme von Papieren. 7. Verletzung 
einiger anderer verfassungsmässig gewährleisteter Rechte. — XI. Amtsvergehen 
der öffentlichen Beamten: 1. Verfrühte oder unberechtigt fortgesetzte Amts- 
führung. Anmassung nicht zustehender Amtshandlungen. Entweichung vom Amte. 
2. Missbrauch der Amtsgewalt. 3. Verbündung von Beamten. 4. Bestechung. 

5. Untersehleif und Erpressung im Amte. 6. Vergehen in Civil- und Straf- 



§ 7. System des Gesetzes. 119 



Sachen. 7. Besondere Vergehungen der Oberbeamten des Bundes. — XII. Ver- 
gehen der Rechtsanwälte, Bevollmächtigten und Konkursverwalter. — 
XIII. Vergehen gegen die äussere Sicherheit der Nation. — XIV. Ver- 
gehen gegen die innere Sicherheit: 1. Aufstand. 2. Aufruhr. — XV. Ver- 
gehen gegen das Völkerrecht: 1. Seeräuberei. 2. Verletzung der Unver- 
letzlichkeit gewisser Sachen und Personen. 3. Sklavenhalterei und Sklavenhandel. 

4. Verletzung der Menschlichkeitspflichten gegen Kriegsgefangene, Geiseln, Ver- 
wundete oder Lazarethe. 

Viertes Buch: Von den Übertretungen. Artt. 1140 — 1152. 1. All- 
gemeines. 2. Übertretungen erster Klasse, 3. zweiter Klasse, 4. dritter Klasse, 

5. vierter Klasse. 

Übergangsgesetz. Artt. 1 — 28. — Übergangsartikel. 

§ 7. System des Gesetzes. 

Kein Artikel des Gesetzes lässt die Absicht des Gesetzgebers verkennen, 
eine bis ins genaueste fest zum voraus bestimmte Strafe für jeden denkbaren 
Fall zu schaffen, um jeder Möglichkeit einer Willkür vorzubeugen; hiervon ist 
nur bezüglich der Geldstrafen und sonst noch an etlichen nicht zahlreichen 
Stellen eine unwesentliche Ausnahme unter ausdrücklicher Anrufung des richter- 
lichen Ermessens gemacht. Diese Reaktion gegen den vorhergehenden Rechts- 
zustand ist durch die Eigentümlichkeit der politischen und gesellschaftlichen 
Verhältnisse des Landes, in welchem Einflüsse von Freundschaft mehr noch 
als von Feindschaft so mächtig sind, dass sie den verwandtschaftlichen gesetz- 
lich gleichgestellt werden^), in erhöhtem Masse geboten; eben diese gesetz- 
liche Einräumung der Existenzberechtigung bestätigt, dass es ein Irrtum wäre, 
diesen Zustand mit dem Koteriewesen anderer Länder verwechseln und daraus 
Rückschlüsse gegen die Rechtssicherheit ziehen zu wollen. In Ausführung 
dieses Systems ist bei jeder Vergehensart eine Reihe von zumeist mit grosser 
Schärfe abgegrenzten Einzeldelikten aufgestellt und jedes von diesen mit einem 
mittleren Strafmass versehen; die einzelnen Strafnormen sind untereinander 
in einem Verhältnis gehalten, das nur in seltenen Fällen zu Befremden An- 
lass bieten kann, und auch für manche scheinbare Inkongruenzen dieser Art 
ist eine Erkläning aus gewissen im Lande herrschenden Neigungen zu dieser 
oder jener Vergehensart zu finden. Auf dieses Normalmass der Strafe finden 
dann die zumeist aus dem allgemeinen Teil, manchmal auch noch aus den 
generellen Bestimmungen des betreffenden Abschnittes zu entnehmenden Steige- 
rungen und Zusätze, Minderungen imd Umwandlungen Anwendung, so dass 
das Urteil zum grossen Teil als das mathematische Resultat einer Reihe fest- 
bestimmter Faktoren erscheint. Die Ausdrucksweise des Gesetzes wird da- 
durch oft schwerfällig und erscheint durch die Nebeneinanderstellung dieser 
Rechnungsanweisimgen und der klar stilisierten Begriffsbestimmungen bunt 
und ungleich; für die Anwendung des Gesetzes durch Richter jedoch, die aus 
Volkswahlen hervorgehen^), ist in der Festlegung des Strafmasses ein rechts- 



*) Art. 13: „Die Verpflichtung, der Behörde zur Feststellung eines Vergehens 
oder zur Ergreifung der Schuldigen Hülfe zu leisten, betrifft nicht deren Ehegatten, 
Aszendenten, Deszendenten oder Seitenverwandte, noch auch diejenigen Personen, 
welche ihnen Achtung, Dankbarkeit oder Freundschaft schuldig sind.** So auch bei 
positiver Begünstigung xmd Hehlerei, Art. 59, und anderwärts. 

*) Alle Richter und sogar alle Gerichtssekretäre müssen jedoch aus den Advokaten 
gewählt werden. In der Praxis hat sich trotz des Wablmodus und ohne übermässigen 
Einfluss der Politik in den langen Jahren friedlicher Entwicklung ein eigener Richter- 
stand gebildet. 



120 Mexiko. — § 8. Straf arten. § 9. Strafvollzug. 



sicherndes Moment von einer jenen Schönheitsfehler weit überwiegenden Be- 
deatong zu erblicken. Besonders für die Nachprüfung der Oberinstanzen, 
welcher bei der erschwerten Verbindung der Gerichtsorte untereinander eine 
Wiederholung der Verhandlungen nur beschränkt zu Grunde gelegt werden 
kann, ist das Wegfallen der schwer zu fixierenden Nuancen der That und 
ihrer Beurteilung durch den Vorderrichter, sowie der dem letzteren auferlegte 
Zwang, seine Gründe unter die vorhandenen Kategorieen einzuordnen, von 
Wert. Es sind dadurch jene Dehnungen und Verrenkungen der Thatbestands- 
momente bezw. ihrer gesetzlichen Auffassung ausgeschlossen, welche die Rechts- 
pflege einiger mit angeblich idealen Gesetzen ausgestatteter europäischer 
Länder aufweist. Jede Willkür innerhalb dieser Schranken ist durch eine 
erhöhte Anspannung der kasuistischen Voraussicht des Gesetzgebers, der in 
diesem Falle sich als hervorragender Denker bewährte, überflüssig zu machen 
gesucht worden. Für ausserordentliche Fälle, die jeder Voraussicht spotten, 
schafft ausdrücklich (Alt. 43) das in Abschnitt VI und VII des Ersten Buches 
ausgebildete System von Begnadigungen Rat. 

§ 8. Strafarten. 

Dieser Berechnungsart der Strafe entspricht das Strafensystem. Es mag 
angesichts der langen Reihe der in Titel IV des Ersten Buches aufgezählten 
Strafarten paradox erscheinen zu behaupten, dass ausser der meist als Zusatz 
auferlegten Geldstrafe ganz wesentlich nur eine Straf art in Frage kommt, 
die Gefängnisstrafe, welche sich zu jenen rein numerischen Operationen be- 
dingungslos eignet. Die Grenzen zwischen Haft und Gefängnis sind un- 
bedeutend und verwischen sich mehrfach vollkommen; erstere dauert bis zu 
11 Monaten, letzteres von 1 — 12 Jahren (im Mittelmass). Für politische Ver- 
gehen tritt an Stelle des Gefängnisses die Einschliessung, für jugendliche Ver- 
brecher Zwangserziehung und Besseiningshaus. Das „ausserordentliche" Ge- 
fängnis unterscheidet sich nur durch seine Zeitdauer von 20 Jahren und dient 
als an die Stelle der Todesstrafe tretende Strafart überall da, wo bei einer 
mit dem Tode bedrohten Strafthat strafmindemde Modifikationen Platz greifen. 
Eine Erschwerung der Todesstrafe oder deren Anwendung auf Männer über 
70 Jahre und auf Frauen, sowie deren Vollstreckung nach Ablauf von fünf 
Jahren seit dem Vergehen ist unzulässig; bei alledem ist sie überhaupt nur 
für wenige Vergehen schwerster Art angedroht. Bannung an einen bestimmten 
Ort und Verbannung aus solchen sind ausser bei politischen noch besondere 
bei Gewaltthätigkeitsvergehen als Zusatzstrafen zur Beruhigung des Bedrohten 
oder Verletzten angewandt, der durch harte Ahndung jeder Art Drohungen 
und durch eine Reihe vorbeugender Massregeln überhaupt weit wirksamer 
vom Strafrechte geschützt wird, als in den Polizeistaaten Europas, wo die 
Staatshülfe erst nach geschehenem Frevel eingreift. Verbannung aus der 
Republik ist nur für die Hauptschuldigen eines Verrats oder politischen Ver- 
g(^hens, die dauernd gefährlich erscheinen, statt der Gefängnis- oder Ein- 
schliessungsstrafe zulässig. Die Aberkennung von Rechten erstreckt sich auch 
auf die väterliche Gewalt, Erbrechte u. dergl. und ist vielfach gesetzlich, zum 
Teil auch nach richterlichem Ermessen, teilbar, abgestuft und nuanciert, ebenso 
der Aratsverlust. 

§ 9. Strafvollzug. 

Über die Vollstreckung der Strafen sind präzise, fast eine vollständige 
Gefängnisordnung dai'stellende Bestimmungen aufgenommen, Avelche durchweg 



§ 10. Eiitschftdigung des Verletzten. § 11. Entftchädigung unschuldig Verhafteter. 121 



von grosser Humanität zeugen. Strengste Trennung der verschiedenen Straf- 
arten, sowie der Geschlechter und der Altersklassen ist angeordnet. Der 
Strafzweck der Besserung tritt hier in keiner weichlich - nachsichtigen Form, 
sondern in einer werkthätigen Anleitung zur Hebung besonders der Erwerbs- 
fähigkeit des Sträflings hervor, welchem Ziele weitgehende Konzessionen ge- 
macht sind: z. B. die Erlaubnis zum Aufsuchen der Arbeit ausserhalb der 
Anstalt. Die Verkehrsentziehung kann als Zusatzstrafe oder als Disziplinar- 
mittel zur Anwendung gelangen, aber in beschränktem Masse; bei schlechter 
Führung ist dagegen die einer Mehrzahl von Urteilen ex lege beizufügende 
Berechtigung, die Strafe um ein Bruchteil zu verlängern, in Vollzug zu setzen. 
Ebenso hält sich das Gesetz bei der Verwendung des Arbeitserlöses von der 
einseitigen Fürsorge für den Sträfling und Vernachlässigung seines Opfers 
fem, ebenso wie von den alles absorbierenden fiskalischen bevorrechteten 
Ansprüchen : eine Hälfte des Erlöses beansprucht der Staat für den Gefängnis- 
fonds, ein Viertel dient zur Deckung der Ansprüche des Geschädigten und 
ein Viertel gehört dem Sträfling als unpfändbarer Reservefonds zum Wieder- 
eintritt in die Freiheit, kann aber in Notfällen auch schon während der Haft 
teilweise zur Unterstützung seiner Familie verwandt werden. Diesen Wieder- 
eintritt in die Gesellschaft zu beschleunigen und zu erleichtem wird bei guter 
Führung eine „vorbereitende Freiheit" gewährt, die, widerruflich und mit 
einer nicht lästigen Polizeiaufsicht verbunden, dem Sträfling schon bei Beginn 
der Strafzeit voraus verlautbart wird, um ihn zu rascherem Streben nach 
einem Erwerbe anzuspornen. Zwei besondere städtische Kommissionen, deren 
Mitgliedschaft ein Ehrenamt ist, überwachen und besorgen die eine den ge- 
samten Gefängnisdienst, die andere alles auf die sittliche und materielle 
Hebung der Sträflinge Bezügliche, einschliesslich der Führungslisten, Dis- 
ziplinarmassregeln u. dergl. — eine Organisation, welche vorteilhaft von der 
platonischen und ohnmächtigen Einwirkung europäischer Vereine zum Besten 
der Strafgefangenen abweicht; die Thätigkeit der berufsmässigen Gefängnis- 
beamten ist auf ein Mindestmass beschränkt und jeder Willkür vorgebeugt.^) 

§ 10. Entschädi^ng desJVerletzten. 

Ausser dem Viertel des Arbeitserlöses haftet natürlich dem Geschädigten 
noch das übrige Vennögen des Thäters, wobei sein Schadensanspruch den 
Vorzug vor den Gerichtskosten und der Geldstrafe hat. Ausser dem Schuldigen 
haftet noch eine Reihe von Personen, unter denen hervorzuheben sind: Staat 
und Gemeindeverwaltung für Amtsvergehen ihrer Beamten, wenn auch nui* 
subsidiär verpflichtet. 

§ 11. Entschädigung unschuldig Verhafteter. 

Auf der vorgenannten Haftpflicht des Staates beruht die vielleicht inter- 
essanteste Bestimmung des Gesetzes, welche um viele Jahre den fortgeschritten- 
sten europäischen Gesetzgebungen voranging, die des Art. 344: 

„Wenn der von Amtswegen Angeklagte nicht wegen Mangel an Be- 
weisen, sondern wegen erwiesener völliger Unschuld an dem ihm zur Last 
gelegten Vergehen freigesprochen wird, und nicht durch seine frühere Auf- 
fühining Grund gegeben hat, ihn für schuldig zu halten, so wird dies in dem 
Endurteil von Amtswegen zum Ausdruck gebracht; und auf Antrag des An- 



') Vgl. § 15 (Litteratur) a. E. 



122 Mexiko. — § 12. Amtsvergehen. 



geklagten wird darin der Betrag des Schadens und entgangenen Gewinns, 
der ihm durch den Prozess erwachsen ist, nach vorheriger Anhörung des Ver- 
treters der Staatsanwaltschaft festgesetzt. In diesem Falle wird die civil- 
rechtliche Haftpflicht aus dem gemeinen Entschädigungsfonds erfüllt, sofern 
nicht gemäss Art. 358 die Richter haftpflichtig sind oder sofern diese keine 
Mittel zur Befriedigung des Anspruchs haben." 

Der genannte Entschädigungsfonds wird aus einem Drittel der Geld- 
strafen und ähnlichen Einkünften gebildet und ist ein Teil der Staatskasse. 
Es wird kaum zu leugnen sein, dass die gegebene Begrenzung dieses Rechts 
des Angeklagten den Ansprüchen der Billigkeit dennoch gerecht wird, zumal 
die bezüglichen thatsächlichen Voraussetzungen dem Wahrspruche einer Ge- 
schworenenbank unterliegen. Die Verleihung eines gesetzlichen, positiven 
Anspruchs gewährt dem Unschuldigen in einem Rechtssystem, das dem Richter 
keine Wahl lässt, eine ausserordentliche Sicherheit. Es ist nicht jenes halb 
gnadenweise arbiti'äre Almosen wie es in europäischen Gesetzesvorschlfl^en 
neuerdings als höchstes erreichbares Ziel einer Forderung erscheint, die zag als 
philanthropisches Desiderat und als bestrittene Neuerung im Gesamtsystem des 
Rechts auftritt, sondern einfach ein folgerichtiger Ausfluss^) des alle Zweige 
des bürgerlichen und öffentlichen Rechts des mexikanischen Freistaats durch- 
dringenden Systems der Regresspflicht des Beamten und seines Auftraggebers, 
des Staats. 

§ 12. Amtsvergehen. 

Dieses System, welches im Strafrechte das Zweite Buch des Gesetzes 
wiederspiegelt, ist verschärft und ergänzt durch die hochgespannte strafrecht- 
liche Verantwortlichkeit, die das Dritte Buch für die Beamten begründet. 
Gegen die unmöglichen Regresse und das unerreichbare Disziplinareinschreiten 
in europäischen Ländern stechen Strafen für offensichtlich ungerechte Urteile, 
Prozessverschleppung u. dergl., ja die Hehlereistrafe für laxe Verfolgung eines 
Vergehens erheblich ab. Eine besondere Kategorie von Amtsvergehen ist 
durch Verfassung und Spezialgesetz*) für die Oberbeamten der Republik ge- 
schaffen, welche während ihrer Amtsdauer und ein Jahr danach vor be- 
sonderen Gerichtshöfen wegen Vergehen und Übertretungen gegen die Ver- 
fassung und wegen Unterlassung von Amtspflichten abgeurteilt werden können. 

Es ist durch die Gesamtheit dieser Bestimmungen ein Straf- und Dis- 
ziplinarrecht für die Beamten, speziell auch die Richter, geschaffen, dessen 
Vollständigkeit nicht leicht irgendwo anders erreicht worden sein dürfte. Man 
wolle dagegen nicht einwenden, dass das Disziplinarrecht nicht ins Sti'afrecht 
gehöre: der gewählte Richter steht den Verwaltungsvorgesetzten vollkommen 
unabhängig gegenüber und kann für Amtsnachlässigkeiten u. dergl. (die be- 
grifflich sich in nichts von Amtsvergehen unterscheiden zumal da, wo, wie in 
Mexiko, die Prozessordnungen jede Amtshandlung genau vorschreiben) nui* 
vor seinem ordentlichen Richter zur Verantwortung gezogen werden, nicht 
zum Nachteil der Rechtspflege. 



*) So sehr^ dass die Motive die Bestimmung gar nicht besonders erwähnen. 

') Siehe oben § 4 und Artt. 103—108 der Bundesverfassung. — Als Oberbeamte 
gelten: die Landtagsmitglieder, die Richter am Obersten Gerichtshof und die Minister; 
ferner in Angelegenheiten, die zur Bundeskompetenz gehören, die Gouverneure der 
Staaten. Endlich auch der Präsident der Republik, der jedoch während seiner Amts- 
dauer nur wegen Vaterlandsverrats, ausdrücklicher Verletzung der Verfassung oder 
der Wahlfreiheit oder wegen schwerer Verbrechen angeklagt werden darf. Anklage- 
jury ist der Landtag, Spruchjury das Oberste Gericht. 



§ 13. Bemerkungen zum Allgemeinen Teil. 123 



§ 13. Bemerkungen zum Allgemeinen Teil. 

Da der Rauin ein Mehr verbietet, so sei den vorstehenden charakte- 
ristischen Eigenheiten des Gesetzbuches nur eine gedrängte Aufzählung einiger 
bemerkenswerter Züge des Allgemeinen Teils angeftlgt: 

Die Einleitung bringt die während der Bürgerkriege stark in Ver- 
gessenheit geratene Bürgerpflicht zur Verhinderung beabsichtigter Vergehen 
und zur Gewährung behördlich erforderter Unterstützung bei deren Verfolgung 
in Erinnerung, unter Androhung gelinder Strafen. Sie stellt femer die An- 
wendbarkeit des Gesetzes trotz Unkenntnis desselben seitens des Thäters, sowie 
auf Fremde fest und bestimmt endlich die Geltung des Allgemeinen Teils auch für 
die Beurteilung der in besonderen Gesetzen verstreuten Strafbestimmungen. 

Die Trennung von Verbrechen und Vergehen existiert nicht, ebenso- 
wenig die Schärfung der Gefängnisstrafe in Zuchthaus; die alten Festungs- 
baustrafen sind abgeschafft. — Der Versuch ist in drei Begriffe gespalten: 
versuchtes, unternommenes und vereiteltes Vergehen; das zweitgenannte um- 
fasst den Versuch mit untauglichen Mitteln, das unmögliche und das ab- 
geirrte Vergehen. Versuch bei absolut unmöglicher Ausführung wird mit 10 bis 
1000 Pesos Geldstrafe, alle übrigen Fälle werden mit Bruchteilen der Vollendungs- 
strafe belegt. — Bei Häufung von Vergehen wird die höchste der zustehen- 
den Strafen angewandt, welche um ein Drittel erhöht werden kann. — Rück- 
fall, auch in ein anderweites Delikt als das erste, bewirkt Straf erhöhung um 
ein Sechstel bis zu einem Drittel; doppelt so viel, wenn die frühere Strafe 
erlassen worden war und beim wiederholten Rückfall. — Als Urheber werden 
auch Anstifter bestraft, die mehr als wörtlicher Anreizung sich bedienen, so- 
wie diejenigen, welche unvermeidliche oder gefährliche Vorarbeiten zur Er- 
möglichung der Ausführung leisten; ferner Beamte, die ihr Gewähr enlassen 
oder Straflosigkeit versprechen. — Als Mitschuldige gelten u. a. die Be- 
günstiger und Hehler im Falle vorheriger Vereinbarung, sowie die in der 
Verfolgung säumigen Beamten. Hehler trifft Haft und bei gewinnsüchtiger 
Absicht zusätzlich erhebliche Geldstrafe. — Der Anstifter bleibt straffrei, 
wenn er reuig das Vergehen rechtzeitig hindert; gelingt ihm dies trotz er- 
wiesener Anstrengung nicht, so trifft ihn nur ein Viertel der Strafe. Ge- 
horsam gegen Vorgesetzte schliesst Strafe nicht aus bei Kenntnis des befohlenen 
Vergehens als eines solchen. — Das Alter unsicheren Unter sc heidungs- 
vermögens reicht vom vollendeten 9. bis 18. Jahre; bis zum 14. wird ver- 
mutet, dass der Thäter ohne Unterscheidungsvermögen gehandelt hat. Die 
Taubstununen erfahren gleiche Beurteilung. — Trunkenheit wirkt nur dann 
strafausschliessend, wenn sie den Thäter gänzlich der Vernunft beraubt und 
dieser 1. weder Gewohnheitstrinker ist, noch auch 2. vorher bereits in 
trunkenem Zustande ein Vergehen verübt hat. Liegt eins dieser beiden Be- 
denken vor, so tritt die Fahrlässigkeitsstrafe ein. Gewohnheitstrunkenheit, die 
zu ernstem Ärgernis Anlass giebt, wird mit 2 — 6 Monaten Haft und Geld- 
strafe belegt und bei vorhergegangenem schwerem Vergehen unter dem Ein- 
fluss von Trunkenheit mit 5 — 11 Monaten Haft und Geldstrafe. — Mildernde 
und erschwerende Umstände sind erschöpfend bestimmt und je in vier 
Klassen von einer bis zu vier "Werteinheiten verteilt: das Resultat der Auf- 
rechnung der vorhandenen Einheiten beider Arten bestimmt die Erhöhung 
oder Minderung des Normalmasses der Strafe bis zu deren Maximum und 
Minimum, welches je um ein Drittel von dem mittleren Strafmass abweicht. 



124 Mexiko. — § 14. Sonstige Strafgesetze. § 15. Litteratur. 



§ 14. Sonstige Strafgesetze. 

Die schon oben betonte und aus der Inhaltsangabe (§ 6) ersichtliche 
Reichhaltigkeit des Strafgesetzbuches lässt es natürlich erscheinen, dass neben 
demselben keine erheblichen anderweiten Strafbestimmungen Platz greifen. 
Zu erwähnen sind die Stempel- und Zollstrafen, ^) Geldstrafen von ungeheurer 
Härte, weil sie die wesentlichsten Einnahmequellen des Staates zu sichern be- 
stimmt sind. Der Zinsfuss ist frei, ebenso die Presse, über deren Spezialver- 
gehen, wie Verweigerung der Berichtigung u. dergl. jetzt die ordentlichen 
Gerichte, nicht mehr eine eigene Geschworenenbank wie nach dem Gesetz von 
1868, urteilen. Jagd und Fischerei sind ebenfalls keinen Strafbestimmungen 
unterworfen. Das Militärstrafi'echt ist durch ein besonderes Gesetzbuch vom 
16. September 1892 geordnet. Das Postgesetz vom 23. Oktober 1893 schützt 
das Briefgeheimnis. 

§ 15. Litteratur. 

Die Gesetze werden veröffentlicht im Diario oficial. Vollständig und genau 
sind dieselben auch abgedruckt in der von dem Advokaten Miguel Macedo heraus- 

fegebenen Zeitschrift Anuario de legislaciön y jurisprudencia , welche in anderen 
bteilungen auch die wichtigsten Entscheidungen der Gerichte und wisseuBchaftliche 
Abhandlungen enthält. Ähnlich die Zeitungen El Foro und El Derecho. — Text- 
ausgabe des Bundes-Straf^esetzbuches von 1871 mit einer Vorrede von Antonio 
Maria de Prida, Magigtraao del Tribunal Supremo. Madrid, Establecimiento Tipo- 

frÄfico de Pedro Nunez, Espiritu Santo 18, 1890. — Deutsche Übersetzunpf des 
undes-Strafgesetzbuches von 1871 von Eisenmann in der Zeitschrift für die ge- 
samte Straf rechtswissenschaft Bd. 14, Beilage; eine Einleitung dazu ebenfaUs von 
Eisenmann in demselben Bande S. 19. — Arrillaja: Recopilaciön oficial completa y 
correcta de leyes, decretos, bandos, reglamentos, circulares y providencias del poder 
supremo del Imperio Mexicano, y de otras autoridades, que se consideran de interes 
commun 4 Bde., Mexiko 1863—65. — Zaldivar, S. G.: Diccionario de la legislaciön 
mexicana, que comprende las leyes, decretos, bandos, reglamentos, circulares y provi- 
dencias del supremo gobierno y otras autoridades de la nacion. Mexiko. 1. Publicados 
desde el 31 de Mavo de 1863, hasta el 30 de Setiembre de 1868. — 1868; 2. Publicados 
desde el 1° de Octubre de 1868, hasta el 31 de Diciembre de 1869. — 1870. Derecho 
penal mexicano, das als klassisch geltende Lehrbuch, in Form des kommentierten Ge- 
setzestextes, von Jose Maria Lozano, Mexiko 1874. — Cödigo penal mexicano, sus 
motivos, concordancias y leyes complementarias , von Antonio A. de Medina y 
Ormaechea, 2 Bde., Mexiko 1880, noch heut das sorgfältigste Werk über die Gesetz- 
gebung der Einzelstaaten, die auf Grund amtlicher Quellen (bis 1880) voUstÄndig ab- 
gedruckt ist. 

Fortlaufende kurze Berichte über die mexikanische Gesetzgebung unter 
Berücksichtigung des Straf rechts enthält das von der Societe de legislation comparee 
zu Paris herausgegebene, bei ('otillon & Cie. erscheinende Annuaire de legislation 
etrangftre; vgl. Bd. 4 S. 705—718 (kurze Darstellung der geschichtlichen F^ntwickhing 
und der Verfassungsverhältnisse); Bd. 10 S. 717 (kurze Analyse der Strafprozessordnung 
von 1880); Bd. 12 S. 1042 — 1043 (Auslieferungsvertrag zwischen Mexiko und Belgien 
vom 14. März 1882); Bd. 14 S. 817—828 (Auslieferungsvertrag mit Spanien vom 4. März 
1883; Analvse des Berggesetzes vom 22. November 1884); Bd. 15 S. 667—6(^8 (Zollgesetz 
vom 24. Januar 1885); Bd. 17 S. 919-9^)8 (Stempelgesetz vom 31. März 1887, Zollgesetz 
vom 1. März 1887); Bd. 19 S. 941—952 (Auslieferungsvertrag mit Grossbritannien vom 
27. Januar 1889); Bd. 21 S. 964—986 (Patent-Gesetz vom 7. Juni 1890, Bestimmung über 
die vorläufige Entlassung der Strafgefangenen, Zollgesetz vom 12. Juni 1891 , Gesetz 
vom 24. Juni 1891 über Einrichtung und Befugnisse der Jury im Bundesbezirk); Bd. 24 
S. 924 — 949 (Strafj)rozessordnung vom 6. Juli 1894, Militär-Justiz-Gesetz vom 16. September 
1892 nebst Ergänzungs- Verordnungen vom 1;, Januar und 1. August 1893, Postgesetz 
vom 23. Oktober 1893). Eine französische Übersetzung der in § 9 erwähnten Be- 
stimmungen über die Gefängnissverwaltung mit einer Einleitung von Eisenmann 
erschien im Bulletin de la Societe des Prisons Paris, 1895. 



') Vgl. Ordenanza general de aduanas maritinias y fronterizas, Mexiko 1887. 



X. 



MITTEL-AMERIKA. 



1. Einleitung. 



2. Nicaragua. 3. Honduras. 

Von Dr. Buonaventura Selva, von Dr. All3erto TIcl6s, 

Präsidenten des Höchsten Gerichtshofes zu Managua. Präsidenten des Höchsten Uerichtshofes zu Tegucigalpa. 

(Obersetzung auB dem Spanischen 
von Dr. Qeorg Cmsen, Gerichtsassessor im Königlich Preussischen Justizministerium zu Berlin.) 



4. Costa Rica. 5. Guatemala. 

Von Ernst Eisenmann, von Staatsrat Antonio Gonzalez Saravia, 

Königlich Preusslschem Gerichtsassessor a. D., Guatemala. 

Advokaten in Paris. (Übersetzung aus dem Spanischen von Dr. Georg Cnuen, 

Gerichtsassessor im Königlich Preussischen Justizministerium 

zu Berlin.) 



6. Salvador. 

Von Ernst Eisenmann, 

KOuiglieh Preusslschem Gerichtsassessor a. D., Advokaten in Paris. 



Übersicht, 



1. Einleitnnif:. 

2. Nicarai^aa. 

§ 1. Das Strafrecht bis zur Unabh%ngigkeit8erklärung. — § 2. Die Bundesverfassung 
von 1824. -r- § 3. Das Strafgesetzbuch von 1837. — § 4. Grundzüge. — § 5. Das 
geltende Straf recht. — § 6. Schluss. — § 7. Anhang: Die Strafnebengesetze. 

3. Hondnras. 

§ 1. Die Ent Wickelung bis zum Jahre 1880. — § 2. Das Strafgesetzbuch vom 27. August 
1880. — § 3. Die übrigen Gesetze strafrechtlichen Inhalts. — § 4. Reformbestrebungen, 

4. Costa Rica. 

Litteratur. — § 1. Früheres Recht. — § 2. Das geltende Straf recht. 

5. Guatemala. 

§ 1. Die Entwickelung bis zum Erlasse des geltenden Strafgesetzbuches. — § 2. Das Straf- 
gesetzbuch vom 15. Februar 1889. — § 3. Besondere Strafgesetze. — § 4. Litteratur. 

6. Salvador. 

Litteratur. — § 1. Kodifikationen- — § 2. Das Strafgesetzbuch von 1881. — - § 3. Grund- 
lage. — § 4. Einteilung. — § 5. Allgemeine Grundzüge. — § 6. Strafen. — 
§ 7. Einzelne Vergehen. — § 8. Übertretungen. — § 9. Andere Strafgesetze. 



1. EiDleitang. 



Mittelamerika ^) , dessen Ostküste von Columbus bereits 1502 entdeckt 
wurde, bildete bis zum Anfange dieses Jahrhunderts als Generalhauptmann- 
schaft Guatemala eine spanische Kolonie, die seit 1796 in die vier Intendanzen 
Leon, Chiapa, Comagagna und Salvador zerfiel. In dem schlecht verwal- 
teten Lande regte sich zuerst 1808 das Verlangen nach Lostrennung von 
dem Mutterlande, wurde aber zunächst durch den energischen Gouverneur 
Don Jori Bustamente y Guerra unterdrückt. Erst im September 1821 gelang 
es, der spanischen Herrschaft durch eine kurze unblutige Revolution ein Ende 
zu bereiten; am 15. September erfolgte die feierliche Unabhängigkeits- 
erklärung Mittelamerikas. Im Jahre 1822 versammelten sich Vertreter der 
Provinzen Guatemala, Honduras, Nicaragua, Salvador und Costa Rica, die 
das Gebiet der ehemaligen Generalhauptmannschaft Guatemala unter dem 
Namen „Vereinigte Staaten von Centralamerika" (Estados Federados de Centro- 
America) für unabhängig erklärten und sich eine Verfassung gaben. Aber 
bereits 1826 brachen Unruhen aus, die die völlige Auflösung des Bundes 
zum Ziel hatten und auch allmählich herbeiführten. 1842 bildete die mittel- 
amerikanische Republik nur noch einen geopraphischen Begriff. Wenn auch 
eine förmliche Auflösung des Bundes nicht erfolgt war, sondern im Gegenteil 
zahlreiche z. T. von vorübergehenden Erfolgen gekrönte Versuche zu seiner 
Reorganisierung gemacht wurden, so hatte doch jeder der fünf Staaten eine 
völlig unabhängige Regierung. 

Neuerdings sind die Staats- und völkerrechtlichen Verhältnisse Mittel- 
amerikas dadurch in ein anderes Stadium gelangt, dass die Vertreter 
der Republiken Nicaragua, Honduras und Salvador am 20. Juni 1895 in 
Amapala die Bildung einer Union beschlossen haben. Nachdem dieser Be- 
schluss die Zustimmung der gesetzgebenden Körperschaften der drei Staaten 
gefunden hatte, ist am 15. September 1895 die Dieta der Repüblica Mayor 
de Centro America zusammengetreten und hat die Führung der auswärtigen 
Angelegenheiten des neuen Staatengebildes übernommen. Die vertrag- 
schliessenden Staaten haben die Beglaubigungen ihrer bisherigen diplomatischen 
Vertreter für erloschen erklärt und ihre Ministerien für auswärtige Angelegen- 
heiten aufgelöst. Der Bundestag besteht aus drei Mitgliedern, von denen 
die gesetzgebenden Körperschaften jedes Staates eines ernennen, und tagt 
abwechselnd in Salvador, Managua und Tegucigalpa. Seine Hauptaufgabe 



*) Eine kurze Darstellung der Geschichte von Centralamerika seit 1821 (von 
Jose Maluquer v Salvador in Madrid) fmdet sich im Annuaire de legislation 
otrangere Bd. 18 (1889) S. 965. 



128 Mittel-Amerika. — 1. Einleitung. 



besteht in der Unterhaltung guter Beziehungen zwischen den drei Ländern 
unter sich und zu den fremden Staaten. Ausserdem hatte er binnen drei 
Jahren einen Entwurf für eine endgiltige Verschmelzung der verbündeten 
Staaten auszuarbeiten, der einer aus je 20 Abgeordneten bestehenden kon- 
stituierenden Versammlung zur Beschlussfassung unterbreitet [werden sollte. 
Falls Guatemala und Costa Rica, was angestrebt wurde, dem Bunde beitreten 
sollten, würde dieser den Namen „Centralamerikanische Republik" annehmen. 

Die innere Selbständigkeit der Staaten war durch den Abschluss des 
Bundesvertrages nicht berührt. Insbesondere war auch auf strafrechtlichem 
Gebiete jeder Staat von dem anderen unabhängig. 

Am 3. September 1896 nahm die Regierung von Guatemala die Einheits- 
bestrebungen auf, indem sie zu einem diplomatischen Kongress für 1897 einlud, 
auf welchem die Bevollmächtigten vom 6. Juni bis 1. Juli eine Reihe von Staats- 
verträgen zum Abschluss brachten, deren Ratifikation bis zum 1. September 1897 
erfolgen sollte. Von diesem Datum an verwandelten sich die fünf Republiken 
wiederum in Staaten eines Bundes, der Republik von Central-Amerika, und zwar 
bei aller Wahrung ihrer inneren Selbständigkeit mit durchgreifender mindestens 
prinzipiell einheitlicher Organisation der wichtigsten Rechtseinrichtungen. 

Speziell für das Strafrecht sind von wesentlicher Bedeutung der Vertrag 
vom 27. Juni 1897 über Straf recht und Auslieferung, und der vom 23. Juni 
1897 über Prozessrecht. Beide enthalten Bestimmungen, welche das an sich 
fortbestehende Recht der Einzelstaaten durchbrechen und modifizieren, so dass 
die in den nachfolgenden Abhandlungen wiedergegebenen Einzelgesetze mit 
den aus dem folgenden sich ergebenden Einschränkungen zu lesen sind, die 
zum Teil sie vollständig denaturieren. 

Die Strafen oberen und unteren Grades werden in feste Einheitsstrafen 
(nach dem Vorbilde von Guatemala) verwandelt, deren Abstufung mit grösserer 
Freiheit bis herab zu einem Fünftel, bei vereiteltem, versuchtem, vollendetem 
Vergehen und für Thäter, Gehülfen, Hehler, Anstifter, bei erschwerenden und 
mildernden Umständen nach allgemein angegebenen Bruchteilen zu bemessen 
ist. Lebenslängliche und ehrlosmachende Strafen, Konfiskation und Inkapazität 
werden abgeschafft. Dauernder und zeitweiser Verlust gewisser Rechte darf 
die Dauer der Hauptstrafe nicht übersteigen. Für die Zukunft soll das Ge- 
fängnis die wesentlichste Strafart bilden und vorläufige Entlassung bei guter 
Führung eintreten, auch die Gefangenenarbeit entsprechend geregelt werden. 
Die Auslieferung wird, ausser bei Zweikampf, Ehebruch, Beleidigung und Ver- 
leumdung, Vergehen gegen die Religion und Pressvergehen, nur bei Anklagen, 
die mehr als zwei Jahr, oder auf Urteile, die mehr als ein Jahr Gefängnis 
zur Folge haben können, gewährt; es muss aber das mildere Gesetz von den 
beiden in Frage stehenden Staaten in Anwendung kommen und darf nicht auf 
Todesstrafe erkannt werden. Das Auslieferungsverfahren ist bis ins einzelne 
und sehr sachlich geordnet, ein Wiederaufnahmeverfahren als ausserordent- 
liches Rechtsmitt(»l neben allen übrigen Einrichtungen der modernsten Rechts- 
anschauungen eingeführt. Es ist zweifellos, dass diese Grundlagen, die zum 
Teil veralteten, vielfach engherzig(»n Bestimmungen der Einzelgesetzgebungen, 
die sämtlich die Fehler des chilenischen Gc^setzes, dem sie nachgearbeitet sind, 
veiTaten, belebend und vergeistigend b(ieinflussen müssen, und die zu erwartenden 
neuen Gesetze einen Höhei)unkt modemer Gesetzesarbeit darbieten werden, falls 
sie, wie zu hoffen steht, von den hervorragenden Rechtsgelehrten, die den 
Kongress bildeten, bearbeitet werden. 



2. Nicaragua, 



Litteratur 

über das Strafrecht von Nicaragua ist nicht bekannt geworden. Eine kurze Notiz 
(über die Kosten der Strafvollstreckung) findet sich in dem Annuaire de l^gislation 
etrangere Bd. 18 S. 974. 

§ 1. Das Strafrecht bis zur Unabhängigkeitserklärung. 

Während und noch kurze Zeit nach Beendigung der spanischen Herr- 
schaft galten auch in Nicaragua die Strafgesetze des Mutterlandes, wenn auch 
der gutartige Charakter der Bevölkerung, die milderen Sitten des Landes und 
der Einfluss der christlichen Kultur dazu beitrugen, die strengen Strafen des 
damaligen spanischen Rechts erheblich abzuschwächen. So wurde die An- 
wendung der in Spanien in zahlreichen Fällen angedrohten Todesstrafe auf 
wenige der schwersten Delikte beschränkt, auf Verstümmelung, Kastration und 
andere grausame und entehrende Strafen überhaupt nicht erkannt und bei 
anderen, wie Zwangsarbeit (trabajos püblicos), Aufenthaltsverbot (destierro), 
Festungshaft (presidio) und Gefängnis (prisiön) die ursprünglich lebensläng- 
liche Dauer auf 10 Jahre herabgemindert. Die meisten dieser Straf arten ge- 
rieten völlig in Vergessenheit, und die Anwendung der übrigbleibenden war 
dem billigen Ermessen des Richters überlassen, insofern als dieser, wenn er 
auch nicht in der Lage war neue, bisher nicht übliche Strafen zu verhängen, 
doch beim Vorliegen mildenider oder erschwerender Umstände die gesetzliche 
Strafe ermässigen oder erhöhen durfte. 

§ 2. Die Bundesverfassung von 1824. 

Mit dem Anschlüsse an den Mittelamerikanischen Bund trat auch für 
Nicaragua die Bundesverfassung vom 22. November 1824 in Kraft. Sie ent- 
hielt einige Grundsätze des Strafrechts und Strafprozesses. Die Todesstrafe 
sollte nur zulässig sein bei unmittelbaren Angriffen gegen das Staatswesen, 
ausserdem bei Mord (asesinato) und bei dem mit Vorbedacht (premeditado) 
oder aus dem Hinterhalt (següro) verübten Totschlage (homicidio). Alle 
Bürger und Einwohner der Republik waren ohne Unterschied nach demselben 
Verfahren und ausschliesslich von dem gesetzlich bestimmten Richter abzu- 
urteilen; sobald als möglich sollten Geschworenengerichte eingeführt werden; 
Verhaftungen waren nui* zulässig auf Grund eines schriftlichen Haftbefehls 
des zuständigen Beamten, der einen solchen nur ausstellen durfte, wenn der 
zu Verhaftende der Begehung eines mit schwererer als korrektioneller Strafe 
bedrohten Delikts verdächtig und seine Identität mit dem Thäter mindestens 

Strafgesetzgebung der Gegenwart. II. 9 



130 X. Mittel- Amerika. — 2. Nicaragua. 



durch die Aussage eines Zeugen bestätigt war; die Festnahme des Thäters 
war nur gestattet, wenn begründeter Fluchtverdacht vorlag und er auf frischer 
That betroffen war; in diesem Falle war binnen 48 Stunden ein Haftbefehl 
zu erlassen oder der Festgenommene in Freiheit zu setzen. Der Alkade durfte 
keine Person in das Gefängnis aufnehmen, ohne gleichzeitig in das Gefängnis- 
register den Haft- oder Aufnahmebefehl einzutragen. Jeder Verhaftete musste 
binnen 24 Stunden vernommen werden, und der Richter war verpflichtet, 
innerhalb weiterer 24 Stunden über die Fortdauer der Haft zu beschliessen. 
Diese Bestimmungen bildeten unter der Bezeichnung „verfassungsmässig ge- 
währleistete Rechte" (Garantias de la Constituciön Federal) einen Teil der 
Bundesverfassung und kehren in fast allen Verfassungen wieder, die sich 
Nicaragua nach Erlangung der völligen Selbständigkeit gegeben hat. 

§ 3. Das Strafgesetzbuch von 1837. 

Die Bundesregierung hat in den vierzehn Jahren ihrer Wirksamkeit zur 
Schaffung eines Strafgesetzbuches für den ganzen Bund keine Zeit gefunden. 
Dagegen gab sich Nicaragua im April 1837, also zwei Jahre vor der Los- 
lösung vom Bunde, sein erstes Strafgesetzbuch (nach dem Muster des von 
Edward Livingstone für den Staat Louisiana verfassten). Da aber die Straf- 
gesetzgebung Livingstones aus vier selbständigen Gesetzen: dem Strafgesetz- 
buche, der Strafprozessordnung, dem Gesetze über das Beweisverfahren und 
dem Gefängnisreform- und Disziplinargesetze, sowie ausserdem einem „ge- 
setzlichen Definitionsbuche" — bestand, während in Nicaragua nur das 
erstere eingeführt wurde, so entstanden durch das Fehlen der übrigen erheb- 
liche Schwierigkeiten und Hindemisse für die Strafrechtspflege, welche erst 
allmählich durch sachgemässe Reformen beseitigt werden konnten. 

§ 4. Grundzüge. 

Die Veröffentlichung und Inkraftsetzung des vorerwähnten Strafgesetz- 
buches erfolgte durch Gesetz vom 2. Juli 1839. Es zerfällt in drei Bücher. 
Das erste Buch enthält die Vorschriften über Wirksamkeit und Geltungs- 
gebiet der Strafgesetze, Kreis der strafbaren Personen, Strafverfahren, das 
Delikt und seine Unterarten, Strafen, Rückfall. Das zweite Buch behandelt 
die strafbaren Handlungen gegen den Staat und die verschiedenen Zweige 
der Staatsverwaltung, das dritte die Strafthaten gegen Privatpersonen. Eine 
unbefangene Prüfung des Gesetzbuches ergiebt, dass es weder mit den 
Grundsätzen der Wissenschaft noch mit den Sitten und Gewohnheiten unseres 
Landes in allen Punkten übereinstimmte. Zum Beweis genügt ein kurzer 
Blick auf das Strafensystem. Es enthielt: 1. die Todesstrafe; 2. lebenslängliche 
oder zeitliche Zwangsarbeit (trabäjos); 3. Deportation; 4. lebenslängliches oder 
zeitliches Verbot, sich an einem bestimmten Orte des Bundesgebietes aufzuhalten 
(destierro temporal ö perpetuo de un pueblo de territorio del Estado) ; 5. Festungs- 
haft (presidio); 6. Verschickung in einen bestimmten Bezirk oder Ort (confina- 
miento ä distrito ö pueblo determinado) ; 7. dauernde Unfähigkeit zur Be- 
kleidung öffentlicher Ämter und Ausübung öffentlicher Funktionen (inhabilitaciön 
perpetua para ejercer empleo ö cargo püblico); 8. dauernde oder zeitweilige 
Entziehung des öffentlichen Amtes, der öffentlichen Stellung oder der Befugnis 
zur Ausübung des Berufs (privaciön ö Suspension de empleo, profesiön 6 cargo 
püblico); 9. dauernde oder zeitweilige Unfähigkeit zur Ausübung politischer 
und i)rivatrechtlicher Befugnisse (perdida Ö susponsiön de los derechos politicos 



§ 4. Grundzüge. § 5. Das geltende Straf recht. 131 



ö civiles); 10. Widerruf (retractaciön) ; 11. einfaches Gefängnis (simple prisiön); 
12. Geldstrafe; 13. Verlust der Produkte des Verbrechens (p6rdida de los 
efectos prohibidos) in besonders bestimmten Fällen; 14. Verlust des Rechts 
auf selbständige Verwaltung des eigenen Vermögens für bestimmte Zeit. 

Wie man sieht, sind einige dieser Strafen lebenslänglich, und schon dieser 
Umstand allein lässt sie als ungeeignet erscheinen, da sie dem Verurteilten 
selbst im Falle der Bessemng keine Aussicht auf Befreiung von der Strafe 
eröffnen. Die Verhängung der Todesstrafe war vom Gesetzgeber auf das 
Verbrechen des Mordes (asesinato), d. h. der mit Vorbedacht ausgeführten 
Tötung (homicidio premeditado) , beschränkt; dabei war aber ein schwerer 
logischer Fehler untergelaufen, der in der Praxis zu grosser Verwirrung An- 
lass gegeben hat. Es wird nämlich gesagt, dass die Tötung (homicidio) ent- 
weder gerechtfertigt (justificable), oder fahrlässig (culpable) oder vorsätzlich 
begangen (voluntario) wird, und die letztere Art in die im Affekt begangene 
(violento) und die mit Vorbedacht begangene (premeditado) zerlegt. Damit 
ist aber implicite zum Ausdruck gebracht, dass Begehung mit Vorbedacht in 
allen Fällen der Tötung anzunehmen ist, wo keine Umstände vorliegen, die 
sie entweder als gerechtfertigt oder entschuldbar (excusable), oder nur vor- 
sätzlich (voluntario) oder auf Fahrlässigkeit beruhend (negligente) erscheinen 
lassen; in allen Fällen, wo keiner dieser Umstände vorliegt, musste demgemäss 
auch auf Todesstrafe erkannt werden. Diese Konsequenz war aber, da es nicht 
angängig ist, aus negativen Voraussetzungen eine positive Folgerung herzu- 
leiten, ungerechtfertigt und um so weniger zu billigen, als ihre praktische 
Folge (die Verhängung der Todesstrafe in den bezeichneten Fällen) von grosser 
Tragweite war. 

§ 5. Das geltende Strafrecht 

Die Mängel des Strafgesetzbuches von 1837 traten bald in der Praxis 
derart hervor, dass eine Reform unabweislich wurde. Sie erfolgte im Jahre 
1879; das damals erlassene Strafgesetzbuch wurde indes durch Gesetz vom 
6. Dezember 1891 abgeändert und gilt in dieser Form seit dem 1. Februar 1894. 
Die bemerkenswerteste Neuerung dieses Gesetzes besteht darin, dass es die 
Todesstrafe nur bis zur Fertigstellung der Strafanstalt bestehen liess. In- 
zwischen ist in dieser wichtigen Frage ein weiterer Fortschritt zu verzeichnen. 
Die zur Zeit (September 1896) geltende Verfassung vom 10. Dezember 1893 
bestimmt in Art. 27: „Die Todesstrafe wird in Nicaragua abgeschafft" und 
garantiert damit in unzweideutiger Weise die Unverletzlichkeit des mensch- 
lichen Lebens. Damit ist die Todesstrafe aus unserem Strafensystem ver- 
schwunden; ein erst im Sommer 1896 von der Regierung an die Gesetzgebende 
Versammlung (Asamblea Constituyente) gerichteter Antrag auf Aufhebung des 
Art. 27 der Verfassung ist abgelehnt worden. 

Das geltende Strafgesetzbuch zerfällt in drei Bücher; das erste enthält 
die allgemeinen Bestimmungen über Vergehen und Übertretungen, das zweite 
behandelt die Vergehen (delitos) und ihre Bestrafung, das dritte die Über- 
tretungen (faltas) und ihre Bestrafung. Es regelt in klarer und präziser 
Sprache das Gebiet des gesamten Strafrechts nach vernünftigen, leicht anzu- 
wendenden Grundsätzen. 

Das Strafensystem enthält, abgesehen von der jetzt abgeschafften Todes- 
strafe, an schweren Strafen: Zuchthaus (reclusiön), Festungshaft (presidio), Ge- 
fängnis (prisiön), Landesverweisung (expatriaciön) , absolute Unfähigkeit zur 
Bekleidung von öffentlichen Ämtera, Unfähigkeit zur Bekleidung einzelner 
Ämter (inhabilitaciön especial), Verbannung (relegaciön) ; ferner als weniger 

9* 



132 X. Mittel- Amerika. — 2. Nicaragua. 



schwere Strafen: Verschickung (confinamiento), Aufenthaltsverbot (destierro), 
schweren Arrest (arresto mayor); endlich als leichte Strafen: leichten Arrest 
(arresto menor), öffentlichen und nicht öffentlichen Verweis (reprensiön publica, 
reprensiön privada). Allen drei Kategorieen von Strafen gemeinsam ist die 
Geldstrafe. Die Strafen erfüllen sämtlich alle Anforderungen der Wissen- 
schaft: sie sind rein persönlich und treffen nur den Schuldigen, ohne ihre un- 
mittelbaren Wirkungen auf andere Personen zu erstrecken; sie sind teilbar 
und können in längerer oder kürzerer Dauer, in grösserer oder geringerer 
Intensität verhängt werden; sie sind gleichmässig und bestimmt insofern, als 
die Güter, die sie entziehen, für alle davon Betroffenen annähernd den gleichen 
Wert haben; endlich lassen sie eine Wiederaufhebung ihrer Folgen zu, deren 
Möglichkeit mit Rücksicht darauf, dass die Rechtsprechung irren kann, durch- 
aus erwünscht ist. 

§ 6. Schluss. 

Im Vorstehenden habe ich eine kurze Übersicht über das Strafrecht der 
Republik Nicaragua gegeben. Entstanden zu der Zeit, wo das Land anfing, 
seine Geschicke selbst zu bestimmen, war es zunächst mit allen Mängeln be- 
haftet, die jeder neuen Einrichtung anhaften. Inzwischen aber ist es durch 
die eifrigen Studien der einheimischen Juristen und die sorgfältige Benutzung 
der in der Praxis gesammelten Erfahrungen zu einem höheren Grade der 
Vollkommenheit emporgestiegen. Immerhin ist es noch keineswegs frei von 
Mängeln, und es wird noch angestrengter Arbeit bedürfen, bis man von ihm 
sagen kann: „es ist die stärkste Garantie der persönlichen Sicherheit und Un- 
verletzlichkeit, der sicherste Damm gegen Übergriffe der Gewalt, der natür- 
liche Schutz der Interessen der Nation, die gesetzmässige Verteidigung des 
Eigentums und der materiellen Güter, und nach alledem der vornehmste und 
am höchsten entwickelte Teil des Rechts". 

§ 7. Anhang \): Die Straf nebengesetze. 

Ein besonderes Patentgesetz ist nicht erlassen; jedoch ist nach der Ver- 
fassung der Kongress befugt, den Erfindern nützlicher Gegenstände Privilegien 
auf bestimmte Zeit zu verleihen. Gewisse Eingriffe in ein derart verliehenes 
ausschliessliches Recht sind im Strafgesetzbuche mit Strafe bedroht. 

Auch ein Spezialgesetz über die Presse ist nicht vorhanden; unter dem 
Begriffe „Attentate gegen die Pressfreiheit ^* (atentados contra la libertad de 
imprenta) sind aber gewisse Handlungen im Strafgesetzbuche unter Strafe ge- 
stellt; hierher gehört die Verhinderung der Verbreitung von Drucksachen oder 
Zeitungen durch einen öffentlichen Beamten, ferner die von einem Beamten 
ausgehende Festsetzung von Gefängnis- oder Haftstrafen wegen angeblicher 
Pressdelikte oder das Verlangen der Herausgabe des Originales einer Ver- 
öffentlichung, bevor der für die Aburteilung von Pressvergehen zuständige 
Geschworene sie angeordnet hat. Endlich gelten als Attentate gegen die 
Pressfreiheit der Gebrauch unzüchtiger Worte, die Verbreitung von Äusse- 
rungen, die offenkundig unmoralisch sind, oder zum Landesverrat, zum Auf- 
ruhr (rebeliön) oder zum Aufstand (sediciön) auffordern oder die eine Be- 
leidigung oder Verleumdung enthalten. 



^) Nach einer gütigen Mitteilung des Ministeriums der auswärtigen Angelegen- 
heiten der Republik Nicaragua vom 21. Januar 1893. 



3. Honduras. 



§ 1. Die Entwicklung bis zum Jahre 1880. 

Das geltende Strafgesetzbuch von Honduras ist auf der Grundlage des 
chilenischen Cödigo penal von 1874 von einer aus Adolf o Züniga, Jerö- 
nimo Zelaya und Alberto Ucl^s bestehenden Kommission ausgearbeitet 
und am 27. August 1880 von dem damaligen Präsidenten der Republik, Marco 
A. Soto, publiziert. Die Republik Honduras hatte sich, wie alle ihre hispano- 
amerikanischen Schwestern, zunächst mit dem altspanischen Rechte und den 
später an seine Stelle getretenen arbiträren Strafen i) beholfen. Als man zur 
Kodifikation schritt, galten in Honduras die Siete Partidas Alfonsos X. und die 
Novisima Recopilaciön Carlos* IV. Zwar war bereits in der Verfassung von 
1848 (Art. 70) dem Zuge der Zeit durch gänzliche Abschaffung der Todes- 
strafe Rechnung getragen worden, aber diese verfrühte und einseitige Neuerung 
wurde durch die reformierte Verfassung von 1865 (Art. 87) widerrufen, welche 
die Todesstrafe für Verwandten- und Meuchelmord ausdrücklich wiederherstellte. 
Indes wurde eine vollständige Umschaffung des Strafrechtes immer unabweis- 
barer. Bereits im Jahre 1866 hatte der Präsident Jos6 Maria Medina einen 
Entwurf veröffentlicht, der Carlos Madrid zum Verfasser hatte und sich an 
das spanische Strafgesetzbuch anlehnte, aber niemals Gesetzeskraft erhalten hat. 
Ein noch früherer Entwurf von Inocente Bonilla, Martin Ucl6s, Pio Ariza 
und Valentin Duron ist leider verloren gegangen und nicht einmal zum 
Abdruck gelangt. Auch auf dem Gebiete der Rechtswissenschaft ist Spanien 
unser Mutterland; aber unsere freiheitlichere Entwickelung hat seine starren 
Gesetze überwunden. Die geschichtliche Grundlage unserer Strafrechtspflege 
büdet das durch eine Stelle der Siete Partidas (ley 8, titulo 31, Partida 7) 
sanktionierte freie richterliche Ermessen, das indes durch das geltende Straf- 
gesetzbuch erhebliche Einschränkungen erfahren hat. 

§ 2. Das Strafgesetzbuch vom 27. August 1880. 

Das Strafgesetzbuch teilt die strafbaren Handlungen ein in Verbrechen 
(delitos graves). Vergehen (delitos simples) und Übertretungen (faltas). Bei 
letzteren wird nur das vollendete, bei den beiden ersteren auch das fehlge- 
schlagene und das versuchte Delikt bestraft. Die Verabredung und das Er- 
bieten zu einer strafbaren Handlung sind nur strafbar, wenn diese gegen den 
Staat gerichtet ist. Zu den Straf ausschliessungsgründen gehören: Blödsinn 
(imbecilidad) und Wahnsinn (locura), Notwehr (defeusa legitima), Notstand 



^) Vgl. die Darstellung des mexikanischen Strafrechts von Eisenmann S. 115. 



134 X. Mittel- Amerika. — 3. Honduras. 



(necesidad), Zufall (casualidad), auf frischer That entdeckter Ehebruch, Amts- 
pflicht und Verpflichtung zum Gehorsam. Die Periode der völligen Straf- 
unmündigkeit geht bis zum vollendeten zehnten Jahre; von da an bis zum 
vollendeten sechzehnten Lebensjahre bleibt der Thäter straflos, wenn er ohne 
das erforderliche Unterscheidungsvermögen (sin discernimiento) gehandelt hat; 
das Alter von. sechzehn bis einundzwanzig Jahren bildet einen mildernden 
Umstand. Neben dem Thäter (autor) wird der Gehülfe (cömplice) und der 
Begünstiger (encubridor) zur Verantwortung gezogen. Als Begünstiger gilt 
(nach Art. 18 Nr. 5) auch das Familienhaupt, das nachts der Gerichtsbehörde 
den Zutritt ins Haus behufs Ergreifung des Schuldigen verweigert. — Illegi- 
time Verwandtschaft kommt in Betracht, auch wenn sie nicht offenkundig 
oder anerkannt ist. 

Rückwirkende Kraft können Gesetze nur zu Gunsten des Angeschuldigten 
haben. Die Straf klage ist, abgesehen von strafbaren Handlungen gegen die 
Ehre und die geschlechtliche Sittlichkeit, Popularklage. Gegen Verbrechen 
sind als Strafen vorgesehen: schweres Zuchthaus (presidio mayor), schweres 
Gefängnis (reclusiön mayor), schwere Verbannung (confinamiento mayor), 
schwere Landesverweisung (estrafiamiento mayor), schwere Bannung (relegaciön 
mayor) und Unfähigkeit zur Bekleidung aller oder einzelner öffentlicher Ämter 
(inhabilitaciön absoluta und especial). Vergehen werden mit denselben Strafen 
in leichterer Form (en calidad de menores) sowie mit Ortsverweisung (destierro) ^) 
und zeitweiser Enthebung vom Amte bestraft. SpezialStrafe für Übertretungen 
ist die Haft (prisiön). Geldstrafe und Einziehung (conmiiso) der bei der That 
gebrauchten oder durch sie hervorgebrachten Gegenstände sind allen drei 
Deliktsarten gemeinsam. Nebenstrafen bei Verbrechen und Vergehen sind 
Kettenstrafe (cadöna) oder Fussring (grillete), Einzelhaft (celda solitaria) und 
Verbot des Verkehrs mit allen nicht der Strafanstalt angehörigen Personen 
(incomunicaciön). Unfähigkeit zur Bekleidung von Ämtern und zeitweilige 
Amtsenthebung können sowohl als Haupt-, wie als Nebenstrafen verhängt 
werden. Bürgschaft (cauciön) und Polizeiaufsicht (vijilancia) sind als Neben- 
strafen und als Präventivmittel zulässig. Die Verurteilung zu Kosten und 
Schadensersatz ist immer eine Nebenfolge der Verurteilung in der Hauptsache. 
Die Todesstrafe, deren anscheinend verfrühte Abschaffung (in Art. 70 der 
Verfassung von 1848) später durch die reformierte Verfassung von 1865 
(Art. 87) widerrufen war, ist nunmehr durch die Verfassung von 1894 beseitigt. 

Die Strafvollstreckung wird von der Verhaftung des Verurteilten an ge- 
rechnet. Die Maximaldauer der Freiheitsstrafen beträgt bei korrektioneilen 
Strafen (penas correccionales) sechzig Tage, bei leichten Strafen (penas menores) 
drei Jahre, bei schweren (mayores) zehn Jahre. Der Höchstbetrag der Geldstrafe 
ist bei Übertretungen 60, bei Vergehen (delitos simples) 500, bei Verbrechen 
(delitos graves) 2500 Pesos 2); im Falle der Zahlungsunfähigkeit tritt an Stelle 
eines jeden Peso ein Tag Gefängnis bis zum Höchstbetrage von einem Jahre. 
Die Höhe der Bürgschaftsleistung bestimmt sich nach der Höhe der Geldstrafe; 
die Bürgschaft ist für drei Jahre zu stellen. Nebenstrafen, wie die Anlegung 
von Ketten u. s. w. , sind für höchstens drei Jahre zulässig. Alle Freiheits- 
strafen haben zugleich dauernde oder zeitweilige Unfähigkeit zur Bekleidung 



*) Verbannung und Landesverweisung unterscheiden sich dadurch, dass bei der 
ersteren der ausländische Wohnsitz angewiesen, bei letzterer dagegen frei gewählt wird. 
Derselbe Umstand imterscheidet (nur dass es sich hier um den inländischen Wohnsitz 
handelt) die Bannung von der Ortsverweisung. 

'') Der Peso von Honduras entspricht dem silbernen Fünffrankenstücke der 
lateinischen Münzkonvention; Honduras hat nach dem Dekret vom 2. April 1879 
Silberwährung. 



§ 2. Das Strafgesetzbuch vom 27. August 1880. 135 



von Ämtern zur Folge. Die Unfähigkeit erstreckt sich auf öffentliche Ämter 
und Würden sowie auf die Ausübung der politischen Rechte und solcher Be- 
ruf sarten, die einer besonderen Genehmigung bedürfen. Die Zuchthausstrafe 
ist mit Arbeitszwang verbunden; Gefängnis und Haft bestehen in einfacher 
Freiheitsentziehung. Landesverweisung und Verbannung werden im Auslande, 
Ortsverweisung und Bannung im Inlande verbüsst. Als beschimpfende Strafen 
(penas aflictivas) gelten die schweren Strafen und die höchsten Grade der leichten 
Strafen. Die Prozesskosten umfassen sowohl die sachlichen wie die persönlichen 
Kosten des Verfahrens. Die Bewachung des Sträflings wird richterlich angeordnet. 

Die vom Gesetz für das vollendete Delikt normierten Strafmasse werden 
bei dem fehlgeschlagenen um einen, bei dem versuchten um zwei Grade 
ermässigt. Entsprechend wird der Thäter (autor) mit der vollen Strafe 
des Gesetzes, der Gehülfe (cömplice) mit der um einen Grad, der Hehler 
(encubridor) mit der um zwei Grade ermässigten belegt. Bei der Strafthat 
werden Vorsatz (intenciön) und Veränderung der Aussenwelt (acciön) unter- 
schieden. Jede Strafe hat drei Grade: den mittleren (medio), niedrigsten 
(minimo) und höchsten (maximo), entsprechend dem gesetzlichen Thatbe- 
stande des Delikts sowie dem Delikt beim Vorliegen strafmildernder Um- 
stände einerseits und straf erhöhender Umstände andrerseits. Die Geldstrafe 
gilt als die leichteste Strafe und ist entsprechend abgestuft. Für solche 
Jugendliche unter sechzehn Jahren, bei denen die Verantwortlichkeit als 
vorhanden angenommen wird, ist das Strafmass dem richterlichen Ermessen 
überlassen; für solche von achtzehn bis zu einundzwanzig Jahren findet eine 
Ermässigung bis zu drei Graden unter die niedrigste gesetzliche Strafe statt. 
Hat ein Angeklagter mehrere strafbare Handlungen begangen, so werden die 
einzelnen Strafen ohne Abzug zusammengerechnet: jedoch kann die Gesamt- 
dauer der Freiheitsstrafen zwanzig Jahre nicht überschreiten. Die Strafvoll- 
streckung findet auf Grund eines rechtskräftigen Urteils statt. Die Reform 
des Gefängniswesens ist bislang nicht erfolgt. Die geltende Zuchthausordnung 
(reglamento de presidios) stammt aus dem Jahre 1875. 

Der Bruch der Strafe^) (el quebrantamiento de la condena), d. h. das 
Unternehmen, sich der Strafvollstreckung zu entziehen, hat Strafschärfungen 
zur Folge. Zu Zuchthaus, Gefängnis und Haft treten Verkehrsverbot, Einzel- 
haft oder Kettenstrafe hinzu; neben dauernder oder zeitweiliger Unfähigkeit 
zur Bekleidung von Ämtern wird auf Gefängnis oder Geldstrafe erkannt; 
Polizeiaufsicht wird durch Gefängnis verschärft. Die Dauer der Verschärfungen 
darf die Hälfte der ursprünglichen Strafzeit nicht übersteigen. Die Begehung 
einer neuen Strafthat während der Strafvollstreckung steht dem Rückfall gleich. 

Der Strafanspruch des Staates erlischt durch den Tod des Schuldigen, 
Strafvollstreckung, Amnestie, Begnadigung, Verzeihung des Verletzten und 
Verjährung, sei es der Strafklage, sei es der Strafvollstreckung. Die Strafklage 
verjährt im allgemeinen: bei Übertretungen in sechs Monaten, bei Vergehen 
in zehn Jahren, bei Verbrechen in zwanzig Jahren; eine Ausnahme machen 
Verleumdung und Beleidigung, die in einem Jahre verjähren. Rechtskräftig 
erkannte Strafen verjähren in derselben Zeit, wie die entsprechende Strafklage. 
Der Lauf der Verjährung beginnt mit dem Tage der Begehung der strafbaren 
Handlung beziehungsweise mit dem Tage der Verurteilung oder dem Bruch 
der Strafe und wird durch die Begehung einer neuen Strafthat unterbrochen. 
Der Ablauf der Verjährungsfrist wird von Amtswegen berücksichtigt. Die 
civilrechtliche Verantwortlichkeit für die Folgen eines Delikts ist im Bürger- 
lichen Gesetzbuch geregelt. 



*) Siehe hierüber Rosenfeld in Bd. I S. 510. 



136 X. Mittel- Amerika. — 3. Honduras. 



Im einzelnen behandelt das Strafgesetzbuch die strafbaren Handlungen 
gegen die äussere Sicherheit und die Unabhängigkeit des Staates, gegen die 
innere Sicherheit, gegen die verfassungsmässig gewährleisteten Rechte, gegen 
den öffentlichen Glauben (contra la t6 publica: Fälschung, falsches Zeugnis 
und Meineid), die Delikte der öffentlichen Beamten in Ausübung ihres Amtes, 
die Strafthaten der Privatpersonen gegen die öffentliche Sicherheit und Ord- 
nung, den Personenstand und die öffentliche Sittlichkeit, gegen die Person 
und das Eigentum, ausserdem die Quasidelikte. Landstreicherei und Bettelei 
sind unter die Vergehen aufgenommen. Die Strafandrohungen für Wahl- und 
Pressdelikte stehen in den Verfassungsgesetzen von 1894. 

Von den Übertretungen behandelt das Strafgesetzbuch nur diejenigen, 
welche den Charakter besonders leichter Vergehensfälle tragen. Für die eigent- 
lichen Polizeiübertretungen ist ein besonderes Gesetz von 1888 vorhanden; 
ihre Bestrafung erfolgt im Verwaltungswege. 

§ 3. Die fibrigen Gesetze strafrechtlichen Inhalts. 

1. Die Strafprozessordnung ist i. J. 1880 erlassen. Sie enthält die 
allgemeinen Grundsätze des Strafverfahrens, die Vorschriften über das sum- 
marische Verfahren und die Erfordernisse der Anklageschrift, über Urteil, 
Berufung und Kassation, Fristen, Sicherheitsleistung, Beschlagnahme und Durch- 
suchung. Die Beweiserhebung erfolgt nach den für den Civilprozess gelten- 
den Vorschriften. Über die Beschlagnahme gilt jetzt ein besonderes Gesetz 
(Ley constitutiva de amparo) von 1894. Es giebt eine erkennende Jurj- für 
alle nicht eine Übertretung bildenden strafbaren Handlungen und eine An- 
klagejury für alle Pressdelikte. Das Gesetz über die Schwurgerichte ist am 
1. Januar 1895 in Kraft getreten. 

2. Das Militär-Strafgesetzbuch (Cödigo penal Militär) ist ebenfalls 
vom Präsidenten Soto, und zwar am 31. Mai 1881, publiziert worden. Es 
ist von einer besonderen, aus Enrique Guti^raez, Alfonso Züniga und 
Alberto Ucl^s bestehenden Kommission nach dem Muster des italienischen 
vom 28. November 1869 ausgearbeitet, und an die Stelle der spanischen 
Verordnungen Carlos' III. getreten. Das Militär-Strafgesetzbuch behandelt nur 
die Verbrechen und Vergehen; die Bestrafung der Übertretungen geschieht auf 
Grund einer an demselben Tage erlassenen Verordnung. Das Militärreglement 
ist vom 25. Juli 1885. Unter den Strafen fehlt die Geldstrafe; ausserdem 
hat die Verfassung von 1894 die Todesstrafe auch für das Geltungsgebiet 
des Militär-Strafgesetzbuches abgeschafft. 

Von den besonderen militärischen Strafen haben Militärgefängnis (reclusiön 
militar) und Militärarrest (cArcel railitar), Enthebung vom aktiven Dienst (se- 
paraciön del servicio), Entfernung aus der militärischen Charge (remociön del 
grado) und zeitweilige Suspendierung vom Dienste (suspensiön del empleo) 
die Unwürdigkeit, dem Heere noch ferner anzugehören, nicht zur Folge; da- 
gegen ist dieses bei schwerem Zuchthaus, Degradation (degradaciön) und Aus- 
stossung aus dem Heere (destituciön) der Fall. Die Militärgefängnisstrafe wird 
in einer Staatsfestung verbüsst, verpflichtet zur Arbeit und dauert von einem 
bis zu zehn Jahren; bis zur Dauer von drei Jahren zieht sie zeitweilige, bei 
längerer Dauer endgültige Enthebung vom Dienst nach sich. Die Militär- 
arreststrafe wird in einer militärischen Korrektionsanstalt verbüsst, ist mit 
ArbeitszAvang verbunden, dauert zwei Monate bis zu einem Jahre und hat 
zeitweilige Suspendierung vom Dienste oder Verlust der militärischen Charge 
zur Folge. Die Enthebung vom aktiven Dienste (separacion) be%virkt Verlust 
der Charge, die Entfernung aus der militärischen Charge (remociön) Degra- 



§ 3. Die übriß-en Gesetze strafrechtlichen Inhalts. 137 



dierung zum gemeinen Soldaten; die zeitweilige Suspendierung vom Dienste 
(Suspension) hebt den Anspruch auf Löhnung und militärische Ehren auf und 
dauert als Hauptstrafe zwei Monate bis zu einem Jahre; die „degradaciön" 
ist Nebenstrafe bei Ausstossung aus dem Heere und schwerem Zuchthaus. 

Bei den spezifisch militärischen Strafen giebt es teils vier, teils fünf 
Grade. Die im Gesetz vorgesehene Strafe ist für das vollendete Delikt be- 
stimmt; sie wird beim fehlgeschlagenen um einen Grad und beim versuchten 
Delikt um zwei oder drei Grade ermässigt. Entsprechend findet auf den 
Thäter die gesetzlich vorgesehene, auf den Gehtllfen aber entweder die gleiche 
oder eine, je nach den Umständen, um zwei oder drei Grade verminderte 
Strafe Anwendung. Die Berücksichtigung der Minderjährigkeit des Thäters 
hat eine Herabsetzung um drei Grade zur Folge. Wahnsinn und Blödsinn 
sind entweder straf ausschliessende oder strafmindemde Umstände; von der 
höheren Gewalt (fuerza mayor) gilt dieses nicht in allen Fällen. Nicht be- 
sonders vorgesehene mildernde Umstände bewirken Strafminderung um einen 
Grad. Der Strafanspruch erlischt durch den Tod des Schuldigen, Strafvoll- 
streckung, Begnadigung und Verjährung. Die Fristen betragen für die Ver- 
jährung der Straf klage und der rechtskräftig erkannten Strafen zehn, fünfzehn 
und zwanzig Jahre, je nachdem die Dauer der Strafe bis zu drei Jahren, von 
drei bis zu fünf Jahren oder mehr als fünf Jahre beträgt. 

Das Militär-Strafgesetzbuch behandelt nur die spezifisch militärischen 
Delikte: Landesverrat (traiciön), Spionage (espionaje), unerlaubte Anwerbung 
zum Kriegsdienst (enganche) ; Verletzung der Dienstpflichten ; Ungehorsam (des- 
obediencia), Rebellion (revuelta), Aufstand (motin) und Insubordination ; Fahnen- 
flucht (deserciön), Aufwiegelung (soborno) und Missbrauch der Autorität; ge- 
waltthätige Handlungen bei der Ausführung von Befehlen (actos de violencia 
en ejecuciön de orden 6 consigna); Körperverletzungen von Militärpersonen 
untereinander, Selbstverstümmelung (mutilaciön), Verleumdung und Schmähung 
(calumnia und diffamaciön) ; Fälschung (falsedad), Dienstuntreue (prevaricaciön) 
und Treulosigkeit (infidencia) ; Bestechung (corrupciön) und Überschreitung der 
Amtsbefugnisse (trasgresiones) im Militärdienst oder in der Militärverwaltung; 
Verkauf, Verpfändung oder anderweite Veräusserung von Dienstgegenständen; 
Diebstahl (hurto). Betrug (estafa) und andere unzulässige Aneignungshandlungen 
(apropriaciones) ; Brandstiftung (incendioj an und Beschädigung (deterioro) 
von militärischen Gebäuden, Werken und anderen Gegenständen; Missbrauch 
militärischer Abzeichen (abusos de divisas y honores militares). Diese Straf- 
thaten können sowohl im Frieden wie im Kriege begangen werden. Ob die 
an einem derartigen Delikte beteiligten Civilpersonen nach Militär- oder Civil- 
strafrecht abgeurteilt werden, richtet sich nach der Besonderheit des einzel- 
nen Falles. 

Während des Kriegszustandes werden auch gewisse gemeine Verbrechen 
nach dem Militärstrafgesetzbuch bestraft, nämlich: Brandstiftung (incendio), 
Verwüstung (dcvastaci(3n) und Totschlag (homicidio), Verletzungen der staat- 
lichen Autorität (lesiones y atentados contra la autoridad publica); Notzucht 
(estupro) und andere unzüchtige Handlungen ; Strassenraub (salteaniiento), 
Raub (rapina) und Brandschatzung (saqueoj; unbefugte Bedrückungen oder 
Abnötigungen von Zwaugslieferungen (imposiciones 6 prestaciones arbitrarias) 
und Plünderung fpillaje); Diebstahl (hurto) und Betrug (estafa ö fraude); fal- 
sches Zeugnis (falso testimonioj und Verleitung von Zeugen (soborno de testi- 
gos). Hieriier gehören auch die Fälle des Aufruhrs und der Rebellion (motin 
und revuelta) von Kriegsgefangcnien. 

Im Militär-Strafgesetzbucli wird auch das militärische Strafverfahren ge- 
regelt. 



138 X. Mittel- Amerika. — 3. Honduras. 



Die für die Friedenszeit gegebenen Vorschriften beziehen sieh auf fol- 
gende Punkte: 1. Zusammensetzung der Militärgerichte: Untersuchungsrichter, 
Bezirksgerichte, Garnisongerichte, Gerichte für die Generalität, Oberstes Kriegs- 
gericht (Tribunal Supremo de Guerra); 2. Zuständigkeit: Personen, welche 
der Militärgerichtsbarkeit unterworfen sind; allgemeine Grundsätze über die 
sachliche Zuständigkeit der Militärgerichte; Zusammentreffen von militärischen 
und gemeinen Delikten; Zuständigkeit des obersten Kriegsgerichts und Befug- 
nisse der Staatsanwaltschaft; 3. Regelung des Verfahrens: Ermittelungsverfahren 
und förmliche Voruntersuchung; erste Verhandlung vor dem Militärgericht; 
Verhandlung vor den Plaidoyers; Plaidoyers, Beratung und Urteilsfällung; Ver- 
fahren vor dem obersten Kriegsgericht; Sitzungspolizei; Verfahren gegen Ab- 
wesende und gegen aufgegriffene Deserteure; Rechtsmittel (recurso de casa- 
ciön y revisiön, recurso de casaciön en interes de la ley). 

Die Vorschriften für Kriegszeiten umfassen: 1. Zusammensetzung der 
ordentlichen und ausserordentlichen Kriegsgerichte; 2. Zuständigkeit und Ver- 
fahren während des Krieges. — Daneben sind allgemeine und Übergangsvor- 
schriften vorhanden. Das Gesetz über den Belagerungszustand (Ley consti- 
tutiva del estado de sitio) von 1895 beschränkt für nichtmilitärische Delikte 
die Zuständigkeit der Militärgerichte auf die Aburteilung von Landesverrat, 
Rebellion und Aufruhr sowie der strafbaren Handlungen gegen den Frieden, 
die Unabhängigkeit, die Souveränität des Staates und gegen das Völkerrecht. 

Gegenwärtig wird die Militärgerichtsbarkeit in Friedenszeiten ausgeübt 
durch die örtlichen Befehlshaber, welche als Untersuchungsrichter fungieren, 
durch die „Comandantes de Armas", die in erster Instanz urteilen, ausserdem 
durch die Berufungsgerichte und den obersten Gerichtshof (Corte Suprema de 
Justicia). In Kriegszeiten wird die Militärgerichtsbarkeit durch Militär-Terri- 
torialgerichte oder durch Militär-Feldgerichte versehen; bei beiden giebt es in 
der Regel nur eine Instanz; in Ausnahmefällen ist jedoch dem Oberst-Kom- 
mandierenden der Annee über das Urteil Vortrag zu halten. Die Militär- 
Strafprozessordnung (Ley de Enjuiciamiento Militär} vom 31. August 1885 
hatte das Militärstrafverfahren dem bürgerlichen Strafprozess genähert und 
bezüglich der Zuständigkeit das Personalprinzip aufgestellt; sie ist aber in 
dieser Beziehung durch die Verfassung von 1894 geändert. 

3. Endlich ist hier noch das Zollgesetz (Cödigo de Aduanas) von 1882 
zu erwähnen; es enthält zwar auch Straf bestimmungen, ist aber im eigentlichen 
Sinne kein Strafgesetz. Das Gesetz über Schmuggel und Steuerdefraudationen 
ist von 1888; eine Novelle dazu ist 1893 erlassen. 

4. Besondere Arbeiter-, Gewerbe- und Sprengstoffgesetze sind 
nicht vorhanden. 

Alle vorhandenen Gesetzesausgaben sind authentisch und in der „Im- 
prenta Nacional" zu Tegucicalpa gedruckt; die erlassenen Gesetze gelangen 
in der Zeitschrift „La Gaceta" zum Abdruck. Systematische Darstellungen, 
Kommentare oder Monographieen auf dem Gebiete des Strafrechts von Hon- 
duras sind bislang nicht veröffentlicht. 

Die Strafgesetzgebung von Honduras hält sich von extremen Ansichten 
fem. Das gleiche gilt von der Rechtsprechung, die ihren Ausdruck in der 
Entscheidung des höchsten Gerichtshofes und des obersten Kriegsgerichts findet. 
Die Erkenntnisse beider Gerichtshöfe werden in dem amtlichen Anzeiger publi- 
ziert. Im Jahre 1892 ist ein „Repertorio A]fab(5tico de Jurisprudencia" von 
Alberto Membrefto erschienen. 



§ 4. Reformbe«trebungen. 139 



§ 4. Reform bestrebungen. 

Die konstituierende Versammlung (Asamblea Constituyente) von 1894 hat 
auf Grund der neuen Verfassung die Umarbeitung der Gesetzgebung beschlossen 
und den Präsidenten Policarpo Bonilla mit der Publikation beauftragt. Der 
neue Entwurf des Strafgesetzbuchs ist nach dem Muster des spanischen von 
1870 bereits von Leandro Volladares und Alberto Ucl^s fertiggestellt. 
Die Verfasser haben über die Ausführung ihres Auftrages dem Präsidenten 
der Republik einen Bericht erstattet, der in der Gaceta Judicial (No. 100 vom 
14. August 1897) abgedruckt ist. Der Entwurf ist nach dem Vorbilde des 
spanischen Cödigo Penal von 1870 gearbeitet. Von den wichtigsten Neue- 
rungen gegenüber dem geltenden Recht seien hervorgehoben: die Hinaus- 
schiebung des Beginns der Strafmündigkeit vom vollendeten zehnten bis zum 
vollendeten zwölften Lebensjahre, Abschaffung der nicht in der That selbst 
liegenden mildernden Umstände (z. B. tadellose Führung, freiwilliges Geständnis), 
Vereinfachung des Strafensystems durch Beseitigung der doppelten (schweren 
und leichten) Form der Bannung, Landesverweisung, Ortsverweisung und Ein- 
grenzung, Erhöhung der Höchstdauer der Freiheitsstrafen auf 12, bei Zu- 
sammentreffen mehrerer Strafthaten sogar auf 30 Jahre, Einführung der Mög- 
lichkeit der Verlängerung oder Verkürzung der Freiheitsstrafen um ein Viertel 
je nach der Führung des Verurteilten. 

Der Entwurf des Militär-Strafgesetzbuchs wird von Rafael Alvarado 
und Dionisio Guti^rrez ausgearbeitet. Die neuen Gesetze werden wahr- 
scheinlich am 15. September 1898, dem Jahrestage der Unabhängigkeits- 
erklärung der mittelamerikanischen Republiken, in Kraft treten. 



4. Costa Rica. 



Litteratnr. 

Rafael Orozco, Elementort del derecho penal de Costa Rica precedidos de un 
prologo del Dator don Antonio Zainbrana, San Jose 1882. — Ramirez, Codigo g^neral 
de la Repüblica de Co^^ta Rica emitido en 30 de julio de 1841, 2. ed. revis. e. correg. con- 
forme & las leyes vigentes posteriores hasta el 31 de diciembre de 1857, Nueva York 
1856 (drei Teile, von denen der zweite das Strafrecht behandelt). 

Kurze Notizen über die Strafgesetzgebung von Costa Rica finden sich im An- 
nuaire de l^gislation etran^(;re (herausgegeben von der Societe de legislation comparee 
zu Paris); vgl. Bd. 15 S. 6y2— 681 (kurze Notiz über den Cödigo Penal von 1880 und 
die Reform des Gefängnis wesens) , Bd. 16 S. 867—876 (Gesetz von 1885 über die Aus- 
führung der internationalen Konvention zum Schutze der unterseeischen Kabel; Bd. 17 
S. 939—946 (Gesetz vom 29. August 1887 über das Glücksspiel); Bd. 18 S. 970 (Ge- 
fängniswesen); Bd. 24 S. 956—959 (Pressgesetz vom 15. Juni 1894, Gesetz vom 31. Ok- 
tober 1894 über die Pflichten der Medizinalbeamten). 

§ 1. Früheres Recht 

Der Freistaat Costa Rica hatte bereits unter dem 30. Juli 1841 ein Straf- 
gesetzbuch erhalten, welches der Herrschaft der gänzlich veralteten spanischen 
Gesetze Alonsos des Weisen, des Gesetzes der Sieben Teile, mit seinen zum 
Teil allgemein barbarischen, zum Teil wenigstens für ein nicht monarchisch 
und hierarchisch geleitetes Volk unmöglichen Bestinmmngen ein Ende machte. 
Einige nachträgliche Gesetze tiefeinschneidender Natur treten hinzu: so die 
Abschaffung der Todesstrafe und der lebenslänglichen Zuchthausstrafe. Das 
Strafgesetzbuch von 1841 emiangelte indessen der Vorzüge einheitlicher An- 
ordnung und scharfer Definitionen, wie solche die modernen Gesetzbücher in 
der Regel auszeichnen, und deshalb übertrug die Regierung des Präsidenten 
Tomas Guardia dem hervorragendsten Juristen des Landes, Dr. Rafael Orozco, 
Präsidenten des Obersten Gerichtshofes, die Ausarbeitung eines neuen Straf- 
kodex. Unter Mitwirkung der Räte des von ihm geleiteten Gerichts wurde 
das jetzige Strafgesetzbuch hergestellt, welches in 526 Artikeln am 22. April 1880 
vom Grossen Nationalrate (Reichstag) mit geringen Abweichungen beschlossen 
und am 27. April desselben Jahres vom Präsidenten Guardia vollzogen wurde. 
Gesetzeskraft erhielt es vom 1. Juli 1880 ab. 



§ 2. Das geltende Strafi'echt 

Neb enge s(»tze. Das Strafgesetzbuch hebt alle sonstigen Straf bestim- 
mungen auf L\rt. 526 j ausser den üblichen Ausnahmen für militärische, kirch- 
liche, Zoll- und Polizei-V(irgeliungen (Art. 126), sowie Disziplinarstrafen (Art. 21). 



§ 2. Das geltende Straf recht. 141 



Die früheren Spezialbestimmungen über Pressvergehen waren schon durch das 
Dekret vom 24. September 1877 wieder aufgehoben, so dass trotz der schein- 
bar widersprechenden Bezugnahme auf ein besonderes Gesetz in Art. 159 jetzt 
nur das gemeine Strafrecht zur Geltung kommt. 

Grundlagen des Strafgesetzbuches von 1880. Als Grundlage der 
Reform wurde das chilenische Strafgesetzbuch vom 12. November 1874 gewählt, 
das seinerseits sich als eine Überarbeitung des spanischen Strafgesetzbuches 
von 1870 charakterisiert. Wenn aber schon die unter der Leitung des Staats- 
anwalts Robustiano Vera fünf Jahre lang tagende chilenische Kommission das 
spanische Vorbild in nicht unwesentlichen Teilen verändert und namentlich 
aus dem belgischen Strafgesetzbuche eine Reihe fortschrittlicher Bestimmungen 
aufgenommen hatte, so hat der costaricensische Redaktor seinerseits zu weiteren 
Abweichungen umsomehr Veranlassung gehabt, als ihm bereits den modernen 
Ideen weite Rechnung tragende, inländische Gesetze vorlagen, die zu über- 
treffen seine Aufgabe war. 

Eine landsmännische Kritik^) bespricht diese Bearbeitung treffend in 
folgenden Worten: „Der chilenische Kodex, den Dr. Orozco unter der ein- 
sichtigen und gewissenhaften Mitarbeit des höchsten Gerichtshofes unserem 
Lande angepasst hat, besitzt Begriffsbestimmungen, Anordnung und ein 
Strafzumessungssystem, welche als geeignete Schablonen für die Reform er- 
scheinen durften, die in unserem Rechte vorgenommen werden sollte. Wohl 
wäre es kindisch gewesen, die Entlehnung da zu vermeiden, wo es sich um 
scharfe Definitionen und um die grossen Grün dzttge des Systems handelt; aber 
wahrlich nicht durch blosse Entlehnung fremden Rechts wurde uns zu einem 
vorzüglichen Gesetze verhelfen. Vielmehr ist der Verbrechensbegriff schärfer 
herausgebildet worden durch detailliertere und philosophischere Bestimmung 
der drei Gruppen von Umständen, welche die kriminelle Verantwortlichkeit 
ausschliessen, vermehren oder veimindem ; bewusste Abänderungen in manchen 
Begriffen oder Einzelumständen sind eingeführt, namentlich aber ist als gene- 
relle Massregel die Strafe gemildert und die Eigenart unserer Verhältnisse ist 
ohne Übertreibung, aber auch ohne Übei'sehen, zur Geltung gebracht worden." 

Inhalt. Um die von dem Strafgesetzbuche behandelten Materien kurz 
und doch erschöpfend zur Kenntnis zu bringen, lassen wir hier das Wesent- 
liche der Titel- und Kapitelüberschriften folgen. 2) 

I.Buch. Allgemeine Bestimmungen über Vergehen, Verantwort- 
lichkeit der Personen, und Strafen. Titel 1. Vergehen (Kapitel 1) und 
Umstände, welche die strafrechtliche Verantwortlichkeit ausschliessen (2), 
mindern (3) oder erschweren (4). — Umstände, welche je nach der Natur 
des Falles erschwerend oder mindernd wirken (5). — Titel 2. Verantwort- 
liche Personen. — Titel 3. Strafen. — Allgemeines (1), Abstufungen: Strafen 
für Verbrechen, Vergehen, Übertretungen; Strafen für alle drei Arten von 
Vergehungen gemeinsam; Nebenstrafen (2), Grenzen, Anrechnung^), Art und 
Wirkung der Strafen (3), Zumessung derselben (4), Vollstreckung und Ver- 
büssung (5). — Titel 4. Civilrechtliche Verantwortlichkeit. — Titel 5. Be- 
strafung derjenigen, welche den Vollzug ihrer Verurteilung vereiteln (1) und 



^) Antonio Zambraua, Rechtsgelehrter und Schriftsteller, in seiner Vorrede 
zu Orozcos Grundriss des costaricensischeu Straf rechts. (San Jose 1882.) 

'^) Dies empfiehlt sich um so mehr, als es in dem vorhergehenden Artikel über 
Chile nicht geschehen ist und die Übersicht auch für das Gesetzbuch dieses Landes 
fast überall zutrifft. 

') Hier ist die Anrechnung der Untersuchungshaft behandelt, wofür eine be- 
sondere Tabelle aufgestellt ist. ^ 



142 X. Mittel-Amerika. — 4. Costa Rica. 



derer, die während eines Urteilsvollzuges abermals sich vergehen (2). — 
Titel 6. Erlass (1), Verwandlung und Ermässigung der Strafen und Re- 
habilitation der Verbrecher (2). — Titel 7. Erlöschen der Verantwortlich- 
keit (1) und allgemeine Bestimmungen (2). 

n. Buch. Vergehen und Verbrechen und ihre Strafen. Titel 1. 
Verbrechen und Vergehen gegen die äussere Sicherheit und Souveränetät 
des Staates. — Titel 2. Desgl. gegen die innere Sicherheit. — Titel 3. 
Desgl. gegen die verfassungsmässig gewährleisteten Rechte, — gegen Aus- 
übung politischer Rechte und Pressfreiheit (1), gegen Freiheit der bestehen- 
den oder künftigen Kulte (2). Desgl. von Privatpersonen gegen die Frei- 
heit und Sicherheit (3), Beeinträchtigungen der verfassungsmässig gewähr- 
leisteten Rechte durch Beamte (4). — Titel 4. Vergehen gegen den 
öffentlichen Glauben, Fälschungen, falsches Zeugnis und Meineid. — Falsch- 
münzerei (1), Fälschung von Wertpapieren (2), von Siegeln, Stempeln u. dergl. (3), 
von öffentlichen Urkunden (4), von Privaturkunden (5), von Pässen, Waffen- 
scheinen und Attesten (6). Falsches Zeugnis und Meineid (7). Anmassung 
von Ämtern und Namen (8). — Titel 5. Amtsvergehungen. — Unerlaubter 
Beginn oder Fortsetzung einer Amtsthätigkeit (1). Ungesetzliche Ernennung (2). 
Amtsanmassung (3). Prävarikation (4). Unterschleif (5). Betrug und Er- 
pressung (6). Urkundenveruntreuung (7). Verletzung von Geheimnissen (8). 
Bestechung (9). Widerstand und Ungehorsam (10). Verweigertes Einschreiten 
und Verlassen des Amtes (11). Übergriffe gegen Private (12). Allgemeines 
(13). — Titel 6. Vergehungen von Privatpersonen gegen die öffentliche 
Ordnung und Sicherheit. — Angriffe und Ungehörigkeiten gegen die Obrig- 
keit (1). Öffentliche Unordnungen (2). Siegelbruch (3). Verhinderung öffent- 
licher Arbeiten (4). Vergehungen der Staatslieferanten (5), gegen die Lotterie-, 
Spielhaus- und Pfandleih-Reglements (6), in Bezug auf Industrie, Handel und 
Versteigerungen (7), verbotene Waffen (8), Seuchen (9), verbotene Gesell- 
schaften (10). Angriffsdrohungen gegen Personen und Eigentum (11). Ent- 
weichung Gefangener (12). Landstreicherei und Bettelei (13). Vergehungen 
gegen die Hygiene (14), Beerdigungsordnung (15), mit Bezug auf Eisenbahnen, 
Telegraphen- und Korrespondenzbeförderung (16). ^- Titel 7. Vergehungen 
gegen die Familienordnung und öffentliche Sittlichkeit. — Abtreibung der 
Leibesfrucht (1). Aussetzung von Ejindem und Hülflosen (2). Vergehungen gegen 
den Personenstand (3). Entführung (4). Notzucht (5). Schändung, Incest, 
Verführung Minderjähriger und sonstige unsittliche Handlungen (6). Gemein- 
same Bestimmungen zu 4—6 (7). Öffentüche Unsittlichkeit (8). Ehebruch (9). 
Ungesetzliche Eheschliessung (10). — Titel 8. Vergehungen gegen die Person. 
— Tötung (1). Kindesmord (2). Körperverletzungen (3). Zweikampf (4). 
Falsche Anschuldigung (5). Beleidigungen (6). — Titel 9. Vergehungen 
gegen das Eigentum. — Entwendung fremder Sachen (1). Raub mit Gewalt 
oder Einschüchterung von Personen (2), mit Gewalt gegen Sachen (3); Dieb- 
stahl (4). Gemeinsame Bestimmungen zu 2 — 4 (5). Besitzanmassung (6) ; Unter- 
schlagungen (7); Betrug (8); Brandstiftung und andere Unthaten (9); Be- 
schädigung (10). Allgemeines (11). — Titel 10. Quasidelikte. 

III. Buch. Titel 1. Übertretungen. — Titel 2. Gemeinsame Bestim- 
mungen über Übertretungen. — Schlusstitel. Geltung des Gesetzbuches. — 

Strafensy Stern. Die Eigenart des costaricensischen Gesetzbuches be- 
steht wesentlich in seinem Strafensystem, welches von dem seiner Vorbilder wie 
überhaupt von dem der übrigen hispano-amerikanischen Staaten erheblich ab- 
weicht, vor allem durch die Aufhebung nicht nur der Todesstrafe, sondern 
sogar aller lebenslänglichen Strafen. Die höchste Strafe ist die (stets zehn- 
jährige) Deportation zur Zwangsarbeit auf der fernab im Ozean gelegenen 



§ 2. Das geltende Strafrecht. 143 



Kokosinsel, deren Klima aber als durchaus gesund gerühmt wird und die 
keineswegs öde ist. Die Strafschärfung besteht lediglich in ihrer Entfernung 
vom Weltverkehr, da sie nur viermal des Jahres von einem Schiffe der 
Kegierung angelaufen wird. Die Zuchthausstrafe auf der Insel San Lucas 
gilt darum als milder, weil diese Insel vor dem Festlande und in Sicht des- 
selben gelegen ist; die „innere" Zuchthausstrafe wird in der Strafanstalt vor 
den Thoren der Hauptstadt verbüsst. Ausserdem giebt es Einschliessung und 
Haft, beide ohne Arbeitszwang; Geldstrafe; Landesverweisung, Bannung und 
Ausweisung; Verlust aller oder bestimmter Ämter, Würden und politischer 
Rechte und Unfähigkeit zu deren Erlangung (diese auffälligerweise auch 
lebenslänglich, jedoch durch ein Recht auf Rehabilitation bei Wohl verhalten 
abgeschwächt). 

Strafmasse. Die Dauer .bezw. Höhe der Strafe ist, ganz wie im spani- 
schen und chilenischen Kodex, eigentämlich abgestuft und in Tabellen nach 
Graden geordnet, derart, dass für Anstiftung, Beihülfe, Versuch u. dergl. stets 
entsprechend geringere Stufen zugemessen werden als für das Verbrechen 
selbst. Der Grundmassstab ist natürlich dadurch von jenen Vorbildern wesent- 
lich verschoben worden, dass die Dauer der variablen Freiheitsstrafen (San 
Lucas, Zuchthaus, Einschliessung) bei Verbrechen 4 — 10 Jahre, die der beiden 
letztgenannten bei Vergehen 2 Monate bis 4 Jahre, die der Haft 1 — 60 Tage be- 
trägt, die Höhe der Geldstrafe bei Verbrechen bis 5000, bei Vergehen bis 1000, 
bei Übertretungen bis 100 Pesos sich beläuft. Innerhalb der tabellarischen 
Grenzen ist den Richtern freies Ermessen bewilligt; ein umfangreiches, fast 
uneingeschränktes und darum im spanischen Amerika ungewöhnliches Recht 
zu Straf-Erlass und -Umwandlung tritt ergänzend zu den ausgleichenden 
Mitteln für aussergewöhnliche Fälle hinzu. 

Sonstige Grundlehren, Im übrigen folgen die allgemeinen Grund- 
züge des Strafrechts mit nicht zu bedeutenden Ausnahmen dem chilenischen 
und somit dem spanischen Kodex. Eine Ausnahme ist es z. B. betreffs des 
letzteren, dass von Bürgern der Republik im Auslande begangene Ver- 
gehungen im Inlande nicht strafbar sind, folgerichtig also bei Rückkehr solcher 
Verbrecher Auslieferung erfolgen müsste (Art. 56 = Artt. 3 und 4 des belgi- 
schen Gesetzes). — Nicht übernommen ist die sonderbare chilenische Strafe 
des Confinamiento, Landesverweisung unter Anweisung eines bestimmten 
Wohnsitzes im Auslande. — Die Altersstufen der Strafbarkeit sind 10 Jahre 
für die gänzliche, 16 für die speziell festzustellende Straf Unmündigkeit: für Ver- 
brecher unter 16 Jahren ist diskretionäre Strafe, für solche zwischen 16 und 
18 Jahren Strafmilderung angeordnet; auch noch das Alter unter 21 Jahren 
gilt als ein mildernder Umstand. — Eigentümliche Vorrechte sind auch hier 
den Geistlichen eingeräumt, obwohl Costa Rica auf dem Standpunkte der ab- 
solutesten Kultusfreiheit steht und diese Bestimmungen daher den Beamten 
aller Religionsgemeinschaften zu Gute kommen: so z. B. die Ausnahme vom 
Arbeitszwange, wogegen sie im Zuchthause geistliche Funktionen wahrnehmen 
sollen. Der Gesetzgeber ^) erklärt dies Privileg als nicht im Interesse des Ver- 
brechers, sondern um der Aufrechterhaltung der Achtung willen gegeben, welche 
die Gesellschaft den Kulten bewahrt wissen will. — Der Erlös der Zwangs- 
arbeit ist bestimmt für Anstaltskosten, Aufbesserung der Verpflegung, Ent- 
schädigung des Verletzten und Reservefonds des Sträflings — jedoch ist leider 
nichts über simultane und proportioneile oder successive Zuwendung zu diesen 
Zwecken bestimmt. Der schon citierte Konmientar des Gesetzes Verfassers schweigt 



') In soiueiii oben citicrten „Orundriss". 



144 X. Mittel -Amerika. — 4. Costa Rica. 



darüber und verweist nur den Reservefonds auf etwaigen Überschuss. Somit 
ist diese Einteilung als lediglich auf dem Papier stehend zu betrachten. — 
Die prinzipielle Arbeitsbefreiung der zu Einschliessung und Arrest Verurteilten 
erleidet dadurch eine Einschränkung, dass bei ungenügendem Ertrag der 
selbstgewählten Arbeit (oder beim Mangel einer solchen) sie behufs Deckung 
der Anstaltskosten und Entschädigung des Verletzten zu Anstaltsarbeiten an- 
gehalten werden. — Neben dem Versuch ist das vereitelte Verbrechen als 
besonderer Grad beibehalten. — Bei Realkonkurrenz werden alle Strafen un- 
vermindert nacheinander verbüsst. — Der Kreis der illegitimen Verwandten, 
deren Verteidigung strafausschliessend wirken kann, ist gegen das chilenische 
Gesetz erweitert und statt „anerkannter" illegitimer Verwandter und Ver- 
schwägerter sind „notorisch als solche bekannte" in Betracht gezogen — 
ebenso freilich erschwerend beim Morde. — Nicht gewohnheitsmässige oder 
ad hoc herbeigeführte Trunkenheit ist den Milderungsgründen zugefügt, ebenso 
Altersschwäche. — Die Prozesskosten, welche Chile in übelverstandenem Gleich- 
heitsdrange dem Staate auch bei Verurteilung auferlegt, fallen dem Verbrecher 
zur Last, wenn auch angeblich nur, „Avenn das Gericht dies als Erschwerung 
der Strafe anordnet". — Die Bestimmungen über die civilrechtliche Haftpflicht 
sind verallgemeinert; der Anspruch geht in et ad heredes über. 

Einzelne Vergehen. Bei den einzelnen strafbaren Handlungen ist nur 
hier und da eine Verbesserung oder Ergänzung gegenüber dem chilenischen und 
spanischen Muster zu verzeichnen. — Übernommen ist in Art. 130 von Chile 
(Art. 108) der Eroberungsversuch eines Privaten, den das spanische Recht nicht 
besonders aufgeführt hat: ausser dem Angriff des berüchtigten Grafen Raoul de 
Boulbon auf Kalifornien und des Engländers Dr. Jameson auf die Südafrikanische 
Republik (Ende 1894) ist wohl in der ganzen neueren Geschichte kein solcher 
Fall vorhanden und heut schier undenkbar. — Aus den volkswirtschaftlichen 
Verhältnissen erklärt sich eine von Chile nach belgischem Cluster eingeführte 
starke Bedrohung der Fälschung fremden Geldes}) und ausländischer Wert- 
papiere, Stempel, Marken u. s. w. — Derselben Quelle entstammt die Bestrafung 
des Vertriebes absolut verbotener Waffen 2), der Vergebungen bei Seuchen, 
Beerdigungen etc., der Aussetzung von Kindern und Hülflosen, Schamver- 
letzung und Verkauf unsittlicher Schriften u. dergl. — Abweichend von Chile 
und selbständig verordnet ist z. B. die Ausdehnung der Prävarikationsstrafen 
auf Winkelkonsulenten und derjenigen der Geheimnisverletzung auf Geist- 
liche; die Bestrafung der Bestialität; der Ausschluss der Ehebruchsklage des 
Mannes im Falle seiner Einwilligung in den Ehebruch; die leichte Bestrafung 
der Injurie, wenn der Verletzte dem ihm vorgeworfenen Laster öffentlich oder 
gewohnheitsmässig fröhnt; die Bestrafung des furtum usus; die Nichtquali- 
fizierung der Brandstiftung durch den Tod von Rettungsmannschaften. — 
Spezifisch ist besonders die strengere Bestrafung des Diebstahls von Kaffee, 
als dem Hauptprodukt des Landes; fast alle übrigen nicht genannten Ab- 
weichungen sind in veränderten Verhältnissen, insbesondere der Gerichts- 
verfassung, begründet oder aber sonst ohne Interesse für die vergleichende 
Rechtswissenschaft. 

Gesamturteil. Im ganzen erscheint das Strafrecht von Costa Rica als 
ausserordentlich mildes. Es mag dabei darauf hingewiesen werden, dass in 



*) D. h. nicht nur der in Costa Rica gesetzlichen Kurs habenden Münzen, wie 
einiger der Vereinigten Staaten von Nordamerika, mexikanischer und columbianiöcher 
Pesos, englischer Pfunde u. dergl., deren Fälschung wie die der Landesmünze be- 
handelt wird. 

*) Durch Dekret vom 5. Mai 1881 sind als solche bezeichnet: „Windbüchsen und 
solche, deren äussere Gestalt ihre Natur verbirgt*^. 



§ 2. Das geltende Strafrecht. 145 



einer abgeschlossenen, numerisch kleinen Gesellschaft, wie der von Costa Rica, 
diese Mittel der Repression wohl ausreichen mögen; und es ist anzuerkennen, 
dass der Gesetzgeber des Landes den Scharfblick besessen hat, diese Möglich- 
keit zu entdecken, und den Mut, seine Überzeugung in Praxis umzusetzen. 
Es ist nichts gegen den berechtigten Stolz zu erinnern, mit dem der oben 
citierte Kritiker ausruft: „Ein Gesetzbuch ohne Schaf fot, ein Gesetz ohne 
lebenslängliche Strafen, und in welchem sich an der Stelle, die der Henker 
inne hatte, nur das Zuchthaus erhebt, wie in dem unsrigen, ist das einzige, 
das auf seinem Titelblatt ohne Widersinn das Datum dieses Jahrhunderts 
tragen darf, weil es in dessen Lichte geboren und von seinen grossen Ideen 
durchweht ist." 



Strafgesetzgebung der Gegenwart. II. 20 



5. Guatemala. 



§ 1. Die Entwicklung bis zum Erlasse des geltenden 

Strafgesetzbuches. 

Die Strafgesetzgebung von Guatemala zerfällt, vom geschichtliehen Stand- 
punkte aus betrachtet, in drei Perioden, die durch die Herrschaftsdauer der 
eingeborenen Monarchie, die spanische Kolonisation und die autonome republi- 
kanische Regierung gebildet werden. 

Unter den autochthonen indianischen Herrschern waren die Strafen im 
allgemeinen streng. Körperliche Züchtigung, Todesstrafe, Sklaverei und Geld- 
strafe waren zulässig; dazu war man eifrig bestrebt, keine Strafthat ungesühnt 
zu lassen. Die Grausamkeit der Strafvollstreckung, bei welcher Galgen, Würg- 
schraube Tgarrote), Scheiterhaufen und ^despeüadero** ihre Rolle spielten, er- 
scheint vielleicht weniger verwunderlich, wenn man bedenkt, dass um dieselbe 
Zeit auch Staaten, die zu den civilisierten gehören wollten, nicht mehr Achtung 
vor der menschlichen Persönlichkeit hatten. 

Die Entdeckung von Amerika wandelte auch Guatemala in eine spanische 
Kolonie um und brachte die Strafgesetze des Mutterlandes^) — die Siete 
Partidas und die Recopilaciones — auch hier zur Geltung. Sie Hessen dem 
richterlichen Ermessen einen übertriebenen Spielraum und gingen hierin so 
weit, in einzelnen Fällen sogar die Verhängung der Todesstrafe von dem Be- 
lieben des Richters abhängig zu machen. Die erschwerenden und mildernden 
Umstände waren nicht gesetzlich bestimmt, und bei der Unmöglichkeit, die 
Höchst- und Mindestmasse der Strafen festzustellen, fehlte es an jedem ratio- 
nellen Massstabe für die Strafzumessung. 

Am 15. September 1821 erlangte auch Guatemala seine Unabhängigkeit 
und damit das Recht autonomer Gesetzgebung. Indes wurde an der Geltung 
der durch die Eroberer eingeführten Gesetze zunächst nichts geändert. Die 
Leyes de los Fueros, die Siete Partidas, die Leyes de las Indias und die 
Recopilaciones, ja sogar die von den spanischen Cortes erlassenen Gesetze 
bildeten die Grundlage der von der Gesetzgebung nicht angetasteten Rechts- 
ordnung, die Richtschnur für die Praxis der Gerichtshöfe, den Gegenstand 
des Studiums der Juristen und das Thema der Vorlesungen an den Universi- 
täten. In vielen Fällen im Widerstreit mit der herrschenden politischen 
Richtung, wurden sie oftmals übertreten und machten der Herrschaft des Gre- 
wohnheitsrechts, so wie es in der Gerichtspraxis zum Ausdruck kam, Platz. 



*) Vgl. die Darstellung de> spanischen Strafrechts von Rosenfeld in Bd. 1 
S. 4HH-b34. 



§ 1. Die Entwicklung bis zum Erlasse des geltenden Strafgesetzbuches. 147 



Der dringende Wunsch nach einer Kodifikation führte dazu, dass das 
von Livingstone für Louisiana verfasste Gesetzbuch übersetzt und im Jahre 
1836 mit einigen Modifikationen für Guatemala in Kraft gesetzt wurde. Es 
stand aber mit den Anschauungen und Sitten des Landes so wenig im Ein- 
klang, dass sich bald die Notwendigkeit ergab, es wieder aufzuheben und zu 
der früheren Praxis zurückzukehren. 

Die Fortschritte anderer Staaten auf dem Gebiete der Strafgesetzgebung 
blieben indes auch in Guatemala nicht unbekannt, und so wurde nach dem 
Muster des spanischen Cödigo Penal von 1850 und seiner Novellen von 1870 
und 1876 das Strafgesetzbuch für die Republik Guatemala vom 
4. Juli 1877 geschaffen. 

Die Strafenfolge der Strafen war: Todesstrafe, Festung (presidio con 
calidad de retenciön), Gefängnis (prisiön ordinaria), Zuchthaus (reclusiön), 
Landesverweisung (extrafiamiento), völlige Unfähigkeit (inhabilitaciön absoluta) 
zur Bekleidung von öffentlichen Ämtern, sowie zur Ausübung von bürger- 
lichen, staatsbürgerlichen und familienrechtlichen Befugnissen oder von Pro- 
fessionen, die mit einem Titel verbunden sind (profesiones titulares), besondere 
Unfähigkeit (inhabilitaciön especial), schwerer und leichter Arrest (arresto 
mayor, menor), Geldstrafe (multa), Warnung (apercibimiento) und Einziehung 
(comiso). Die Todesstrafe war nur gegen eine beschränkte Anzahl von Straf- 
thaten angedroht und sollte nur solange zur Anwendung konmien, als die 
Gefängnisreform nicht durchgeführt war. Alle zeitigen Freiheitsstrafen zer- 
fielen in drei Grade (grados) und diese wieder in Unterabteilungen (t^rminos), 
welche als mittlere, schwerste und leichteste (grado bezw. törmino medio, 
mäximo, minimo) bezeichnet wurden. Der mittlere Grad fand Anwendung, 
wenn weder mildernde, noch erschwerende Umstände vorlagen oder ein Um- 
stand der einen Art durch einen solchen der anderen aufgehoben wurde. 
Die Bildung der Grade und Unterabteilungen erfolgte auf die Weise, dass 
der gesamte gesetzliche Strafrahmen in drei gleiche Teile geteilt wurde. 
Die mildernden und erschwerenden Umstände waren zwar im Gesetze auf- 
geführt; bezüglich der ersteren war aber dem Eichter gestattet, auch andere 
zuzulassen oder den gesetzlichen Milderungsgründen höheren Wert beizulegen; 
hielt er die vorliegenden Umstände für besondei's berücksichtigenswert, so 
konnte er die gesetzliche Strafe um einen oder mehrere Grade ermässigen und 
auf die nächst geringere Strafe übergehen. 

Diese Bestimmungen boten den Gerichten bei der praktischen Hand- 
habung mannigfache Schwierigkeiten; ausserdem war das Strafensystem in- 
sofern verfehlt, als es das Vorhandensein zahlreicher verschiedenartiger Ge- 
fängnisse voraussetzte. Diesen Mängeln suclite man durch die Schaffung des 
jetzt geltenden Strafgesetzbuches vom 15. Februar 1889 abzuhelfen. 



§ 2. Das Strafgesetzbuch vom 15. Februar 1889. 

Das geltende Strafgesetzbuch geht davon aus, dass die Strafe den Ver- 
urteilten bessern soll, und hat zur Erreichung dieses Zweckes ein Progressiv- 
system aufgestellt, das ihn allmählich auf die Wiedererlangung der Freiheit 
vorbereitet. Strafanstalten zur Durchführung dieses Systems sind, und zwar 
nach dem Radialsystem, gebaut worden. 

Unter den Hauptstrafen finden wir das korrektionelle Gefängnis (prision 
correccional), femer schweren und leichten Arrest (arresto mayor, menor), 
einfache Freiheitsentziehung (prisiön simple) und Geldstrafe. Nebenstrafen 

10* 



148 X- Mittel- Amerika. — 5. Guatemala« 



sind dauernder oder zeitweiliger Verlust gewisser Befugnisse, Einziehung und 
Tragung der Prozesskosten. Korrektionelles Gefängnis dauert höchstens 15 
Jahre und wird in den Strafanstalten (etablecimientos penitenciarios) voll- 
streckt. Führt sich der Verurteilte während der zweiten Hälfte der Straf- 
dauer schlecht, so wird diese um den vierten Teil verlängert, unbeschadet 
der etwa eintretenden Bestrafung wegen der von ihm während der Verbüssung 
begangenen Strafthaten. Hat er sich dagegen während eines drei Viertel 
der erkannten Strafe entsprechenden Zeitraums gut geführt, so wird er vor- 
läufig in Freiheit gesetzt mit dem Vorbehalt, dass der nicht verbüsste Teil 
in verschärfter Form vollstreckt wird, wenn er sich während dieser Zeit straf- 
fällig macht. — Der schwere Arrest hat eine Höchstdauer von einem Jahre 
und wird in den Bezirksgefängnissen (cArceles departementales) vollstreckt. 
Leichter Arrest dauert höchstens sechs Monate und wird in den Orts- oder 
Gemeindegefängnissen (cArceles locales ö municipales) verbüsst; auf einfache 
Freiheitsentziehung kann bis zur Dauer von einem Monat erkannt werden; 
die Vollstreckung erfolgt in den Polizeiwachen oder Arrestlokalen (secciones 
de policia ö lugares de detenciön). Die Geldstrafe hat einen rein persön- 
lichen Charakter und beträgt höchstens 150 Pesos. Das Gericht ist befugt, 
die einmalige Umwandlung einer Freiheitsstrafe in Geldstrafe zuzulassen, und 
zwar (ganz oder teilweise) ohne Beschränkung bei einfacher Freiheitsentziehung 
und Arrest; bei korrektioneil em Gefängnis nur, wenn es 5 Jahre nicht über- 
steigt, und auch dann nur für zwei Drittel der Strafdauer. Die Umwand- 
lung geschieht nach dem Massstabe von zwei Realen bis zu fünf Pesos für 
je einen Tag Freiheitsstrafe, je nach den Verhältnissen des Verurteilten ; Bürg- 
schafts- und Schadensersatzverpflichtungen müssen zuvor erfüllt sein. Die 
Beschäftigung der Gefangenen zu Zwangsarbeit oder öffentlichen Arbeiten 
ausserhalb der Anstalt ist unzulässig. Die Dauer des Verlustes gewisser Rechte 
und Befugnisse beschränkt sich auf die im Urteile bestimmte Zeit; der bürger- 
liche Tod (muerte civil) ist unbekannt. Der Einziehung unterliegen sowohl 
die bei der Begehung des Verbrechens benutzten wie die durch dieses hervor- 
gebrachten Gegenstände. Die Vermögenskonfiskation ist dem Gesetze fremd. 
Die wichtige Frage der Gefangenenarbeit ist sachgemäss geregelt; die Arbeit 
muss mit dem Geschlecht, dem Alter, dem Berufe und den körperlichen Ver- 
hältnissen des Verurteilten vereinbar sein. Die zu korrektionellem Gefängnis 
Verurteilten werden nach Massgabe der für die Strafanstalt vorhandenen 
Arbeitsordnung beschäftigt; wer schwere Arreststrafe verbüsst, muss solche 
Arbeiten verrichten, welche für die öffentliche Verwaltung erforderlich sind 
und zu deren Leistung er im Stande ist. Im leichten Arrest kann der Ver- 
urteilte sich nach seiner Wahl mit Arbeiten beschäftigen, die ihm die Ver- 
waltung oder Privatunternehmer übertragen, und bei der einfachen Freiheits- 
entziehung darf er seiner gewohnten Beschäftigung nachgehen. 

Die im Gesetze normierten Strafen gelten für die Fälle, in denen weder 
mildernde noch erschwerende Umstände vorliegen. Sind strafschärfende Um- 
stände vorhanden, so wird die Strafe bis um ein Drittel erhöht, beim Vor- 
liegen mildernder Umstände aber in demselben Masse vermindert. Treffen 
Umstände beider Art zusammen, so heben sie sich möglicherweise, je nach 
Lage des Falles, gegenseitig auf. Liegen zwei oder mehr mildernde Um- 
stände vor, ohne dass erschwerende Umstände konkurrieren, so tritt Ermässi- 
gung der Strafe bis um zwei Drittel ein; dasselbe gilt bei einer That, die 
nur um deswillen strafbar ist, weil es bei einem Strafausschliessungsgrunde 
an irgendeinem gesetzlichen Merkmale fehlt; liegen aber diese letzteren zum 
grössten Teile vor, so findet Herabsetzung der Strafe bis zu einem Viertel 
oder Fünftel statt. 



§ 2. Das Strafgesetzbuch vom 15. Februar 1889. 149 



Der Thäter eines fehlgeschlagenen Delikts und der Gehillfe bei einer 
vollendeten Strafthat werden mit zwei Dritteln, der Thäter bei einem ver- 
suchten und der Gehülfe bei einem fehlgeschlagenen Delikte mit einem Drittel 
der vom Gesetze für das vollendete Verbrechen angedrohten Strafe belegt. 
Für diejenigen, welche bei einem Versuche Beihülfe geleistet oder sich der 
strafbaren Verabredung (conspiraciön) oder des strafbaren Erbietens (pro- 
posiciön) zu einem Delikt schuldig gemacht haben, beträgt die Strafe den 
sechsten Teil der Normalstrafe. Die Strafe des Begünstigers (encubridor) ist 
auf ein Drittel der Strafe des vollendeten, versuchten oder fehlgeschlagenen 
Deliktes, auf welches sich die Begünstigung bezieht, festgesetzt. 

Jugendliches Alter bis zu 10 Jahren ist absoluter Straf ausschliessungs- 
grund; Jugendliche von 10 bis zu 15 Jahren werden (und zwar je nach Lage 
des Falles) mit dem fünften bis vierten Teile der Normalstrafe belegt, wenn 
das Gericht feststellt, dass sie mit dem erforderlichen Unterscheidungsvermögen 
(discemimiento) gehandelt haben. Unter 17 oder über 60 Jahre alte, sowie 
kranke und lahme Verurteilte verbüssen ihre Strafe in besonderen Anstalten. 

Im Falle des Zusammentreffens mehrerer Strafthaten werden die für 
jede von diesen verwirkten Strafen verhängt, ohne dass im allgemeinen eine 
Verkürzung stattfindet; nur darf die Gesamtdaucr mehrerer korrektioneilen 
Gefängnisstrafen die doppelte Dauer der längsten Einzelstrafe und jedenfalls 
30 Jahre nicht überschreiten; diese Beschränkung gilt jedoch nicht, wenn ein 
Verurteilter während der Strafvollstreckung ein Delikt begeht. 

Erfüllt eine einzige Handlung den Thatbestand mehrerer Delikte, oder 
ist eine Strafthat das notwendige Mittel zur Begehung einer anderen, so 
kommt nur die dem schwersten Verbrechen entsprechende Strafe, und zwar 
unter Verlängerung bis um ein Drittel zur Anwendung. 

Die Strafklage verjährt bei den mit korrektionellem Gefängnis bedrohten 
Delikten in einem Zeiträume, der die angedrohte Strafe um drei Jahre über- 
steigt, bei allen übrigen Verbrechen und Vergehen in drei Jahren, bei Über- 
tretungen in zwei Monaten. Die Vollstreckung der in einem rechtskräftigen 
Urteile erkannten Strafen verjährt in einem Zeitraum, welcher der doppelten 
Dauer der schwersten in dem Urteile festgesetzten Strafe gleich ist, spätestens 
aber in 30 Jahren. Für die Verjährung einiger Delikte, wie der Verleumdung 
und Beleidigung, gelten besondere Vorschriften. 

Die bisher erörterten allgemeinen Bestimmungen bilden den Inhalt des 
ersten Buches des Strafgesetzbuches. Im zweiten Buche werden die einzelnen 
Verbrechen und Vergehen (delitos) und im dritten die Übertretungen (faltas) 
behandelt, und zwar beide Kategorieen unter einzelnen Titeln in Gruppen 
geordnet. Ausserdem enthält das Strafgesetzbuch in einem einleitenden Titel 
Vorschriften über die bindende Wirkung der Gesetze und einige Grundsätze 
des internationalen öffentlichen Rechts. 

Die Abschaffung der Todesstrafe sowie aller lebenslänglichen und ent- 
ehrenden Strafen drückt dem Strafgesetzbuche den Charakter der Milde auf, 
der sich auch in dem Bestreben widerspiegelt, durch die Strafvollstreckung 
die Besserung des Verurteilten herbeizuführen. Das Strafensystem ist leicht 
und praktisch zu handhaben und ermöglicht durch die Teilbarkeit der Straf- 
rahmen, für jedes Delikt die angemessene Strafe zu verhängen. 

In Übereinstinunung mit diesen Grundsätzen steht auch die neue Straf- 
prozessordnung (Ley de procedemientos criminales), in der die Prinzipien der 
Öffentlichkeit und Mündlichkeit des Verfahrens mit gewissen Einschränkungen 
durchgeführt sind, die, ohne die Verteidigung in unzulässiger Weise zu be- 
schränken, eine sachgemässe Strafjustiz eimöglichen. 



150 X. Mittel -Amerika. — 5. Guatemala. 



§ 3. Besondere Strafgesetze. 

Die wichtigsten Strafnebengesetze sind das Militärgesetz, das Pressgesetz 
und das Steuergesetz. 

1. Das Militärgesetz (Cödigo militar) ist seit dem 1. Angust 1878 in 
Kraft. Die allgemeinen Vorschriften stimmen mit denen des Civilstrafgesetz- 
buches im wesentlichen überein; dagegen weist das Strafensystem erhebliche 
Abweichungen auf: Todesstrafe, Festungshaft (presidio) , Verpflichtung zu 
öffentlichen Arbeiten (obras püblicas) sind beibehalten und ausserdem be- 
sondere militärische Strafen, wie Degradation u. s. w., verwendet. 

Die Todesstrafe ist bei den schwersten Verbrechen angedroht und wird 
durch Erschiessen vollstreckt. Die zeitigen Freiheitsstrafen dauern höchstens 
10 Jahre. Die Strafen sind meistens nur nach Höchst- und Mindestmass be- 
stimmt, sodass der Kichter innerhalb dieses Rahmens die dem Einzelfalle an- 
gemessene zu bestimmen hat. 

Der zweite TeU des Gesetzes enthält die Militärstrafprozessordnung. An 
erster Stelle stehen die Vorschriften über das Verfahren im Felde, in Festungen 
und belagerten Orten bei gewissen besonders schweren Verbrechen sowie die 
Grundsätze über die Kriegsgerichte (Consejos de Guerra) und sonstige Be- 
sonderheiten des Verfahrens. 

2. Das Pressgesetz (Ley de Imprenta) vom 10. Mai 1894 überträgt die 
Entscheidung über die Schuldfrage und über das Vorliegen mildernder oder 
strafschärfender Umstände in Presssachen den Geschworenen. Der Gerichts- 
hof wird gebildet durch fünf Bürger, die aus einer grösseren Anzahl durch 
das Los bestimmt werden. Sie können abgelehnt werden und geben ihren 
Spruch mit absoluter Stimmenmehrheit ab. Auf Grund des verurteilenden 
Verdikts bestimmt das Gericht erster Instanz die entsprechende Strafe; nur 
gegen diese Straffestsetzung ist die Berufung (recurso de apelaciön) an eine 
Kammer der „Corte de Justicia" und der Kassationsrekurs (recurso de casaciön) 
an das hierfür zuständige Gericht zulässig. 

Strafbar sind aufrührerische, verleumderische und beleidigende somc 
unsittliche Veröffentlichungen. Auf die Verhängung der Strafen (die hier fest 
bestimmt sindj finden die Vorschriften des Strafgesetzbuches Anwendung. Die 
Präventivcensur, die Verpflichtung zur Hinterlegung von Sicherheit oder Bürg- 
schaftsleistung, Zeitungsstempel, Verbot des Weitererscheinens und andere 
Massregeln, die den Charakter der Willkür tragen, sind dem Gesetze unbekannt. 
Die Druckschrift muss den Namen des verantwortlichen Herausgebers, die 
Bezeichnung der Druckerei und den Tag der Ausgabe enthalten. Jede Zeitung 
ist verpflichtet, die ihr von den Beteiligten übersandten Aufklärungen, Be- 
richtigungen und Auseinandersetzungen aufzunehmen. Die Besitzer oder Leiter 
einer Druckerei müssen bei jedem zum Druck übergebenen Schriftstück die 
Unterschrift des Verfassers verlangen, widrigenfalls sie ebenfalls verantwortlich 
werden. Verleumdung und Beleidigung öffentlicher Beamten in Beziehung auf 
Amtshandlungen sind straflos. 

Der Grundzug des Gesetzes geht dahin, in der möglichst geringen Ein- 
schränkung der Pressfreiheit zugleich das beste Korrektiv gegen ihren Miss- 
brauch zu erblicken, da die öffentliche Meinung, um sich dieses wertvolle 
Gut zu erhalten, bemüht sein wird, Beleidigungen und Verleumdungen mög- 
lichst zu verhindern. 

3. Das Steuergesetz f Cödigo fiscal) ist eine Zusammenstellung der 
geltenden Bestimmungen des Zoll- und Steuerrechts unter Berücksichtigung 
der Veränderungen, welche auf den Verordnungen vom 28. Mai 1894 und 
dem Abgabengesetz (Ley de contribucionesj vom 10. Mai 1894 beruhen. Die 



§ 4. Litteratur. 151 



Vei'waltung des Zoll- und Steuerwesens liegt in der Hand von grösseren und 
kleineren Zoll-Ämtern unter Leitung der „Direcciön General de Aduanas y 
Administraciones subaltemas". Der strafrechtliche Teil des Gesetzes enthält 
Strafandrohungen gegen Kontrebande und Steuerhinterziehung. Eine häufig 
angedrohte Strafe ist die Einziehung. Die Bezeichnung der Strafen entspricht 
der im Strafgesetzbuch angewendeten. Die Übertretungen werden mit Geld- 
strafen geahndet, deren Festsetzung, wenn sie nicht im Gesetz absolut be- 
stinmit sind, dem vernünftigen Ermessen des zuständigen Beamten überlassen 
ist. Die Entrichtung der Zölle erfolgt nach dem im Jahre 1894 veröffent- 
lichten Tarife. Die Bemessung erfolgt nach Einheitssätzen und im allgemeinen 
in Abstufungen von einem Peso. Das Steuergesetz regelt die Stempelsteuer, 
die Abgaben von dem Verkauf von Gegenständen, von Erbschaften und 
Schenkungen, die Konsumsteuer, die Immobiliar- Abgabe, die Wegesteuer, die 
Wehrsteuer u. s. w. 

4. Besondere Arbeiter- und Industrie-Gesetze sind nicht vorhanden; in 
dieser Beziehung gelten ausser den betreffenden Bestimmungen des Bürger- 
lichen Gesetzbuches einige ergänzende Gesetze über die Verhältnisse der 
Arbeiter und gewerbliche Patente. Indes ist zur Zeit eine Kommission mit 
der Ausarbeitung eines Agrar- und Arbeitergesetzes beschäftigt, das diese 
Lücke ausfüllen wird. Auf Strafthaten, welche unter Benutzung von Spreng- 
stoffen begangen sind, findet lediglich das allgemeine Strafgesetz Anwendung; 
ein Spezialgesetz ist nicht vorhanden. 



§ 4. Litteratur. 

Wer sich ein klares und vollständiges Bild von der Strafgesetzgebung der Re- 
publik Guatemala machen will, der sei ausser auf die Gesetze selbst, auf die geschicht- 
lichen Arbeiten von Milla, Montüfar, Batres JÄuregin und Gomez Carillo, auf 
die Darstellnnff des Civilrechts von Dr. Cruz und auf die Studien über das Straf- 
gesetzbuch und die Staatsverwaltung von Gonzalez Saravia verwiesen. 



6. Salvador, 



Litteratar. 

Kurze Notizen über die Strafgesetzgebung von Salvador finden sich in dem von 
der Soci^t^ de legislation comparee zu Paris herausgegebenen Annuaire de l^gislation 
etrang^re Bd. 14 (Übersetzung der Verfassung vom 4. Dezember 1883, die in Artt, 18, 
22, 25 und 26 Bestimmungen über das Strafensystem enthält) und Bd. 24 S. 964—967 
(Übersetzung des Gesetzes über die Ehescheidung vom 20. April 1894). 

Von dem früheren Strafgesetzbuche vom z8. September 1859 ist eine zu New 
York 1860 gedruckte Ausgabe vorhanden. Eine.. amtliche Ausgabe des Strafgesetz- 
buches von 1881 mit den bis 1890 vorgenommenen Änderungen ist 1893 in San Salvador 
(Tipografia „La Luz", Calle de Moraz4n 31) erschienen. 

§ 1. Kodifikationen. 

Der Freistaat Salvador hat in den Jahren 1880 — 1883 das gesamte Ge- 
biet seiner Staats- und Rechtseinrichtungen neu geordnet. Unter der Präsi- 
dentschaft von Rafael Zaldivar wurden auf Grund genereller Ermächtigangen 
des konstituierenden Landtages von 1880 und spezieller Bestätigungsgesetze 
der gesetzgebenden Versammlungen zunächst 1880 das bürgerliche Gesetzbuch 
und die dazu gehörige Prozessordnung, sowie das Handelsgesetzbuch} im fol- 
genden Jahre das Strafgesetzbuch und die Strafprozessordnung fertiggestellt. 
Diese Gesetzeswerke sind auch bei der Verfassungsänderung von 1883 unbe- 
rührt geblieben; der neue Präsident Menendez hat seinem Vorgänger auf 
diesem Gebiet nichts weiter vorzuwerfen gewusst^), als dass er die Prügel- 
strafe als Tortur- und Strafmittel gegen Humanität und Gesetz habe anwenden 
lassen; die übrigen „Reformen" sind unbedeutend. 

§ 2. Das Strafgesetzbuch von 1881. 

Das erste am 13. April 1826 publizierte Strafgesetzbuch für Salvador 
war nach dem Muster des damals in Spanien geltenden gearbeitet. Ihm folgte 
am 28. September 1859 ein anderes, das Werk einer Konmiission von Advo- 
katen, das ebenfalls lediglich ein Abklatsch des damaligen spanischen Straf- 
gesetzbuches war. Das jetzt geltende Strafgesetzbuch , welches mit 541 Para- 
graphen nach dem Ent\^Tirfe einer Spezialkommission (Trigueros, Ruiz und 
Castellanos) am 19. Dezember 1881 vollzogen wurde, stützte sich auf die Ge- 
setze des konstituierenden Landtages vom 12. März 1880 sowie der gesetz- 



Gesetz vom 22. Mai 1885, Einleitung. 



§ 2. Das Strafgesetzbuch von 1881. § 3. Grundlage. § 4. Einteilung. 153 



gebenden Versammlung vom 28. Februar 1881 und trat sofort in Kraft 
(Art. 542). Durch einige keineswegs grundsätzliche Änderungen, welche durch 
Spezialgesetze und Verordnungen vom 22. Mai 1885, 22. September 1885, 
14. JuH 1886, 20. Juli 1886, 14. April 1887, 27. März 1888, 9. April 1888, 
10. April 1888, 26. März 1889, 10. Aprü 1889, 19. März 1890, 18. April 1890 
bei einzelnen Paragraphen, namentlich bezdglich der Eigentumsvergehen, vor- 
genommen wurden, war die Zahl der Paragraphen auf 546 angewachsen. 
Neuerliche Änderungen sind uns nicht bekannt geworden. 



§ 3. Grundlage. 

Wie den ungefähr zu derselben Zeit erschienenen Gesetzbüchern der 
SchwesteiTepubliken Honduras und Costa Rica hat auch dem Strafgesetz- 
buche von Salvador das chilenische als Vorbild gedient. Immerhin sind 
die Abweichungen, namentlich in der Anordnung der Materien, in die Augen 
fallend — oft so sehr, dass die darauf verwandte Mühe gegenüber dem fast 
identischen Inhalte nicht gerechtfertigt erscheint. Zu loben ist der Versuch, 
sich von den Tabellen und Tabulaturen der chilenischen Strafzumessungs- 
maschinerie wenigstens äusserlich loszusagen und diese Tabellen aus dem 
Gesetzestext wegzulassen; da aber das System beibehalten ist, wird die Hand- 
habung der Strafmasse durch diese Unterdrückung sicherlich erschwert, und 
die Berechnung einer zu verhängenden Strafzeit muss als komplizierte alge- 
braische Aufgabe angesehen werden. 

Wichtiger als diese formellen Abweichungen ist die erhebliche Herab- 
setzung aller Strafmasse; die Milde der Straf bestimmungen ist eine ganz 
ausserordentliche. ^) 

Da wir an anderer Stelle*) das System des chilenischen Gesetzbuches 
skizziert haben und die eigene Gedanken- und Kulturarbeit der Republik Sal- 
vador nur in den an jenem gemachten Änderungen besteht, so wird mit Rück- 
sicht auf den knapp zugemessenen Raum die folgende Darstellung sich wesent- 
lich auf die Wiedergabe der veränderten Anordnung des Gesetzes und die 
Hervorhebung besonders derjenigen Bestimmungen beschränken, welche das 
chilenische Muster mit Recht oder Unrecht verlassen haben. Es mag dabei 
wiederholt werden, dass fast jede chilenische Definition einige Zusätze oder 
Änderungen erfahren hat, deren Tragweite zumeist nicht über die einer blossen 
redaktionellen Umformung hinausgeht und keineswegs immer den Vorzug vor 
dem hinreichend klaren, stets knappen Texte des Vorbildes verdient. 



§ 4. Einteilung. 

I. Buch. Allgemeine Bestimmungen über Vergehen und 
Übertretungen, verantwortliche Personen und Strafen. Titel I 



*) Ein hervorragender Jurist, Manuel CÄceres, charakterisiert (in einer auf Ver- 
anlassung des Kaiserlich Deutscheu Auswärtigen Amtes ausgearbeiteten, bislang nicht 
veröffentlichten Denkschrift) das Strafgesetzbuch seines Landes folgendermassen : „Das 

f eltende Strafgesetzbuch .... bedeutet einen wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete 
er Straf gesetzgebung. Seine Besonderheit liegt in der philanthropischen Tendenz : es 
verwirft die gehässige Auffassunff der Strafe als eines Mittels zur Befriedigung des 
Rachegefühles der Gesamtheit una erstrebt daher in erster Linie nicht die Vernichtung, 
sondern die Besserung des Verbrechers und den Schutz der menschliclien Gesellschaft*. 
•) In der Abhandlung über Costa Rica, oben S. 141. 



154 X. Mittel -Amerika. — 6. Salvador. 



(Kapitel 1) Vergehen und Übertretungen, (2) die Verantwortlichkeit ausschliessende, 
(3) mildernde, (4) erschwerende Umstände. — II. Strafrechtlich verantwort- 
liche Personen. — III. Strafen (1) im allgemeinen; (2) Einteilung, (3) Dauer 
und Inhalt der Strafen: (Abteilung 1) Dauer; (2) Wirkung; (3) Strafen, welche 
andere nach sich ziehen. (4) Anwendung der Strafen (1) bei vollendetem, fehl- 
geschlagenem und versuchtem Vergehen, bei Mitschuld und Begünstigung, 
(2) bei mildernden und erschwerenden Umständen; (3) gemeinsame Bestim- 
mungen. (5) Strafvollstreckung und Verbüssung: (1) Allgemeine Regeln; 
(2) Hauptsächlichste Strafen. — IV. Civile Haftverbindlichkeit. — V. Strafen der- 
jenigen, welche den Vollzug ihrer Verurteilung vereiteln. — VI. Erlöschen der 
Verantwortlichkeit. — VII. Straferlass und Strafum^vandlung. 

IL Buch. Vergehen und ihre Strafen. Titel I. Volksverrat 
und Hochverrat. — II. Vergehen gegen die äussere Sicherheit des Staates: 

(1) Verrat. (2) Gefährdung des Friedens oder der Unabhängigkeit des 
Staates. (3) Verletzung des Völkerrechtes. — III. Vergehen gegen die innere 
Sicherheit des Staates und die öffentliche Ordnung: (1) Vergehen gegen die 
Souveränetät des Staates. (2) (1) Aufstand und (2) Aufruhr; (3) gemein- 
same Bestimmungen. (3) Angriffe auf und Widerstand gegen die Civil- 
behörde und sonstige öffentliche Unordnungen. (4) Unerlaubte Versamm- 
lungen und Verbindungen. — IV. Fälschungsvergehen: (1) Fälschung von 
Siegeln, Marken und Unterschriften. (1) Fälschung von Siegeln des Staates 
und der obersten Behörden und von Unterschriften der obersten Beamten, 

(2) von sonstigen öffentlichen Siegeln, (3) von Marken und Siegeln von Pri- 
vatleuten. (2) Fälschung von Geld, (3) Banknoten, Krediturkunden, Stempel- 
papier, Telegraphen- und Briefmarken und sonstigen gestempelten Wertzeichen, 
deren Ausgabe dem Staate vorbehalten ist. (4) Fälschung von Urkunden: 

(1) von öffentlichen, amtlichen, Handels- und Telegraphenurkunden, (2) von 
Privaturkunden, (3) von Pässen und Zeugnissen. (5) Gemeinsame Bestim- 
mungen. (6) Falsches Zeugnis und falsche Anschuläigung und Anklage. 
(7) Anmassung vom Amtsbefugnissen, Amtscharakteren und Titeln und ange- 
masster Gebrauch von Namen, Uniformen, Abzeichen und Orden. — V. (1) Ver- 
letzung der Gesetze über Beerdigungen, Grabschändung und (2) Vergehen gegen 
die öffentliche Gesundheitspflege. — VI. Spiel und Lotterieen. — VII. Amts- 
vergehen der öffentlichen Beamten: (1) Prävarikation. (2) Untreue bei Be- 
wachung Gefangener, (3) bei Bewahrung von Urkunden. (4) Verletzung von 
Geheinmissen. (5) Ungehorsam und Beistandsvei'weigerung. (6) Unerlaubter 
Beginn, Fortsetzung oder Aufgabe von Amtsbefugnissen. (7) Anmassung von 
Machtbefugnissen und ungesetzliche Ernennungen. (8) Amtsmissbrauch gegen- 
über Privaten, (9) unter Verletzung der Sittlichkeit. (10) Bestechung. (11) Ver- 
bringung öffentlicher Gelder. (12) Betrug und Erpressungen. (13) Gemein- 
same Bestimmung. — VIII. Vergehen gegen die Person: (1) Verwandtenmord, 

(2) Meuchelmord. (3) Tötung. (4) Kindesmord. (5) Abtreibung. (6) Ver- 
letzungen. (7) Allgemeine Bestimmung. (8) Zweikampf. — IX. Vergehen gegen 
die Sittlichkeit: (1) Ehebruch. (2) Notzucht und unsittlicher Missbrauch. (3) 
Erregung öffentlichen Ärgernisses. (4) Schändung und Verführung Minder- 
jähriger. (5) Entführung. (6) Gemeinsames (zu 2 bis 5). — X. Vergehen 
gegen die Ehre: (1) Verleumderische Bezichtigung. (2) Beleidigungen. (3) All- 
gemeine Bestimmungen. — XI. Vergehen gegen den Personenstand: (1) Kindes- 
unterschiebung und Anmassung eines Personenstandes. (2) Ungesetzliche Ehe- 
schliessung. — ' XII. Vergehen gegen Freiheit und Sicherheit: (1) Ungesetzliche 
Haft. (2) Entziehung Minderjähriger. (3) Kindesaussetzung. (4) Gemein- 
sames (zu 1 bis 3). (5) Hausfriedensbruch. (6) Drohungen und Nötigung. 
(7) Enthüllung von Geheimnissen. — XIII. Vergehen gegen das Eigentum: 



§ 5. Allgemeine Grundzüge. 155 



(1) Raub: (1) mit Gewaltthätigkeit gegen Personen, (2) von Gegenständen. 

(2) Diebstahl. (3) Besitzanmassung. (4) Betrug: (1) Strafbarer Eigennutz und 
Bankern tt; (2) Schwindelei und sonstige Täuschungsvergehen. (5) Veranstal- 
tungen zur Änderung der Warenpreise. (6) Brandstiftung und andere Ver- 
heerungen. (7) Sachbeschädigung. (8) Allgemeine Bestimmungen. — XIV, Fre- 
velhafte Unvorsichtigkeit. 

IIL Buch. Übertretungen und deren Strafen. Titel I. Über- 
tretungen gegen die öffentliche Ordnung. — II. Gegen das allgemeine Inter- 
esse und die Ordnung der Ortschaften. — III. Gegen die Person. — IV. Gegen 
das Eigentum. — V. Gemeinsame Bestimmungen. 

Allgemeine Bestimmung. — Übergangsbestimmungen. 

§ 5. Allgemeine Gnindzfige. 

Zu den bemerkenswerten grundsätzlichen Bestimmungen zählt vor allem 
die von Chile übernommene generelle Präsumtion des dolus; logischer als das 
Vorbild rechnet das Gesetz die dem Thäter unbekannt gebliebenen Umstände 
auch dann ihm nicht zu, wenn sie mildernd wirken, und nicht nur, wenn er- 
schwerend. Eigenartig ist die Neuerung (§ 2), dass bei Vorkommen eines 
strafwürdig scheinenden Thatbestandes , der im Gesetze nicht sanktioniert ist, 
der Richter durch Vermittelung des Obersten Gerichtshofes die gesetzgebende 
Gewalt mit der Sache befassen soll; auf derartige Anregungen führen die 
oben citierten Novellen ihre Entstehung ausdrücklich zurück, so dass dieses 
Gesetz kein toter Buchstabe geblieben ist. 

Die Dreiteilung der strafbaren Handlungen ist zwar infolge Unter- 
scheidung der Vergehen in schwere und minder schwere nicht so gänzlich 
verschwunden, es sind aber zwischen diesen beiden Kategorieen keine wesentlichen 
Unterschiede generell beibehalten, und von der Einteilung ist sparsamer Ge- 
brauch gemacht. Der Name Quasidelikte für die kulposen Vergehen ist ebenso 
aufgegeben; die Vereuchsdefinition ist unwesentlich modifiziert. Grosse Nach- 
sicht, zuweilen Strafaufhebung und immer Strafmilderung ist generell und bei 
einzelnen Delikten nochmals ausdrücklich für freiwilligen Rücktritt und thätige 
Reue angekündigt. Die chilenische Bestimmung, im Auslande begangene Ver- 
gehen der Einheimischen straffrei zu lassen, welche zur Auslieferung der 
letzteren an fremde Staaten führen muss, ist vermieden. Die natürliche Ver- 
wandtschaft ist der gesetzlichen überall ganz allgemein gleichgestellt. Der Straf- 
ausschluss ist neben dem Wahnsinnigen auch dem Blödsinnigen gewährt; 
während aber alle vorstehenden Neuerungen als Verbesserungen gelten können, 
erregt die Bestimmung (§ 9), dass der unzurechnungsfähige Thäter wenn mög- 
lich im Hospital, sonst aber im Gefängnis verwahrt werden soll, schweres 
Bedenken. Unter den strafausschliessenden Umständen findet sich auch spe- 
ziell hervorgehoben die den Gefangenentransporteuren erteilte und von ihnen 
befolgte Instruktion, den entfliehenden Häftling, der auf Anrufen nicht steht, 
niederzuschiessen — die berüchtigte „ley fuga", die regelmässig das Schicksal 
der in den politischen Wirren gefangenen Gegner zu besiegeln pflegt. Unter 
den erschwerenden Umständen — nicht wie in Chile bald strafmildernd bald 
erschwerend — steht die Verwandtschaft, sofern sie mit Mundschaft oder 
Pflege gepaart ist, neben den sonstigen Autoritäten des Lehrers, Pflegevaters, 
Vormundes etc. Femer ist hier die Rückfälligkeit, die aber auf Vergehen der- 
selben Art und die Frist von 3, 2 und 1 Jahr bei schweren und leichten Ver- 
gehen bezw. Übertretungen beschränkt ist, untergebracht; durch den Wegfall 
der besonderen Straferhöhungen für während der Strafvollstreckung erfolgen- 



156 X. Mittel -Amerika. — 6. Salvador. 



den Rückfall ist die unverständige Bestimmung des chilenischen Gesetzes, ge- 
legentlich selbst die Todesstrafe als Resultat solcher Strafschärfungen zu ver- 
ordnen, unmöglich gemacht. Unter den mildernden Umständen fällt vor allem 
die generelle Einreihung des weiblichen Geschlechtes, dann auch die Leistung 
wichtiger Dienste für den Staat auf. Durch eine Generalklausel ist die in 
Chile geschlossene Reihe der Milderungsgründe der diskretionären Erweiterung 
zugänglich gemacht. 

Die in Betracht kommenden Altersstufen sind 8 Jahre für die Straf- 
mündigkeit, 8 bis 15 Jahre als Periode der ausdrücklich festzustellenden Unter- 
scheidungsfähigkeit, während welcher jedoch stets auf mildere Strafarten zu 
erkennen ist, — auch das Alter von 15 bis 18 Jahren (sowie Taubstummheit) 
wirkt, wenn auch in geringerem Masse, sti'af mildernd, das von 18 bis 21 nur 
als mildernder Umstand. Bei der Schändung sind 12 Jahre, bei Verführung 
12 bis 21 Jahre, bei Kindesentführung und Aussetzung 7 Jahre die kritischen 
Altersstufen. 

Die milderen Bestimmungen des Gesetzbuches sollen auch noch während 
der Verbüssung der früher nach strengerem Gesetz erkannten Strafen dem 
Sträfling zu Gute kommen — sonderbarerweise findet jedoch die Strafumwand- 



lung nur auf Antrag statt. 



§ 6. Strafen. 



Einige der Grundfragen des Strafensystems sind sozusagen theoretisch 
in der Verfassung vom 4. Dezember 188H (vgl. Annuaire de l^gislation ^tran- 
göre Bd. 14 S. 908 — 931) gelöst. Die Konfiskation ist abgeschafft (Art. 18). 
Die Strafen sollen der Art und der Schwere der Strafthat angemessen sein; 
ihr Zweck ist Besserung, nicht aber Vernichtung des Schuldigen, alle lebens- 
länglichen und beschimpfenden Strafen werden daher verworfen; die Todes- 
strafe (vom Militär-Strafrecht abgesehen) ist nur bei Hochverrat, Mord, Auf- 
stand mit bewaffneter Hand und Brandstiftung mit tötlichem Ausgange zu- 
lässig, bei politischen Delikten aber ausgeschlossen (Art. 22). Die Gefängnisse 
sind Besserungs-, nicht Züchtigungsanstalten; strenge Behandlung wird daher 
nur soweit gebilligt, als sie zur Bewachung der Gefangenen erforderlich ist 
(Art. 25 Abs. 2). Es herrscht Arbeitszwang mit Ausnahme der kirchlichen 
und nationalen Feier- und Festtage. 

Im Strafgesetzbuche ist die Bezeichnung der Strafarten gegen die in 
Chile gebrauchten verändert, ohne dass ihr Wesen im ganzen berührt worden 
wäre. Immerhin tritt an Stelle der lebenslänglichen Freiheitsstrafen eine 8 
bis 12 jährige Oberstufe über dem grossen und kleinen Zuchthaus oder Ge- 
fängnis (5 bis 7 und 2 bis 4 Jahre); das Maximum kann aber selbst durch 
die beibehaltene kumulative Bestrafung mehrerer Vergehen nicht mehr als 
20 Jahre erreichen. Die Untersuchungshaft wird nicht ganz, sondern ver- 
hältnismässig angerechnet; die von Chile humanerweise angeordnete Anrech- 
nung der Krankheitszeit bei Geisteskrankheit Verurteilter ist nicht über- 
nommen. Die Oberstufen des Zuchthauses und Gefängnisses ziehen Entmündigung 
und Ernennung eines Kurators nach sich. 

Die Todesstrafe, die nur bei Meuchelmord und erfolgreicher Anzettelung 
eines Krieges eintritt, wird öffentlich nach feierlichem Aufzuge durch Er- 
schiessen vollstreckt, der Leichnam bis zum Abend ausgestellt. An Schwangeren 
wird die Strafe erst 40 Tage nach der Entbindung vollzogen. Bei mehreren 
im selben Urteil ausgesprochenen Kapitalstrafen (§ 81) findet ein Losverfahren 
statt, wonach von 2 bis 3 Verurteilten nur einer, von 4 bis 6 zwei, von 7 
bis 9 drei, von 10 bis 19 vier, von 20 bis 29 fünf u. s. w. hingerichtet werden. 



§ 6. Strafen. § 7. Einzelne Vergehen. 157 



Das Urteil hat zu bestimmen, wer als Rädelsführer oder besonders Belasteter 
von der Auslosung vorweg ausgeschlossen wird; aus den übrigen werden so- 
viele, als zur Vervollständigung der gesetzlichen Zahl der Hinzurichtenden 
erforderlich sind, ausgelost. 

Die Zuchthäusler sind zu je zweien mit Ketten verbunden; ihre Zwangs- 
arbeit kann bei allen Staatsarbeiten verwandt werden. Frauen verbüssen diese 
Strafe in besonderen Anstalten. Wegen Alters und Schwäche kann das Ge- 
richt, bei 60 Jahren muss es Gefängnis dafür substituieren. 

In den Strafen, welche in Ortsveränderung bestehen, ist durch das Auf- 
geben der chilenischen unhaltbaren Strafe der Anweisung eines zwangsweisen 
bestimmten W^ohnsitzes im Auslande anscheinend einige Verwirrung eingetreten; 
die Unterscheidungen einzelner Strafarten haben keinen rechten Sinn mehr. 
Neben der Verbannung aus der Republik (extraftamiento ^) steht die Bannung 
in die Hauptstadt des entferntesten Bezirkes (relegaciön) , Bannung an einen 
bestimmten Ort auf 20 (confinamiento mayor) und 10 (c. menor) leguas Ent- 
fernung und die Verbannung aus einem Umkreise von 15 leguas (destierro). 
Für die leichte Haftstrafe kann bei Frauen und Kranken Hausarrest eintreten. — 
Die Geldstrafe soD in allererster Linie mit Rücksicht auf das Vermögen des 
Thäters bemessen werden. 

Die Verjährung der Strafklage tritt bereits in 10, 5 bezw. 1 Jahren, die 
der Injurienklage in dreissig Tagen ein; die Verjährungsfrist erkannter Strafen 
ist bei Todesstrafe 20, bei Vergehen 15 und 10, bei Übertretungen 5 Jahre. 
Letztere Fristen werden nicht nur durch jedes neue Vergehen, sondern selbst 
durch eine Übertretung unterbrochen; bei Abwesenheit aus der Republik 
zählen zwei Tage nur für einen. 

Neu ist die Einrichtung des Straferlasses und der Strafumwandlung, 
welche auf Empfehlung (im Urteil) durch das Obergericht von der vollziehen- 
den Gewalt angeordnet wird. Dieses Gnadenrecht (welches als solches aus- 
drücklich bezeichnet wird) ist auf bestimmte Fälle beschränkt; die republi- 
kanische Staatsform will den Gewalthabern missbräuchliche Eingriffe in den 
Rechtsgang unmöglich machen. 

§ 7. Einzelne Vergehen. 

Bei der Aufstellung der einzelnen Vergehen macht sich fast noch mehr 
als im allgemeinen Teile das Bestreben geltend, an Stelle der in grossen 
Zügen gehaltenen Definitionen des chilenischen Gesetzbuches die in denselben 
enthaltenen Einzelfälle zu spezialisieren. Es lässt sich kaum behaupten, dass 
dieses Verfahren nennenswerte Vorzüge des Gesetzbuches herbeigeführt hätte; 
vielleicht ist die beabsichtigte Wirkung Erleichterung der Urteilsfindung 
gewesen. 

An die Spitze und noch vor den Landesverrat treten zwei Vergehungen 
des Präsidenten der Republik: Auflösung oder Verhinderung des Zusammen- 
tretens der gesetzgebenden Versammlung und ungesetzliche Verlängerung eines 
Belagerungszustandes. 

Die Vergehen gegen die äussere, namentlich aber auch gegen die innere 
Sicherheit des Staates sind mit grosser Sorgfalt bis ins einzelne — speziell 
auch gegen Einmischungen des Papstes und der Geistlichkeit — geordnet. 
Die obersten Beamten und Volksvertreter finden gegen Attentate wie gegen 
Beleidigungen einen besonderen Schutz — was in anderen Republiken zumeist 



Die Namen weichen von den chilenischen ab, bezw. dieselben Namen bezeichnen 
je eine andere der ebenfalls wesentlich gleichgebliebenen Strafarten. 



158 X. Mittel- Amerika. — 6. Salvador. 



nicht der Fall ist — ebenso die fremden Gesandten unter der Bedingung der 
Gegenseitigkeit. Injurien gegen Vorgesetzte werden als solche auch bestraft, 
wenn sie unter dem Scheine eines Duells auftreten. Das geistliche Amt er- 
höht immer die Verantwortlichkeit; alle Kulte, die in Salvador Anhänger 
haben, sind in jeder Beziehung dem katholischen ausdrücklich gleichgestellt. 

Unter den Fälschungsvergehen ist die sorgfältige Behandlung der Fälschung 
von Handelsmarken, Ursprungsbezeichnungen u. dergl. bemerkenswert. 

Beim falschen Zeugeneide ist eine mindere Stufe: „böswillige Verschwei- 
gungen oder Ungenauigkeiten" — unterschieden. 

Unter den Amtsvergehen ist das ganze Disziplinarrecht der Richter und 
Beamten mit behandelt, naturgemäss unvollkommen. 

Der Verwandtenmord wird nicht als solcher (wie in Chile), sondern nur 
bei Hinzutreten der Merkmale des Meuchelmordes mit dem Tode bestraft; die 
thätige Hülfe zum Selbstmord ist nach drei Abstufungen strafbar. Für den 
Kindesmord ist die Begehungszeit auf drei Tage festgesetzt und das Merkmal, 
dass die That die Verbergung der Schande bezwecke, verlangt. 

Entgegen dem chilenischen Gesetz ist dem Ehegatten und dem Vater 
eines Mädchens unter 21 Jahren das Eecht, die in flagranti ertappten schuldigen 
Paare straflos zu tödten oder zu verwunden, gewährt. 

Beim Zweikampf ist der Behörde, die dessen Bevorstehen erfährt, zur 
Pflicht gemacht, die Beteiligten bis zum ehrenwörtlichen Verzicht auf ihre 
Absicht in Haft zu nehmen ; der Bruch des Ehrenwortes wird mit Verbannung 
vom Thatorte bestraft. 

Die Ehebruchsklage kann von dem Gatten nicht, wie in Chile, beliebig 
unterbrochen, sondern nur zurückgenommen werden. 

Die verleumderische Bezichtigung wird auch bestraft, wenn sie mittels 
Veröffentlichung im Auslande erfolgt. Bei Verleumdung und Beleidigung steht 
dem Gericht zu, die Genehmigung zur Anklage zu versagen, wenn dem Be- 
leidigten Genugthuung und Widerruf in einem Vorverfahren angeboten werden. 
Da in Salvador die Ehe geschieden werden kann, ist das chilenische Gesetz 
bei der Bigamie entsprechend umredigiert; neu ist die Bestrafung des Haus- 
friedensbruchs und die Zulässigkeit der Verbannung vom Thatorte bei 
Drohungen neben der Sicherheitsleistung. 

Die Verletzung von Geheimnissen, speziell auch von Fabrikationsgeheim- 
nissen, die Ausdehnung der Bestrafung des betrügerischen Konkurses auf 
nicht immatrikulierte Kaufleute und sogar auf Nichtkaufleute, der strafrecht- 
liche Schutz des litterarischen und künstlerischen, sowie des industriellen Eigen- 
tums entsprechen den Bedürfnissen der Neuzeit. Der Wucher ist nur Minder- 
jährigen gegenüber strafbar. 

Der Strafausschluss bei Eigentumsvergehen der Verwandten ist etwas 
anders begi^enzt als in Chile. 

§ 8. Übertretungen. 

Wie aus der obigen Inhaltsangabe ersichtlich, ist bei den Übertretungen 
der Versuch gemacht worden, dieselben nach Art der Gruppierung der Ver- 
gehen nach allgemeinen Gesichtspunkten einzuteilen; die Idee ist logisch und 
erfolgreich durchgeführt. 

Unter den Überti'etungen gegen die Person ist bemerkenswert die An- 
drohung von Geld- und Verweisstrafen für gegenseitige Misshandlungen von 
Ehegatten u. dergl. 



§ 9. Andere Strafgesetze. 159 



§ 9. Andere Strafgesetze. 

Das Strafgesetzbuch lässt ausdrücklich (in §§ 8 und 541) die Anordnung 
von Strafen durch Spezialgesetze zu; es ist nicht zu bezweifeln, dass solche 
in der Zoll-, Steuer-, Berg-, Hafengesetzgebung u. dergl. sich analog den- 
jenigen anderer Länder vorfinden. 

Der Strafprozess ist durch eine am 3. April 1882 auf Grund der Gesetze 
vom 12. März 1880 und 28. Februar 1881 erlassene Verordnung von 641 
Artikeln geregelt. Durch Novellen ist die Zahl der letzteren bis zu der Neu- 
ausgabe von 1893 auf 630 vermindert worden. Das Werk ist von denselben 
obengenannten Mitgliedern der Kommission hergestellt, welche das Strafgesetz- 
buch verfasst hatten. Wie letzteres ist auch die Strafprozessordnung sofort 
in Kraft getreten. 



XL 



BOLIVIA 



Von 



Ernst Eisenmann, 

Königlich FreusBischem GerichtsasBessor a. D., AdTokaten in Paris. 



Straf gesetzgebung der Gegenwart. 11. H 



übersieht. 



§ 1. I. Einleitung. 

II. Das Strafgesetzbuch von 1834. 
§ 2. a) Inhaltsüber.sicht. 
§ 3. b) Die strafbare Handlung. 
§ 4. c) Strafensystem. 

§ 5. d) Sonstige allgemeine Bestimmungen. 
§ 6. e) Der besondere Teil. 
§ 7. ni. Litteratur. 



I. 

§ 1. Einleitung. 

In dem Preistaate Bolivia hat sich eine reformatorische Thätigkeit auf 
strafrechtlichem Gebiete schon weit frühzeitiger als in den meisten übrigen 
hispano-amerikanischen Staaten entwickelt. Bereits am 2. April 1831 wnrde 
ein Strafgesetzbuch promulgiert, welches jedoch schon am 3. November 1834 
unter dem Präsidenten Santa Cruz durch das noch heute geltende Gesetz 
ersetzt wurde. Nur das Strafprozessrecht, das jenes frühere Gesetz mit geregelt 
hatte, blieb noch femer in Geltung, während das neue Recht, soweit es milder 
war, sofort, und im übrigen nach einer zweimonatlichen Frist in Kraft trat. 
Die Novellen, welche dazu aus Anlass aufgefundener Lücken erlassen wurden, 
haben einige wesentliche Änderungen herbeigeführt ; so das Gesetz vom 3. No- 
vember 1840, das die Ersatzstrafe für die (durch die inzwischen abgeänderte Ver- 
fassung eingeschränkte) Todesstrafe auf 10 Jahi'e Zuchthaus festsetzt, was auch 
unter der Herrschaft der neuerlichen Verfassungen vom 24. November 1871, 
vom Jahre 1878 1) und 28. Oktober 1880 Geltung behalten hat; das Gesetz 
vom 6. November 1840, das die Strafen für leichte Beleidigungen und kleine 
Diebstähle und Betrügereien ermässigt; das Gesetz vom 3. September 1883 
über gewisse Arten des Meineides. Weniger erheblich sind die Dekrete vom 
4. Juni 1858 über Ordnungsstrafen der Advokaten, vom 4. November 1858 
über Totschlag, vom 27. August 1859 über WinkelkonsVilenten, vom 1. Mai 1860 
über den Vorbehalt des Bestätigungsrechtes der Regierung bei Todesurteilen, 
vom 18. Juli 1860 über Beleidigungen durch die Presse. Die Pressverord- 
nungen, welche auf Grund des von der konstituierenden Nationalversammlung 
beschlossenen, am 15. August 1861 verkündigten Gesetzes die Geschworenen- 
gerichte für Pressvergehen einführten (24. März 1861, 26. Oktober 1863, 
Gesetz vom 4. August 1881), enthalten die neuesten Modifikationen des Straf- 
prozessrechtes, das nach der obenerwähnten ältesten Kodifikation in der Straf- 
prozessordnung und dem Zusatzgesetz dazu vom 20. März 1877 niedergelegt 
worden war. Ein Gesetz vom 18. November 1887 regelt zumeist die Ennässigung 
erkannter Strafen. 

IL Das StrafgesetzMcli von 1834. 

§ 2. a) Inhalteübei'sicht. 

Wie schon das Alter dieser Gesetze und ihre immerhin auf eine rege 
Entwickelung der Strafrechtspflege hindeutende Zahl voraussetzen lässt, ist 
diese Gesetzgebung ziemlich selbständig und in der Ausdrucksweise originell, 
indem unter Vermeidung einer scharfen Nomenklatur eine allgemein verständ- 
liche, hier und da etwas breite Redaktion gewählt ist. Es lässt sich dies 



*) Analyse im Annuaire de legislation etrangöre Bd. 8 S. 764. 

ir 



164 Bolivia. — II. Das Strafgesetzbuch von 1834. § 2. Inhaltsübersicht. 



schon aus nachstehenden, wenngleich stark verkürzten Überschriften der ein- 
zelnen Abteilungen des Strafgesetzes, die zur Kennzeichnung des Umfanges 
und Inhaltes seiner 695 Artikel hier folgen mögen, erkennen, wobei die Über- 
zahl der politischen und Amtsvergehen die unruhigen Regierungsverhältnisse 
wiederspiegelt. 

Buch I. Titel 1. Allgemeine Bestimmungen. 1. Vorsätzliche und 
fahrlässige Vergehen. 2. Schuldige. 3. Umstände, welche die Schuld aus- 
schliessen. 4. Mildernde und erschwerende Umstände. 5. Schadensersatz. 
Titel 2. Strafen. 1. Strafen und deren Abstufung und VoUzug. 2. Rückfall. 
3. Strafumwandlung. 4. Strafermässigung und Rehabilitation. 5. Verjährung von 
Strafe und Ersatzpflicht; Asylrecht der Fremden. 6. Entschädigung Unschuldiger. 

Buch II. Vergehen gegen den Staat. Titel 1. Gegen die Ver- 
fassung und Rechtsordnung. 1. gegen die Freiheit der Nation. 2. gegen den 
Präsidenten, den Vizepräsidenten und die Staatsminister. 3. gegen die Staats- 
religion. 4. gegen die Freiheit der Bürger. Titel 2. Gegen die äussere 
Sicherheit des Staates. 1. Gefährdung der Staatsexistenz. 2. Vergehen gegen 
das Völken^echt. Titel 3. Gegen die innere Sicherheit des Staates und die 
öffentliche Ruhe und Ordnung. 1. Rebellion und Truppenbewaffnung. 2. Auf- 
stand. 3. Aufruhr, Unruhe etc. 4. Parteibildung und Geheimbündelei. 5. Wider- 
stand gegen Ausführung der Gesetze, Gerichtsakte oder Verwaltungsmassregeln, 
Aufreizung dazu und Angriffe gegen die Regierungsrechte. 6. Widerstand gegen 
Behörden, Amtsanmassung und dergl. 7. Bandenbildung. 8. Beraubung von 
Staatsgütern, Posten, Kirchengütern, sowie Schmuggel. 9. Gefangenenbefreiung 
und Lynchjustiz. 10. Anfertigung, Einfuhr und Gebrauch verbotener Waffen. 
Titel 4. Vergehen gegen die Volksgesundheit. 1. Unerlaubte Ausübung des 
Arzt-, Apotheker- und Hebammengewerbes. 2. Gifthandel. 3. Arzneihandel. 
Titel 5. Vergehen gegen den öffentlichen Glauben. 1. Fälschung von Münzen. 
2. von Staatssiegeln, Papiergeld etc. 3. von öffentlichen Urkunden. 4. von 
Privaturkunden. 5. von Massen und Gewichten. 6. Verletzung des Amts-, 
Berufs- und Briefgeheimnisses. 7. Falsche Anschuldigung und falsches Zeugnis; 
Meineid. 8. Vergehen gegen amtlich verwahrte Urkunden, gegen Siegelungen, 
Sequester etc. 9. Falsche Titel und Orden. Titel 6. Amtsvergehen. 1. Prä- 
varikation und Bestechung. 2. Unterschlagung im Amt. 3. Betnig und Er- 
pressung. 4. Unerlaubte Geschäfte. 5. Widersetzlichkeit. 6. Gewaltthätigkeit. 
7. Übergriffe. 8. Rechtsverweigerung. 9. Übergriffe der kirchlichen Gerichte. 
10. Vergehen der Richter. 11. Vergehen der Staatslieferanten. Titel 7. 
Vergehen gegen die Sittlichkeit. 1. durch Reden, Schrift und Bild. 2. durch 
Förderung der Unzucht. 3. Doppelehen und Ehen der Geistlichen. 4. Heim- 
liche Ehen. 5. Widersetzlichkeiten der Kinder gegen Eltern und Pfleger. 
6. Vergehungen in der Ehe. Titel 8. Weigerung gebotener Leistungen an 
den Staat. Titel 9. Äfissbrauch der Pressfreiheit. 1. Seitens der Schrift- 
steller. 2. Seitens der Drucker. 

Buch III. Vergehen gegen Private. Titel 1. Gegen die Person. 
1. Tötung. 2. Verwundungen und Misshandlungen. 3. Schlägerei. 4. Menschen- 
raub und Gewaltthätigkeiten; Vergehen bei Beerdigungen. 5. Ehebruch und 
Notzucht. 6. Kindesaussetzung und Unterschiebung etc. Titel 2. Vergehen 
gegen die Ehre, den Ruf und die Ruhe der Person. 1. Verleumdungen und 
Schmähschriften. 2. Beleidigung und Verrat anvertrauter Geheimnisse. 3. Todes- 
drohungen und sonstige Schädigung. Titel 3. Vergehen gegen das Eigentum. 
1. Raub. 2. Diebstahl. 3. Bankerutt. 4. Betrug und Schwindelei. 5. Unter- 
schlagung. 6. Nachahmung fremder Geisteswerke und Schädigung industrieller 
Rechte. 7. Brandstiftung und andere Schädigungen. 8. Gewaltthat gegen 
fremdes Eigentum. 9. Grenzverschiebungen. — Übergangsbestimmungen. 



§ 3. Die strafbare Handlung. § 4. Strafensystem. 165 



§ 3. b) Die strafbare Handlung. 

Wie schon aus dieser Inhaltsübersicht hervorgeht, ist dem Gesetze die 
sonst übliche Drei- oder Zweiteilung der Strafthaten fremd; die Übertretungen 
sind bei dem ihnen sachlich verwandten Vergehen mit eingereiht, wie z. B. 
das Halten wilder Hunde bei den Verwundungen. Auch Disziplinarstrafen 
der Gerichtsbeamten sind bei den Amtsvergehen angedroht. Die Unter- 
scheidung der öffentlichen und privaten Vergehen ist lediglich prozessualer 
Natur, da sie von der Populär- oder Privatklage abhängt. Der dolus wird 
präsumiert. Der mit minderem Strafmass geahndete Versuch umfasst auch 
die Vorbereitungshandlungen und selbst bei mangelnder Handlung kann der 
Plan mit Polizeiaufsicht gestraft werden; freiwilliger Rücktritt befreit von 
Strafe. Von den üblichen Strafausschliessungsgründen ist ausdrücklich aus- 
geschlossen die sinnlose Betrunkenheit, welche nur in seltenen Fällen als 
mildernder Umstand gilt. Verwandte werden bei Mitthäterschaft nur als Ge- 
hülfen, bei Beihülfe nur, ebenso wie Freunde, Dienstboten etc., wie Hehler 
bestraft, d. h. mit ^4 — ^/j, bezw. ^/g — y^ und Yg — 7^ der Strafe des Haupt- 
thäters. Das Überwiegen der mildernden oder erschwerenden Umstände be- 
wirkt Anwendung des Minimums oder Maximums der Strafe, sonst kann nur 
noch auf das Mittelmass, nicht aber auf andere Zwischenzeitstufen erkannt 
werden. Der Rückfall binnen zwei Jahren nach Erlass oder Verbüssung einer 
Strafe erhöht in mannigfachen Abstufungen, die genau berechnet sind, die 
Strafe selbst über das sonst zulässige Höchstmass, das bei den schweren 
Freiheitsstrafen übrigens nur 10 Jahre beträgt; doch ist die Substitution der 
Todesstrafe für 80 Jahre Festungsbaustrafe durch die Verfassung von 1878 
wieder abgeschafft. Im übrigen ist die Umrechnung der Todesstrafe in 
10 Jahre Festungsbaustrafe bei den Bruchteilen für die Nebenpersonen, 
Versuch etc. weit milder als die Umrechnung eines Jahres der genannten in 
anderthalb Jahre der milderen Zuchthausstrafarten, welche auch beim blossen 
Mangel geeigneter Strafanstalten erfolgen kann. 

§ 4. c) Strafeusystem. 

Die Zahl der Strafarten beträgt nicht weniger als 24, deren Schwere 
mit folgender Numerierung Schritt hält: (1) Tod, durch Erhängen, eventuell 
durch Erschiessen zu vollstrecken, und zwar öffentlich vor dem Thore des 
Thatortes und mit allerhand Feierlichkeiten. Diese Strafe ist jetzt auf Mord 
der Aszendenten, Hochverrat, Landesverrat während eines Krieges, und 
Meuchelmord beschränkt und dadurch gemildert, dass von je 1 — 9 zugleich 
verurteilten Personen nur eine, von 10 — 19 zwei, von 20 — 29 drei Personen 
wirklich hingerichtet werden, welche entweder als Hauptschuldige dies vor- 
züglich verdienen oder bei gleicher Schuld durch das Los bestimmt werden; 
die übrigen werden zu der Strafe (6) des Zuschauens bei der Hinrichtung — 
wobei sie bei etwaiger Ungeberdigkeit einen Knebel in den Mund bekommen ^- 
und (2) Festungsbaustrafe verurteilt. Diese letztere besteht wie die (4) Staats- 
arbeiten und (5) das Zuchthaus in Detention mit Arbeitszwang von ver- 
schiedener Strenge; erstere beiden sind für Minderjährige und Greise, Inhaber 
der höheren Weihen und Frauen dui'cli letztere Strafart zu ersetzen. Sonstige 
Freiheitsstrafen sind (7) die Festungshaft und (14) Haft; letztere kann für 
Frauen, Kranke, Greise, ja selbst für Arbeiter, die zur Ernährung der Ihrigen 
oder zur Abarbeitung des Schadens ihrer Werkstatt bedürfen, durch Haus- 
arrest ersetzt werden. Der Bannbruch bei (3) Verbannung aus dem Staate 
für immer oder auf Zeit, bei (9) Verbannung aus dem Umkreise von 20 leguas 



166 Bolivia. — § 5. Sonstige allgemeine Bestimmungen. § 6. Der besondere Teil. 



vom Thatorte und (8) Bannuiig in einen bestimmten Ort oder Bezirk wird 
durch Freiheitsstrafen geahndet und dann weitere Verbüssung durch Ab- 
schieben erzwungen. Bei allen vorhergehenden Strafen ausser der Haft tritt 
von selbst als Zusatzstrafe die (11) Unfähigkeit für Ämter und diplomierte 
Berufsarten ein, die auch als selbständige Strafe, zum Teil nur auf einen 
bestimjnten Beruf beschränkt, vorkommt, ebenso (13) als Suspension auf Zeit. 
Ähnlich ist die (12) Aberkennung von Ehrenämtern; die oft angedrohte In- 
famie (10) mit ihren Nebenformen: „Unwürdigkeit, den Namen eines Boli- 
vianers zu tragen" und „das Vertrauen der Nation zu geniessen" ist seit 1878 
abgeschafft. Die (15) Polizeiaufsicht, die (16) Biirgschaftsstellung für Besse- 
rung, (17) der Widerruf, (18) die Genugthuung, welche in einer Art Abbitte 
besteht, (19) die Verwarnung und (20) Ennahnung, das (21) Anhören der 
Urteilsverlesung reihen sich an. Die (22) Besserungsanstalt, im Höchstzeit- 
mass von 6 Jahren, ist für Frauen und Minderjährige reserviert, welch letztere 
aber nur bis zum 20. Jahre, also bis ein Jahr vor der Grossjährigkeit, dort 
behalten werden dürfen. Statt der (23) Geldstrafe, deren Betrag unbeschränkt 
nach den Verhältnissen bemessen werden soll, kann bei Zahlungsunfähigen 
72 — 6 Monate Haft zum Abarbeiten der Strafe eintreten; die (24) Konfis- 
kation schliesst diese lange Reihe der Strafarten, in der das einfache Gefängnis 
ohne Arbeitszwang eigentümlicherweise fehlt und zu welcher eigentlich noch 
der Verlust des Erbrechts, der z. B. in § 579 angeordnet ist, hinzutreten müsste. 
Mit Ausnahme der Todesstrafe, deren Umwandlung, wenn sie einmal 
erkannt ist, durch ein besonderes Gesetz, das oben erwähnte von 1887, be- 
sonders erschwert, ja fast immer verboten ist, können die meisten Strafen 
nach Verbüssung von zwei Jahren um Y^ — V3 verkürzt werden, wenn der 
Bestrafte es durch sein Betragen verdient. 

§ 5. d) Sonstige allgemeine Bestimmungen. 

Die Verjährung tritt bei Beleidigungen in 30 Tagen, sonst in l — 8 Jahren 
ein; Anklage und Rückfall bilden Unterbrechungsmomente. 

Schon in diesem frühen Gesetzbuche (§ 110) findet sich das Prinzip 
der Entschädigung unschuldig Angeklagter, wenn auch in reclit zweifelhafter 
Anordnung; es ist beschränkt auf die für „absolut unschuldig" Erklärten; 
die bei Privatanklagen dem Ankläger obliegende Entschädiguugspflicht wird 
bei öffentlichen Anklagen dem fehlerhaft prozedierenden Beamten und nur in 
Ermangelung eines solchen dem Staate auferlegt. 

Eine starke Schadensersatzpflicht, welche allen späteren Reclitsverbindlich- 
keiten des Thäters vorhergeht und als Legalhypothek auf sein gesamtes Ver- 
mögen sich erstreckt und auf die Erben übergeht, ist noch wirksamer durch 
die Ausdehnung der Mithaftung auf Eltern, Pfleger, Lehrherren etc. der Minder- 
jährigen und Irren. 

Die Altersstufen, die das Gesetz berücksichtigt, sind: 10 Jahre als Be- 
ginn der Strafmündigkeit, 17 Jahre als Grenze der Zeit fraglicher, speziell zu 
ermittelnder Erkenntnis der Strafbarkeit, 20 Jahre als Ende der Besserungs- 
einsperrung und 21 Jahre als Volljährigkeit. 14 Jahre ist das Pubertätsalter 
und 17 Jahre die Grenze des Schutzes für Mädchen gegen Verführung etc. 

§ 6. e) Der besondere Teil. 

Im speziellen Teile fallen die ausserordentlich harten Strafen für Ver- 
gehen gegen die katholische Staatsreligion auf; vorteilhaft berührt der be- 
sonders geordnete Schutz der Gesandten, Kriegsgefangenen, der im Lande 



§ 6. Der besondere Teil. § 7. Litteratur. 167 



lebenden Angehörigen einer feindlichen, kriegführenden Nation, sowie das 
stark betonte Asylrecht politischer Verbrecher und der nach Bolivien — wo 
die Sklaverei bereits abgeschafft war — geflüchteten Sklaven. Dieser ganze 
Abschnitt der Vergehen gegen das Völkerrecht würde jedem modernen Straf- 
gesetz zur Zierde gereichen. 

Beinah dasselbe Lob gebührt den Anordnungen, welche angesichts der 
übermässig strengen patria potestas und der Unauflöslichkeit der Ehe bei 
Streitigkeiten in den Familien getroffen sind. 

Unter den Tötungen wird die des Kindes in den ersten drei Tagen nach 
der Geburt durch die Mutter milder beurteilt. Strafausschliessend wirkt es, 
wenn eine Tötung bei Abwehr eines Angriffs auf ein Familienmitglied, aber 
auch auf eine fremde, ehrbare Frau erfolgt. Dagegen ist bei Tötung der 
Ehefrau oder weiblicher Verwandter oder deren Verführer bei Ertappung in 
flagranti dieser Umstand nur strafmildernd. Das Duell ist bei tötlichem Aus- 
gange mit mehrjähriger Festungsbausti'afe und Verbannung, sonst wie andere 
Verwundungen bedroht, und mangels einer Verwundung kann ein Zwang zur 
Abbitte und Sicherheitsleistung für Unterlassung weiterer Ungebühr angeordnet 
werden. Ehebrecher werden bis zum Tode des beleidigten Ehegatten Landes 
vei'wiesen. 

Unter den Bestimmungen füi* Beleidigung fällt diejenige auf, dass Be- 
schimpfungen eines Staatsbeamten nicht zugleich als solche des Präsidenten 
angesehen werden dürfen. 

Die überaus harten Diebstahlstrafen sind durch die Novelle vom 6. No- 
vember 1840 durch eine mildere Bestimmung für Bagatelldiebstähle abge- 
schwächt. 

Bemerkensweit ist endlich angesichts des Alters des Gesetzbuchs die 
Bestrafung der Verletzung des geistigen Eigentums, und zwar sowohl des Ur- 
heberrechts an Schrift- und Kunstwerken als des Patent- und Markenschutz- 
rechtö und der Fabrikgeheimnisse. 



m, 

8 7. Litteratur. 

Intereusante Mitteilungen über das Strafrecht der vor«pani8chen Zeit, des Reichea 
der Inkas, enthält Matzenauer: Bolivia, Wien lö97. Ebenda sind auch die Polizei- 
Htrafen bei Übertretungen der eigentümlichen, den Bergwerksberechtigungen Ähnlichen 
Konzessionen zur AuKoeutung der wilden (TUinniibäUTne aufgeführt. 



XE 



BRASILIEN 



Unter Benutzung von Mitteilungen des 

Dr. Joäo Vieira de Araüjo, 

Professora des Strafrechts an der Universität Rccife (Pemambueo), 

bearbeitet von 

Dr. Georg Grusen, 

Gerichtaasscssor im Königlich Preussischen Justisministerium zu Berlin. 



Übersicht. 



I. Bibliographie. 
II. Geschichtliches. 

III. Das Strafgesetzbuch vom 11. Oktober 1890. 

a) Übersicht und Gruiidzüge. 

b) Der allgemeine Teil. 

c) Der besondere Teil. 

IV. Die Strafnebengesetze. 
V. Refonnbestrebungen. 



I. Bibliographie. 

a) Für das ältere Recht vergleiche die Übersicht über das frühere portu- 
giesische Straf recht in der Darstellung von Tavares deMedeiros in diesem Werke 
Bd. 1 S. 535. Ausser den dort anffeführtcn Werken ist noch zu erwähnen: d'Azevedo 
('astello Branco: Notice sur l'evolution du droit p^nal portugais, Lissabon 1888. 

b) Litteratur zum Strafgesetzbuche vom 16. Dezember 1830. Foucher: 
Observations sur le code criminel du Bresil; 1831. Dr. Thomas Alvez: Annotacöes 
theoricas e praticas ao Codigo criminal; Rio de Janeiro 1864—1883, 4 Bde. Liberato 
Barroso: Questöes praticas de direito criminal; Rio 1866. Dr. Braz: LicjÖes de direito 
criminal ; Pernambuco 1872. D i d i m o junior : Da autoria ; Rio de Janeiro 1876. M a c e d o 
Soarez: Estudos forenses; Rio 1877. Dr. Paulo Pessöa: Codigo criminal annotado; 
Rio 1877. Silva Costa: A satisfafjäo do damno; Rio 1878. Dias de Toledo: Li<;öes 
academicas sobre artigos do Codigo criminal; Rio de Janeiro 1878. Camargo: 
Direito penal Brasileiro; Saö Paulo 1881—82, 2 Bde. Carlos Perdigao: Manual do 
Codigo penal Brasileiro. Estudos syntheticos e praticos; Rio de Janeiro 1883, 2 Bde. 
M ende 8 da Cunha: Codigo criminal com obser va<;öes ; Recife 1851. Dr. Francisco 
Luiz: Codigo criminal annotado; Maceio 1885. Antonio Luiz Ferreira Tinoco: 
Codigo criminal do Imperio do Brazil; Rio de Janeiro, Imprensa Industrial 1886 (ent- 
hält in einem Anhang die wichtigsten strafrechtlichen Gesetze und Verordnungen aus 
den Jahren 1831 — 1885). Tobias Barreto: Menores e loucos; Recife 1886. Dr. Joäo 
Vieira de Araüjo: Leis Judiciarias annotadas; Recife 1877. Derselbe: Ensaio 
de Direito Penal; Recife 1884. Derselbe: O estupro violento; Recife 1889. Der- 
selbe: Nova Ediccäo Official do Codigo criminal; Recife 1889. Derselbe: Codigo 
Criminal Brasileiro, commentario philosophico-scientifico; Recife 1889. Derselbe: Le 
scienze criminali al Brasile in „La scuola positiva*; Jahrgang III. Napoli 1891. 
Martins junior: Theses e dissertacäo; Recife 1887. — Vgl. auch Ferräo da Silva: 
Theoria de direito penal applicada ao Codigo penal portuguez comparado com o Codigo 
do Brazil, lei» patrias, codigos e leis criminalea des povos antigos e modemos; 
Lisböa 1856. 

c) Litteratur zum Strafgesetzbuche vom 11. Oktober 1890: Manoel 
Godofredo d'Alen Castro Antra n: Codigo penal dos Estados Unidos do Brazil 
annotado segundo a legislacäo vigente para uso dos juizes e jurados, com a graduacäo 
das penas; Rio de Janeiro, Laemmert & C»<^- 1892. Tobias Barreto: Estudos de 
direito; Rio de Janeiro 1892. Oliveira Escorel: Codigo Penal Brasileiro; Saö Paulo 
1893. Nina Rodriguez: As ra^as humanas e a responsabilidade penal no Brazil; 
Bahia 1894. Dr. (-osta Doria: Medicina legal de traumatismos e o Codigo penal; 
Bahia 1894. Ferrer: Notas ao C'odigo penal Brasileiro; Recife 1894. 

d) Aus dem Gebiete des Militärstrafrechts sind zu erwähnen: San tos 
Titara: Auditor Brasileiro; Rio de Janeiro 1860. Thomas Alves Junior: Curso 
de direito militar; 2 Bde., Rio de Janeiro 1866—68. Oliveira Freitas: Elementos 
de direito international maritimo; Rio de Janeiro 1884. 

e) Der Entwurf eines neuen Strafgesetzbuches von der unter dem V'or- 
sitze Vieira de Araüjo's gebildeten Kommission von 1893 ist nebst der Begründung 
abgedruckt in der „Revista Academica da Faculdade de Direito do Recife", Bd. 3 S. 49. 
Vieira de Araüjo: projecto do Codigo penal e a Faculdade de S. Paulo, Separat- 
Abdruck aus der Revista Academica da Faculdade do Recife, Jahrgang IV, Recife 1895. 



172 Brasilien. — I. Bibliographie. IL Geschichtliches. 



sieht und Gesetze aus 1875); Bd. 7 S. 825—855 (von Vicomte d'Ouröm, ehemaligem 
brasilianischen Gesandten zu London, der auch die folgenden Berichte bis Bd. 20 ein- 
schliesslich verfasst hat; Gesetze aus 1877); Bd. 8 S. 724—755 (Gesetze aus 1878); 
Bd. 9 S. 905—958 (Gesetze aus 1879); Bd. 10 S. 721—740 (Entwurf., von 1880 betr. 
Änderung des Art. 266 des Strafgesetzbuches); Bd. HS. 846—899 (Übersetzung des 
Wahlgesetzes vom 9. Januar 1881); Bd. 12 S. 1052—1099 (Übersetzunff des Patent- 
gesetzes vom 14. Oktober 1882 und des Gesetzes vom 4. November 1882 betr. die Er- 
richtung von Aktiengesellschaften); Bd. 13 S. 878—902 (Auslieferungsverträge mit 
Uruguay und Österreich-Ungarn); Bd. 14 S. 863-886 (Gesetze aus 1884); Bd. 15 S. 686 
bis 723 (Gesetze aus 1885); Bd. 16 S. 916-962 (Gesetze aus 1886); Bd. 17 S. 957—989 
(Gesetze aus 1887); Bd. 18 S. 1007-1041 (Gesetze aus 1888); Bd. 19 S. 989—1027 (Mit- 
teilung über den Entwurf des Strafgesetzbuches von Vieira de Araüjo und dessen 
Prüfung durch die Kommission); Bd. 20 S. 884—940 (Kritik und kurze Analvse des 
Strafgesetzbuches von 1890); Bd. 24 S. 1057 (Gesetze aus 1891—94, vom Vicomte 
de Cavalcanti, Bd. .25 S. 942—961 (von Cavalcanti, Gesetze aus 1895). 

Vgl. auch die Übersicht über die brasilianische Gesetzgebung im Jahre 1895 
von Rechtsanwalt Dr. Vergueiro Steidel in Saö Paulo und: Die Gesetzgebung 
Brasiliens seit Begründung der Republik von Professor Dr. Monteiro in Saö Paulo, 
beide in dem Jahrbuch der Internationalen Vereinigung für vergleichende Rechts- 
wissenschaft und Volkswirtschaftslehre zu Berlin, Bd. 2 S. 169—189. 

g) Verschiedenes. Sammelwerke: Colleccjäo das leis da Republica dos 
Estados Unidos do Brazil, Rio de Janeiro, Imprensa Nacional; Arestos do Supremo 
Tribunal de Justica, herausgeg. von Candido und Fernando Mendes de Almeida; 
Rio de Janeiro 1885. — Zeitschriften: Revista juridica; Gazeta juridica; Revista 
Academica da Faculdade de Direito do Recife: Direito, Rio de Janeiro (seit 1873): 
Revista do Instituto da Ordem dos advogados Brasileiros; Rio de Janeiro. — Die 
Gesetze werden seit 1890 in der amtlichen Getzsammlung „Diario official" publi- 
ziert (Verordnung vom 12. Juli 1890, Annuaire Bd. 20 S. 938). 

IL Geschichtliches. 

1. Brasilien als portugiesische Kolonie. In der ersten Zeit nach 
seiner Entdeckung durch Cabral im Jahre 1500 wurde Brasilien, oder, wie 
es anfangs hiess: „Ilha da vera Cruz", von den Portugiesen als Deportations- 
ziel für Verbrecher und durch die Inquisition Verurteilte, 1548 auch als An- 
siedlungsort für die aus der Heimat verbannten Juden verwendet. In dem 
Streite Spaniens und Portugals über die Teilung von Südamerika kam es 
1549 durch Schiedsspruch des Papstes Alexander VI. an Portugal, später (1580) 
mit der Krone von Portugal unter spanische Herrschaft, wo es bis zur Wieder- 
besteigung des portugiesischen Thrones durch das Haus Braganza im Jahre 
1640 verblieb. Während der Besetzung Lissabons durch die Franzosen (1808) 
verlegte die portugiesische Regierung ihren Sitz nach Rio de Janeiro und 
verlieh Brasilien den Titel eines Königreichs. Dieses war der erste Schritt 
zur Trennung vom Mutterlande; alle späteren Versuche, Brasilien wieder auf 
den Standpunkt einer von Europa aus regierten Kolonie herabzudrücken, 
scheiterten an dem, energischen Widerstände der autonomistischen Partei. 
Kurze Zeit, nachdem König Johann VI. nach Europa zurückgekehrt war, 
wurde am 7. September 1822 die Unabhängigkeit des Landes proklamiert und 
am 12. Oktober der bisherige Regent als Dom Pedro I. zum konstitutionellen 
Kaiser von Brasilien erklärt. 

Bis zu diesen Ereignissen stand Brasilien unter den Gesetzen des Mutter- 
landes. Es galten also wie in Portugal^) die bereits unter Johann I. vor- 
bereiteten, aber erst durch Alphons V. abgeschlossenen sogenannten „Alphon- 
sinischen Ordonnanzen" von 1446 mit ihren späteren Änderungen und Um- 
bildungen, den „Ordena^oes Manuelinas" von 1521 und den „Ordena90es 

*) Vgl. die Darstellung des portugiesischen Straf rechts von Tavares de Medeiros 
in Bd. 1 S. 5;^— 578. 



n. Geschichtliehe». 173 



Filippinas" von 1603, deren grausame und namentlich den humanen An- 
schauungen des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts zuwiderlaufende Be- 
stimmungen allerdings durch die Gerichtspraxis erheblich gemildert waren. 

2. Brasilien als selbständiges Kaiserreich. — Das Strafgesetz- 
buch vom 16. Dezember 1830 und seine Nebengesetze. Bald nach 
der Lossagung vom Mutterlande machte sich in Brasilien das Verlangen nach 
einer umfassenden, den besonderen Bedürfnissen des Landes besser ent- 
sprechenden eigenen Gesetzgebung geltend. In kurzer Zeit entwickelte sich 
eine lebhafte Thätigkeit, namentlich auf dem Gebiete des Straf rechts, des Straf - 
prozessrechts und der Rechtsverhältnisse der Sklaven. Als Ergebnisse sind 
eine ganze Reihe von Gesetzen zu nennen: das Strafgesetzbuch (16. Dezember 
1830), die Strafprozessordnung (29. November 1832, mit zahlreichen späteren 
Änderungen und Zusätzen), Gesetze über den Missbrauch des Vereinsrechts, 
Waffentragen, Landstreicherei, Sklavenhandel (1831), Verfälschung von Münzen 
und Papiergeld (1833). Indes blieben auch von den früheren Gesetzen einige 
wichtige in Kraft, so die provisorische Verordnung vom 20. Juni 1796 über 
die Disziplin an Bord der Kriegsschiffe und das Strafgesetzbuch (Artiguos de 
guerra) für die Marine vom 26. April 1800, die trotz wiederholter Versuche, 
sie abzuschaffen, erst 1890 aufgehoben wurden^). 

Das Strafgesetzbuch vom 16. Dezember 1830 enthält 313 Artikel 
und zerfällt in vier Bücher: I. Strafbare Handlungen und Strafen; II. strafbare 
Handlungen gegen den Staat; III. strafbare Handlungen gegen die Rechte 
der Einzelnen; IV. Polizei vergehen. Das Gesetz, das von Our^m^) als eines 
der hervorragendsten der damaligen Zeit gerühmt wird, beruht im wesent- 
lichen auf dem französischen Recht des Code pönal, das seines sozusagen 
internationalen Charakters wegen zur Einführung in anderen Ländern be- 
sonders geeignet war, weist aber eine Reihe individueller Züge auf. Vom 
Standpunkte der europäischen Gesetzestechnik kann auch diesem Strafgesetz- 
buche, wie den meisten südamerikanischen, der Vorwurf grosscT Weitschweifig- 
keit und übermässiger Kasuistik^) nicht erspart werden. Das Gesetz über- 
trifft in dieser Beziehung wohl alle anderen, und zwar hauptsächlich infolge 
der im besonderen Teile angewandten, ihm eigentümlichen Methode der Straf- 
androhung; sie besteht darin, dass bei jedem Delikt im einzelnen angegeben 
wird, welche Strafe zu verhängen ist, wenn es vorsätzlich begangen ist, wenn 
es sich um Beihülfe oder Versuch oder Beihülfe zum Versuch handelt, wenn 
mildernde oder erschwerende Umstände vorliegen u. s. w. Für jeden einzelnen 
dieser Fälle sind drei verschiedene Strafgrade vorgesehen. Die Folgen dieses 
Verfahrens lassen sich z. B. an Art. 106 (Widerstand oder Drohungen gegen 
eine Gemeindebehörde) erläutern: die Aufzählung der möglicherweise vor- 
kommenden Strafmasse umfasst (in der Ausgabe von Tinöco) nicht weniger 
als 88 Zeilen. Andererseits enthält der allgemeine Teil zahlreiche gute und 
praktisch brauchbare Bestimmungen, in denen vielfache Abweichungen von 
dem französischen Recht enthalten sind. Die Dreiteilung der Strafthaten ist 
aufgegeben und durch die Einteilung in „crimes" (umfassend Verbrechen und 
Vergehen) und „crimes policiaes" (Polizeiübertretungen) ersetzt. Die Straf- 
mündigkeit beginnt mit dem vollendeten vierzehnten Lebensjahre; jüngere 



') Siehe hierüber Annuaire de K^gisl. ^tranffere Bd. 13 S. 892 und 893, Bd. 20 S. 904. 

') Im Annuaire de leffislation ^trangfere Bd. 20 S. 922. 

') Vgl. z. B. die von den erschwerenden und mildernden Umständen handelnden 
Artt. 15—18 und dazu: portugiesisches Strafgesetzbuch vom 14. Juni 1884, Artt. 30—49 
(Tavares de Medeiros in Bd. 1 S. 542), peruanisches Strafgesetzbuch vom 1. Oktober 
1862, Artt. 8 — 10 (Crusen oben S. 62 und 63), spanisches Strafgesetzbuch vom 1. Januar 
1871, Artt. 8—10 (Rosenfeld in Bd. 1 S. 508). 



174 Brasilien. — IL Geschichtliches. 



Übelthäter können, wenn ihnen die Kenntnis der Unerlaubtheit ihrer Hand- 
lungsweise nachgewiesen wird, in eine Erziehungsanstalt geschickt werden; 
die Dauer der Unterbringung wird vom Gerichte bestimmt, aber durch 
die Vollendung des siebzehnten Lebensjahres begrenzt (Art. 13). Wer wegen 
Geisteskrankheit freigesprochen ist, wird entweder seiner Familie oder einer 
Anstalt zur Pflege überwiesen (Art. 12j. Die Entschädigung des Opfers einer 
strafbaren Handlung ist in den Artt. 21 — 32 sachgemäss geregelt. Das Strafen- 
system (Artt. 33 — 60) ist einfach und übersichtlich; unter den Strafen findet 
sich auch die durch den Strang zu vollziehende Todesstrafe; schwerste Frei- 
heitsstrafe ist die ,,pena de gales", bestehend in Zwangsarbeit in Eisen unter 
Ankettung mehrerer Gefangener an einander (Art. 44). Prügelstrafe (aQoites) 
kann in einigen Fällen, jedoch nur gegen Sklaven, verhängt werden (Art. 60). 
Die rechtskräftig erkannte Strafe unterliegt nicht der Verjährung (Art. 65). 
Die Thatsache, dass bei der Begehung eines Delikts mehrere Personen mit- 
gewirkt haben, bildet für sich allein schon einen Strafschärfungsgrund 
(Art. 16 § 17). 

Dass die Vorschriften des allgemeinen Teils den Bedürfnissen des Landes 
im wesentlichen entsprachen, ergiebt sich daraus, dass sie während einer 
sechsjährigen Geltungsdauer nur geringe Änderungen erfuhren. Dagegen 
wurde der besondere Teil in zahlreichen Punkten, und zwar zum Teil schon 
kurz nach dem Inkrafttreten des Gesetzes, modifiziert. Die teils seiner Er- 
gänzung, teils seiner Verbesserung dienenden Gesetze betreffen u. a. folgende 
Materien : Missbrauch des Versammlungsrechts, Waffentragen, unbefugtes Tragen 
von Abzeichen, Landstreicherei, Sklavenhandel (1831); Anfertigung falscher 
Münzen und falschen Papiergeldes (1833); strafbare Handlungen gegen Pflanzer 
und deren Aufseher (1835); Bankerutt und Sklavenhandel flSSO); strafbare 
Handlungen in Bezug auf Militärdienst, Gesundheitspolizei, Eisenbahnen und 
Telegraphen (1851), Lotterien (1860), Trunksucht, fahrlässige Tötung und 
Körperverletzung (1871), im Auslände begangene strafbare Handlungen, Nach- 
ahmungen von Fabrik- und Handelsmarken (1875), Erfindungspatente, Aktien- 
gesellschaften (1882), Abschaffung der Prügelstrafe, Sachbeschädigung, Brand- 
stiftung und ähnliche Delikte (1886), unterseeische Kabel (1888). 

Zahlreiche Wünsche nach Refonnen auf anderen Gebieten, wie dem 
Marinestrafrecht, und nach Abschaffung der Todesstrafe blieben zur Zeit 
der Monarchie unerfüllt. Am 15. November 1889 erlag das seit langer 
Zeit wankende, unter den Republiken des Kontinents völlig isolierte Kaiser: 
tum der Abneigung der Bevölkeining gegen die monarchische Staatsform 
und durch die Verfassung vom 24. Februar 1891 erhielt Brasilien end- 
gültig die Form eines Bundesstaates mit weitgehender Selbständigkeit der zu 
Staaten umgewandelten ehemaligen Provinzen. Schon in den letzten Jahren 
der Monarchie, namentlich aber infolge der Abschaffung der Sklaverei im 
Jahre 1888, war die Notwendigkeit einer gründlichen Durchsicht und Kodi- 
fikation der gesamten Strafgesetzgebung fühlbar geworden ^) ; nun konnte sie 
zur That werden. Um die Arbeit zu erleichtem und zu beschleunigen, 
arbeitete Dr. J.Vieira de Araüjo, Professor des Straf rechts an der juristischen 
Fakultät zu Recife (Pernambuco) einen „Vorentwurf einer neuen amtlichen 
Ausgabe des Strafgesetzbuches" aus und überreichte ihn der provisorischen 
Regierung. Diese überwies ihn am 22. Juli 1889 zur Prüfung an eine Kom- 
mission von drei Mitgliedern, die zwar den grossen Wert der Arbeit anerkannte, 
ihre Ansicht aber dahin aussprach, dass nicht nur eine einfache Revision, 
sondern eine völlige Neuschaffung der Strafgesetzgebung erforderlich sei, um 



*) Vgl. Aniiuaire de legislation etrangfere Bd. IH S. 1026. 



in. Das Strafgesetzbuch vom 11. Oktober 1890. a) Übersicht und Grundzüge. 175 



dieses Gebiet der Gesetzgebung mit den veränderten Verhältnissen des Landes 
in Einklang zu bringen. Mit der Lösung dieser Aufgabe wurde von der 
provisorischen Regierung der Advokat Baptista Pereira betraut, dessen 
Entwurf als „Codigo penal dos Estados Unidos do Brazil" am 11. Oktober 
1890 Gesetzeskraft erhielt.^) Der Zeitpunkt des Inkrafttretens wurde durch 
Verordnung vom 6. Dezember 1890 bestimmt; er ist verschieden, je nach der 
grösseren oder geringeren Entfernung der Bezirke von der Bundeshauptstadt.*) 



IIL Das Strafgesetzbuch vom 11. Oktober 1890. 

a) Übersioht und Grundzüge. 

a) Übersicht und Grundzüge. Das Strafgesetzbuch vom 11. Oktober 
1890 enthält 412 Artikel und zerfällt in vier Bücher mit folgendem Inhalt: 
I. Strafbare Handlungen und Strafen; II. Vergehen; III. Übertretungen; 
IV. allgemeine Bestimmungen. Die allgemeinen Grundsätze sind zum grössten 
Teile im ersten, zum kleineren im letzten Buche untergebracht, das ausserdem 
Übergangs- und Ausftihrungsvorschriften enthält. 

Das Gesetz hat sich von der geschichtlichen Grundlage des brasilianischen 
Strafrechts, wie sie in dem Kriminalgesetzbuch von 1830 verkörpert war, 
keineswegs völlig losgesagt, schliesst sich aber in der Einteilung des Stoffes 
eng an das italienische Strafgesetzbuch von 1889 an. Gewisse Unebenheiten 
in der Zusammenfassung der Delikte in Gruppen erklären sich leicht aus der 
Schnelligkeit, mit der das Gesetz entstanden ist. Im übrigen aber enthält es, 
wie Our6m mit Recht hervorhebt, wichtige Fortschritte und entspricht in 
vieler Beziehung den Anforderungen, welche die Gegenwart an ein Straf- 
gesetzbuch stellen darf. Die Fassung ist klar, präzise und erreicht gerade 
bei der Definition wichtiger Delikte zuweilen eine bemerkenswerte Schärfe. 
Zwar finden sich hier und da Bestimmungen, die auf einen viel geringeren 
Raum hätten zusammengedrängt werden können, so bei der Aufzählung der 
straferhöhenden und mildernden Umstände. Indes fällt ein Vergleich, beispiels- 
weise mit dem portugiesischen Straf ges(»tzbuche von 1866 (Artt. 34 und 39; 
vgl. Bd. 1 S. 541, o42j, das nicht weniger als 34 erschwerende und 23 mil- 
dernde Umstände kennt, zu Gunsten des brasilianischen Gesetzgebers aus, 
dem man das Lob nicht vorenthalten dari, dass er sich durch die Einschränkung 
der sonst in den südamerikanischen Ländern üblichen, für europäische Begriffe 
völlig unerträglichen Kasuistik ein grosses Verdienst um die Rechtswissen- 
schaft seines Vaterlandes erworben hat. Besonders wichtig ist es, dass die 
oben geschilderte Methode der alle einzelnen Gestaltungen der Strafthat im 
voraus berücksichtigenden Strafandrohungen, wie sie im Strafgesetzbuche von 
1830 angewendet war, vollständig verlassen ist. Die Ordnung des Strafen- 
systems lässt das Bestreben erkennen, unter Beseitigung des herkömmlichen 
Unterschiedes zwischcni entehrenden und nichtentehrenden Freiheitsstrafen 
(Zuchthaus — Gefängnis), alle Strafthaten im allgemeinen mit ein und der- 
selben Strafe, dem „prisäo cellular"^), d. h. Einsperrung mit Arbeitszwang und 
teilweiser Einzelhaft, zu belegen und andere Strafmittel nur dann zu ver- 
wenden, wenn die Androhung dieser regelmässigen Strafe aus besonderen 
Gründen nicht angezeigt erscheint. Andrerseits sind, und hier dürften wohl 



*) Annuaire de legiälation etrangere Bd. 19 S. 1012. 
*) Annuaire de legislation etrangere Bd. 20 S. 922. 

') Zur Abkürzung und zur Unterscheidung des „prisäo cellular" von den beiden 
anderen Arten des prisÄo ist diese Strafe im folgenden stets als Zuchthaus bezeichnet. 



176 Brasilien. — III. Das Strafgesetzbuch vom 11. Oktober 1890. 



die Bestrebungen der „Internationalen Kriminalistischen Vereinigung" nicht 
ohne Einfluss gewesen sein, die kurzzeitigen Freiheitsstrafen aus dem System 
des Gesetzes nahezu vollständig verschwunden. Strafen von geringerer als 
einmonatiger Dauer kommen, selbst bei den Übertretungen, nur vereinzelt 
vor; wohl aber kehrt das Mindestmass von einem Jahre häufig wieder. Über 
den praktischen Erfolg dieser Vorschriften liegen Mitteilungen nicht vor; die 
Ergebnisse dürfen auf allgemeine Beachtung umsomehr Anspruch machen, als 
der Gesetzgeber es nicht für erforderlich gehalten hat, die Strenge seiner 
Strafandrohungen durch Zulassung der bedingten Verurteilung zu mildem. 
In der Behandlung der Geldstrafe ist ein Fortschritt nicht zu verzeichnen; 
bedauerlich ist namentlich die in zahlreichen Fällen erfolgte Beschränkung ihres 
Höchstmasses auf 20 Prozent des durch die That verursachten Schadens. 

b) Der allgemeine TeiL 

Die allgemeinen Grundsätze des Strafrechts sind teilweise im Prinzip 
schon durch die Bundesverfassung vom 24. Februar 1891 festgestellt und von 
dort ohne Veränderungen in das Strafgesetzbuch übernommen. Hier sind sie, 
abgesehen von den Artt. 405 — 409 des vierten Buches im ersten Buche des 
Gesetzes enthalten, das unter der Überschrift „Dos crimes e das penas" in 
sechs Titeln die Artt. 1 — 86 umfasst, und dessen Anordnung im Folgenden der 
Hauptsache nach beibehalten ist. 

I. Anwendung und Wirkung des Strafgesetzes (Titel I. Da appli- 
ca9äo e dos effeitos da lei penal, Artt. 1 — 6). In Übereinstimmung mit Art. 72 
der Staatsverfassung stellt das Gesetz an seine Spitze den Grundsatz: nuUum 
crimen, nulla poena sine lege poenali; infolgedessen wird auch die ausdehnende 
Anwendung des Strafgesetzes auf analoge, aber nicht ausdrücklich mit Strafe 
bedrohte Fälle für unzulässig erklärt (Art. 1). Die Verurteilung eines An- 
geschuldigten darf nur bei nachgewiesener Schuld, niemals auf Grund von 
Vermutungen erfolgen (Art. 67). Rückwirkende Kraft kann das Strafgesetz 
nur zu Gunsten des Angeklagten äussern (Art. 3). Bezüglich des internationalen 
Strafrechts steht das Gesetz auf dem Standpunkte des Territorialitätsprinzips 
und erklärt sich daher in Art. 4 für anwendbar gegen alle Personen ohne 
Unterschied der Staatsangehörigkeit, die auf brasilianischem Gebiete (wozu auch 
brasilianische Kriegsschiffe in fremden Häfen, fremde Schiffe in brasilianischen 
Häfen und brasilianische Schiffe jeder Art auf hoher See gehören) eine straf- 
bare Handlung begehen. Ausserdem aber unterliegen der Bestrafung nach 
brasilianischem Recht gewisse, von einem Brasilianer oder Ausländer im Auslande 
begangene Delikte (gegen die Unabhängigkeit, die Unversehrtheit, die Ver- 
fassung und die Regierungsform der Republik, femer Falschmünzerei, an der 
Grenze verübter und im Begehungslande nicht abgeurteilter Mord und Raub), 
sofern der Thäter demnächst das brasilianische Gebiet betritt. Abweichende 
Bestimmungen der Auslieferungsverträge bleiben jedoch unberührt^) (Art. 5). 

Das Gesetz findet keine Anwendung auf Handlungen, welche der Präsident 
der Republik in Ausübung seiner Funktionen begeht 2), auf rein militärische 
Delikte (was hierunter zu verstehen ist, crgiebt sich aus den Gesetzen No. 359 
vom 20. Oktober 1824 und Xo. 631 vom 18. September 1851; strafbare Hand- 



*) Brasilien hat Auslieferungsverträge u. a. abgeschlossen mit England (13. No- 
vember 1872, dazu Deklaration vom 19. Februar 1887), Deutschland (17. September 
1877), Belgien (12. Dezember 1877), den Niederlanden (1. Juni 1881), Österreich-Ungarn 
(31. Mai 1883). 

^) Über die strafrechtliche Verantwortlichkeit des Präsidenten für diese Hand- 
lungen ist unter dem 8. Januar 1892 ein besonderes Gesetz ergangen; vgl. unten S. 193. 



b) Der allgemeine Teil. 177 



langen von Militärpersonen , die weder in den Kriegsartikeln noch in den 
Militärverordnungen mit Strafe bedroht sind, werden nach dem Civilstrafgesetz- 
buche bestraft; d'Alencastro Autran, Anm. 9 zu Art. 6), endlich auf die in 
den Polizei- und Finanzgesetzen der einzelnen Bundesstaaten mit Strafe be- 
drohten Handlungen (Art. 6). Die Aufrcchterhaltung der auf diese letzteren 
bezüglichen Bestimmungen ist übrigens auch noch in Art. 410 ausgesprochen, 
wahrend Art. 412 alle dem Strafgesetzbuche zuwiderlaufenden Gesetze für 
aufgehoben erklärt.^) 

II. Verbrechen und Verbrecher (Titel IL Dos crimes e dos criminosos, 
Artt. 7 — 23). Sowohl in einer Handlung (ac9ao), wie in einer Unterlassung 
(omissHo) kann eine Verletzung des Strafgesetzes liegen (Art. 2). 

1. Nach ihrer Schwere unterscheidet das Gesetz die Delikte in Ver- 
gehen (crimes), d. h. zurechenbare schuldhafte Verletzungen des Strafgesetzes, 
und Übertretungen (contra ven9Öes) : die willentlichen, nur in der Verletzung 
oder Ausserachtlassung von Ordnungsvorschriften bestehenden Gesetzesver- 
letzungen (Art. 7. Crime 6 a violagäo imputavel e culposa da lei penal. 
Art. 8. Contraven^ao 6 o facto voluntario punivel que consiste unicamente 
na violagao, ou na falta de observancia das disposi^öes preventivas das leis e 
dos rogul amen tos). Nach den Bestimmungen des besonderen Teiles muss an- 
genommen werden, dass fahrlässige (d. h. auf imprudencia, impericia oder 
inobservancia zurückzuführende) Handlungen nur dann bestraft werden, wenn 
das Gesetz dieses ausdrücklich vorschreibt.^) 

2. Nach dem Grade der Verwirklichung des verbrecherischen 
Entschlusses unterscheidet das Gesetz die Strafthaten in vollendete und 
versuchte. Ein vollendetes Delikt (crime consummado, Art. 12) liegt vor, 
wenn seine sämtlichen gesetzlichen Thatbestandsmerkmale gegeben sind; 
namentlich muss also, wenn hierzu der Eintritt eines bestimmten Erfolges 
gehört, auch dieser vorliegen (Art. 11). Die Strafbarkeit des Versuchs 
(tentativa, Art. 13) hängt davon ab, dass in der Absicht, eine Strafthat zu 
veinlben, äussere Handlungen vorgenommen sind, die vermöge ihrer direkten 
Beziehung zur That einen Anfang ihrer Ausführung enthalten, und dass diese 
letztere lediglich aus Gininden, die von dem Willen des Thäters unabhängig 
sind, unterblieben ist. Als derartige von dem Willen des Thäters unabhängige 
Umstände werden immer angesehen: die auf Irrtum oder Unüberlegtheit be- 
ruhende Verwendung oder die ungeschickte Benutzung an sich tauglicher 
Mittel (o emprego errado ou irreflectido de meios julgados aptos para a con- 
secu^ao do fim criminoso ou ö mao emprego desses meios); bei völliger Un- 
tauglichkeit des angewandten Mittels sowie bei absoluter UneiTeichbarkeit des 
dem Thäter vorschwebenden Ziels bleibt der Versuch straflos (Art. 14). Aus 
diesen positiven Vorschriften ergiebt sich, dass der Versuch, ein nur in con- 
creto unerreichbares Resultat herbeizuführen, sowie der zur Erlangung eines 
an sich möglichen Resultats, aber mit ungenügenden Mitteln unternommene 
Versuch strafbar ist. Da der Versuch nur unter der Voraussetzung bestraft 
wird, dass die vollständige Ausführung des Vorhabens infolge von Umständen, 
die von dem Willen des Thäters unabhängig waren, unterblieben ist, so bleibt 
er als solcher straflos, wenn der Thäter von der Ausführung seines Vorhabens 
freiwillig zurücktritt. Indes kann die Bestrafung aus einem anderen recht- 
lichen Gesichtspunkte erfolgen, wenn nämlich die vorgenommenen Handlungen 



*) Wegen der Einzelheiten vgl. unten S. 191. 

') Man vgl. z. B. Art. 148 (fahrlässige Begehung gewisser gemeingefährlicher De- 
likte), Art. 151 (fahrläsBige Herbeiführung eines Eisenbahnunglücks), Art. 153 § 1 (fahr- 
lässige Beschädigung von Telegraphenanlagen). 

Strafgesetzgebung der Gegenwart. II. X2 



178 Brasilien. — III. Das Strafgesetzbuch vom 11. Oktober 1890. 



den Thatbestand eines besonderen Delikts darstellen (Art. 15); dasselbe gilt 
von blossen Vorbereitungshandlungen (actos exteriores, que näo constituirein 
come90 de execu9äo, Art. 10). Der Versuch einer Übertretung und eines mit 
höchstens einmonatigem Arbeitshaus bedrohten Vergehens wird ausdrücklich 
für straffrei erklärt (Art. 16). 

3. Die an einer Strafthat möglicherweise beteiligten Personen 
sind: Thäter und Gehülfen (Art. 17). Der besondere Begriff des „encubridor" 
(Begünstiger und Hehler), der in den meisten südamerikanischen Strafgesetz- 
büchern vorkommt, ist dem geltenden brasilianischen Recht unbekannt. Als 
Thäter (autor) gilt ausser demjenigen, der die That allein ausgeführt hat, 
und den Mitthätern auch der Anstifter und derjenige Gehülfe, ohne dessen 
Beistand die That nicht ausgeführt worden wäre (Art. 18). Wer einen anderen 
zur Begehung einer strafbaren Handlung bestimmt, haftet, auch wenn jener 
seinen Auftrag überschritten hat, für die von diesem begangene That als Ur- 
heber, falls er sich nicht rechtzeitig von ihm losgesagt hat (Art. 19 und 20). 
Als Gehülfe (complice) gilt auch der Begünstiger und Hehler (Art. 21). 

4. Bei Prossdelikten ^) gelten über Thäterscliaft und Teilnahme be- 
sondere Vorschriften; es haften solidarisch: der Verfasser, Drucker, Verleger, 
unter gewissen Voraussetzungen auch der Verkäufer und Verbreiter. Der Ge- 
schädigte kann wählen, gegen welche dieser Personen er klagbar werden 
wül (Artt. 22, 23). 

III. Strafrechtliche Verantwortlichkeit; Straf ausschliessungs- 
und Rechtfertigungsgründe (Titel III. Da responsabilidade criminal; 
das causas que derimen a criminalidade e justificam os crimes, Art 24 — 35). 
Dem Gesetze zuwiderlaufende Handlungen oder Unterlassungen, welche weder 
in strafbarer Absicht (inten^äo criminosa '-) ) begangen noch die Folge von 
Nachlässigkeit, Unvorsichtigkeit oder Unerfahrenheit (negligencia, imprudencia 
ou impericia) sind, werden nicht bestraft (Art. 24 und in sachlicher Über- 
einstinmiung hieimit Art. 27 § 6). Die sti-afrechtliche Verantwortlichkeit ist 
rein persönlich und geht nicht von dem eigentlich Schuldigen auf andere über; 
die Verantwortlichkeit der juristischen Personen und der Personen-Vereine 
wird ausdrücklich verneint durch die Bestimmung, dass bei strafbaren Hand- 
lungen, an denen Mitglieder von Korporationen, Vereinen oder Gesellschaften 
teilgenommen haben, nur die eigentlichen Schuldigen zur Rechenschaft gezogen 
werden sollen ^j (Art. 25). — Der Irrtum des Thäters über das sachliche oder 
persönliche Ziel des rechtswidrigen Angriffes, die Unkenntnis des Strafgesetzes 
und die Einwilligung des Verletzten (diese jedoch mit Ausnahme der aus- 
schliesslich im Wege der Piivatklage verfolgbaren Handlungen) sclüiessen die 
verbrecherische Absicht und damit die Bestrafung nicht aus (Art. 26). Der 
Wegfall der Strafbarkeit einer Handlung bringt nicht ohne weiteres die Be- 
freiung von der civürechtlichen Haftung für die civilrechtlichen Folgen der 
That mit sich (Art. 31). 

Die Zurechenbarkeit der That ist ausgeschlossen, wenn der Thäter 
infolge unwiderstehlichen physischen Zwanges, unter dem Drucke einer vis 



*) Genauer: Delikten, welche in dem Missbrauch der Freiheit des Gedanken- 
austausches bestehen ; auch die Mitteilung ungedruckter Schriften an mehr als 15 Per- 
sonen gehört hierher. 

*) Von der „inten^äo criminosa" wird in Art. ;39 § 2 die „premedita^ao" unter- 
schieden, die vorliegt, wenn zwisclien dem Entschlüsse zur That und der Ausführung 
mindestens 24 Stunden liegen. 

'') Allerdings widerspricht diesem Grundsatze Art. 103, indem er die Auflösung 
der Korporation anordnet, „si este crime (nämlich die Anerkennung eines ausländischen 
Oberen durch <'inen hrasilianischtMi Staatsangehörigen) för commettido por corpora^äo**. 



b) Der allgemeine Teil. 179 



absoluta, handelte (Art. 27 S. 5). Die Fälle der Unzurechnungsfähigkeit 
werden in Aitt. 27 — 30 des Gesetzes behandelt. 1. Das Alter der absoluten 
Strafunmündigkeit geht bis zum vollendeten neunten, das der bedingten Straf- 
unmündigkeit vom vollendeten neunten bis zum vollendeten vierzehnten Lebens- 
jahre; das Alter zwischen 9 und 21 Jahren bildet einen mildernden Umstand 
(Art. 42 § 11). Jugendliche zwischen 9 und 14 Jahren können, wenn sie im 
Besitze des Unterscheidungsvermögeiis waren, für eine vom Richter zu be- 
stimmende Zeit, jedoch nicht über das vollendete siebzehnte Lebensjahr hinaus, 
in besondere Erziehungsanstalten, „estabelecimentos disciplinares industriaes", 
untergebracht werden (Art. 30). — 2. Bei den krankhaften Geisteszu- 
ständen unterscheidet das Gesetz: angeborenen Schwachsinn und greisenhafte 
Entartung, welche die Zurechnungsfähigkeit vollständig aufheben, vollständige 
Beraubung des Gebrauches der Sinne und der Intelligenz bei Begehung der 
That, endlich angeborene Taubstummheit; im letzteren Falle wird jedoch ge- 
straft, wenn der Taubstumme das Unterscheidungsvermögen besass. Wer 
seines geistigen Zustandes wegen nicht bestraft werden kann, wird seinen 
Angehörigen überwiesen oder, wenn es im Interesse der Sicherheit [des 
Publikums erforderlich ist, in eine IiTenanstalt gebracht (Art. 29). 

Die Strafbarkeit der Handlung wird ausgesclilossen durch bindenden 
Befehl eines rechtmässigen Vorgesetzten, den zu befolgen der Handelnde ge- 
setzlich verpflichtet ist, vorausgesetzt, dass dieser den Befehl weder durch die 
That selbst noch durch die Art ihrer Ausführung überschritten hat (Art. 28). 

Nicht nur die Strafbarkeit, sondern auch die Rechtswidrigkeit der 
Handlung entfällt, wenn sie begangen ist infolge von Drohungen, im Notstande 
oder in der Notwehr. 1. Drohungen (ameaQas) heben die Rechtswidrigkeit 
nur dann auf, wenn sie mit gegenwärtiger Gefahr verbunden sind (acom- 
panhados de perigo actual, Art. 27 S. 5); das Gesetz sagt nicht, ob nur die 
dem Thäter selbst, oder ob auch die einem Dritten di'ohende Gefahr berück- 
sichtigt wird. Die Schwere der begangenen Straf that mrd nicht berücksichtigt; 
auch bei Mord, Notzucht u. s. w. hat demnach Straflosigkeit einzutreten. — 
2. Als im Notstände^) begangen gilt die zur Veimeidung eines grösseren 
Übels zugefügte Rechtsverletzung unter der Voraussetzung, dass a) das zu 
vermeidende Übel sicher zu erwarten war (certeza do mal que se propoz 
evitar), dass femer b) ein anderes weniger schädliches Mittel zur Abwehr 
nicht zu Gebote stand, und endlich, dass c) von dem angewandten Mittel ein 
Erfolg mit Wahrscheinlichkeit zu erwarten war. Im Urteil muss das Vor- 
handensein aller dieser Umstände ausdrücklich festgestellt werden. 2) Dass 
der Notstand den Thäter nur dann von Strafe befreit, wenn dieser sich selbst 
vor einem Nachteil schützen wollte, folgt mittelbar daraus, dass in der Definition 
der Notwehr den Worten „defesa legitima propria" der Zusatz „ou de outrem" 
ausdrücklich hinzugefügt ist. — 3. Notwehr (defesa legitima, Art. 32 § 2) ist 
diejenige Verteidigung, welche erforderlich ist, um von sich oder einem anderen 
einen Angriff abzuwenden, vorausgesetzt, dass a) der Angriff gegenwärtig und 
b) nicht von dem Angegriffenen provoziert war, dass ferner c) die Erlangung 
anderweiter Hülfe, insbesondere durch Anrufung der Obrigkeit, unm()glich und 
d) die angewandte Verteidigung sachgemäss war und in richtigem Verhältnis 
zu dem Angriffe stand; das Gesetz verlangt „emprego de meios adequados 



^) Ein dem deutschen Worte „Notstand" oder dein französischen „etat de neeessitt^*' 
entsprechendes Hauptwort ist der portugiesischen Sprache, oder doch jedenfalls dem 
brasilianischen Strafgesetzbuche fremd, sodass es IJiiischreibungen anwenden muss; 
vgl. Art. 32 § 1. 

*) Autran, Codigo penal Anm. 24a zu Art. ?5.*J. 

12* 



180 Brasilien. — III. Das Strafgesetzbuch vom 11. Oktober 1890. 



para evitar o mal e em propor9äo da aggressao" (Art. 34). Auf die Natur 
desjenigen Rechtsgutes, dessen Verletzung durch die Notwehrhandlung ver- 
hindert oder zurückgewiesen werden soll, kommt es nicht an; das Gesetz 
sagt ausdrücklich in Art. 32 § 2: „A legitima defesa näo 6 limitada unicamente 
ä protecQ^o da vida; ella comprehende todos os direitos que poderem ser 
lesados". Der Angriff auf jedes, auch auf das geringfügigste Rechtsgut, kann 
daher unter Umständen straflos zurückgewiesen werden. In gewissen Fällen, 
nämlich bei Abwehr nächtlichen Einbruches und bei Widerstand gegen un- 
gesetzliche Anordnungen, wird das Vorhandensein der Notwehr präsumiert 
(Art. 35). 1) 

IV. Erschwerende und mildernde Umstände (Titel IV. Das cir- 
cumstancias aggravantes e attenuantes, Artt. 36 — 42). Mildernde Umstände 
bewirken Ermässigung, erschwerende die Erhöhung der Regelstrafe (Art. 36), 
letztere jedoch nur, sofern sie nicht zum gesetzlichen Thatbestande des Delikts 
gehören (Art. 37). Der Fall des Zusammentreffens beider Arten ist in Art. 38, 
wie überhaupt die ganze Materie, sehr kasuistisch geregelt. Aus den er- 
schwerenden Umständen, von denen das Gesetz nicht weniger als 22 kennt, 
sind hervorzuheben: Begehung zur Nachtzeit, mit besonders gefährlichen Mitteln, 
infolge einer erhaltenen oder versprochenen Belohnung, in der vom Thäter 
zu diesem Zwecke betretenen Wohnung des Opfers oder an besonders zu re-^ 
spektierenden Orten (z. B. an Gerichtsstelle), unter Anwendung von mehreren 
Mitteln, unter Benutzung eines öffentlichen Unglücks. Auch der Rückfall ist 
allgemeiner Strafschärfungsgrund, jedoch nur der gleichartige im engsten 
Sinne, wenn der Thäter wegen Verletzung desselben Artikels des Straf- 
gesetzbuches bereits früher rechtskräftig verurteilt war (Art. 40). Zu den 
mildernden Umständen (im ganzen 11, Art. 42) gehören u. a.: schwere 
Reizung des Thäters oder seiner Angehörigen und alle den Strafausschliessungs- 
gründen nahestehenden Thatbestande, dem Vaterlande geleistete Dienste, ge- 
ringer Grad von Trunkenheit, die nicht absichtlich herbeigeführt ist, um in 
diesem Zustande die That zu begehen. 

V. Die Strafen, ihre Wirkungen, Verhängung und Vollstreckung 
(Titel V. Das penas e seus ef feitos; da sua applicafjäo e modo de execugäo, 
Artt. 43—70). 

a) Strafen und Strafvollstreckung. Todesstrafe, entehrende und 
lebenslängliche Strafen sind dem brasilianischen Recht unbekannt; die Dauer 
der längsten Freiheitsstrafe beträgt 30 Jahre (Art. 44). Die bedingte Verurteilung 
wird im Strafgesetzbuch e nicht erwähnt. Nicht als Strafen im Sinne des Ge- 
setzes gelten: die Enthebung von einem Amte im Verwaltungswege (suspensao 
administrativa) , die Untersuchungshaft (prisäo preventiva dos iudiciados), die 

^) Bei Notstand und Notwehr spricht das Gesetz von „entschuldbarer That** 
(crime justificavel oder justificado), während in den anderen Fällen der Straflosigkeit 
davon die Rede ist, dass die Thäter „keine Verbrecher sind" (näo säo criminosos, 
Artt. 27, 82) oder dass ein Umstand „von Strafe befreit** (isentarÄ da pena, Art. 28), 
oder dass jemand „frei von Schuld" (isento de culpabilidade, Art. 29, bei Geistes- 
krankheit) ist. In einem Falle (Art. 31) wird der Ausdruck gebraucht, dass die „Ab- 
wesenheit der strafrechtlichen Verantwortlichkeit" (a isen^äo da responsabilidade 
criminal) die civilrechtliche nicht ausschliesst. Endlich sei erwähnt, dass in dem Falle 
der weder auf Vorsatz noch auf Fahrlässigkeit beruhenden, also rein zufälligen That, 
wo nach deutscher Terminologie von „Nichtzurechnung zur Schuld" gesprochen wird, 
das Gesetz sagt : „sie soll nicht mit Strafe belegt werden" (näo seräo passiveis de pena, 
Art. 24). Bei dieser Mannigfaltigkeit der Ausdrucksweise, die sich mit der Überschrift 
des Titels (das causas que derimem a criminalidade e justificam os crimes) nicht deckt, 
schien es angezeigt, die in der deutschen Strafrechtslehre gebräuchlichen Unter- 
scheidungen in Ausschluss der Zurechnung zur Schuld, der Strafbarkeit und der 
Rechtswidrigkeit beizubehalten. 



b) Der allgemeine Teil. 181 



jedoch auf die gesetzliche Strafe anzurechnen ist (Art. 60). Die Strafvoll- 
streckung wird ausgesetzt, wenn der Verurteilte in Geisteskrankheit verfällt 
(Art. 68). Gesetzliche Folgen der rechtskräftigen Verurteilung zur Strafe sind: 
die Verpflichtung zur Kostentragung, zur Entschädigung des Verletzten nach 
den Grundsätzen des Civilrechts (das in Brasilien bislang nicht kodifiziert ist) 
und die Einziehung der zur Begehung der That benutzten Werkzeuge, sofern 
nicht etwa der Verletzte auf sie einen Anspruch hat (Aiit. 69, 70). Ein Ge- 
setz No. 169 vom 19. Januar 1890 (Art. 3 § 7) giebt dem Staate sowie dem 
Verletzten und seinen Rechtsnachfolgern wegen der ihnen hiernach zustehen- 
den Ansprüche ein gesetzliches Pfandrecht an dem unbeweglichen Vermögen 
des Verurteilten. 

Die angedrohten Strafen sind: Freiheitsstrafen, Ehrenstrafen und Geld- 
strafen. 

1. Freiheitsstrafen (penas restrictivas da liberdade individual), deren 
längste Dauer 30 Jahre beträgt, sind: Zwangsarbeit mit Einzelhaft (Zuchthaus), 
Verbannung, Festungshaft, Gefängnis mit Arbeitszwang und Disziplinargefängnis 
(Art. 43). Jeder zu Freiheitsstrafe Verurteilte ist zu Arbeiten innerhalb der 
Anstalt nach Massgabe seiner Fähigkeiten und seiner früheren Beschäftigung 
verpflichtet (Art. 53). — Zu den einzelnen Straf arten sei folgendes bemerkt: 
1. Zuchthaus (prisao cellular) ist die schwerste Strafe; sie besteht in Ein- 
sperrung mit Arbeitszwang und zeitweiliger Einzelhaft, die bei Strafen bis zu 
einem Jahre einschliesslich den fünften, bei längeren Strafen den vierten Teil 
der Straf dauer, höchstens aber zwei Jahre beträgt; während des übrigen Teils 
der Strafvollstreckung arbeiten die Sträflinge am Tage gemeinschaftlich unter 
Schweigegebot und werden nur nachts geti'ennt (Art. 45).^) Verurteilte, die 
mindestens sechs Jahre zu verbüssen haben, können bei guter Führung nach 
Ablauf der Hälfte der Strafdauer für den Rest der Strafvollstreckung in eine 
landwirtschaftliche Straf anstalt^) (penitenciaria agricola) gebracht werden; wer sich 
hier schlecht führt, wird in das Zuchthaus zurückverwiesen, während bei fortge- 
setztem Wohl verhalten die bedingte Entlassung (livramento condiccional) zulässig 
ist, wenn die Dauer der Reststrafe nicht mehr als zwei Jahre beträgt (Art. 50 § 2). 
Die bedingte Entlassung wird von der Bundesregierung oder der zuständigen 
Provinzialverwaltung auf den begründeten Antrag des Anstaltsleiters verfügt. 
Der Entlassene muss seinen Aufenthalt an dem ihm angewiesenen Orte nehmen 
und untersteht hier der Polizeiaufsicht (Art. 51). Zuwiderhandlungen gegen 
diese Vorschrift sowie die Begehung eines mit Gefängnis bedrohten Delikts 
vor dem Zeitpunkt, an welchem die Strafe ohne die erfolgte bedingte Ent- 
lassung verbüsst gewesen sein würde, haben den Widerruf der letzteren und 
die nachträgliche Vollstreckung der gesamten Reststrafe zur Folge (Art. 52). 
Verurteilungen zu Zuchthaus von mehr als sechs Jahren haben den Verlust 
der bürgerlichen Ehrenrechte (interdic^äo , vgl. unten b 1) nach Verbüssung 
der Ilauptstrafe zur P'olge (Art. 55). — 2. Verbannung (banimento) besteht 
in der Entziehung des brasilianischen Staatsbürgerrechts (cidadao brazilelro) 
und dem Verbot, während der Dauer der Strafe sich auf brasilianischem Ge- 
biete aufzuhalten ; Zuwiderhandlungen gegen dieses Verbot werden mit Festung 



^) Die Durchführung der Vorschriften de« fünften Titels setzt eine umfassende 
Neugestaltung des brasilianischen Gefängniswesens voraus. Solange diese nicht er- 
folgt ist, wird die Zuchthausstrafe in den zur Verbüssung des ^prisao com trabalho'* 
bestimmten Anstalten vollstreckt und, wo solche fehlen, in „prisäo simples", jedoch 
unter Erhöhung der Dauer um ein Seclistel, verwandelt (Art. 409). 

*) Eine derartige Anstalt ist auf Grund des Gesetzes vom 11. Juli 1893 im Staate 
Rio de Janeiro errichtet; Annuaire de legislation etrangere Bd. 24 S. 1058. 



182 Brasilien. — III. Das Strafgesetzbuch vom 11. Oktober 1890. 



bis zu. 30 Jahren bestraft, sofern nicht der Verurteilte inzwischen die Staats- 
angehörigkeit wiedererlangt hat CArt. 46).^; — 3, Die Festungshaft (reclusäo) 
wird in einer Festung, einem befestigten Platze oder einem militärischen Ge- 
bäude vollstreckt (Art. 47). — 4. Gefängnis mit Arbeitszwang (prisäo com 
trabalho) wird in eigens dazu bestimmten landwirtschaftlichen Strafanstalten 
(penitenciarias agricolas^)) oder in Militärgefängnissen (presidios militares) ver- 
büsst fArt. 49;. Im ersteren Falle ist diese Strafe zugleich Zwischenstufe für 
die zu Zuchthaus Verurteilten, die bedingt entlassen werden sollen (vgl. oben 
unter 1 und Codigo penal Artt. 50 — 52). — 5. Disziplinargefängnisstrafe 
(prisäo disciplinar; ist ein besonderes Strafmittel für Jugendliche unter 21 Jahren 
und wird in speziellen Arbeitshäusern Testabelecimentos industriaes especiaes; 
Art. 50) vollstreckt. 

2. Ehrenstrafen sind Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und Amts- 
cfutsetzung; werden sie als Nebenstrafen verhängt, so beginnt ihre Wirkung 
erst nach Verbüssung der Hauptstrafe. 1. Verlust der bürgerlichen 
p]hrenrechte (interdiccao , Art. 55) kommt nur als Nebenstrafe zu mehr als 
sechsjährigem Zuchthaus vor und hat die Untersagung der Ausübung aller 
politischen Kechte, den Verlust aller öffentlichen Ämter des Bundes und der 
Einzelstaaten, einschliesslich der aus Wahlen hervorgegangenen, nebst den da- 
mit verbundenen Einkünften, femer aller Titel, Orden und Auszeichnungen') 
sowie aller öffentlichen Funktionen (munus publicosj zur Folge. — 3. Die 
Amtsentsetzung ist entweder zeitig oder dauernd (perda do emprego, Art. 56; 
suspensao de emprego, Art. 57). 

3. Die Geldstrafe (pena de multa, Artt. 58 und 59) fliesst in die Kasse 
des Bundes oder der Einzelstaaten und soU in der Regel nach den Vermögens- 
oder Einkommensverhältnissen des Schuldigen bemessen werden. Im besonderen 
Teile des Gesetzes kommen jedoch auch Fälle vor, wo sie einen bestimmten 
Prozentsatz des zugefügten Schadens (manchmal nicht mehr als 20 Prozent) 
betragen muss. Im Falle der Nichtzahlung binnen 8 Tagen nach richterlicher 
Aufforderung wird sie in Zuchthaus umgewandelt, falls nicht vom Verurteilten 
oder einem Dritten Sicherheit geleistet wird; über die Grundsätze, nach denen 
die Umwandlung zu erfolgen hat, sagt das Gesetz nichts. 

b) Anwendung der Strafen. 1. Allgemeine Grundsätze. Der 
Richter ist an die gesetzlichen Höchst- und Mindestmasse gebunden, sofern 
nicht Abweichungen ausdrücklich gestattet sind (Art. 61). Wie das Straf- 
gesetzbuch Portugals und der meisten spanisch-amerikanischen Staaten teilt 
auch der Codigo Penal von Brasilien alle Strafen in Grade ein und unter- 
scheidet den höchsten, mittleren und niedrigsten Grad (givlo maximo, medio, 
rainimo; Art. 62). Zwischen dem höchsten und mittleren einerseits und dem 
mittleren und niedrigsten andrerseits liegen noch zwei weitere Strafstufen, die 
man mit Autran zutreffend als „grAo submaximo" und „grAo submedio" be- 
zeichnen kann. Bringt man diese Einteilung in Stufen mit den verschieden- 
artigen Erscheinungsformen der strafbaren Handlungen in Beziehung, so er- 
giebt sich nach Art. 62 folgendes Bild: 



*) Eine der Verbannung ähnliche Massregel ist die Ausweisung aus dem Bundes- 
gebiete, die nach Art. 400 gegen ausländische Bettler und Landstreicher angewendet 
wird, nach Ansicht Autrails (Anm. zu Art. 441) aber nicht als Strafe, sondern als 
polizeiliche Sicherheitsniassregel aufzufassen ist. Hierfür spricht, dass sie bei der 
Aufzählung der Strafen in Art. 43 nicht erwähnt wird. 

*) Siehe Anm. 2 auf S. 181. 

^) Diese Bestimmung steht, wie Autran zutreffend bemerkt, jetzt lediglich auf 
dem Papier, da durch Art. 72 § 2 der Verfassung von 1892 alle Vorrechte der Geburt 
sowie alle Adelstitel, Orden und Auszeichnungen abgeschafft sind. 



b) Der allgemeine Teil. 183 



I. a) ^riio maximo: es liegen (äner oder mehrere straf erhöhende Um- 
stände, dagegen kein mildernder Umstand vor; 

b) grAo submaximo: es liegen straf erhöhende und mildernde Um- 
stände vor, erstere überwiegen jedoch; 

IL i\) grAo medio : straf erhöhende» und mildernde Umstände» liegen 
überhaupt nicht vor oder heben sich gegenseitig auf; 

h) grAo submedio: es liegen mildernde und straf erhöhende Umstände 
vor und die letzteren überwiegen; 

JII. grAo minimo: es liegen einer oder mehrere mildernde Umstände vor. 

Zum besseren Verständnis dieser Übersicht sei beispielsweise angenommen, 
das Gesetz drohe für eine bestimmte strafbare Handlung Freiheitsstrafe von 
2 — 4 Jahren an, so Avürde betragen der 

grAo maximo: 4 Jahre, 
grAo submaximo: iP/g Jahre, 
grAo medio: 8 Jahre, 
grAo submedio: 2^1^ Jahre, 
grAo minimo: 2 Jahre. 

2. Besondere Fälle. Der Versuch wird milder bestraft als das voll- 
endete Verbrechen mit Ausnahme der Fälle, wo er diesem bezüglich des 
Strafmasses ausdrücklich gleichgestellt ist (vgl. z. B. Art. 360: Raubversuch 
mit tötlichem Ausgange oder schweren Verletzungen, Art. 87: Hochverrat, 
Art. 115: Verschwörung). Die Versuehsstrafe ist gleich zwei Dritteln der 
Strafe des vollendeten Delikts (Art. 63). - Die Beihülfe zum vollendeten 
Verbrechen wird wie der Versuch, die Beihülfe zum Versuch jedoch unter 
EiTOässigung der Regelstrafo um ein weiteres Drittel, also mit dem dritten 
Teile der für das vollendete Delikt angedrohten Strafe, geahndet. Ist aber 
der Versuch als delictum sui gencTis mit einer besonderen Strafe bedroht, so 
findet diese auch auf den Teilnehmer Anwendung (Art. 64). — Minder- 
jährige von 14 — 17 Jahren gemessen die den Gehülfen gewährten Ermäs- 
sigungen (Art. 65). — Für die Fälle des Vorliegens mehrerer Strafthaten 
stellt Art. 66 folgende Grundsätze auf: 1. wer mehrere verschiedenartige straf- 
bare Handlungen begeht, erleidet die sämtlichen vei'wirkten Einzelstrafen; 
2. wer an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten gegen dieselbe 
P(TSon oder gegen verschiedene Personen mehrere strafbare Handlungen der- 
selben Art (da mesma naturaleza) begeht, erleidet den höchsten Grad der 
für die schwerste von di(»sen angedrohten Strafe, vermehrt um ein Sechstel; 
3) wer durch ein und dieselbe Handlung und geleitet von ein und demselben 
Beweggrunde mehrere strafbare Handlungen (niais de um crime) begeht, wird 
zu der schwei*sten Strafe» verurteilt, die in den auf den konkreten Fall an- 
wendbaren Artikeln angedroht ist. Übersteigt die Summe der hiemach zu 
verhängenden Freiheitsstrafen 30 Jahre , so wird die Strafe am Ende des 
dreissigsten Jahres für verbüsst erachtet. 

VI. Erlöschen des Anspruchs auf Strafverfolgung und Straf- 
vollstreckung; Aufschub der Strafvollstreckung (Titel VI. Da ex- 
tinc9ao e suspensao da ac(,*a() penal e da condemna9ao, Artt. 71 — 86). 

a) Das Recht auf Strafverfolgung und die Folgen der Ver- 
urteilung erlöschen nach Art. 71: 1. durch den Tod des Schuldigen, in 
Übereinstimmung mit Art. 25, der besagt, dass die strafrechtliche Verant- 
wortlichkeit lediglich die Person des Thäters trifft; 2. durch Amnestie (am- 
nistia), deren Gewährung dem Kongresse zusteht, die auf die civilrechtliche 
Schadensersatzverbindlichkeit aber keinen Einfluss hat (Art. 75); 3. durch 



184 Brasilien. — III. Das Strafgesetzbuch vom 11. Oktober 1890. 



Verzeihung des Verletzten bei den nur auf Antrag verfolgbaren Vergehen 
(Art. 77, solche sind: Notzucht, Entführung, Ehebruch, Unterschiebung von 
Kindern, Verleumdung, Beleidigung); jedoch kann die Verzeihung von dem 
Verurteilten zurückgewiesen werden und ist dann wirkungslos; 4. durch Ver- 
jährung (prescrip9äo). Sofern nicht das Gesetz das Gegenteil bestimmt, 
finden auf die Verjährung der Strafverfolgung und die der Strafvollstreckung 
die gleichen Grundsätze Anwendung (Art. 78). Die Frage der Verjährung ist 
von Amtswegen zu prüfen (Art. 82). Die Verjährung der Strafklage (prescrip9äo 
da ac9ao) beginnt mit der Begehung der strafbaren Handlung und wird dm'ch 
die Urteilsverkündung (pronuncia, Art. 79) sowie durch den Rückfall des 
Schuldigen (Art. 81) unterbrochen. Die Verjährung der Urteilsfolgen (prescripgäo 
de condemnayäo, Artt. 80 und 81) beginnt mit Rechtskraft des Urteils oder 
mit dem Augenblicke, in dem die begonnene Straf voUsti'eckung unterbrochen 
wird. Der Lauf der Verjährung wird gehemmt durch die Verhaftung oder 
den Rückfall des Venirteilten. Die nach Art. 78 für beide Arten der Ver- 
jährung gleichen Fristen sind: ein Jahr, wenn die angedrohte oder erkannte 
Strafe Geldstrafe oder Freiheitsstrafe unter sechs Monaten ist; 4, 8, 12 oder 
20 Jahre, wenn die Freiheitsstrafe 2, 4, 8, 12 oder mehr Jahre beträgt 
(Artt. 83, 85). Im besonderen Teile kommen einzelne abweichende Frist- 
bestimmungen vor: die Privatklage wegen Entfühning einer weiblichen Person 
zu unsittlichen Zwecken (rapto, Art. 275) verjährt in sechs Monaten seit der 
Begehung der That, die Klage der Ehefrau gegen ihren Ehemann wegen 
Verführung zur Unzucht (Art. 277) und wegen Ehebnichs in drei Monaten 
(Art. 281). 

Die Urteilsfolgen werden weiter beseitigt durch 5. Strafvollstreckung, 
6. Begnadigung und 7. Rehabilitation. Die von der zuständigen Behörde 
gewährte Begnadigung (indulto do poder competente) hebt auch die mit der 
Strafe verbundene Unfähigkeit zu Ämtern u. s. w. , nicht aber die civil- 
rechtliche Schadensersatzverbindlichkeit auf (Artt. 74 und 75). Rehabilitation 
ist die Wiedereinsetzung des Verurteilten in alle ihm durch das Urteil ge- 
nommenen Rechte; sie erfolgt auf Grimd einer ausserordentlichen Nachprüfung 
(revisäo extraordinaria) des verurteilenden Erkenntnisses durch das Oberste 
Bundesgericht und giebt dem Rehabilitierten einen Anspruch auf angemessene 
Entschädigung wegen aller infolge der Verurteilung erlittenen Nachteile (Art. 86). 

b) Aufschub der Strafvollstreckung ist zulässig im Falle der be- 
dingten Entlassung (vgl. oben S. 181) oder wenn der Verurteilte Sicherheit 
leistet. 

c) Der besondere Teil. 

I. Allgemeines. Das Mass des zur Verfügung stehenden Raumes ver- 
bietet eine ausführliche Analyse des im zweiten und dritten Buche des Ge- 
setzes (Artt. 87—363 bezw. 364 — 404) behandelten besonderen Teiles des 
Strafrechts. Im folgenden sind daher ausser einer möglichst genauen In- 
haltsangabe der einzelnen Abschnitte nur kurze Hinweise auf einige Besonder- 
"heiten des brasilianischen Rechts gegeben. Zunächst sei auf eine sprachliche 
'Eigentümlichkeit hingewiesen, die sich in keinem anderen Strafgesetzbuche 
finden dürfte. Der gesetzliche Thatbestand der Delikte wird nämlich nicht in 
Gestalt eines selbständigen Satzes, sondern in Infinitivform gegeben und die 
Strafandrohung von diesem durch einen Gedankenstrich getrennt; z.B. Art. 299: 
„Induzir ou ajudar alguem a suicidar-se, ou para esse fim fomecer-lhe meios, 
com conhecimento de causa; pena — de prisäo cellular por dous o quatro 
annos". Um sich diese Bestimmungen grammatisch zu konstruieren, muss man 
als Hauptsatz ergänzend hinzufügen: „Strafbar ist es, . . ." 



c) Der besondere Teil. 185 



IL Die einzelnen Vergehen^) werden im. zweiten Buche in 13 Titeln 
behandelt, die wieder in Kapitel zerfallen. 

Erster Titel. Vergehen gegen die politische Existenz der 
Bundesrepublik; Artt. 87 — 114; drei Kapitel. 1. Vergehen gegen die Un- 
abhängigkeit, Unversehrtheit und Würde des Vaterlandes; Strafen: prisäo 
cellular bis zu höchstens 15 Jahren in verschiedenen Abstufungen. 2. Ver- 
gehen gegen Verfassung und Regierungsform der Republik; die Rädelsführer 
(cabegas) werden mit Verbannung, andere Teilnehmer mit Festungshaft be- 
straft. 3. Beeinträchtigung der freien Ausübung politischer Rechte. 

Zweiter Titel. Vergehen gegen die innere Sicherheit des Staates; 
Artt. 115 — 136, fünf Kapitel. 1. Vei'schwörung (conspiracjäo). 2. Aufstand 
und unerlaubte Zusammenrottung (sedi^äo e ajuntamento illicito). 3. Wider- 
stand gegen die Staatsgewalt (rcsistencia). 4. Befreiung von Gefangenen und 
Erstürmung von Gefängnissen (tirada ou fugida de presos do poder da justi9a 
e arrombamento das cadeias). 5. Beleidigung und Ungehorsam gegen Be- 
hörden und Beamte (desacato e desobediencia as autoridados). 

Dritter Titel. Vergehen gegen die öffentliche Sicherheit; Artt. 
136 — 164, drei Kapitel. 1. Brandstiftung und andere gemeingefährliche De- 
likte (crimes de perigo commun). Der Versicherungsbetrug wird in Art. 140 
behandelt. Die übrigen gemeingefährlichen Vergehen sind: Herbeiführung 
einer Überschwemmung, Anzünden verwirrender Lichter am Meeresstrande, 
Gefährdung und Sinkenlassen von Schiffen; auch die fahrlässige Begehung ist 
strafbar (Art. 148). 2. Vergehen gegen die Sicherheit der Transport- und 
Verkehrsmittel: Zerstörung und Beschädigung von Eisenbahnen, Telegraphen 
sowie der zum Betriebe dienenden Maschinen und Apparate; auch hier ist 
schon die fahrlässige Begehung mit Strafe bedroht (Art. 153). 3. Vergehen 
gegen das öffentliche Gesundheitswesen (saude publica, Artt. 156 — 164); hierzu 
gehören: die unbefugte Ausübung der Heilkunde, der zahnärztlichen Praxis 
und des Apothekerberufes (Art. 156), Verkauf und Verordnung von Geheim- 
mitteln (Art. 158), Verkauf von Giften ohne Genehmigung (Art. 159), Verkauf 
von verdorbenen oder unrichtigen Heilmitteln sowie Abänderungen der ärzt- 
lichen Rezepte durch Apotheker und Drogisten (Art. 160), Vergiftung und 
Verunreinigung von Quellen, Bininnen, Teichen und Lebensmitteln (Artt. 161 
bis 164). Eine besondere Erwähnung verdient Art. 157, der Zuchthaus von 
1 — 6 Monaten und Geldstrafe androht gegen die Ausübung von Spiritismus, 
Magie, Zauberei, Anwendung von Talismanen und Kartenlegen in der Ab- 
sicht, Hass oder Liebe hervorzurufen, heilbare oder unheilbare Krankheiten zu 
heilen oder die Leichtgläubigkeit des Publikums auszubeuten. Die Strafe 
kann bis zu 6 Jahren steigen, wenn die Handlung die Gesundlieit des Opfei's 
beschädigt oder von einem Arzte ausgeht. 

Vierter Titel. Delikte gegen die freie Ausübung von Persön- 
lichkeitsrechten; sechs Kapitel, Art. 165 — 206. 1. Vergehen gegen die 
Ausübung politischer Rechte : Wahlverhinderung und Wahlbeeinflussung, 
Stinunenkauf , Wahl unter falschem Namen, Fälschung von Wahlergebnissen 
u. s. w. 2. Vergehen gegen die persönliche Freiheit: Beeinträchtigung der 
Glaubens- und Gewissensfreiheit, Nötigung, Freiheitsberaubung (carcere privado, 
Artt. 181 — 183) , Bedrohung mit der Begehung eines „crime" (Art. 184). 
3. Beeinträchtigung der Kultusfreihcit. Der Schutz des Gesetzes ei'streckt sich 
auf alle Konfessionen, nicht nur auf die katholische; bestraft werden: die 



*) Die Bezeichnung „Vergehen** umfasst ausser den eigentlichen Vergehen auch 
die Verbrechen, in Übereinstimmung mit der Ausdrucksweise des Gesetzes, das unter 
„crimes** alle strafbaren Handlungen mit Ausnahme der Übertretunaren versteht. 



'O 



186 Brasilien. — TIT. Das Strafgesetzbuch vom 11. Oktober 1890. 



Beleidigung einer Konfession durch Verächtlichmachung einer Kultushandlung 
oder eines Kultusgegenstandes sowie durch öffentliche Beschimpfung oder 
Entweihung ihrer Symbole (Art. 185), die Verhindeining oder Störung einer 
Kultushandlung (Art. 186), Bedrohung oder Beleidigung eines Kultusbeamten 
in Ausübung seines Berufs (Art. 187). 4. Verletzung von Geheimnissen: un- 
befugte Unterdrückung und Öffnung von Briefen und Telegrammen, unbefugte 
Veröffentlichung von Briefen u. s. w. durch den Empfänger ohne Genehmigung 
des Absendei's, Verrat von Geheimnissen, von welchen jemand in Ausübung seines 
Amtes, seiner dienstlichen Stellung oder seines Berufes Kenntnis erhalten hat. 

5. Hausfriedensbnich (crimes contra a inviolabilidade do domicilio); die Voraus- 
setzungen, unter denen das Eindringen in ein fremdes Haus gestattet ist, und 
die dabei zu beobachtenden Förmlichkeiten sind in Artt. 197 und 199 auf- 
gezählt. 6. Beeinträchtigungen der Arbeitsfreiheit. ^) Strafbar ist, wer einen 
anderen zwingt oder hindert, sein Gewerbe oder seinen Handel zu treiben oder 
seinen Dienst zu versehen, seinen Laden oder seine Werkstatt offen zu halten 
oder zu schliessen, an bestimmten Tagen zu arbeiten oder zu feiern (Art. 205); 
femer wer durch Drohungen, Zwang oder betrügerische Handlungen einen 
Handwerker oder Arbeiter zum Verlassen seiner Arbeitsstelle verleitet (Art. 206 ), 
endlich wer zur Herbeifühiiing der Erhöhung oder Herabsetzung der Löhne 
durch Drohungen oder Gewalt eine Arbeitsniederlegung erzwingt (Art. 206). 

Fünfter Titel. Vergehen gegen die öffentliche Ordnung und 
Verwaltung; Artt. 207 — 238, (*in Kapitel in sieben Abschnitten unter der 
Überschrift: Veruntreuungen, Missbräuche und strafbare Unterlassungen der 
öffentlichen Beamten, das Beamten -Straf recht enthaltend. Wer als öffentlicher 
Beamter (empregado publico) anzusehen ist, ergiebt sich nicht aus dem Straf- 
gesetzbuche. 1. „Prevarica^So", ein Delikt, das so verschiedenartige That- 
bestände (17 in Art. 207 und 6 in Art. 108) umfasst, dass es durch ein Wort 
nicht wiederzugeben ist; erwähnt seien: Ratserteilung an eine Partei durch den 
Richter, Unterlassung der Verfolgung von strafbaren Handlungen, Beförde- 
rung einer Person in ein Amt, wozu dieser die gesetzlichen Voraussetzungen 
fehlen, Urteilsfällung durch einen gesetzlich hierv-on ausgeschlossenen Richter, 
Anfertigung von unrichtigen Protokollen, Urkunden u. s. w. durch einen Be- 
amten. 2. Nachlässigkeit in der Erfüllung der Amtspflichten (falta de exac9ao 
no cumprimento do dever); unter diese Bestimmungen fallen auch alle aus 
Fahrlässigkeit begangenen Veretösse gegen die Voi'schriften des einsten Ab- 
schnittes. 3. Bestechung (peita ou subomo); den Bestechenden trifft die 
gleiche Strafe wi(» den bestochenen Beamten; die auf Grund der Bestechung 
vorgenommenen Amtshandlungen sind nichtig. 4. Erpressung im Amte (con- 
cussäo). 5. Unterschleife im Amte (peculato); hierhin gehört auch das Ge- 
währenlassen eines anderen bei der unbefugten Aneignung von Staatseigentum. 

6. Überschreitung und Missbrauch der Amtsgewalt und Anmassung amtlicher 
Befugnisse. 7. Unangemessenes Benehmen der öffentlichen Beamten; Beamte, die 
durch ihr Benelimen öffentliches Ärgernis erregen, sich dem Spiel oder dem 
Trunk hingeben, ferner solche, die notorisch für ihr Amt untauglich oder faul 
sind, werden mit Amtsentsetzung und Unfähigkeit zur Erlangung eines anderen 
Amtes bis zum Nachweis der Besserung bestraft fArt. 238). 

Sechster Titel. Vergehen gegen den öffentlichen Glauben 
(contra a f(5 publica; Artt. 239 — 264, zwei Kapitel). 1. Falschmünzerei (moeda 
falsa). Bestraft wird: a) die unbefugte Anfertigung inländischen oder solchen 



*) Die Artt. 205 und 206 sind abgeändert durch Verordnung No. 1162 vom 
12. Dezember 1890, die der Darstellung im Text zu Grunde gelegt und bei Antra n 
S. 69 abgedruckt ist. 



c) Der besondere Teil. 187 



ausländischen Metallgeldes, welches in Brasilien gesetzlichen oder vertrags- 
raässigen Kurs hat, einschliesslich der gleichwertigen Nachbildung (Strafe: 
Zuchthaus von 1 — 4 Jahren, Art. 239); b) die falsche Anfertigung und Ver- 
fälschung von öffentlichen Kreditpapieren, die von den öffentlichen Kassen wie 
Geld angenommen werden ; als öffentliche Kredit papiere (papeis de credito publico) 
im Sinne des Gesetzes gelten alle Sorten Papiergeld, die in Brasilien gesetz- 
lichen Zwangskurs (curso legal come moeda) haben, oder von der Regienmg 
bezw. den dazu ermächtigten Notenbanken ausgegeben sind; Strafe: Zuchthaus 
von 2 — 8 Jahren (Art. 240) ; c) die Verausgabung falscher Münzen und falschen 
Papiergeldes; Strafe: Zuchthaus von 2 — 4 Jahren (Art. 241); d) die Ver- 
minderung des Gewichts oder Veränderung echter Münzen, um ihnen den 
Anschein eines höheren Werts zu geben; Strafe: wie zu c); e) die Beseitigung 
des Stempels, durch den Staatsschuldscheine oder Banknoten für unbrauchbar 
erklärt sind, sowie die Anfertigung von Staatsschuldscheinen oder Banknoten 
aus Stücken von solchen; Strafe: Zuchthaus von sechs Monaten bis zu einem 
Jahre (Art. 243). f) Art. 244 enthält Strafandrohungen gegen die Beamten 
der Amortisationskasse (caixa da amortiza^äo), die Direktoren der Noten- 
banken (bancas da emissäo) und die Regierungskommissare für den Fall der 
Nichtbeachtung der Vorschriften über die Ausgabe und Ungültigkeitserklärung 
von Papiergeld und Noten. — 2. Die übrigen Fälschungsvergehen (falsidades, 
4 Paragraphen) sind : a) Fälschungen von solchen Kreditpapieren (mit Einschluss 
der von der Bundesregieiiing oder der Regierung eines Einzelstaates aus- 
gegebenen), die nicht die Eigenschaft von Papiergeld haben, Nachahmung 
von Siegeln, Stempeln, Postwertzeichen, Coupons, Fahrkarten der Eisenbahnen 
oder anderer staatlicher Beförderungsmittel, Checks oder anderen Bankpapieren 
(papeis de bancos) sowie kaufmännischen Urkunden (letras e titulos commerciaes) 
einerlei, ob sie durch Indossament übertragbar sind oder nicht; der Fälschung 
und Nachahmung steht die wissentliche Benutzung verfälschter und nachge- 
ahmter Stücke gleich (Artt. 245 — 250). b) Fälschung von öffentlichen Zeug- 
nissen, Urkunden und Protokollen (certificados, documentos e actos publicos, 
Artt. 251 — 257); hierher gehören auch Telegramme; die wissentliche Benutzung 
gefälschter Stücke wird in gleicher Weise bestraft, c) Fälschung von Privat- 
urkunden (documentos e papeis particulares, Artt. 258 — 260). dj Falsches 
Zeugnis und falsche Anschuldigung (do testemunho falso, das declara^öes, das 
queixas e denuncias falsas em juizo, Artt. 261 — 264). Die Höhe der Strafe 
ist verschieden, je nachdem es sich um eine Aussage in einer Civil- oder einer 
Strafsache handelt, und im letzteren Falle danach abg(»stuft, ob sie zu Gunsten 
oder zu Ungunsten des Angeklagten gemacht ist. Die Strafe wird um ein 
Drittel erhöht, wenn die falsche Aussage durch Bestechung veranlasst war; 
den Bestechenden trifft die gleiche Strafe (Art. 262). Widerruf der Aussage 
vor Erlassung des Urteils hat völlige Straflosigkeit zur Folge (Art. 263). Wer 
einen anderen wissentlich ohne Grund einer strafbaren Handlung bezichtigt, 
verfällt in die für diese Handlung angedrohte Strafe (Art. 264). 

Siebenter Titel. Vergehen gegen das Staatsvermögen (facenda 
publica); ein Kapitel, Art. 265: Kontrebande, d. h. die Ein- oder Ausfuhr 
verbotener Gegenstände sowie die Hinterziehung von Eingangszöllen, wird, 
ausser mit den Steuerstrafen, mit Zuchthaus von 1 — 4 Jahren bestraft. 

Achter Titel. Vergehen gegen die Sicherheit der Ehre und 
des Anstandes der Familie sowie Verletzung des öffentlichen Scham- 
gefühles; Artt. 266—282, fünf Kapitel. 1. Unzucht mit Gewalt, worunter 
das Gesetz versteht: a) den mit Gewalt oder Drohungen in der Absicht der 
Befriedigung unsittlicher Leidenschaften oder mittels moralischer Vergiftung^ 
begangenen Angriff auf das Schamgefühl einer Person des einen oder des 



188 Brasilien. — III. Das Strafgesetzbuch vom 11. Oktober 1890. 
$ 

anderen Geschlechts (Art. 266; Strafe: Zuchthaus von 1 — 6 Jahren); b) die 
Vollziehung des Beischlafes mit einem minderjährigen Mädchen unter Anwen- 
dung von Verführung, List oder Betrug (Art. 267; Zuchthaus von 1 — 4 Jahren); 
c) die Notzüchtigung einer anständigen Frau; dass nur der aussereheliche 
Beischlaf bestraft wird, sagt das Gesetz nicht; andrerseits wird hervorgehoben, 
dass es nicht darauf ankommt, ob das Opfer vorher schon Geschlechtsverkehr 
gehabt hatte, oder nicht; die Regelstrafe von 1 — 6 Jahren Zuchthaus wird 
herabgesetzt, wenn das Verbrechen an einer Prostituierten, erhöht, wenn es 
von zwei oder mehr Personen begangen wurde (Artt. 268 und 269). 2. Ent- 
führung (rapto, Artt. 270—276). 3. Kuppelei (lenocinio, Artt. 277 und 278; 
ist die Herbeiführung, Begünstigung oder Erleichterung der Prostituierung einer 
Person, um die unsittlichen Absichten oder unkeuschen Gelüste eines Anderen 
zu befriedigen; gewohn hei tsmässige oder gewerbsmässige Begehung ist zur 
Strafbarkeit nicht erforderlich; erhöhte Strafe tiifft Eltern, Vormünder u. s. w., 
auch den Ehemann. 4. Ehebruch (adulterio ou infidelidade conjugal, Artt. 279 
bis 281) wird mit Zuchthaus von 1 — 3 Jahren bestraft. Die Strafe trifft in 
allen Fällen die ehebrecherische verheiratete Frau und ihren Mitschuldigen, 
den ehebrecherischen verheirateten Mann nur, wenn er sich eine Konkubine 
hält, die dann ebenfalls strafbar ist. Die Strafverfolgung steht nur dem 
beleidigten Ehegatten binnen 3 Monaten seit Begehung der That zu und ist 
ausgeschlossen, wenn dieser einwilligte; seine Verzeihung schliesst nicht nur 
die Bestrafung sondern auch die Urteilsvollstreckung aus (estingue todos os 
effeitos da accusacjäo e condemnagäo). Der Beweis der Thäterschaft kann 
gegen den Mitschuldigen des Ehegatten nur durch Ergreifung auf frischer 
That oder Urkunden geführt werden. 5. Öffentliche Schamverletzung. 

Neunter Titel. Vergehen gegen die Sicherheit des Personen- 
standes; Art. 283 — 293, vier Kapitel. 1. Bigamie; Strafe: Zuchthaus von 
1 — 4 Jahren. 2. Vornahme der kirchlichen Trauung vor Eingehung der 
Civilehe. 3. Kindesunterschiebung und andere unlautere Handlungen gegen 
den Personenstand. 4. Entführung, Verbergung und Verlassen von Kindern 
unter 14 Jahren. 

Zehnter Titel. Vergehen gegen die Sicherheit der Person und 
des Lebens; Artt. 294 — 314, sechs Kapitel. Die Materie der Tötungsdelikte 
ist verhältnismässig kurz behandelt; Mord imd Totschlag werden nicht unter- 
schieden, Körperverletzung mit tötlichem Ausgange erscheint nicht als besonderes 
Delikt, sodass nur die beiden Klassen: vorsätzliche und fahrlässige Tötung 
übrigbleiben, woneben für Kindesmord, Beihülfe zum Selbstmord und Tötung 
im Zweikampf besondere Vorschriften gegeben sind. 1. Mord (homicidio; hier 
wird auch die Vergiftung behandelt); Strafe: 12 — 30 Jahre Zuchthaus, wenn 
einer der in Alt. 294 aufgezählten erschwerenden Umstände vorliegt, sonst 
Zuchthaus von 6 — 24 Jahren. Bei fahrlässiger Tötung beträgt die Strafdauer 
2 Monate bis 2 Jahre. Der Tod gilt nur dann als Folge der Verletzung, 
wenn diese entweder nach ihrer Natur oder ihrem Sitze (per sua natureza e 
8(5de) absolut wirkende Ursache des Todes war oder, obwohl nicht an und 
für sich absolut tötlich, einer Person zugefügt war, deren Konstitution oder 
leidender Zustand sie tötlich wirken Hess (Art. 295). 2. Kindesmord (in- 
fanticidio) ist die Tötung eines Neugeborenen in den ersten sieben Tagen 
nach der Geburt durch positive Handlungen oder Unterlassung der erforder- 
lichen Pflege. Thäter kann jeder sein; die besondere Straf bestimmung gilt 
nicht nur (wie z. B. im deutschen Reichsstrafgesetzbuch § 217) für die ausser- 
eheliche Mutter; doch wird diese, wenn sie die That zur Verbergung ihrer 
Schande begeht, milder (mit Zuchthaus von 3 — 9 Jahren) bestraft, während 
die Strafdauer für andere Personen 6 — 24 Jahre beträgt. 3. Wissentliche 



c) Der besondere Teil. 189 



Anstiftung und Beihülfe zum Selbstmord zieht Zuchthaus von 2- — 4 Jahren 
nach sich (Art. 299j. 4. Abtreibung der Leibesfrucht (aborto). Die Straf- 
losigkeit der zur Rettung des Lebens der Schwangeren vom Arzte oder der 
Hebamme vorgenonmienen Abtreibung wird in Art. 302 ausdrücklich aner- 
kannt. 5. Körperverletzung (lesiio corporalj. 6. Zweikampf (duello). Ausser 
dem Zweikampfe selbst werden bestraft: a) die Herausforderung (Art. 307); 
b) die Annahme (Aj't. 308); c) das Kartelltragen (Art. 311); d) die Beteiligung 
als Zeuge (padrinho, Art. 311 §§ 1, 2); ej wer, ohne an dem dem Zweikampfe 
zu Grunde liegenden Vorgange beteiligt gewesen zu sein, sich bereit erklärt 
hat, sich für eine der Parteien zu schlagen (Art. 312); f) wer einen anderen 
öffentlich um deswillen beschimpft oder der allgemeinen Verachtung preis- 
giebt, weil dieser die Annahme einer P'orderung abgelehnt hat oder wer einen 
solchen durch diese Mittel zur Annahme der Forderung zu bestimmen sucht 
(Art. 314j. — Die Strafe des Zweikampfes selbst ist nach verschiedenen Gesichts- 
punkten (Anlass, Art der Waffen, Kampfbedingungen, Ausgang) abgestuft und 
beträgt zwischen 14 Tagen und 24 Jahren Zuchthaus (Artt. 309, 310, 313). 
Tötung des Gegners wird im allgemeinen mit Zuchthaus von 1 — 4 Jahren 
bestraft, falls nicht wegen des Vorliegens besonders erschwerender Umstände 
(Abwesenheit von Zeugen, Ungleichheit der Waffen, betrügerisches Verhalten, 
gewinnsüchtiger Beweggrund u. s. w.) die Strafen der Tötung Anwendung 
finden. 

Elfter Titel. Vergehen gegen die Ehre und den guten Ruf; 
Artt. 315 — 325, ein Kapitel: Verleumdung und Beleidigung. Das Gesetz unter- 
scheidet „calumnia" und „injuria", a) „Calumnia", Verleumdung, ist die 
unrichtige Behauptung, jemand habe ein Verbrechen oder Vergehen (crime) 
begangen. Die Fühining des Wahrheitsbeweises ist im allgemeinen gestattet 
und befreit von Strafe mit Ausnahme der Fälle, in denen das Recht, wegen 
des behaupteten Delikts Straf an trag zu stellen, ausschliesslich gewissen Personen 
zusteht (Art. 315). Strafe: Zuchthaus von 2 Monaten bis zu 2 Jahren und 
Geldstrafe von 200 — 1000 000 Reis in drei Abstufungen nach der Begehungs- 
art und der Person des Beleidigten (Art. 316;. b) „Injuria", Beleidigung, liegt 
vor, wenn jemand einem anderen 1. ein Laster oder Fehler nachsagt, deren 
Bekanntwerden ihn dem öffentlichen Hass oder der allgemeinen Verachtung aus- 
setzt, oder von einem anderen 2. Thatsachen behauptet, deren Bekanntwerden 
seinen Ruf, sein Ansehen oder seine Ehre schädigt, oder 3. in Beziehung auf 
einen anderen Worte, Zeichen oder Geberden anwendet, die nach allgemeiner 
Ansicht beleidigend sind (Art. 317); ausserdem, nach Art. 420, 4. wenn jemand 
Fabrik- oder Handelsmarken verwendet, die geeignet sind, einen anderen zu be- 
leidigen, und endlich 5. wenn jemand Zeitungen, Drucksachen oder Manuskripte 
beleidigenden Inhalts öffentlich zum Verkauf anbietet, um Ärgernis zu eiTegen. 
Im Gegensatz zur Verleumdung ist bei der Beleidigung der Wahrheitsbeweis 
im allgemeinen nicht gestattet und nur ausnahmsweise zugelassen, wenn ein 
öffentlicher Beamter oder eine Behörde in Beziehung auf ihre amtliche Thätig- 
keit beleidigt worden sind, wenn der Beleidigte die Zulassung des Beweises 
genehmigt, und wenn er wegen der behaupteten Thatsache bereits verurteilt 
ist (Art. 318). Die Strafen sind etwas niedriger als die entsprechenden Strafen 
der calumnia (Artt. 319 und 320). Ist es zweifelhaft, ob eine Äusserung 
eine Verleumdung oder eine Beleidigung enthält, so kann der davon Betroffene 
Aufklärung vor Gericht verlangen; verweigert sie der Angeklagte oder ist 
die von ihm gegebene Erklärung ungenügend, so erfolgt die Bestrafung wegen 
der Verleumdung oder Beleidigung, die man in der Äusserung finden kann 
(Art. 321). Wechselseitige Beleidigungen heben sich gegenseitig auf (Art. 322). 
Beleidigende Äusserungen der Parteien oder ihrer Vertreter vor Gericht geben 



190 Brasilien. — III. Das Strafgesetzbucli vom 11. Oktober 1890. 



keinen Grund zu einem selbständigen Strafverfahren, werden aber auf Antrag 
durch das in der betreffenden Sache erlassene Urteil mit 20 000 — 50 000 Reis 
Geldstrafe geahndet (Art. 323). Ist ein Verstorbener beleidigt oder verleumdet, 
so sind der überlebende Ehegatte, die Aszendenten, Deszendenten und Geschwister 
des Verstorbenen zur Strafverfolgung berechtigt (Art. 324). Wer infolge von 
Bestechung einen anderen verleumdet oder beleidigt, hat ausser der Regel- 
strafe noch eine dem zehnfachen Betrage der erhaltenen oder versprochenen 
Belohnung gleiche Geldstrafe zu erwarten (Art. 825). 

Zwölfter Titel. Eigentumsvergehen (Dos crimes contra a propriedade 
publica e particular); Artt. 326 — 355, fünf Kapitel. 1. Sachbeschädigung 
(damno, Artt. 326—329). 2. Diebstahl (furto, Artt. 330—335); die Strafe ist 
zunächst nach dem Werte des gestohlenen Gegenstandes abgestuft (mit erhöhten 
Strafandrohungen für unschätzbare und schwer zu schätzende Urkunden, wie 
Akten, Testamente u. s. w.j; ausserdem kennt das Gesetz eine Reihe von 
qualifizierten Thatbeständen. Die Unterschlagung ist als besonderes Delikt 
dem brasilianischen Rechte unbekannt, geht vielmehr im Begriff des „furto" 
auf. Die Strafverfolgung ist ausgeschlossen bei Diebstählen zwischen nahen 
Angehörigen. 3. Bankerutt (fallencia). Kaufleute und Nichtkaufleute werden 
mit verschiedenem Masse gemessen; während letztere nur strafbar sind, wenn 
sie absichtlich zum Nachteile ihrer Gläubiger handeln, haften erstere auch im 
Falle des fahrlässigen Bankerutts strafrechtlich. 4. Betrug, Untreue und andere 
unlautere Handlungen (Do estellionato , abuso de confianga e outras fraudes; 
Artt. 338 — 341). Das Gesetz giebt keine Begriffsbestimmung des „estellionato", 
sondern zählt in Art. 338 elf Fälle auf, die nach deutschem Strafrecht nur 
zum Teil unter den Begriff des B(»truges fallen, im übrigen aber als Dieb- 
stahl, Urkundenfälschung, Ausbeutung Minderjähriger oder Wucher bestraft 
werden würden. Die in Art. 340 behandelten Fälle des „abuso de confian9a" 
würden nach deutschem Recht teils als Untreue, teils als Vergehen gegen 
handeis- und aktienrechtliche Vorschriften anzusehen sein. 5. Strafbare Hand- 
lungen gegen das litterarische, künstlerische, gewerbliche und kommerzielle 
Eigentum (Art. 342 — 355j. Hier finden sich auch Strafandrohungen gegen 
den privaten Abdruck von Gesetzen und Verordnungen. 

Dreizehnter Titel. Vergehen gegen die Person und das Eigen- 
tum (contra a pessoa e a propriedade); Artt. 356—363, zwei Kapitel. 1. Raub 
(roboj, zu dem auch Fälle gehören , die nach deutschem Recht als schwerer 
Diebstahl anzusehen sein würden. 2. Erpressung (extor9äo, Artt. 362 und 363). 

III. Die Übertretungen (contravengoes) werden im dritten Buche in 
dreizehn Kapiteln CArtt. 364 — 404) behandelt und bestehen z. T. aus That- 
beständen, die in anderen Ländern unter die Vergehen eingereiht sind, wie 
z. B. Grabschändung (Art. 365;, Lotterievergehen (Ai't. 367), Glücksspiele 
(Artt. 362 ff.), Beschädigung öffentlicher Denkmäler und Anlagen (Artt. 389, 
390). Andererseits sind die angedrohten Strafen, namentlich in ihren Mindest- 
massen, vielfach bedeutend höher, als in anderen Strafgesetzbüchern. 

Aus den zahlreichen Thatbeständen seien nur die folgenden, als beson- 
deres Interesse darbietend, hervorgehoben. Zu den in Kapitel 6 behandelten 
gemeingefährlichen Übertretungen gehört das Halten gefährlicher Tiere ohne 
Anwendung der nötigen Vorsichtsmassregeln, die ungenügende Bewachung 
Geisteskranker von S(4ten der zu ihrer Beaufsichtigung Verpflichteten, die 
Aufnahme Geisteskranker ohne obrigkeitliche Genehmigung, die Nichtanzeige 
ansteckender Krankheiten durch Ärzte, die Versetzung der auf öffentlichen 
Wegen zur Verhütung von Unfällen angebrachten Signale, die Hervorrufung 
falschen Feuerlämis. Kapitel 12 (Artt. 391 — 398) beschäftigt sich mit Bettlern 
und Trunkenbolden. Die Bestrafung der ersteren ist verschieden, je nach dem 



IV. Die Straf nebengesetze. 191 



körperlichen Zustande des Thäters (krank und arbeitsunfäliig — gesund und 
arbeitsfähig) und der Art der Bettelei (schärfere Bestrafung, wenn die That 
von mehreren, nicht verwandten Personen begangen wurde). Die Bettelei 
arbeitsunfähiger Personen an Orten ohne Verpflegungsstation ist nicht strafbar; 
sonst beträgt die Strafe Zuchthaus von 8 Tagen bis zu 3 Monaten; wer einem 
unter seiner Gewalt stehenden noch nicht 14 Jahre alten Kinde zu betteln 
gestattet, hat Zuchthaus von 1 — 3 Monaten verwirkt. Sehr eingehende Vor- 
schriften existieren zur Bekämpfung der Trunksucht. Strafbar ist nicht nur, 
wer sich in trunkenem Zustande öffentlich zeigt (selbst wenn niemand daran 
Anstoss nimmt), sondern auch der Gewohnheitstrinker als solcher; die Straf- 
barkeit hängt nicht davon ab, dass dieser infolge seines Lasters seine Pflichten 
gegen die Familie nicht erfüllt oder etwa der öffentlichen Armenpflege anheim- 
fällt. Ausserdem wird bestraft, wer an einem vom Publikum besuchten Orte 
einem anderen geistige Getränke verabreicht, um ihn betrunken zu machen 
oder seine Trunkenheit zu erhöhen. — Als Landstreicher (vagabundo) oder 
Arbeitsscheuer (vadio) wird mit Zuchthaus von 15 — 30 Tagen bestraft, wer 
nicht im Besitze der nötigen Mittel zum Unterhalt sowie eines festen Wohn- 
sitzes ist und weder ein Gewerbe, noch einen Beruf, noch ein Amt ausübt, 
femer wer nachgewiesenermassen seinen Lebensunterhalt durch gesetzlich ver- 
botene oder offenkundig unsittliche Mittel erwirbt. Im Urteil ist dem Schuldigen 
aufzugeben, sich binnen zwei Wochen nach Verbüssung der Strafe Arbeit zu 
verschaffen. Verurteilte unter 14 Jahren werden in gewerblichen Zwangs- 
arbeitsanstalten (estabelecimentos disciplinares industriaes; vgl. oben S. 181) 
untergebracht, wo sie bis zu 21 Jahren zurückbehalten werden können (Art. 399). 
Verui'teilte , die sich keine Arbeit verschaffen oder sich wiederholt strafbar 
machen, werden in eine der auf den brasilianischen Inseln oder an der Grenze 
zu gründenden Strafkolonien (colonias penaes) geschickt oder, wenn sie Aus- 
länder sind, aus dem Bundesgebiete ausgewiesen (Art. 400 j. Die auf Grund 
der Art. 399 und 400 ausgesprochene Bestrafung erlischt (ficarä extincta), 
wenn der Verurteilte den Besitz hinreichender Subsistenzmittel nachweist; die 
Vollstreckung wird aufgeschoben, sobald er genügende Sicherheit leistet (Art. 401). 
Ähnliche Strafbestimmungen gelten für die öffentliche Ausübung des Berufes 
als Gaukler 1), (Artt. 402—404). 



IV. Die Strafnebengesetze. 

Wie bereits bemerkt, sind neben dem Strafgesetzbuclie nach Art. 410 
alle Gesetze und Regulative auf dem Gebiete des Finanz- und Handelswesens, 
der allgemeinen Verwaltung und Polizei sowie die Bestimmungen über Sitzungs- 
polizei, soweit alle diese Vorschriften Geld- oder Disziplinarstrafen androhen, 
in Kraft geblieben, sofern sie nicht ausdrücklich aufgehoben sind. Dagegen 
wird die weitere Geltung aller dem Strafgesetzbuche widersprechenden Gesetze 
durch Art. 412 ausdrücklich ausgeschlossen. Hiernach kann die Rechtsbestän- 
digkeit der vor dem Strafgesetzbuche vom 11. Oktober 1890 erlassenen Straf- 
nebengesetze in gewissen Fällen Zweifeln unterliegen. Ohne diese endgültig 
lösen zu wollen, sollen im folgenden lediglich die wichtigsten der aus früherer 
Zeit stammenden sowie der später erlassenem Gesetze zusammengestellt werden. 

^) Die betreffende Bestimmung des Art. 402 bedroht mit Strafe: „Fazer nas ruas 
e pra<;as publica» exercicios de agilidade o destreza corporal conhecido» pela denomina^Äo 
capoeiragem . . .". Dieses letzte, in der portugiesischen Schriftsprache anscheinend 
sonst nicht vorkommende Wort stammt von „capoeiro", d. h. Waldmensch, Landstreicher. 



192 Brasilien. — IV. Die Straf nebengesetze. 



a) Ältere Gesetze aus der Zeit vor der Publikation des Strafgesetzbuches. 

1. Gesetz betr. die strafbaren Handlungen in Beziehung auf den Militär- 
dienst von 1851. 

2. Gesetz über die Rekrutierung vom 26. September 1874; schafft die 
körperliche Züchtigung in der Armee ab; vgl. Annuaire de legislation ötrang^re 
Bd. 7 S. 835. 

3. Gesetz über die landwirtschaftlichen Dienstmietverträge vom 15. März 
1879; Diario official Nr. 285 vom 23. Oktober 1879; französische Übersetzung 
mit Bemerkungen von Ourem im Annuaire de legislation 6trangöre Bd. 9 S. 919 
bis 958; Straf bestimmungen : Kapitel 6 Artt. 69 — 80. 

4. Patentgesetz vom 14. Oktober 1882; französische Übersetzung mit 
Bemerkungen von Ourem im Annuaire de l(5gislation etrang^^re Bd. 12 S. 1068 
bis 1080; die Straf bestimmungen (Art. 6 §§ 6 und 7) dürften durch Artt. 351 
und 352 des Strafgesetzbuches beseitigt sein. 

5. Gesetz über die Errichtung von Aktiengesellschaften vom 4. November 
1882; französische Übersetzung mit Bemerkungen von Ourem im Annuaire 
de legislation etrang^re Bd. 12 S. 1080 — 1099. Die Strafbestimmungen dieses 
Gesetzes (Artt. 26 — 30) sind durch Art. 341 des Strafgesetzbuches aufrecht 
erhalten. Eine Abänderung des Gesetzes ist durch Verordnungen vom 17. Januar 

1890 (Annuaire de legislation etrang^re Bd. 20 S. 932—934) und vom 4. Juli 

1891 (Jahrbuch der Internationalen Vereinigung für vergleichende Rechts- 
wissenschaft und Volkswirtschaftslehre zu Berlin Bd. 2 S. 183) erfolgt. 

6. Internationale Übereinkunft über den Schutz der unterseeischen Kabel 
vom 14. März 1884. Zu den 27 beteiligten Staaten gehört auch Brasilien; 
das zur Ausführung der Übereinkunft erforderliche Gesetz ist am 14. Januar 
1888 erlassen; Annuaire de legislation etrangere Bd. 18 S. 1007. 

7. Verordnung vom 22. April 1887 betreffend die Bekanntmachung des 
neuen Zolltarifs; Annuaire de legislation etrang(!jre Bd. 17 S. 957. 

8. Verordnung vom 14. Juli 1887 über die Einziehung der direkten 
Steuera; Annuaire de legislation etrangere a. a. 0. 

9. Gesetz vom 14. Oktober 1887 über die Eintragung der Fabrik- und 
Handelsmarken; französische Übersetzung mit Bemerkungen von Our^m im 
Annuaire de legislation etrang(*re Bd. 17 S. 973 — 984. Die Strafbestimmungen 
Artt. 14 — 22 dürften durch Artt. 353 — 355 des Strafgesetzbuches ersetzt sein. 

10. Gesetz vom 24. November 1888 betr. die Enteignung der zur Wasser- 
versorgung der Städte erforderlichen Grundstücke aus Gründen des öffent- 
lichen Wohls; französische Übersetzung von Our^m im Annuaire de legislation 
etrangere Bd. 23 S. 1032—1034; Straf bestimmungen Art. 26. 

11. Gesetz vom 24. November 1888 über Emissionsbanken; französische 
Übersetzung von Ourem im Annuaire de legislation ^trang^re Bd. 18 S. 1034; 
Strafbestimmungen Art. 1 S. 4. 

12. Verordnung vom 16. November 1889 über die Abschaffung der körper- 
lichen Züchtigung in der Kriegsmarine; Annuaire de legislation etrangere 
Bd. 19 S. 1007. 

13. Verordnung vom 18. Dezember 1889 über die Sanitätspolizei; Annuaire 
de legislation etrangere Bd. 19 S. 997 und 1010. 

14. Verordnung vom 21. Juni 1890 betreffend die Bekanntmachung des 
Disziplinargesetzes für die Flotte. Das in Art. 24 enthaltene Verzeichnis der 
gegen Offiziere zulässigen Strafen ist durch Verordnung vom 28. November 
1890 wieder abgeändert; Annuaire de legislation etrangere Bd. 20 S. 904. 

15. Gesetz vom 24. Januar 1890 über die Civilehe; Annuaire de legislation 
etrangere Bd. 20 S. 924—929; Straf bestimmungen S. 928. 



V. Reformbestrebungen. 193 



b) Neue Gesetze seit dem 11. Oktober 1890. 

1. Verordnung über die Veröffentlichung des Strafgesetzes für die Marine 
vom 5. November 1890. Dieses Gesetz, dessen Geltung kurz nach seiner 
Veröffentlichung einstweilen suspendiert wurde, ist inzwischen einer Revision 
nvkerzogen und in der neuen Fassung am 7. März 1891 publiziert. (Annuaire 
de l^gislation ^trang^re Bd. 24 8. 1011.) Für das Landheer gelten noch immer 
die veralteten, mit dem Namen des Grafen von Lippe verknüpften portugie- 
sischen Bestimmungen. 

2. Bundes-Gerichtsverfassungs-Gesetz vom 11. Oktober 1890; Annuaire 
de 16gislation ötrang^re Bd. 20 S. 912. 

3. Konkursordnung vom 24. Oktober 1890; Annuaire de l^gislation 
^trangöre Bd. 20 S. 935. 

4. Verordnungen vom 11. Oktober und 14. November 1890 über die 
Verfassung der Ortsgerichte; Annuaire de 16gislation ^trang^re Bd. 20 S. 912 
und 923. 

5. Gesetz vom 12. Dezember 1890 betreffend die neue Fassung der 
Artt. 205 und 206 des Strafgesetzbuches. 

6. Gesetz vom 8. Januar 1892 über die strafrechtliche Verantwortlich- 
keit des Präsidenten der Republik für Delikte, die er in dieser Eigenschaft 
begangen hat; die einzigen angedrohten Strafen sind Verlust des Amtes und 
Unfähigkeitserklärung für alle übrigen Ämter (das sogenannte „empeachment" 
des amerikanischen Rechts). Das dabei anzuwendende Verfahren ist durch 
Gesetz vom 7. Dezember 1892 geregelt; Annuaire de l^gislation 6trang6re 
Bd. 24 8. 1021. 

7. Gesetz vom 30. Januar 1892 über die Auslieferung von Verbrechern 
unter den brasilianischen Einzelstaaten; Annuaire de l^gislation ötrangfere 
Bd. 24 S. 1023. 

8. Gesetz vom 12. Juli 1893 betreffend die Gründung einer Korrektions- 
anstalt für Landstreicher und Bettler im Staate Rio de Janeiro; Annuaire de 
legislation ^trangere Bd. 24 S. 1058; vgl. oben S. 181 Anm. 2. 



V. Reformbestrebungen. 

Unter einem Teil der brasilianischen Juristen ist die Meinung verbreitet, 
dass die Verfasser des geltenden Strafgesetzbuchs die geschichtliche Grundlage 
des brasilianischen Strafrechts in grösserem Umfange, als es erforderlich ge- 
wesen wäre, verlassen haben. Eine unter dem Vorsitze von Vieira de Araüjo 
gebildete Kommission hat deshalb im Jahre 1893 den Entwurf eines neuen 
Strafgesetzbuches ausgearbeitet, der mehrfach veröffentlicht ist (siehe die 
Litteraturangaben S. 171) und sich in höherem Grade, als das geltende Gesetz, 
an das brasilianische Kriminalgesetzbuch von 1830 anlehnt, nichtsdesto- 
weniger aber im Anschluss an die geltenden Strafgesetzbücher von Deutsch- 
land, Ungarn, Holland und Italien manche zeitgemässe Neuerungen enthält. 
Unter die Strafen ist, als Ersatz für die durch die Bundesverfassung ab- 
geschaffte Todesstrafe, das lebenslängliche Zuchthaus (ergastulo) wieder auf- 
genommen, Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Ämter und Stellung unter 
Polizeiaufsicht zugelassen, auch bedingte Vemrteilung und Entlassung vor- 
gesehen. Bislang ist der Entwurf nicht Gesetz geworden. 



Strafgesetzgebung der Gegenwart. II. 23 



xm. 



VEREINIGTE STAATEN 



VON 



AMERIKA. 



Von 

Joseph E Beale, 

Professor des Strafrechts an der Harrard-Universitftt au Cambridge, Mass. 

(Übersetzung aus dem Englischen 
von Dr. Georg Cmsen, Gerichtsassessor im Königlich Preussischen Justizministerium zu Berlin.) 



13* 



Übersicht 



I. Einleitung. 

§ 1. Geschichte und Quellen. § 2. Verfassungsrechtliche Bestimmungen. 
II. Allgemeine Grundsätze. 

§ 3. Strafverfahren. § 4. Zuständigkeit, g 5. Thäterschaft und Teilnahme. 
§ 6. Strafausschliessungsgründe. — Versuch. § 7. Das Strafensystem. 
III. § 8. Die einzelnen strafbaren Handlungen. 



L Einleitmig. 

§ 1. Geschichte und QneUen. 

I. Die Verschiedenheit der Gesetze in den einzelnen Staaten. 
In den Vereinigten Staaten von Nordamerika besteht neben dem ^Congress 

of the United States^ in jedem der fünfundvierzig Staaten und drei Territorien 
eine gesetzgebende Körperschaft, mit der, durch die Verfassung der Vereinigten 
Staaten und jedes einzelnen Bundesstaates geregelten Befugnis, ohne Rücksicht 
auf die übrigen Staaten selbständig Gesetze zu erlassen. Die natürliche Folge 
ist, dass es nicht zwei Staaten giebt, die eine völlig übereinstimmende Gesetz- 
gebung haben. Eine erschöpfende Darstellung der Strafrechtssysteme aller 
Staaten liegt ausserhalb des Rahmens dieser Abhandlung. Indes besteht trotz 
aller Verschiedenheit im einzelnen eine grosse Verwandtschaft der Rechts- 
systeme in ihren Grundlagen. Der Umstand, dass jeder Staat in der Lage 
ist, Bestimmungen, welche in anderen Teilen der Union oder in England sich 
als brauchbar erwiesen haben, zu übernehmen, ermöglicht es, die allen oder 
wenigstens einem grossen Teile der Gesetzgebungen gemeinsamen Grundsätze 
hervorzuheben, ohne durch Berücksichtigung unwichtiger Einzelheiten die Klar- 
heit und Übersichtlichkeit des Bildes zu beeinträchtigen. In der Regel macht 
sich die Verschiedenheit zwischen den Staaten in doppelter Richtung bemerk- 
bar: einerseits haben manche Staaten einige neue Gesetze von anderen Staaten 
übernommen, andere dagegen für ihre eigenen Bedürfnisse geschaffen, die in 
den übrigen Staaten nicht gelten; zweitens aber ist der Kreis der strafbaren 
Handlungen nicht überall gleich: es giebt Thatbestände , die in dem einen 
Territorium mit Strafe bedroht, in anderen dagegen straflos sind. 

Im folgenden sollen nur solche Bestimmungen berücksichtigt werden, die 
entweder wegen ihrer allgemeinen Geltung oder wegen ihrer grossen Wichtig- 
keit besondere Bedeutung beanspruchen. 

II. Besonderes Recht. 

1. Militärrecht. Die besonderen Strafgesetze sind für die Vereinigten 
Staaten nahezu bedeutungslos. Allerdings bestehen für Landheer und Flotte 
auf Grund von Kongressbeschlüssen besondere, im wesentlichen mit den eng- 
lischen übereinstimmende Spezialvorschriften (martial law). Indes sind sowohl 
das stehende Heer wie die Kriegsmarine nur klein und die Abweichungen des 
für sie geltenden Rechts vom gemeinen unbedeutend. Soldaten und Matrosen 
sind stets auch dem letzteren (municipal criminal law) unterworfen. Eine 
nach diesem strafbare Handlung wird nicht dadurch straflos, dass sie auf Be- 
fehl eines Vorgesetzten verübt wurde, wenigstens dann nicht, wenn der Unter- 
gebene die Ungesetzlichkeit des Befehls hätte kennen müssen (vgl. United 
States V. Jouet, 3 Washington's U. S. Circuit Court Reports, 209; United States 
V. Clark, 31 Federal Reporter 710). 



198 Vereinigte Staaten von Amerika. 



2. Indianer-Gesetzgebung. Die Indianer haben die ihren Stämmen 
eigentümlichen Einrichtungen unter Aufsicht des Bundes behalten und stehen 
bezüglich ihrer inneren Verhaltnisse unter ihren eigenen Gesetzen. Auf die 
von einem Indianer gegen einen anderen Indianer begangenen strafbaren 
Handlungen finden die Stammesgesetze nur dann Anwendung, wenn beide im 
Indianer-Gebiete leben (Revised Statutes of the United States § 2146). In 
allen anderen Fällen dagegen sind für die innerhalb des Bundesgebiets liegen- 
den Indianer -Territorien die allgemeinen Gesetze der Vereinigten Staaten 
massgebend (a. a. O. § 2145). 

IIL Geschichte und Quellen des Strafrechts. 

1. Die englischen Kolonieen. In allen von den Engländern zuerst 
besiedelten oder sehr früh erworbenen Staaten überwog von Anfang an das 
englische gemeine Recht (common law of England). So galt es zur Zeit der 
amerikanischen Revolution in allen jetzt zu den Vereinigten Staaten gehörigen 
Ländern, die östlich vom Mississippi und nördlich von Florida liegen. 

Die strafrechtlichen Bestimmungen des common law sind anscheinend in 
der Kolonie Massachusetts Bay während der Zeit ihres Bestehens (1628 — 1692) 
nicht in Geltung gewesen. Vielmehr war hier ein auf dem mosaischen Recht 
beruhendes Strafgesetzbuch in Kraft (General Laws and Liberties of Massa- 
chusetts, Cambridge 1672). Mit der Einführung der Provinzialverfassung 
machte dieses dem gemeinen Rechte Platz. Die Kolonie Connecticut hatte ein 
ähnliches Gesetz, dessen Spuren sich noch im geltenden Recht dieses Staates 
nachweisen lassen dürften. New York, das zuerst von den Holländern be- 
siedelt wurde, stand zunächst unter der Herrschaft des holländischen Rechts, 
dessen Einwirkung auf die Strafgesetzgebung indes schon zur Zeit der Re- 
volution nicht mehr zu bemerken ist. 

2. Die spanischen und französischen Kolonieen. Der südliche 
und westliche Teil der Vereinigten Staaten wurde zunächst von spanischen 
und französischen Kolonisten besetzt und erst in diesem Jahrhundert dem 
Bunde angeschlossen. In den Gebieten, in welchen die französischen und 
spanischen Elemente überwogen, blieben auch nach dem Anschluss die ent- 
sprechenden Rechtsgrundsätze massgebend, bis sie durch die neuere Gesetz- 
gebung verdrängt wurden. Es kommen in dieser Beziehung besonders die 
Staaten Louisiana, Texas, Florida, California sowie die Territorien New-Mexiko 
und Arizona in Betracht. Obgleich schon 1805 die Gesetzgebung von Louisiana 
(später das Territorium von Orleans) das englische criminal common law an- 
nahm (Laws of Louisiana von 1805, S. 440, § 3), überwog doch auf dem 
Gebiete des Privatrechts der französische Einfluss. In allen übrigen von den 
vorgenannten Territorien wurde das gemeine Strafrecht frühzeitig durch Ge- 
setz (Statute) eingeführt. Eine Nachwirkung des früheren Strafrechts auf die 
geltende Gesetzgebung ist in keinem dieser Staaten bemerkbar. 

3. Nullum crimen sine lege. Für die Bundesgerichte der Vereinigten 
Staaten (federal courts) sowie für die Staaten Ohio und Iowa gilt der Grund- 
satz, dass eine Handlung als Verbrechen (crime) nur dann bestraft werden kann, 
wenn sie zuvor durch ausdrückliches Gesetz (express statutorj'' provision) für 
strafbar erklärt ist. Ein Gesetz gleichen Inhalts ist in Indiana und anderen 
Staaten erlassen. Von den Staaten haben einige, wie später darzustellen ist, 
vollständige Strafgesetzbücher; in allen übrigen sind wenigstens die wichtigsten 
Delikte, insbesondere bezüglich des Strafmasses, gesetzlich geregelt. 

Für die Auslegung aller Gesetze strafrechtlichen Inhalts dient das „com- 
mon law" als gemeinsame Grundlage. 



I. Einleitung. — § 1. Geschichte und Quellen. 199 



IV. Gesetzesrecht. 

1. Beziehungen zwischen den Gesetzgebungen verschiedener 
Staaten. Wenn es auch, wie bereits erwähnt, nicht zwei Staaten mit völlig 
übereinstimmendem Recht giebt, so lassen sich doch mehrere Gruppen auf- 
stellen, deren Staaten untereinander in zahlreichen Punkten eine Überein- 
stimmung zeigen. So ist das Strafgesetzbuch (Penal Code) von New York 
nahezu wörtlich in Minnesota nachgeahmt und stinmit im wesentlichen mit 
denen von California, Dakota, Arizona und einigen anderen westlichen Staaten 
überein. Die Strafgesetze mehrerer Südstaaten (so u. a. Virginia, Alabama und 
Texas) sind einander sehr ähnlich; das Strafgesetzbuch von Nebraska ist ihnen 
nahe verwandt. Dagegen hat das Strafgesetzbuch von Georgia — übrigens 
eines der ältesten amerikanischen Strafgesetzbücher — verschiedene nur ihm 
eigentümliche Bestimmungen. Massachusetts und die übrigen New-England- 
Staaten: New Jersey, Pennsylvania, Delaware, Ohio, sowie verschiedene 
Central-Staaten haben das gemeine Recht ohne wesentliche gesetzgeberische 
Änderungen beibehalten. 

2. Übersicht über die erlassenen Strafgesetze. 

A. In verschiedenen Staaten hat eine erschöpfende Kodifizierung 
des Straf rechts stattgefunden. In einigen (Arizona, California, Dakota, 
Texas ) können nur die im Strafgesetzbuche erwähnten Handlungen mit 
Strafe belegt werden; andrerseits ist in Idaho das „common law" ausdrück- 
lich in Kraft belassen. Die folgende Zusammenstellung giebt eine Übersicht 
über die erlassenen Strafgesetzbücher nebst den noch gültigen Abänderungs- 
gesetzen. 

a) Alabama. Das Strafgesetzbuch (Criminal Code) bildet den II. Teil 
des Code von 1887, ist zu Nashville (Tennessee) 1887 erschienen und wird 
alle zwei Jahre ergänzt durch die Acts of Alabama (letzter Band: Mont- 
gomery 1897). 

b) Arizona. Penal Code of Arizona (Prescott 1887). Wird alle zwei 
Jahre ergänzt; letzter Band: Laws of Arizona, Phoenix 1897. 

c) California. Penal Code of California von 1872; die neuesten Aus- 
gaben sind von Desty (San Francisco 1881) und Deering (San Francisco 1885). 
Alle zwei Jahre erscheinen Nachträge und Änderungen (Statutes and Amende- 
ments to the Code, zuletzt Sacramento 1897). 

d) Dakota. Das Strafgesetzbuch ist enthalten in den Compiled Laws 
of the Territory of Dakota (Bismarck 1887). Nachdem das Territorium ge- 
teilt und in der Form von zwei selbständigen Staaten in den Bund auf- 
genommen ist, erscheinen die Gesetze, und zwar alle zwei Jahre, In zwei ge- 
trennten Ausgaben: Laws of North Dakota (Bismarck, zuletzt 1897) und 
Session Laws of South Dakota (Pierre 1897); vgl. North-Dakota. 

e) Georgia. Das Strafgesetzbuch ist von 1895 (Atlanta 1896); die laufende 
Gesetzgebung wird in den Series of Georgia Laws veröffentlicht. 

f) Idaho. Das Strafgesetzbuch ist enthalten in den Revised Statutes 
(Boise City 1887). Spätere Gesetzgebung: General Laws of Idaho (Boise City, 
«•scheinen alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 

g) Minnesota. Das Strafgesetzbuch ist in den General Statutes (St. Paul 
1894) enthalten. Die alle zwei Jahre erscheinende Ausgabe der erlassenen 
Gesetze heisst: General Laws of Minnesota (St. Paul, zuletzt 1893). 

h) Nebraska. Der Criminal Code vonl873 ist mit den bis 1893 erlassenen 
Nachtragsgesetzen in den Compiled Statutes of Nebraska (Lincoln 1893) ab- 
gedruckt. 



200 Vereinigie SUalen von Amerika. 



i) New York. Das Strafgesetzbuch (Penal Code; von 1881 ist in zahl- 
reichen Ausgaben (New York und Albany 1881 — 1893) erschienen. Die 
geltenden Gesetze enthAlt: Session Laws of New York (erscheint in Albany 
alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 

k) North-Dakota. Das Strafgesetzbuch (eine neue Ausgabe des Dakota- 
Code) ist in den Revised Codes of 1895 enthalten. 

l) Oklahoma. Das Strafgesetzbuch tou 1893 ist in den Statutes of 
Oklahoma« Outhrie 1893, enthalten. 

m) Oregon. Der Criminal Code von 1864 ist abgedruckt in The Code 
of Oregon, second edition annotated (San Francisco 1892). Die geltende Ge- 
setzgebung wird alle zwei Jahre in den Laws of Oregon (Salem, zuletzt 1897) 
veröffentlicht. 

n) Texas. Penal Code of Texas (Austin 1895). Die geltende Gesetz- 
gebung bringen die in zweijälirigen Zwischenrftumen erscheinenden Laws of 
Texas (Austin, zuletzt 1897). 

o) Utah. Der Penal Code von 1876 ist in den Compiled Laws of Utah 
(Salt Lake City 1888) enthalten. Die geltende Gesetzgebung wird alle zwei 
Jahre in den Laws of Utah (Salt Lake City, zuletzt 1896) veröffentlicht. 

p) Virginia. Das Strafgesetzbuch (Penal Code) enthält der Code of 
Virginia (Richmond 1887). Die geltenden Gesetze bringen die in zweijährigen 
Zwischenräumen erscheinenden Acts of Assembly of Virginia (Richmond, zu- 
letzt 1896). 

q) Washington. Penal Code abgedruckt in Annotated Statutes and 
Codes (San Francisco 1891); laufende Gesetzgebung in Laws of Washington 
(erscheint alle zwei Jahre — zuletzt 1897 — in Olympia). 

B. Revision der Gesetzgebung. In fielen Staaten werden die vor- 
handenen Gesetze von Zeit zu Zeit einer allgemeinen Revision unterzogen, 
indem die derzeit geltenden Vorschriften systematisch geordnet und auf ihre 
Zweckmässigkeit hin geprüft werden. Die so hergestellten Gesetze bleiben 
dann gewöhnlich die Grundlage für das geschriebene Recht, das lediglich 
durch die laufende Gesetzgebung ergänzt wird, bis eine neue Revision ver- 
anstaltet wird. Bei diesen Staaten sind daher die Strafgesetze in der „Re- 
vision" enthalten und bilden einen logisch geordneten Komplex von straf- 
rechtlichen Bestimmungen, ähnlich den englischen Consolidation Acts, nicht 
aber eine das gesamte Strafrecht enthaltende Kodifikation. 

1. In einigen dieser Staaten wird die „Revision" amtlich veröffentlicht, 
bleibt bis zur nächsten Revision unverändert und wird ergänzt durch die 
laufende Gesetzgebung. 

a) Vereinigte Staaten. Die Kongressbeschlüsse (Acts of Congress) 
sind in der angegebenen Weise bearbeitet und als Revised Statutes of the 
United States (Washington 1874, zweite Aufl. daselbst 1878) veröffentlicht 
worden. Die laufende Gesetzgebung erscheint jährlich in den Statutes of the 
United States of America (Washington, zuletzt 1897) und ist auch unter der 
Bezeichnung Statutes at Large herausgegeben. 

h) Connecticut. General Statutes of Connecticut, Hartford 1888. Alle 
zwei Jahre erscheint die laufende Gesetzgebung als Public Acts of Connecticut, 
Hartford, zuletzt 1897. 

c) Delaware. Revised Code of 1852 with amendments to 1893, Wil- 
mington 1893. Zweijährliche Übersicht über die Gesetzgebung unter dem 
Titel Laws of Delaware, Dover, zuletzt 1897. 

d) Florida. Revised Statutes, Jacksonville 1892. Laws of Florida 
(alle zwei Jahre), Tallahassee, zuletzt 1897. 



I. Einleitung. — 8 1. Geschichte und Quellen. 201 



e) Maine. Kevised Statutes, Portland 1884. Laws of Maine (alle zwei 
Jahre), Augusta, zuletzt 1897. 

f) Maryland. Code of Public General Laws, Baltimore 1888. Laws 
of Maryland (alle zwei Jahre), Annapolis, zuletzt 1896. 

g) Massachusetts. Public Statutes, Boston 1882. Acts and Resolves 
of Massachusetts (alljährlich), Boston, zuletzt 1897. 

h) Mississippi. Strafgesetzbuch mit Anmerkungen (Annotated Code 
of Mississippi), Nashville (Tennessee) 1892. Laws of Mississippi (alle zwei 
Jahre), Jackson, zuletzt 1896. 

i) Missouri. Revised Statutes of Missouri, Jefferson 1889. Laws of 
Missouri, Jefferson (alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 

k) Montana. Compiled Statutes, Helena 1888. Laws of Montana, Butte 
(alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 

1) New Hampshire. Public Statutes, Manchester 1891. New Hampshire 
Laws, Concord (alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 

m) New Jersey. General Statutes, Jersey City, 1896. Current legis- 
lation of New Jersey (alle zwei Jahre, Trenton, zuletzt 1897). 

n) North Carolina. North Carolina Code of 1883, New York 1883. 
Public Laws of North Carolina, Raleigh (alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 

o) Rhode Island. General Laws, Providence 1896. Acts and Resolves, 
Providence (alljährlich, zuletzt 1897). 

p) South Carolina. Revised Statutes, Columbia 1894. Acts of South 
Carolina, Columbia (alljährlich, zuletzt 1897), 

q) Tennessee. Code, Nashville 1884. Acts of Tennessee, Nash%ille 
(alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 

r) Vermont. Revised Laws, Rutland 1881. Laws of Vermont, Bur- 
lington (alle zwei Jahre, zuletzt 1896). 

2. In einigen Staaten ist Privatpersonen die Befugnis verliehen ^ fort- 
laufende Gesetzesausgaben mit Anmerkungen zu veranstalten, in denen nicht 
nur die Ergebnisse der letzten amtlichen Revision, sondern auch die später 
erlassenen Gesetze berücksichtigt werden. 

a) Colorado. MilFs Annotated edition of the General Statutes of 1883. 
Chicago 1891; ein bis 1896 reichendes Supplement ist in Denver 1897 er- 
schienen. Die spätere Gesetzgebung findet man auch in „The Session Laws 
of Colorado", Denver (alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 

b) Illinois. Cothran's Revised Statutes, siebente Auflage, Chicago 1891. 
Starr und Curtis's Annotated Statutes, zweite Auflage, Chicago 1885, nebst 
Supplement, Chicago 1892; Fortsetzung in den, alle zwei Jahre, zuletzt 1897, 
in Springfield erscheinenden Laws of Illinois. 

c) Indiana. Revised Statutes of 1881, with all subsequent general 
laws, annotated, Chicago 1888. Laws of Indiana, Indianopolis (alle zwei 
Jahre, zuletzt 1897). 

d) Iowa. McClain's annotated Code (of 1873) and Statutes, Chicago 
1888. Laws of Iowa, Des Moines, 1892. 

e) Michigan. Howell's General Statutes of Michigan, with notes, 
Chicago 1883; Supplement, Chicago 1890. Public Acts of Michigan, Lansing 
(alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 

f) Ohio. Revised Statutes of 1880, edited by Smith and Benedict, 
Cincinnati 1890. Session Laws, Columbus (alljährlich, zuletzt 1897). 

g) West Virginia. West Virginia Code, dritte Aufl., Charleston 1891. 
Acts of West Virginia, Charleston (alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 

h) Wisconsin. Annotated Statutes (including the Revised Statutes of 1878), 
Chicago 1889. Laws of Wisconsin, Madison (alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 



202 Vertfinigte Staaten von Amerika. 



C. Amtlich genehmigte Bearbeitungen. In einigen Staaten wird 
im Wege der Ge:?etzgebung ein Einzelner oder ein Ausschosc? beauftragt, die 
vorhandenen Gej^etze zu einem einh ei t liehen Werke zusammenzufassen. Dieses 
iirt dann, obwohl nicht au>drücklich zum G^-j^-tz erhoben, doch eine amtliche 
Gei?etzesaiLsgabe und leistet praktisch dieselben Dienste, wie eine Revision 
durch besonderen ges^*tzlichen Akt. 

a» Arkansas. Sandeis and Hills Digest of the Statutes, Columbia 
< Missouri; 1894. Übersicht über die Gesetzgebung in den Acts and Resolves 
of Arkansas, Little Kock, alle zwei Jahre, zuletzt 1897. 

b; Kansas. Taylors Compiled Laws of Kansas. Topeka 1889. Die er- 
lassenen Gesetze werden in den Laws of Kansas «Topeka, zuletzt 1897* ver- 
öffentlicht. 

C) Kentucky. Barbour and Carrol's Kentucky Statutes, Louisville 1894. 
Übersicht über die Gesetzgebung in den Kentucky Acts, Frankfort, alle zwei 
Jahre, zuletzt 1896. 

d) Louisiana. Voorhies' Revised Statutes of Louisiana, New Orleans 
1876. Zusammenst<^Hung der Gesetzgebung in den Acts of Louisiana ^er- 
scheinen alle zwei Jahre, zuletzt 1896». 

e; Nevada. General Statutes of Nevada, Carson 1885. Übersicht über 
die Gesetzgebung in den Statutes of Nevada ' zwei jährlich zu Carson erscheinend, 
letzte Ausgabe 1897*. 

f) New Mexico. Compiled Laws, Santa Fe 1885. Laws of Mexico (zu. 
Santa F6 alle zwei Jahre, zuletzt 1897). 

g; Wyoming. Revised Statutes, Cheyenne 1887. Laws of Wyoming 
falle zwei Jahre zu Cheyenne erscheinend, zuletzt 1897». 

D. Nichtamtliche Bearbeitungen. In Pennsylvania hat weder eine 
gesetzliche Revision der Gesetze stattgefunden, noch ist eine amtliche Zu- 
sammenstellung veranstaltet; es existiert indes eine private Bearbeitung des 
Gesetzes: Brightley's Purdon's Digest of the Laws, zwei Bände, Philadelphia 
1894. Laws of Pennsylvania ^alle zwei Jahre, Harrisbury, zuletzt 1897;. 

V. Bibliographie. 

1. Allgemeine Abhandlungen. Ebenso originell wie bedeutend ist Bishop^« 
Criminal Law (achte Auflage, 2 Bände, Chicago li<92). Der Verfasser war wohl der 
erste, der das Gebiet des Strafrechts in seinem vollen Umfange gründlich durchforscht 
hat; sein Werk dürfte die erschöpfendste aller bisher veröffentlichten Abhandlungen 
strafrechtlichen Inhalts sein. Von demselben Verfasser erschien: Treatise on Statutory 
Crimes (jcweite Auflage, Boston 1883). Ebenfalls sehr ausführlich ist Wh ar ton 's 
Criminal Law (neueste Auflage, 2 Bände, Philadelphia 1887). Die letzte vollständige 
und sehr zuverlässige Arbeit auf diesem Gebiete ist McClain's Criminal Law (2 Bde., 
Chicago 1897). 

2. Grundrisse. Eine vorzügliche Darstellung der Grundzüge des Strafrechts 
ist May 's Criminal Law (zweite Auflage, Boston 1893). 

3. Monographieen. W harten hat eine, den Gegenstand völlig erschöpfende 
Abhandlung über die Tötung (homicide) veröffentlicht (dritte Auflage, Philadelphia 
1891). Von Carson ist eine Ausgabe von Wright's Abhandlung über die strafbare 
Verabredung (criminal conspiracy) nebst einer Darstellung der darauf bezüglichen 
amerikanischen Gesetzgebung erschienen (Philadelphia 1887). Von Rapalje ist eine 
Abhandlung über die widerrechtliche Aneignung und die dieser verwandten Delikte 
(A Treatise on Larceny and kindred Offences, Jersey City 1892) zu erwähnen. 

4. Sammlungen von Strafrechtsfällen. Es giebt mehrere Sammlungen 
strafrechtlicher Fälle, a) Bennett und Heard: Leading Criminal Cases, with notes 
(zweite Auflage, 2 Bände, Boston 1869). b) Green: Criminal Cases with notes (zwei 
Bände, New York 1874—7.')). c) American Criminal Reports (neun Bände, Chicag'o 
1877—92;. d) Horrigan und Thompson: Cases on Seif Defence (St. Louis 1874). 
e) Law so n: Defeiu-es to Crime (wozu die unter d genannte Sammlung den ersten 
Band bildet; mit Nachträgen (sechs Bände, St. Louis und San Francisco 1874—92). 
{) Chaplin: Leading Cases in Criminal Law (Boston 1891). g) Beale: Cases on 
Criminal Law (Cambrid«re 1894). 



I. Einleitung. — § 2. Verfassungsrechtliche Bestimmungen. 203 



5. Zeitschrift: The Criminal Law Magazine (18 Bände, Jersey City 1880—97). 

6. Spruchsammlungen, enthaltend die Erkenntnisse des Höchsten Gerichts- 
hofes, erscheinen in jedem Staate, ebenso werden die Entscheidungen des Supreme 
Court of the United States unter dem Titel United States Reports veröffentlicht. Auch 
für die Urteile der unteren Gerichte bestehen verschiedene Sammlungen, von denen 
der Federal Reporter die wichtigste ist. 

7. Das Annuaire de legislation etrangöre (herausgegeben von der Societe 
de legislation comparee zu Paris seit 1872, bislang 25 Bände) bringt regelmässige Be- 
richte über die Gesetzgebung der Vereinigten Staaten, in denen auch das Stralrecht, 
sowohl des Bundes wie der Einzelstaaten, berücksichtigt wird. 

§ 2. Verfassungsrechtliche Bestimmungen. 

Sowohl der Bund der Vereinigten Staaten als auch die einzelnen Staaten 
haben jeder eine geschriebene, das Staatsgrundgesetz bildende, Verfassung 
(Constitution). In den Territorien wird sie durch den die Erhebung des Terri- 
toriums zum Staate und dessen Organisation enthaltenden Kongressbeschluss 
(act of Congress) ersetzt. Ein Gesetz, das von einer der Verfassung nicht 
entsprechenden gesetzgebenden Körperschaft (legislature) erlassen ist, darf von 
den Gerichten nicht angewendet werden. Die Bestimmungen der Verfassung 
bilden daher einen Teil des positiven Rechts und gehen den übrigen Gesetzen 
vor. Alle Verfassungen treffen Vorsorge zur Sicherung der Rechte solcher 
Personen, denen eine strafbare Handlung zur Last gelegt wird, und zwar 
stimmen die Vorschriften hierüber im grossen und ganzen überein. Eine Zu- 
sammenstellung aller verfassungsrechtlichen Bestimmungen enthält das Werk 
von F. J. Stinison: American Statute Law (Band I, Boston 1886), auf welches 
in diesem Abschnitt Bezug genommen wird. 

Die fast in allen Staaten gleichartigen Ginindsätze der Verfassungen in 
Bezug auf strafbare Handlungen sind folgende: a) Wer einer Strafthat bezich- 
tigt wird, kann verlangen, dass ihm vor dem Verhör der Inhalt der Beschul- 
digung mündlich oder schriftlich mitgeteilt wird. (Stimson § 121). ß) Bei 
allen Delikten, die nicht Kapitalverbrechen sind, muss die Entlassung aus der 
Haft gegen angemessene, nicht zu hoch festzusetzende, Bürgschaft gestattet 
sein (Stimson §§ 122, 123). y) Die Habeas-Corpus-Akte kann nur im Falle 
einer feindlichen Invasion oder eines Bürgerkrieges im Interesse der öffent- 
lichen Sicherheit zeitweilig ausser Kraft gesetzt werden (Stimson § 127). 
ö) Niemand ist verpflichtet, sich wegen eines entehrenden Verbrechens (in 
einigen Staaten überhaupt wegen eines Verbrechens) zu verantworten, bevor 
nicht ein schriftlicher Anklagebeschluss der Grossen Jury (indictment by the 
grand jury) ergangen ist (Stigison § 128). b) Niemand darf seines Lebens, 
seiner Freiheit oder seines Eigentums anders beraubt werden als durch einen 
in gesetzmässigem Verfahren gefällten Spruch einer Jury; gewöhnlich wird 
weiter gefordert, dass die Mitglieder in der Nachbarschaft des Angeklagten 
wohnen (Stimson §§ 130, 131, 133). t) Jeder wegen eines Verbrechens An- 
geklagte ist berechtigt, sich eines Verteidigers zu bedienen und die Ladung 
von Entlastungszeugen zu verlangen. Er kann beanspruchen, den Belastungs- 
zeugen gegenüber gestellt zu werden. Niemand kann genötigt werden, zu 
seinem eigenen Nachteile auszusagen (Stimson §§ 134, 135, 136). tj) Niemand 
darf wegen ein- und derselben Handlung zweimal unter Anklage gestellt 
werden (Stimson § 137). 9) Niemand soll durch die gesetzgebende Körper- 
schaft eines Verbrechens (treason oder felony) überführt werden (Stimson 
§ 138). l) Übermässig hohe Geldstrafen sowie grausame oder ungewöhnliche 
Strafen dürfen nicht angedroht werden (Stimson §§ 1-10, 141). x) Es ist unzu- 
lässig, einem Strafgesetz<i rückwirkende Kraft beizulegen (Stimson § 142). 



204 Vereinigte Staaten von Amerika. 



n. Allgemeine Grundsätze. 

§ 3. StrafverfahreiL 

In jedem Orte wird ein öffentlicher Ankläger (der sog. district attomey 
oder county aolicitor) gewählt, zu dessen Amtspflichten die Einleitung aller 
strafrechtlichen Verfolgungen, die Vorbereitung der von der grand jury zu 
erlassenden schriftlichen Anklagebeschlüsse (bills of indictment) und die Ver- 
tretung der Staatsgewalt in allen vor der Kleinen Jury (petit jury) stattfinden- 
den Vernehmungen gehört. 

Gewöhnlich indessen ist die Verfolgung geringfügiger Strafthaten nicht 
Sache des öffentlichen Anklägers. Diese sind meist dem Friedensrichter (justice 
of the peace) überwiesen und werden summarisch behandelt. In der Regel 
ist dabei die Erhebung und Vertretung der Anklagen den beteiligten Privat- 
personen überlassen. . 

§ 4. Zuständigkeit 

I. Zuständigkeit der Bundesgerichte in Strafsachen.^) 

1. Völkerrechtliche Delikte. In allen auswärtigen Angelegenheiten 
wird das Land ausschliesslich durch die Bundesregierung vertreten; nur die 
„Vereinigten Staaten", nicht die einzelnen Bundesglieder sind Rechtssubjekte 
im Sinne des Völkerrechts. Nur die Bundesgerichte (United States courts oder 
federal courts im Gegensatze zu den Gerichten der Einzelstaaten: State courts) 
sind daher zur Aburteilung der strafbaren Handlungen gegen das Völkerrecht 
(z. B. Seeraub, Delikte gegen befreundete Nationen) zuständig. 

2. Auf offener See begangene Strafthaten. Durch die Verfassung 
ist die Zuständigkeit des Bundes zur Bestrafung der auf hoher See verübten 
Räubereien und anderen Vergehen (piracies and felonies) begründet. Ihre 
Aburteilung erfolgt daher ausschliesslich durch die „United States courts". 

3. Verhältnis zu den Gerichten der einzelnen Bundesglieder. 

a) Staaten. Jeder Staat hat seine eigene Gerichtsbarkeit und seine 
eigenen Gerichte, die von den Bundesgerichten in keiner Weise abhängig sind 
und durch deren Zuständigkeit diejenige der Bundesgerichte ausgeschlossen wird. 

b) Territorien. Es giebt grosse Länderstriche, die zu den Vereinigten 
Staaten gehören, ohne Teil eines Einzelstaates zu bilden. Es sind drei Arten 
dieser Gebiete zu unterscheiden. 

«) Organisierte Territorien (Territorien^ im engeren Sinne): diejenigen, 
welche durch Kongressbeschluss zu „Territorien" erklärt sind. Der an ihrer 
Spitze stehende Statthalter (Governor) und die Mitglieder der Gerichte werden 
von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannt, die gesetzgebende 
Körperschaft dagegen wird von der Bevölkerung des Territoriums gewälilt. 
Die legislative Thätigkeit des Kongresses ist mit der Erhebung des Gebietes 
zum Territorium und der ersten Organisation beendigt. Die Gerichte des Terri- 
toriums sind zwar Bundesgerichte, wenden aber die besonderen Gesetze des 
Territoriums an. 



') Der Umstand, das» der Bund eigene, von den Gerichten der Einzelstaaten un- 
abhängige Gerichte (United States courts) hat, ist die Quelle zahlreicher Verwirrungeu 
bei Anwendung des Ausdrucks „United States". Er bedeutet sowohl: Gesamtheit der 
verbündeten Staaten, als: die von den Einzelstaaten unabhängige Gerichtsbarkeit. 
In welchem Sinne die Bezeichnung im Einzelfalle gebraucht ist, kann nur aus dem 



Zusammenliange entnommen werden. 



n. Allgemeine Grundsätze. — § 4. Zuständigkeit. 205 



ß) Nichtorganisierte Territorien, von denen jetzt nur noch Alaska 
vorhanden ist, sind solche Landstriche, die, solange sie nicht zu einem Terri- 
torium i. e. 8. erhoben sind, durch einen vom Präsidenten der Vereinigten 
Staaten ernannten Statthalter nach Gesetzen verwaltet werden, die vom Kongresse 
erlassen werden. In einem solchen Territorium gilt vorzugsweise das Bundes- 
strafrecht (criminal law of the United States). 

/) Bundesdistrikt. Der District of Columbia steht als Sitz der Bundes- 
regierung (Federal govemment) unter der unmittelbaren Verwaltung des Präsi- 
denten und des Kongresses. Die Gerichte des Distrikts wenden die vom Kon- 
gresse fttr ihn erlassenen besonderen Gesetze an. 

c) Bundesland innerhalb der Grenzen eines Bundesstaates. Die 
Gerichtsbarkeit der Vereinigten Staaten eratreckt sich auf einzelne unbedeutende 
Gebietsteile, die innerhalb der Grenzen von Einzelstaaten liegen. 

c) Abgetretenes oder gekauftes Gebiet. In allen Fällen, wo die 
Vereinigten Staaten, sei es durch Abtretung seitens des Staates, sei es durch 
Kauf vom Eigentümer mit Genehmigung des Staates, Grundbesitz erwerben, 
der innerhalb eines Staatsgebietes liegt, steht dem Bunde die uneingeschränkte 
Gerichtsbarkeit in diesen Bezirken zu, und es gilt in ihnen Bundesrecht. Der- 
artige Grundstücke erwirbt der Bund zur Anlegung von Befestigungen, Schiffs- 
magazinen, Leuchttürmen, Zollhäusern, Postanstalten u. a. m. 

ß) Reservationen. Der Kongress kann bei der Erhebung eines Terri- 
toriums zum Staate sich Eigentum und Gerichtsbarkeit über gewisse Länder- 
striche (die sogen. „Reservations") im Interesse der Landesverteidigung oder 
zu Gunsten der Indianer vorbehalten. In diesen gilt Bundesrecht. 

4. Begründung der Zuständigkeit durch den Thatbestand der 
strafbaren Handlung. Der Kongress und die Bundesgerichte sind aus- 
schliesslich zuständig zur Bestrafung derjenigen Delikte, die (wie z. B. Betrüge- 
reien bei der Wahl von Kongressmltgliedem oder betrügerischer Bankerutt) 
in der Nichtbefolgung von Bundesgesetzen bestehen. Ebenso sind sie zuständig 
für die Aburteilung der von Beamten der Vereinigten Staaten in Ausübung 
ihres Amtes begangenen strafbaren Handlungen (May's Criminal Law, zweite 
Auflage § 82). 

II. Zuständigkeit der Staatsgerichte in Strafsachen. 

• Bezüglich seiner inneren Angelegenheiten ist jeder Staat dem anderen 
gegenüber selbständig. Jeder Staat hat eigene Gesetzgebung und eigene 
Gerichtshöfe, die sowohl von denen der übrigen Staaten wie von denen des 
Bundes völlig unabhängig sind. Jeder Staat hat deshalb auch die Gerichts- 
barkeit in Ansehung aller innerhalb eines Gebietes begangenen Strafthaten, 
mit Ausnahme der bereits erwähnten, den Bundesgerichten überwiesenen. 

Eine und dieselbe Handlung kann sowohl ein Staats- wie ein Bundes- 
gesetz verletzen; so enthält z. B. die Verausgabung falschen Geldes ein Münz- 
delikt (Verletzung eines Bundesgesetzes) und ausserdem die Erlangung von 
Vorteilen durch Betrug. Wegen einer derartigen Handlung kann eine mehr- 
fache Bestrafung erfolgen, indes wird die von einem Gerichte der einen Kate- 
gorie festgesetzte Strafe bei der Aburteilung durch ein Gericht der anderen 
Gattung in Anrechnung gebracht (vgl. May's Criminal Law, zweite Auflage § 88; 
Bishop's Criminal Law § 178). 

III. Zuständigkeit für ausserhalb des Staatsgebietes begangene 
Strafthaten. Für gewisse Fälle haben die Gesetze die Bestrafung auch 
solcher Delikte vorgesehen, die ausserhalb des Staatsgebietes begangen sind. 

1. Beihülfe. Wer zu einer innerhalb des Staatsgebietes begangenen 
strafbaren Handlung ausserhalb desselben Beihülfe leistet (accessory), wird 



206 Vereiniffte Staaten von Amerika. 



nach den Gesetzen einiger Staaten im Inlande bestraft (Penal Code von Ala- 
bama § 3717; von California § 27; von Minnesota § 14; von New York § 16). 

2. Mord. Wenn jemand ausserhalb eines Staates verletzt ist, dann in 
das Staatsgebiet gebracht wird und hier stirbt, so kann der Thftter nach den 
Gesetzen einiger Staaten von den Gerichten desjenigen Staates bestraft werden, 
in welchem der Todesort liegt, obwohl nach den Grundsätzen des common 
law (vgl. United States v. Guiteau, Mackey' s District of Columbia Reports 
498) nur die Gerichte des Staates, in welchem die Verwundung erfolgte, zu- 
ständig sind (Commonwealth v. Macloon, 101 Massachusetts Reports 1. In- 
des ist in New Jereey entschieden, dass die Einzelstaaten zum Erlass einer 
derartigen Bestimmung nicht befugt sind. State v. Carter, 3 Dutchers Re- 
ports 499). 

3. Das Verlassen des Staatsgebietes in der Absicht, sich den 
darin geltenden Gesetzen zu entziehen, ist zwar an sich keine ausser- 
halb des Staatsgebietes begangene Handlung , hat aber den Charakter einer 
solchen. In vielen Staaten wird deshalb das Verlassen des Gebietes bestraft, 
wenn es in der Absicht geschieht, einen Zweikampf oder Preiskampf zu ver- 
anstalten, oder um eine nach den Staatsgesetzen nicht zulässige Ehe zu schliessen. 

rv. Auslieferung. 

1. Zwischen den einzelnen Bundesstaaten. Die Verfassung der 
Vereinigten Staaten regelt die Auslieferung eines flüchtigen Verbrechers an 
den zuständigen Staat (Art. IV § 2). Und da nach einer Bestimmung der- 
selben Verfassung (Art. IV § 1) die von den Gerichten des einen Staates 
getroffenen Massnahmen von jedem anderen Staate zu respektieren sind, so 
kann auf Grund der in irgendeinem Staate ergangenen Anklage die Verhaf- 
tung des Beschuldigten durch die Gerichte des Aufenthaltsortes erfolgen. Das 
Verfahren ist durch einen Kongressbeschluss geordnet (Revised Statutes of 
the United States § 5278). Auf Grund der Verfassung kann die Auslieferung 
wegen jeder nach dem Gesetze des ersuchenden Staates strafbaren Handlung 
verlangt werden, selbst wenn sie weder nach dem common law noch nach 
den Gesetzen des ersuchten Staates mit Strafe bedroht ist (Kentucky v. Denni- 
son, 24 Howard's United States Reports 66). 

2. Zwischen amerikanischen und auswärtigen Staaten. Wie in 
England so ist auch in den Vereinigten Staaten die Auslieferung zmschen 
diesen einerseits und auswärtigen Mächten andererseits ausschliesslich im Wege 
des Vertrages geregelt. Für die Voraussetzungen und den Umfang der Aus- 
lieferungspflicht sind lediglich die Bestimmungen der einzelnen Verträge mass- 
gebend. Nur den Vereinigten Staaten kommt die Auslieferung an einen aus- 
ländischen Staat zu; die Bewirkung einer solchen seitens eines Einzelstaates 
würde eine Verfassungsverletzung enthalten (United States v. Rauscher, 119 
United States Reports 407). 

§ 5. Thätei^schaft und Teilnahme. 

I. Anstiftung. Die Unterscheidung zwischen Hauptthäter (principal) 
und Anstifter (accessory before the fact) ist in verschiedenen Staaten aufge- 
hoben, indem letzterer als für die That gleich dem ei*steren verantwortlich 
angesehen und dementsprechend bestraft wird. Jeder, der bei einer straf- 
baren Handlung beteiligt ist, sei es dass er sie allein begangen oder die Be- 
gehung durch einen anderen erleichtert bezw. ermöglicht hat, einerlei ob er 
dabei zugegen gewesen ist oder nicht, femer jeder, der mittelbar oder unmittel- 
bar einen anderen durch Ratserteilung, Befehl, Verführung oder Verschaffung 
von Gelegenheit zur Begehung einer strafbaren Handlung veranlasst, ist Thäter 



II. Allgemeine GrundsÄtze. — § 6. Strafau»schliessungsgründe. — Versuch. 207 



(principal) im Sinne des Gesetzes (Penal Code von New York § 29; Criminal 
Code von Illinois § 2). Die Stellung des Hehlers (accessory after the fact) 
ist in diesen Staaten unberührt geblieben (Penal Code von New York § 29). 

IL Die Bestrafung des Anstifters. Auch da, wo die Begriffsbestim- 
mung der Anstiftung aus dem common law unverändert übernommen ist, 
wird der Anstifter selbst dann bestraft, wenn der Thäter nicht überführt oder 
gestorben ist oder wenn seine Bestrafung aus irgendeinem anderen Grunde 
nicht erfolgen kann (Public Statutes of Massachusetts Kapitel 210 Abschnitt 4). 

§ 6. Strafausschliessungsgr&nde. — Versuclt 

I. Geisteskrankheit (insanity). In der Unterscheidung der Geistes- 
krankheiten, oder richtiger: in der Bestinmiung desjenigen Grades geistiger 
Erkrankung, welcher genügt, um den davon Befallenen als für seine Hand- 
lungen nicht verantwortlich erscheinen zu lassen, haben die Gerichte der Ver- 
einigten Staaten geschwankt. 

1. In New York und der Mehrzahl derjenigen Staaten, deren Gerichte 
sich der englischen Praxis angeschlossen haben, ist Geisteskrankheit dann kein 
Straf ausschliessungsgrund , wenn der Thäter genügende geistige Fähigkeiten 
besitzt, um die Bedeutung seiner Handlungen sich zu vergegenwärtigen und 
insbesondere das Unrechtmässige seines Thuns zu erkennen (Flanagan v. The 
People, 52 New York Reports 467; May's Criminal Law, zweite Auflage § 40). 

2. In Massachusetts und verschiedenen anderen Staaten gilt Geisteskrank- 
heit dann als Straf ausschliessungsgrund, wenn der Thäter, obwohl er das Ver- 
brecherische seiner Handlungsweise kannte, wegen seines geistigen Zustandes 
nicht die Kraft besass, die Handlung zu unterlassen, m. a. W.: wenn er unter 
der Einwirkung eines unwiderstehlichen psychischen Zwanges handelte (Com- 
monwealth V. Rogers, 7 Metcalfs Reports 500; May § 41). 

3. In Alabama wird die Strafausschliessung wegen Geisteskrankheit ledig- 
lich als Thatfrage behandelt. Der Thäter wird mit der Strafe verschont, wenn 
die That lediglich auf die Abnormität seines Geisteszustandes zurückzuführen 
ist, sei es, dass er Recht und Unrecht nicht zu unterscheiden vermag, oder sei 
es, dass er zwischen beiden frei zu wählen nicht im Stande ist (Parsons v. 
State, 81 Alabama Reports 577). 

4. Beweislast. In mehreren Staaten muss, wenn der objektive That- 
bestand feststeht, der Thäter, um wegen Geisteskrankheit der Strafe zu ent- 
gehen, deren Vorhandensein nachweisen (Commonwealth v. Eddy, 7 Gray's 
Massachusetts Reports 583; United States v. Guiteau, 10 Federal Reports 161). 
In anderen Staaten dagegen ist, wenn die Verteidigung den Einwand der 
Geisteskrankheit des Angeklagten erhoben hat, es Sache der Anklagebehörde, 
ausser dem objektiven Thatbestande auch die Zurechnungsfähigkeit des Thäters 
darzuthun (The People v. Garbutt, 17 Michigan Reports 9). 

II. Zwang (Coercion). Der Grundsatz des common law, dass die in 
Gegenwart ihres Ehemannes handelnde Frau sich damit verteidigen kann, sie 
sei von ersterem zu der That genötigt worden, ist nicht in alle Gesetzgebungen 
unverändert übergegangen. 

«) In Texas wird in diesem Falle die Ehefrau, wenn das Verbrechen 
an sich mit dem Tode bedroht ist, zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt; 
in anderen Fällen verwirkt sie die Hälfte der an sich festgesetzten Strafe. 
Diese mildere Bestrafung tritt auch ein, wenn die Frau zwar nicht in Gegen- 
wart des Mannes, aber doch auf seinen Befehl oder auf Zureden von seiner 
Seite thätig geworden ist (Penal Code § 77). 



208 Vereinigt« Staaten von Amerilca. 



ß) In New York ist dieser besondere Strafausschliessungsgrund unbekannt 
(Penal Code § 24); indes bleibt jeder Thäter straffrei, dessen That veranlasst 
ist durch gegenwärtige Bedrohung seitens eines anderen, vorausgesetzt, dass 
im Falle der Unterlassung nach vernünftigem Ermessen die Tötung oder eine 
schwere Körperverletzung des Genötigten zu befürchten war (Penal Code § 25). 

III. Die Schuld.^) Ausser bei Übertretungen rein polizeilicher Vor- 
schriften wird zur Strafbarkeit einer jeden Handlung, wie in England, Schuld 
(guilty mind) auf Seiten des Thäters erfordert. Wer an einer unerlaubten 
Handlung (immoral act) beteiligt ist, hat deren Folgen gegen sich gelten zu 
lassen; ist aber die Handlung nicht an sich unerlaubt, wird sie vielmehr erst 
dann strafbar, wenn sie unter gewissen besonderen Umständen vorgenommen 
wird, so ist der Thäter nur dann zu bestrafen, wenn er diese Umstände kannte 
oder kennen musste. (Bimey v. State, 8 Ohio Reports 230; Squire v. State, 
46 Indiana Reports 459). Dieser Grundsatz entspricht der englischen Praxis 
(Regina v. Tolson, 23 Law Reports, Queens Bench Division 168). 

In Massachusetts dagegen — und dasselbe dürfte auch von einigen 
anderen Staaten, z. B. Connecticut, gelten — herrscht eine dem Angeklagten 
ungünstigere Auffassung. Man geht davon aus, dass in den Fällen, in welchen 
das Gesetz einen Thatbestand unter Strafe stellt, ohne ein Verschulden aus- 
drücklich zu verlangen, auch der in Unkenntnis der Thatumstände handelnde 
Thäter strafbar ist. So wurde eine Ehefrau wegen Bigamie bestraft, weil sie 
eine Reihe von Jahren nach dem Verschwinden ihres ersten Ehemannes in 
der Überzeugung, dieser sei verstorben, wieder geheiratet hatte (Common- 
wealth V. Mash, 7 Metcalfs Reports 472). 

IV. Versuch (attempt). Überall und zu jeder Zeit ist man in den Ver- 
einigten Staaten der Ansicht gewesen, dass der mit offenbar untauglichen 
Mitteln untemonmiene Versuch der Begehung eines Delikts strafbar sei, wenn 
auch im konkreten Falle eine Verwirklichung des verbrecherischen Entschlusses 
unmöglich war. So ist der Versuch, aus einer leeren Tasche zu stehlen, straf- 
bar (Conmionwealth v. McDonald, 5 Cushing*s Massachusetts Reports 365, 
entschieden i. J. 1850). Die neueren englischen Autoritäten sind derselben 
Ansicht. 

§ 7. Das Straf ensy stein. 

I. Die Todesstrafe. Die Vereinigten Staaten sowohl wie die meisten 
Einzelstaaten bedrohen nur wenige Verbrechen mit dem Tode. 

1. Die mit dem Tode bedrohten Strafthaten. In den meisten 
Staaten werden der Hochverrat (treason) und das als „murder in the first 
degree" bezeichnete Tötungsdelikt mit dem Tode bestraft. 

«) In Maine ist die Todesstrafe völlig abgeschafft; in Michigan ist sie 
auf die Fälle des Hochverrats beschränkt, gegen „murder" ist Gefängnisstrafe 
angedroht. Umgekehrt wird in anderen Staaten der Hochverrat nur mit Ge- 
fängnis, „murder" dagegen mit dem Tode gesühnt. 

ß) Notzucht (rape) und Brandstiftung (arson) werden mit dem Tode 
bestraft in den Vereinigten Staaten, Delaware, Virginia, Georgia, Louisiana 
und anderen, vor allen solchen, die im Süden liegen. In Georgia ist die 
Todesstrafe wegen Brandstiftung beschränkt auf die Inbrandsetzung eines 
Wohnhauses in einer Stadt oder einem Dorfe sowie auf die Fälle, in denen 
der Tod eines Menschen verursacht ist, in Virginia und Louisiana auf die An- 
zündung eines Wohnhauses zur Nachtzeit. 



M Vgl Bd. I S. 627. 



II. Allgemeine Grundsätze. — § 7. Das Strafensystem. 209 



y) Nächtlicher Einbruchsdiebstahl (burglary) und Raub (robbery) werden 
in verschiedenen Slidstaaten mit dem Tode geahndet. 

S) Der Seeraub (piracy) wird nach Bundesstrafrecht mit dem Tode bestraft; 
die Gerichte der Einzelstaaten sind, wie bereits erwähnt, zur Aburteilung dieses 
Delikts nicht zuständig. 

2. Die Vollziehung geschieht gewöhnlich durch Hängen. In New York 
und Ohio verwendet man Elektrizität. In Utah ist nach Ermessen des Gerichts 
Hängen, Erschiessen und Enthauptung zulässig (Wilkinson v. The People, 
99 United States Reports 130). Die Vollziehung der Strafe ist durch die 
meisten Verfassungen insofern beschränkt, als grausame und ungewöhnliche 
Strafmittel unzulässig sind (vgl. Constitution of the United States, Amend- 
ment VIII; früher § 2). 

3. Benefit of Clergy. Gegen Ende des Revolutionskrieges war die 
englische Einrichtung des Benefit of Clergy (vgl. Bd. I, S. 613 ff.) auch in 
den Vereinigten Staaten anerkannt, indes von geringerer Bedeutung, weil die 
Zahl der mit dem Tode bedrohten Verbrechen, auf welche die Rechtswohl- 
that Anwendung fand (der sogen, „clergiable crimes"), nur klein war. Bald 
nach Beendigung der Revolution wurde die Einrichtung durch die Gesetz- 
gebung völlig beseitigt und gegen die früher als „clergiable" geltenden Delikte 
Gefängnisstrafe angedroht. 

II. Gefängnisstrafe ist die Regelstrafe für schwere Delikte; sie kann 
mit schwerer Arbeit verbunden und auf Lebenszeit verhängt werden. 

1. Gefängniswesen. Es giebt im allgemeinen in allen Staaten zwei 
Arten von Gefängnissen: Provinzialgefängnisse (county jails) oder Korrektions- 
häuser (houses of correctionj, in denen die wegen leichtcirer Delikte verhängten 
Strafen verbüsst werden, und Staatsgefängnisse (state prisons) oder Arbeits- 
häuser (workhouses;, welche der Abbüssung langdauernder, für schwende Straf- 
thaten zuerkannter Freiheitsstrafen dienen. Ausserdem sind in den meisten 
Staaten Besserungsanstalten vorhanden für solche weibliche und jugendliche 
(iefangene, deren EinspeiTung mit erfahrenen Verbrechern nicht angezeigt 
erscheint. Die Vereinigten Staaten als solchem haben keine eigenen Ge- 
fängnisse. Die von den Bundesgerichten verhängten P^reiheitsstrafen werden 
in bestimmten Gefängnissen einzelner Staaten vollstreckt, wofür letztere eine 
Entschädigung erhalten. 

2. Gefängnisarbeit. In verschiedenen Staatsgefängnissen werden die 
Gefangenen zur Erlernung eines Handwerks angehalten. In einigeln Staaten 
darf zufolge gesetzlicher Bestimmung mit den in den Gefängnissen hervor- 
gebrachten Fabrikaten hinderen Waren gleicher Gattung nicht Konkurrenz 
gemacht werden. 

3. Das „Convict-Lease "-System. In einigen Südstaaten wird die 
Arbeitskraft der Gefangenen an Privatunternehmer verdungen. Nach dem in 
Alabama (Code § 4556 ff.) geltenden System muss, wer Gefangene beschäftigen 
will, ein schriftliches Angebot einreichen. Die Genehmigung erfolgt, je nach 
Lage der Sache, durch einen Staats- oder Provinzialbeamten. Den Unter- 
nehmern (contractorsj, deren Gebote angenommen sind, werden die Gefangenen 
durch das Los zugeteilt; zu anderen als in dem Angebote bezeichneten Arbeiten 
dürfen sie nur mit Genehmigung des Staats- bezw. Provinzial-Aufsichtsbeamten 
verwendet werden. Zur Sicherung einer humanen und angemessenen Behand- 
lung der Gefangenen sowie zur Verhütung ihres Entvveichens sind ausführliche 
Vorschriften erlassen. 

III. Das Prangerstehen (pillory) und die Prügelstrafe (whipping) 
sind nur noch in Delaware, und zwar für verschiedene schwere Verbrechen, 
zulässig. Durch die neuere Gesetzgebung ist ihre Anwendung auf weibliche 

Strafgcsetzgebiing der (Gegenwart. IT. ^^ 



210 Vereinigte Staaten von Amerika 



Personen ausgeschlossen (Acts of 1889 Kapitel 682; und in bestimmten Fällen 
auch bei Kindern für unzulässig erklärt (Acts of 1883 Kapitel 233); ausser- 
dem kann auf Antrag der Jury das Gericht in jedem einzelnen Falle von 
ihrer Anwendung Abstand nehmen (Acts of 1883, Kapitel 233). 

IV. Entehrende Abzeichen. Bis vor kurzem wurden in Delaware 
die wegen Diebstahls oder Betruges verurteilten Personen nach Verbüssung 
ihrer Strafe gezwungen, eine Zeit lang besondere Kleidung zu tragen. Diese 
Strafe ist jedoch 1883 abgeschafft (Acts of 1883 Kapitel 232). 

V. Geldstrafe. Die Geldstrafe (finej ist überall gebräuchlich und bildet 
die Regelstrafe für leichtere Vergehen. Sie kommt entweder allein oder in 
Verbindung mit Gefängnis zur Anwendung. 

VI. Deportation (transportation). Dieses Strafmittel scheint in den 
Vereinigten Staaten niemals angewendet zu sein (vgl. State v. Bosse, 8 Richard- 
son's South Carolina Reports 276). 

Vn. Verlust politischer Rechte. In den meisten, wenn nicht in allen 
Staaten hat die Verurteilung wegen eines entehrenden Verbrechens den zeit- 
weiligen oder dauernden Verlust des Wahlrechts, der Fähigkeit zur Bekleidung 
von Ämtern, der Zulassung zu den Funktionen eines Geschworenen u. s. w. 
zur Folge. 

VIII. Vorbeugungsmassregeln. Wer nach Ansicht des Gerichts ver- 
dächtig ist, einen gewaltsamen Angriff auf eine Person (assault) oder irgend 
eine andere strafbare Gewaltthätigkeit zu planen, kann angehalten werden, 
sich — meist unter Stellung von Sicherheit — zur Führung eines ordentlichen 
Lebenswandels zu verpflichten (enter into a bond „to keep the peace"). Be- 
geht der Verdächtige während der Dauer seiner besonderen Verpflichtung eines 
der in Frage kommenden Delikte, so verfällt er nicht nur in die vom Gesetze 
angedrohte Strafe, sondern verwirkt auch den hinterlegten oder versprochenen 
Geldbetrag. 

IX. Strafzumessung. Die Höhe der Strafe wird, wenn nicht das Ge- 
setz eine absolut bestimmte Strafe androht, in der Regel vom erkennenden 
Richter bestinmit. 

I.Beschränkungen des richterlichen Ermessens. Das geschriebene 
Recht hat die unverkennbare Neigung, die Freiheit des richterlichen Ermessens 
einzuschränken, a) In einigen Staaten, wie z. B. in Virginia, ist allgemein 
bestimmt, dass in den Fällen, wo das Gesetz nicht eine bestimmte Strafe an- 
droht, die Ausmessung innerhalb der gesetzlichen Grenzen durch die Jury 
erfolgt. In Illinois gilt diese Vorschrift für Tötungen, b) In den meisten 
südlichen und in einigen westlichen Staaten können die Geschworenen an 
Stelle der vom Gesetze angedrohten Todesstrafe auf Gefängnis, dessen Mindest- 
betrag dann gesetzlich bestimmt ist, erkennen, c) In Georgia kann nach 
§§ 4323, 4376, 4385 des Strafgesetzbuches von 1873 im Falle von Kapital- 
verbrechen an Stelle der Todesstrafe Gefängnis treten, wenn die Grcschworenen 
sich dafür erklären oder — in den Fällen, wo die Verurteilung lediglich auf 
Grund ein(*s Indizienbeweises (circumstantial evidence) erfolgte — wenn das 
Gericht es beschliesst. 

2. Einteilung der strafbaren Handlungen in Grade. In New York 
und Minnesota, in geringerem Umfange auch in mehreren anderen Staaten, 
ist das richterliche Ermessen dadurch eingeschränkt, dass die strafbaren Hand- 
lungen in Grade eingeteilt sind. Das Strafgesetzbuch von New York enthält 
in dieser Beziehung ein ins einzelne ausgearbeitetes System. Die Einteilung 
ist bei den meisten wichtigen Verbrechen (bei Mord, Totschlag, Raub, nächt- 
lichem Einbinich, Brandstiftung, Urkundenfälschung und sogar bei den gewalt- 
samen Angriffen auf eine Person) durchgeführt; welcher Grad anzunehmen 



in. § 8. Die einzelnen strafbaren Handlungen. 211 



ist, hängt von den besonderen Umständen der That ab. Fast alle Staaten 
haben die Einteilung des Mordes (murder) in zwei Grade angenommen; der 
erste Grad umfasst die mit Überlegung oder unter Anwendung grausamer 
Mittel ausgeführte sowie die bei Gelegenheit der Begehung einer anderen gewalt- 
samen Strafthat vollführte Tötung. In verschiedenen Staaten zerfällt auch der 
Totschlag (manslaughter) in zwei Grade. In New York sind die anderen oben 
bezeichneten Delikte sämtlich in drei Grade zerlegt. Bei Raub und dem ge- 
waltsamen Angriff hängt die Höhe des Grades von dem Masse der angewen- 
deten Gewalt ab; bei nächtlichem Einbruch und Brandstiftung von dem Zu- 
stande des Gebäudes im Augenblicke der Begehung der That und dem Grade 
der Gefahr für Menschenleben; bei der Fälschung von der Art des gefälschten 
Gegenstandes. Durch die Einteilung in Grade wird das Ermessen des er- 
kennenden Richters insofern beschränkt, als das Gesetz für jeden Grad einen 
verhältnismässig engen Strafrahmen aufgestellt hat und die Entscheidung 
darüber, welcher Grad vorliegt, nicht dem Richter, sondern den Geschworenen 
zusteht. 

B, Rückfall (second offences). In verschiedenen Staaten ist für solche 
Verbrecher, die bereits wegen eines Deliktes der gleichen Art bestraft worden 
sind, eine Strafschärfung angeordnet (Illinois, Gesetze von 1883 S. 76). Ver- 
schiedentlich wird die Strafe für die zweite That verdoppelt, für die dritte 
verdreifacht. In Louisiana ist das Gericht befugt, bei der vierten That auf 
lebenslängliche Einsperrung zu erkennen (Revised Statutes § 974). In New York 
wird ein mehrfach bestrafter Thäter für einen Gewohnheitsverbrecher (habitual 
criminal) erklärt und der Aufsicht besonderer städtischer Beamten unterstellt 
(Penal Code § 690). 



III. Die einzelnen strafbaren Handlungen.^) 

§ B. 

I. Da die Vereinigten Staaten kein persönliches Staatsoberhaupt besitzen, 
fehlen im Strafrecht Bestimmungen über Angriffe gegen die Person des Monarclien. 
Indes verlangen sowohl der Bund wie die Einzelstaaten von jedermann ein loyales 
Verhalten; eine Verletzung dieser Pflicht wird als Hochverrat (treason) gegen 
den Bund bezw. den Staat bestraft. Nach Bundesrecht wie nach dem (in der 
Verfassung oder den Gesetzen niedergelegten) Staatsrecht gilt als Hochverrat 
nur die Veranlassung eines Krieges gegen den Staat sowie die Parteinahme 
für den Feind und die Unterstützung desselben. Die Verurteilung kann nur 
auf Grund des gerichtlichen Geständnisses des Angeklagten oder der Aussagen 
zweier Augenzeugen erfolgen. 

IV. 3. Der aktive Stimmenkauf bei öffentlichen Wahlen (cheating und 
bribery; unter letzterem ist zu verstehen: die Hingabe oder das Versprechen 
von Vermögensvorteilen oder von Ämtern in der Absicht, die Ausübung des 
Wahlrechts zu belohnen, zu beeinflussen oder zu verhindern; vgl. Bd. I, S. 644) 
gilt überall als nach gemeinem amerikanischem Rechte strafbar (vgl. Conmion- 
wealth V. Callaghan, 2 Virginia Gases 460). Nicht selten sind die verschie- 
denen Fälle dieses Deliktes in den Wahlregulativen unter Strafe gestellt. 



') Zur Erleichterung der Übersicht ist die Einteilung dieses Abschnitts mit der 
des betreffenden Kapitels der Abhandlung von Dr. Ernst Schuster über das englische 
Strafrecht im I. Bande dieses Werkes (S. 609 ff.) in Übereinstimmung gebracht. Be- 
züglich der dort behandelten Delikte, welche hier nicht besonders erwähnt sind, 
stimmt das Strafrecht der Vereinigten Staaten mit dem englischen überein. 

14* 



212 Vereinigte Staaten von Amerika. 



In ^liehigan gilt ein besonders strenges Gesetz (Comipt Practices Act; vgl. 
General Statutes § 9367), nach welchem auch der Versuch, ein Wahlergebnis 
durch Angebot von Geld oder Versprechen von Ämtern oder durch Zahlung 
von Speisen und Getränken für den Wähler (das sogen, „treating" ; vgl. Bd. I, 
S. 644) zu beeinflussen, strafbar ist. In Massachusetts (Acts of 1892 Kap. 416) 
muss jeder Bewerber um ein öffentliches Amt und jedes Mitglied eines Wahlaus- 
schusses nach der Wahl eine beeidigte Übersicht der von ihm für politische Zwecke 
verausgabten Summen aufstellen, die von jedermann eingesehen werden kann. 
In einigen Staaten ist das „Lobbying" (lobby = Vorzimmer) d. h. der 
Versuch, die Abstimmung eines Mitgliedes einer gesetzgebenden Körperschaft 
durch unerlaubte Mittel zu beeinflussen, für strafbar erklärt (z. B. Penal Code 
of Virginia § 3677). Femer muss in Massachusetts jeder, der zu Gunsten 
eines im Interesse einzelner Pei'sonen liegenden Gesetzentwurfs agitiert, nach 
Beendigung der Session ein eidlich zu erhärtendes Verzeichnis der von ihm 
zur Durchbringung des Entwurfs verausgabten Summen vorlegen (Acts of 1890, 
Kapitel 456). 

V. 1. Das Bedürfnis nach gesetzlichen Beschränkungen des Rechts zur 
Gründung von Vereinen sozialen, politischen, religiösen oder anderen Charak- 
ters ist in den Vereinigten Staaten nicht hervorgetreten. Im Gegenteil sind 
z. B. in verschiedenen (vornehmlich im Westen und in der Mitte des Bundes 
belegenen) Staaten Gesetze erlassen, die das unbefugte Tragen von Abzeichen 
der „Grand Amiy of the Republic", einer Vereinigung von Veteranen aus 
dem Bürgerkriege, mit Strafe belegen (z. B. Laws of Illinois von 1891 S. 99) 
und ihr auf diese Weise strafrechtlichen Schutz gewähren. 

2. Besondere gesetzliche Beschränkungen der Pressfreiheit sind nicht vor- 
handen. Die Zensur und alles was ihr gleichsteht ist durch eine Bestimmung 
der Verfassung, in welcher die Freiheit des Gedankenausdruckes in Wort 
und Schrift gewährleistet wird, von vornherein ausg(*schlossen. fConstit. of 
the U. S., Amend. I, Stimson Bd. I, Sect. 60;. Natürlich untersteht auch die 
Presse den allgemeinen Strafgesetzen, sodass z. B. der Herausgeber einer 
Zeitung wegen Beleidigung bestraft werden kann. 

VI. Die Freiheit des religicisen Bekentnisses ist durch die Verfassung 
gc^währleistet (Stimson I, Bd. I, Sect. 40); es giebt daher keine verbotenen 
Bekenntnisformen und die mit der englischen Einrichtung der Staatskirche 
zusammenhängenden Bestimmungen des englischen Rechtes sind dem ameri- 
kanischen unbekannt. Indes wird die Verbreitung gotteslästerlicher Darstellungen 
durch Schriftwerke u. s. w. (blasphemous libel) auch in den Vereinigten Staaten 
bestraft (People v. Ruggles, 8 Johnsons New York Reports 290); und ebenso 
ist jede der christlichen Auffassung von einem würdigen Begräbnisse wider- 
sprechende Handlung strafbar (Kanavan's Gase, 1 Maine Reports 226). 

VII. a) Unsittliche Handlungen (incontinent actsj unterliegen in 
den Vereinigten Staaten in grösserem Umfange als in England der strafrecht- 
lichen Verfolgung. Da kirchliche (lerichtshöfe, zu deren Zuständigkeit diese 
Delikte in England gehören, in den Vereinigten Staaten niemals bestanden 
haben, war eine gesetzliche Regelung dieser Handlungen unumgänglich. Nicht 
niu' widernatürliciie Unzucht (sodomy) und Blutschande (incest), sondern auch 
Ehebruch (adultery) und einfache Unzucht (fornication) sind strafbar. 

b; Instrumente und Mittel zu unzüchtigen Zwecken. In einigen 
Staaten ist die Verschaffung, der Verkauf oder die Ankündigung von In- 
strumenten, welche die Konzeption verhindern oder die Abtreibung der Leibes- 
frucht bewirken, sowie von Heilmitteln gegen geheime Gewohnheiten strafbar 
(vgl. z. B. I Brightley's Purdon's Digest of the Laws of Pennsylvania, 
S. 416;. 



III. § 8. Die einzelneu strafbaren Handlungen. 213 



c) Verführung. Die Verführung (seduction) einer geschlechtlich un- 
bescholtenen (chaste) Frauensperson wird, wenn sie mit Hülfe eines Ehe- 
versprechens erfolgt, in den meisten Staaten (vgl. z. B. Penal Code of New 
York, § 284), in einigen aber schon dann bestraft, wenn irgend welche falsche 
Vorspiegelungen (frauds) angewendet worden sind. (General Statutes of 
Michigan. § 9288.) 

d) Uneheliche Geburt (bastardy). Wie in England kann eine Frauens- 
person, die ausserehelich geboren hat oder wenigstens geschwängert worden 
ist, bewirken, dass der Schwängerer als Vater des Kindes erklärt wird 
und seine Verpflichtung, für den Unterhalt des Kindes zu sorgen, aner- 
kennt. In einigen Staaten kann namens der Mutter auch die Verwaltungs- 
behörde der Stadt oder Gemeinde, welcher die Unterhaltungspflicht bezüglich 
des Blindes obliegt, das Verfahren einleiten (vgl. Public Statutes of Massa- 
chusetts, Kap. 85). In Georgia kann die Behörde in solchen Fällen die Mutter 
zwingen, entweder den Namen des Vaters anzugeben oder den Unterhalt des 
Kindes sicherzustellen. 

VIII. 5. a) Ausspielungen und Lotterieen. Die Veranstaltung von 
Lotterieen und Ausspielungen ist in den meisten Staaten mit Strafe bedroht, 
in einigen auch der Abschluss von Wetten (betting) über den Ausgang öffent- 
licher Wahlen. 

b) „Options", „Margins" und „Futures". In einigen, meist im Westen 
und im Zentrum belegenen Staaten sind sogen. „Anti-Option -Laws" erlassen, 
d. h. Gesetze, in denen der Verkauf und Ankauf von Anteilscheinen (options) 
über Getreide, Aktien (corporate stock) oder andere grossen Wertschwankungen 
ausgesetzte Gegenstände mit Strafe bedroht wird (Revised Statutes of Ohio 
§ 6934 a). Durch ähnliche Gesetze ist der Ankauf oder Verkauf solcher 
Gegenstände dui'ch Scheine (margins), ohne die Absicht die verkauften Gegen- 
stände auch wirklich abzunehmen bezw. zu liefern, sowie das Halten von 
„bücket Shops", d. h. von Läden, in denen derartige Verkäufe abgeschlossen 
werden, unter Strafe gestellt (Laws of Hlinois von 1887 S. 96). 

6. Gesetze über die Sonntagsruhe (Sunday Laws) sind fast überall 
erlassen. Am Sonntag hat jedes Gewerbe und jede Arbeit zu ruhen. Aus- 
nahmen sind zugelassen: a) für Arbeiten, die keinen Aufschub erleiden und 
für Werke der Nächstenliebe; b) für diejenigen Personen, welche gewissenhaft 
und gleichmässig einen anderen Wochentag als Ruhetag einhalten. In Hlinois 
(Criminäl Code §§ 261, 262) und in einigen anderen Staaten sind nur solche 
Arbeiten und Vergnügungen verboten, durch welche die öffentliche Ruhe ge- 
stört wird. 

7. a) Tierquälerei (cruelty to animals) ist, wie in England, fast 
überall strafbar. 

b) Jagd- und Fischereigesetze. In sehr vielen Staaten sind Gesetze 
zum Schutze der Jagd und des Fischfanges erlassen, deren Bestimmungen 
jedoch zu mannigfaltig sind, um eine eingehende Darstellung zu ermöglichen 
(vgl. z. B. Penal Code von: Alabama § 4162; California § 626; Revised 
Statutes of Ohio § 6959; Public Statutes of Massachusetts Kap. 91, 92). Ge- 
wöhnlich zerfallen sie in vier Klassen: a) Gewisse Tiere (Wild und Fische) 
werden während der Begattungszeit geschützt, indem ihre Vertilgung entweder 
während eines bestimmten Zeitraums, oder — bei Fischen — während ihres 
Zuges zu den Laichplätzen, verboten ist. ß) Nicht selten ist das Fangen 
junger Tiere verboten, so bei Fischen und Hummern unter einer gewissen 
Grösse, y) Oft ist die Anwendung bestimmter Fangmittel verboten; so der Fang 
von Vögeln mit Schlingen, der von Fischen mit gewissen Netzen, ö) In einigen 
Staaten ist Privatpersonen die Befugnis ausdrücklich verliehen, auf ihrem 



214 Vereinigte Staaten von Amerika. 



eigenen Grundbesitz Wild, Fische oder Austern zu züchten und dem Publikum 
die Ausübung der Jagd daselbst zu untersagen. Abgesehen von diesen Fällen 
giebt es in den Vereinigten Staaten keine besonderen Bestimmungen über Jagd- 
und Fischereirecht; kein Grundeigentümer braucht jedoch das Betreten seines 
Eigentums durch andere unter dem Vorwande der Jagd oder des Fischfang'es 
zu dulden. 

c) Die Vereinigten Staaten und mehrere an der See belegene Einzel- 
staaten haben zum Studium der Lebensgewohnheiten der für die menschliche 
Nahrung geeigneten Fische und zur Beförderung der künstlichen Fischzucht 
besondere Kommissionen niedergesetzt. 

9. Bettelei und Landstreicherei. Gesetze zur Bekämpfung der Land- 
streicherei sind in den meisten Staaten erlassen (vgl. z. B. Code of Louisiana 
§ 954; Revised Statutes of Ohio § 6994). Für eine besondere Sorte von 
Landstreichern, die sogen. „Tramps", d. h. Menschen, die bettelnd von Ort 
zu Ort ziehen, sind strenge Spezialgesetze gegeben (vgl. 1 Brightley's Purdon's 
Digest, Pennsylvania S. 425). 

10. Kinderschutz-Gesetzgebung. Misshandlungen von Kindern sind 
fast überall unter Strafe gestellt. Nicht selten sind an der betreffenden Ge- 
setzesstelle gleichzeitig eingehende Vorschriften über positive Schutzmassregeln 
erlassen (z. B. Penal Code von New York §§ 287 — 292). In New York macht 
sich strafbar, wer die Verführung eines Kindes zur Unsittlichkeit oder die 
Verwendung zu gefährlichen oder unmoralischen Beschäftigungen, zur Bettelei 
oder zu theatralischen Aufführungen (von gewissen Ausnahmen abgesehen) 
und zu ähnlichen Zwecken gestattet. In den meisten Staaten ist der Verkauf 
geistiger Getränke an Minderjährige strafbar; für einige Staaten gilt dasselbe 
bezüglich des Verkaufs von Tabak und von Zigaretten (Laws of lUionis von 
1887 S. 298; Revised Statutes of Ohio § 6986, 1; Massachusetts Acts von 
1886 Kap. 72), auch wird in einigen Staaten bestraft, wer einem Minder- 
jährigen den Zutritt zu einem Billardsaal gestattet (vgl. State v. Probasco, 
62 Iowa Reports 400; Stern v. State, 53 Georgia Reports 229). 

11. Verhütung des Missbrauchs geistiger Getränke. 

a) In verschiedenen Staaten gelten sogen. „Prohibitory Laws", welche 
den Verkauf geistiger Getränke vollständig verbieten. Ein Musterbeispiel für 
solche Gesetze bietet das seit 1851 in Maine geltende (Revised Statutes of 
Maine Kap. 27). Fabrikation, Verkauf und Einfuhr alkoholischer Getränke 
sind durch diese Gesetze mit Ausnahme gewisser Fälle untersagt. Die Stadt 
kann Alkohol für medizinische, gewerbliche und technische Zwecke anschaffen 
und verkaufen lassen; aber auch in diesen Fällen darf die Abgabe nicht er- 
folgen: an Minderjährige (falls sie nicht einen Bestellzettel ihrer Eltern oder 
Gewalthaber beibringen) , an Indianer, Soldaten, notorische Trunkenbolde, 
Trunkene und an solche Personen, bezüglich deren die Stadtverwaltung oder 
die Angehörigen um Unterlassung der Verabfolgung gebeten haben. Der An- 
kauf des gesamten für einen Staat zu den vorbezeichneten Zwecken erforder- 
lichen Bedarfs geschieht durch einen angestellten Agenten. In jeder Stadt, 
welche für den Verkauf Vorkehrungen treffen will, wird ein Unteragent an- 
gestellt, der die geistigen Getränke von dem Staatsagenten bezieht und unter 
Aufsicht von städtischen Beamten weiter vorkauft. Jede auf gesetzwidrigem 
Wege bezogene Quantität Alkohol wird obrigkeitlich beschlagnahmt und nach 
gerichtlicher Unterauchung konfisziert. 

b) Ortsstatuten. In einigen Staaten gelten sogen. „Local Option Laws" 
(z. B. Public Statutes of Massachusetts Kap. 100). In Massachusetts wird in 
joder Stadt und jedem Flecken alljährlicli darüber abgestimmt, ob in dem 
betreffenden Orte während dos folgenden Jahn^s geistige Getränke verkauft 



III. § Ö. Die einzelnen strafbaren Handlungen. 215 



werden sollen. Wird die Frage durch Stimmenmehrheit verneint, so darf in 
dem Orte niemand geistige Getränke feilbieten mit Ausnahme derjenigen 
Drogisten und Apotheker, denen die Abgabe zu medizinischen, technischen 
und chemischen Zwecken besonders gestattet wird. Entscheidet die Mehrheit 
für die Freigabe, so werden von der Stadtverwaltung bestimmte Personen 
ausgewählt, die während des folgenden Jahres verkaufen dürfen. Der Ver- 
kauf durch andere Personen ist verboten. Die Erlaubnis wird nicht erteilt, 
wenn der anstossende Eigentümer widerspricht; femer weder innerhalb einer 
Entfernung von 400 Fuss von einer Schule noch in einem Gebäude, das auch 
nur teilweise zu Wohnzwecken dient. Zwischen 11 Uhr abends und 6 Uhr 
morgens ist jeder Verkauf verboten; an Sonntagen, Wahltagen und öffent- 
lichen Feiertagen ist er nur den Gasthausbesitzem ihren Gästen gegenüber 
freigegeben. Durch Bekanntmachung des Bürgermeisters kann der Ausschank 
bei öffentlichen Zusammenrottungen und in Zeiten öffentlicher Erregung unter- 
sagt werden. Endlich ist die Verabfolgung an Trunkenbolde, betrunkene 
Personen und Minderjährige unstatthaft. Das zum Ausschank benutzte Haus 
muss anständig und ordentlich gehalten werden. Jede Zuwiderhandlung gegen 
irgendeine Bestinmiung hat Verlust der Konzession zur Folge. Wie in Maine 
wird jede auf unerlaubtem Wege bezogene Quantität geistiger Getränke mit 
Beschlag belegt und konfisziert. 

In einigen Staaten haben zwar die Gemeinden nicht das Recht, den Ver- 
kauf innerhalb ihres Gebiets allgemein zu verbieten, indes bedarf jeder Ver- 
käufer einer besonderen Konzession. 

c) Staatsaufsicht. In Süd-Karolina ist im Jahre 1892 ein neues System 
zur Annahme gelangt (South Carolina Act von 1892 No. 28 ^), dessen wesent- 
liche Bestimmungen sich aus folgendem ergeben. 

Ein Staatskommissar kauft die gesamte für das Staatsgebiet erforderliche 
Menge Alkohol und lässt ihn prüfe^ und in versiegelte Gebinde von Y^ Pint 
bis zu 5 Gallonen füllen. In jeder Ortschaft wird ein Gemeinde -Verteiler 
(County Dispenser) angestellt. Die Anstellung erfolgt auf Grund eines von 
der Mehrzahl der angesessenen Wähler des Ortes unterzeichneten Gesuches; 
der Ortsbehörde steht es indessen frei, auch andere Verteiler nach Belieben 
zu ernennen. Der „County Dispenser" bezieht von dem Staatskommissar einen 
VoiTat von Alkohol in versiegelten Gebinden und verkauft ihn auf Vorzeigung 
eines von dem Käufer unterschriebenen Scheines. Der Käufer muss jedoch 
entweder selbst dem Verteiler bekannt sein oder durch eine andere zuver- 
lässige Person rekognosziert werden. Die Abgabe an Minderjährige, an Be- 
trunkene und dem Trünke ergebene Personen ist verboten. Wer nicht als Ver- 
teiler angestellt ist, darf geistige Getränke nicht verkaufen; indes besteht 
eine Ausnahme für Drogisten und Verfertiger patentierter Arzeneien, denen der 
Ankauf von Alkohol zur Bereitung von Medizinen, Tinkturen und Extrakten 
sowie der Verkauf dieser Artikel gestattet ist. 

12. Sprengstoffe. In Illinois wurde bald nach dem Anarchisten- 
krawalle ein strenges Gesetz über die Anfertigung und den Gebrauch von 
Sprengstoffen erlassen (Illinois Laws von 1887 S. 180). Die Bestimmungen 
sind folgende: a) Die Anschaffung von Sprengstoffen oder die Einführung von 
solchen in das Staatsgebiet in der Absicht, sie zu Beschädigungen oder zur 



*) Das Gesetz war im April 1894 durch die Mehrheit der Richter des Höchsten 
Gerichtshofes von Süd-Karolina für verfassungswidrig erklärt. Nachdem indes ein 
der Mehrheit angehörender Richter bei Ablai5 seiner Amtsperiode einen Anhänger 
des Gesetzes als Nachfolger erhalten hatte, nahm man an, dass das Gericht in dieser 
Zusammensetzung das Gesetz für der Verfassung entsprechend halte; es wurde daher 



18% wieder in Kraft gesetzt. 



21ö Vereinig-te Staaten von Amerika. 



Zerstörung von Menschenleben und Sachen zu verwenden, wird als Verbrechen 
(felony; bestraft, ß) Es ist verboten, Sprengstoffe innerhalb des Umkreises 
einer halben Meile von einem Wohnhause zu fabrizieren sowie in einer Stadt 
oder in einer Entfernung von weniger als 300 Yards von einem unbewohnten 
Hause zu lagern. Ähnliche Vorschriften bestehen auch in anderen Staaten. 
y) Verkäufer von Sprengstoffen müssen ein Verzeichnis ihrer Lieferanten, 
Frachtführer ein solches ihrer Auftraggeber aufstellen, dj Jede Qua^titftt Spreng- 
stoffe muss, bevor sie einem Frachtführer zur Beförderung übergeben wird, 
mit einem deutlichen Hinweis auf die Gefährlichkeit des Transportgegenstandes 
versehen werden. Diese Bestimmung gilt in fast allen Staaten (vgl. z. B. 
Revised Statutes of Ohio § 6953, Public Statutes of Massachusetts Kap. 102). 
€) Vielfach ist auch die Beförderung von Sprengstoffen in Fuhrwerken, die 
zur Personenbeförderung dienen, unter Strafe gestellt (Massachusetts a. a. O.; 
Revised Statutes of the United States § 5353;. 

13. Verschiedene Bestimmungen. In sämtlichen Staaten ist man be- 
strebt, das Publikum vor Handlungen, die das geschäftliche Leben oder das 
sittliche Gefühl erheblich verletzen, durch Strafandrohungen zu schützen. In 
diesen Bestrebungen ist das Vorgehen Englands mit dem Erlass verschiedener 
Gesetze gegen Untreue (embezzlement, siehe Bd. I S. 660, 661) und gegen die 
Erlangung von Eigentum mit Hülfe von Vorspiegelung falscher Thatsachen 
von grossem Einfluss auf das Strafrecht der Staaten der Union gewesen. 

Wegen der von einander abweichenden gewerblichen und sozialen Ver- 
hältnisse hat dieser Teil der Gesetzgebung in den einzelnen Staaten eine ver- 
schiedenartige Richtung eingeschlagen. 

er) In den vorwiegend Handel treibenden Staaten werden vorzugsweise 
Störungen des Handels im allgemeinen oder des in dem betreffenden Staate 
speziell blühenden Handelszweiges mit Strafe bedroht. So sind in New York 
unredliche Handlungen in Beziehung auf Gesellschaften mit beschränkter 
Haftung (Limited Partnerships, Penal Code § 375) sowie die Beilegung einer 
ein Gesellschaftsverhältnis bezeichnenden Firma von Seiten eines Einzelkauf- 
mannes rPenal Code § 363; Criminal Code von Hlinois § 220) strafbar. In 
gleicher Weise werden Fabrik- und Handelsmarken (Trade Markes) geschützt. 
In Illinois werden die betrügerische Ausgabe von Lagerscheinen CWarehouse 
Receipts; Criminal Code § 124) und die künstliche Färbung des Getreides, 
um es besser verkäuflich zu machen «^Laws of Illinois von 1877 S. 91), bestraft. 

ß) In den vorwiegend Ackerbau treibenden Staaten sind gewisse der 
Landwirtschaft schädliche Handlungen mit Strafe bedroht. So sind in ülinois 
strafbar: die Einfuhr kranker Schafe (Criminal Code § 258} sowie der „Canada 
Thistle** (Kanada-Distel, daselbst § 40», eines schädlichen Unkrauts; die unter- 
lassene Einzäunung von Salpetergruben (daselbst § 257;; die Nichtanbringung 
von Vorrichtungen, welche dem Vieh das Hineingeraten in Biberfallen un- 
möglicli machen ^daselbst § 42). Ferner ist jeder Verkäufer künstlichen 
Düiigei^ ifertilizen bei Strafe verpflichtet, auf der Verpackung Gewicht und 
Bestandteile des Inhalts anzugeben (Laws of Illinois von 1885 S. 197; vgl. 
auch Penal Code von Alabama § 4153i. — In einigen Südstaaten wird der 
An- und Verkauf von Baumwolle nach Sonnenuntergang bestraft. (Criminal 
Code von Georgia § 4562 c; vgl. Penal Code von Alabama Art. VII Titel 2 
Kaj). 4, wo den mit dem Baurawollenhandel in Verbindung stehenden Delikten 
ein ganzes Kapitel go^^idmet ist.j 

yi In den früheren Sklavenstaaten sind Mischheiraten zwischen Weissen 
und Xegem f'Mij^cejrenations.i strafbar i.Penal Code von Alabama § 4018; von 
Georgia § 4572; von Virginia § 378Nj. 



III. § 8. Die einzelnen strafbaren Handlungen. 217 



8) Die Zerstöning bewaldeten Landes, welches den Vereinigten Staaten 
gehört, ist strafbar (Revised Statutes of the United States § 5388); desgleichen 
das Inbrandsetzen von Baumwolle in Louisiana (Revised Statutes § 848) und 
von Wäldern oder Prärieen in Illinois (Criminal Code § 40) sowie das Durch- 
stechen von Dämmen in Louisiana (Revised Statutes § 926). In vielen Staaten 
bestehen verschärfte Strafandrohungen für den Pferdediebstahl (Criminal Code 
von Illinois § 172). 

e) In Colorado wird bestraft, wer die Gegend (Felsen, Brücken u. s. w.) 
durch Anbringung von Anpreisungen u. s.w. verunziert (General Statutes § 913). 

J) Die Erfindung des pneumatischen Reifens für Fahrräder und andere 
Beförderungsmittel hat in verschiedenen Staaten (so z. B. Ohio, Gesetz vom 
16. April 1896) Anlass gegeben, das Wegwerfen von Eisen, Glas und anderen 
zur Beschädigung dieser Reifen geeigneten Gegenständen auf öffentlichen Wegen 
unter Strafe zu stellen. 

7i) Eine neue und wichtige Bestimmung auf dem Gebiete des öffentlichen 
Gesundheitswesens hat Connecticut erlassen, wo nach einem Gesetze vom 
4. Juli 1895 bestraft wird, wer sich mit einer epileptischen oder schwach- 
sinnigen Person verheiratet oder geschlechtlich einlässt. 

'9') In verschiedenen Staaten (z. B. in Massachusetts, Gesetz von 1895 
Kap. 115) wurde in den Jahren 1895 und 1896 das Hissen fremder Flaggen 
auf öffentlichen Gebäuden mit Strafe bedroht. 

t) Das Zunehmen der Fälle des Lynchens von Personen, die eines Ver- 
brechens verdächtig waren, hat mehrfach das Einschreiten der Gesetzgebung 
veranlasst. So wird in Georgia nach einem Gesetze vom 20. Dezember 1893 
der Angriff und die Misshandlung von Personen von einer Volksmenge schwer 
b(^straft; auch die Polizeibeamten und die von ihnen zur Unterstützung auf- 
geforderten Privatpersonen machen sich strafbar, wenn sie nicht ihr Möglichstes 
zur Zerstreuung der Menschenmenge thun. 

Bd. 1 § 9. IL 3. a) In einigen Staaten wird, wie in England, bestraft, 
wer eine Frauensperson unter 16 Jahren der Gewalt ihres Vaters oder Gewalt- 
habers entzieht, um sie zur Ehe zu bringen. (Public Statutc^s von Massachu- 
setts (Kap. 207 § 1). 

ß) Die Entführung einer unbescholtenen ledigen Frauensperson aus der 
Gewalt ihres Vaters oder die Unterbringung einer solchen in ein übelberüch- 
tigtes Haus zu unzüchtigen Zwecken ist fast überall strafbar (Public Statutes 
von Massachusetts Kap. 207 § 2; Penal Code von California §§ 266, 277; 
Illinois Laws von 1887 S. 170). 

4. b) Die Doppelehe. Die Einführung der Polygamie als einer reli- 
giösen Einrichtung bei den Mormonen in Utah hat zu einer Reihe von gesetz- 
geberischen Massregeln des Kongresses der Vereinigten Staaten Veranlassung 
gegeben. In Utah selbst hatten bald nach Beendigung der Organisation dieses 
Staates die gesetzgebenden Faktoren die Vielehe sanktioniert. Dieses veran- 
lasste den ersten Beschluss des Kongresses der Vereinigten Staaten, der durch 
Gesetz vom 1. Juli 1862 die Bigamie in den Territorien verbot und das ent- 
sprechende Gesetz von Utah für ungültig erklärte. Die Ausführung dieses 
Beschlusses begegnete indes grossen Schwierigkeiten, weil die Geschworenen 
in Utah sich weigerten, die wegen Bigamie angeklagten Personen zu verurteilen, 
sodass die auf Anweisung des Präsidenten der Vereinigten Staaten handelnden 
Richter sich vergebens bemühten, das Gesetz in Wirksamkeit zu setzen. Zur 
Beseitigung dieser Hindernisse erging im Jahre 1882 der sogenannte Edmunds- 
Act (Statutes at Large Bd. 22 S. 30), wonach ein Geschworener zur Rechen- 



218 Vereinigte Staaten von Amerika. 



Schaft gezogen werden konnte, wenn er mit mehr als einer Frau lebte oder 
ein derartiges Leben für erlaubt hielt. Er musste sieh alsdann unter Eid vor 
dem Richter verantworten, auch konnten Zeugen vernommen werden. Ver- 
weigerte er die Auskunft oder kam der Richter auf andere Weise zu der 
Überzeugung, dass er thatsächlich oder theoretisch Anhänger der Polygamie 
sei, so wurde er von der Thätigkeit eines Geschworenen ausgeschlossen. Das 
Gesetz beraubte ausserdem die Polygamisten des Wahlrechts. Im Jahre 1887 
wurde es insofern abgeändert, als den Ehefrauen gestattet wurde, gegen ihre 
Männer auszusagen. 

Das Gesetz hat auf dem Umwege der Säuberung der Schwurgerichte von 
Utah thatsächlich die Vielweiberei unterdrückt. Im Oktober 1890 widerrief 
die Mormonenkirche ihre Billigung der Polygamie und forderte alle ihre Mit- 
glieder zum Gehorsam gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten auf. Im 
Jahre 1893 begnadigte Präsident Harrison alle Mormonen, die seit Erlass dieser 
kirchlichen Anordnung sich der Polygamie enthalten hatten, und schliesslich 
dehnte 1894 Präsident Cleveland die Amnestie auch auf alle erst später Be- 
kehrten aus mit der Begründung, er sehe mit Befriedigung, dass die Anhänger 
der mormonischen Kirche im allgemeinen von der Schliessung mehrerer Ehen 
sowie dem Geschlechtsverkehr mit mehreren Frauen absähen und im Gehor- 
sam gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten lebten. Demnächst wurde 
durch Kongressbeschluss vom 16. Juli 1894 das Territorium Utah zum Staate 
erhoben, was mit Rücksicht auf die erwähnten Missstände bis dahin immer 
verschoben war, und gleichzeitig die Polygamie als für alle Zeiten verboten 
erklärt. (Eingehende Bemerkungen über diesen Gegenstand finden sich im 
Annuaire de l^gislation ^trang^re Bd. HS. 770 und 771, Bd. 12 S. 997 und 
998, Bd. 20 S. 795.) 

IV. A. 1. Widerrechtliche Aneignung von Sachen ohne Anwen- 
dung von Gewalt oder Drohungen (larceny). 

a) Die Grenzen dieses Delikts sind, meist im Anschluss an die englische 
Gesetzgebung, überall erweitert worden. Allgemein ist die Untreue (embezzle- 
ment) dann strafbar, wenn sie von dem blossen Inhaber einer Sache (possessor 
of property) oder von demjenigen, dem sie anvertraut war, begangen ist; 
ebenso die Erlangung von Gegenständen mit Hülfe der Vorspiegelung falscher 
Thatsachen (obtaining of property by false pretences). Der Thatbestand der 
^larceny" ist derart erweitert, dass das Delikt einerseits an Urkunden, Wert- 
papieren u. s. w., andrerseits aber auch an Früchten, Gerätschaften u. dergl. 
begangen werden kann. Auch die unrechtmässige zeitweilige Ingebrauchnahme 
eines Gegeaistandes (das römische furtum usus) ist unter Strafe gestellt. 

ß) In sehr vielen Staaten ist das gleiche Resultat nicht durch Aus- 
dehnung des Thatbestandes der „larceny**, sondern durch Schaffung neuer 
Deliktsthatbestände erreicht. Dagegen hat man in New York (Penal Code 
§ 528» und in den Staaten, deren Strafgesetzbuch demjenigen von New York 
nachgebildet ist, die oben bezeichneten Handlungen dem Begriffe „larceny** 
untergeordnet und so zahlreiche Schwierigkeiten in der Auslegung und An- 
wendung des Gesi^tzes vermieden. 

y) Die Verbringung gestohlenen Gutes aus dem Staate, in welchem der 
Diebstahl veiübt i\iirde, in einen anderen durch den Dieb selbst ist, und zwar 
in verschiedenen Staaten durch Interj>retation d<*s Common Law (vgl. Common- 
wealth V. Holder, 9 Gray's ^lassaehusc^ts Reports 7», in anderen korrekter 
durch besondere gesetzliche Be>t1nnnung (vgl. Penal Code von New York § 40) 
als unter den Begriff von ..larceny" fallend, erklärt worden. 



III. § 8. Die einzelnen strafbaren Handlungen. 219 



C. Beinträchtigung der Handelsfreiheit. 

a) In sehr vielen Staaten existieren besondere Gesetze zum Schutze des 
Handels gegen unberechtigte Übergriffe der Konkurrenz. In Illinois, wo diese 
Materie wohl am ausführlichsten geregelt worden ist, gelten folgende Vor- 
schriften. 

a) Zwei oder mehrere Personen, die sich verabreden, um den Eigentümer 
oder Besitzer eines Gegenstandes des gesetzlichen Gebrauchs oder der freien 
Verfügung darüber zu berauben, oder um durch Drohung, Einschüchterung 
oder andere ungesetzliche Mittel die Beschäftigung einer Person von Seiten 
einer anderen zu verhindern oder eine dem Willen der Beteiligten nicht ent- 
sprechende frühzeitige Beendigung der Beschäftigung herbeizuführen, werden 
bestraft (Criminal Code § 158; vgl. auch Penal Code von New York § 168). 
In Pennsylvania sind die „Trades Unions" ausdrücklich für straffrei erklärt 
(Brightley's Purdon's Digest Bd. I S. 442). 

ß) Bestraft wird, wer versucht durch Drohungen, Einschüchterung oder 
ungesetzliche Einmischung einen anderen zu verhindern, einer erlaubten Be- 
schäftigung nachzugehen oder eine solche zu erlangen (Criminal Code von 
Illinois § 159; vgl. auch Penal Code von Alabama § 3763). 

y) Das Betreten eines fremden Grundstücks in der Absicht, daselbst irgend 
eine strafbare Handlung zu begehen oder durch Drohungen u. s. w. eine dort 
beschäftigte Person zum Verlassen der Arbeit zu bewegen, wird bestraft (Criminal 
Code von Illinois § 160; ebenso ist in Louisiana das Betreten eines Schiffes, 
um die Mannschaft zum Verlassen desselben zu veranlassen, strafbar; Revised 
Statutes § 934). 

b) Störung öffentlicher Beförderungsanstalten. In Maine ist die Verab- 
redung von Eisenbahnangestellten über das Anhalten, die Bewirkung unnötigen 
Aufenthalts, das Verlassen oder das Unbrauchbarmachen von Lokomotiven und 
Eisenbahnzügen mit Strafe bedroht (Revised Statutes Kap. 123 § 6). Ebenso 
wird bestraft, wer allein oder in Verbindung mit anderen Streitigkeiten zwischen 
einer öffentlichen Beförderungsanstalt, einer Gasgesellschaft oder einer Tele- 
graphengesellschaft und deren Angestellten begünstigt oder letztere durch Ein- 
schüchterung oder auf andere Weise zum Verlassen des Dienstes oder zu 
sonstigen Pflichtwidrigkeiten veranlasst. (A. a. O. § 8.) Dasselbe Resultat 
wird erreicht durch die United States Interstate Commerce Act von 1887 
(United States Statutes at Large, Bd. 24 S. 379), in deren zehnten Abschnitt 
die Verletzung irgendeiner Vorschrift dieses Gesetzes von Seiten einer bei 
einer Binnen- oder Aussenhandel treibenden Gesellschaft angestellten Person 
zum Vergehen (misdemeanor) gestempelt wird. Danach machen sich Eisen- 
bahnbeamte, die durch gemeinsame Arbeitseinstellung den Warenaustausch 
zwischen den Eisenbahnen schädigen, strafbar (Toledo etc. Railway Co. v. 
Pennsylvania; 54 Föderal Reports 730). 

c) „Ringbildungen" („pools" und „trusts"). In Illinois ist die Beteiligung 
an einem „Ringe" („pool" oder „trust"), der die Regelung der Preise von 
Waren oder anderen Gegenständen bezweckt, die im Staatsgebiete hergestellt, 
durch Bergwerksbetrieb gewonnen oder verkauft werden, ebenso die Ver- 
einigung, um den Abschluss von Geschäften in der Hand gewisser Personen 
(trustees) zu centralisieren , um Warenpreise festzulegen oder die Produktion 
zu regeln, strafbar (Laws of Illinois von 1891 S. 206). Im wesentlichen gleiche 
Bestimmungen sind auch für die Bundesgebiete (Gesetz vom 2. Juli 1890) 
und für verschiedene andere Staaten erlassen worden.^) 



^) Vgl. ParsoiiH, On Partnership, 4. Auflage, § 454. 



XIV. 



BRITISCH-OSTINDIEN 



Von 

E A. D. Phillips, 

Bczirkfliichter in Mongbyr (Bengalen). 

(Übersetzung aus dem Englischen 
von Dr. Georg Cmsen, Gericbtsassessor im Königlich Preussischen JiiRtizministerium zu Berlin.) 



Übersicht. 



Litteratur. — Abkürzungen. 

I. § 1. Die Entstehungsgeschichte des Strafgesetzbuclis von 1860. 
II. Das Strafgesetzbuch von 1860. 

a) Der allgemeine Teil. 

1. § 2. Einleitung. 

2. § 3. Grundbegriffe. 

3. § 4. Strafen. 

4. § 5. Allgemeine Strafausschliessungsgründe. 

5. § 6. Anstiftung und Beihülfe. 

b) Der besondere Teil. 

1. § 7. Strafbare Handlungen gegen den Staat. 

2. § 8. Strafbare Handlungen in Beziehung auf Landheer und Marine. 

3. § 9. Störung des öffentlichen Friedens. 

4. § 10. Strafbare Handlungen, welche von öffentlichen Beamten oder in Bezug 

auf dieselben begangen werden. 

5. § 11. Missachtung der gesetzlichen Autorität der öffentlichen Beamten. 

6. § 12. Falsches Zeugnis und strafbare Handlungen gegen die Rechtspflege. 

7. § 13. Fälschung von Münzen und öffentlichen Stempeln. 

8. § 14. Strafbare Handlungen in Beziehung auf Masse und Gewichte. 

9. § 15. Strafbare Handlungen gegen die öffentliche Gesundheit, Sicherheit, 

Schicklichkeit, den öffentlichen Anstand und die öffentliche Moral. 

10. § 16. Religionsdelikte. 

11. § 17. Strafbare Handlungen gegen Leib und Leben. 

12. § 18. Strafbare Handlungen gegen das Vermögen. 

13. § 19. Strafbare Handlungen in Beziehung auf Urkunden, Handelsmarken 

und Eigentumszeichen. 

14. § 20. Strafbarer Bruch des Dienstvertrages. 

15. § 21. Strafbare Handlungen in Beziehung auf die Ehe. 

16. § 22. Verleumdung. 

17. § 23. Strafbare Einschüchterung, Beschimpfung und Belästigung. 

18. § 24. Der Versuch der Begehung einer strafbaren Handlung, 
m. § 25. Spezial-, Lokal- und andere Gesetze. 



Litterat ur. 

Amtliche Ausgabe des ludiaii Penal Code von 1860 unter Berücksichtigung der 
bis zum 1. Mai 18% vorgenommenen Änderungen, Calcutta, Office of the Superinten- 
dent of Government Printing 1896, Preis 2 Rupien 8 Annas; Textausgabe desselben 
in: The pocket Penal, Criminal Procedure and Police Codes. Thacker, 
Spink & Co., Calcutta 1879; Amtliche Ausgabe der Whipping Act VI von 1864 (unter 
Berücksichtigung der bis zum 1. März 1895 vorgenommenen Änderungen), Calcutta 
1895. Kommentare: 0. Kinealy: The Indian Penal Code. 3. Ausg. Thacker, 
Spink & Co., Calcutta. — Mayne: The Indian Penal Code. — H. A. ü. Phillips: 
Manual of Indian Criminal Law. 2. Ausg. Thacker, Spink & Co., Calcutta. — Der- 
selbe: Comparative Criminal Jurisprudence. Calcutta: Thacker, Spink & Co.; 
London: Stevens & Sons, 119 Chancery Lane (enthält den Indian Penal Code und 
Code of Criminal Procedure mit Hinweisungen auf die ausländische Gesetzgebuno^). 

Sammlungen von Gesetzen und Entscheidungen: The Indian Law 
Reports, erscheinen unter Oberleitung des Generalstatthalters (Governor General in 
Council) bei Thacker, Spink & Co. in Calcutta und W. Thacker & Co. in London, 
Newgate Street 87. — Bengal Law Reports. Thacker, Spink & Co., wie oben. — 
Calcutta Law Reports (Privatsaramlung). — Bombay High Court Reports. — 
Madras High Court Reports. — Woodman's Digest of Indian Law Cases 
from 1836 — 1886; 5 Bde., gedruckt von dem Superintendent of Government Printing, 
India und bei Thacker, Spink & Co. 1887 erschienen. 

Kurze Mitteilungen über die indische Gesetzgebung enthält das von 
der Societe de l^gislation compar6e zu Paris herausgegebene Annuaire de 16gislation 
etrangfere in Bd. 17 S. 999—1007 (Gesetze aus 1887), Bd. 18 S. 1049—1051 (aus 1888), 
Bd. 19 S. 1061—1063 (aus 1889), Bd. 20 S. 961—964 (aus 1890), Bd. 21 S. 1005, 1006 (aus 
1892), Bd. 22 S. 1056, 1057 (aus 1893), Bd. 24 S. 1102—1104 (aus 1894; enthält Inhalts- 
angabe des Gesetzes IX vom 22. März 1894 über das Gefängnis wesen), Bd. 25 S. 988 
bis- 991 (aus 1895). Vgl. ferner Jahrbuch der internationalen Vereinigung für ver- 

fleichende Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre zu Berlin 11. Jahrgang 1896, 
erlin 1897, S. 563—565 (Referat über Gesetze aus 1895 von Biermann, Kaiserlich 
Deutschem Konsul in Bombav) und lEI. Jahrgang 1897 S. 471 (Referat über Gesetze 
aiLs 1896). 

Abkürzungen. 

I. L. R.: Indian Law Reports (der Bezirk, für welchen das Gesetz ergangen ist, 
ist in Klammern hinzugefügt). — W. R. Cr.: Weekly Reporter, Criminal Rulings. — 
B. L. R.: Bengal Law Reports. — C. L. R.: Calcutta Law Reports. — Bom.-Madr. H. C. : 
Bombay, Madras High Court Reports. — Stephens: Stephen's Digest of the crimi- 
nal law. 

L Die Eatsteliuagsgescliiclite des StrafgesetzMclies von 1860. 

§ 1. 

Der erste Entwurf eines Strafgesetzbuches wurde seitens der indischen 
Gesetzgebungs-Kommission (Indian Law Commission; sie bestand damals aus 
den Herren T. B. Macaulay, dem späteren Lord Macaulay, Macleod, Andersen 
und P. Millet) am 14. Oktober 1837 dem damaligen Generalstatthalter von 
Indien, Lord Auekland, vorgelegt. 

Die Grundlage des Gesetzes ergiebt sich am klarsten aus dem Bericht, 
welchen die Verfasser yoranschickten , in dem sie sagen: „Ew. Lordschaft 



224 Britißch-Ostindien. 



werden bemerken, dass die systematische Anordnung des von uns ausgearbeiteten 
Strafgesetzbuchs mit der keines anderen geltenden Gesetzes übereinstimmt und 
dass uns auch keines dieser letzteren als Grundlage gedient hat. Ew. Lord- 
schaft werden sicher hieraus nicht den Schluss ziehen, dass wir, entgegen 
dem uns vom Parlamente erteilten Auftrag, es unterlassen hätten, die gelten- 
den Gesetze nach dieser Eichtung hin eingehend zu prüfen, oder dass wir 
bei unserer Arbeit auch in anderer Beziehung uns leichten Herzens entschlossen 
hätten, unnötige Neuerungen und völliges Abweichen vom Althergebrachten 
zu empfehlen. 

„Im Gegenteil sind wir von der hohen Bedeutung altbewährter, mit dem 
Volksgeiste eng verwachsener Einrichtungen völlig durchdrungen. Wir glauben 
sogar, dass ein Gesetzgeber selbst die unbegründeten Vorurteile derjenigen, 
für welche seine Gesetze bestimmt sind, nicht völlig unbeachtet lassen darf. 
Dieser Grundsatz scheint uns so wichtig, dass wir, wenn wir in Indien ein 
völlig ungerechtes und parteiisches Strafrecht vorgefunden hätten, doch Be- 
denken getragen haben würden, es völlig zu beseitigen und durch ein auf 
entgegengesetzten Prinzipien beruhendes System zu ersetzen, sondern lieber 
den Vorschlag gemacht haben würden, es zunächst im grossen und ganzen 
beizubehalten und nur im einzelnen abzuändern und zu verbessern. 

„Wir sind aber der Ansicht, dass die in Britisch-Indien geltenden Straf- 
rechtssysteme nur insofern Anspruch auf Beachtung erheben können, als sie 
inneren Wert besitzen. Alle sind sie fremden Ursprungs, alle eingeführt durch 
Eroberer, die sich von der gi'ossen Menge des Volkes nach Rasse, Sitte, 
Sprache und Religion wesentlich unterschieden. Das Strafrecht der Hindus 
ist nicht nur in dem grössten Teil der jetzt der Britisch-Ostindischen Gesell- 
schaft unterworfenen Gebiete längst durch den Einfluss der Mohamedaner 
verdrängt, sondern auch ausserdem gewiss das letzte System, dessen Wieder- 
belebung eine einsichtige und humane Regierung versuchen würde. Das 
mohamedanische Recht ist seinerseits wieder für grosse Gebiete durch britische 
Verordnungen ausser Kraft gesetzt. Für die zur Präsidentschaft Bombay ge- 
hörigen Landesteile ist sowohl das mohamedanische wie das hindostanische 
Strafrecht nur noch für eine bestimmte Klasse von Fällen in Kraft, und auch 
in diesen Fällen ist der Richter nicht verpflichtet , es anzuwenden. Die 
britischen Verordnungen stammen aus drei verschiedenen Gesetzgebungsperioden, 
und enthalten daher, wie leicht einzusehen ist, sehr mannigfaltige Bestimmungen. 

„So weit sind die in Britisch-Indien gegenwärtig geltenden Systeme von 
einander verschieden. Nun sind wir nicht in der Lage, eines von ihnen als 
geeignete Grundlage für ein brauchbares neues Strafgesetzbuch zu bezeichnen. 
Das Strafgesetz für Bengalen und die Präsidentschaft Madras enthält in Wahr- 
heit mohamedanisches Recht, welches allmählich so enstellt ist, dass die recht- 
gläubigen Mohamedaner vor ihm keinerlei Ehrfurcht mehr haben, immer aber 
noch genügende Reste seiner ursprünglichen Besonderheiten enthält, um der 
Justizverwaltung erhebliche Schwierigkeiten zu machen. Im wesentlichen 
weicht es von dem mohamedanischen Strafrecht etwa ebensosehr ab, wie das 
englische von dem französischen; nur einige technische Ausdrücke und ge- 
suchte Unterscheidungen sind noch aus der mohamedanischen Lehre bei- 
behalten. Ausserordentlich häufig kommt es vor, dass der Richter den Law 
Officer fragt, welche Strafe das mohamedanische Recht für einen hypothetischen 
Fall androhen würde, mid dann diese Strafe über einen Angeklagten verhängt, 
auf den die Voraussetzungen dieses Falles gar nicht zutreffen, und der nach 
mohamedanischem Recht entweder mit einer anderen Strafe zu belegen oder 
freizusprechen gewesen wäre. Wir wollen die politischen Ei-wägungen, welche 
die englische Regierung zu dieser allmählichen Umwandlung der von ihr 



r. Die Entstehungsgeschichte des Strafgesetzbuches von 1860. 225 



selbst für diese Provinzen früher eingeführten Rechtsprechung in Strafsachen 
veranlasst haben, keineswegs tadeln, aber es liegt auf der Hand, dass ein 
auf dieser Grundlage aufgebautes Gesetzbuch, lediglich als solches betrachtet, 
erhebliche Mängel aufweisen würde. 

„Das von uns der Regierung in Vorschlag gebrachte Verfahren, das 
einigen vielleicht als zu gewagt erscheinen könnte, ist in Bombay bereits 
praktisch erprobt worden und hat dort nicht eine einzige von den bösen 
Folgen gehabt, die ängstliche Gemüter selbst den vernünftigsten Reformen 
gern zu prophezeien pflegen. Für einen ausgedehnten Bezirk, dessen Be- 
wohner erst kürzlich mit Waffengewalt unterworfen waren, wurden die bis- 
lang geltenden Strafrechtssysteme gleichzeitig durch ein einheitliches Straf- 
gesetzbuch ersetzt, ohne dass irgendein Zeichen der Unzufriedenheit in der 
Bevölkerung laut geworden wäre. 

„Es würde uns zur besonderen Genugthuung gereicht haben, wenn wir 
in der Lage gewesen wären, dieses Strafgesetzbuch mit Beruhigung als Grund- 
lage für das allgemeine indische Strafgesetzbuch zu benutzen. Zu unserem 
Bedauern müssen wir jedoch bemerken, dass das Strafgesetzbuch für die 
Präsidentschaft Bombay vor denjenigen der anderen Präsidentschaften, ab- 
gesehen davon, dass es besser durchgearbeitet ist, keinerlei Vorzüge hat. 

„Zahlreiche wichtige Klassen von strafbaren Handlungen sind in dem 
Strafgesetzbuche für Bombay überhaupt nicht erwähnt, und man darf es wohl 
kaum als eine geschickte Ausfüllung dieser Lücke bezeichnen, wenn das Ge- 
setz in einer sehr dehnbaren Bestimmung dem Richter gestattet, Handlungen, 
welche nach den für den Thäter massgeblichen religiösen Vorschriften Strafe 
verdienen, als Delikte gegen die gute Sitte, den allgemeinen Frieden oder die 
Gesellschaftsordnung nach Gutdünken mit Strafe zu belegen. Denn diese Be- 
stimmung ist unanwendbar auf die Angehörigen aller derjenigen Religionen, 
welche nicht gleichzeitig eine Regelung des Straf rechts enthalten, und dieser 
Umstand führt zu den seltsamsten Konsequenzen. So ist z. B. der Ehebruch 
eines Mohamedaners strafbar, während ein Christ im gleichen Falle frei ausgeht. 

„Dieses ist der Stand der Strafrechtspflege in Mofussil. Inzwischen ist 
für die Bevölkerung, welche der Gerichtsbarkeit der auf Grund der Royal 
Charter gebildeten Gerichtshöfe unterworfen ist, das englische Strafrecht ein- 
geführt: ein verwickeltes künstliches System, das nicht nur zum Lande in 
keiner Beziehung steht und ohne jede Rücksichtnahme auf indische Verhält- 
nisse ausgebildet ist, sondern auch in seinem Heimatlande für dringend 
reformbedürftig gilt und erst kürzlich von einer Kommission hervorragender 
englischer Juristen als so mangelhaft bezeichnet worden ist, dass eine völlige 
Auflösung und Umgestaltung erforderlich sei, um es brauchbar zu machen. 

„Unter diesen Umständen hielten wir es nicht für angebracht, dem neuen 
Strafgesetzbuche irgendeines der in Indien geltenden Strafrechtssysteme zu 
Grunde zu legen. Selbstverständlich haben wir sie alle nach bestem Wissen 
zu Rate gezogen und von allen Anregungen empfangen; aber wir haben auch 
nicht eine einzige Bestimmung in unseren Entwurf aufgenommen, weil wir sie 
in einem dieser Systeme vorgefunden haben. Wir haben auch unsere Arbeit 
mit den hervorragendsten Werken der europäischen Rechtswissenschaft ver- 
glichen, soweit es uns die hierzulande befindlichen dürftigen Hülfsmittel mög- 
lich machten. Dem französischen Code pönal und den auf ihn bezüglichen 
Entscheidungen französischer Gerichtshöfe verdanken wir wertvolles Material, 
noch wertvolleres aber dem von Livingston verfassten Strafgesetzbuche für 
Louisiana. Unserem Danke gegen diesen hervorragenden Juristen möchten wir 
an dieser Stelle um so lieber Ausdruck geben, als wir gerade in wichtigen 
Fragen seinen Ansichten entgegentreten mussten." 

Strafgosetzgebuug der Gegenwart. II. jr. 



226 Britisch-Ostindien. — IL Das Strafgesetzbuch von 1860. 

n. Das StrafgesetzMch von 1860. 
a) Der allgremeine Teil. 

1. § 2. Einleitung (Kapitel I, Artt. 1—5). 

Das indische Strafgesetzbuch — Indian Penal Code — ist das 
XLV. Gesetz des Jahres 1860, das jedoch im Laufe der Jahre mehrfache 
Abänderungen^) erlitten hat. Es wurde vom Generalstatthalter am 6. Oktober 
1860 genehmigt und ist am 18. Januar 1862 für alle diejenigen Gebietsteile 
in Kraft getreten, welche durch die „Act for the better government of India^ 
(Statute 21 und 22 Victoria, Kap. 106) Ihrer Majestät der Königin von Eng- 
land unterworfen waren; jedoch sind hiervon Settlement of Prince of Wales 
Island, Singapore und Malacca ausgenommen. 2) 

Artt.^) 2 und 3 behandeln das persönliche Geltungsgebiet des Gesetzes; 
Art. 8 des Auslieferungsgesetzes (Extradition Act, Gesetz XXI von 1879) be- 
stimmt, dass die zur Zeit in Indien geltenden Gesetze betreffend die straf- 
baren Handlungen und das Strafverfahren mit denjenigen Abänderungen in 
Beziehung auf das Verfahren, die der Generalstatthalter (Governor General in 
Council) von Zeit zu Zeit anordnen wird, auch Anwendung finden sollen: 

a) auf alle Europäer, welche britische Staatsangehörige sind und ein 
Gebiet bewohnen, dessen Herrscher mit Ihrer Majestät (der Königin von Eng- 
land) verbündet ist; und 

b) auf alle ausserhalb Britisch-Indiens wohnenden eingeborenen Indier, 
welche britische Unterthanen sind. 

Die Frage der Zuständigkeit der indischen Gerichte für die Aburteilung 
ausserhalb Indiens begangener Strafthaten braucht hier nicht weiter erörtert 
zu werden.*) Indes lassen einige englische Gesetze (Statutes) die Strafver- 



») Durch Gesetz XIV von 1870, XXVII von 1870, XIX von 1872, X von 1873, 
XII von 1881, VIII von 1882, X von 1882, X von 1886, XIV von 1887, XVIII von 1887, 
I von 1889, IV von 1889, XHI von 1889, IX von 1890, X von 1891, XH von 1891, 
III von 1894, III von 1895 und VI von 1896. 

-) Das indische Strafgesetzbuch ist in Kraft gesetzt: in den Santhäl Parganas 
durch Reg. III von 1872 Art. 3 (abgeändert durch Keg. IH von 1886, abgedruckt im 
Bengal Code Bd. 1 Ausg. von 1889 S. 597), im Arakan-Hill District durch lieg. IX von 
1874 Art. 3 (abgedruckt im Burma Code, Ausg. von 1889 S. 354), in Ober-Bunna all- 
gemein, mit Axisnahme der Shan Staaten, durch Act XX von 1886 Art. 6 (im Burma 
Code, Ausg. von 1889 S. 364), in British Baluchistan durch Reg. I von 1894 Art. 3 (in 
Baluchistan Code, Ausg. von 1890 S. 69), in Angul und den Khondmals durch Reg. I 
von 1894 Art. 3, und (mit einigen Änderungen) in den Kachln Hill-Tracts bezüglich 
der Bergstämme durch Reg. I von 1895 Art. 3. Ferner ist es auf Grund des Scheouled 
Districts Act von 1874 eingeführt in einer Reihe der sog. Scheduled Districts (North 
Western Provinces Tarai Districts — Gazette of India vom 23. September 1876 Teil I 
S. 505; ebenso in den Distrikten von Hazaribagh, Lohardugga und Mandbum sowie 
in Pergunnah Dhalbhum und Kolhan im Distrikt Singbum — Gazette of India 
vom 22. Oktober 1881 Teil I S. 504). Das Geltungsgebiet des indischen Strafgesetz- 
buches umfasst ausserdem auch einen Teil der politisch unter der indischen Regierung 
stehenden Landesteile (s. unten § 25), insbesondere gilt es auch auf den Andamanen 
und Nikobaren, sowie auf Socotra, in Aden und auf Perim. Dagegen besitzen die 
Straits-Settlements (Wellesley, Perak, Malacca und Singapore), die 1866 als besondere 
Kolonie von Indien abgetrennt wurden , ein dem indischen nachgebildetes „und nur 
unwesentlich von ihm abweichendes Strafgesetzbuch vom 9. August 1871. — Über die 
britischen Schutzstaaten in Indien vgl. § z5 dieser Darstellung. 

^) Im folgenden ist „section" stets durch „Artikel", abgekürzt „Art." wiedergegeben. 

*) Eine sorgfältige Untersuchung der Frage, ob die indische Gesetzgebung be- 
fugt ist, den indischen Gerichten Jurisdiktion über ausserhalb Indiens begangene 
Delikte zu verleihen, enthält die Entscheidung in Sachen R. v. Elmestone vom Bom- 
bay H. C. Cr. Ca. 100, 110. 



a) Der allgemeine Teil. — § 2. Einleitung. — § 3. Grundbegriffe. 227 



folgung von ausserhalb Britisch-Indiens begangenen Delikten ausdrücklich zu, 
nämlich: 1. „Territorial Watere Jurisdiction Act", 41 und 42 Victoria c. 43; 

2. „Slave Trade Act" (Gesetz betreffend den Sklavenhandel), 39 und 40 Victoria 
c. 46 Act 1 (macht die Begehung oder die Anstiftung zur Begehung von De- 
likten gegen Artt. 367 — 371 des indischen Strafgesetzbuches an irgendeinem 
Orte in gleicher Weise strafbar, als wenn sie in Britisch-Indien erfolgt wäre); 

3. die Admiralitäts-Gerichtsbarkeit der höchsten Gerichtshöfe ist auf die „High 
Courts" und Mofussil-Courts übergegangen; 4. „MerchantShippingAct" (Handels- 
schiffahrtsgesetz). 

Nach Art. 4 unterliegt den Bestimmungen des Gesetzes jeder Beamte der 
Königin wegen derjenigen Delikte, welche er in einem Staate begeht, der mit 
der Königin auf Grund eines mit der „East India Company" oder mit der 
indischen Regierung abgeschlossenen Vertrages verbündet ist. 

Art. 5 erhält die sich auf die Armee beziehenden sowie alle besonderen 
und lokalen Gesetze aufrecht. Ein „besonderes Gesetz" — „special law" — 
ist ein Gesetz, welches nur auf einen einzelnen Unterthanen (Art. 41), ein 
„Lokalgesetz" — „local law" — ein solches, das nur in einem abgegrenzten 
Teil von Britisch-Indien Anwendung findet (Art. 42). Eine Handlung, welche 
in einem special oder local law mit Strafe bedroht ist, ist aber ausserdem 
auch nach dem Strafgesetzbuche strafbar, wenn sie unter einen der dort auf- 
gestellten Deliktsbegriffe fällt. 

3. § 3. Grundbegriffe (General explanations. Kap. II. Artt. 6 — 52). 

Die zahlreichen Definitionen von Ausdrücken und Bezeichnungen und 
die häufige Verwendung von Beispielen (illustrations) zu ihrer Erläuterung 
dürfen wohl als das charakteristische Merkmal des indischen Strafgesetzbuches 
bezeichnet werden. Die Verfasser des Gesetzes bemerken in dieser Beziehung: 
„Wir sind bestrebt gewesen, unsere Definitionen in erster Linie möglichst 
genau zu formulieren und sind auch vor unbequemen und verwickelten Sätzen 
nicht zurückgeschreckt, wenn sich dieses Ziel auf andere Weise nicht erreichen 
liess. Wenn wir glaubten, dass unsere Ausdrucksweise einen unbefangenen 
Leser möglicherweise verwirren könnte, haben wir unsere Gedanken durch 
Beispiele zu erläutern gesucht. Der gesamte rechtliche Inhalt des Gesetzes 
ist in den Definitionen und den anordnenden Bestimmungen enthalten; die 
Beispiele schaffen kein neues Recht, sondern erläutern nur das in den übrigen 
Teilen des Gesetzes bereits niedergelegte und wenden es auf die Ereignisse 
des täglichen Lebens an. Das Gesetz will daher gleichzeitig ein Gesetzbuch 
und eine Sammlung von Entscheidungen sein. Letztere weichen von den in 
den englischen Gesetzbüchern enthaltenen in zwei wichtigen Punkten ab. Zu- 
nächst haben unsere Beispiele niemals den Zweck, eine Lücke des dispositiven 
Teils des Gesetzes auszufüllen, noch thun sie diesem, wenigstens unserer 
Meinung nach, jemals Gewalt an, sie bilden vielmehr lediglich die praktische 
Anwendung des Gesetzes auf die gewöhnlichen Verhältnisse des Lebens. 
Zweitens aber enthalten sie Fälle, die nicht von dem Richter, sondern von 
dem Gesetzgeber entschieden sind, der besser als der Richter wissen muss, in 
welchem Sinne der Wortlaut des Gesetzes aufzufassen ist. Die Befugnis der 
Interpretation in den Fällen, in welchen der Buchstabe des Gesetzes zu be- 
gründeten Zweifeln Anlass giebt, steht dem Gesetzgeber zu. Aus diesem 
Grunde waren auch die römischen Juristen der Ansicht, dass in allen zweifel- 
haften Fällen die Auslegung des Rechts einen Akt der Gesetzgebung erfordere. 
Die gegenteilige Ansicht wurde von ihnen mit Recht bekämpft in Wendungen, 
die wohl begründet, aber für die Sprache eines Gesetzes fast zu bitter und 

15* 



228 Britisch-Ostindien. — II. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



sarkastisch sind: ,Eorum vanam scrupulositatem tarn risimus quam corrigendam 
esse censuimus^ Si enim in praesenti leges condere soli imperatori concessum 
est, et leges interpretari solo dignum esse imperio oportet. Quis legum enigmata 
solvere et omnibus aperire idoneus esse videbitur nisi is cui legislatorem esse 
concessum est? Explosis itaque his ridiculosis ambiguitatibus tam conditor 
quam interpres legum solus Imperator iuste existimabitur.* 

„Die Fälle und Entscheidungen, die wir den dispositiven Bestimmungen 
des Gesetzes angehängt haben, gleichen den kaiserlichen Reskripten insofern, 
als sie ebenfalls von derjenigen Stelle ausgehen, von welcher auch das Gesetz 
seinen Ursprung nimmt. Aber sie unterscheiden sich von diesen durch den 
überaus wichtigen Umstand, dass sie nicht ex post facto mit Rücksicht auf 
einzelne Personen oder bestimmte Zwecke erlassen sind, sondern dass die in 
ihnen vorkommenden Verurteilungen oder Freisprechungen sich lediglich auf 
fingierte Personen beziehen. Was man daher auch immer über die Richtig- 
keit oder Unrichtigkeit der einzelnen Entscheidung sagen mag — an der Un- 
parteilichkeit der Richter zu zweifeln liegt kein Anlass vor. 

^Wir hoffen, dass die Veröffentlichung dieser Sammlung von Fällen da2u 
beitragen wird, eine allzu subjektive Auslegung des Gesetzes durch die Ge- 
richte zu verhindern." 

Die Verfasser des Gesetzes verkannten nicht, dass es trotz dieser Vor- 
sichtsmassregeln nicht möglich sein werde, einander widersprechende Ent- 
scheidungen der in Indien bestehenden acht von einander völlig unabhängigen 
höchsten Gerichtshöfe zu vermeiden. Sie waren der Ansicht, dass jede Meinungs- 
verschiedenheit dieser Gerichte in Beziehung auf die Auslegung des Straf- 
gesetzbuches sogleich der gesetzgebenden Instanz vorgelegt und von dieser 
einer nach dem Muster der Gesetzgebungs - Kommission zusammengesetzten 
Köi^perschaft zur Prüfung überwiesen werden müsse. Sie sagen hierüber: 
„Auf diese Weise wird jede neue Auflage des Gesetzes über alle wichtigen 
Interpretationszweifel Aufschluss geben, die seit dem Erscheinen der vorher- 
gehenden Ausgabe aufgetaucht sind. Wichtige Streitfragen, vor allem solche, 
über welche die höchsten Gerichtshöfe entgegengesetzte Entscheidungen gefällt 
haben, müssen erledigt werden, und die Tragweite einer gesetzlichen Bestim- 
mung darf nicht länger als drei oder vier Jahre nach dem Zeitpunkt, an 
welchem über sie von einem Gerichte Bedenken laut geworden sind, im Un- 
klaren bleiben. Ein nur wenige Seiten umfassender Nachtrag zu dem Gesetze 
wird dann ganze Bände von Spruchsammlungen ersetzen und doch, weil von 
dem Gesetzgeber selbst ausgehend, nicht nur wertvoller sein als diese, sondern 
auch grössere Autorität gemessen, indem ein Urteil nur die für einen anderen 
Richter nicht bindende Ansicht eines einzelnen Richters wiedergiebt." 

Gegenwärtig giebt es in Indien vier Obergerichtshöfe (High Courts) und 
einen Höchsten Gerichtshof (Chief Court), die sämtlich von einander unab- 
hängig sind. Die natürliche Folge dieses Zustandes ist eine Fülle abweichen- 
der Entscheidungen, die grosse Verwirrung und Unsicherheit zur Folge haben. 
Der Plan der Verfasser des Gesetzes ist nicht zur Verwirklichung gelangt und 
einander widersprechende Erkenntnisse können Jahre lang neben einander 
bestehen. Das Strafgesetzbuch ist bereits ein- oder zweimal in unwesentlichen 
Punkten abgeändert worden, auch ist etwa alle elf Jahre, eine neue Straf- 
prozessordnung erlassen; es scheint indes der Regierung unmöglich zu sein, die 
Rechtsprechung der Gerichtshöfe in bestimmte Bahnen zu leiten. 

Von den gesetzlichen Definitionen sind die nachstehenden erwähnenswert. 

„Unrechtmässiger Gewinn" — „wrongful gain", Art. 23 — ist Eigen- 
tumserwerb ohne Rechtatitel und mit ungesetzlichen Mitteln. Wer irgend etwas 
thut, um jemandem „unrechtmässigen Gewinn" zu verschaffen oder einem 



■ ■ 



a) Der allgemeine Teil. — § 4. Strafen. 229 



anderen „unrechtmässigen Schaden" (loss) zuzufügen, handelt unehrenhaft — 
„dishonestly". 

Die Bezeichnung „ungesetzlich" — „illegal", Art. 43 — findet auf jede 
Handlung Anwendung, die entweder strafbar oder gesetzlich verboten ist 
oder einen civilrechtlichen Ei'satzanspruch begründet. Eine Person ist zur 
Vornahme einer Handlung gesetzlich verpflichtet — „legally bound to do" — , 
wenn die Unterlassung für sie ungesetzlich (illegal) sein würde. Das Wort 
„Unrecht" — „injury", Art. 44 — bezeichnet jeden einem anderen an Körper, 
Geist, Ansehen oder Vermögen ungesetzlicherweise zugefügten Schaden. Eine 
Handlung, die ohne die nötige Vorsicht und Aufmerksamkeit (without due care 
and attention) ausgeführt wurde, wird niemals als in gutem Glauben — „in 
good faith" — vorgenommen angesehen. 

3. § 4. Strafen (Punishments. Kap. III. Artt. 58 — 75). 

Die im Gesetze angedrohten Straf arten sind: 

1. Todesstrafe; 

2. Verbannung; 

3. Zuchthaus (Strafknechtschaft); 

4. Gefängnis in zwei Abstufungen: 

a) schweres, d. h. mit Zwang zu schwerer Arbeit verbundenes 
Gefängnis; 

b) leichtes Gefängnis; 

5. Vermögenseinziehung; 

6. Geldstrafe. 

Ausserdem kann nach dem Gesetze VI von 1864 (Whipping Act) in ge- 
wissen Fällen auf Prügelstrafe erkannt werden. Jugendliche unter 16 Jahren, 
die zu Gefängnis verurteilt sind, können nach der „Reformatory Schools Act" 
von 1876 in Besserungsanstalten untergebracht werden. 

Die Todesstrafe (death) wird durch Hängen vollstreckt (Strafprozess- 
ordnung Art. 368). Sie wird angedroht gegen murder (Art. 302, Mord und 
gewisse Fälle des Totschlags), Anstiftung und Beihülfe zum Selbstmord einer 
Person unter 18 Jahren oder eines (wegen Geisteskrankheit, Vergiftung u. s. w.) 
Unzurechnungsfähigen (Art. 305) und gegen Ablegung oder Herbeiführung 
eines falschen Zeugnisses in der Absicht, einen Unschuldigen eines Kapitals- 
verbrechens zu überführen, wenn dieser auf Grund des falschen Zeugnisses 
verurteilt und hingerichtet ist (Art. 194). In einem dieser Fälle, nämlich 
wenn ein zu lebenslänglicher Verbannung Veroirteilter einen Mord begangen 
hat, muss auf Todesstrafe erkannt werden (Art. 303). 

Das auf Verbannung (transportation) lautende Urteil hat den Ort, 
nach welchem die Verbannung erfolgen soll, nicht anzugeben (Strafprozess- 
ordnung Art. 368 und Act IX von 1882). Da sich herausgestellt hat, dass 
von den zu dieser Strafe Verurteilten viele ihrer körperlichen Beschaffenheit 
wegen zur Überführung nach den Andaman-Inseln nicht geeignet waren, ist 
der Generalstatthalter durch Gesetz IX von 1882 ermächtigt worden, einen 
Verbannungsort auf dem britisch - ostindischen Festlande zu bezeichnen. Als 
solche sind die Centralgefängnisse („Central jails") ausgewählt. Das englische 
Markensystem ist in Britisch-Indien in etwas abgeänderter Form in Gebrauch, 
indem der Besitz einer gewissen Anzahl Marken für den Sträfling einen An- 
spruch auf Erlass eines Teils der Strafe begründet. So konmit es vor, dass 
ein zu lebenslänglicher Strafe Verurteilter nach Ablauf von 20 Jahren ent- 
lassen werden kann. 



.^ 



230 Britisch-Ostindien. — 11. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



Die Zuchthausstrafe (Strafknechtsehaft , penal servitude) ist durch 
Gesetz XXIV von 1855 eingeführt und bestimmt, bei Europäern und Ameri- 
kanern die Verbannung zu ersetzen (Art. 56). 

Die zu leichtem Gefängnis (simple imprisonment) verurteilten Personen 
können während der Strafvollstreckung zur Arbeit nicht gezwungen werden; 
jedoch ist es zulässig, sie auf ihren Wunsch in irgend einer, den Anstalts- 
ordnungen nicht widersprechenden Weise zu beschäftigen. 

Die Einziehung des Vermögens (forfeiture of property) tritt von 
Rechtswegen ein als Folge einer Verurteilung aus Artt. 121 und 122 (Führung 
eines Krieges gegen die Königin). In anderen Fällen ist die Verhängung in 
das Ermessen des Gerichts gestellt, vorausgesetzt, dass das in Frage stehende 
Delikt mit dem Tode bestraft wird. Auf den Verlust aller vom Staate her- 
rührenden Einkünfte und Vermögensvorteile kann als Nebenstrafe erkannt 
werden, wenn das Urteil auf Verbannung oder auf Gefängnis nicht unter 
7 Jahren lautet (Art. 62). 

In einigen Fällen ist Geldstrafe (fine) die einzig zulässige Strafe; meist 
ist sie jedoch wahlweise mit einer anderen oder als Xebenstrafe angedroht. 
Wo nicht ein bestimmter Betrag festgesetzt ist, besteht bezüglich der Höhe 
der Strafe keine Beschränkung, jedoch soll diese nicht übermässig sein (Art. 63). 
Diese Bestimmung schliesst sich an die Bill of Rights und die Verfassung der 
Vereinigten Staaten von Amerika an. Die Verfasser des Strafgesetzbuchs 
widersprechen ausdrücklich dem Grundsatze Livingstons, dass eine Geldstrafe 
niemals mehr als den vierten Teil des Vermögens des Schuldigen betragen 
dürfe; sie verweisen auf den Fall, dass jemand sich einen sehr bedeutenden 
rechtswidrigen Vorteil verschafft hat, von dem man ihm dann drei Viertel 
belassen und nur ein Viertel wieder abnehmen könnte. Denn möglicherweise 
hat der Schuldige, ausser dem unrechtmässig erworbenen Gut, wenig oder gar 
kein Vermögen. Zweifellos ist es wünschenswert, dass er gezwungen werden 
kann, das Ganze herauszugeben. 

Nach dem Gesetz VI von 1864 (Whipping Act) kann wegen gewisser 
Delikte, vor allem wegen Diebstahls und ähnlicher Strafthaten, auf Prügel- 
strafe als Zusatzstrafe erkannt werden. Gegen Jugendliche („juvenile offenders") 
ist sie, sowohl bei der ersten wie bei jeder folgenden Begehung an Stelle jeder 
anderen Strafthat zulässig. Unter „juvenile offenders" sind Personen unter 
16 Jahren zu verstehen (Art. 392 Strafprozessordnung); die Strafe wird an 
ihnen nach Art der Schulzucht mittels eines leichten Rohrstockes vollstreckt. 

Bezüglich der Verbannungsstrafe bemerken die Verfasser des Gesetzes: 
„Diese Strafe wird von den eingeborenen Indiem, vor allem von denjenigen, 
die nicht an der See leben, ganz besonders gefürchtet Längeres Ge- 
fängnis mag im Augenblick, in welchem es verbüsst wird, härter sein, aber 
es wird nicht so im voraus gefürchtet, und ein auf Gefängnis lautendes Urteil 
wirkt auf den Schuldigen und das Publikum nicht so abschreckend, wie ein 
Spruch, der auf Verbannung über das „„schwarze Wasser"" lautet." 

Strafumwandlung und Begnadigung. Nicht nur die indische Central- 
regierung sondern auch jede Lokalregiemng kann die Todesstrafe in irgend- 
eine andere Strafe umwandeln (Art. 54). Auch kann eine schwerere Strafe 
durch eine leichtere ersetzt werden (Strafprozessordnung Art. 402). Die Central- 
rogierung und die Lokalbehörden können bedingungsweise oder unbedingt 
die Vollstreckung von Urteilen aufschieben oder verbieten (Strafprozessordnung 
Art. 401). 



a) Der allgemeine Teil. — § 4. Strafen. 231 



Gefängnis an Stelle einer nicht gezahlten Geldstrafe. Wenn für 
eine strafbare Handlung Gefängnis neben Geldstrafe angedroht wird, so soll die 
Dauer der im Nichtzahlungsfalle (nach Art. 64) an Stelle der letzteren treten- 
den Gefängnisstrafe den vierten Teil des Höchstmasses der principaliter ange- 
drohten Gefängnisstrafe nicht tiberschreiten (Art. 65). Ist das Delikt nur mit 
Geldstrafe bedroht, so beträgt die Höchstdauer der zulässigen subsidiären Ge- 
fängnisstrafe 2 Monate, wenn der Höchstbetrag der ersteren 50 Rupien, 
4 Monate, wenn er 100 Rupien ist, und in allen anderen Fällen 6 Monate 
(Art. 67). Die Geldstrafe kann binnen 6 Jahren nach Erlassung des Urteils sowie 
jederzeit während der Verbtissung der Gefängnisstrafe gezahlt werden. Die 
Verfasser des Gesetzes bemerken hierzu: „Wir sind nicht der Ansicht, dass 
diese Gefängnisstrafe als volle Erlegung der Geldstrafe gelten soll. Wir können 
nicht dem Übelthäter die Befugnis zugestehen, zu wählen, ob er an seiner 
Person oder an seinem Vermögen Strafe erleiden will .... und befürworten 
daher, dass die von einem Verurteilten verbüsste Gefängnisstrafe ihn von seiner 
Verpflichtung zur Zahlung der Geldstrafe nicht befreit. Allerdings ist er mit 
seinem Körper für die Beitreibung fortan nicht mehr verantwortlich, sein Ver- 
mögen hingegen bleibt es noch für eine gewisse Zeit." Nach Art. 386 Straf- 
prozessordnung kann das Gericht die Einziehung der Geldstrafe durch Be- 
schlagnahme anordnen, selbst wenn das Urteil besagt, dass der Verurteilte im 
Falle der Nichtzahlung gefänglich eingezogen werden soll. 

Schadensersatz und Busse. „Bei vielen Delikten", sagen die Ver- 
fasser des Gesetzes, „entsteht nicht nur ein strafrechtlicher, sondern auch ein 
civilrechtlicher Anspruch. Das englische Recht versagt, unseres Erachtens sehr 
mit Unrecht, die Privatklage auf Schadensersatz in den Fällen, in welchen ein 
Schaden durch ein Delikt entstanden ist, das einen Fall der „felony" bildet. 
So kann jemand Ersatz verlangen, der durch einen kleinen Betrug, nicht aber, 
wer mittels eines falschen Wechsels geschädigt worden ist; ebenso der, dessen 
Kleid zerrissen, nicht aber der, dessen Haus böswillig in Asche gelegt ist; ein 
Mädchen kann wohl denjenigen belangen, der ihr die Ehe versprochen und 
das Versprechen nicht eingelöst hat, nicht aber den, der sie genotzüchtigt hat. 
Wir wünschen, dass die Strafprozessordnung dem Verletzten in derartigen 
Fällen die Möglichkeit gewähre, vom Thäter Schadensersatz zu erlangen. Wir 
glauben, dass sich ein Verfahren einrichten lässt, in welchem neben dem 
strafrechtlichen auch der civilrechtliche Anspruch seine Befriedigung findet." 
Dementsprechend gestattet Art. 545 Strafprozessordnung den Strafgerichten, 
anzuordnen, dass die verhängte Geldstrafe ganz oder teilweise verwendet 
werden soll: a) als Ersatz der Kosten der Strafverfolgung, b) als Genugthuung 
(compensation) für das durch die strafbare Handlung dem Verletzten zugefügte 
Unrecht, wenn der Betrag des Schadensersatzes nach Ansicht des Gerichts im 
Wege der Civilklage beigetrieben werden kann. 

Einzelhaft. Die Dauer der Einzelhaft (solitary confinement) kann 
3 Monate nicht übersteigen, wenn die Dauer der Strafe mehr als ein Jahr, 
1 Monat, wenn letztere weniger als 6 Monate, und 2 Monate, wenn letztere 
mehr als 6 Monate und weniger als ein Jahr beträgt. Der Gefangene soll 
höchstens an 14 auf einander folgenden Tagen in Einzelhaft gehalten, dann 
aber für einen der Dauer derselben gleichkommenden Zeitraum mit anderen 
Gefangenen zusammengebracht werden (Artt. 73, 74). 

Rückfall. Wer bereits wegen eines nach Kap. XII (Münzdelikte) oder 
XVII (Eigentumsdelikte) strafbaren Vergehens mit Gefängnis von mindestens 
drei Jahren bestraft ist, verwirkt für jede weitere Strafthat lebenslängliche 
Verbannung oder die doppelte Höhe der Strafe, zu welcher er sonst ver- 
urteilt sein würde (Art. 75). Es giebt weder in Indien noch in England' eine 



232 Britisch-Ostindien. — IT. Das Strafge^tzbuch von 18ö0. 



sogenannte R&ckfallsverjähmng, d. h. eine Vorschrift, nach welcher ein Rück- 
fall nicht als Torliegend anzusehen ist, wenn seit der Entlassung des Thaters 
ans dem Gefängnis eine gewisse Reihe von Jahren yerflossen ist. Es scheint, 
dass in EIngland die Vorstrafe auch vollzogen sein mnss; nach dem indischen 
Gesetz genügt es, dass der Thäter Yenirteilt ist. Nach dem Wortlaut 
der Bestimmungen findet sowohl in Indien wie in England die Rückfallsstrafe 
nur bei Diebstahl Harcenv) und Münzdelikten Anwendung, in Russland (Straf- 
gesetzbuch Art. 131; dagegen bei allen Delikten. 

In Beziehung auf einige andere möglichen Strafarten bemerken 
die Verfasser des Gesetzes: r^ir haben es nicht für erforderlich gehalten, die 
Unfähigkeit zur Bekleidung von Ämtern oder die Entfernung aus einem Amte 
in das Strafensystem aufzunehmen, da die Verwaltung jederzeit in der Lage 
ist, selbst solche Personen, deren Schuld nicht voll erwiesen ist, von einem 
Amte fem zu halten oder aus demselben zu entlassen." Bezüglich des Pranger- 
stehens z'pillory) sagen sie: „Diese Strafe würde entweder die schwerste aller 
Strafen oder überhaupt keine Strafe sein; für einen mit lebhaftem Ehrgefühl 
begabten Menschen ist sie meist schrecklicher als der Tod; einem hartgesottenen 
Sünder, der unzählige Male vor Gc rieht gestanden und nichts zu verlieren 
hat, ist selbst eine Stunde Tretmühh unangenehmer.** Die Prügelstrafe (flog- 
ging; ist nicht von den Verfassern in das Strafensystem aufgenommen, sondern 
erst durch Gesetz VI von 1864, v.»r allem zur Unterdrückung der immer 
häufiger gewordenen Eigentumsdelikte eingeführt worden. 

Das indische Strafrecht würde eine wertvolle Bereicherung erfahren durch 
Aufnahme des Verlustes der bürgerlichen Ehrenrechte (civic degradation) und 
der Veröffentlichung der Urteile, sei es mittels der Zeitungen oder durch 
öffentlichen Anschlag. 

Im Gegensatz zu anderen Strafgesetzbüchern, die auch die Mindestdauer 
der Freiheitsstrafen festsetzen, bestimmt das indische Strafgesetzbuch nur ihre 
höchste zulässige Dauer. In einigen Fällen macht es die Verhängung von Ge- 
fängnis neben einer Geldstrafe obligatorisch. In Indien hat der Richter ebenso 
wie in England bei Ausmessung der Strafe einen zu grossen Spielraum. Den 
Versuch, die mildernden und erschwerenden Umstände nach dem Vorbilde 
anderer Strafgesetzbücher zu definieren, hat das indische Gesetz nicht gemacht. 

Ein Analogon zu der in England zulässigen Behandlung eines „Gefängnis- 
sträflings erster Klasse" („misdemeanant of the first division") ist in Indien 
nicht vorhanden. Man hat die Einführung einer ähnlichen Bestimmung ver- 
langt, wie sie die Strafprozessordnung für Louisiana in Art. 92 giebt, wo es 
heisst: „Leichtes Gefängnis (simple imprisonment) besteht lediglich in der Ver- 
wahrung innerhalb der Gefängnismauem ; der Gefangene darf sowohl lesen 
und schreiben als auch während der in der Hausordnung festgesetzten Stunden 
Besuch empfangen." 

4. § 5. AUgemeine StrafausschliessungsgrQnde. 

(General exceptions. Kap. IV Artt. 76 — 106.) 

Das vierte Kapitel handelt von den Umständen, welche die Schuld (cri- 
minality) oder die Strafbarkeit (criminal liability) ausschliessen. Die Bestim- 
mungen dieses Kapitels, das den Zweck hat, zahllose Wiederholungen zu ver- 
meiden, gelten für das gesamte Strafgesetzbuch. 

Nachstehende Handlungen hat das Gesetz ausdrücklich für straflos erklärt: 
die Handlung, zu der jemand gesetzlich verpflichtet ist oder verpflichtet zu sein 
glaubt; rechtmässige richterliche Handlungen; jede auf Grund eines Urteils 
oder des Befehls eines Gerichts vorgenommene Handlung; die Handlung, zu 



a) Der allgemeine Teil. — § 5. Allgemeine Straf ausschliessungsgründe. 233 



welcher jemand gesetzlich berechtigt ist oder auf Grund thatsächlichen Irr- 
tums berechtigt zu sein glaubt; den bei Ausführung einer gesetzmässigen Hand- 
lung eintretenden Zufall; eine Handlung, welche ohne rechtswidrige Absicht 
(criminal intent) begangen wird, um durch die voraussichtliche Zufügung von 
Schaden einen anderen Schaden abzuwenden; die von einem Kinde unter 
7 Jahren begangene That; die That eines Kindes über 7 aber unter 12 Jahren, 
welches nicht die genügende Verstandesreife (sufficient maturity of understand- 
ing) hat^); Handlungen eines Geisteskranken (person of unsound mind); Hand- 
lungen eines Menschen, der durch eine gegen seinen Willen hervorgerufene 
Vergiftung des Gebrauchs seiner Urteilsfähigkeit (judgement) beraubt ist; eine 
mit Einwilligung (by consent) des Verletzten ohne die Absicht, einen schweren 
Schaden zu verursachen, und ohne das Bewusstsein, dass ein solcher eintreten 
werde, vorgenommene Handlung; Handlungen, welche in gutem Glauben zum 
Vorteil einer Person ohne Tötungsabsicht vorgenommen weixien; ähnliche 
Handlungen, welche im Einverständnis des Wärters zu Gunsten eines Kindes 
oder Geisteskranken ausgeführt werden; Handlungen, die in gutem Glauben 
zu Gunsten einer Person ohne deren Einwilligung vorgenommen werden, wenn 
sie nach den Umständen des Falles nicht in der Lage waP, ihre Zustimmung 
zu erkennen zu geben; durch Drohung erzwungene Handlungen; Handlungen, 
die nur unbedeutenden Schaden verursacht haben; endlich Handlungen, die 
in Notwehr begangen sind. 

Thatsächlicher Irrtum (mistake of fact). In unkultivierten Ländern 
bedarf der Fall der auf Grund thatsächlichen Irrtums begangenen Tötung 
einer besonderen Regelung. Es ist in Indien oft vorgekommen, dass „Hexen" 
und „Zauberer" getötet wurden von Personen, die dadurch von sich oder 
ihren Kindern irgendein drohendes Unheil abwenden zu können glaubten. In 
diesen Fällen sollte den Geschworenen vielleicht die Frage vorgelegt werden, 
ob der Thäter unter dem Einflüsse eines thatsächlichen In'tums stand oder in 
dem guten Glauben handelte, sich in Notwehr zu befinden und das gefürchtete 
Übel auf anderem Wege nicht abwenden zu können. 

Richterliche Handlung (judicial act). Bezüglich der civilrecht- 
lichen Haftung bestimmt das Gesetz XVIII von 1850, dass ein Richter wegen 
der in Ausübung seines Amtes in gutem Glauben angeordneten oder vorge- 
nommenen Handlungen civilrechtlich nicht belangt werden kann, selbst wenn 
er für die in Frage kommende Sache nicht zuständig war. 

Zufall (accident). Die That muss verübt sein: zufällig, ohne straf- 
bare Kenntnis oder Absicht bei Ausführung einer gesetzmässigen Handlung in 
gesetzlicher Weise mit gesetzlichen Mitteln und der erforderlichen Sorgfalt und 
Vorsicht. Das indische Gesetz weicht von dem englischen Recht ab: nach 
letzterem ist die bei Ausführung einer ungesetzlichen Handlung veinirsachte 
Tötung Mord (murder) oder Totschlag (manslaughter), je nachdem die unge- 
setzliche Handlung ein schwereres Verbrechen (felony) oder ein leichteres mis- 
deraeanour) ist.^) Liegt Unbesonnenheit oder Nachlässigkeit vor, so ist die 
That strafbar (Artt. 304A, 336, 337, 338). 

Jugendliches Alter. Bei Feststellung der Altersgrenze für die absolute 
Straflosigkeit folgt das Gesetz dem englischen Recht, setzt aber den Zeitpunkt 
des Eintritts der vollen Strafmündigkeit vom vollendeten 14. auf das voll- 
endete 12. Jahr herab. Zwischen dem 7. und 12. Lebensjahre wird das Vor- 
handensein der genügenden Verstandesreife vermutet und die Verteidiguujg 



*) Vgl. jedoch Art. 130 des Eisenbahngesetzes (Iiidian Railways Act, IX von 1890, 
amtliche Ausgabe 1896). 

^) Vgl. Beispiel (illustratioii) c zu Art. 299 des indischen Strafgesetzbuches. 



284 Britisch-Oötindien. — II. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



muss das Fehlen derselben darthiin, während in England umgekehrt die An- 
klagebehörde den Beweis des Vorhandenseins zu erbringen hat. Für abend- 
landische Begriffe ist diese Grenze zu niedrig, indes gilt in orientalischen 
Ländern der Satz: malitia supplet aetatem, und es liegen eine Reihe von 
bemerkenswerten Beispielen für eine aussergewöhnlich frühe Verstandesreife 
aus Indien vor.^) 

Trunkenheit (drunkenness). Wie im Civilrecht, so bewirkt auch im 
Strafrecht Tininkenheit eine Erhöhung der Verantwoiüichkeit nach der Regel: 
qui peccat ebrius, luat sobrius. Spuren dieser strengeren Anschauungsw^eise 
finden sich auch in modernen Gesetzen, wenn auch das Prinzip der Straf- 
schärfung aufgegeben ist. Nach heutiger Auffassung bewirkt selbstverschuldete 
Trunkenheit keine Straffreiheit. In England kann Trunkenheit mildernd in 
Betracht gezogen werden, soweit das Motiv des unter ihrem Einflüsse Handeln- 
den berücksichtigt wird. Nach dem Wortlaut des indischen Gesetzes darf sie 
offenbar nicht beachtet werden (Art. 86), die authentische Interpretation (case 
law) neigt jedoch zu der englischen Auffassung. 

Drohung (compulsion by threats). Die Drohung muss derartig sein, 
dass der Bedrohte bei vernünftiger Überlegung befürchten muss, die Nicht- 
ausführung der That werde unmittelbar seinen Tod (nach englischem Recht 
auch: schwere Körperverletzung) zur Folge haben. Die Straflosigkeit tritt 
jedoch nicht ein bei Mord und strafbaren Handlungen gegen den Staat. Nach 
indischem Recht ist sie nicht davon abhängig, dass bei der Ausübung des 
Zwanges eine bestimmte Anzahl von Personen beteiligt gewesen ist, auch 
besteht keine gesetzliche Präsumption dafür, dass Ehefrauen unter dem Ein- 
fluss der Drohungen ihrer Ehemänner gehandelt haben, obwohl die Stellung 
der Frau in Indien die Anwendung dieses Grundsatzes sehr angezeigt er- 
scheinen lässt. 

Handlungen, die nur geringen Schaden verursachen (acts caus- 
ing slight härm). „Eine Handlung ist straflos, wenn der Schaden, den sie 
verursacht oder verursachen soll oder erfahrungsgemäss zu verursachen pflegt, 
so unbedeutend ist, dass niemand, der mit normaler Empfindung und Tempe- 
rament begabt ist, sich über denselben beklagen würde" (that no person of 
ordinary sense and temper would complain of such härm; Art. 95). Dieser 
Artikel verkörpert den Grundsatz: de minimis non curat lex. Die Mit- 
glieder der Gesetzgebungskommission bemerken: „Nach dem Wortlaut des Ge- 
setzes begeht jemand einen Diebstahl, wenn er seine Feder in seines Nachbars 
Tintenfass taucht, Sachbeschädigung, wenn er eines anderen Oblate zerpflückt etc. 
Dass diese Handlungen nicht als Delikte behandelt werden dürfen, ist klar, 
und wir halten es für besser, die Anwendbarkeit der Bestimmungen des Straf- 
gesetzbuches auf sie ausdrücklich auszuschliessen , als dieses der Praxis zu 
überlassen. Denn wenn das Gesetz diesen Punkt mit Stillschweigen übergehen 
würde, so könnte der Richter diese Fälle nur für straflos erklären, indem er 
entweder neues Recht schafft oder dem Wortlaut des Gesetzes Gewalt anthut. 
Beides halten wir aber für gefährlich." 

Notwehr (private defense). Hierüber sagen die Verfasser des Ge- 

s(^tzes: „Es könnte scheinen, als hätten wir das Recht der Selbstverteidigung 

• 

*) Der „Weekly Reporter" berichtet einen Fall, in welchem ein zehnjähriges 
Mädchen ihrem schlafenden Ehemanne den Kopf abgeschlagen hat. — Nach dem 
chinesischen Strafgosetzbuche (Art. 22) sollen Personen unter 7 und über 90 Jahre 
nur we<^en Hochverrats und Rebellion bestraft werden. Der Gedanke, dass ein sieben- 
jähri^^es Kind einen Hochverrat begehen könnte, hat für europäische Begriffe etwas 
Komisches. (1. W. R. Cr. 43.) 



a) Der allgemeine Teil. — § 5. AUgemeine Straf ausschliessungsgründe. 235 



zu weit ausgedehnt, und wir sind selbst der Ansicht, dass, wenn es unsere 
Aufgabe gewesen wäre, ein Gesetz zu entwerfen für ein leidenschaftliches, 
hitziges Volk, das gewohnt ist, sich selbst Recht zu verschaffen und dabei die 
Grenzen der Gesetzlichkeit zu überschreiten, die Aufnahme einschränkender 
Bestimmungen unerlässlich gewesen wäre. Hierzulande liegt aber die Gefahr 
auf der entgegengesetzten Seite. Die Bevölkerung ist ausserordentlich wenig 
geneigt, sich selbst zu helfen; mit unglaublicher Langmut erträgt sie die grau- 
samsten Misshandlungen und die schwersten Beleidigungen und Beschädigungen, 
die ihr durch Banden von Räubern (dacoits) und Raufbolden zugefügt werden. 
Diese Thatsache ist eines der bemerkenswertesten und zugleich betrübendsten 
Symptome für die in der indischen Bevölkerung heiTschenden Zustände." 

Das indische Gesetz erlaubt jedermann die Verteidigung: 1. seiner eigenen 
oder einer fremden Person gegen einen auf sie gerichteten Angriff; 2. des 
eigenen oder fremden beweglichen oder unbeweglichen Vermögens gegen 
Diebstahl (theft), Raub (robbery), Sachbeschädigung (mischief) oder gesetz- 
widriges Betreten (trespass). Im englischen Recht ist nicht so klar ausge- 
sprochen, dass alles, was zur Verteidigung eigener Rechtsgüter, auch zum 
Schutze fremder erlaubt ist. 

Die Notwehr ist nicht zulässig gegen Handlungen, welche von einem 
öffentlichen Beamten oder in dessen Auftrage vorgenommen werden und in 
dem von ihnen Betroffenen vernünftigerweise nicht die Furcht vor Tötung 
oder schwerer Körperverletzung hervorrufen können, selbst wenn sie nicht 
vollkommen gesetzlich sind. Femer liegt straflose Notwehr nicht vor, wenn 
der Thäter genügende Zeit hatte, obrigkeitliche Hülfe herbeizuholen. Das Recht 
der Notwehr entschuldigt in keinem Falle die Zufügung eines nicht unumgäng- 
lich notwendigen Übels (Art. 99). 

In England steht gegen die thatsächlich ungesetzliche Handlung (Ver- 
haftung u. s. w.) eines Beamten das gleiche Recht der Notwehr zu, wie gegen 
die rechtswidrige Handlung einer Privatperson. Der indische Beamte ist da- 
her erheblich besser geschützt. Die Unzweckmässigkeit der englischen Be- 
stimmung liegt darin, dass derjenige, welcher Widerstand leistet oder Gewalt 
anwendet, gar nicht wissen kann, ob der Beamte gesetzlich handelt, und er 
daher sich in Notwehr befindet, oder nicht. Das indische Recht steht dem 
französischen näher. 

Nach Art. 42 des Gesetzes V von 1861 (Police Act) ist ein Polizei- 
beamter, der wegen einer Amtshandlung verfolgt oder angeklagt ist, freizu- 
sprechen, wenn er nachweist, dass er auf Grund eines richterlichen Voll- 
ziehungsbefehls (Warrant of a magistrate) gehandelt hat, vorausgesetzt, dass 
der Richter zum Erlass desselben zuständig war. Auch in dieser Beziehung 
stellt das englische Recht die Unterbeamten ungünstiger. 

Das Recht der Notwehr dauert bei Angriffen auf die Person so lange 
wie die Gefahr vorhanden ist, bei Eigentumsverletzungen so lange, bis der 
Angreifende seine Beute in Sicherheit gebracht hat, obrigkeitliche Hülfe her- 
beigerufen ist oder die Sachen wieder in den Besitz des Eigentümers gelangt 
sind (Artt. 102, 105). Mayne ist der Ansicht, dass man einen davonjagenden 
Strassenräuber nach englischem Recht erschiessen darf, nach indischem da- 
gegen nicht. Wenn dieses aber auch nach Stephen' s Digest erlaubt ist, so ist 
es doch nicht der Fall nach den Grundsätzen über Notwehr oder die Ver- 
hütung eines schweren Verbrechens, sondern nur nach denjenigen über die 
Festnahme von Verbrechern (Art. 199). Zu diesem Zwecke würde nach 
Art. 46 Strafprozessordnung die Tötung erlaubt sein, wenn der Strassenräuber 
ein mit dem Tode oder mit lebenslänglicher Transportation bedrohtes Delikt 
begangen hätte. 



236 Britiöch-Ostindien. ~ IT. Da» Strafgesetzbuch von 1860. 



5. § 6. Anstiftung und BeihOlfe. (Abetment. Kap. V. Artt. 107—120.1 

Die Bestimmimgen des indischen Rechts über Anstiftung und Beihülfe 
^abetment ^) sind ziemlich streng. Eine Unterscheidung zwischen Thatem ersten 
und zweiten Grades, wie sie das englische Recht kennt, findet nicht statt. 
Der Anstifter, der bei der Ausführungshandlung zugegen gewesen ist, wird 
so angesehen, als hätte er sie selbst begangen. Da die Anstiftung ein selb- 
ständiges Delikt ist, kann der Anstifter, wie in England, auch vor Ergreifung 
des Thäters angeklagt und verurteCt werden. Wer vor oder gleichzeitig mit 
der Begehung einer That irgendetwas thut, um die Begehung zu erleichtem 
und diese dadurch in Wirklichkeit erleichtert, macht sich der Beihülfe und 
damit nach der Definition des ^abetment" (Art. 107) ebenfalls dieses Delikts 
schuldig. Ein Polizeibeamter zum Beispiel, der fortgeht, obwohl er weiss, dass 
Personen gefoltert werden sollen, um ihnen Geständnisse zu erpressen, ist des 
„abetment** für schuldig erachtet worden.*; 

Ist eine That infolge von Anstiftung begangen, so wird der Anstifter 
mit der für den Thäter angedrohten Strafe belegt. Bei Verschiedenheit der 
Handlung, zu welcher angestiftet weixien sollte, und der thatsächlich be- 
gangenen haftet der Anstifter für letztere, wenn sie als wahrscheinliche Folge 
der Anstiftung vorausgesehen werden konnte (Art. 113). Die Strafe des An- 
stifters beträgt ein Vierteil der für den Thäter angedrohten, wenn die That 
nicht infolge der Anstiftung begangen wurde. Die Anstiftung einer Volks- 
menge im allgemeinen oder einer Anzahl von mehr als 10 Personen zur Be- 
gehung eines Delikts oder die Beihülfe zu der letzteren wird mit Gefängnis 
bis zu 3 Jahren bestraft (Art. 117). Unter diese Bestimmung fällt auch der- 
jenige, der einen Volkshaufen durch Reden zur Begehung von Gewaltthätig- 
keiten gegen jemand aufwiegelt. Auch wer es unterlässt, von dem ihm be- 
kannt gewordenen Vorhaben, gewisse Delikte zu begehen, Anzeige zu erstatten, 
macht sich straffällig. Eine Erhöhung der Strafbarkeit tritt ein, wenn der 
Thäter ein öffentlicher Beamter ist, zu dessen Amtspflichten die Verhütung^ 
derartiger Strafthaten gehört. In dieser Beziehung sind die Kap. IV und XJII 
Strafprozessordnung zu vergleichen. 

b) Der besondere Teil. 

1. § 7. Strafbare Handlungen gegen den Staat 

(Offences against the State. Kap. VI. Artt. 121 — 130.) 

Nach diesem Kapitel sind strafbar: die Kriegführung gegen die Königin 
sowie das Unternehmen einer solchen Kriegführung und die Anstiftung und 
Beihülfe (abetment) dazu; Ansammlung von Waffen zu diesem Zwecke; An- 
griffe auf den Generalstatthalter und andere hohe Beamte, um sie zur Vor- 
nahme oder Unterlassung einer ihnen auf Grund gesetzlicher Befugnis zu- 
stehenden Handlung zu zwingen; Kriegführung gegen eine asiatischCi mit der 
Königin von England verbündete Macht; Raubzüge in Gebieten, die mit der 
Königin im Frieden sind; Entweichenlassen von Staatsgefangenen. 



*) Der engliische Ausdruck „abetment** lässt sich im Deutschen^ wenigstens* für 
das indische Recht, nicht gut durch ein Wort wiedergeben und ist daher hier i. a. 
durch „Anstiftung und Beihülfe", an den Stellen aber, wo nur eine der beiden Seiten 
dcH BegriffeH in Trage kommt, durch „Anstiftung** bczw. „Beihülfe** wiedergegeben. 
(Anmerkung den Übersetzers.) 

') 21. W. R. Cr. 11. 



b) Der besondere Teil. — § 7. Strafbare Handlungen gegen den Staat. 237 



Nach Art, 196 der Strafprozessordnung ist zur Einleitung eines Strafver- 
fahrens auf Grund dieses Kapitels, mit Ausnahme des Art. 127 (Annahme von 
Gegenständen, die bei Begehung der nach Artt. 125 und 126 strafbaren Hand- 
lungen erbeutet sind) die Genehmigung der Regierung erforderlich. 

Da es in Indien Gesandte fremder Staaten nicht giebt, so enthält das 
Strafgesetzbuch keine Strafandrohung gegen die Verletzung der den Gesandten 
zustehenden Privilegien. Schmähschriften gegen fremde Mächte sind, wie in 
England, nach den Grundsätzen der einfachen „defamation" strafbar. Was 
die Einmischung in feindselige Handlungen gegen fremde Staaten anbetrifft, 
so bestraft das englische Recht: 1. die ohne Erlaubnis erfolgte Annahme von 
Kriegsdiensten bei einem von Wei Krieg führenden Staaten, zwischen denen 
die Königin neutral ist; 2. die Ausrüstung einer regelrechten kriegerischen 
Expedition (einschliesslich der Erbauung von Schiffen). Art. 125 des indi- 
schen Strafgesetzbuches spricht von „asiatischen" Mächten und bedroht die 
Verübung von Räubereien auf deren Gebiet, wenn sie mit der Königin im 
Frieden stehen, mit Strafe. Im englischen Recht kommt dieses Delikt nur in 
den Auslieferungsverträgen vor. Die Bezeichnung „Asiatic power" dürfte auch 
teilweise asiatische Staaten, z. B. Russland, Frankreich, die Türkei, einschliessen 
und bezieht sich mindestens auf die in Asien liegenden Gebiete dieser Staaten. 
Die Verfasser des Strafgesetzbuches hielten das in dieser Beziehung in Eng- 
land geltende Recht für zu milde. Die Ausrüstung eines Kriegsschiffes in 
Liverpool, um den Franzosen gegen die Deutschen zu helfen, ist nur als „mis- 
demeanour" (Verbrechen) mit 2 Jahren, dagegen die gleiche That begangen 
in Bombay, um den Franzosen im Kriege gegen die Chinesen beizustehen, 
mit lebenslänglicher Verbannung strafbar. Ob die gleiche Thätigkeit zu 
Gunsten der Chinesen gegen Frankreich strafbar ist, hängt davon ab, ob man 
letzteres als asiatische Macht ansehen kann. Zweifellos gehören aber An- 
griffe auf die indischen Vasallenstaaten Englands, deren Bedeutung für die 
Regierung sich von der der gegen sie selbst gerichteten Angriffe nur wenig 
unterscheidet, zu den oben erwähnten Delikten. 

Bei der Beherbergung von Staatsgefangenen (harbouring of State prisoners, 
Art. 130) wird eine Ausnahme zu Gunsten des Ehemannes und der Ehefrau, wie bei 
dem gewöhnlichen Vergehen des „harbouring" (Artt. 136, 212, 216), nicht gemacht. 

Bis 1870 enthielt das Strafgesetzbuch keinerlei Strafvorschriften gegen 
aufrührerische Handlungen, die nicht geradezu einen Fall des Friedensbruches 
(breach of the peace) bildeten. Der Grund für diese Unterlassung ist aus folgen- 
der Äusserung der Gesetzesverfasser zu entnehmen: „Lange Zeit hindurch galt 
es als kluge Politik, die thatsächliche Oberherrschaft Englands in die Form 
des Vasallentums einzukleiden und sowohl dem Mogul wie seinen Vizekönigen 
die ihnen früher gebührenden Attribute der Souveränetät, die in Wirklichkeit 
der Ostindischen Gesellschaft zustand, zu lassen." Und Sir James Stephen 
bemerkt hierzu: „Die Ostindische Gesellschaft hatte es während der Dauer 
ihrer Herrschaft immer vermieden, Verwaltung und Gesetzgebung so zu hand- 
haben, wie es ein ungeschickter Herrscher wohl gethan haben würde, und bei 
dem Übergange der Oberhoheit auf die Krone hielt man es nicht für erforderlich, 
in dieser Beziehung eine offenkundige Änderung eintreten zu lassen. Jetzt ist 
nach Art. 124 A die Erregung von Missstimmung gegen die in Indien gesetzlich er- 
richtete Regierung mit lebenslänglicher oder zeitiger Verbannung in Verbindung 
mit Geldstrafe oder mit Gefängnis bis zu 3 Jahren in Verbindung mit Geldstrafe 
oder mit letzterer allein bedroht. Als Missbilligung (disaffection) gilt aber nicht 
diejenige Unzufriedenheit mit den Massregeln der Regierung, die auf die Bereit- 
willigkeit zum Gehorsam gegen die Autorität der Regierung und zur Unterstützung 
derselben gegen ungesetzliche Angriffe und Widersetzlichkeit keinen Einfluss hat. 



238 Britisch-Ostindien. — II. Das Strafgesetzbuch von 1860. 

3; § 8. Strafbare HandluDgen in Beziehung auf Landheer und Marine. 

(Offences relating to the Army and Navy. Kap. VII. Artt. 131 — 140.) 

Da die von Militärpersonen begangenen Verstösse gegen die militärische 
Disziplin ausnahmslos von den Kriegsgerichten (Courts MartiaP) abgeurteilt 
werden, so behandelt dieses Kapitel nur solche Delikte, deren Thäter Civil- 
personen sind. Es bedroht die Anstiftung und Beihülfe (abetment) zu Meuterei 
(mutiny), Angriffen auf Vorgesetzte, Desertion und Ungehorsam im Dienste 
(Insubordination) mit Strafe. 

Diese Thatbestände hätten bereits in dem von der Anstiftung und Bei- 
hülfe (abetment) handelnden Kapitel V ihren Platz finden können. Die Ver- 
fasser des Gesetzes waren indes der Ansicht, dass hierin eine ungerechtfertigte 
Härte gelegen haben würde, da die Strafe des „abettor" sich nach der des 
Thäters richtet und zum Teil dieser gleichkommt. Sie sagen: „Dieser Grund- 
satz erscheint durchaus richtig, wenn seine Anwendung auf die in diesem 
Gesetze behandelten Delikte beschränkt bleibt. Aber das Militärstrafgesetz- 
buch ist, und zwar mit Grund, bedeutend härter als dasjenige, unter welchem 
die Menge des Volkes lebt. Die Ausdehnung seiner Strafbestinmiungen auf 
Personen, welche dem Soldatenstande nicht angehören, dürfte sich unseres 
Erachtens nicht rechtfertigen lassen .... Es würde sonst jemand, der einen 
Soldaten anstiftet, den Befehl eines vorgesetzten Offiziers nicht auszuführen, 
schwerer bestraft werden, als ein Strassenräuber, ein Mitglied einer Räuber- 
bande, Brandstifter, Notzüchtiger oder Menschenräuber". 

3. § 9. Störung des öffentlichen Friedens. 

(Offences against the public tranquillity. Kap. VIII. Artt. 141 — 160.) 

Diese Delikte sind sehr häufig und werden vorzugsweise begangen bei 
Gelegenheit von Streitigkeiten über Grundbesitz, die bei dem Mangel einer 
genauen Aufzeichnung desselben leicht entstehen. Vorherrschend sind diese 
Strafthaten in den noch nicht völlig geordneten Provinzen, in denen eine 
Katastrierung und aktenmässige Feststellung der Eigentumsverhältnisse über- 
haupt noch nicht erfolgt ist. 

Die Beteiligung an einer ungesetzlichen Versammlung (unlawful assembly) 
wird mit Gefängnis bis zu 6 Monaten oder mit Geldstrafe, oder mit beiden 
zusammen, bestraft (Art. 143). Als „unlawful assembly" gut jede Versamm- 
lung von mindestens 5 Personen, wenn deren Zweck ist: 1. einem Gesetz 
oder einem gesetzmässigen Verfahren Widerstand zu leisten, 2. eine strafbare 
Handlung zu begehen, oder 3. ein thatsächlich vorhandenes oder vermeint- 
liches Recht mittels strafbarer Gewalt zu verwirklichen. Hat einer der Teil- 
nehmer in Verfolgung des gemeinsamen Zwecks Gewalt gebraucht, so werden 
alle Teilnehmer wegen Aufruhrs (rioting) mit Gefängnis bis zu 2 Jahren in 
Verbindung mit Geldstrafe oder nur mit einer dieser beiden Strafen belegt. 

Die Artt. 154 — 156 handeln von der Strafbarkeit der Eigentümer oder 
Besitzer von Grundstücken und deren Vertreter, wenn auf ihrem Grund und 
Boden eine ungesetzliche Versammlung stattgefunden hat. Der Eigentümer 
ist strafbar, auch ohne Kenntnis gehabt zu haben, wenn sein Vertreter, wissend, 
dass eine ungesetzliche Versammlung auf dem Grundstück voraussichtlich ab- 
gehalten werden sollte, nicht alles in seiner Macht Stehende gethan hat, um 
sie zu verhindern. Die genügende Rechtfertigung dieser harten Bestimmung 
liegt in der grossen Häufigkeit des „rioting", sowie darin, dass das Delikt 



Vgl. Militärgesetz (Army Act) von 1881, 44 und 45 Vict. Kap. 58. 



b) Der besondere Teil. — § 9. Friedensstörung^. § 10. Beamtendelikte. 239 



nur mit Geldstrafe bedroht ist und der Eigentümer daher durch Erfordern 
von Kautionsleistung seitens des Vertreters sich an diesem für etwaige Ver- 
luste schadlos halten kann. Diese Bestimmung ist zur Aufrechterhaltung des 
Friedens dringend erforderlich und würde bei richtiger Anwendung auch ge- 
nügen, um das Vergehen des „rioting" völlig zu unterdrücken oder wenigstens 
erheblich einzuschränken. Da aber das Obergericht (High Court) zu Calcutta, 
oder genauer genommen, einzelne der demselben angehörenden Richter, das 
Delikt nicht recht anerkennen und den wegen desselben erhobenen Anklagen, 
im Widerspruch mit dem klaren Willen des Gesetzes, keine Folge geben, so 
ist die Staatsanwaltschaft, wenigstens in Bengal, mit der Einleitung des Straf- 
verfahrens sehr vorsichtig. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, dass die 
indischen Richter sich nicht selten über den zweifellosen Wortlaut des Gesetzes 
hinwegsetzen. 

In England ist zum Thatbestande des Aufruhrs (riot) nicht erforderlich, 
dass Gewalt gegen eine bestimmte Person verübt worden ist; es genügt, dass 
ruhige und besonnene Personen beunruhigt worden sind. In Indien ist auch 
der erstere Umstand erforderlich. 

In Indien nimmt die Aburteilung wegen Aufruhrs einen nicht unerheb- 
lichen Teil der Zeit der Gerichtshöfe in Anspruch. Benachbarte „Zemindars" 
(Häuptlinge) nehmen oft Banden von gewerbsmässigen „lattials", d. h. er- 
fahrenen Raufbolden an, so dass die Streitigkeiten um Land nicht selten in 
Körperverletzungen und oft sogar in Totschlag ausarten. An dieser Stelle 
sind auch die Artt. 106 und 107 Strafprozessordnung zu erwähnen. Der 
erstere ermächtigt den Richter, einer Person, die wegen Gewaltthätigkeit ver- 
urteilt ist, Friedensbürgschaft (security to keep the peace) für ein Jahr auf- 
zuerlegen; und Art. 107 lässt die gleiche Massregel bezüglich desjenigen zu, 
„von dem anzunehmen ist, dass er einen Friedensbruch oder eine andere 
Handlung begehen wird, die eine Friedensstörung wahrscheinlich zur Folge 
haben wird". 

Nach Art. 127 Strafprozessordnung kann jeder als Polizeibeamter fun- 
gierende Beamte oder Offizier eine ungesetzliche Versammlung zum Aus- 
einandergehen auffordern und, wenn die Zwangsgewalt der Civilbehörden 
nicht ausreicht, militärische Hülfe in Anspruch nehmen. 

4. § 10. Strafbare Handlungen, welche von öffentlichen Beamten 
oder in Bezug auf dieselben begangen werden, 

(Offences by or relating to public servants. Kap. IX Artt. 161 — 171.) 

Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren und Geldstrafe trifft den öffentlichen 
Beamten, der als Belohnung für die Vornahme oder Unterlassung irgendeiner 
Amtshandlung oder für die Gewährung oder Entziehung irgendeiner dienst- 
lichen Vergünstigung ausser der ihm gesetzlich zustehenden Gebühr (remuneration) 
irgendwelchen Vermögensvorteil (gratification) annimmt (Art. 161). Der Aus- 
druck „gratification" beschränkt sich nicht auf Geldleistungen. — Andere in 
diesem Kapitel behandelte Delikte sind: die Annahme von Veimögensvorteilen, 
um einen öffentlichen Beamten in ungesetzlicher Weise zu beeinflussen; An- 
nahme von Weitgegenständen seitens eines Beamten, der darauf keinen An- 
spruch hat, von einer Person, die in irgendeine von diesem Beamten zu er- 
ledigende Angelegenheit verwickelt ist; die Nichtbeachtung einer gesetzlichen Vor- 
schrift seitens eines Beamten, um jemanden Unrecht zuzufügen; das ungesetzliche 
Betreiben eines Handelsgeschäftes, der ungesetzliche Kauf einer Sache oder 
das ungesetzliche Bieten auf eine Sache durch einen Beamten. Ebenso macht 



I 



I 



240 Britifich-Ostindien. — IT. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



sich strafbar, wer fälschlich sich einen amtlichen Charakter beilegt oder amt- 
liche Kleidung und Abzeichen unbefugter Weise trägt. 

öffentlicher Beamter. Der gesetzliche Begriff des „public servant" 
hat durch nachträgliche Bestimmungen eine weitere Ausdehnung erhalten und 
umfasst Eisenbahnbeamte (Gesetz IX von 1890) und Telegraphenbeamte (Ge- 
setz XIII von 1885), mit denen das Publikum thatsächlich ebensoviel in Be- 
rührung treten muss, wie mit den Verwaltungsbeamten. Im übrigen beschränkt 
die Gesetzgebung den Begriff auf diejenigen Beamten, welche vom Staate 
direkt oder von solchen Personen angestellt sind, denen der Staat die Aus- 
übung obrigkeitlicher Funktionen übertragen hat (licensees). Nach Art. 197 
Strafprozessordnung darf ein Richter oder öffentlicher Beamter, der aus seiner 
Stellung nicht ohne Genehmigung der Regierung entfernt werden kann, auch 
nicht als solcher ohne deren Zustimmung strafrechtlich verfolgt werden. 

Die Hingabe einer Belohnung oder eines Geschenkes seitens jemandes, 
der darum angegangen worden ist, bildet keinen Fall des „abetment" (An- 
stiftung), wohl aber das Anerbieten ohne vorherige Aufforderung des zu Be- 
stechenden. Die Verfasser des Gesetzes bemerken hierzu: „Es giebt Länder, 
in denen der Geschenkgeber härter bestraft wird als der Empfänger. In 
einem Staate wie in England ist der Geber meist strafwürdiger als der 
Nehmer." Und sie führen dann aus, dass in Indien in der Mehrzahl der 
FÄlle letzterer der Verführer sein und der Geber lediglich in Notwehr han- 
deln würde. 

Annahme von Geschenken (acceptance of presents). Die Annahme 
von Geschenken durch öffentliche Beamte der Krone oder der Ostindischen 
Gesellschaft war durch 13 George III c. 63 und 33 George III c. 52 ver- 
boten. Art. 165 des Strafgesetzbuches behandelt die Annahme irgendeines Wert- 
gegenstandes ohne jeden oder ohne genügenden Grund. Unter den angeführ- 
ten Beispielen findet sich folgendes: „Richter A. kauft von Z. , der vor dem 
Gerichte, dem A. angehört, einen Prozess anhängig gemacht hat, Staatsbank- 
noten (Government Promissory Notes) zum Kurse unter Pari, während sie über 
Pari stehen. A. hat von Z. ohne genügenden Grund einen Vermögeüsvorteü 
erhalten." Die Annahme von Gesclienken ohne irgendwelches unlautere Motiv 
wird im Strafgesetzbuche nicht, wohl aber in Verordnungen der Regierung er- 
wähnt. Letztere sind sehr streng, und selbst die Entgegennahme der gering- 
weitigen Höflichkeitsgeschenke, die die Zemindars den europäischen Beamten 
bei ihren Besuchen zu machen pflegen, wird von der Regierung nicht gern 
gesehen. 

Nichtbefolgung einer gesetzlichen Vorschrift durch einen 
Beamten in der Absicht, jemanden zu schaden (public servant disobey- 
ing a direction of the law with intent to cause injury to any person). In 
Indien ist zum Thatbestande dieses Delikts die Nichtbeachtung einer beson- 
deren und ausdrücklichen Anordnung einer Gesetzesbestimmung erforderlich.^) 
Nach dem viel weitergehenden englischen Recht ist jede Vernachlässigung amt- 
licher Pflichten strafbar, ausser wenn ihre Erfüllung mit einer Gefahr ver- 
bunden war, der auch ein Mann von gewöhnlicher Festigkeit und Energie 
sich nicht ausgesetzt haben würde. 2) 

') Vgl. J. L. R. 1 Mad. 266. 

-) R. V. Wyalt, 1 Salk., ;J81; R. v. Bembridge, 3 Doug., 332; R. v. Yones, 
Strange 1146. In Stepheirs Digest findet sich folgendes Beispiel: „A., Ortsvorsteher in 
B., unterlässt es, zur Unterdrückung des in B. aiisgebrochenen Aufruhrs verschiedene 
Handlungen vorzunehmen, deren Ausführung ihm möglich war und von einem Manne 
von normaler Khiglieit, Charakterstärke und Thatkraft erwartet werden konnte. 
A. macht sich damit eines Vergehens (misdemeanor) schuldig**. 



b. Der besondere Teil. — § 11. Autorität öffentlicher Beamter. 241 



5. § 11. Missachtung der gesetzlichen Autorität 

der öffentlichen Beamten. 

(Contempts of the lawful authority of public servants. Kap. X. Artt. 172 — 190.) 

Nach diesem Kapitel macht sich strafbar: wer sich verborgen hält, um 
einer Vorladung zu entgehen, wer sich nicht in vorgeschriebener Weise ein- 
findet, um die Befehle, Ladungen u. s. w. eines öffentlichen Beamten entgegen- 
zunehmen; wer es unterlässt, einem solchen die vorgeschriebene Auskunft zu 
erteilen oder wer eine falsche Auskunft erteilt; wer der Inbesitznahme von 
Gegenständen durch einen zuständigen Beamten Widerstand leistet; wer einem 
Beamten bei Ausübung öffentlicher Funktionen Widerstand leistet; wer einem 
öffentlichen Beamten Beleidigungen androht, u. a. m. 

Zur Erläuterung der von der Auskunftsverweigerung handelnden Artikel 
sind Artt. 44 und 45 Strafprozessordnung heranzuziehen. Art. 44 verpflichtet 
jedeimann, über gewisse besonders schwere Delikte Auskunft zu geben; Art. 45 
statuiert besondere Verpflichtungen für Dorf älteste, Dorf auf seher, Eigentümer 
und Besitzer von Land sowie deren Vertreter. 

Art. 188 bedroht Ungehorsam gegen die gehörig bekannt gemachten An- 
ordnungen eines öffentlichen Beamten mit Strafe. Die in Frage konmienden 
Anordnungen — Orders — sind Gebote oder Verbote, die seitens der zustän- 
digen Beamten im öffentlichen Interesse — for public purposes^) — erlassen 
sind. Die Frage, ob sie vielleicht unzweckmässig oder nur zur Chikane er- 
lassen sind, hat das erkennende Gericht zu entscheiden. Die Verfasser des 
Gesetzes bemerken hierzu: „Einerseits ist es unumgänglich notwendig, Anord- 
nungen der Lokalbehörden zuzulassen, die einer Bestätigung durch die Ge- 
setzgebung nicht bedürfen; andererseits ist, wie wir durchaus nicht verkennen, 
zu befürchten, dass hieraus häufig kleinliche und lästige Massregeln entstehen 
werden, selbst wenn diejenigen, die sie zu treffen liaben, im allgemeinen tüchtig 
und fähig sind .... Unser Vorschlag geht dahin, die Ortsbehörden zu er- 
mächtigen, Handlungen, welche ihrer Ansicht nach die öffentliche Ruhe, Ge- 
sundheit, Sicherheit und Schicklichkeit gefährden würden, zu verbieten und 
die wissentliche Übertretung dieses Verbots, vorausgesetzt dass die Handlung 
wirklich die vorbezeichnete Gefährdung mit sich bringt, zu einer strafbaren 
Handlung zu stempeln. Damit ist den Lokalbehörden keineswegs die Befugnis 
gegeben, neue Deliktsthatbestände völlig willkürlich zu schaffen. Denn wenn 
(las erkennende Gericht zu der Überzeugung kommt, dass die vorgenommene 
Handlung nicht geeignet war, die öffentliche Ruhe, Gesundheit, Sicherheit und 
Schicklichkeit zu stören, so tritt eine Bestrafung des Thäters nicht ein. Die 
Wirkung einer solchen Anordnung einer Lokalbehörde besteht daher lediglich 
darin, dass demjenigen, der ihr wissentlich zuwiderhandelt, die Einrede der 
mangelnden bösen Absicht abgeschnitten wird. Er kann sich nicht damit ent- 
schuldigen, dass er, wenn er einen Schaden verursacht oder die Besorgnis 
einer Beschädigung hervorgerufen hat, nicht vorsätzlich gehandelt habe." 

Art. 133 der Strafprozessordnung ermächtigt die Beamten, den Eintritt schäd- 
licher Ereignisse zu verhindern. Sie können zur Entfernung von Hindernissen 
auf öffentlichen Wegen oder Flüssen auffordern; ferner zur Einstellung schäd- 
licher Betriebe, Einfriedigung gefährlicher Brunnen u. s. w. Nach Art. 144 
kann ein Beamter in dringenden Fällen eine vorläufige Anordnung erlassen, 
wenn diese geeignet erscheint, die Beschädigung, Störung oder Beleidigung 
einer gesetzlich angestellten Person, die Gefährdung des Lebens, der Gesund- 
heit oder Sicherheit eines Menschen, oder die Entstehung von Aufruhr oder 



') I. L. R. 6 Caicutta 445. 

Strafgesctzgebung der Gegenwart. II. -^q 



242 Britisch-O^tindieiL — II. Das Straf^:«etzbach von IneO. 



Streit zu Terhindem. Eine ergiebige Quelle von Streitigkeiten bilden die mit 
einander konkurrierenden ^hätä*" • Märkten es kann daher einem Zemindar 
untersagt werden, einen ^häf* unmittelbar neben dem eines benachbarten 
Zemindars einzurichten. Religiösen Prozessionen kann der Umzug durch ge- 
wisse Strassen verboten werden. Wenn ein Beamter von dem Vorhandensein 
eines Notstandes, der den Gebrauch der ihm durch Art. 144 übertragenen 
Befugnisse erforderlich macht, sichere Kenntnis erh&lt, so kann er auch die 
Ausübung wohlbegründeter Rechte einstweilen verbieten.* i Die erste und vor- 
nehmste Pflicht der Verwaltung ist die Sicherung von Leben und Eigentum, 
und zur Erreichung dieses Zieles sind ihre Beamten ermAchtigt, unter Um- 
ständen auch in die Privatrechte der Gemeindemitglieder einzugreifen. Das 
Gesetz V von 1861 «Art. 30 — 33/ giebt der unter Aufsicht der Bezirksobrigkeit 
(District Magistrate) stehenden Polizei die Befugnis, alle Prozessionen und auf 
öffentlichen Wegen stattfindenden Versammlungen zu beaufsichtigen, die Marsch- 
richtung vorzuschreiben und die Verwendung von Musik in den Strassen und 
bei Öffentlichen Festen und Feierlichkeiten zu regeln. 

Nach Art. 195 Strafprozessordnung ist die strafrechtliche Verfolgung der 
nach Artt. 172 — 188 Strafgesetzbuch strafbaren Handlungen von dem Antrage 
des in Frage kommenden Beamten oder eines ihm vorgesetzten Beamten 
abhftngig. 

6. § 12. Falsches Zeugnis und strafbare Handlangen 

gegen die Rechtspflege. 

(False evidence and offences against public justice. Kap. XI Artt. 191 — 229.J 

Dieses Kapitel behandelt die Ablegung und die Herbeiführung eines 
falschen Zeugnisses, die Vorzeigung falscher Bescheinigungen, die Vernichtung 
der Beweismittel einer Strafthat, betrügerisches Verheimlichen oder Beiseite- 
schaffen von Gegenständen, Geltendmachung von Ansprüchen in betrügerischer 
Absicht (fraudulent Claims^, falsche Anschuldigung (false Charge of offence» in 
Beleidigungsabsicht, Verheimlichung von Verbrechern ( harbouring of offenders) 
Annahme und Gewährung von Vermögensvorteilen, um eine Strafverfolgung zu 
verhindern (compounding of offences », verschiedene Arten des Gewaltmissbrauchs 
in Bestechungsabsicht, Flucht und Entziehung der gesetzmässigen Verhaftung, 
vorsätzliche Beleidigung oder Störung eines Beamten bei Gelegenheit eines 
gerichtlichen Verfahrens. 

Bezüglich der Anfertigung von Urkunden, die falsche Angaben enthalten, 
bemerken die Verfasser des Gesetzes: „Unseres Erachtens liegen in der That- 
sache der Aufstellung falscher Behauptungen bei der Prozessführung (false 
pleading; alle Momente vor, die einer Handlung den Charakter der Strafbar- 
keit aufdrücken. Dass diese Handlungsweise stets irgendwelchen Schaden 
verursacht, ist klar. Selbst wenn sich die Ablegung eines falschen Zeug- 
nisses nicht an sie anschliesst, so hindert sie doch in allen Fällen die Rechts- 
pflege; dass sie einen zum Ausgleich dieses Nachteiles geeigneten Vorteil mit 
sich brächte, ist unseres AVissens niemals behauptet worden.** 

Über die Ablegung falschen Zeugniss(»s und die besondere Häufigkeit dieses 
Delikts in Indien sagen die Verfasser: ^In Ländern mit hochentwickeltem 
moralischem Bewusstsein der Bevölkerung pflegt der direkte Beweis einer 
Tliatsache durch Zeugen als der beste zu gelten. Ganz anders in Indien. 
Der Richter, der eine Reihe» von Personen, von denen ihm nichts Nachteiliges 



») I. L. R. 6 Madras 203. 



b. Der besondere Teil. — § 13. Fälschung von Münzen und Stempeln. 243 



bekannt ist, eingehend über eine Thatsache vernommen hat, deren Augenzeugen 
gewesen zu sein sie sämtlich behaupten, gerät nicht selten ernstlich in Zweifel, 
ob nicht das Ganze von Anfang bis zu Ende ein Märchen ist. Oftmals 
suchen in Indien Personen dem Gerichte durch phantastische Schilderungen zu 
imponieren. Die Herbeiführung eines falschen Zeugnisses umfasst nach Art. 192 
auch die Herbeiführung eines Umstandes in der Absicht, denselben bei Ge- 
legenheit einfer gerichtlichen Verhandlung in Erscheinung treten zu lassen." 
Die Ablegung eines falschen Zeugnisses in einem gerichtlichen Verfahren wird 
mit Gefängnis bis zu 7, in anderen Angelegenheiten bis zu 3 Jahren bestraft. 
Der Thäter kann jedoch mit dem Tode, lebenslänglicher Verbannung oder Ge- 
fängnis bis zu 10 Jahren bestraft werden, wenn auf Grund des Zeugnisses 
ein Unschuldiger verurteilt und bestraft ist. 

Verschiedene Arten von falschen Bescheinigungen (false certificates) sind 
nach indischem Recht nicht strafbar. 

Falsche Anschuldigungen (false charges, Art. 211) sind in Indien 
ausserordentlich häufig, und es ist daher sehr bedauerlich, dass diie verschie- 
denen gesetzlichen Bestimmungen darüber einander derartig widersprechen, 
dass die Bestrafung der Thäter nicht selten vereitelt wird. Der Punkt, in 
welchem die Vorschriften von einander abweichen, liegt darin, inwiefern dem 
Anzeigenden Gelegenheit zu geben ist, seine Anschuldigung zu beweisen, bevor 
er selbst strafrechtlich verfolgt wird. In Frankreich ist es dem richterlichen 
Ermessen freigestellt, das Verfahren solange einzustellen, bis über den Inhalt 
der Anzeige ein Erkenntnis des zuständigen Gerichts vorliegt (Cour de Cassa- 
tion, Erkenntnisse vom 17. April 1846 und 28. November 1851). Dieses Ver- 
fahren dürfte das Richtige treffen. 

Genehmigung zur Strafverfolgung. Ist die Abgabe eines falschen 
Zeugnisses, die Erstattung einer falschen Anzeige u. s. w. gegen oder in Be- 
ziehung auf das Verfahren vor einem Gerichtshof erfolgt, so darf nach Art. 195 
Strafprozessordnung die Strafverfolgung wegen dieser That nur mit Genehmi- 
gung oder auf Antrag dieses oder eines demselben übergeordneten Gerichts 
erfolgen. 

7. § 13. Fälschung von Münzen und öffentlichen Stempeln. 

(Offences relating to coin and governraent stamps. Kap. XII Artt. 230 — 263.) 

Dieses Kapitel behandelt die strafbare Nachahmung von Münzen, Ver- 
ausgabung falscher Münzen als echt, den Besitz solcher Münzen, die Verände- 
rung des Aussehens von Münzen und verwandte Delikte, sowie strafbare Hand- 
lungen ähnlicher Art in Beziehung auf obrigkeitliche Stempel. Das Gesetz 
unterscheidet „Münze" (coin) und „Königliche Münze" (Queens coin). 

Den fast in allen Ländern befolgten Grundsätzen entsprechend, bestraft 
das Gesetz die Nachahmung einheimischer Münzen strenger als die auslän- 
discher. „Es ist dringend zu wünschen", sagen die Verfasser des Gesetzes, 
„dass das Geld der Ostindischen Gesellschaft der Buntscheckigkeit des indischen 
Münzwesens, die in den eigenen Münzprägungen der kleinen Fürsten ihren 
Grund hat, ein Ende machen wird. Durch die von uns vorgeschlagene Fas- 
sung des Gesetzes dürfte die Erreichung dieses Zieles erleichtert werden." 

Die Unterscheidung der Verausgaber falschen Geldes in solche, die zu 
der Zeit, als die Münze in ihren Besitz gelangte, von der Verfälschung Kenntnis 
hatten, und in solche, denen diese Kenntnis fehlte, ist dem französischen Code 
penal entnommen. 

16* 



244 Britisch-Ostindien. — 11. Daß Strafgesetzbuch von 1860. 



In einigen Gegenden Indiens sind kleine Stücke (tumps) ungeprägten 
Kupfers als Ersatz für Münzen in Gebrauch; die Anfertigung dieser sogen, 
„dubs" oder „dumpy pieces" (wörtlich: dicke Stücke) ist nach dem Strafgesetz- 
buch straflos. 



8. § 14. Strafbare Handlungen in Beziehung auf Masse und Gewichte. 

(Offences relating to weights and measures. Kap. XIII. Artt. 264 — 267.) 

Dieser Abschnitt bedroht mit Strafe: den betrügerischen Gebrauch falscher 
Masse und Gewichte, die Anfertigung und den Verkauf derselben und das 
Innehaben von solchen in betrügerischer Absicht. 

Die Methoden, auf die man in Indien durch Anwendung falscher Masse, 
falscher Gewichte und falscher Waagen betrogen wird, sind ausserordentlich 
mannigfaltig und nicht selten das Produkt wahrhaft erfinderischer Köpfe. 
Bedauerlicherweise giebt es keine Normalmasse. Die Elle (yard) und das 
„sear" (Gewicht) weichen sogar an einzelnen Orten desselben Bezirks von 
einander ab. Art. 153 der Strafprozessordnung ermächtigt die mit der Leitung 
einer Polizeistation beauftragten Beamten behufs Prüfung von Massen und 
Gewichten jeden Raum zu betreten. 

Die betrügerische Handhabung eines richtigen Instruments bildet einen 
Betrug nach Art. 415 des Strafgesetzbuchs. 2. W. R. Cr. 65. 

Das Gesetz XXXI von 1871 ermächtigt den Generalstatthalter (Govemor 
General in Council), Normalmasse festzusetzen, ohne dass dieser bislang von 
dieser Befugnis Gebrauch gemacht hätte. 

9. § 15. Strafbare Handlungen 

gegen die öffentliche Gesundheit, Sicherheit, Schicklichkeit, 

den öffentlichen Anstand und die öffentliche Moral. 

(Offences affecting the public health, safety, convenience, decency and morals. 

Kap. XIV. Artt. 268—294 A.) 

„Der Schädigung des Gemeinwohls — public nuisance — macht sich 
schuldig, wer durch Vornahme oder Unterlassung einer Handlung für das 
Publikum im allgemeinen oder diejenigen Personen, welche in der Nähe 
wohnen oder Eigentum besitzen, eine gemeinsame Beschädigung, Gefährdung 
oder Belästigung hervorruft oder das notwendige Entstehen eines Schadens, 
einer Zerstörung, Gefahr oder Belästigung für diejenigen Personen bewirkt, 
die von einer ihnen zustehenden öffentlich-rechtlichen Befugnis Gebrauch 
machen. Eine Schädigung des Gemeinwohls wird nicht dadurch erlaubt, dass 
sie irgendeine Annehmlichkeit oder einen Vorzug mit sich bringt" (Art. 268). 

Erschwerende Umstände bei Begehung dieses Delikts sind: Unterlassungen, 
die die Ausbreitung von Krankheiten zur Folge haben können, Übertretung 
von Quarantänevorschriften, Verfälschung von Nahrungsmitteln und Getränken, 
die zum Verkauf bestimmt sind, Verkauf schädlicher Nahrungsmittel und Ge- 
tränke, Verfälschung von Apothekerwaren (drugs), gesundheitsschädliche Ver- 
änderung der Atmosphäre, schnelles Fahren und Reiten, schnelles Fahren mit 
Schiffen, Aushängung falscher Lichter, Zeichen und Bogen, Beförderung von 
Personen gegen Entgelt auf einem überlasteten oder ungesunden Schiffe, Vor- 
nahme gefährlicher Handlungen auf einem öffentlichen Land- oder Wasser- 
wege, fahrlässiges Umgehen mit Giften, Feuer, Sprengstoffen, Maschinen, 
Nachlässigkeiten beim Abreissen oder Ausbessem von Gebäuden sowie beim 



b. Der besondere Teil. — § 16. Religionsdelikte. • 246 



Halten von Tieren. Femer werden als ,,Schädigung des Gemeinwohls" auch 
die folgenden Thatbestände in diesem Kapitel behandelt: Verkauf u. s. w. 
unzüchtiger (obscene) Schriften, Gemälde, Figuren u. s. w. (Art. 292), Singen 
oder Aussprechen unzüchtiger Lieder oder Gedichte, sowie die Annahme 
irgendeiner Stellung bei einem Lotterieunternehmer. Der Art. 292 bezieht sich 
jedoch nicht auf bildliche, figürliche, malerische oder anderweitige Dar- 
stellungen an oder in Tempeln oder an Wagen, die zur Beförderung von 
Götzenbildern bestimmt sind, oder zu anderen gottesdienstlichen Zwecken 
dienen. Die geschnitzten Figuren einiger Hindutempel sind äusserst unzüchtig. 

Die einfache Schädigung des Gemeinwohls wird mit Geldstrafe von nur 
200 Rupien bestraft. Art. 143 Strafprozessordnung ermächtigt aber gewisse 
Beamte, jemandem die Wiederholung derartiger Handlungen ausdrücklich zu 
untersagen; eine trotzdem erfolgte Wiederholung wird alsdann mit Gefängnis 
bis zu 6 Monaten und Geldstrafe geahndet (Strafgesetzbuch Art. 291). Weitere 
Vorschriften über die Ermächtigung zur Verhinderung schädlicher Handlungen 
enthalten Artt. 133, 144 der Strafprozessordnung. 

Die Verfälschung von Nahrungsmitteln und der Verkauf schädlicher 
Nahrungsmittel ist in den in den verschiedenen Provinzen geltenden „Ge- 
meindegesetzen" (Municipal Acts) besonders geregelt. Vorschriften über die 
Handhabung von Waffen und den Verkehr mit Sprengstoffen enthalten die 
Gesetze I von 1878 bezw. IV von 1884. Die indische Fabrikordnung (Indian 
Factories Act XV von 1881) enthält Bestimmungen über die Beschäftigung 
von Kindern, Sicherung von Maschinen, Fabrikaufsicht u. a. m. „Fabrik" 
(factory) ist ein Betrieb, in welchem mechanische Kräfte verwendet und 
mindestens 100 Personen beschäftigt werden. 

* 

10. § 16. ReUgionsdelikte. 

(Offences relating to religion. Kap. XV. Artt. 295 — 298.) 

Dieses Kapitel ist trotz seiner Kürze von grosser Wichtigkeit. Die Be- 
schädigung oder Entweihung einer zum Gottesdienste bestimmten örtlichkeit 
oder eines geweihten Gegenstandes in der Absicht, die Religion irgendeiner 
Klasse der Bevölkerung zu beschimpfen, wird mit Gefängnis bis zu 2 Jahren 
bestraft. Andere unter dieses Kapitel fallende Delikte sind: Störung einer 
religiösen Versammlung, Beschädigung von Begräbnisplätzen, Äusserung von 
Worten und Lauten in der Absicht, das religiöse Gefühl eines anderen zu 
verletzen. 

Die Verfasser des Gesetzes bemerken: „Eine sachliche Erörterung soll 
die Ergründung der Wahrheit fördern. Verletzende Äusserungen dagegen be- 
zwecken etwas ganz anderes. Sie können sowohl gegen den reinsten Glauben, 
wie gegen den verdammenswertesten Aberglauben gerichtet sein .... Wenn 
diese verletzenden Äusserungen sich gegen irrige Ansichten wenden, so haben 
sie selten eine andere Wirkung, als die Meinung, die sie bekämpfen wollen, 
noch zu vertiefen und einen gehässigen Ton in die theologische Diskussion 
einzuführen. Sie dienen nicht der Erforschung der Wahrheit sondern der 
Nährung des Fanatismus." 

Der erste Entwurf des Strafgesetzbuchs enthielt in diesem Kapitel einen 
Artikel, der den Versuch, jemanden der Zugehörigkeit zu seiner Kaste ver- 
lustig gehen zu machen, mit Strafe bedroht. Als Beispiel war angeführt, dass 
jemand zu einer für einen Brahmanen bestimmten Speise Fleischbrühe thut. 
Dieser Thatbestand fällt jetzt unter Art. 355, nach dem Angriffe, die in ent- 
ehrender Absicht verübt werden, strafbar sind. 



246 Britisch-Ostindien. — n. Das Strafgesetzbuch von 1860. 

11. § 17. Strafbare HandluDgen gegen Leib und Leben. 

(Offences affecting the human body. Kap. XVI. Artt. 299 — 377.) 

In diesem Kapitel werden nachstehende Delikte behandelt: 1. Delikte 
gegen das Leben; 2. Herbeiführong einer Fehlgeburt, Kindesaussetzong, Ver- 
heimlichung der Niederkunft; 3. Körperverletzung, ungesetzliche Freiheits- 
beschränkung, Freiheitsberaubung, Nötigung, Angriffe gegen die Person; 
4. Menschenraub, Entführung, Versetzung in Sklaverei, unrechtmassiger Zwang 
zur Arbeit; 5. Notzucht und widematOrliche Unzucht. 

Schuldhafte Tötung (culpable homidde). „Eine schuldhafte Tötung 
verübt, wer den Tod eines Menschen dadurch herbeiführt, dass er Hand- 
lungen vornimmt in der Absicht ihn zu töten oder körperlich so zu verletzen, 
dass die Verletzungen den Tod voraussichtlich zur Folge haben werden, oder 
Handlungen, von denen er weiss, dass sie wahrscheinlich den Tod zur Folge 
haben werden" (Art. 199). Der so definierte Begriff der schuldhaften Tötung 
deckt sich im allgemeinen mit dem des Mordes (murder); doch zählt das 
Gesetz (in Art. 300) fünf Fälle auf, in denen eine solche kein Mord ist: 1. bei 
Verlust der Selbstbeherrschimg infolge schwerer, plötzlicher Provokation; 2. bei 
Überschreitung des Rechts der Notwehr; 3. bei in gutem Glauben erfolgter 
Überschreitung der gesetzlichen Befugnisse durch einen Beamten; 4. bei plötz- 
licher, unter dem Einfluss eines leidenschaftlichen Impulses ohne Vorbedacht 
(^remeditation) erfolgter Handlung; 5. bei Tötung eines Einwilligenden. Ein 
besonderer Abschnitt des Strafgesetzbuchs behandelt die Tötung durch un- 
überlegte und unvorsichtige Handlungsweise. Die erheblichen Verschieden- 
heiten zwischen englischem und indischem Eecht sollen durch nachstehende 
Übersicht veranschaulicht werden: 

England: Indien: 

A. Mord (murder). A. Die als Mord geltenden Fälle der schuld- 

haften Tötung (culpable homicide). 
IB. Die nicht als Mord geltenden Fälle 
der schuldhaften Tötung. 
C. Tötung infolge unüberlegter und un- 
vorsichtiger Handlungsweise. 

1. Einige Handlungen, die in England als Mord gelten, fallen in Indien 
unter Klasse B, während imigekehrt Handlungen, die der indischen Klasse A 
angehören, in England nur als Totschlag strafbar sind. 

2. Der Zufall bei Begehung einer schuldhaften Tötung wirkt in Indien 
nicht selten völlig strafausschliessend, immer aber in höherem Grade straf- 
mildernd (Art. 80) als in England, wo er nicht berücksichtigt wird, wenn die 
thatsächlich gewollte Handlung eine „felony" ist.^) 

3. Nach englischem Recht bewirkt die nur durch Worte erfolgte Pro- 
vokation keine Strafermässigung, während in Indien nach Lage des Falls zu 
entscheiden ist. 

4. In England bewirkt gutgläubige Überschreitung des Rechts der Not- 
wehr nicht, wie in Indien, dass lediglich Totschlag als vorliegend angesehen wird. 

5. Die Tötung eines Einwilligenden ist in Indien nur Totschlag, in Eng- 
land Mord. Das Verbrennen einer Witwe mit dem Leichnam ihres Gatten 
(suttee) und die Tötung im Zweikampf fallen unter Art. 300 No. 5. 



^) A. schiesst auf ein Stück Federvieh, das er stehlen will, tötet aber durch Zufall B. 
und macht sich damit des Mordes schuldig. So ungeheuerlich diese Entscheidung ist, 
so entspricht sie doch dem geltenden Recht. Vgl. Stephen, Digest, Art. 223, S.167 Anm. 4. 



b. Der besondere Teil. — § 17. Strafbare Handlungen gegen Leib und Leben. 247 



6. Dass der Getötete seinen Verletzungen binnen bestimmter Frist er- 
liegen muss, ist in Indien nicht Thatbestandsmerkmal. In England muss der 
Tod binnen einem Jahre, oder nach anderer Ansicht binnen Jahr und Tag 
eintreten. 

Betrachten wir folgendes Beispiel: ein Mensch ist unheibar krank, weiss 
dass er nicht wieder besser werden, aber noch Monate lang unter entsetzlichen 
Schmerzen leben kann, und bittet einen Verwandten, ihm ein schmerzlos 
wirkendes Gift in Speise oder Trank zu geben. Soll man letzteren, wenn er 
der ernstlichen, wiederholten Bitte des Kranken Folge leistet, mit einem Mörder 
auf eine Stufe stellen? Das englische Recht bejaht die Frage ^); das indische 
bestraft ihn wegen vorsätzlicher Tötung, die jedoch kein Mord ist. Die un- 
garischen Juristen haben ein Höchstmass von 3 jährigem Zuchthaus für aus- 
reichend gehalten (Strafgesetzbuch Art. 282); das Deutsche Reichsstrafgesetz- 
buch (§216) droht Gefängnis von 3 — 5 Jahren an, in Holland (Strafgesetzbuch 
Art. 293) beträgt das Höchstmass 12 Jahre. 

Die Verfasser des indischen Strafgesetzbuchs äussern sich folgender- 
massen: „Der Tötung eines Einwilligenden fehlt es an einer sehr wichtigen 
Eigenschaft der Verbrechen; sie ruft keine allgemeine Rechtsunsicherheit her- 
vor und verbreitet keinerlei Schrecken in der Bevölkerung .... Es ist uns 
nicht unbekannt, dass zwei oder drei auf einander folgende nächtliche Morde 
gentigen, um eine Millionenstadt für mehrere Wochen in Aufregung zu ver- 
setzen und Familien zu veranlassen, sich mit Waffen und Sicherheitsvor- 
richtungen zu versehen: wie gross müsste wohl die Zahl der Selbstmorde oder 
der auf freiwilliges Verlangen eines Menschen begangenen Tötungen sein, die 
unter den Überlebenden einen ähnlichen Schrecken erregen könnten?" 

Tötung durch einfache Nachlässigkeit (simple Omission). Nach 
Art. 32 des Strafgesetzbuches beziehen sich die für Handlungen im engern Sinne 
(acts) gegebenen Vorschriften auch auf ungesetzliche Unterlassungen (Ulegal 
omissions). Um ungesetzlich zu sein, muss eine Unterlassung entweder den 
Thatbestand einer strafbaren Handlung bilden oder gesetzlich verboten sein 
oder einen civilrechtlichen Schadensersatzanspruch begründen. So würde z. B. 
derjenige, der es unterlässt, einen Blinden darauf aufmerksam zu machen, dass 
er im Begriff ist, in einen Abgrund zu stürzen (Louisiana Penal Code, Art. 483) 
sich nach indischem Recht einer strafbaren Unterlassung nicht schuldig machen. 
Die Verfasser des Gesetzes missbilligen die Ansicht Livingstons, dass jemand 
sich der Tötung schuldig macht, wenn er es unterlässt ein Leben zu retten, 
das er „ohne persönliche Gefahr oder Vermögensnachteile" hätte erhalten 
können. Sie führen als Beispiel an, dass ein Arzt von Calcutta nach dem 
Punjab gerufen wird, um eine Operation auszuführen. „Er würde keinerlei 
Risiko, sondern nur Vorteil davon haben, wenn er dem Rufe Folge leisten 
würde. Aber er steht gerade im Begriff nach Europa abzufahren oder be- 
absichtigt, seine mit dem nächsten Schiff ankommende Familie abzuholen und 
weigert sich daher. Sicher darf man ihn deshalb nicht als Mörder bezeichnen. 
Es würde widersinnig sein, jemanden zu bestrafen, weil er nicht drei Monate 
in Indien bleiben will, um einem anderen das Leben zu retten, dagegen einen 
anderen völlig straflos zu lassen, der, obwohl er sehr vermögend ist, sich 
weigert, einen Anna zu opfern, um einem Mitmenschen das Leben zu retten. 
Andererseits giebt es Fälle, in denen es angebracht erscheint, jemanden als 
Mörder zu bestrafen, weil er den Tod eines Menschen durch Unterlassung 
(»iner Handlung verursacht hat, die ohne persönliche Gefahr oder Vermögens- 
nachteile nicht hätte ausgeführt werden können." In einigen Strafgesetz- 



*) Vgl. R. V. Sawyer, 1 Riiss., C. und M., 670. 



248 Britisch-Ostindien. — II. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



büchem wird die Verursachung des Todes eines Menschen durch Unterlassung 
als Übertretung angesehen.^) 

Artt. 305 — 309 bedrohen Anstiftung und Beihülfe (abetment) zum Selbst- 
mord, versuchten Mord und versuchten Selbstmord mit Strafe. Verworfene 
und pflichtvergessene Frauen fingieren in Indien, ebenso wie in China, oft 
Selbstmordversuche, um ihre Männer zu erschrecken oder einzuschüchtern. 

Das Verbrechen des „thuggre" wird mit lebenslänglicher Verbannung 
bestraft. Ein „thug" ist ein Mensch, der sich mit einem oder mehreren 
anderen zur gewohnheitsmässigen Begehung von Raub oder Kinderdiebstahl 
mittels oder in Verbindung mit Mord vereinigt hat. 

Die Herbeiführung einer Frühgeburt (causing miscarriage) wird, wenn 
sie nicht in gutem Glauben erfolgt, um das Leben der Schwangeren zu retten, 
mit Gefängnis bis zu 3 Jahren, und wenn die Person hochschwanger (quick 
with child) war, mit solchem bis zu 7 Jahren bestraft (Art. 312). Auch die 
Schwangere selbst macht sich strafbar. Aussetzung oder völliges Verlassen 
eines Kindes unter 12 Jahren wird mit Gefängnis bis zu 7 Jahren bestraft; 
doch wird der Thäter gleich einem Mörder oder dem Urheber einer vorsätz- 
lichen Tötung bestraft, wenn der Tod des Kindes infolge der Handlungsweise 
eingetreten ist (Art. 317). Art. 318 bedroht die Verheimlichung der Nieder- 
kunft durch Beiseiteschaffung des Leichnams eines Neugeborenen mit Strafe. 

Bezüglich der Vorschriften über den Thatbestand der Abtreibung sagen 
die Verfasser des Gesetzes, dass dieses Verbrechen in Indien zu den ge- 
meinsten Zwecken benutzt wird. „Die Abtreibung gehört zu den Delikten, 
die, selbst wenn sie nicht voll bewiesen sind, leicht auf dem Schilde der 
Familienehre einen Flecken zurücklassen. Die Möglichkeit, wegen einer solchen 
That eine falsche Anschuldigung zu erheben, ist deshalb in der Hand ge- 
wissenloser Menschen eine furchtbare Waffe. Auch bei der sorgfältigsten 
Rechtspflege wird dieser Teil des Gesetzes nur zu wenigen Verurteilungen 
Anlass geben, dagegen viele angesehene Familien in Trauer und Angst ver- 
setzen und eine ergiebige Einnahmequelle für den Abschaum der mensch- 
lichen Gesellschaft bilden." Die Strafprozessordnung stellt die Abtreibung in 
die Klasse der „non-cognizable offences", d. h. derjenigen Delikte, bei denen 
die Polizei eine Verhaftung nur auf Grund eines Haftbefehls (warrant) vor- 
nehmen darf. 

Die strafbaren Handlungen gegen den menschlichen Körper, deren Be- 
trachtung sich noch erübrigt, sind: Körperverletzung, ungesetzliche Freiheits- 
beschränkung, Freiheitsberaubung, Nötigung, Bedrohung, Menschenraub und 
Entführung, Verschleppung in Sklaverei, unrechtmässiger Zwang zur Arbeit, 
Notzucht und widernatürliche Unzucht. 

Die Körperverletzung (hurt) wird (in Art. 319) definiert als die Ver- 
ursachung von körperlichem Schmerz, Unbehagen oder Krankheit. Schwere 
Körperverletzung (grievous hurt, Art. 320) ist diejenige, welche den Verlust 
eines Sinnes, eines Gliedes, dauernde Entstellung des Angesichts oder der Gestalt, 
Bruch oder Verrenkung eines Knochens oder Verlust eines Zahnes bewirkt, 
oder das Leben des Verletzten gefährdet oder ihn für 20 Tage unfähig macht, 
seiner gewöhnlichen Beschäftigung nachzugehen (Art. 320). Die Zufügun^ 
einer Körperverletzung in der Absicht, Vennögensstücke oder ein Geständnis 
zu erpressen, oder einen öffentlichen Beamten von der Erfüllung seiner Pflicht 
abzuschrecken, wird mit verschärfter Strafe belegt. Nach dem Wortlaut des 
Gesetzes macht sich der Körperverletzung schuldig, wer „einer Person" („to 
any person") körperlichen Schmerz verursacht. Es ist zweifelhaft, ob hiermit 



*) Vgl. z. B. Holländisches Strafgesetzbuch, Art. 450. 



b. Der besondere Teil. — § 17. Strafbare Handlungen gegen Leib und Leben. 249 



auch die eigene Person des Thäters gemeint ist. lu den Ländern, in denen 
eine Aushebung zum Militärdienst stattfindet, ist meines Erachtens die Selbst- 
verstümmelung stets strafwürdig. Den Fall der körperlichen Züchtigung durch 
Eltern, Erzieher und Lehrer erwähnt das Gesetz nicht. 

Ungesetzliche Freiheitsbeschränkung und Freiheitsberaubung 
(wrongful restraint and wrongful confinement). In England bildet nur die 
Freiheitsberaubung eine selbständige Strafthat; die einfache Freiheitsberaubung 
(restraint, Art. 339) ist nur strafbar, wenn sie mit Bedrohung verbunden ist 
oder einen Fall der Schädigung des Gemeinwohls (public nuisance) oder der 
böswilligen Eigentumsbeschädigung (malicious injury to property) bildet. Un- 
gesetzliche Freiheitsbeschränkung (Art. 340) liegt vor, wenn man jemand 
hindert, sich an der Stelle aufzuhalten, an der er zu sein wünscht und an 
der zu sein er ein Recht hat. Ungesetzliche Freiheitsberaubung ist die Nötigung 
einer Person zum Aufenthalt in einem Räume, den sie zu verlassen wünscht 
und den zu verlassen sie ein Recht hat. Die Strafe dieses Deliktes ist um so 
schwerer, je länger der ungesetzliche Zustand gedauert hat. 

Angriff auf die Person (assault) und Nötigung (criminal force) werden 
schwerer bestraft, wenn sie begangen sind, um einen öffentlichen Beamten 
von der Erfüllung seiner Pflicht abzuhalten (Art. 353), um das weibliche 
Schamgefühl zu verletzen (Art. 354), oder in entehrender Absicht, oder bei 
dem Versuch, einen Diebstahl zu begehen u. s. w. Mehrere Fälle des „assault" 
fallen somit unter die Begriffe des Diebstahls und der Freiheitsbeschränkung. 

Menschenraub, Entführung u. s. w. Es giebt zwei Arten des Menschen- 
raubes (kidnapping, Art. 359): Raub aus dem Gebiet von Britisch-Indien und 
Raub aus der gesetzlichen Obhut. Im letzteren Falle muss zur Begründung 
der Strafbarkeit der Geraubte minderjährig sein, und zwar bei Knaben unter 
14, bei Mädchen unter 16 Jahren (Art. 361). Strafe: Gefängnis bis zu 7 Jahren. 
Besondere Fälle sind Raub in Tötungs- oder Einsperrungsabsicht, um eine 
Frau zur Eingehung einer Ehe oder zu unerlaubtem Geschlechtsverkehr zu 
zwingen, um den Entführten in die Sklaverei zu schleppen oder zu unnatür- 
licher Unzucht zu gebrauchen. Der Raub von Kindern in der Absicht, sie 
zu verheiraten, ist sehr häufig; die Strafandrohung bezieht sich nicht auf 
solche Personen, die in dem guten Glauben handeln, selbst zur Obhut über 
die Kinder gesetzlich befugt zu sein. An einem Mädchen über 16 Jahren 
ist Raub unmöglich, es muss vielmehr nachgewiesen werden, dass sie „ent- 
führt" (abducted) worden, dass sie gezwungen oder durch betrügerische Mittel 
veranlasst worden ist, einen Ort zu verlassen. Der Verkauf oder das Ver- 
dingen Minderjähriger zum Zwecke der Unzucht wird nach Art. 372 , 373 
bestraft. Häufig werden minderjährige Mädchen als Tänzerinnen in den 
Tempeln eingeschrieben und von ihren Müttern oder Gewalthabern dem Dienste 
der Gottheit geweiht. In einem Falle, in welchem geltend gemacht war, dass 
dieses nach der Religion der Hindus erlaubt sei, führte das „High Court" zu 
Madras aus: „Wenn die Satzungen einer Religionsgemeinschaft Handlungen 
zur Folge haben, welche die Strafgesetze verletzen, so sind diese Handlungen 
zweifellos strafbar. Hätte der Gesetzgeber die Absicht gehabt, sie deshalb, 
weil sie auf religiösen Vorschriften beruhen, straflos zu lassen, so würde er 
diese Absicht zum Ausdruck gebracht haben."*) 

Das eheliche Leben der Mohamedaner und Hindus würde wesentlich 
gehoben werden, wenn die Kuppelei, >vie in anderen Ländern, strafbar wäre. 
Sie ist in Indien sehr tief eingewurzelt und ausserordentlich häufig. 

*) Vgl. 5 Madras H. C. Rep. 415. Ein Beispiel bietet Art. 292, der die Ausstellung 
unzüchtiger Bilder und Darstellungen mit Strafe bedroht, aber für Tempel, Götzen- 
bilder u. s. w. eine Ausnahme macht (siehe oben S. 245). 



250 Britisch-Ostindien. — 11. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



Die Verschleppung in Sklaverei wird mit lebenslänglicher Ver- 
bannung bestraft (Art. 371). Die Sklaverei ist bereits durch Gesetz V von 
1843 aufgehoben. Der aus dem Jahre 1838 stammende erste Entwurf des 
Strafgesetzbuches enthielt lediglich (nach der Bestimmung, dass keine Hand- 
lung strafbar sei, die durch Gesetz erlaubt ist) die Vorschrift, dass keine 
strafbare Handlung deshalb straflos sein solle, weil sie einem Sklaven zur 
Strafe zugefügt wurde. Das Gesetz V von 1843 besagt, dass jede Handlung, 
die, wenn an einem Freien begangen, strafbar ist, es auch ist, wenn der Ver- 
letzte ein Sklave ist. 

Der Thatbestand der Notzucht (rape, Art. 375) bedarf keiner beson- 
deren Erläuterung. Sie wird ausser mit Geldstrafe mit Verbannung auf 
Lebenszeit oder Gefängnis bis zu 10 Jahren, im Rückfalle ausserdem mit 
Prügel bestraft. 

12. § 18. Strafbare Handlungen gegen das Vermögen. 

(Offences against property. Kap. XVII Ärtt. 378 — 462.) 

Die Verfasser des indischen Strafgesetzbuches bemerken in Beziehung 
auf die Eigentumsvergehen: „Es leuchtet ein, dass, wenn die grundlegenden 
Vorschriften des Civilrechtes über das Eigentum unvollkommen oder unklar 
sind, das Strafrecht, welches sich an sie anlehnt und ihnen durch Strafan- 
drohungen erhöhten Schutz verleiht, ebenfalls an dieser UnvoUkommenheit und 
Unklarheit leiden wird. Wir können nicht eher überzeugt sein, zweckmässige 
Strafbestimmungen für die Verletzungen von Eigentumsrechten gefunden zu 
haben, als bis wir uns genaue Kenntnis von diesen Rechten verschafft haben; 
das ist nun aber nicht möglich, weil die Grundsätze teils unklar, teils nicht 
sicher verbürgt sind. Der gegenwärtige Zustand des indischen Civilrechtes 
wird oft genug den Richtern bei der Anwendung des Strafgesetzbuches Schwierig- 
keiten machen, ebenso wie er dessen Verfasser nicht selten in Verlegenheit 
gesetzt hat." Eine Kodifikation des bürgerlichen Rechtes in Indien ist bis- 
lang nicht erfolgt. 

Die Anordnung der Eigentumsvergehen im Strafgesetzbuche ist folgende: 
1. Diebstahl (theft, Artt. 378 — 382): beschränkt sich auf die unmittel- 
bare Besitzentziehung; unter Besitz ist auch der der Ehefrau, eines Angestell- 
ten, Dieners u. s. w. für den eigentlichen Besitzer (principal possessor) einbe- 
griffen; 2. Erpressung (extortion, Artt. 383 — 389): Veranlassung zur Herausgabe 
von Vermögensstücken mittels Drohungen; 3. Raub (robbery, Artt. 390 — 402); 

4. Unterschlagung, wörtlich: strafbare Eigentumsentziehung, criminal mis- 
appropriation , Artt. 403, 404: bei diesem Vergehen liegt ein ungesetzliches 
Vertreiben aus dem Besitz (wrongful taking out of possession) nicht vor; 

5. Strafbarer Vertrauensbruch (criminal breach of trust, Artt. 405 — 409): 
bei der Begriffsbestimmung dieses Deliktes wird zwischen Depositum (bailment) 
und Bevollmächtigung (trusteeship) kein Unterschied gemacht. Das Vergehen 
besteht in der unehrenhaften Entziehung, Ingebrauchnahme oder Verwendung 
von anvertrautem Gut; 6. Aneignung von Diebesgut (receiving of stolen 
property, Artt. 410 — 414), d. h. von Sachen, die dem Eigentümer auf eine 
der vorbezeichneten Arten abhanden gekommen sind; 7. Betrug (cheating, 
Artt. 415 — 424): die Veranlassung zur Herausgabe von Vermögensstücken 
mittels unwahrer Angaben; 8. Beschädigung (mischief, Artt. 425 — 440); 
9. Strafbares Betreten eines fremden Grundstückes (trespass, Artt. 441 
bis 462). 

Jedes Eigentumsvergehen kann auf betinigerische Weise (fraudulently) 
begangen werden; bei den unter 1 — 7 aufgeführten bildet dieser Umstand einen 



b. Der besondere Teil. — § 18. Strafbare Handlangen gegen das Vermögen. 251 



notwendigen Bestandteil des Thatbestandes, während dieses bei der Beschädi- 
gung und dem Betreten eines fremden Grundstückes nicht erforderlich ist. 

Der juristischen Spitzfindigkeit und der richterlichen Willkür ist von den 
Verfassern des Gesetzes keinerlei Spielraum gelassen. In Indien kann es nicht 
vorkommen, dass vierzehn Richter Ihrer Majestät der Königin mehrere Tage 
lang die tiefsinnigsten Diskussionen darüber führen, ob jemand, der aus Ver- 
sehen einen Sovereign anstatt eines Schillings erhalten hat, sich der Unter- 
schlagung schuldig macht, wenn er ihn nach Entdeckung des Irrtums behält, 
um dann schliesslich zu dem Resultat zu kommen, dass sieben Richter ftlr 
„schuldig" und sieben für „nicht schuldig" stimmen.^) Dank der weisen Vor- 
schrift des Art. 403 ist ein derartiges Unrecht gegen das Gebühren zahlende 
Publikum bei uns ausgeschlossen. 

Die englischen Bestimmungen über „larceny" (d. h. widerrechtliche An- 
eignung von Sachen ohne Anwendung von Gewalt oder Drohungen) sind voll 
von Sonderbarkeiten. Einzelne Tiere können Gegenstand eines Diebstahls 
bilden, andere nicht. In Indien ist jedes Tier, das von irgendjemand als 
Eigentum in Anspruch genonunen wird, mögliches Objekt eines Diebstahls. 
Die Auffassung der indischen Rechtswissenschaft vom Begriff des Besitzes 
(possession) geht von dem mustergültigen Ausspruche des jüngeren Nerva aus: 
„Res mobiles, excepto homine, quatenus sub custodia nostra sint, hactenus 
possideri: idem quatenus, si velimus, naturalem possessionem nancisci 
possimus" (1. 3 § 13 D. de a. vel. o. p. 41, 2). Nach Ansicht Nervas beruht 
der Besitz nicht nur auf der thatsächlichen custodia, sondern auch auf der 
quasi-custodia, d. h. der Möglichkeit des juristischen Besitzers, die that- 
sächliche Detention der Sache zu erlangen, sobald er will. So ist Diebstahl 
an einem Fische möglich, wenn dieser sich in einem abgeschlossenen Ge- 
wässer ohne Rücksicht auf die Grösse, nicht aber, wenn er sich in einem 
Flusse (20 W. R. Cr. 15), einer Bucht (creek; I. L. R. 5 Madras 390) oder 
einem Teile eines öffentlichen Gewässers (I. L. R. 2 Calcutta 354) befindet. 
Entscheidend ist, ob der Fisch in seiner natürlichen Freiheit soweit einge- 
schränkt ist, dass der Eigentümer ihn fangen kann, wenn er will (I. L. R. 10 
Bombay 193). In Bengal gehörte das Fischereirecht zu den Materien, über 
die in dem „Permanent Settlement" Bestimmung getroffen war. Die benga- 
lische Regiening war deshalb der Ansicht, dass die Entscheidung des High 
Court zu Calcutta die Rechte der Zemindare, die der Regierung für Wald- 
und Fischereirecht ebenso gut Abgaben zahlen wie für ihre kultivierten 
Ländereien, verletzt habe. Es wurde deshalb das unter dem Namen „Private 
Fisheries Protection Act" bekannte Gesetz (Act II 1887 B. C.) erlassen. 

Es sei bemerkt, dass das Abtrennen einer Sache vom Boden mit nach- 
folgender Aneignung in Indien stets Diebstahl ist, während dieses in England 
nach gemeinem Recht (common law) nicht, sondern nur dort der Fall ist, wo 
die Strafbarkeit durch Gesetz (Statute) festgesetzt ist. Auch die zeitweilige 
Aneignung ist Diebstahl; der "Wert des Gegenstandes wird nur in soweit be- 
rücksichtigt, als der allgemeine Grundsatz: de minimis non curat lex An- 
wendung findet. Im Gegensatz zum englischen Recht betrachtet das indische 
Gesetz den an einer Person (ohne Gewalt oder Drohung) verübten Diebstahl 
nicht als schwerer als den an einer liegengebliebenen Sache vollführten. 

Bei der Unterschlagung (criminal misappropriation, wörtlich: strafbaren 
Eigentumsentziehung) ist in der Regel die Hinnahme des Gegenstandes nicht 
rechtswidrig, der Besitz wird vielmehr zu einem ungerechtfertigten (dishonest) 
erst infolge einer später eintretenden Willensäusserung (change of intention). 



') R. V. Ashwell, L. R. 16. Q. B. D. 190. 



252 Britisch-Ostindien. — II. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



Es giebt aber auch Fälle, in denen bereits die Aneignung ungesetzlich ist. 
Beispiel: B. geht hinter A., sieht, dass dieser einen Ring verliert, fasst sofort 
den Entsehluss, ihn für sich zu behalten und nimmt ihn auf. Hier liegt nicht 
Diebstahl vor, weil A. den Besitz des Ringes verloren hatte, sondern Unter- 
schlagung. 

Schwere Formen des Diebstahls sind: Diebstahl in einem Wohnhause 
(Art. 380), seitens eines Angestellten oder Dieners (Art. 381) und Diebstahl, 
bei welchem sich der Thäter darauf vorbereitet hat, einen Menschen zu töten 
oder körperlich zu verletzen (Art. 382). 

Raub (robbery), Erpressung (extortion), gemeinsamer Raub 
(dacoity). Erpressung ist: Herbeiführung der Einwilligung durch Gewalt. 
Die Verfasser des Gesetzes sagen: „Es giebt keinen Fall des Raubes, bei 
dem nicht auch der Thatbestand des Diebstahls oder der Erpressung vorliegt. 
In der Praxis wird jedoch die Frage, ob eine Ausführungshandlung des Raubes 
als Diebstahl oder als Erpressung anzusehen ist, zu mannigfachen Zweifeln 
Anlass geben. Z. B.: A. ergreift den Z., droht, ihn zu ermorden, wenn er 
nicht seine gesamte Habe herausgiebt und fängt an, ihm seine Schmuck- 
gegenstände zu entreissen. Z. bittet ersclireckt den A., er möge alles, was 
er bei sich habe, nehmen, aber sein Leben schonen, legt dann freiwillig seine 
Schmuckgegenstände ab und giebt sie dem A. Hier hat A. diejenigen Sachen, 
die er ohne Einwilligung des Z. genommen hat, mittels Diebstahls, diejenigen, 
die Z. ihm aus Furcht vor dem Tode gegeben hat, mittels einer Erpressung 
erhalten." 

„Dacoity" (gemeinsamer Raub) liegt vor, wenn fünf oder mehr Personen 
gemeinsam einen Raub oder einen Raubversuch begehen. Während das Delikt 
des „thuggre" neuerdings ausgerottet worden ist, kommt das „dacoity" noch 
sehr häufig vor und nimmt vor allem in Zeiten der Not nicht selten einen 
bedrohlichen Charakter an. Das Verbrechen wird mit lebenslänglicher Ver- 
bannung oder schwerem Gefängnis bis zu 10 Jahren bestraft. Der Gesetz- 
geber hat es für so verabscheuenswürdig erachtet, dass er blosse Vorbereitungs- 
handlungen dazu sowie die Abhaltung einer Versammlung zum Zwecke der 
Begehung unter Strafe gestellt hat (Artt. 399, 402). Artt. 400 und 401 be- 
drohen die Zugehörigkeit zu einer Räuber- oder Diebesbande mit Strafe. 
In diesem Zusammenhange sei das Gesetz XVIII von 1871 (The Criminal 
Tribes Act, abgeändert durch Gesetz VII von 1876) erwähnt. Dieses Gesetz 
ermächtigt den Generalstatthalter, auf Grund eines Berichts der Lokalregierung, 
dass ein Stamm, ein Verein, oder eine Klasse von Menschen gewohnheits- 
mässige „non-bailable offences" (d. h. Delikte, bei denen die Haftentlassung 
des Angeklagten gegen Sicherheitsleistung nicht zulässig ist) begeht, diesen 
Stamm u. s. w. für eine „verbrecherische Vereinigung" (criminal tribe) zu er- 
klären. Die Mitglieder werden in eine Liste aufgenommen, es wird ihnen ein 
bestimmter Wohnort angewiesen, wo sie Gelegenheit erhalten, sich ihren 
Lebensunterhalt zu erwerben und einer scharfen Aufsicht, Disziplin und Kon- 
trolle unterstehen. Das Gesetz ist dazu bestimmt, den Brandschatzungen durch 
die in Indien zahlreich vorhandenen erblichen Verbrecherkasten und -ziinfte 
ein Ende zu machen. 

Der strafbare Vertrauensbruch (criminal breach of tnist) wird in 
Indien mit Gefängnis bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe oder mit beiden Strafen 
belegt. Schwerere Formen dieses Delikts sind: Vertrauensbruch seitens eines 
Fuhrmannes oder Warenhausaufsehers (Art. 407), eines öffentlichen Beamten 
oder Bankiers u. s. w. (Art. 409). Bei dieser Gelegenheit sei der Vollständig- 
keit wegen das nach englischem Muster verfasste Gesetz betreffend das Amts- 
geheimnis (Official Secrets Act von 1889) erwähnt. 



b. Der besondere Teil. — § 18. Strafbare Handlungen gegen das Vermögen. 253 



Die Strafprozessordnung enthält zahlreiche Vorschriften, welche die mög- 
lichste Verhütung ungerechter Rechtsprechung auf Grund fehlerhafter juristischer 
Technik bezwecken. 

Der Angeklagte kann deshalb wegen einer That verurteilt werden, ob- 
wohl er wegen einer ganz anderen angeschuldigt worden war. Art. 236 be- 
sagt: „Wenn es zweifelhaft ist, unter welchen Deliktsbegriff eine That fällt, 
kann die Anklage alternativ auf Begehung des einen oder des anderen De- 
likts gestellt werden; z. B. kann jemand angeklagt werden, durch Vornahme 
einer näher bezeichneten Handlung sich des Diebstahls, oder der Hehlerei, 
oder der Unterschlagung oder des Betruges schuldig gemacht zu haben." 

An dieser Stelle mögen die auch für das materielle Recht wichtigen 
Artt. 109 und 110 der Strafprozessordnung besprochen werden. Nach Art. 109 
kann von Landstreichern und verdächtigen Personen, nach Art. 110 von ge- 
wohnheitsmässigen Räubern, Hausfriedensbrechem , Dieben, Hehlern und Er- 
pressern Sicherheitsleistung verlangt werden. In Ermangelung einer solchen 
kann ein Einzelrichter (magistrate) Gefängnis bis zu einem Jahre, ein „Session 
Court" Gefängnis bis zu 3 Jahren verhängen. 

Betrug (cheating). In Indien braucht die falsche Vorspiegelung sich 
nicht wie in England auf eine gegenwärtige oder vergangene Thatsache zu 
beziehen; sie kann auch in der Erweckung einer irrigen Ansicht über die 
zukünftige Handlungsweise des Versprechenden bestehen. Das Beispiel f 
zu Art. 415 lautet folgendermassen: „A. versetzt Z. vorsätzlich in den Glauben, 
er (A.) habe die Absicht, Geld, das Z. ihm leihen würde, zurückzugeben, und 
veranlasst dadurch Z., ihm Geld zu leihen, wobei er jedoch von vorneherein 
die Absicht hat, es nicht zurückzuzahlen. A. macht sich des Betruges schuldig". 

Auch die Abgabe eines Heiratsversprechens mit der Absicht, es später 
nicht zu halten, bildet, wenn dadurch irgendein Verlust oder Nachteil ent- 
standen ist, einen Fall des Betruges. In Indien werden Heiraten vielfach 
durch eine besondere Kaste von Mäklern und Unterhändlern vermittelt, die 
dann nicht selten die Zugehörigkeit eines Mädchens zu einer Kaste behaupten, 
der es in Wirklichkeit nicht angehört.^) 

Das Vergehen des Betruges wird, gerade wie die Erpressung, durch un- 
rechtmässige Erlangung einer Einwilligung begangen. Der Unterschied liegt 
in dem angewendeten Mittel: Einschüchterung bei der Erpressung, Täuschung 
bei dem Betrüge. Die Verfasser des Gesetzes sagen: „Unter die von uns 
aufgestellte Begriffsbestimmung fallen ohne Zweifel zahlreiche Handlungen, 
die nach englischem und französischem Recht straflos sind. So ist z. B. unserer 
Ansicht nach wegen Betruges zu bestrafen: wer durch falsche Vorspiegelungen 
sich ein Darlehn verschafft, dessen Rückzahlung er nicht beabsichtigt; wer 
durch falsche Vorspiegelungen sich einen Vermögensvorteil erwirkt, ohne die 
Absicht zu haben, den Dienst, dessen Leistung oder die Sache, deren Lieferung 
er als Entgelt versprochen hatte, zu leisten bezw. zu liefern; wer durch das 
falsche Vorgeben, eine Handlung, zu deren Vornahme er angestellt war, aus- 
geführt zu haben , sich einen Vermögensvorteil verschafft , auf welchen er 
keinen Rechtsanspruch hatte. Wir vermögen nicht einzusehen, weshalb diese 
Thatbestände nur als civiles Unrecht gelten und der blossen Nichtzahlung 
einer Geldschuld oder der Nichterfüllung einer vertragsmässigen Verpflichtung 
gleichgestellt werden sollen. Sie sind durch vorsätzlich unredliches Verhalten 
bewirkte Rechtsverletzungen." 



*) Ein Angeklagter, der den Kläger durch Vorspiegelung der Thatsache, ein 
Mädchen sei Brahmanin, während sie zu einer niedrigeren Kaste gehörte, veranlasst 
hatte, auf einen Vermögens vorteil zu verzichten (to part with money) und es zu 
heiraten, wurde wegen Betruges verurteüt. Weekly Reporter V, 1898. 



254 Britlsch-Ostindien. — II. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



Täuschung — Vorspiegelung falscher Thatsachen. Nach eng- 
lischem Recht fallen unwahre Anpreisungen oder Herabsetzungen von Waren, 
wie sie unter Verkäufern und Käufern üblich sind, nicht unter den Begriff 
der Vorspiegelung falscher Thatsachen (false pretence), wenn nicht eine be- 
stimmte falsche Behauptung in Beziehung auf eine ganz konkrete Thatsache 
vorliegt. ^J Hierzu bemerken die Verfasser des Strafgesetzbuches: „Die von 
den französischen Gerichten beliebten Unterscheidungen halten wir für sehr 
bedenklich. Es ist erkannt worden, dass die Beschädigung durch unwahre 
Versprechungen oder durch Erregung falscher Hoffnungen nur dann escroquerie 
ist, wenn der Geschädigte gewichtige Anhaltspunkte für die Annahme hatte, 
dass die Versprechungen ehrlich gemeint oder die Hoffnungen wohlbegründet 
seien. Diese Entscheidung bildet unseres Erachtens einen zu Gunsten der 
List und des Unrechts gegen die einfältige Redlichkeit ausgestellten Freibrief. 
Ein schwacher und leichtgläubiger Mensch ist leichter zu hintergehen als ein 
umsichtiger und erfahrener . . . Der Betrüger richtet seine Vorspiegelungen 
nach dem geistigen Horizont der Leute ein, mit denen er zu thun hat, gerade 
wie der Giftmörder auf die Körperbeschaffenheit seines Opfers Rücksicht 
nimmt. Wir vermögen ebenso keinen Grund zu finden, weshalb ein Betrüger 
straflos sein soll, weil er sein Ziel mit einer Vorspiegelung erreicht , die so 
durchsichtig und ungeschickt war, dass sie nur auf einen unerfahrenen 
Menschen Eindruck machen konnte, wie es doch auch unbillig sein würde, 
einen Giftmörder deshalb nicht zur Verantwortung zu ziehen, weil er den 
Tod seines jugendlichen Opfers mit einer geringen Quantität Opium herbei- 
führte, die auf die Gesundheit eines Erwachsenen ohne Einfluss gewesen sein 
würde, zur Tötung eines Kindes aber hinreichte." 

Artt. 421 — 424 behandeln betrügerische Handlungen und Verfügungen 
über Vermögensbestandteile in der Absicht, die Gläubiger u. s. w. zu benach- 
teiligen. Derartige Handlungen können aus zwei verschiedenen Gesichts- 
punkten strafbar erscheinen: 1. als Vergehen gegen die Rechtspflege, weil 
vorgenommen, um den gesetzlich vorgeschriebenen Lauf des Verfahrens zu 
ändern; 2. als Vergehen gegen das Privateigentum, nämUch gegen die zu- 
künftigen Eigentumsrechte der Gläubiger. Das Gesetz behandelt sie nach 
beiden Richtungen und enthält daher zahlreiche Wiederholungen und Pleo- 
nasmen. *) 

Beschädigung (mischief; Artt. 425 — 440). „^er in der Absicht oder in 
der Voraussicht, dem Publikum oder einer Privatperson einen rechtswidrigen 
Verlust oder Schaden zuzufügen, ein Vermögensstück beschädigt oder in seiner 
Lage oder Beschaffenheit so verändert, dass sein Wert oder Nutzen auf- 
gehoben oder vermindert wird oder eine rechtswidrige Veränderung des- 
selben eintritt, macht sich einer Beschädigung schuldig.'' 

Die einfache Beschädigung wird mit Gefängnis bis zu 3 Monaten, die 
schwereren Fälle werden mit Gefängnis von 2 — 10 Jahren bestraft. Bei der 
Strafzumessung kommen in Betracht: 1. die Höhe des Schadens; 2. die Art 
des beschädigten Gegenstandes (landwirtschaftliche Erzeugnisse, Vieh, öffent- 
liche Strassen oder Brücken); 3. die angewendeten Mittel (z. B. Feuer, Spreng- 
stoffe u. s. w.) als Massstab für die Intensität des verbrecherischen Willens; 
4. die Natur der mittelbaren Folgen der Beschädigung; z. B. Vernichtung 
des Wasservorrats eines Schiffers, Irreführung des Schiffers durch Wegnahme 
von Bojen, Herbeiführung eines Zusammenstosses von Schiffen, Herbeiführung 
einer Überschwemmung, Zei^störung einer öffentlichen Entwässerungsanlage. 

M Stephens Digest. Art. 330. 

-) Vgl. Art. 421—424 mit den analogen Bestimmungen der Art. 206 — 210, welche 
letztere im Abschnitt „Vergehen gegen die Rechtspflege^ stehen. 



b. Der besondere Teil. — § 19. Urkundenfälschung u. s. w. 255 



Strafbares Betreten eines fremden Grundstücks. „Criminal 
trespass" ist das Betreten des im Besitze eines anderen befindlichen Grund- 
stücks in der Absicht, eine strafbare Handlung, Einschüchterung, Beleidigung 
oder Besitzstörung zu begehen, sowie das unbefugte Verweilen zu einem dieser 
Zwecke auf einem fremden Grundstücke, welches man befugterweise betreten 
hatte (Art. 441). Diese Bestimmung geht weiter als das englische Recht, nach 
welchem selbst derjenige, der in Beleidigungs- oder Störungsabsicht ein fremdes 
Grundstück betritt, nicht wegen dieses Betretens selbst, sondern, wenn über- 
haupt, so nur wegen Verursachung eines Friedensbruches (breach of peace) 
bestraft werden kann, selbst wenn Hausfriedensbruch (house trespass) vorliegt. 

„Das strafbare Betreten eines fremden Grundstücks^^ sagen die Aus- 
arbeiter des Gesetzes, „kann besonders strafbar sein: 1. wegen der Art, 
2. wegen des Zweckes der Begehung Schwere Formen des Haus- 
friedensbruches liegen vor, wenn er mit Überrumpelung oder mit besonderer 
Heftigkeit begangen wird. Den ersteren bezeichnen wir als lurking house- 
trespass (hinterlistiges Betreten des Hauses), letzteren als house-breaking (Ein- 
bruch)." Beide werden wieder mit noch höherer Strafe belegt, wenn sie zur 
Nachtzeit begangen sind. „Criminal trespass" wird mit Gefängnis bis zu 3 Mo- 
naten, „house trespass" mit solchem bis zu 1 Jahre, „house-breaking", begangen 
zur Nachtzeit in der Absicht zu stehlen, mit Gefängnis bis zu 14 Jahren be- 
straft. Nach englischem Recht muss bei „house-breaking" die Absicht auf 
Begehung einer „felony" gerichtet sein, in Indien genügt der Vorsatz, irgend- 
ein Delikt zu verüben. 



13. § 19. Strafbare Handlungen in Beziehung auf Urkunden, Handels- 
marken und Eigentumszeichen. 

(Offences relating to documents and to trade or property marks. Kap. XVIII 

Artt. 463—489.) 

Urkundenfälschung (forgery) setzt nach indischem Recht unredliche 
(dishonest) oder betrügerische (fraudulent) Absicht voraus. So ist z. B. er- 
kannt worden^), dass die Fälschung einer Urkunde, um eine frühere, nicht 
den Thatbestand des Betruges bildende Unterlassung zu verdecken, keine 
Urkundenfälschung ist. Unzweifelhaft liegt hier eine Un Vollständigkeit des 
indischen Strafgesetzbuchs vor. Eine ähnliche Lücke war auch im englischen 
Kecht vorhanden, wurde aber durch ein i. J. 1875 unter der Bezeichnung 
„Sir John Lubbock's Act" erlassenes Gesetz ausgefüllt. Nach einer Entschei- 
dung des französischen Kassationshofes vom 24. Dezember 1863 liegt Ur- 
kundenfälschung vor, wenn jemand unter dem Namen eines anderen die 
Zulassung zu einer Prüfung nachsucht und denselben Namen in die Examens- 
papiere und Register einträgt, um die Übereinstimmung der Namen herzu- 
stellen. Dagegen hat der High Court zu Calcutta erkannt, dass in diesem 
Falle keine „forgery" vorliegt. Der High Court zu Allahabad*) hat entschieden, 
dass ein Angeklagter, der an Stelle der von ihm verlorenen echten Zinsscheine 
gefälschte benutzt hatte, der Urkundenfälschung nicht schuldig sei, da der 
Gebrauch der falschen Urkunden weder unredlich noch betrügerisch ge- 
wesen sei. 



^) Indian Law Report» 4 (Bombay) 657. — Ebenso, wenn Berichte oder Handels- 
bücher gefälscht sind, um eine Nachlässigkeit oder gar einen strafbaren Vertrauens- 
bnich zu verdecken, ebendaselbst 5 (Allahabad) 553; 5 (Calcutta) 221. 

*) Indian Law Reports 7 (Allahabad) 459. 



256 Britisch-Ostindien. — IT. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



Dass die Möglichkeit eines Irilnims ausgeschlossen war, ist unerheblich; 
auch die ungeschickteste Fälschung ist strafbar, vorausgesetzt, dass sämtliche 
Thatbestandsmerkmale vorliegen. 

Die Urkundenfälschung wird mit Gefängnis bis zu 2 Jahren, und wenn 
sie an einem gerichtlichen Protokoll oder einer öffentlichen Urkunde begangen 
ist (Art. 466), mit solchem bis zu 7 Jahren, Fälschung von Wertpapieren oder 
letztwilligen Verfügungen und ähnlichen Dokumenten (Art. 467) mit höchstens 
zehnjährigem Gefängnis bestraft. Ist von einer falschen Urkunde vor Gericht 
Gebrauch gemacht, so tritt die Strafverfolgung nur mit Genehmigung dieses 
oder eines ihm vorgesetzten Gerichts ein (Art. 195 Strafprozessordnung). 

Handelsmarken und Eigentumszeichen (trade and property marks). 
Die hierauf bezüglichen Bestimmungen des Strafgesetzbuches sind erweitert 
und ergänzt durch das „Merchandise Marks Act" von 1889, das sich an das 
entsprechende englische Gesetz völlig anschliesst. 

14. § 20. Strafbarer Bruch des Dienstvertrages. 

(Criminal breach of contracts of Service. Kap. XIX Artt. 490 — 492.) 

In diesem Kapitel werden drei Arten des Vertragsbruches unter Strafe 
gestellt: der Bruch des Versprechens persönlicher Dienstleistung während einer 
Land- oder Seereise; der Bruch des Versprechens, eine hülflose Person zu 
bedienen und für sie zu sorgen; der Bruch des Versprechens, an einem anderen 
Orte (innerhalb Britisch-Indiens), wohin der Bedienstete auf Kosten des Dienst- 
herrn geschafft wird, Dienste zu leisten. Im letzteren Falle muss der Vertrag 
schriftlich abgeschlossen sein. 

Von den Beispielen zu Art. 490 behandelt eines den Fall, dass ein Sessel- 
träger in der Mitte der Reise davonläuft. Die Gesetzgebungskommission be- 
merkt dazu: „Reisende aus den oberen Klassen und vor allem Damen mit 
kleineren Kindern, die vielleicht nicht einmal die Landessprache beherrschen, 
sind häufig gezwungen, meilenweite Reisen durch unbewohnte Landstriche 
und Dschungeln, in denen auch der kürzeste Aufenthalt gefährlich ist, in der 
Weise zurückzulegen, dass sie sich von Leuten aus den untersten Volks- 
schichten in Sesseln tragen lassen. Nun giebt es wohl kaum eine verzweifeltere 
Lage, als die des Reisenden, dessen Träger plötzlich inmitten der Wildnis den 
Sessel niedersetzt und davonläuft — eine Handlungsweise, wie sie nicht selten 
vorkommt. Nur eine sehr grosse Entschädigungssumme würde als annähernd 
ausreichender Ersatz für das erlittene Unrecht angesehen werden können; zur 
Aufbringung einer solchen sind aber die Volksklassen, von denen die That 
gewöhnlich verübt wird, nur in den seltensten Fällen imstande. Ihre ganze 
Habe würde voraussichtlich kaum hinreichen, um die Kosten eines gegen sie 
angestrengten Civilprozesses zu decken." Auch in Russland hat sich die Not- 
wendigkeit herausgestellt, die Reisenden in dieser Beziehung zu schützen, und 
das russische Strafgesetzbuch (Artt. 151 7 ff.) bedroht nicht nur gewerbsmässige 
Führer, welche die Reisenden verlassen, sondern auch Privatpersonen, die sich 
von ihren Reisegefährten unter Umständen entfernen, in welchen die Trennung 
für letztere gefährlich werden kann, mit schweren Strafen. 

Die meisten Juristen stimmen darin überein, dass eine strafrechtüche 
Verfolgung wegen Kontraktbruches für gewöhnlich nicht eintreten darf, so- 
lange 1. ein Schaden für das Publikum oder die Gesellschaft nicht entstanden 
und 2. voller Ersatz zu erlangen ist. Wo besondere Gründe dafür vorliegen, 
neben der civilrechtlichen auch eine strafrechtliche Sühne eintreten zu lassen, 
bilden diese Fälle eine Ausnahme. Als einst in Bengalen und Bihar eine be- 
deutende Arbeitseinstellung der Indigo -Arbeiter erfolgte, verlangten die Plan- 



b. Der besondere Teil. — § 21. Strafbare Handlungen in Bez. auf die Ehe. 257 



tagenbesitzer die Bestrafung der Aufrührerischen, weil diese nicht imstande 
waren, Schadensersatz zu leisten. 

Zur Verhütung einer bedeutenden Schädigung des Gemeinwohls dienen 
Bestimmungen in den indischen „Municipal Acts"^), dass ein festangestellter 
Strassenkehrer, der sich weigert, seinen Verpflichtungen nachzukommen, ohne 
einen Monat vorher gekündigt zu haben, mit höchstens einmonatigem Ge- 
fängnis und Geldstrafe belegt wird. Die Notwendigkeit einer derartigen Mass- 
regel wird klar, wenn man bedenkt, dass die Thätigkeit des Strassenkehrens 
in Indien nur von einer einzigen Kaste ausgeübt wird und die Stadtverwal- 
tungen häufig gezwungen sind, Mitglieder derselben mit erheblichen Kosten 
aus anderen Bezirken kommen zu lassen. Die Leute können selbstverständlich 
keinerlei Entschädigung zahlen, während eine gemeinsame Arbeitseinstellung 
ihrerseits eine schwere Gefahr für die Stadt bedeuten und gerade einen 
typischen Fall der Schädigung des öffentlichen Wohls durch Vertragsbruch 
bilden würde, der strafrechtliche Ahndung erheischt. Aus demselben Grunde 
ist in England die Nichterfüllung der Gas- und Wasserlieferungsverträge unter 
Strafe gestellt. Andererseits ist in Indien durch Gesetz V von 1861 (Indian 
Police Act) die ohne Erlaubnis oder ohne 2 Monate vorher erfolgte schriftliche 
Kündigung geschehene Verweigerung der Dienstleistung seitens eines Kon- 
stablers mit Gefängnis auf die Dauer von 2 Monaten bedroht. Diese Handlungs- 
weise trägt den doppelten Charakter der Verletzung einer gesetzlichen Ver- 
pflichtung und der Nichterfüllung eines Dienstvertrages. 

Der Vollständigkeit wegen verweise ich noch auf das Gesetz XIII von 
1859, nach welchem Künstler, Handwerker und Arbeiter, die für eine zu 
liefernde Arbeit im voraus Bezahlung erhalten haben und dann „vorsätzlich 
und ohne rechtlichen oder vernünftigen Entschuldigungsgrund" die Liefening 
verweigern, bestraft werden können. Der Charakter der Strafbarkeit wird 
der Handlungsweise dadurch aufgeprägt, däss sie „wilfully" und ohne „lawful 
or reasonable excuse" erfolgt. In Indien gilt die Zurückbehaltung von Geld 
in solchen Fällen nicht für moralisch so verwerflich wie in Europa, und es 
empfiehlt sich daher das Gewissen der Bevölkerung durch eine Strafandrohung 
zu verschärfen. 

Nach Art. 492 muss zur Begründung der Strafbarkeit der Ort, an welchem 
der Vertrag zu erfüllen ist, in Britisch-Indien liegen. Ein Auswanderer, der 
sich nach auswärts verpflichtet hat und seine Verbindlichkeiten nicht erfüllt, 
fällt daher wohl unter die Vorschriften dieses Artikels, wenn sein Bestimmungs- 
ort in Assam oder Katschar liegt, nicht aber wenn er Demerara, Trinidad 
oder Mauritius war. 

15. § 21. Strafbare Handlungen in Beziehung auf die Ehe. 

(Offences relating to marriage. Kap. XX Artt. 493 — 498.) 

Ausser Ehebruch und Bigamie werden in diesem Kapitel behandelt: Ver- 
führung, Wegnahme oder Vorenthaltung einer verheirateten Frau in rechts- 
widriger Absicht , Erschleichung des Beischlafs durch Erweckung des Irrtums, 
dass der Thäter mit der Frauensperson in rechtmässiger Ehe lebe, die Ver- 
anstaltung einer Trauung in betrügerischer Absicht, ohne dass eine rechtmässige 
Ehe vorliegt. 

Ehebruch (adulteiy, Art. 497) ist nur bei dem Manne, nicht auch bei 
der Frau strafbar. Die Verfasser des Gesetzes begründen die Straflosigkeit 



^) D. h. die Gesetze über die Verwaltung der mit geordneter Obrigkeit (constituted 
municipalities) versehenen Städte. 

Straf gesetzgebttng der Gegenwart, n. I'J 



258 Britisch-Ostindien. — 11. Das Strafgesetzbach Ton 1860. 



der Untreue der Ehefrau folgendermassen: „Es würde uns aufs äusserste 
widerstreben, die Verletzung der ehelichen Treue durch die Frau unter 
Strafe zu stellen, wo das Gesetz dem Manne erlaubt, sein Haus mit 
Frauen zu fällen. Wir sind keineswegs phantastische Schwärmer, die daran 
denken könnten, ein in der indischen Bevölkerung so tief eingewurzeltes Übel 
wie die Vielweiberei ausrotten zu wollen. Wir überlassen dieses der lang- 
samen, aber, wie wir hoffen, sicheren Einwirkung der Erziehung und der 
Zeit." Diese beiden Faktoren haben allerdings zum Teil inzwischen ihre 
Schuldigkeit gethan und die Hindus sind jetzt im grossen und ganzen Mono- 
gamisten. Selbst unter Mohammedanern besteht eine lebhafte Abneigimg, ohne 
besonderen Grund (z. B. Unfruchtbarkeit der ersten Gattin) eine zweite Frau 
zu nehmen. Die Verletzung der ehelichen Treue durch die Frau bildet in 
Indien nicht nur häufig die Veranlassung zur Begehung von strafbaren Hand- 
lungen (bei Ermordungen heisst es fast immer „cherchez la femme"), sondern 
auch eine ergiebige QueUe für Intriguen, Rechtshändel und falsche Anschul- 
digungen: Viele sind der Ansicht, man könne diesen Übeln durch Straf- 
androhungen gegen die ehebrecherische Frau steuern. Montesquieu^) sagt an 
einer Stelle, wo er von orientalischen Ländern spricht: „Es giebt Länder- 
striche, in denen die natürlichen Triebe mit solch elementarer Gewalt auf- 
treten, dass die Sittlichkeit ihnen gegenüber machtlos ist. Wird ein Mann mit 
einer Frau allein gelassen, so folgt der Versuchung der Fall auf dem Fusse; 
jeder Angriff ist seines Erfolges gewiss, Widerstand ist nicht zu überwinden. 
Hier helfen keine Gebote, hier wirken nur Schlösser und Riegel." Aber die 
Gesetzgebung, wie sie jetzt ist, giebt nur ein böses Beispiel, indem sie die 
Frau wie ein vemunftloses Stück Vieh behandelt. Die Ausdehnung der Straf- 
androhung des Art. 497 auf die hindostanischen und mohanmiedanischen Ehe- 
frauen würde sehr wahrscheinlich eine Erhöhung ihrer Selbstachtung und da- 
mit ihrer Sittlichkeit zur Folge haben und für die Zukunft die Anwendung 
von Schloss und Riegel überflüssig machen. Hierbei sei bemerkt, dass aller- 
dings die Möglichkeit falscher Anschuldigungen gegen Frauen, wie sie in Rom 
vorkamen, nicht ausgeschlossen ist; der Vorschlag geht ja aber auch nur dahin, 
die Ehefrauen, nicht jede Person weiblichen Geschlechts für straffällig zu er- 
klären. In Rom waren öffentliche Anklagen an der Tagesordnung, während 
heute in den meisten Kulturländern die Einleitung des Strafverfahrens nur auf 
Antrag des Ehemannes erfolgt.*) Montesquieu') erwähnt die Lex Julia, nach 
welcher die Anklage wegen Ehebruchs gegen eine Ehefrau erst erhoben werden 
konnte, nachdem gegen den Ehemann ein Verfahren wegen Begünstigung des 
unsittlichen Lebenswandels seiner Frau anhängig gemacht war, und bemerkt, 
dass hierdurch die Verurteilungen wegen Ehebruchs wesentlich eingeschränkt, 
ja nahezu unterdrückt worden seien. Einer der Zwecke der Lex Julia war, 
die Einwilligung des Ehemannes zu dem ehebrecherischen Lebenswandel der 
Frau und die Begünstigung desselben, um aus dem geltenden Strafgesetz 
Kapital zu schlagen, zu verhindern. Und diese Gefahr liegt allerdings sehr 
nahe. Auch in Indien würde zu befürchten sein, dass der Ehebruch der Frau, 
wenn er strafbar wäre, zum Gelderwerb benutzt werden würde. Meistens 
gehen die Strafanträge von Ehemännern aus den unteren Volksklassen aus, 



*) Esprit des lois Buch XVI S. 8. 

') Nach Art. 199 der Strafprozessordnung darf sich das Gericht mit einer nach 
Art. 497 oder 498 des Strafgesetzbuches strafbaren Handlung nur befassen auf Antrag 
des Ehemannes, oder wenn dieser abwesend ist, desjenigen, dem zur Zeit der Begehung 
der That die Versorgung der Frau oblag. 

») Esprit des lois VII 11. 



b. Der besondere Teil. — % 21. Strafbare Handlangen in Bez. auf die Ehe. 259 



denn die oberen Schichten der Gesellschaft scheuen sich, derartige unliebsame 
Vorkommnisse vor den Richter zu bringen. Überdies gemessen die Frauen 
der unteren dtilnde mehr Freiheit bei schlechterer Erziehung. Im Jahre 1886 
wurden in der Provinz Bengalen 4050 StrafantrAge wegen Ehebruchs gestellt, 
aber nur ia 244 Fallen erfolgte eine Verurteilung. Oft ist es schwierig, den 
Nachweis des Bestehens einer Ehe zu führen, und in vielen Fällen erfolgt 
Zurücknahme der Klage oder Vergleich der Parteien gegen Zahlung einer 
Geldsumme. Der erste von der Konmiission ausgearbeitete Strafgesetzentwurf 
behandelte den Ehebruch überhaupt nicht als Delikt. Die Verfasser hielten 
es vielmehr für zweckmässiger, ihn lediglich als civiles Unrecht (civil injury) 
aufzufassen. Sie gingen davon aus, dass ein den höheren Ständen angehö- 
riger Eingeborener nur selten im Falle eines Ehebruchs sich an die Gerichte 
wenden würde, dass diejenigen, welche eine Anzeige erstatten würden, Leute 
aus den niederen Klassen ohne hochentwickeltes Zartgefühl sein würden, die 
in der Frau vor allem den Nutzen schätzen, den sie für ihren bescheidenen 
Haushalt habe, und in dem Ehebruch weniger die Verletzung ihrer Liebe 
und die Befleckung ihrer Hausehre, als den Verlust einer schwer zu ersetzenden 
Arbeitskraft beklagen und vor allem ihre Frau wieder für sich haben wollen. 
Thatsächlich lag die Fiktion „per quod servitium amisit", mittels welcher bei 
den englischen Gerichten die Verführung zu einer strafbaren Handlung ge- 
stempelt wird, auch den meisten in MofussU verhandelten Ehebruchsprozessen 
zu Grunde. Ein Mann, dessen Ehi^efühl durch die Untreue seiner Frau 
schmerzlich verletzt Ist, wird schwerlich jemals die Hülfe des Gerichts in An- 
spruch nehmen; derjenige aber, dessen Zartgefühl weniger entwickelt ist, be- 
gnügt sich mit einer Geldentschädigung; aus diesen Gründen empfehle es sich, 
dem Ehebruch lediglich den Charakter eines civilen Unrechts beizulegen. Die 
spätere Chronik der indischen Polizeigerichte zeigt nun allerdings, dass die 
Konmiissionsmitglieder doch wohl im Irrtum befangen waren, wenn sie glaubten, 
die Ehemänner aus den unteren Volksklassen hätten für die ihnen zugefügte 
Schande nur selten Verständnis. Wahrscheinlich hat die indische Gesetzgebung 
das Richtige getroffen, indem sie den Ehebruch des Mannes mit Strafe be- 
drohte. Die Eifersucht der Orientalen hat ihren Grund nicht nur in der 
Liebe, sondern auch in Sitten, Gewohnheiten, gesellschaftlichen Regeln, ja 
sogar in religiösen Vorschriften. Eine derartige Leidenschaft kann unter 
Umständen kalt sein und mit Gleichgültigkeit und Verachtung Hand in Hand 
gehen, oft genug aber ist sie fürchterlich und dürstet nach Rache. 

Die Gesetzgebung hat sich genötigt gesehen, in dem von stolzen und 
kriegerischen Stämmen bewohnten Grenzbezirk von Punjab den Ehebruch 
der Frau ebenfalls strafrechtlich zu ahnden, i) Hierin liegt eine Ausnahme 
von der im allgemeinen wohl den Anschauungen der Eingeborenen ent- 
sprechenden Regel. Nach dem Gesetze Manus wurde die ehebrecherische Frau 
auf öffentlichem Platze von Hunden zerfleischt, der Ehebrecher aber in rot- 
glühend gemachtem eisernen Bette langsam verbrannt. 

Beweis des Bestehens einer Ehe. — Da die Grundsätze über Ehe- 
schliessung bei einzelnen Kasten sehr lax sind, so verlangen die Gerichte bei 
Anklagen wegen Ehebruchs den vollen Nachweis, dass zwischen den in Frage 
kommenden Personen eii^e gtLltige Ehe besteht.^) Die Richter des High Court 



*) Regulation I von 1872 Art. 8, wiederholt und ausdrücklich als weiter geltend 
bezeichnet in dem Punjab Crimes Regulation IV von 1887 Art. 32. Vgl. auch Sindh 
Frontier Regulation von 1872. 

') Nach Art. 50 des Indian Evidence Act muss das Bestehen einer Ehe in allen 
Fällen, wo dieses zum Thatbestande des Delikts gehört, voll bewiesen werden. 

17* 



260 Britisch-Ostindien. — 11. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



zu Calcutta äussern sich hierüber folgendermassen: „Bei der überwiegenden 
Mehrzahl der indischen Bevölkerung findet die Eheschliessung derartig öffent- 
lich und mit so vielen Feierlichkeiten statt, dass ihr Beweis nicht schwer zu 
erbringen ist. Wenn andererseits in einzelnen Klassen die Verhältnisse anders 
liegen und die Begriffe von der Bedeutung der Ehe und der Befolgung der 
Formen so lax sind, dass sie die Rechtsbeständigkeit vieler Ehen zweifelhaft 
machen, so liegt hierin unseres Erachtens ein weiterer Grund, zu verlangen, 
dass in jedem einzelnen Falle dem Richter die zur Gültigkeit der Ehe erfor- 
derlichen Thatsachen als vorhanden nachgewiesen werden, damit dieser in 
jedem seiner Abiirteilung unterliegenden Falle über Bestehen oder Nicht- 
bestehen der Ehe entscheiden kann." Indian Law Reports V Calcutta S. 566; 
vgl. auch Weekly Review IV Kap. 31. 

Bigamie. — Der von der Doppelehe handelnde Art 494 findet auf 
Hindus und Mohamedaner weiblichen, sowie auf Christen und Sektierer beiderlei 
Geschlechts Anwendung, nicht aber auf hindostanische und mohamedanische 
Männer, da diesen gestattet ist, mehrere Frauen zu haben. Die englischen 
Bestimmungen über Bigamie wollen anscheinend die Profanierung einer gottes- 
dienstlichen Handlung verhindern; wenigstens machen sie keinen Unterschied 
zwischen dem Abschluss einer zweiten Ehe, durch welchen jemand bitteres 
Leid zugefügt wird, und demjenigen, der keinerlei Kränkung zur Folge hat 
Das indische Strafgesetzbuch befolgt ein anderes Prinzip. Die Verfasser sagen: 
„Wenn wir auch zugeben, dass die Entweihung einer für die menschliche 
Gesellschaft so wichtigen Handlung wie der Eheschliessung an und für sich 
ein Unrecht ist, so glauben wir doch, dass die Strafwürdigkeit dieser Hand- 
lung eine bedeutend grössere ist, wenn sie benutzt wird, um ein unschuldiges 
Mädchen in der niederträchtigsten Weise zu hintergehen. Wir empfehlen 
daher die strengste Bestrafung desjenigen, der eine Frauensperson dadurch 
zur Gestattung des Beischlafs verleitet, dass er in ihr den Irrtum erweckt, 
sie sei seine rechtmässige Ehefrau, während er weiss, dass sie es nicht ist." 
Sowohl in England wie in Indien findet die Strafandrohung keine Anwendung 
auf solche Personen, deren Ehegatten seit sieben Jahren abwesend sind, ohne 
dass innerhalb dieser Zeit Kunde von ihrem Leben eingetroffen ist 

Gerichtliche Entscheidungen über die besonderen Gewohn- 
heiten einzelner Kasten. — Der High Court zu Bombay*) hat es ab- 
gelehnt, das Gewohnheitsrecht einer Kaste anzuerkennen, nach welchem eine 
Frau ihren Mann verlassen und eine neue Ehe eingehen darf. In einem 
Falle, in dem das Schiedsgericht (Pantschayad) der Kaste die Elingehung einer 
zweiten Ehe durch eine Frau, deren Mann noch am Leben, aber vom Aussatz 
befallen war, genehmigt hatte, wurde erkannt, dass dieser Umstand die Er- 
hebung der Anklage nicht hindere, obwohl feststand, dass beide Teile die 
zweite Ehe in gutem Glauben für gesetzlich zulässig gehalten hatten.*) In 
einem zu Madras entschiedenen ähnlich liegenden Falle hat sich das Gericht 
auf die Bemerkung beschränkt, dass das Bestehen der behaupteten Gewohn- 
heit nicht bewiesen sei. Der High Court zu Calcutta hob ein verurteilendes 
Erkenntnis auf, in welchem ausgeführt war, dass derartige Eheschliessungen 
in der Kaste der Strassenkehrer , welcher der Angeklagte angehörte, üblich 
seien. '^j Ein Engländer, der Mohammedaner wird, dann sich von seiner 
englischen Ehefrau nach den Bestimmungen des mohammedanischen Rechts 
scheidet und mit einer mohammedanischen Frau nach mohammedanischem 



'} 2 Bombay H. C. 124; 7 Bombav H. C. A. C. 133. 
») R. v. Sambhu ; 1 Bombay 347. ' 
*) 7 C. L. R. dTA. 



b. Der besondere Teil. — § 22. Verleumdung. 261 



Ritus eine neue Ehe schliesst, dürfte sich nach Art. 494 strafbar machen, 
da die Verpflichtung zur Monogamie Bestandteil der Statusrechte eines jeden 
Engländers bildet, die auch durch einen Religionswechsel keine Veränderung 
erleiden.^) Das Gesetz XXI von 1866 behandelt die Fälle, in denen ein 
Eingeborener die hindostanische Religion aufgiebt, während seine Ehefrau 
Heidin bleibt, und verbietet mit Rücksicht auf den Religionswechsel die 
weitere Vollziehung des Beischlaf s. 2) 

Die Wiederverheiratung von Hinduwitwen wurde durch Gesetz XV von 
1856 gestattet; ist jedoch die Witwe, welche sich wieder verheiratet, noch 
minderjährig, so ist Genehmigung des Vaters oder nächsten männlichen Ver- 
wandten erforderlich; wer eine solche Person verleitet, sich ohne diese Ein- 
willigung wieder zu verheiraten, wird mit einjährigem Gefängnis bestraft. 

16. § 22. Verleumdung. 

(Defamation. Kap. XXI Artt. 499—502.) 

Das Gesetz bestimmt zunächst den Begriff der Verleumdung; Worte und 
Handlungen, auf welche die Definition zutrifft, sind strafbar, wenn nicht der 
Angeschuldigte nachweist, dass einer der zehn gesetzlichen Fälle der Straf- 
losigkeit vorliegt. Die Begriffsbestimmung lautet: „Wer durch gesprochene 
oder geschriebene und zum Lesen bestimmte Worte bezüglich einer Person, 
oder durch Zeichnungen oder sichtbare Darstellungen eine Behauptung auf- 
stellt oder verbreitet, um das Ansehen dieser Person zu verletzen, oder mit 
dem Bewusstsein oder der Annahme, dass eine solche Veletzung eintreten wird, 
macht sich, abgesehen von den im Gesetze ausdrücklich ausgenommenen Fällen, 
der Verleumdung schuldig." Die vierte der dieser Definition beigegebenen 
Erläuterungen (explanations) besagt, dass eine Behauptung nur dann als den 
Ruf einer anderen Person beeinträchtigend angesehen wird, wenn sie unmittel- 
bar oder mittelbar ihr moralisches oder intellektuelles Ansehen oder das 
Ansehen, welches sie in Beziehung auf ihre Kaste oder ihren Beruf geniesst, 
in der Achtung anderer herabsetzt, oder ihren Kredit schädigt oder den 
Glauben erweckt, ihr Körper befinde sich in einem ekelhaften oder allgemein 
als schimpflich geltenden Zustande. 

Die bereits erwähnten zehn Ausnahmen schützen: 1. die Behauptung 
wahrer Thatsachen, deren Bekanntwerden im öffentlichen Interesse liegt; 2. die 
an einem öffentlichen Beamten in Beziehung auf seine öffentliche Wirksamkeit 
(public conduct) geübte Kritik; 3. die an jemand mit Bezug auf eine öffent- 
liche Angelegenheit geübte Kritik; 4. die Veröffentlichung wahrheitsgetreuer 
Berichte über gerichtliche Verhandlungen; 5. die Kritik einer gerichtlichen 
Entscheidung; 6. die Kritik eines der Öffentlichkeit übergebenen Werkes; 
7. den von einem Vorgesetzten einem Untergebenen gegenüber geäusserten 
Tadel; 8. die bei der Obrigkeit in gutem Glauben gegen jemand erstattete 
Anzeige; 9. Äusseiningen, die in Wahrnehmung berechtigter eigener Interessen 
gemacht werden; 10. die im Interesse eines anderen oder im öffentlichen 
Interesse ausgesprochene Warnung. In all diesen Fällen ist vorausgesetzt, 
dass die Behauptung, Kritik, Warnung u. s. w. in gutem Glauben geschah. 

Das indische Recht macht zwischen gesprochenen und geschriebenen oder 
gedruckten Äusserungen keinen Unterschied; in England geben mündlich© 



') Story, Conflict of Laws, s. 113 a— 114. 

^) Beziiglich der FäUe, in denen Hindus, die zum Christentum übergetreten 
waren, wieder zur hindostanischen Religion zurückkehren und Hindufrauen zum Mo- 
hammedanismus übergehen, vgl. 3. Mad. H. C. Rep. ap. 7 und I. L. R. 4 (Bombay) 330. 



262 Britißch-Oßtindien. — II. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



Behauptungen, auch wenn sie noch so beleidigend sind, nur Grund zu einer 
Civilklage. Andererseits ist die englische Auffassung der Verbreitung einer 
Schmähschrift als eines Delikts, welches geeignet ist, einen Friedensbruch her- 
beizuführen, dem indischen Rechte fremd. Die englische Theorie ist unlogisch 
und hat erhebliche Missstände zur Folge gehabt. In Indien ist es femer er- 
forderlich, dass die verleumderischen Äusserungen gegenüber einer anderen 
Person, als derjenigen, auf welche sie sich beziehen, gefallen sind^); in Eng- 
land ist dieses nicht erforderlich. Bei der Aburteilung von Verleumdungen, 
welche den Kläger in Beziehung auf seine Kaste beleidigen soUten, ist eine 
vorurteilslose und wohlwollende Beurteilung seitens der indischen Richter 
dringend zu wünschen. Die Verfasser des Gesetzes bemerken hierüber: „Ein 
Hindu kann zur Verzweiflung getrieben werden, wenn er erfährt, dass ein 
Stanmiesgenosse ihm gewisse Handlungen nachsagt, die in den Augen eines 

Christen oder Mohammedaners gleichgültig oder gar lobenswert sein würden 

Wir haben deshalb den Richter angewiesen, die Frage, ob die in Beziehung 
auf besondere Regeln der Moral, der Ehre oder der Kaste gemachten Äusse- 
rungen verleumderisch sind, nicht danach zu entscheiden, ob er diese Regeln 
für richtig hält, sondern auch solchen Anschauungen, die seiner Ansicht nach 
iiTig, und Gefühlen, die ihm unsympatisch sind, unparteiischen Schutz ange- 
deihen zu lassen." 

Bezüglich des ersten Straf ausschliessungögrundes ist zu bemerken, dass 
das Gericht die Wahrheit der Behauptung prüfen, der Angeklagte aber nach- 
weisen muss, dass er sie im öffentlichen Interesse aufgestellt hat. Hierzu 
äussern sich die Verfasser des Gesetzes folgendermassen: „Die laute Verkün- 
dung der Thatsache, dass sich jemand eine Mätresse genommen hat, dass er 
dem Trünke ergeben ist, dass er geizig ist, oder die Aufrührung jugendlicher 
Exzesse eines Mannes, der lange Zeit hindurch als Gatte und Vater makellos 
gelebt hat und ein Amt bekleidet, das Würde und Unantastbarkeit des Cha- 
rakters erfordert, können selten dem öffentlichen Interesse in solchem Grade 
nützen, dass dadurch die dem Angegriffenen widerfahrene Kränkung und die 
damit in Verbindung stehenden Unannehmlichkeiten aufgewogen würden.^ 
Indes war im Entwurf die Strafbarkeit derartiger Verunglimpfungen nicht 
vorgesehen. Die Hinzufügung der Worte „wenn die Aufstellung oder Ver- 
öffentlichung der Behauptung im öffentlichen Interesse liegt" seitens der gesetz- 
gebenden Körperschaft verdient volle Billigung. 

Da das indische Strafgesetzbuch auf alle Personen ohne Unterschied An- 
wendung findet, so sind auch Anwälte für die vor Gericht böswillig oder ohne 
genügende Voreicht und Überlegung gemachten Äusserungen strafrechtlich 
verantwortlich. 2) 

Auf die Äusserungen von Priestern und Ältesten in den Kasten-Schieds- 
gerichten (Pantschayads) finden der siebente und der neunte Strafausschliessungs- 
grund Anwendung. In einem Falle jedoch, in welchem einem Manne, der der 
Wiederverheiratung einer Witwe beigewohnt hatte, die Ausstossung aus der 
Kaste mittels eingeschriebener Postkarte mitgeteilt war, ist erkannt, dass durch 
diese Art der Eröffnung das Mass des Notwendigen überschritten sei.*) Ebenso 
wurde in England bezüglich eines Telegramms erkannt. 

Nach der ersten Erläuterung zu Art. 499 liegt der Thatbestand der Ver- 
leumdung auch dann vor, „wenn einem Verstorbenen Dinge nachgesagt wei'den, 



*) Vgl. I. L. R. 7 (Allahabad) 205. 

*) Die Entscheidung in der englischen Sache Munster gegen Lamb (11 Queens 
Bench 588) ist den indischen Grundsätzen völlig entgegengesetzt. 
8) I. L. R. 6 (Madras) 381. 



b. Der besondere Teil. — § 23. Einschüchterung u. s. w. 263 



die, wenn er noch am Leben wäre, sein Ansehen schädigen würden, und die 
bestimmt sind , die Gefühle seiner Familie oder anderer naher Angehörigen zu 
verletzen." Nach der Erläuterung Nr. 4 kann die Verleumdung auch gegen eine 
Gesellschaft, einen Verein oder eine Gesamtheit von Personen als solche be- 
gangen werden. In dem vor dem Gerichtshofe zu Calcutta im Jahre 1861 
verhandelten bekannten Falle des Nil Darpan (Indigo Mirror) wurde erkannt, 
dass eine gegen die Indigopflanzer als Stand gerichtete Schmähschrift als straf- 
bare Verleumdung anzusehen sei. 

Nach Art. 198 der Strafprozessordnung tritt die Strafverfolgung wegen 
Verleumdung nur auf Antrag des Beleidigten ein. 

17. § 23. Strafbare Einschüchterung , Beschimpfung und Belästigung« 

(Criminal intimidation, insult and annoyance. Kap. XXII Artt. 503 — 510.) 

„Wer einen anderen mit der Begehung einer strafbaren Handlung gegen 
die Person, das Ansehen oder das Eigentum des anderen oder jemandes, an 
welchem dieser andere Anteil nimmt, bedroht, in der Absicht, ihn zu be- 
unruhigen oder ihn zu einer Handlung zu veranlassen, zu der er gesetzlich 
nicht verpflichtet ist, oder zur Unterlassung einer Handlung, zu deren Vor- 
nahme er gesetzlich berechtigt ist, um dadurch die Ausführung der Drohung 
abzuwenden, macht sich der strafbaren Einschüchterung schuldig." (Art. 503.) 
Auf Gefängnis bis zu 7 Jahren darf erkannt werden, wenn mit dem Tode 
oder schwerer Körperverletzung, mit Zerstörung von Gegenständen durch 
Feuer, oder einer Frauensperson mit der Nachrede unsittlichen Lebenswandels 
gedroht ist. — Andere in diesem Kapitel unter Strafe gestellte Handlungen 
sind: vorsätzliche Beschimpfung (insult) in der Absicht, eine Friedensstörung 
(breach of the peace) herbeizuführen, Verbreitung falscher Nachrichten in der 
Absicht, Meuterei (mutiny), eine strafbare Handlung gegen den Staat oder 
gegen die öffentliche Ruhe zu veranlassen, strafbare Einschüchterung durch 
anonyme Mitteilungen, die Verursachung von Handlungen dadurch, dass man 
einen anderen zu dem Glauben veranlasst, er werde sich dem göttlichen Zorne 
aussetzen, wenn er die Handlung nicht vornehme, Worte oder Handlungen, 
durch die das weibliche Schamgefühl verletzt werden soll, endlich Erregung 
öffentlichen Ärgernisses durch eine betrunkene Person. 

Eine strafbare Einschüchterung liegt nicht vor, wenn die Zufügung des 
Übels seitens eines geistlichen Oberen in Ausübung seines Amtes und in der 
bei seiner Kaste üblichen Form zur Strafe geschah.^) Die Nötigung einer 
Person zur Hergabe von Almosen durch das im Osten unter der Bezeichnung 
„sitting dhuma" bekannte Verfahren, ist nach Art. 508 strafbar; denn die 
um das Almosen angegangene Person muss glauben, dass sie Gegenstand des 
göttlichen Zornes wird, wenn sie nicht der Bitte entspricht. Diese Form des 
Betteins ist die einzige, die nach dem Strafgesetzbuche strafbar ist. Auch 
die Trunkenheit ist nach diesem nur strafbar, wenn sie mit unangemessenem 
Betragen auf öffentlichem Platze verbunden ist; für die Stadtgebiete ist 
ihre Sti'af barkeit durch ein besonderes Gesetz (Act V von 1861, An. 34) 
geregelt. 



') Vgl. die Sache gegen Sri Vidja Sankara, I. L. R. 6 (Madras) 381, 388 und 
gegen De Cruz 8 (Madras) 140. Im letzteren Falle hatte ein geistlicher Oberer einem 
seiner Schüler mitgeteilt, dass er ihn seines Lebenswandels wegen aus der Kaste 
ausgestossen habe. 



264 Britisch-Ostindien, -— II. Das Strafgesetzbuch von 1860. 



18. § 24. Der Versuch der Begehung einer strafbaren Handlung. 

(Attempts to commit offences. Kap. XXIII Art. 511.) 

Beccaria sagt: „Die grosse Bedeutung der Vorbeugung von Delikten 
rechtfertigt die Bestrafung des Versuchs; da aber Versuch und Vollendung 
zeitlich auseinanderliegen können, so soll die Androhung einer schwereren 
Strafe gegen die vollendete That einen Anreiz für den Rücktritt vom Versuch 
bilden." In Indien ist die Strafe des Versuchs halb so schwer, wie die des 
vollendeten Delikts. Der Versuch einer nur nach Lokal- oder Spezialgesetz 
strafbaren oder einer im Strafgesetzbuch nur mit Geldstrafe bedrohten Hand- 
lung bleibt straflos. 

Beide Beispiele zu Art. 511 beschäftigen sich mit dem Begriff des so- 
genannten „unmöglichen Versuchs" (im Englischen: impossible offence, wörtlich: 
unmögliches Delikt). Eines derselben behandelt folgenden Fall: A. versucht 
bei Z. einen Taschendiebstahl, indem er seine Hand in dessen Tasche steckt, 
erreicht aber seinen Zweck nicht, weil die Tasche völlig leer ist. A. ist nach 
Art. 511 zu bestrafen. Dieser Thatbestand entspricht genau einem in England 
verhandelten Falle „R. gegen Collins" ^), in welchem erkannt wurde, dass ein 
Diebstahlsversuch nicht vorliege, wenn die Tasche leer sei. Nun konnten die 
Verfasser des indischen Strafgesetzbuches ihre Absicht, in dieser Beziehung 
vom englischen Recht abzuweichen, gewiss kaum deutlicher zu erkennen geben. 
Trotzdem hat der High Court zu Calcutta in einem Falle ausgesprochen, dass 
die Strafbarkeit des Versuchs die Möglichkeit der Vollendung zur Voraus- 
setzung habe. Dieses entspricht dem französischen Recht. Letzteres ist aber 
konsequent und bestraft das versuchte gleich dem vollendeten Delikt. Die 
indische Definition enthält den Passus: „wer bei einem solchen Versuch irgend- 
eine Handlung zur Ausführung des Delikts vorninmit". Diese Worte sowie 
der Umstand, dass die Strafe des Versuchs nur die Hälfte der für das voll- 
endete Delikt angedrohten beträgt, beweist, dass das indische Gesetz nur die- 
jenigen Versuchshandlungen unter Strafe stellen will, die, wenn sie zur Voll- 
endung gelangt wären, den vollen Thatbestand des Delikts bilden würden 
und deren Vollendung lediglich durch Umstände, die vom Willen des Thäters 
unabhängig sind, aufgehalten ist. Dass die Handlung in der der entschei- 
denden Ausführungshandlung unmittelbar vorhergehenden Thätigkeit bestellt, 
ist nicht erforderlich. Dagegen muss sie so verwerflich sein, dass die Rechts- 
pflege Veranlassung hat, sie zu beachten, denn: de minimis non curat lex; 
auch muss sie an die Vollendung so nahe heranreichen, dass diese ernstlich 
zu befürchten stand. Hat eine dringende Gefahr der Vollendung des be- 
absichtigten Delikts bestanden, so hat auch eine entsprechende Beunruhigung 
des Publikums stattgefunden. Einige indische Entscheidungen stehen mit dem 
Gesetze völlig im Widerspruch, weil die Richter, anstatt sich an die Wone 
des Gesetzgebers zu halten, englische Entscheidungen zum Muster genommen 
haben. In England war jemand wegen versuchter Abtreibung bestraft, ob- 
wohl feststand, dass die fragliche Person gar nicht schwanger war. 2) „Seihst 
der schärfste Verstand", sagt Bishop, „wird vergebens versuchen, diesen 
Fall mit dem bereits erwähnten Taschen diebstahlsversuch zusammenzu- 
reimen." ^) 



») L. and C. 471 ; 9 Cox P. C. 497 ; vgl. Bd. I dieses Werkes S. 630. 
») R. ffegen Goodall; 1 Den. C. C. 187. 

^) Beide Fälle fallen unter den französischen Begriff des „mefait impossible* und 
würden m. E. in Frankreich nicht strafbar sein. 



in. § 25. Spezial-, Lokal- und andere Gesetze. 



265 



IIL 

§ 25. Spezial-, Lokal- und andere Gesetze. 

Naturgemäss enthält fast jedes Gesetz einzelne Bestimmungen strafrecht- 
licher Natur; im folgenden sollen indes von diesen Gesetzen nur die wich- 
tigsten derjenigen aufgeführt werden, die das Strafgesetzbuch nach irgendeiner 
Richtung ergänzen. 



Jahr 


Nummer 


Gegenstand des Gesetzes 


1836 


X 


1 
1 

' Verträge über Indigo in den Lower Provinces und 
Northwest-Provinces. 


1843 


V 


Sklaverei. 


1847 


XX 


Nachdruck (Copyright). 


1850 


xir 


Öffentliche Rechnungsführer (Accountants). 


1859 


XTII 


Betrügerischer Bruch des Arbeitsvertrages. 


1861 


V 


Polizei. 


1864 


VI 

1 


Prügelstrafe (VVhipping). 


1866 


XIV 


Postverwaltung. 


1867 


III 


Öffentliche Spiele. 


n 


XXV ; 


1 Buchdruckerpressen und Bücher. 


1870 


VIII 


; Mord von Kindern weiblichen Geschlechts. 


1871 


I 


Beschädigung von Vieh. 


n 


XXVII 


Verbotene Zünfte und Eunuchen. 


1874 


IX 


Europäische Landstreicher. 


1876 


XTX 


. Theatralische Aufführungen. 


1878 


I 


Opium. 


n 


VII 


, Forsten. 


V 


XI 


' Waffen. 


r 


XVII , 


Fähren (Farries, Northern India). 


1879 


I 


j Presse. 


?? 


VI 


Schutz der Elephanten. 


11 


XIV 


Lohnträger (Hackney carriages). 


11 


XVIII 


Praktische Ärzte (Legal Practitioners). 


1880 


XIII 1 


Impfen (Vaccination). 


1881 


XV 


Faktoreien (abgeändert durch Gesetz XI von 1891). 


1882 


XII 


Salz. 


1883 


XXI 


Auswanderung. 


1884 


IV 


Sprengstoffe. 


1885 


XIII 


Telegraphen. 


1886 • 


II 


Einkommensteuer. 


1887 


XX 


Vogel- und Wildschutz. 


1889 


I 


Falsches Geld. 


V 


IV 


Handelsmarken. 


11 


XV , 


Amtsgeheimnisse. 


1890 


IX 


Eisenbahnen. 


11 


XI 


Schutz der Haustiere. 


1892 ; 


II 


Eheschliessung von Christen. 


11 


V 


Militär-Polizei-Strafgesetzbuch für Bengalen. 


1894 


IX 


Gefängniswesen. 



266 Britisch-Ostindien. 



Die vorerwähnten Gesetze sind von dem Generalstatthalter im Rate 
(Govemor General in Council), als dem höchsten gesetzgebenden Faktor, er- 
lassen; abgesehen von einigen, die nur für bestimmte Provinzen gegeben sind, 
haben sie im ganzen Reiche Geltung. Neben dem Generalstatthalter giebt es 
aber fünf besondere gesetzgebende Behörden für die Provinzen Bombay, 
Madras, Bengalen, die Northwest-Provinces nebst Oudh und Punjab. Für sie 
gilt das ,,Indian Councils Act" von 1861 (24 und 25 Vict., Kap. 67). Die 
Lokalgesetzgebung kann Gesetze, welche von dem Generalstatthalter im Rate 
oder einer Lokalregierung vor dem Inkrafttreten des Indian Councils Act er- 
lassen sind, aufheben oder abändern, nicht aber die von dem Generalstatt- 
halter nach diesem Zeitpunkte, sowie alle vom Parlamente erlassenen Gesetze. 
Jedoch können die Lokalregierungen ohne vorherige Genehmigung des General- 
statthalters im Rate keinerlei Bestimmungen treffen oder in Aussicht nehmen, 
die sich auf die Staatsschuld, auf Zölle, Steuern, Münzwesen, Post- und Tele- 
graphenwesen, das Strafgesetzbuch, auf Religion, Armee, Marine, Patentwesen, 
Urheberrecht oder das Verhältnis zu auswärtigen Fürsten und Staaten 
beziehen. 

Eine Aufzählung der von den Lokalvei'waltungen erlassenen Gesetze 
erscheint nicht erforderlich. Sie behandeln Provinzial- und Gemeindeangelegen- 
heiten im weitesten Umfange, im Gegensatze zu Reichsangelegenheiten. Wir 
finden Gesetze, die sämtlich auch Strafbestimmungen enthalten über folgende 
Materien: lokale Selbstverwaltung, städtische Behörden, Gefängniswesen, Impf- 
wesen, Lohnträger, Polizei, öffentliche Spiele, Tierquälerei, Dorfpolizei, Accise, 
Fähren, Verfälschung von Baumwolle, Messen und Märkte, Verkauf von Giften, 
Wasserwerke, Herbergsordnungen, Bewässerung, Entwendung von Kaffee, Ufer- 
schutz u. a. m. 

Die Bestimmungen über Bankerutt sind in der Civilprozessordnung (Code 
of Civil Procedure, Act XIV von 1882) und dem Gesetze über die Schuldner 
(Debtors Act, VI von 1888) enthalten. Für das Heer ist das englische „Army 
Act" von 1881, 44 und 45 Victoria, Kap. 58, eingeführt. Zur Zügelang der 
anmassenden und aufrührerischen eingeborenen Presse wurde unter dem Vize- 
könig Lord Lytton als Act IX von 1878 ein Gesetz erlassen, dass jedoch 1882 
von Lord Ripon auf Grund eines von Gladstone und der liberalen Regierung 
erteilten Auftrages wieder aufgehoben wurde. 

Verordnungen (Informal legislation). Unter „Informal legis- 
lation" versteht man jede nicht von einer gesetzgebenden Versammlung (legis- 
lative meeting) ausgehende Gesetzgebung. Ihre verbindliche Kraft beruht auf 
dem Statute 33 Victoria, Kap. 3. Die Lokalregierung reicht den mit einer 
Begründung versehenen Entwurf einer Verordnung ein, der Gesetzeskraft er- 
langt, sobald er die Genehmigung des Govemor General in Council gefunden 
hat und in den Amtsblättern bekannt gemacht ist. Diese Art der Gesetz- 
gebung soll die Bedürfnisse der noch unkultivierten und zurückgebliebenen 
Landesteile befriedigen, denen es gewiss nicht zum Segen gereichen würde, 
wenn man die für die übrigen Provinzen geltenden komplizierten Gesetze auch 
dort einführen wollte; ausserdem soll durch sie der Regierung die Möglichkeit 
gegeben werden, mit einzelnen besonderen Verbrechen und mit besonders un- 
ruhigen Volksstämmen besser fertig zu werden. In Verfolgung des einen oder 
anderen dieser Zwecke sind derartige Verordnungen erlassen für Punjab und 
das Sindh-Grenzgebiet, für die Ostgrenze von Bengalen, Ajmir und Marwar, die 
Andaman- und Nicobar-Inseln , Arakan Hills, Britisch-Baluchistan, Garo Hills, 
Kurej, Assam, Burma, Chittagong Hill Tracts, Santhal Parganas, Naga Hills, 
Kasia und Jaintia Hills u. s. w. 



III. § 25. Speziai-, Lokal- und andere Gesetze. 267 



Die Strafbestimmungen einzelner von diesen Verordnungen verdienen 
besondere Erwähnung. In den Garo Hills ist es nicht gestattet, ohne besondere 
Genehmigung Holz zu fällen, zu jagen, mit Waffen oder Munition zu handeln. 
Wachs, Elfenbein, Gkimmi (India-rubber) oder andere Waldprodukte zu sammeln, 
Blatternimpfungen vorzunehmen oder Elephantenjagden zu veranstalten. Die 
„Frontier Crimes Regulations" haben vor allem den Zweck, die aus den zahl- 
reichen erblichen Fehden entstehenden Tötungsdelikte einzudämmen. Ereignet 
sich ein solcher Fall, so wird die ganze Ortschaft, in der er passiert ist, in 
Geldstrafe genommen. Da solche Fehden häufig durch Verletzung der ehe- 
lichen Treue seitens einer Frau entstehen, so wird diese, im Gegensatz zu 
den Grundsätzen des Strafgesetzbuches (Art 497), mit Gefängnis bis zu 5 Jahren 
bedroht. In einer Entfernung bis zu 5 englischen Meilen von der Grenze 
dürfen Ortschaften, Burgen und ummauerte Grundstücke nur mit Genehmigung 
des Bezirkskommissars (Commissioner of the Division) errichtet werden. Nie- 
mand, der nicht aus einem Bezirke, in dem Edelsteine gefunden werden 
(stone-traet) gebürtig ist, darf in einem solchen wohnen oder nach Edelsteinen 
(Rubinen, Spinellen und Saphiren) graben, sie schneiden, besitzen, kaufen 
oder verkaufen, ausser in den durch das „Upper Burmah Ruby Regulation" 
(XII von 1887) zugelassenen Fällen. 

Indische Vasallen -Staaten (Native allied States). — Die meisten 
selbständigen indischen Staaten haben das Strafgesetzbuch, sei es in vollem 
Umfange, sei es mit Veränderungen, eingeführt.^) In Kolapur hat der Rad- 
schah den Ehebruch bei beiden Teilen für strafbar erklärt, während in Britisch- 
indien die Frau straflos bleibt. 

Eine ausführliche Berücksichtigung der Staatenkette, welche sich an der 
Nordgrenze von Baluchistan bis Slam hinzieht und wozu auch Tibet, Nepal 
und Bhutan gehören, ist hier nicht beabsichtigt. Vom verwaltungsrechtlichen 
Standpunkte sind sie thatsächlich unabhängig. „Native States" im engeren 
Sinne sind solche Staaten, in denen ein Teil der Hoheitsrechte gewohnheits- 
gemäss von angestammten Herrschern ausgeübt wird. Die grösste Summe der- 
artiger Rechte findet sich bei mächtigen Fürsten, wie dem Nizam von Haider- 
abad, der den Titel „Hoheit" (His Highness) führt, eigene Münzen prägt, Steuern 
erhebt und endgültig Todesstrafen verhängt; die kleinste dagegen bei einem 
Eigentümer weniger Morgen Landes in Kathiawar, der neben der durch Her- 
kommen eingebürgerten Steuerfreiheit ein geringes Mass von Gerichtshoheit 
geniesst. Die Erklärung dieser Verschiedenheiten liegt in der indischen Ge- 
schichte. Einige von den jetzt vorhandenen Staaten stammen schon aus einer 
Zeit, in der noch weder ein Mohammedaner noch ein Europäer den Boden 
Indiens betreten hatte; die meisten verdanken ihre Entstehung den zerrütteten 
Zuständen im XVIII. Jahrhundert, als das Reich des Mogul in Trümmer zer- 
fiel und mohammedanische Statthalter wie marathenische Heerführer gleich- 
massig in Besitz unabhängiger Reiche zu gelangen suchten. Andere wieder 
sind wohlüberlegte Schöpfungen der britischen Regierung, oder das Produkt 
einer übertriebenen Subinf eudation ; einzelne bestehen lediglich aus dünn be- 
völkertem Hügelland, in welchem eingewanderte Hindus von Zeit zu Zeit die 
Herrschaft über die Eingeborenen an sich gerissen haben. Mit der Mehrzahl 
der grösseren Staaten sind Verträge abgeschlossen, andere haben schriftliche 
Treueversprechen abgelegt; für die meisten kleineren sind besondere Patente 
(Sanads) erlassen, in denen ihre Unterwerfung unter die englische Ober- 
hoheit ausdrücklich festgestellt wird. In all diesen Staaten ist das indische 



') Vgl. hierzu die Zusammenstellung in Anm. 2 auf S. 226. 



268 Britisch-OstindieiL 



Strafgesetzbuch völlig oder mit einzelnen Abftndeningen entweder formell 
eingeführt oder doch seinen Grandzügen und seinem wesentlichen Inhalt 
nach in Geltung. Die den modernen Anschauungen widersprechenden Reste 
der alten Barbarei, wie das Verbrennen der Witwen (suttee), das „hock- 
swinging** und das Töten der Neugeborenen weiblichen Geschlechts werden 
von der britisch-indischen Regierung nicht geduldet. 

Die wichtigsten dieser Eingeborenen-Staaten sind: Haiderabad, Maisar, 
Baroda, Kashmir, Gwalior, Indor, Mewar, Jaipur, Jodhpur und Travankur. 
Die Gesamtoberfläehe der Vasallenstaaten beträgt 509284 englische Quadrat- 
meilen mit etwa 60 Millionen Einwohnern. 



XV. 



CANADA 



Unter Benutzung von Mitteilungen des Kaiserlich Deutschen Auswärtigen Amtes 

von 

Dr. öustav Burescli, 

GerichtsassesBor in Hildesheim. 



Übersicht 



I. Litteratur. 

n. Geschichte und Verfassung, 
in. Gesetzgebung und Gerichtsverfassung. 
rV. Das geltende Strafrecht (Criminal Code von 1892). 

V. Andere Gesetze strafrechtlichen Inhalts. 



L Litteratur. 

Eine Sammlung aller bis zum Jahre 1887 erlassenen Domanial-Gesetze hat den 
Titel: Revised Statutes of Canada (in französischer Ausgabe: Les Statuts Revis^s du 
CanadaX Ottawa, Regierungsdruckerei, 2 Bände 1887. Die periodisch erscheinende 
Gesetzsammlung führt den Titel: Statutes of Canada (Acts of the Parliament of the 
Dominion of Canada). Sammlungen der bis zu einem bestimmten Jahre erschienenen 
Provinzial-Gesetze, sowie amtliche Ausgaben der Provinzial-Gesetzblätter sind folgende: 
1. Britisch Columbien. The Statutes of British Columbia , vol. I. Consolidated Acts, 
1888. Victoria, Regierungsdruckerei 1888. Ferner: Statutes of the Province of British 
Columbia, Victoria, Regierungsdruckerei. 2. Manitoba. The Revised Statutes of Mani- 
toba 1891. Winnipeg, Regierunffsdruckerei , 2 Bände, 1892. Ferner: Acts of the 
LegicAature of the Province of Manitoba. 3. Neu-Braunschweig. The Consolidated 
Statutes of New Brunswick. Fredericton, Regierungsdruckerei 1877. Ferner: Acts of 
the General Assembl^' of H. M's. Province of New Brunswick, ebenda. 4. Neu-Schott- 
land. The Revised Statutes of Nova Scotia (Fifth Series), Halifax, Regierungsdruckerei 
1884. Femer: The Statutes of Nova Scotia, ebenda. 5. Ontario. The Revised Statute» 
of Ontario. Toronto, Regierungsdruckerei, 2 Bände, 1887. Ferner: Statutes of the 
Province of Ontario, ebenda. 6. Prinz Edward -Inseln. The Acts of the General 
Assembly of Prince Edward Island, Charlottetown, 3 Bände, I. und II. 1862, III. 1868. 
Der Titel und Erscheinungsort der periodischen Gesetzsammlung ist derselbe. 7. Quebec. 
The Revised Statutes of the Province of Quebec (in französischer Ausgabe: Les Statuts 
refondus de la Province de Quebec), Quebec, Regierungsdruckerei, 2 Bände, 1888. 
Ferner: Statutes of the Province of Quebec, ebenda. 

Kurze Übersichten über die in den Jahren 1873—1895 erlassenen Domanial- 
und Provinzial-Gesetze (mit Analyse der wichtigeren) enthalten folgende Bände des 
Annuaire de legislation etrangöre (Paris, Librairie Cotillon): II S. 51— 59 (Gesetze 
aus 1872); IV S. 694—704 (Gesetze aus 1873); V S. 860 (Gesetze aus 1875); VI S. 751—768 
(Gesetze aus 1875/76); VII S. 811-824; VIII S. 716—723 (Gesetze aus 1877/78); X S. 693 
(Gesetze aus 1880); XI S. 795-834 (Gesetze aus 1880/81); XII S. 1024—1041 (Gesetze aus 
1882); XIII S. 846—878 (Gesetze aus 1883); XIV S. 802— 816 (Gesetze aus 1884); XV S. 646 
bis 663 (Gesetze aus 1885); XVII S. 908-918 (Gesetze aus 1887); XVIII S. 952—964 (Ge- 
setze aus 1888); XIX S. 1046—1060 (Gesetze aus 1889); XX S. 951—960 (Gesetze aus 
1890); XXI S. 998 (Gesetze aus 1891); XXII S. 1030-1055 (Gesetze aus 1892); XXIII 
S. 887—911 (Gesetze aus 1893); XXIV S. 10a5— 1101 (Gesetze aus 1894); XXV S. 962 bis 
987 (Gesetze aus 1895). 

Der offizielle Titel des Criminal Code 1892 lautet: 55—56 Victoria, chap. 29. 
„An Act respecting the Criminal Law^ (französisch: Acte concernant la loi criminelle). 
Das Gesetz ist abgedruckt im Jahrgang 1892 der oben erwähnten Statutes of Canada. 
Offizielle Sonderausgaben des Gesetzes sind: „The Criminal Code 1892" und „Code 
criminel 1892", Ottawa, Regierungsdruckerei 1892 und 1893. Kommentare: James 
Crankshaw: The Criminal Code of Canada, Montreal bei Whiteford & Theoret 1894; 
H. E. Taschereau, The Criminal Code of the Dominion of Canada, Toronto bei The 
Carswell Co. (Ltd.) 1893. Systematische Bearbeitung: S. R. Clarke: The Magistrates' 
Manual, founded on the Criminal Code, 1892, III. Ausgabe, Toronto bei The Carswell 
Co. (Ltd.) 1893. Ein älteres Handbuch: G. W. Burbridge: A Digest of the Criminal 
Law of Canada, Toronto bei The Carswell Co. (Ltd.) 18^, ist als Grundlage des Ge- 
setzes von Bedeutung. Eine Sammlung von Erkenntnissen über canadisches Recht 
ist: John R. Cartwright: Cases decided on the British North America Act, 1867; bis- 
her Band I— IV ; Toronto bei C. Blackets Robinson 1882—1892. 

Die in Toronto erscheinende Zeitschrift: The Canada Law Journal berücksichtigt 
auch das Strafrecht. 



272 Canada. — IT. Geschichte und Verfassung. 



n. öescMclite imd Verfassung. 

Die britische Kolonie Canada (Dominion of Canada) umfasst den ganzen 
nördlich von den Vereinigten Staaten liegenden Teil des Kontinents von 
Nordamerika mit Ausnahme von Alaska und der britischen Kolonie Neu- 
fundland. Das zuerst im Jahre 1497 von Europäern (Italienern) besuchte 
Canada wurde 1506 von einem Italiener, der mit französischen Schiffen dort- 
hin kam, in Besitz genommen und zwar für Frankreich, welches jedoch erst im 
Anfang des 17. Jahrhunderts die Kolonisation des Landes in Angriff nahm. 
Die ersten Versuche der Engländer, sich das Land anzueignen, wurden in 
den Jahren 1629 und 1711 untemonmien. 1754 entbrannte ein Krieg zwischen 
England und Frankreich, welcher nach einem entscheidenden Siege der Eng- 
länder bei Quebec (1759) durch den Pariser Frieden (1763) beendigt wurde 
und das Land ganz in die Hände Englands brachte. Nach mannigfachen 
Reibungen zwischen der englischen und französischen Bevölkerung der Kolonie 
kam es 1837 zu einem grossen Aufstande, der sich mit kurzen Unterbrechungen 
bis 1841 hinzog, aber zu Gunsten der Engländer endigte. Seit diesem Zeit- 
punkt datiert auch die von den Vereinigten Staaten unterstützte Agitation für 
den Anschluss Canadas an die Nordamerikanische Union, welcher jedoch von 
Seiten Englands durch Beobachtung einer versöhnlicheren Politik gegenüber 
den widerstreitenden Parteien in der Kolonie die Spitze abgebrochen wurde. 
Seinen Abschluss fand diese Politik der Versöhnung durch die Gewährung 
einer neuen Verfassung am 1. Juli 1867, durch welche das bisherige Canada 
mit Neubraunschweig und Neuschottland zu einem Bunde vereinigt wurde, 
der die Bezeichnung Dominion of Canada erhielt, und dem später die übrigen 
britisch -nordamerikanischen Länder mit wenigen Ausnahmen beitraten. Das 
heutige Canada bildet einen Bundesstaat von 7 Provinzen (Ontario, Quebec, 
Neubraunschweig, Neuschottland, Manitoba, Britisch Columbia, Prinz Edward- 
Insel), 5 Distrikten (Assiniboia, Saskatschewan, Alberta, Athabaska, Keewatin) 
und 2 Territorien. 

Die Exekutive liegt in den Händen eines von der Elrone ernannten 
Generalgouvemeurs; ihm zur Seite steht ein Geheimer Rat der Königin (Privy 
Council). Die Königin, bezw. in ihrem Namen der Generalgouvemeur , hat 
ein Vetorecht betreffs der Gesetzgebung der Gesamtkolonie wie der einzelnen 
Provinzen. Die gesetzgebende Gewalt in der Kolonie wird ausgeübt durch 
ein aus Ober- und Unterhaus bestehendes Bundesparlament. Das Unterhaus 
setzt sich aus 215 vom Volke gewählten Vertretern zusammen; die Indianer 
des Westens sind vom Wahlrecht ausgeschlossen. Den einzelnen Provinzen 
stehen Statthalter (Lieutenant Govemor) vor, die vom Generalgouvemeur er- 
nannt werden, und die sich mit den erwählten gesetzgebenden Körperschaften 
nach ähnlichen Grundsätzen, wie in der Gesamtkolonie, in die Regierungs- 
gewalt teilen. Als Vermittler zwischen der Kolonie und dem Mutterlande 
fungiert ein High Commissioner, der seinen Sitz in London hat. 



in. Gesetzgebung und öericlitsverfassung. 

Nach der dem Dominion of Canada gewährten Verfassung (British North 
America Act, 1867; 30 — 31 Vict. , chap. 3, sect. 91^) steht der Domanial- 
Legislatur die gesetzliche Regelung des Strafrechts und Strafprozesses in 
Canada zu. Die Einrichtung der Strafgerichtshöfe in den einzelnen cana- 
dischen Provinzen ist jedoch der Provinzialgesetzgebung vorbehalten. Ein 



in. Gesetzgebung nnd Gerichtsverfassung. — IV. Geltendes Strafrecht. 273 



höchster Gerichtshof besteht in Ottawa; dessen Oberrichter sowie die vier bei- 
sitzenden Richter werden von dem Generalgouvemeur auf Lebenszeit ernannt. 
Die Provinzialgesetzgebungen haben femer zur Durchführung des ihnen über- 
lassenen Rechtes der Gesetzgebung über provinzielle Abgaben, Konzessions- 
wesen, öffentliche Arbeiten, Civilprozess u. s. w. die Befugnis, Geld- und Frei- 
heitsstrafen aufzuerlegen. Die Strafrechtswissenschaft steht in Canada zur Zeit 
noch im Anfang ihrer Entwickelung. Zwar ist die Kodifikation des geltenden 
Strafrechts schon seit längerer Zeit ein Lieblingsgedanke massgebender Per- 
sönlichkeiten gewesen, jedoch hat dieser erst in allerletzter Zeit seine Verwirk- 
lichung gefunden. Der frühere Premierminister Sir John Macdonald hat sich be- 
sonders für die Kodifikation interessiert, und er wurde in diesen Bestrebungen 
von dem früheren Richter, späteren Senator, Gowan thatkräftig unterstützt. Die 
ersten Anfänge der Kodifikation fallen dementsprechend in die Amtsperiode 
des genannten Macdonald, fortgesetzt wurde das Werk unter Abbot und voll- 
endet durch den Justizminister Sir John Thompson im Jahre 1892. 



IV. Das geltende Strafrecht (Criminal Code von 1892). 

1. Quellen. Das allgemeine Strafrecht Canadas einschliesslich des Straf- 
prozesses ist nunmehr im Criminal Code von 1892 aufgezeichnet. Der oft weit- 
schweifige Wortlaut des Gesetzes, das in zehn Titel, LXVIII Abschnitte und 983 
Sektionen^) zerfällt, ist grossen teils dem britischen Straf gesetzentwurf von 1880 
entnommen; auch sind eine Anzahl älterer canadischer, meist auf britischem 
Gesetzes- und Gewohnheitsstrafrecht beruhender Einzelgesetze darin verarbeitet. 
Femer sind Stephen, Digest of the Criminal Law of England, Ausgabe von 
1887, und Burbridge, Digest of the Criminal Law of Canada benutzt worden. 
Im grossen Ganzen entspricht der canadische C. C. dem englischen Rechts- 
zustande; doch finden sich in manchen Einzelheiten Abweichungen. 

2. Der Geltungsbereich des Criminal Code und sein Verhältnis 
zu anderen Strafgesetzen. Der C. C. ist in Kraft seit dem 1. Juli 1893. 
Er hat Geltung in ganz Canada, jedoch sind für die Nordwestterritorien 
und den Distrikt Keewatin einzelne Spezialbestimmungen getroffen (983^).^) 
Englisches Gewohnheitsrecht (common law) gilt subsidiär (7), die britischen 
Reichsgesetze über Verwaltung von Heer und Marine gehen den Kolonialgesetzen 
vor (983 2), Strafbestimmungen anderer britischer Reichsgesetze finden in Canada 
nur Anwendung, soweit dies ausdrücklich gesagt ist (5). Dem C. C. sind zwei 
Verzeichnisse beigefügt; das erste (schedule one) enthält Formulare für die Straf- 
rechtspflege, das andere (schedule two) eine Zusammenstellung aufgehobener 
älterer Strafvorschriften. Schliesslich sind in einem Anhang (appendix) eine An- 
zahl neben dem C. C. in Geltung gebliebener Gesetzesbestimmungen abgedruckt. 
Erschöpfend sind jedoch diese Nachweisungen des Anhangs nicht. Der C. C. und 
schedule two haben in den Jahren 1893 und 1894 durch 56 Vict. chap. 32, 
An Act to amend the Criminal Code, 1892 und 57 — 58 Vict. chap. 57, An 
Act further to amend the Criminal Code, 1892 einige Zusätze und Richtig- 
stellungen erfahren. Durch 58 — 59 Vict. chap. 40 ist endlich eine Abänderung 
der in Art. 3 enthaltenen Definitionen und Erklärungen sowie folgender Artikel 
des C. C. herbeigeführt: 196, 197, 205, 512, 552, 557, 575, 673, 683, 763, 
782, 784, 878. 



^) Zur Bezeichnung der Sektionen des Criminal Code (abgekürzt: C. C.) sind nach- 
stehend arabische Ziffern, zur Bezeichnung der Abschnitte römische Ziffern benutzt. 

*) Siehe Nord -West Territories Act und Keewatin Act, chap. 50 und 53 der 
Revised Statutes of Canada. 

Strafgesetzgebang der Gegenwart. II. lg 



274 Canada. — IV. Das geltende Strafrecht. 



3. Einteilung der Strafthaten, namentlich in Bezug auf ihre 
prozessualische Behandlung. Entsprechend dem britischen Straf gesetz- 
entwurf von 1880 wird im C. C. eine Unterscheidung zwischen felony und 
misdemeanor nicht gemacht (535). Nach der Art der prozessualen Behandlung 
kann man schwere Strafthaten (indictable offences, actes criminels) und ein- 
fache (offences, contraventions) unterscheiden. Erstere werden im allgemeinen 
nach stattgehabter Voruntersuchung unter Zuziehung einer Anklage- und einer 
ürteilsjury, letztere im Wege summarischen Verfahrens verhandelt (536). Mit 
Zustimmung des Angeklagten können die meisten indictable offences in einem 
besonderen schleunigen Verfahren (speedy trials of indictable offences) ohne 
Geschworene abgeurteilt werden (765). Für einige indictable offences (783 bis 
785, 810) ist auch sununarisches Verfahren vorgesehen. 

4. Der allgemeine Teil des C. C. Die allgemeinen Grundsätze des 
Strafrechts finden sich in verschiedenen Titeln des C. C. verstreut Titel 1 
Abschnitt I enthält einleitende Bestinmiungen über das Inkrafttreten und die 
Terminologie des Gesetzes, die Geltung britischer Reichsgesetze in Canada und 
die Strafarten (1 — 6). Das Nähere über den letzteren Punkt enthält Titel 8, 
einzelne Bestimmungen über Strafen auch Titel 7. Abschnitt II des ersten Titels 
behandelt die Strafausschliessungsgründe (7 — 60), Abschnitt III betrifft Teil- 
nahme, Beihülfe, Versuch (61 — 64). Bestimmungen über Versuch, Abrede zu 
schwereren Strafthaten und Begünstigung enthält femer Abschnitt XL im 
6. Titel (527—582). 

a) Strafensystem. Als Strafarten zählt das Gesetz auf: 1. Tod durch 
Hängen (936 — 949). 2. Freiheitsstrafe. Sie ist eine lebenslängliche oder zeitige 
und wird in Gefängnissen, Zuchthäusern und, bei jugendlichen Personen, in 
Besserungsanstalten verbüsst. Als Schärfungsmittel dient schwere Arbeit (950 
bis 956). Einzelhaft ist nicht gestattet (963), Festungshaft nicht vorgesehen. 
Das Höchstmass der Freiheitsstrafe ist, abgesehen von den Fällen, wo das 
Gesetz ausdrücklich etwas anderes verordnet, 7 Jahre; ein Mindestmass ist 
nicht festgesetzt. 3. Prügelstrafe, nur bei männlichen Personen (957). 4. Geld- 
strafe, allein oder neben Freiheitsstrafe. Bei Privatklagen im öffentlichen 
Interesse fällt im allgemeinen die eine Hälfte der Geldstrafe dem Kläger, die 
andere dem Staate zu (929). 5. Bürgschaft für zukünftiges gutes Betragen 
(958 — 960). 6. Amtsverlust, Pensionsverlust, Unfähigkeit zur Bekleidung öffent- 
licher Ämter und Wahlrechtsverlust bei Beamten neben Todesstrafe oder mehr 
als fünfjähriger Freiheitsstrafe (961). 7. Kostenauflage und Schadensersatz 
(832 — 838). Ausser Einzelhaft sind Ächtung, Pranger, bürgerlicher Tod und 
Güterkonfiskation als Strafen ausgeschlossen (962, 963, 965). Deportation, 
Landesverweisung und Stellung unter Polizeiaufsicht werden nicht erwähnt. 

b) Teilnahme und Versuch. Ein Unterschied zwischen Thäter (prin- 
cipal) und Gehülfen oder Anstifter (accessory before the fact) wird nicht ge- 
macht. Das Gesetz unterscheidet also nur den Thäter und Teilnehmer nach 
der That (Begünstiger). Der Versuch einer strafbaren Handlung ist strafbar, 
auch wenn die Ausführung der That unter den gegebenen Umständen nicht 
möglich war (61—64). Die Strafe für Teilnahme und Versuch ist in der Kegel 
bei jeder Strafthat besonders festgesetzt. Im übrigen gilt die allgemeine Vor- 
schrift, dass Versuch oder Teilnahme bei Strafthaten, welche mit mehr als 
14 Jahren Freiheitsstrafe bedroht sind, mit Gefängnis bis zu 7 Jahren be- 
straft wird. Beträgt die Strafe für den Thäter weniger als 14 Jahre Gefängnis, 
so ist das Höchstmass der Strafe für Versuch und Teilnahme die Hälfte der 
für die vollendete Handlung angedrohten Strafe (528 — 532). Die Anstiftung 
oder Beihülfe zum Selbstmord ist mit lebenslänglicher Gefängnisstrafe bedroht, 
der Versuch des Selbstmordes mit Gefängnisstrafe von einem Jahr (237 — 238). 



4. Der allgemeine Teil des Criminal Code. •- 275 



c) Zusammentreffen mehrerer Strafthaten. Bei der Verurteilung 
wegen mehrerer strafbarer Handlungen findet eine Zusammenrechnung der 
Einzelstrafen zu einer vergleichsweise massigeren Gesamtstrafe nicht statt (954). 

d) Strafausschliessungs-, Milderungs- und Schärfungsgründe 
(7 — 60). Kinder unter 7 Jahren können für ihre Handlungen strafrechtlich 
nicht verantwortlich gemacht werden (9), Kinder zwischen 7 und 14 Jahren 
nur dann, wenn sie nach Ansicht des Gerichtes das erforderliche Unter- 
scheidungsvermögen besitzen. Gegen Kinder unter 16 Jahren ist erforderlichen 
Falles unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu verhandeln , bei Diebstahls- 
anklagen kann ausserdem in summarischer Weise gegen sie verfahren werden 
(809—831). 

Wenn der ThÄter infolge von Geisteskrankheit oder Wahnideen an 
die Existenz von Umständen glaubte, deren wirkliches Vorhandensein seine 
Handlung oder Unterlassung rechtfertigen oder entschuldigen würde, so kann 
seine That ihm nicht zugerechnet werden (11). Aber der mit der Sache be- 
fasste Gerichtshof hat seine Überführung und strenge Überwachung an einem 
von ihm zu bestimmenden Ort zu veranlassen. Dort bleibt der Thäter, bis 
der Gouverneur seine Entlassung verfügt (736). Die Sektt. 737 — 741 treffen 
Vorsorge für den Fall, dass jemand im Verlauf eines Strafverfahrens oder 
während der Strafvollstreckung in Geisteskrankheit verfällt. 

Die Sektt. 15 — 60 in Verbindung mit Sekt. 552 behandeln die Fälle, in 
welchen jemand zur Anwendung von Gewalt gegen eine Person und zur Ver- 
haftung ohne Haftbefehl berechtigt ist. In allen diesen zahlreichen Fällen ist 
jede Überschreitung der erforderlichen Gewaltanwendung strafbar (58). Nie- 
mand hat das Recht, darin zu willigen, dass ein Anderer ihn töte. Sollte die 
Einwilligung aber erteilt sein, so befreit sie den Thäter nicht von der straf- 
rechtlichen Verantwortlichkeit (59). 

Die Vermutung, dass eine Ehefrau bei der Begehung einer Strafthat im 
Beisein des Gatten unter Zwang handle (vgl. über das englische Recht Bd. 1 
S. 624), findet nicht statt (13). Unkenntnis des Gesetzes schützt nicht (14). 
Notwehr ist nicht strafbar; unter Umständen auch dann nicht, wenn der erste 
Angriff von Seiten des nachträglich in Notwehr Versetzten ausgeht (46). Das 
Gesetz kennt die Verjährung der Strafverfolgung (551, 841, 930, 975), nicht 
aber die Verjährung rechtskräftig erkannter Strafen. 

Die wiederholte Begehung einer Strafthat wird als Rückfall mit Ge- 
fängnis bis zu 10 Jahren bestraft, falls nicht im Einzelfalle etwas anderes 
verordnet ist. Das Gericht ist jedoch nicht gezwungen, diese Strafschärfung 
anzuwenden (952). Die Frage, ob Rückfall vorliegt, ist von den Geschworenen 
zu entscheiden (676). 

e) Bedingte Verurteilung. Bei erstmaliger Überführung wegen leich- 
terer Strafthaten kann gegen das Versprechen guten Betragens von einer Ver- 
urteilung bedingungsweise abgesehen werden (971 — 974). 

f) Begnadigung. Das Begnadigungsrecht, das bei der britischen Krone 
ruht, wird zumeist durch den Generalgouvemeur der Kolonie ausgeübt (961, 
966 — 970); zudem steht dem canadischen Justizminister bei Begnadigungs- 
anträgen die Befugnis zu, ein neues Verfahren anzuordnen (748). 

5. Der besondere Teil des C. C. Titel 2 — 6 enthalten den besonderen 
Teil des Strafgesetzbuches, Titel 7 und 8 behandeln den Strafprozess und die 
Strafvollstreckung, Titel 9 die EJagen gegen die Gerichtspersonen in Beziehung 
auf ihre amtliche Thätigkeit, Titel 10 befasst sich mit der Geltung anderer 
Strafgesetze und den Übergangsbestimmungen. 

Titel 2 behandelt Strafthaten gegen die öffentliche Ordnung, zunächst 
(IV 65 — 78) Hochverrat, ferner Abreden zur Einschüchterung einer gesetz- 

18* 



276 Canada. — 5. Der besondere Teil des Criminal Code. 



gebenden Körperschaft (70) und die Unterstützong von Desertionen; sodann 
(V 79 — 98) ungesetzliche Versammlungen, Aufruhr und Friedensstörungen, dar- 
unter gewaltthätige Besitzergreifung (89), die Herausforderung zum Zweikampf 
und den Preisfaustkampf (91 flg.). Auch das Verlassen Canadas in der Ab- 
sicht, ausserhalb an einem Preisfaustkampf teilzunehmen, ist strafbar (96). 
Abschnitt VI (99 — 119) betrifft den ungesetzlichen Gebrauch und den Besitz 
von Sprengstoffen und Angriffswaffen sowie den unbefugten Verkauf geistiger 
Getränke. Abschnitt VII (120 — 126) beschäftigt sich mit ungesetzlichen Eliden, 
aufrührerischen Äusserungen und Verabredungen, femer mit der Beleidigung 
fremder Staatsoberhäupter, sowie mit der Verbreitung falscher Nachrichten zum 
öffentlichen Schaden, Abschnitt VIII (127 — 130) mit dem Seeraub. 

Titel 3 betrifft strafbare Handlungen gegen die Staatsverwaltung (IX 131 
bis 144), Richterbestechung, Betrug gegen die Kegierung, Ämterkauf und 
Pflichtvemachlässigung (X 145 — 158); Täuschung des Gerichts, Meineid u. s. w. 
(XI 159 — 169), Gefangenenentweichung und Befreiung. 

Titel 4 behandelt die Strafthaten (XII 170—173) gegen Religion und 
(Xin 174—190) Sittlichkeit, femer (XIV 191—206) Beeinträchtigungen des 
allgemeinen Wohlbefindens, darunter Differenzgeschäfte (201) und Lotterieen 
(XV 207, 208), Landstreichen und ähnliches. 

Titel 5. Die Abschnitte XVI— XXIII (209—302) befassen sich mit den 
Strafthaten gegen die Person und den guten Ruf. Der Ausdruck malice 
aforethought ist bei der Definition von Mord (227, 228) nicht angewendet. 
Der Selbstmordversuch und Beihülfe zum Selbstmord (237, 238) sind strafbar. 
247 und 248 behandeln die Körperverletzung durch Sprengstoffe, 297 flg. 
die Verleumdung durch die Presse. 

Titel 6 enthält Bestimmungen über den Eigentums-, Vertrags- und Ver- 
kehrsschutz. Abschnitte XXIV bis XXVI (303 — 357) umfassen Diebstahl und 
damit Zusammenhängendes. Der Ausdruck theft oder stealing (303 — 305) begreift 
jede betrügliche, unberechtigte Zueignung einer fremden, beweglichen Sache. 
Die Bezeichnungen larceny und embezzlement werden im Gesetz nicht gebraucht. 
Diebstahl unter Ehegatten ist nur straflos, falls diese zusammen leben (313). 
Abschnitte XXVII und XXVin (358—396) behandeln betrügerische Hand- 
lungen, Gläubigerbenachteiligung (368) u. s. w., Abschnitt XXIX Raub und 
Erpressung, XXX (407—418) Einbruch, XXXI und XXXII Urkundenfälschung 
und ähnliches, XXXIII (443 — 455) Handelsmarkenschutz, XXXIV Personen- 
unterschiebung, XXXV und XXXVI (460—480) Münzstrafthaten, XXXVH ge- 
meingefährliche Handlungen und Sachbeschädigung, XXXVIII (512 — 515) 
Tierquälerei, XXXIX Verbindungen zur Einschränkung des Handels und Ver- 
kehrs, strafbare Vertragsbrüche und Einschüchterung. Abschnitt XL (527 bis 
532; betrifft Versuch, Abrede zu schwereren Strafthaten und Begünstigung. 

In einzelnen Abschnitten sind Sonderbestimmungen mit Rücksicht auf die 
Indianerbevölkerung Canadas getroffen (98, 116, 190, 352). 



V. Andere Gesetze strafreclitliclien Inhalts. 

Für das Militärstrafrecht kommen in Canada ausser der britischen 
Reichsgesetzgebung in Betracht R. S. C.^) chap. 41 An Act respecting the Militia 
and Defence of Canada. R. S. C. chap. 42 An Act respecting the Royal 
Military College; 57—58 Vict., c. 27 The Mounted Police Act, 1894. 

*) R. S. C. Abkürzung für Revised Statutes of Canada. 



V. Andere Gesetze strafrechtlichen Inhalts. 277 



Neben den im C. C. (3 und Abschnitt XXIII) enthaltenen Bestinmiungen 
über die Presse besteht ein besonderes Domanialpressgesetz nicht. Provinzial- 
gesetzliche Vorschriften darüber sind in Manitoba, Ontario und Quebec er- 
gangen. 

Ein dem Domanialparlament im Jahre 1894 vorgelegter Konkurs- 
ordnungsentwurf ist bislang nicht erledigt worden. 

Die Bestimmungen über Verkehr mit Sprengstoffen befinden sich im 
C. C. (3i, 99—101, 247, 248, 488, 545); auch hat die Provinz Manitoba die 
Lagerung von Sprengstoffen gesetzlich geregelt. 

Das canadische Zoll- und Steuerwesen betreffen R. S. C. chap. 32, 
An Act respecting the customs; chap. 34 An Act respecting the inland revenue; 
57—58 Vict. c. 33 The Customs Tariff 1894. 

Die Arbeitergesetzgebung des Dominions beschränkt sich, abgesehen 
von den Bestinmiungen des C. C. (521 — 525) auf R. S. C. chap. 131, An Act 
respecting trade -unions. Daneben haben die Provinzen Manitoba, Neubraun- 
schweig, Neuschottland, Ontario, Prinz Edward-Insel und Quebec Arbeiter- 
schutzgesetze erlassen. 

Auf Patent-, Verlags- und Markenschutz (cf. C. C. 443 — 455) be- 
ziehen sich folgende Domanialgesetze: R. S. C. chap. 61, An Act respecting 
Patents of inventions; chap. 62, An Act respecting Copyright; chap. 63, An 
Act respecting trademarks and industrial designs; chap. 64, An Act respecting 
the marking of timber; 57 — 58 Vict. c. 37, An Act in restraint of fraudulent 
sale or marking. 

Den Verkehr mit Nahrungsmitteln behandeln neben dem C. C: R. S. C. 
chap. 99, An Act respecting the inspection of certain staple articles of Canadian 
produce; chap. 100, An Act to prohibit the manufacture and sale of certain 
Substitutes for butter; chap. 107, An Act respecting the adulteration of food, 
drugs and agricultural fertilizers; chap. 108, An Act respecting agricultural 
fertilizers; 52 Vict. c. 43, An Act to provide against frauds in the supplying 
of milk to cheese, butter and Condensed milk manufactories; 56 Vict. c. 37, 
An Act to prevent the manufacture and sale of filled or imitation cheese and 
to provide for the branding of dairy products; 57 — 58 Vict. c. 33, The 
Customs Tariff 1894. Femer haben die Provinzen Manitoba und Ontario ein- 
schlägige Bestimmungen getroffen. 

Auch die zur Ordnung der Verhältnisse in den bisher wenig besiedelten 
Territorien Canadas ergangenen Gesetze, sowie die Gesetze betreffend die 
Indianer enthalten Strafvorschriften; es sind dies: R. S. C. chap. 43, An Act 
respecting Indians; chap. 44, The Indian Advancement Act; chap. 50, An Act 
respecting the North West Territories; chap. 53, An Act respecting the district 
of Keewatin. Die letzterwähnten beiden Gesetze gehen dem C. C. vor. 

Das Einwanderungswesen ist geregelt durch R. S. C. chap. 65, An 
Act respecting Immigration and immigrants; chap. 67, An Act respecting Chinese 
immigration; chap. 113, An Act respecting naturalisation and aliens. 

Die canadische Seemannsordnung ist in R. S. C. chap. 74, An Act 
respecting the shipping of seamen (The seamen's Act) enthalten. 

Das Auslieferungswesen des Dominions behandeln R. S. C. chap. 142, 
An Act respecting the extradition of fugitive criminals, chap. 143, An Act re- 
specting fugitive offenders in Canada from other parts of Her Majesty*s Do- 
minions; 52 Vict. c. 36, An Act to extend the provisions of the Extradition Act. 



XTI. 



AUSTRALIEN 



Von 

Dr. öustav Burescli, 

GerichtflMseMor In Hildesheim. 



Übersicht 



1. Geschichtliches, 

insbesondere über die Entwlckelung der Deportation (transportation). 

2. Nensüdwales. 

I. Litteratur. — n. Gesetzgebung". — III. Gerichtsverfassung und Verfahren. — IV. Das 
geltende materielle Strafrecht. — V. Allgemeine Grundsätze. — VI. Die wichtigsten 
Gesetze strafrechtlichen Inhalts. 

3. Tasmania. 

I. Litteratur. — 11. Gesetzgebung. — III. Gerichtsverfassung und Verfahren. — 
IV. Geltendes Strafrecht. — V. Strafnebengesetze. 

4. Neuseeland. 

I. Litteratur. — II. Gerichtsverfassung und Verfahren. — IIL Gesetzgebung. — 
IV. Geltendes Strafrecht (Der Criminal Code von 1893 und Nebengesetze). 

5. Victoria. 

I, Litteratur. — II. Gesetzgebung. — III. Gerichtsverfassung und Verfahren. — 
IV. Geltendes Strafrecht (The Crimes Act von 1890). 

6. Queensland. 

I. Litteratur. — 11. Gesetzgebung. — III. Geltendes Strafrecht. 



L Geschichtliches, 

insbesondere Ober die Entwickelung der Deportation (transportation). 

Die Entwickelung des englischen Kolonialreiches in Australien ist zu eng 
verknüpft mit der Geschichte der Deportation, als dass es möglich wÄre, bei 
Darstellung der ersteren die letztere zu übergehen. Ein kurzer Überblick über 
die geschichtliche Entwickelung der Deportation im englischen Strafrecht ist 
daher hier am Platze.^) 

Zuerst findet sich die Deportation erwähnt in einem Statut aus der Re- 
gierungszeit Elisabeths vom Jahre 1597, welches gestattete, unverbesserliche 
Vagabunden into parts beyond the seas zu senden ; jedoch ist eine Anwendung 
dieser Strafe nicht bezeugt, unter Jacob I. wurde 1619 ein Befehl erlassen, 
durch welchen die Versendung von 100 lüderlichen Dirnen nach Virginien 
angeordnet wurde. Erst unter Karl II. erging eine Parlamentsakte, welche den 
Ausdruck „transportation" enthielt, und welche diese Strafe zuerst auf schwere 
Verbrechen an Stelle der Todesstrafe für anwendbar erklärte. Während man 
die Einführung englischer Mädchen in Virginien wegen des dort herrschenden 
Mangels an solchen sehr gern gesehen hatte, wurde gegen die Deportation 
schwerer Verbrecher in die amerikanischen Kolonieen von selten der freien 
Bevölkerung sofort energisch, aber ohne Erfolg protestiert. Die grossen Miss- 
stände, welche sich in der Folge bei Ausführung der Transportation nach den 
bisherigen Ginindsätzen zeigten, fühlten im Jahre 1717 zum Erlass eines neuen 
Gesetzes unter Georg I., in welchem die Strafthaten, für welche auf Trans- 
portation erkannt werden konnte, genau angeführt und auch im übrigen über 
die Ausführung der Strafe eingehende Bestimmungen getroffen waren. In 
diesem Gesetz, welches das Anwendungsgebiet der Deportation weit aus- 
dehnt 2), ist zuerst der Kolonisationszweck als Grund für die vermehrte 
Anwendung der Strafe angeführt und geradezu in den Vordergrund gestellt. 
Dementsprechend wurde auch, zur dauernden Erhaltung der billigen Arbeits- 
kräfte in den Kolonieen, die Rückkehr eines Verbrechers ohne ausdrückliche 
Erlaubnis mit der Todesstrafe belegt. Mit dem Ausbruch des Unabhängigkeits- 
krieges begann die Transportation nach Amerika sich aus praktischen Gründen 
schwierig zu gestalten, und da auch die Amerikaner sich gegen die fortgesetzte 



*) Die nachstehende Darstellung folgt im wesentlichen dem ausführlichen Werke 
von Holtzendorff, Die Deportation als Strafmittel (Leipzig 1859), dessen zweites Buch 
(S. 161—394) die Geschichte der Transportationsstrafe und der Verbrecherkolonieen 
Englands behandelt. 

*) Bei kleinem Diebstahl (petty larceny) musste nach obigem Gesetz auf sieben- 
jährige Deportation erkannt werden! Durch spätere Gesetze wurde die einfache Wild- 
dieberei mit sieben- und vierzehnjähriger Transportation bedroht (10 Georg II c. 32) 
und gleiche Strafe auf unbefugtes Fischen gesetzt (5 Georg III c. 14). 



282 Australien. 



Überschwemmung ihrer Gebiete mit Verbrechern energisch auflehnten, so 
wurden seit 1776 keine Transporte mehr nach den amerikanischen Kolonieen 
abgesandt. 

Einige Jahre vorher (1770) war der berühmte Entdecker Cook auf einer 
seiner Reisen nach ümschiffung von Neuseeland an der Ostküste von Australien 
gelandet, die er Neusüdwales benannte und für die englische Krone in Besitz 
nahm. Er bezeichnete der englischen Regierung, welche nach Verlust der 
nordamerikanischen Kolonieen andere Deportationsorte suchte, die Botany 
Bay als eine für derartige Zw^ecke geeignete Stelle. Im Jahre 1787 wurde 
der erste Transport von etwa 700 — 800 Verbrechern dorthin abgesandt, der 
im Januar 1788 an Ort und Stelle ankam. Der zum Gouverneur von Neu- 
südwales und seiner Zugehörigkeiten (dependences) ernannte Führer dieses 
Transports, Kapitän Phillips, wandte sich jedoch sofort, da der Platz sich als 
durchaus ungeeignet erwies, von dort nach einem nördlicheren Punkte, dem 
Port Jackson, wo schliesslich eine Ansiedelung gegründet wurde. Damit war 
der Grund zu dem heutigen Sidney gelegt. Noch in demselben Jahre wurde 
eine kleine Zweigniederlassung auf der Insel Norfolk gegründet. Beide Niede^ 
lassungen hatten in der ersten Zeit mit ausserordentlichen Schwierigkeiten zu 
kämpfen, welche namentlich in der geringen und unregelmässigen Versorgung 
mit Lebensmitteln seitens des Mutterlandes ihren Grund hatten. Wenngleich 
auch bei Anlegung der australischen Strafkolonieen in erster Linie das Be- 
streben vorherrschte, das Mutterland von der Unzahl verurteilter Verbrecher 
zu befreien, so trat doch von Anfang an auch hier der kolonisatorische Ge- 
danke scharf hervor. Man suchte auf alle mögliche Weise die ausgedienten 
Sträflinge der Kolonie zu erhalten. Schon im Jahre 1789 fand die erste Land- 
verleihung an einen Sträfling, dessen Strafzeit abgelaufen war, statt. Indem 
man diese Massregel verallgemeinerte und auch den ausgedienten Offizieren, 
Soldaten und Matrosen grössere Landstrecken unentgeltlich überwies, faUs sie 
in der Kolonie blieben, suchte man allmählich einen Stamm freier Ansiedler 
zu schaffen. Diesen letzteren wurden dann die Sträflinge zur Arbeit über- 
wiesen (assigniert) , gegen die Verpflichtung des freien Unterhalts derselben. 
Die freien Ansiedler bestanden im Anfang fast nur aus den entlassenen Sträf- 
lingen (sogenannten Emanzipisten), denen man die Rückkehr in die Heimat 
sehr erschwerte, und Beamten; erst von 1793 an gelangten einige Ansiedler aus 
England nach Neusüdwales. 

Im Jahre 1804 wurde von Neusüdwales aus eine neue Strafkolonie an 
den Ufern des Derwentflusses auf der Insel Van Diemens-Land gegründet.^) 
Das Jahr 1809 ist für die Geschichte von Neusüdwales hervorragend durch 
den Amtsantritt des Gouverneurs Macquarie, welcher nächst dem ersten Gou- 
verneur Phillips am meisten für die Entwickelung der Kolonie gethan hat 
Er beseitigte mit grosser Strenge die seit der Abreise Phillips eingerissenen 
erheblichen Missstände in der Verwaltung, führte grossartige Wege- und andere 
Staatsbauten aus, legte neue Strafstationen im Innern an und förderte haupt- 
sächlich die weitere Urbarmachung des Landes dadurch, dass er allen Eman- 
zipisten ohne weiteres grosse Strecken Landes zur Bebauung anwies. T)k 
Stellung dieser Klasse von Ansiedlem wurde von ihm bedeutend gehoben, wie 
Macquarie überhaupt ein Feind der Einwanderung freier Ansiedler war, die 
unter ihm vollständig ruhte. 

Im Jahre 1822 endete die Amtsführung des Gouverneurs Macquarie, und 



') Diese an der Südostspitze Australiens gelegene Insel ist im Jahre 1642 von 
dem Holländer Abel Jansz Tasman entdeckt; nach ihm wurde sie 1853 TasmADJ« 
genannt. 



1. Geechichtliches. 283 



es trat in diesem Jahre ein Umschwung in der Verwaltung der Kolonieen 
ein dadurch, dass man die freie Einwanderung von nun an ausserordent- 
lich begünstigte und so die bisherige reine Verbrecherkolonie allmählich in 
eine gemischte Kolonie umwandelte. Dem Nachfolger von Macquarie wurde 
übrigens im Jahre 1822 von der Kegierung ein Executive Council und einige 
Jahre später ein Legislative Council an die Seite gesetzt, wodurch die bis- 
herige absolute Machtvollkommenheit der Gouverneure eine erhebliche Ein- 
schränkung erfuhr. 

Im Jahre 1829 wurde in Westaustralien am Schwanenfluss von unter- 
nehmenden Engländern eine freie Kolonie zu gründen versucht, die aber als 
solche nicht zum Emporblühen gelangte, vielmehr erst später, als sie zur 
Strafkolonie „erhoben" wurde, sich einigermassen entwickelte.^) Von Van 
Diemens -Land aus wurde dann 1835 die Kolonisation des an der Südküste 
Australiens belegenen Port Philipp -Distrikts (des späteren Victoria), das 
jedoch niemals Verbrecherkolonie wurde, mit Erfolg in die Wege geleitet, 
nachdem ein gleicher Versuch von Neusüdwales aus kurz vorher fehlgeschlagen 
war. Der Port PhUipp- Distrikt wurde sofort nach der ersten Besiedelung 
politisch der Verwaltung von Neusüdwales unterstellt und 1851 zur selb- 
ständigen Kolonie gemacht. 

Was die Beschäftigung der Sträflinge in der Kolonie anlangt, so ist 
zu bemerken, dass sie mit dem Zunehmen der freien Einwanderung eine 
wesentliche Änderung erfuhr. Während früher die Zwangsarbeit auf Kosten 
und für Rechnung der Regierung die Regel bildete und die Beschäftigung der 
Sträflinge bei freien Ansiedlem (Assignation) wegen der geringen Anzahl der 
letzteren eine unbedeutende Rolle spielte, nahm mit dem Wachsen der freien 
Einwanderung seit 1822 die Assignation immer mehr überhand, nicht zum 
Nachteil der Regierung, welche dadurch der Fürsorge für die Sträflinge über- 
hoben wurde. Auch in anderer Beziehung begann die Regierung um diese 
Zeit aus der Kolonie allmählich greifbare Vorteile zu ziehen, indem sie mit 
dem bisherigen System der unentgeltlichen Überweisung von Land an die 
Emanzipisten und sonstigen Reflektanten brach und dafür zunächst eine Ver- 
gebung gegen Zahlung einer Grundrente, demnächst einen Verkauf der 
Regierungsländereien an den Meistbietenden einführte. Damit schwand für die 
Sträflinge jede Aussicht, später als Emanzipisten für eigene Rechnung Acker- 
bau treiben zu können, und die Folge davon war, dass das Interesse der 
Sträflinge, sich gut zu führen, um später Land überwiesen zu erhalten, mehr 
und mehr schwand, weshalb auch um diese Zeit vielfach Klagen über das 
Betragen und die Führung der Sträflinge laut wurden. Es liegt auf der Hand, 
dass unter diesen Umständen von einer Besserung der Sträflinge durch die 
Strafe, welche früher durch die Aussicht auf Selbständigkeit nach verbüsster 
Strafe wesentlich gefördert wurde, wenig mehr die Rede war. Die Emanzi- 
pisten waren von nun an nach ihrer Entlassung wieder unselbständige Arbeiter, 
welche sich von den Sträflingen nur durch den mangelnden Arbeitszwang 
unterschieden. 

Das Überhandnehmen des Assignationssystems — in Neusüdwales waren 
etwa Y? aUer Sträflinge assigniert — führte naturgemäss bald zu Missständen, 
indem es gänzlich in der Hand der Arbeitgeber lag, durch die Art der Be- 
handlung und Beschäftigung der Sträflinge den Charakter der Strafverbüssung 
zu bestimmen; übermässige Härte und, ungerechtfertigte Milde fanden nach 
dem Ermessen des freien Ansiedlers Anwendung, und letztere traf vielleicht 
den schweren Verbrecher, der sich bei der Arbeit geschickt zeigte, während 



*) Näheres siehe unten S. 285. 



284 Australien. 



unter ersterer der wegen geringfügiger Strafthaten Verurteilte wegen seiner 
Ungeschicklichkeit zu leiden hatte. Dieser Umstand, sowie die Erkenntnis, 
dass bei dem Emporblühen der Kolonieen in Australien und dem Wachsen 
der freien Einwanderung die fortgesetzte Einfuhr von Verbrechern den Kolonieen 
selbst und dem Mutterlande eher zum Nachteil wie zum Vorteil gereichen 
müsste, indem sie die weitere Entwicklung der Kolonie henunte, führte im 
Jahre 1837 zur Einsetzung einer Parlamentskommission, deren 1838 erstatteter 
Bericht darauf hinauslief, dass die Ausfuhr von Verbrechern nach Neusüdwales 
und Van Diemens -Land einzustellen sei, da die Strafe der Transportation in 
ihrer damaligen Form der Verbüssung weder für den Verbrecher noch für die 
Kolonie oder das Mutterland heilsam und nützlich sei. Eine entgegengesetzte 
Ansicht vertrat der gesetzgebende Rat von Neusüdwales, der sich in einer 
Resolution aus dem Jahre 1839 für die Beibehaltung der Transportation als 
eines sehr geeigneten Strafmittels erklärte. Dessenungeachtet wurde im Jahre 
1840 Neusüd Wales aus der Zahl der Straf kolonieen gestrichen und als freie 
Kolonie anerkannt. Nun blieb in Australien^) nur noch Van Diemens-Land 'j 
als Strafkolonie bestehen. Dort waren die Verhältnisse von jeher andere 
gewesen, als in Neusüd wales, insbesondere waren die in letzterer Kolonie 
aus dem Überhandnehmen des Assignationssystems und dem Zunehmen der 
freien Einwanderung sich ergebenden Missstände bezw. Bedenken gegen Fort- 
bestand der Kolonie als Strafkolonie niemals in erheblichem Masse hervor- 
getreten, da die freie Einwanderung nach Van Diemens -Land nie bedeutend 
gewesen, und daher auch die Assignation der Verbrecher inmier in engen 
Grenzen geblieben ist. In dieser Kolonie wurden die Verbrecher deshalb von 
jeher grösstenteils zu öffentlichen Arbeiten herangezogen, wodurch allein 
schon eine gleichmässigere Strafverbüssung gewährleistet wurde. Während 
bis 1825 Van Diemens-Land eine Pertinenz von Neusüdwales war, wurde es 
in diesem Jahre zur selbständigen Kolonie erklärt und erhielt 1829, wie Neu- 
südwales schon früher, einen Executive imd Legislative Council. 

Nachdem seit 1840 fast alle aus England deportierten Verbrecher*) nach 
Van Diemens -Land geschafft worden waren, trat alsbald eine derartige Über- 
füllung dieser Kolonie^) mit Sträflingen ein, dass notwendig Abhülfe geschaffen 
werden musste, da die Zustände auf der Insel unerträglich wurden. Man suchte 
auf der einen Seite durch eine Änderung des bisher angewandten Systems 
der Strafvollstreckung eine Entlastung der Strafkolonie sowohl bezüglich der 
Quantität wie auch der Qualität der ihr überwiesenen Verbrecher herbeizu- 
führen, vor allem aber versuchte man, eine neue Strafkolonie zu gewinnen 
bezw. eine aufgegebene als solche wiedereinzurichten. Es wurde zu diesem 
Zwecke bei dem gesetzgebenden Rat zu Neusüdwales angefragt, wie man sich 
einer erneuten beschränkten Einfuhr von Verbrechern gegenüber zu verhalten 
gedenke. Während das vom gesetzgebenden Rat zur Prüfung der Frage ein- 
gesetzte Komitee die Wiederaufnahme der Verbrechereinfuhr unter gewissen 
Bedingungen, welche jedoch die englische Regierung zurückwies, befürwortete, 
lehnte der gesetzgebende Rat den Vorschlag direkt ab. Als trotzdem 1848 



^) Ausserhalb Australiens besass England noch auf den Bermudas-Inseln eine 
Strafkolonie. 

*) Mit demselben wurde im Jahre 1834 das inzwischen einmal aufgegebene Nor- 
folk Island administrativ verbunden. 

') Ihre Gesamtzahl hat von 1787—1837 etwa 78000 betragen, wovon etwa 51000 
auf Neusüd Wales und 27000 auf Van Diemens -Land entfallen. Nach der letzteren 
Kolonie wurden in den Jahren 1829--1840 jährheh durchschnittlich 1658 Personen, im 
Jahre 1840 aber 3527 geschafft. 

*) 1845 befanden sich 25000 wirkliche Sträflinge dort. 



1. Geschichtliches. 285 



ein Verbrechertransport nach Sidney expediert wurde, richtete der gesetz- 
gebende Rat 1849 eine Adresse an die Königin und bat, die Degradierung 
der Kolonie zur Strafkolonie wieder rückgängig zu machen. Während also 
Neusüdwales in dieser energischen Weise sich gegen die Einfuhr von Ver- 
brechern sträubte, wurde dieselbe von einer anderen Kolonie dringend erbeten. 
Westaustralien, welches ursprünglich als freie Kolonie gegründet war, hatte 
damals von der Regierung ausdrücklich die Zusicherung erhalten, dass es von 
Verbrechern verschont bleiben sollte. Die Verhältnisse in dem unkultivierten, 
nicht eben sehr fruchtbaren Lande waren jedoch anfangs so schwierige, dass 
freie Arbeiter für die zu bewältigende schwere Arbeit nicht in genügender 
Anzahl zu erhalten waren; daher sah sich die Kolonie, die gamicht zur 
rechten Blüte gelangen konnte, veranlasst, die Einführung von Verbrechern zu 
erbitten, um auf diese Weise billige Arbeitskräfte in genügendem Umfange 
zu erhalten. Dem Wunsche wurde, wie nach dem Vorhergehenden erklärlich 
ist, gern gewillfahrt, und im Jahre 1850 wurde die erste Straf ansiedlung in 
Perth gegründet. Daneben blieben Neusüdwales und Van Diemens-Land recht- 
lich als Strafkolonieen bestehen, faktisch aber wui'de der Verbrechertransport 
dorthin mit der Entdeckung der Goldfelder in Australien eingestellt, da die 
Aussicht auf freie Beförderung nach dem Goldlande gewiss für viele Personen 
der Ansporn zur Begehung eines mit Transportation bedrohten Verbrechens 
gewesen sein würde. Ausserdem wurde die Anwendbarkeit der Transportation 
als Strafe durch ein Gesetz von 1853 (16 und 17 Vict. c. 99) bedeutend ein- 
geschränkt, indem sie lediglich für die schwersten Verbrechen vorbehalten blieb, 
und für die mittleren Verbrechen als neue Strafe die Zuchthausstrafe (penal 
servitude), die auch in England vollstreckt werden konnte, eingeführt wurde. 
Während Neusüdwales unmittelbar nach Entdeckung der Goldfelder, also 1851, 
bereits wieder als freie Kolonie anerkannt war, geschah dies bezüglich Van 
Dieraens-Lands 1854. 

Die durch das Gesetz von 1853 eingeführte Beschränkung der Trans- 
portation fand jedoch in England keineswegs allgemeinen Anklang. Während 
die Verbrecher die Transportation der Zuchthausstrafe schon deswegen vor- 
zogen, weil die Art und Vielseitigkeit ihrer Vollstreckung sie ihre längere 
Dauer gegenüber der kurzfristigen aber strengeren Zuchthausstrafe leicht ver- 
schmerzen liess, glaubte auch die allgemeine Meinung in England die Trans- 
portation als ein nicht zu unterschätzendes Kolonisationsmittel nicht entbehren 
zu können; auch war man, namentlich in Richterkreisen, der Ansicht, dass 
durch die Transportation der Besserungszweck in höherem Masse erreicht 
würde, als bei anderen Strafen. Andererseits begann man in Westaustralien 
jetzt, da nach dem Gesetz von 1853 nur noch die schwersten Verbrecher 
transportiei-t wurden, sich gegen deren Einfuhr zu sträuben. 

Diese Umstände führten dazu, dass seitens beider Häuser des Parlaments 
Komitees zur Prüfung der Transportationsfrage eingesetzt wurden. Beide 
Komitees traten entschieden für die Beibehaltung der Transportation ein, aller- 
dings mit gewissen Beschränkungen und Änderungen, welche die bisherige 
Erfahrung gelehrt hatte. Gleichwohl wurde durch Gesetz vom 26. Juni 1857 
(20 und 21 Vict. c. 3) die Strafe der Transportation ausdrücklich abgeschafft 
und die Strafknechtschaft (penal servitude) an deren Stelle gesetzt. Das Gesetz, 
welches in der Vorrede als ein Amendment des oben erwähnten Gesetzes von 
1853 bezeichnet wird, unterscheidet sich von letzterem hauptsächlich dadurch, 
dass es auch für die schwei^sten Verbrecher die Transportation nicht zulässt; 
es gleicht ihm insofern, als es die Strafe der penal servitude, aber in viel 
ausgedehnterem Masse, für anwendbar erklärt. Bemerkenswert ist, dass nach 
dem neuen Gesetz eine Versendung der zu penal servitude verurteilten Per- 



286 Australien. 



sonen nach überseeischen Plätzen zulässig ist, und dass sämtliche fUr die 
Transportation erlassenen gesetzlichen Bestimmungen ausdrücklich auch auf 
die Strafe der penal servitude für anwendbar erklärt sind. Es erfolgt dem- 
nach nach dem neuen Gesetz die Veraendung nicht mehr ohne weiteres auf 
Grund richterlichen Urteils, vielmehr unter Berücksichtigung der besonderen 
Umstände des Einzelfalls auf Anordnung der Regierung. Während also früher 
alle, seit 1853 wenigstens die schwersten Verbrecher aus England fort- 
geschafft werden mussten, hat es seit 1857 die Regierung in der Hand, wie 
viele Personen weggesandt werden sollen; sie kann auch eine geeignete Aus- 
wahl unter allen Verbrechern treffen und damit mehr wie früher den sozialen 
und kulturellen Verhältnissen der Kolonieen sowie den Bedürfnissen und 
Wünschen ihrer Einwohner Rechnung tragen. 

Die politische Geschichte der Kolonieen Neusüdwales, Victoria, West- 
australien und Van Diemens-Land (Tasmania) ist in vorstehendem kurz ent- 
halten; es bedarf noch einiger kurzen Angaben über die anderen australischen 
Kolonieen Südaustralien mit Nordterritorium, Neuseeland und Queensland. Sie 
gehörten sämtlich ursprünglich zu Neusüdwales und wurden 1836 resp. 1840 
und 1859 als selbständige Kolonieen anerkannt. Südaustralien war von An- 
beginn eine freie Kolonie. Queensland ist aus einer an Stelle des heutigen 
Brisbane in der Moreton-Bay im Jahre 1825 angelegten Sträflingsansiedelung 
entstanden. 1842 wurde das Gebiet der freien Einwanderung geöffnet und 
gleichzeitig die Verschickung von Verbrechern dorthin eingestellt. Bei ihrer 
Loslösung von der Mutterkolonie im Jahre 1859 erhielt die Kolonie ihren 
jetzigen Namen. — Die im südlichen stillen Ocean gelegene Doppelinsel Neu- 
seeland wurde 1642 ebenfalls von dem Holländer Tasman entdeckt. Bereits 
1826 wurde von Australien aus ein vergeblicher Versuch gemacht, eine 
Kolonie auf Neuseeland anzulegen. Erst nachdem die 1825 errichtete New 
Zealand Company energisch die Kolonisation der Doppelinsel betrieben hatte, 
wurde am 15. Juni 1839 Neuseeland für einen Teil von Neusüdwales erklärt; 
1840 wurde es selbständige Kolonie. 1840 — 60 entstanden zahlreiche englische 
Ansiedelungen. Fortwährende Feindseligkeiten zwischen den Eingeborenen 
(Maori) und den Ansiedlern hatten wiederholte Kriege gegen die ersteren zur 
Folge, deren letzter im Jahre 1892 zur endgültigen Unterwerfung dieses zur 
Zeit nur noch aus etwa 42000 Seelen bestehenden Volkes führte. 

Die Verfassung 1) sämtlicher australischen Kolonieen ist, wie schon oben 
hervorgehoben, eine im wesentlichen gleiche. Im Jahre 1850 wurde den 
Kolonieen durch Akte 13 und 14 Vict. cap. 59 (for the better Government 
of Her Majesty's Australian Colonies) Selbstverwaltung im ausgedehntesten 
Masse zugestanden. Für die einzelnen Kolonieen wurden dann besondere 
Verfassungsgesetze erlassen, so für Neuseeland 14 und 15 Vict. c. 72 (1851/52); 
für Tasmania 18 Vict. No. 17 (1854) ergänzt durch 34 Vict. No. 42 (1871). 
Dem von der Königin gewöhnlich auf 7 Jahre ernannten, von der Kolonie 
besoldeten Gouverneur steht überall ein verantwortliches Ministerium zur Seite. 
Die Volksvertretung besteht aus einem Oberhaus (Legislative CouncU), dessen 
Mitglieder in den meisten Kolonieen von der Krone (Königin oder Gouverneur) 
lebenslänglich ernannt, in anderen aus der besitzenden Klasse von den Kolonisten 
gewählt werden, sowie aus einem Unterhaus (Legislative Assembly, auch Hoase 
of Assembly oder of Representatives genannt). Die Mitglieder des letzteren 
gehen allgemein aus Wahlen hervor. Die Legislaturperiode ist in der Regel 
eine dreijährige. In Neuseeland steht auch den Frauen das aktive Wahlrecht 
zu, und im Unterhaus befinden sich 4 Vertreter der Ureinwohner (Maori). Di^ 



*) Näheres siehe bei Mills, Colonial Constitutions. 



1. Geschichtliches. 287 



Gesetze bedürfen zu ihrer Gültigkeit der Mehrheitsbeschlüsse beider Häuser 
des Parlaments sowie der Zustimmung des Gouverneurs bezw. in gewissen 
Fällen der Königin. 

Seit Anfang der 90er Jahre sind Bestrebungen im Gange, welche auf 
einen engeren staatsrechtlichen Zusammenschluss der australischen Kolonieen 
abzielen. Eine im Jahre 1891 in Sidney zu«ammenberufene Föderations- 
konferenz arbeitete einen Verfassungsentwurf aus, der jedoch nicht die Zu- 
stimmung sämtlicher Kolonieen fand. Im Jahre 1897 haben sich dann sämt- 
liche australische Kolonieen mit Ausnahme von Neuseeland und Queensland 
zu einem „Australischen Bund" (Commonwealth of Australia) vereinigt, der 
durch einen von der Königin zu ernennenden Generalgouverneur sowie ein 
aus Senat und Abgeordnetenhaus bestehendes Bundesparlament regiert werden 
soll. Der Kompetenz dieses Parlaments untersteht die gemeinsame Gesetz- 
gebung über Zölle, Finanzwesen, Post und Telegraphen, Militär und Marine, 
Geldwesen, Schiffahrt, Eherecht, Wechselrecht, Naturalisationsrecht u. s. w. Es 
ist nicht zu bezweifeln, dass die dem Bunde zur Zeit noch fernstehenden 
Kolonieen ihren Widerstand bald aufgeben und sich anschliessen werden. Damit 
dürfte dann der erste Schritt zur völligen Lostrennung der sich schon jetzt 
eines grossen Masses von Selbständigkeit erfreuenden australischen Kolonieen 
vom Mutterlande definitiv gethan sein. 



2. Neusüdwales.') 

I. Litteratur. 

History of New South Wales von G. B. Bar ton (London 1890). The Magistrate 
von Judge Wilkinson. Criminal Law Manual von Sir Alphred Stephen und A. Oliver. 
Synopsis of indictable offences von Mc. Naughton (1885). The Statutes of New South 
Wales bis 1893. 

IL Gesetzgebung. 

Zur Zeit der Gründung der Kolonie im Jahre 1788 war bestimint, dass 
die Bestrafung von Übelthätem durch Gerichte erfolgen solle, die in ähnlicher 
Weise wie die englischen Garnison-Militärgerichte zusammengesetzt waren. 

Auch das erste Verfassungsgesetz der Kolonie vom 19. Juli 1823 
(4 Geo. IV. c. 96) brachte hierin wenig Änderung. Durch das Verfassungs- 
gesetz vom 25. Juli 1828 (9 Geo. IV. c. 83) wurde angeordnet, dass die zur 
damaligen Zeit geltenden englischen Gesetze in der Kolonie allgemeine Gültig- 
keit haben sollten. Endlich wurde durch das Verfassungsgesetz vom 16. Juli 
1855 festgesetzt, dass alle in der Kolonie geltenden englischen und auch 
örtlichen Gesetze bis zu ihrer etw^aigen Abänderung durch ein neues Gesetz 
für immer in Geltung bleiben sollten. 

III. Gerichtsverfassung und Verfahren. 

Die in der Kolonie bestehenden Gerichtshöfe, die sich mit Strafsachen 
zu befassen haben, sind aj die Gerichtshöfe der Friedens- und Polizeirichter 
(magistrates) für geringere Strafthaten, b) die Bezirksgerichte, c) das Ober- 
gericht, letztere beiden mit gleicher Spruchkompetenz in erster Instanz bei 
schwereren Strafthaten. 

Für das Prozessverfahren gelten im allgemeinen dieselben Grundsätze 
wie im englischen Recht. Die Verfolgung von Strafthaten vor den niederen 
Gerichten geschieht in der Regel im Wege der Privatanklage; bei schwereren 
Delikten erheben die zu öffentlichen Anklägern ernannten Advokaten im Namen 
des Generalanwalts der Kolonie (attorney general) die öffentliche Klage. 

IV. Das geltende materielle Strafrecht 

Dem bürgerlichen Strafrecht der Kolonie liegt in der Hauptsache das 
englische gemeine Recht zu Grunde, von dessen Prinzipien nur in wenigen 
Ausnahmefällen Abweichungen stattfinden; auch kann die ältere englische 
Gesetzgebung und die darauf beruhende Rechtsprechung überall subsidiär 
herangezogen werden. 



^) Unter Benutzung von Mitteilungen des Kaiserlich Deutschen Auswärtigen 
Amtes. 



2. Neusüdwales. — V. Allgemeine Grundsätze. 289 



Durch Gesetz vom 26. April 1883 (46 Vict. Nr. 17) wurde das Straf- 
recht der Kolonie konsolidiert und in vielen Beziehungen abgeändert. Das 
zu dem erwähnten Gesetz erlassene Ergänzungsgesetz vom 22. Mai 1884 
(47 Vict. Nr. 18) wurde durch das weitere Ergänzungsgesetz vom 14. Dezember 
1891 (55 Vict. Nr. 5) wieder aufgehoben; letzteres enthält jedoch noch zahl- 
reiche anderweitige neue Bestimmungen. 

V. Allgemeine Grundsätze. 

1. Ortliche, zeitliche und persönliche Grenzen der Anwendung 
des Strafrechts. Im allgemeinen können nur solche Strafthaten gerichtlich 
verfolgt werden, die innerhalb des Gebietes der Kolonie und ihrer Depen- 
denzen begangen sind, ohne Rücksicht darauf, ob etwa der Erfolg erst ausser- 
halb dieses Gebietes eingetreten ist. Eine Ausnahme von diesem Grundsatze 
bildet nur die Bestimmung, dass im Falle der Tötung eines Menschen die 
Verfolgung des Thäters innerhalb der Kolonie auch dann zulässig ist, wenn 
nur der Tod innerhalb der Grenzen derselben erfolgte, während die ihn ver- 
anlassende strafbare Handlung ausserhalb dieser Grenzen begangen ist. 

Wegen jeder ^) nach den Gesetzen der Kolonie zu ahndenden strafbaren 
Handlung muss spätestens innerhalb 6 Monaten nach ihrer Begehung das 
Strafverfahren eingeleitet werden, widrigenfalls die Strafverfolgung verjährt 
ist. Die in der Kolonie geltenden Bestimmungen über Strafrecht und Straf- 
prozess finden auf alle ortsanwesenden und nicht exterritorialen Personen ohne 
Unterschied der Abstammung gleichmässig Anwendung. 

2. Einteilung der strafbaren Handlungen. Die Strafthaten werden 
in Verbrechen (felonies) und Vergehen (misdemeanors) eingeteilt. Zu ersteren 
zählen alle mit der Todes- oder Zuchthausstrafe (penal servitude), zu letzteren 
die mit Gefängnis- (imprisonment) , Prügel- oder Geldstrafe bedrohten straf- 
baren Handlungen. 

3. Strafrechtliche Zurechnung. Eine That kann dem Übelthäter 
nur dann zugerechnet werden, wenn er sie entweder vorsätzlich begangen 
hat, oder wenn er bei der Begehung Gleichgültigkeit gegen Leben und 
Leiden seiner Mitmenschen zeigte, ohne dafür hinreichende gesetzliche Gründe 
zu haben, oder endlich, wenn er dabei jede Sorgfalt ausser Acht gelassen 
bezw. mutwillig gehandelt hat. 

Wird festgestellt, dass ein Angeklagter zur Zeit der Begehung einer 
strafbaren Handlung geisteskrank war, so soll das Gericht anordnen, dass er 
in einem entsprechenden Gefängnis oder an einem sonst geeigneten Orte so 
lange in Gewahrsam gehalten werde, bis der Gouverneur im Rate auf Grund 
eines bezüglichen Beschlusses des Ministeriums der Kolonie seine Entlassung 
verfügt. 

4. Versuch und Teilnahme. Die für den Versuch der Begehung einer 
Strafthat angedrohten Strafen sind nicht generell durch allgemeine Regeln, 
sondern für jede einzelne Strafthat besonders festgesetzt. 

Beihülfe und Teilnahme bei einer Strafthat wird wie diese selbst bestraft, 
und zwar auch dann, wenn der Hauptthäter straflos bleibt. 

5. Mildernde Umstände. Die Zubilligung mildernder Umstände hat 
generell festgesetzte Strafmilderungen zur Folge. 

6. Rückfall. Übelthäter, die wiederholt wegen Strafthaten, welche auf . 
öffentliche Anklage verfolgt werden (indictable offences), zu Zuchthausstrafen 



*) Abweichung vom englischen Recht (vergl. Band 1 S. 630). 

Strafgeeetzgebusg der Gegenwart, n. ]^9 



290 Australien. — 2. Neusüd wales. 



verurteilt sind, können bei der zweiten oder späteren derartigen Verurteilung 
mit Zusatzstrafen von 2 bis 10 Jahren bezw. 3 bis 14 Jahren Zuchthaus oder, 
wenn bei der wiederholten Verurteilung auf Gefängnisstrafe erkannt ist, mit 
6 bis 18 Monaten Gefängnis belegt werden. 

7. Strafensystem. Die Todesstrafe ist, auch abgesehen von Hochverrat, 
nicht lediglich auf solche Fälle beschränkt, in welchen der Verlust eines oder 
mehrerer Menschenleben vom Thäter beabsichtigt oder durch Mangel an Sorg- 
falt veranlasst ist. Sie wird durch Hängen vollstreckt. 

Die Zuchthausstrafe ist entweder eine lebenslängliche oder eine zeitige. 
Der Mindestbetrag der zeitigen Zuchthausstrafe ist in das freie Ermessen des 
Richters gestellt. Der Höchstbetrag beläuft sich auf 14 Jahre. 

Männliche Zuchthaussträflinge können in Eisen gelegt werden. Die von 
ihnen zu leistende schwere Arbeit kann innerhalb des Zuchthauses oder ausser- 
halb bei öffentlichen Bauten verrichtet werden. Weibliche Zuchthausgefangene 
dürfen nur innerhalb der Anstalt zu schwerer Ai'beit herangezogen werden. 

Der Mindestbetrag und, in gewissen Fällen — in denen das englische 
Gemeine Recht Anwendung findet — auch der Höchstbetrag der Gefängnis- 
strafe ist in das freie Ermessen des Richters gestellt. Der in Kolonialgesetzen 
angedrohte Höchstbetrag der Gefängnisstrafe ist 4 Jahre. Die Gefängnisstrafe 
kann für die ganze Dauer oder für einen Teil derselben mit schwerer Arbeit 
verhängt werden. 

Beide Arten von Freiheitsstrafen können in Fällen, in welchen die Straf- 
dauer 1 Jahr nicht übersteigt, in Einzelhaft verbüsst werden. Diese Be- 
stimmung findet jedoch nur auf männliche Strafgefangene zwischen 16 und 
25 Jahren Anwendung. 

Die Freiheitsstrafe kann durch Kettenanlegung besonders verschärft 
werden. Dies ist bei Verurteilung wegen gewaltthätiger Angriffe auf Personen 
bis auf die Dauer von 3 Jahren zulässig. 

Bei Geldstrafen ist die Feststellung des Mindestmasses ebenfalls dem 
Richter überlassen; auch der Höchstbetrag ist nicht fixiert, jedoch ist eine den 
Betrag von 500 £ (10000 Mark) überschreitende Geldstrafe nicht angedroht 

Bei Zoll- und Steuerdefraudationen richtet sich die Höhe der Geldstrafe 
nach dem Objekt. An Stelle einer nicht beizutreibenden Geldstrafe, zu der 
die Kosten des Verfahrens hinzugerechnet werden, treten von vornherein 
fixierte Gefängnisstrafen und zwar bei einem Gesamtbetrage bis 2 ^ (40 Mark) 
21 Tage Gefängnis, bis 5 jf (100 Mark) 2 Monate Gefängnis, bis 10 i 
(200 Mark) 4 Monate Gefängnis und darüber hinaus 6 Monate Gefängnis. 

In gewissen Fällen können Geld- und Freiheitsstrafen kumuliert werden. 

Auf höchstens dreimal zu wiederholende Prügelstrafe bis zu 50 Hieben 
darf in gewissen Fällen allein oder neben sonst zu verhängenden Strafen 
gegen männliche Personen über 16 Jahren erkannt werden. Auch Knaben 
zwischen 10 und 14 sowie zwischen 14 und 16 Jahren können zu einmahger 
Prügelstrafe mit verminderter Hiebezahl verurteilt werden. Zur Strafe kann 
auch auf Einziehung gewisser mit einer Strafthat in Zusammenhang stehender 
Gegenstände erkannt werden. 

Weiter kann dem Übelthäter als alleinige oder auch als Zusatzstrafe 
auferlegt werden, Sicherheit oder Bürgen für gutes Betragen während einer 
gewissen Zeitdauer zu stellen. In gewissen Fällen hat das Strafgericht das 
Recht, die Existenz und die Höhe des von dem Übelthäter veranlassten und 
durch ihn zu vergütenden Schadens festzusetzen. 

Als Ehrenstrafe (»xistiert nui* die Entziehung des Wahlrechts für be- 
stimmte Zeit. 



i 



VI. Die wichtigsten Gesetze strafrechtlichen Inhalts. 291 



Jugendliche erstmalige Übelthäter unter 16 Jahren können bei Straf - 
thaten, welche der Kognition der Friedens- oder Polizeirichter unterliegen, in 
geeigneten Fällen gegen Sicherheitsleistung oder Biirgenstellung für gutes 
Betragen ausser Verfolgung gesetzt werden, wenn sie dem Geschädigten volle 
Genugthuung geleistet haben. 

8. Zusammentreffen mehrerer strafbaren Handlungen. Hier ist 
zu bemerken, dass nur bis zu drei gleichartige Strafthaten derselben Person zu- 
sammen abgeurteilt werden können, und dass über ungleichartige Delikte stets 
gesondert verhandelt wird. Bei der späteren Verurteilung wegen eines der 
letzteren kann dann der Richter anordnen, dass, falls der Angeklagte bereits 
eine Zuchthaus- oder Gefängnisstrafe verbtisst, die neuerdings erkannte Strafe 
ganz oder teilweise mit der früher erkannten Strafe gleichzeitig verbüsst wird. 

9. Bedingte Verurteilung. Ein Gesetz über das sogen. Prüfungssystem 
erstmalig Verurteilter (Act to amend the Criminal Law so far as regards the 
punishments of persons convicted for first offences) ist am 1. Juni 1894 er- 
lassen; vgl. dazu die Denkschrift (2. Aufl. 1898) und Mitteilungen der Inter- 
nationalen Kriminalistischen Vereinigung Bd. 7 S. 119. 

VI. Die wichtigsten Gesetze strafrechtlichen Inhalts. 

Als die wichtigsten, materielles Straf recht enthaltenden, Gesetze sind 
folgende zu nennen: 1 Vict. c. 86 (Burglary); 11 Geo. IV und 1 W. IV c. 66; 
2 und 3 W. IV c. 123 (Forgery); 1 Vict. c. 89; 9 und 10 Vict. c. 25; 13 Vict. 
No. 2 (Malicious Injury to Property); 1 Vict. c. 88 (Piracy); 1 Vict. c. 87 
(Robbery); 31 Vict. No. 25 (Treason felony); 15 Vict. No. 4 (Vagrancy); 25 Vict. 
No. 13 (False pretences); 11 Vict. No. 13; 50 Vict. No. 26 (Defamation). 

Ausserdem giebt es eine grosse Anzahl von Gesetzen, welche nebenbei 
einzelne strafrechtliche Bestimmungen über bestimmte Materien enthalten. Die 
Aufzählung derselben würde hier zu weit führen. 



19' 



3, Tasmania. 

I. Ldtteratar. 

The colonial Office Hat for 1892, compiled from offieial records byJ. Anderson 
(London 1892). Van Diemen^s Land and New Zealand, their history and present State 
(London 1840). Robert Smith, The law list of Australasia, Melbourne 1880. Hugh 
Hüll, The Statute index 1826—1877, with a brief history of the legislature of Tasmania 
(Tasmania 1877). The Acts of the Governor and Council of Tasmania 7 Geo. IV to 
19 Vict. 2 vols. (Tasmania 1865). The Acts of the Parliament of Tasmania, 10 vols., 
Tasmania (Hobart) 1856—91. The Year Book of Australia (1888) S. 611. Hops Index 
to the Legislative Law of the Colony of Tasmania (Tasmania 1865); Beid, Index of 
the Statutes of Tasmania (Tasmania 1897). Ferner Annuaire de legislation ätrangöre 
Bd. 21 S. 1007—1010; Bd. 22 S. 1058-1060; Bd. 23 S. 920-922. 

n. Gesetzgebung. 

Die ältesten Verfassungsgesetze für Neusüdwales, nämlich 4 Geo. IV. c. 96 ; 
9 Geo. rv, c. 83; 2 und 3 Vict. c. 70; 3 und 4 Vict. c. 62 sind auch für 
Tasmania gültig. Das wichtigste dieser Gesetze, das unter dem Namen Huskison 
Act bekannte (9 Geo. IV. c. 83 vom Jahre 1828), bestimmt, dass das gesamte 
im Jahre 1829 in England in Geltung befindliche Common und Statute Law 
auch in Neusüdwales und Tasmania gelten solle. Dieses Mutterrecht ist jedoch 
seit 1829 durch die lokale Gesetzgebung in vielen Punkten abgeändert. 

in. Gerichtsverfassung und Verfahren. 

Im Jahre 1830 ist durch das sogenannte Charter of Justice (1 Will. IV.) 
vom 4. März 1830 ein höchster Gerichtshof eingesetzt. Die Gerichtsbarkeit in 
Strafsachen üben femer aus die Courts of General Sessions of the Peace, 
welche ähnliche Befugnisse haben, wie die englischen Courts of Quarter Sessions. 
Über Rechtsfragen entscheidet ebenso wie in England ein Court of Crown 
Cases reserved, der auch ähnlich wie der entsprechende englische Gerichtshof 
zusammengesetzt ist. 

Das Verfahren vor den höheren Gerichtshöfen regelt sich nach The Cri- 
minal Law Procedure Acts 1873 und 1881 (37 Vict. Nr. 6 und 45 Vict. Nr. 14). 
Für das Verfahren und die Zuständigkeit in Strafsachen kommen femer fol- 
gende Gesetze in Betracht: The Magistrates Summary Procedure Acts 1855 
und 1867 (19 Vict. Nr. 8 und 31 Vict. Nr. 11) sowie deren Ergänzung 34 Vict. 
Nr. 3 vom Jahre 1870; femer The Magistrates Criminal Procedure Act 1855 
(19 Vict. Nr. 9) und The Petty Offences Act 1867 (31 Vict. Nr. 12); endüch 
die Crown Cases Reserved Act 1881, die Sessions of the Peace Acts von 1845, 
1857, 1867 und 1896 (8 Vict. Nr. 13, 21 Vict. Nr. 10, 31 Vict. Nr. 10, 60 Vict. 
Nr. 9) und die District Justice Acts von 1883, 1884 und 1892 (47 Vict. Nr. 7, 
48 Vict. Nr. 1, 56 Vict. Nr. 3). Alle diese Gesetze enthalten auch einzelne 
materielle Strafbestimmungen teils allgemeiner teils spezieller Natur. 



IV. Geltendes Strafrecht. 293 



IV. Geltendes Strafrecht 

Für das materielle Strafrecht kommen neben dem englischen Common 
Law (vgl. Bd. I S. 615) namentlich folgende 5 Gesetze aus dem Jahre 1863 in 
Betracht, die den englischen sogenannten Consolidation Acts (vgl. Bd. I S. 615) 
entsprechen : 

1. An Act to consolidate and amend the Legislative Enactments relating 
to Offences against the Person (27 Vict. Nr. 5) nebst Ergänzungsgesetz in 
The Offences against the Person Act 1885 (49 Vict. Nr. 23) und Offences 
against the Person Act 1894 (58 Vict. Nr. 8) 

2. An Act relating to Malicious Injury to Property (27 Vict. Nr. 7). 

3. An Act .... relating to Robbery, Frauds and other similar Offences 
(27 Vict. Nr. 8, gewöhnlich Larceny Act genannt), ergänzt durch Larceny Act 
1877 (41 Vict. Nr. 13) und 1894 (58 Vict. Nr. 9). 

4. An Act . . . relating to Forgery (27 Vict. Nr. 9) nebst Ergänzungs- 
gesetzen. The Falsification of Accounts Act 1876 und 1889 (40 Vict. Nr. 8 
und 53 Vict. Nr. 16). 

5. An Act .... conceming Offences relating to Coin (27 Vict. Nr. 10). 
In diesen Gesetzen sind allgemeine Bestimmungen des Strafrechts mit 

den speziellen vermischt, die meisten der ersteren wiederholen sich in allen 
Gesetzen. Es wird im folgenden zunächst eine kurze Übersicht über die all- 
gemeinen Bestimmungen gegeben werden, wobei noch bemerkt wird, dass 
diese grossenteils dem Common Law angehören und teilweise auch in fol- 
genden Gesetzen enthalten sind: The Prison Act 1868 (32 Vict. Nr. 11), The 
Criminal Law Procedure Act 1873 und 1881 (37 Vict. Nr. 6 und 45 Vict. 
Nr. 14), The Juvenüe Offenders Act 1875 (39 Vict. Nr. 6), The Small Penalties 
Act 1868 (32 Vict. Nr. 25) und An Act to consolidate and amend the Legis- 
lative Enactments relating to Accessories to and Abettors of Offences 1863 
(27 Vict. Nr. 6). 

1. Die Einteilung der strafbaren Handlungen ist dieselbe, wie im eng- 
lischen Recht. Allgemeine Ausdrücke für alle Arten von Strafthaten sind 
offence und crime, für geringfügige Übertretungen petty offences. Die Strafe 
für felony ist, falls etwas anderes nicht ausdrücklich verordnet, 4 Jahre, für 
misdemeanor 2 Jahre Gefängnis. In letzterem Falle kann an Stelle oder 
neben der Freiheitsstrafe auf Geldstrafe und Sicherheitsleistung für gutes Be- 
tragen erkannt werden. (Criminal Law Procedure Act § 46, 51.) 

2. Zusammentreffen mehrerer Strafthaten. Wird jemand, der 
bereits eine Gefängnisstrafe verbüsst, wegen einer strafbaren Handlung aber- 
mals zu Gefängnisstrafe verurteilt, so beginnt die Verbüssung der letzteren 
nach Ablauf der ersteren, auch wenn beide Strafen zusammengerechnet das 
sonst zulässige Höchstmass der Gefängnisstrafe überschreiten. 

3. Die Bestimmungen über die Bestrafung der Teilnahme an einem 
Verbrechen als Anstifter, Begünstiger, Gehülfe oder Hehler sind fast genau 
entsprechend denjenigen im Strafrecht von Queensland; auch den bezüglichen 
englischen Vorschriften sind sie sehr ähnlich. Für Tasmania sind die hier 
fraglichen Vorschriften enthalten in der Accessories Act 1863 (27 Vict. Nr. 6); 
in der Offences against the Person Act § 66; Forgery Act § 41; Coinage 
Offences Act § 32; Malicious Injury to Propertj^ Act §§ 56, 63; Larceny Act 
§§ 81, 87, 88. 

4. Strafe des Versuchs: Insoweit die strafrechtlichen Gesetze keine 
besonderen Bestimmungen enthalten, wird der Versuch nach den Regeln des 
englischen Common Law (vgl. Bd. 1 S. 630) als misdemeanor bestraft. Durch 



294 Australien. — 3. Tasmania. 



spezielle Vorschriften ist der Versuch bei folgenden Delikten unter Strafe ge- 
stellt: Mord (Strafe: Todesstrafe, ist dieselbe wie fttr die vollendete Handlung. 
Offences against the Person Act §§ 9 — 13). Beischlaf mit Mädchen von 14 bis 
15 Jahren (Strafe: die gleiche wie für die vollendete Handlung a. a. 0. 1885, 
§ 6). Inbrandsetzung von Gebäuden (Injury to Property Act § 8 Strafe: die 
gleiche). Zerstörung von Gebäuden durch Explosivstoffe (Injury to Property 
Act § 10 Strafe: gelinder). Inbrandsetzung von Getreide, Hecken oder Ein- 
friedigungen (Injury to Property Act § 18; Strafe: gelinder) und von Kohlen- 
minen (daselbst § 18; Strafe: gelinder). Beschädigung von Telegraphen (da- 
selbst § 38; Strafe: die gleiche). Inbrandsetzung eines Fahrzeuges (daselbst 
§ 44; Strafe: gelinder). 

5. Hückfall. Allgemeine Vorschriften über die Bestrafung des Rück- 
falles sind enthalten in der Criminal Law Procedure Act 1873, §§ 47 und 48. 
Danach wird derjenige, welcher nach vorgängiger Verurteilung wegen felony 
abermals einer nicht mit dem Tode zu bestrafenden felony überführt wird, 
mit lebenslänglichem Gefängnis bestraft, falls nicht eine spezielle Strafbestim- 
mung etwas anderes verordnet. Wer femer nach Verurteilung wegen eines nach 
der Larceny Act strafbaren misdemeanor sich eines einfachen Diebstahls schuldig 
macht, ist zu 6 Jahren Gefängnis zu verurteilen. Spezielle Rückfallstrafen 
sind festgesetzt in der Malicious Injury to Property Act § 12 (Beschädigung 
von Bäumen), §§ 23, 24 (Zerstörung von Bodenprodukten), § 25 (Zerstörung 
von Einfriedigungen), § 41 (Tötung von Tieren); in der Larceny Act § 7 
(Begehung eines simple larceny nach Verurteilung wegen felony), § 11 (Dieb- 
stahl von Hunden), § 15 (Besitz gestohlener Hunde), §§ 25—27 (Diebstahl 
von Bäumen, Gebüschen, Einfriedigungen, Gartenfrüchten u. s. w.); femer da- 
selbst § 51; in der Coinage Offences Act §§ 12, 21 (Ausgeben falschen Geldes), 
§ 22 (Fälschung inländischen oder ausländischen Geldes). 

6. Strafausschliessungs- und Milderungsgründe. 

a) Notwehr und ähnliches. Die Tötung eines Menschen im Zustande 
der Notwehr oder durch einen unglücklichen Zufall ist nicht strafbar. 

b) Jugend. Die Grundsätze des englischen Common Law gelten auch 
hier (vgl. Bd I. S. 626 und 636), daneben ferner die Bestinmiungen der 
Juvenile Offenders Act 1875 (39 Vict. Nr. 6), deren Hauptabsicht indessen 
nicht die Milderung, sondern die Verschärfung von Strafen ist.*) Dieses 
Gesetz bestimmt folgendes: 

«) Männliche Personen unter 19 Jahren, welche eines mit dem Tode 
strafbaren Delikts (capital offence) überführt werden, können nach dem Er- 
messen des Gerichts zu einer beliebigen Gefängnisstrafe verurteilt werden; da- 
neben kann auch Prügelstrafe verhängt werden. 

ß) Wird eine solche Person eines Angriffs oder sonstigen Vergehens gegen 
eine Person, eines Vergehens gegen die Sittlichkeit oder einer Störung des 
Friedens überführt, so kann neben oder anstatt jeder anderen Strafe auf 
höchstens dreimalige Prügelstrafe erkannt werden. Die Anzahl der Hiebe darf 
in jedem einzelnen Falle 15 (bei Knaben unter 14 Jahren 12) nicht über- 
steigen. Die Vollstreckung der Strafe erfolgt mit einem Stocke oder Leder- 
riemen in Zwischenräumen von 24 Stunden; beim zweitenmale muss ein Arzt 
zugezogen werden. 

y) Nach Vollstreckung einer Strafe gegen einen jugendlichen Verbrecher 
kann der Verurteilte einer Besserungsanstalt (Industrial or Training School) 
überwiesen werden, gemäss den dafür erlassenen besonderen Vorschriften. 



*) Die Vorrede besagt: where as it is expedient to provide more effectual punish- 
ment for juvenile offenders. 



IV. Geltendes Straf recht. 295 



c) Mildernde Umstände. Das System der mildernden Umstände ist 
dem Strafrecht von Tasmania nicht bekannt. Die einzelnen Strafgesetze ent- 
halten aber übereinstimmend die Vorschrift, dass in allen Fällen, in welchen 
lebenslängliches Gefängnis angedroht ist, auf Gefängnis bis zu 20 Jahren, 
dass femer in allen anderen Fällen auf eine niedrigere als die angedrohte 
Strafe erkannt werden kann. 

d) Geisteskrankheit. Die Bestimmungen der Criminal Law Procedure 
Act 1873 (§§ 44, 45) über diesen Gegenstand sind ähnlich wie die englischen 
(vgl. Band I S. 626). 

e) Klagenverjährung besteht im allgemeinen nicht. In wenigen Fällen 
ist sie durch Spezialgesetz vorgeschrieben (cf. Malicious Injury to Property 
Act § 71). 

7. Strafensystem. Hauptstrafen sind: Todes-, Gefängnis-, Geld- und 
Prügelstrafe; Nebenstrafen: Einzelhaft, Einziehung, Unfähigkeit zur Bekleidung 
öffentlicher Ämter, Verlust der Geschäftsfähigkeit und Verurteilung zur Tragung 
der Kosten des Verfahrens. Dazu kommt als strafähnliches Mittel die Sicher- 
heitsleistung für gutes Betragen. 

I. Hauptstrafen. Die Gefängnisstrafe, welche in vielen Fällen den 
Charakter einer Zuchthausstrafe hat^), ist eine lebenslängliche oder zeitige; 
erstere findet sich in den Strafgesetzen der Kolonie ausserordentlich häufig 
angedroht (über 50 Mal), z. B. wegen Verschwörung zur Begehung von Mord, 
Totschlag, mehrerer Fälle der Körperverletzung, Gefährdung von Eisenbahn- 
transporten, Versuch der widernatürlichen Unzucht, Inbrandsetzung von Häusern, 
Kirchen, Minen, Schiffen, Zerstörung von Brücken und Eisenbahnmaterial, 
mehrerer Fälle der Urkunden- und Münzfälschung sowie endlich wegen einiger 
Fälle von Hochverrat. 

Für die zeitige Gefängnisstrafe sind Maximal- und Minimalgrenzen nicht 
angegeben ; mehr als 20 Jahre Gefängnis sind nicht angedroht. Die Gefängnis- 
strafe ist im Zweifel eine solche mit schwerer Arbeit; beträgt ihre Dauer jedoch 
weniger als 2 Jahre, so kann das Gericht Befreiung von der schweren Arbeit 
anordnen. Die Arbeit, mit welcher die Gefangenen innerhalb oder ausserhalb 
des Gefängnisses zu beschäftigen sind, wird von Zeit zu Zeit vom Sheriff 
angegeben. Auch diejenigen Sträflinge, welche nicht zu Gefängnis mit schwerer 
Arbeit verurteilt sind, können, wenn sie sich nicht aus eigenen Mitteln erhalten, 
zu einer ihren Fähigkeiten entsprechenden leichten Arbeit herangezogen werden. 
Weigern sie sich, diese zu leisten, so werden sie lediglich mit Wasser und 
Brot beköstigt. 

Die Todesstrafe ist ausser wegen Mordes auch wegen Mordversuchs, 
Abtreibung und widernatürlicher Unzucht (Offences against the Person Act §§ 1, 
9 — 13, 56, 59), femer wegen Raubes mit vorgängiger oder nachfolgender Ver- 
wundung eines Menschen (Larceny Act § 35) angedroht. Verschiedene weitere 
Fälle der Todesstrafe, so wegen Notzucht, Unzucht mit Mädchen unter zehn 
Jahren, Urkundenfälschung, sind neuerdings (Offences against the Person Act 
1885) abgeschafft. Die Vollstreckung der Todesstrafe erfolgt innerhalb des 
Gefängnisses durch Hängen in Gegenwart bestimmter Personen (Criminal Law 
Procedure Act 1873 § 56). 

Geldstrafe findet sich allein sowie neben Gefängnisstrafe angedroht; 
untere und obere Grenzen dafür sind nicht festgesetzt; die höchste angedrohte 
Summe ist 50 £ (1000 Mark). Die Geldstrafe fällt zur Hälfte an den Fiskus, 
zur Hälfte an den Anzeiger. An Stelle einer nicht beizutreibenden Geldstrafe 

') cf. Offences against the Person Act §71; Larceny Act §107; Forgery Act §44; 
Coinage Offences Act § 36. 



296 Australien. — 3. Tasmania. 



tritt Gefängnisstrafe von 7 Tagen bis 6 Monaten. Prügelstrafe kann nur bei 
gewissen Delikten jugendlicher Personen nach den oben angegebenen Grund- 
sätzen verhängt werden. 

n. Nebenstrafen, Einzelhaft. Bei jeder Verurteilung zu Gefängnisstrafe 
kann das Gericht anordnen, dass der Verurteilte für eine zu bestimmende 
Dauer seiner Strafzeit in Einzelhaft gehalten werde. Die letztere darf jedoch 
jeweilig hintereinander die Dauer eines Monats und im Laufe eines Jahres 
die Dauer von 3 Monaten nicht übersteigen. 

Einziehung. Gegenstände (Maschinen, Platten u. s. w.), welche zur Her- 
stellung falscher Urkunden, Wertpapiere u. s. w. sowie zur verbrecherischen 
Anfertigung von Pulver und anderen Explosivstoffen und von falschen Münzen 
dienen, können ebensowohl wie die damit hergestellten Erzeugnisse beschlag- 
nahmt und eingezogen werden. 

Jede Verurteilung zum Tode oder zu Gefängnisstrafe von mehr als 
2 jähriger Dauer hat für den Verurteilten den Verlust eines von ihm etwa 
bekleideten öffentlichen Amtes sowie des Anspruchs auf Gehalt und Pension 
zur Folge, falls er nicht innerhalb 6 Monaten nach der Verurteilung bezw. 
vor Wiederbesetzung der Stelle begnadigt >vird. Auch ist der Verurteilte vor 
Abbüssung der Strafe oder etwaiger Begnadigung unfähig, ein öffentliches 
Amt wieder zu bekleiden. 

Eine derartige Verurteilung hat ferner den Verlust der Fähigkeit, vor 
Gericht eine Civilklage zu erheben, sowie Verkäufe vorzunehmen und Kontrakte 
zu schliessen, zur Folge. Es kann aber auf Antrag eines Verwandten oder 
sonstigen Interessenten dem Verurteilten ein Administrator bestellt werden, 
welcher für die Dauer der Strafverbüssung dessen Vermögen mit unbeschränkter 
Vollmacht zu verwalten hat. Bei jeder Verurteilung wegen treason und felony 
kann das Gericht bestimmen, dass der Verurteilte, zusätzlich zu jeder anderen 
Strafe, die durch das Verfahren gegen ihn entstandenen Kosten ganz oder 
zum Teil bezahle. Die Einziehung der Kosten erfolgt nötigenfalls zwangs- 
weise wie in Civilsachen. Als hierher gehörig ist auch die Friedensbürgschaft 
zu erwähnen, weil sie auch Straf Charakter trägt. Es kann in jedem Falle 
eine Verurteilung wegen misdemeanor neben oder anstatt jeder anderen Strafe 
auf Geldstrafe sowie Sicherheitsleistung und Bürgschaft für gutes Betragen und 
Wahrung des Friedens erkannt werden. Wird der Verurteilte einer Strafthat 
überführt, welche einen Bruch der solcher Gestalt von ihm eingegangenen 
Verpflichtungen enthält, so wird die Sicherheit für verwirkt erklärt und 
zwangsweise eingezogen. Wird eine verlangte Sicherheit oder Bürgschaft nicht 
geleistet, so tritt an deren Stelle Gefängnisstrafe bis zu 1 Jahr. 

Hervorzuheben ist schliesslich noch, dass die Strafe der Vermögens- 
verwirkung (forfeiture, § 13 Crirainal Law Amendment Act) sowie des Vier- 
teilens, Kopfabschlagens und Hinschleppens zum Richtplatz bei Verurteilung 
wegen high treason ausdrücklich abgeschafft ist (daselbst § 34). 

Im Zusammenhang mit ersterer Vorschrift stehen die Bestimmungen über 
die Entmündigung der Sträflinge und die Venvaltung ihres Vermögens, welche 
den entsprechenden englischen Bestimmungen (vgl. Bd. 1 S. 633) genau nach- 
gebildet sind. 

8. Auf den speziellen Teil des Strafrechts der Kolonie braucht hier nicht 
näher eingegangen zu werden, da die eingangs erwähnten, dafür hauptsächlich 
in Betracht kommenden 5 Gesetze fast genau mit den entsprechenden eng- 
lischen Gesetzen (den 5 sogen. Consolidation Acts) übereinstimmen. Nur ist 
hervorzuheben, dass die Strafmasse in den Kolonialgesctzen durchgehend erheb- 
lich schärfer sind, wie aus den obigen Angaben über die Androhung der 
Todes- und lebenslänglichen Gefängnisstrafe schon hervorgeht. 



V. Straf nebengesetze. 297 



Über die Bestrafung des Hoch- und Landesverrats ist ein besonderes 
Gesetz The Treason Felony Act 1868 (32 Vict. No. 10) erlassen. Danach ist 
für die Bestrafung des High Treason das englische Recht (25 Edw. III cap. 2) 
massgebend; die Fälle der treasonable felonies nach dem Strafrecht der 
Kolonie sind gleichfalls identisch mit denen des englischen Rechts (nach 
11 Vict. cap. 12, vgl. Schuster Bd. I S. 637). Die Strafe ist lebenslängliches 
Gefängnis oder Gefängnis bis zu 15 Jahren. Teilnehmer werden wie Thäter 
bestraft. 

V. Strafnebengesetze. 

Strafrechtliche Bestimmungen enthalten ferner noch folgende Gesetze 
neueren Datums: 55 Vict. No. 5 aus 1891 (betrifft Kinderschutz); 56 Vict. 
No. 6 aus 1892 (An Act to amend the Stamp Act 1882); Act No. 11 vom 
14. November 1893 to consolidate and amend the law relating to mines and 
mining; Act No. 23 of 1893 for the better prevention of frauds in the sale 
of manures for agricultural purposes. 



4. Neuseeland/) 

I. Litteratur. 

Systematische Darstellungen oder Lehrbücher des in Neuseeland geltenden 
Strafrechts existieren nicht. Eine Zusammenstellung sämtlicher von 1842 bis 31. Mai 
1893 erschienenen Gesetze von Neuseeland enthält das unlängst publizierte Werk 
„Badger 's Whole Law of New Zealand^ (4 Bände, Christchurch , beim Verfasser). 
Die amtliche Ausgabe der Gesetze erfolgt durch The Governments Printer, Wellington, 
New Zealand. Em wertvolles alphabetisches Nachschlagebuch für Neuseeländisches 
Recht ist „Curnin's Index to the Laws of New Zealand^ (Lyon and Blair, Wel- 
lington). Vergleiche auch: Red ward, Index to the laws of New Zealand, Wel- 
lington 1897. 

IL Gerichtsverfassung und Verfahren. 

Strafgerichte der Kolonie sind: Die Gerichtshöfe der Justices of the 
Peace, The Resident Magistrates Courts, The District Courts, The Supreme 
Court. Für die Zuständigkeit der Gerichte ist die Schwere der Strafthat 
entscheidend. Das Gerichtsverfahren ist entweder ein summarisches (bei leich- 
teren Vergehen und bei Strafthaten jugendlicher Personen in gewissen Fällen) 
oder (bei allen schwereren Verbrechen) ein solches mit Anklageschrift (in- 
dictment). 

Für das Strafverfahren kommen hauptsächlich nachstehende Gesetze in 
Frage: The District Courts Act 1858 und deren Amendment von 1888 (52Vict. 
Nr. 22); The Juries Act 1880; The Justices of the Peace Act 1882 (46 Vict. 
Nr. 15) und deren Amendments von 1885 (49 Vict. Nr. 44), 1886 (50 Vict. 
Nr. 8), 1888 (52 Vict. Nr. 21) und 1894 (58 Vict. Nr. 47); The Criminal Evi- 
dence Act 1889 (53 Vict. Nr. 16). Prozessuale Bestimmungen enthalten auch 
The Police Offences Act 1884 und deren Amendments von 1890 und 1892. 

III. Gesetzgebung. 

Durch das Gesetz The English Laws Act 1858 (eingeführt in Neuseeland 
am 28. Mai 1858) wurde bestimmt, dass das gesamte englische Recht, wie es 
am 14. Januar 1840 bestand, in der Kolonie Neuseeland mit rückwirkender 
Kraft Geltung haben solle, soweit es die örtlichen Verhältnisse zuliessen. Von 
dem bezeichneten Zeitpunkte an erlässt die Kolonie selbständig Gesetze. Das 
Strafrecht Neuseelands beruht auf denselben Prinzipien, wie das englische, 
und gleicht diesen in allen wesentlichen Punkten. Als die wichtigsten Straf- 



^) Unter Benutzung einer Abhandlung des Kaiserlich Deutschen Konsuls in 
Christchurch (Neuseeland), Herrn Heinrich J. von Haast. 



IV. Geltendes Strafrecht. 299 



gesetze, welche durch die Lokalgesetzgebung in Anlehnung an das englische 
Recht geschaffen wurden, sind namentlich die Coinage Offences, Larceny, For- 
gery, Offences against the Person und Malicious Injury to Property Acts aus 
dem Jahre 1867 zu erwähnen. 

Im Jahre 1893 ist das Straf recht, soweit schwerere Verbrechen in Frage 
kommen, in The Criminal Code Act 1893 kodifiziert. Dieses Gesetz ist seit 
dem 4. März 1894 in Geltung. Daneben sind alle diejenigen Gesetze straf- 
rechtlichen Inhalts, welche in dem dem Criminal Code angefügten Verzeichnisse 
(Third Schedule) nicht ausdrücklich aufgehoben sind, bestehen geblieben. Das 
früher in Geltung gewesene Common law ist bezüglich der Materien, die im 
Criminal Code geregelt sind, aufgehoben (§ 6). 

IV. Geltendes Strafrecht 

(Der Criminal Code von 1893 und Nebengesetze.) 

Der Criminal Code (C. C.) zerfällt in 7 Titel, von denen die 6 ersten 
materielles Strafrecht enthalten, während der letzte das Strafverfahren betrifft. 
Die Titel zerfallen in Teile (44 Parts), diese in sections (im ganzen 424). 

Die allgemeinen Bestimmungen des C. C. , die hier zuerst behandelt 
werden sollen, sind grösstenteils im ersten Titel enthalten; einige wenige 
hierher gehörige Vorschriften finden sich noch am Schluss des sechsten Titels 
(Teil 34). 

Der ei-ste Titel (Introductory Provisions) des C. C. zerfällt in 4 Teile. 
Teil I enthält allgemeine Bestimmungen (section 1 — 10) über Titel des Ge- 
setzes, Beginn und Anwendung desselben, Erklärung technischer Ausdrücke u.s.w. 
Teil II handelt in sections 11 — 20 über Strafen (Punishments). Teil III be- 
handelt die Umstände, welche die Strafbarkeit ausschliessen oder mildem 
(Matters of Justification or Excuse, sections 21 — 72). Teil IV betrifft Thäter- 
schaft, Teilnahme, Begünstigung, Versuch (Parties to the Commission of Offences, 
sections 73 — 76). 

Die Legalordnung wird im folgenden aus praktischen Gründen nicht 
genau eingehalten. 

1. Einteilung der strafbaren Handlungen. Die im englischen 
Recht bestehende Scheidung der Strafthaten in treason, felony und misdemeanor 
ist im C. C. aufgegeben. Jedoch ist bestimmt, dass eine Handlung, die im 
C. C. nicht unter Strafe gestellt ist und welche sich nach einem neben dem 
C. C. in Geltung gebliebenen Gesetz als felony bezw. misdemeanor darstellt, 
mit Gefängnis bis zu 5 Jahren, bezw. Gefängnis bis zu 2 Jahren oder Geld- 
strafe bis zu 50 £ belegt werden kann. Der C. C. bezeichnet die Strafthaten 
als crimes oder offences. Letztere Bezeichnung ist die allgemeinere und um- 
fasst alle strafbaren Handlungen, während erstere nur die mit Anklageschrift 
(indictraent) zu verfolgenden begreift (§ 2). Wegen der Übertretungen siehe 
unten S. 307. 

2. Anwendung des Gesetzes. Der C. C. findet Anwendung auf 
alle nach seiner Einführung begangenen Strafthaten; ist aber eine Strafthat 
vor jenem Zeitpunkt begonnen, so findet das frühere Recht bei Bestrafung 
derselben auch dann Anwendung, wenn die Vollendung der strafbaren Hand- 
lung erst nach Einführung des C. C. geschehen ist (§ 3). Besondere Be- 
stimmungen über die örtlichen Grenzen der Anwendung des C. C. sind nicht 
vorhanden. Das erkennbare Prinzip ist aber, dass nur die innerhalb der 
Grenzen der Kolonie begangenen Strafthaten verfolgt werden. Eine Ausnahme 
hiervon besteht in gewissen Fällen des Seeraubes (§ 105). 



T 



300 Australien. — 4. Neuseeland. 



Bezüglich des Militärstrafrechts und des Kriegsrechts gelten die eng- 
lischen Gesetze. (Vgl. Bd. 1 S. 621.) 

In allen Fällen der Tötung kann ebenso wie in allen anderen Ländern, 
wo englisches Recht gilt, die Strafverfolgung nur eingeleitet werden, wenn 
der Tod innerhalb Jahr und Tag, vom Tage der den Tod vemrsachenden Hand- 
lung oder Unterlassung an gerechnet, eingetreten ist. Der Tag, auf welchen 
diese Handlung oder Unterlassung fällt, wird in die Frist mit eingerechnet 
(§ 158). 

3. Strafensystem. 

Todesstrafe ist angedroht für Hochverrat (treason; § 77, zehn Fälle», 
gewisse Fälle des Seeraubes (§§ 104 und 106), Mord (§ 167). Die Voll- 
streckung der Todesstrafe erfolgt nach The Criminals Executions Act 1883 
(47 Vict. Nr. 7) durch Hängen, nachdem zuvor der Gouverneur erklärt hat, 
dass der Gerechtigkeit freier Lauf zu lassen sei. Die Hinrichtung ist eine 
intramurane (§ 7 obigen Gesetzes). Gewisse Personen (Sheriff, Gefängiiis- 
vorsteher, Arzt) müssen, andere (Friedensrichter, Geistlicher, bis zu zehn Zu- 
schauer) können zugegen sein. 

Freiheitsstrafen: Die Zuchthausstrafe und die Einzelhaft sind ab- 
geschafft (§ 7); letztere besteht noch als Disziplinarstrafmittel in Gefängnissen. 
Die einzige Freiheitsstrafe ist die Gefängnisstrafe, die eine lebenslängliche oder 
zeitige ist und entweder mit oder ohne schwere Arbeit verbüsst wird. Die 
lebenslängliche Gefängnisstrafe ist in über 40 Fällen (z. B. §§ 80, 81, 89, 104, 
105, 114'^ 122 fg., 136, 171, 175 fg., 192) angedroht; sie ist stets eine solche 
mit schwerer Arbeit. Für die zeitige Gefängnisstrafe sind Grenzen nicht fest- 
gesetzt; die Richter haben die freie Befugnis, an Stelle jeder Gefängnisstrafe 
mit schwerer Arbeit solche ohne schwere Arbeit, ferner an Stelle der ange- 
drohten Strafen (auch der lebenslänglichen Gefängnisstrafe), welche sämtlich nur 
Maximalstrafen sind, jede beliebige kürzere Freiheitsstrafe zu setzen. Handelt 
es sich um zeitige Gefängnisstrafe mit oder ohne schwere Arbeit, so können 
die Richter an Stelle der Freiheitsstrafe auf Geldstrafe erkennen (§ 16). Die 
Art und Weise der Verbüssung der Freiheitsstrafen und der Beschäftigung der 
Gefangenen ist geregelt in den Prisons Acts 1882 und 1883 (46 Vict. Nr. 82 
und 47 Vict. Nr. 6). Diese Gesetze enthalten auch Vorschriften über Gefängnis- 
disziplin, Gefängnisrevisionen u. s. w. 

Geldstrafe und Busse. Erstere findet sich im C. C. ausdrücklich 
nur einmal in Höhe von 40 sh. angedroht (§ 135); sie kann jedoch in allen 
Fällen an Stelle von zeitiger Gefängnisstrafe verhängt werden. Ein Höchst- 
betrag ist nicht festgesetzt. An Stelle einer nicht beizutreibenden Geldstrafe 
tritt Gefängnis mit oder ohne schwere Arbeit bis zu zwei Jahren (§ 15). In 
allen Fällen, in welchen der Thäter durch eine strafbare Handlung einem 
anderen einen Verlust von Eigentum zugefügt hat, kann er zur Zahlung 
einer Busse (satisfaction, compensation) bis zu 100 J^ verurteilt werden (§ 419 /. 

Prügelstrafe kann bis zu drei Malen neben lebenslänglicher oder 
zeitiger Gefängnisstrafe verhängt werden. Es giebt zwei Arten derselben, die 
gemeinsam haben, dass sie nur an männlichen Personen und nur innerhalb 
sechs Monaten seit Erlass des Urteils vollzogen werden dürfen. Die beiden 
Arten sind: a) Flogging, d. h. Schlagen mit einer neunschwänzigen Katze 
(cat-o'-nine-tails), bis zu 50 Hieben in jedem Falle, anwendbar nur bei Per- 
sonen über 16 Jahren^ b) Whipping, d. h. Schlagen mit einem Stocke (i'odj 
bis zu je 25 Hieben, anwendbar bei Personen unter 16 Jahren. 

Polizeiaufsicht. Bei jeder zweiten Veinirteilung wegen eines Ver- 
brechens, welches ehrlose Gesinnung erkennen lässt (crime involving dishonesty », 
sowie wegen gewisser Fälle von Körpei'verletzung und Gefährdung von Per- 



IV. Geltendes Strafrecht. 301 



sonen (§§ 175 — 179) endlich wegen qualifizierter Gewaltthätigkeit (§ 189) kann 
der Verurteilte neben jeder anderen Strafe bis zu drei Monaten unter Polizei- 
aufsicht (police supervision) gestellt werden. Es ist hierbei unwesentlich, ob 
die erste Verurteilung in der Kolonie Neuseeland, oder in irgend einer an- 
deren britischen Besitzung erfolgt ist (§ 19). 

Sicherheitsleistung für Wahrung des Friedens und gutes 
Verhalten. Bei allen mit Gefängnis bedrohten strafbaren Handlungen kann 
der Verurteilte neben oder an Stelle anderweitiger Strafe zu einer derartigen 
Sicherheitsleistung angehalten werden. Leistet er die Sicherheit nicht, so kann 
er anstatt dessen zusätzlich zu der sonst etwa erkannten Freiheitsstrafe zu 
Gefängnis bis zu einem Jahre verurteilt werden. 

Ehrenstrafen giebt es nach dem C. C. nicht; jedoch bestimmen Einzel- 
gesetze, dass die Verurteilung zu mehr als einjähriger Gefängnisstrafe, sowie 
die Verurteilung wegen gewisser Strafthaten die Entziehung des Wahlrechts 
und die Unfähigkeit zur Bekleidung gewisser Ehrenämter zur Folge hat (1886 
Nr. 49 § 85; 1886 Nr. 50 § 88; 1893 Nr. 18 § 8; 1891 Nr. 25 § 4; 1882 
Nr. 23). 

Die Achterklärung und Vermögensverwirkung ist ausdrücklich ab- 
geschafft (§ 389). 

4. Versuch. Definition (§ 76^): Jeder, der in der Absicht, eine Straf- 
that zu verüben, eine Handlung oder Unterlassung begeht zu dem Zwecke, 
sein Vorhaben zu erfüllen, ist des Versuches der Begehung der beabsichtigten 
Strafthat schuldig, ohne Rücksicht darauf, ob nach den Umständen des Falles 
die Begehung der konkreten Strafthat möglich war oder nicht. § 76^: Die 
Frage, ob eine Handlung oder Unterlassung, welche in der Absicht, eine Straf- 
that zu begehen, verübt ist, nicht nur lediglich als eine Vorbereitung für Be- 
gehung der Strafthat anzusehen und von der Vollendung zu weit entfernt ist, 
um als ein Versuch der Begehung zu gelten, ist eine Rechtsfrage; sie muss 
daher vom Richter und nicht von den Geschworenen entschieden werden. Der 
Versuch der Begehung jeder Strafthat (auch des Selbstmordes, § 173) ist straf- 
bar. Bei den schwereren Verbrechen ist die Strafe des Versuchs besonders 
festgesetzt, und zwar wird er bei diesen teils ebenso bestraft, wie das voll- 
endete Verbrechen (so §§ 98b, 99«, 104, 106, 137, 177^, 197, 248, 249), 
teüs geringer (§§ 168, 193, 277, 309, 311). In den Fällen, in welchen die 
Strafe des Versuchs nicht ausdrücklich bestimmt ist, wird dieser nach folgen- 
den Grundsätzen bestraft: Ist das vollendete Verbrechen mit Gefängnis von 
mehr als drei Jahren mit schwerer Arbeit bedroht , so ist die Strafe des Ver- 
suchs zwei Jahre Gefängnis mit harter Arbeit (§ 328). Ist die Strafe für das 
vollendete Delikt geringer als drei Jahre Gefängnis mit harter Arbeit, so wird 
der Versuch mit der Hälfte der für das vollendete Verbrechen angedrohten 
Maximalstrafe bestraft. Zwei Jahre Gefängnis hat derjenige verwirkt, der den 
Versuch einer strafbaren Handlung begeht, welche nach einem neben dem 
C. C. in Geltung gebliebenen Gesetz zu ahnden ist (§§ 329, 330). 

5. Die bei einer Strafthat beteiligten Personen. Beteiligt an 
einer Strafthat und schuldig einer solchen sind: a) wer sie eigentlich begeht 
(actually commit); b) wer eine Handlung oder Unterlassung zu dem Zwecke 
begeht, einem Anderen bei der Begehung einer Strafthat zu helfen (aid); 
c) wer den Thäter in anderer Weise bei Begehung der Strafthat unterstützt 
(abet); d) wer einen Anderen zu einer strafbaren Handlung anstiftet (counsel 
and procure). Haben mehrere Personen sich komplottmässig zur Verfolgung 
irgend eines ungesetzlichen Vorhabens und zur gegenseitigen Unterstützung 
hierbei vereinigt, so ist jede von ihnen für jede Strafthat verantwortlich, 
welche von einem von ihnen in Verfolgung des gemeinsamen Zieles begangen 



302 Australien. — 4. Neuseeland. 



ist, vorausgesetzt, dass diese Strafthat eine wahrscheinliche Folge der Ver- 
folgung des gemeinsamen Zieles war, oder als solche vorausgesehen werden 
musste (§ 73^). Jeder, der einen anderen zur Beteiligung an einer Straf- 
that anstiftet, welche nachher wirklich begangen wird, ist ebenfalls an dieser 
Strafthat beteiligt, auch wenn die Ausführung in einer anderen als der von 
ihm angegebenen Weise geschah (§ 74^), und jeder, der einen anderen in 
der angegebenen Weise anstiftet, ist seinerseits an jeder Strafthat beteiligt, 
die der andere in Verfolg der Anstiftung begangen hat, und von welcher der 
Anstifter wusste oder wissen musste, dass sie infolge seiner Anstiftung wahr- 
scheinlich begangen werden würde (§ 74 '^). 

Die Anstiftung zum Morde wird auch dann bestraft, wenn der Mord 
nicht begangen ist (§ 169 2). Die Anstiftung und Beihülfe zum Selbstmorde 
ist mit lebenslänglicher Gefängnisstrafe bei harter Arbeit bedroht (§ 172). 

Der Begünstigung ist schuldig, wer wissentlich einen anderen, der an 
einer Strafthat beteiligt ist, aufnimmt, unterstützt oder ihm hilft zu dem Zweck, 
um ihm die Flucht zu ermöglichen. Die Begünstigung ist straflos, wenn sie 
von einem Ehegatten dem anderen oder dem Teilnehmer an einer vom an- 
deren Ehegatten begangenen Strafthat gewährt wird (§ 75). In einzelnen 
Fällen ist die Begünstigung besonders unter Strafe gestellt (bei Hochverrat 
§ 80, Mord § 170). Sonst wird sie mit Gefängnis bei harter Arbeit von 
zwei Jahren bestraft, wenn die That, zu der angestiftet ist, mit Gefängnis 
von mehr als drei Jahren bedroht ist; bei geringerer Strafe für den Thäter 
trifft den Begünstiger die Hälfte der für ersteren angedrohten Maximalstrafe 
(§§ 331, 332). 

Wegen Hehlerei (receiving) wird mit Gefängnis von sieben Jahren bei 
harter Arbeit bestraft, wer wissentlich eine Sache, die durch ein Verbrechen 
erworben ist, an sich bringt (§§ 262, 265). 

6. Gründe, welche die Strafbarkeit ausschliessen oder mildern 
(matters of justification or excuse). 

a) Jugend. Eine strafrechtliche Verfolgung tritt nicht ein, wenn der 
Thäter bei Begehung der That das siebente Lebensjahr noch nicht vollendet 
hat (§ 22 *). War der Thäter zwischen 7 und 14 Jahre alt, so kann er nur 
verurteilt werden, wenn das Gericht die Überzeugung erlangt, dass er gewusst 
hat, die von ihm begangene That sei ein Unrecht (>vrong) (§ 22*). Gegen 
Kinder bis zu zwölf Jahren wird ausserdem stets (ausser bei Tötung) sum- 
marisch verhandelt, und die zu erkennende Strafe darf einen Monat Gefängnis 
oder 40 sh. Geldstrafe nicht übersteigen. Neben oder an Stelle einer solchen 
Strafe kann femer eine Prügelstrafe bis zu sechs Hieben treten (Justices of 
the Peace Act 1882 § 176). Auch bei Kindern bis zu 16 Jahren kann in 
gewissen Fällen selbst bei schweren Verbrechen, wenn das Gericht nach Lage 
des Falles es für angemessen erachtet und der Thäter einwilligt, das sum- 
marische Verfahren eintreten. Alsdann sind die Maximalstrafen Gefängnis bis 
zu drei Monaten mit oder ohne harte Arbeit, Geldstrafe bis zu 10 £, oder 
Prügelstrafe bis zu zwölf Hieben (das. § 177). Die Verbrechen, bei denen ein 
solches Verfahren zulässig ist, sind im 2. Anhang der oben erwähnten Justices 
of the Peace Act aufgeführt. 

b) Geistige Störung (§ 23). War der Thäter bei Begehung der That 
so hochgradig geisteskrank oder geistesschwach, dass er die Natur der von 
ihm begangenen That nicht verstehen konnte und deren Strafbarkeit nicht 
kannte, so tritt eine Verurteilung nicht ein. Es bestehen jedoch ebenso wie 
in England besondere Voi-schriften über die Einsperrung der verbrecherischen 
Geisteskranken (Lunatics Act 1882 §§ 7 — 12). Litt der Thäter zur Zeit der 



rv^ Geltendes Strafrecht. 303 



Begehung der That nur unter spezifischen Wahnvorstellungen (delusions), 
während er im übrigen gesund war, so tritt eine Bestrafung nur in dem Falle 
nicht ein, wenn gerade die Wahnvorstellungen den Thäter an das Vorhanden- 
sein von Umständen glauben Hessen, deren wirkliches Vorhandensein die Straf- 
barkeit ausgeschlossen haben würde. 

Im allgemeinen wird geistige Gesundheit vermutet; litt jedoch der Thäter 
vor und nach Begehung der That an Geisteskrankheit oder Wahnvorstellungen, 
so wird angenonmien, dass er auch bei Begehung der That sich in einem 
solchen Geisteszustand befunden hat, dass er für seine Handlung nicht zur 
Verantwortung gezogen werden kann. 

c) Zwang (compulsion § 24). Ein Zwang, der verübt wird durch 
Drohung mit unmittelbarer Gefahr für Leib oder Leben seitens einer gegen- 
wärtigen Person, schliesst die Strafbarkeit aus, wenn der dem Zwang Unter- 
worfene an die Ausführung der Drohung glaubte, wenn er femer nicht irgend 
einer Vereinigung oder Verschwörung angehörte und die Teilnahme hieran 
ihn gerade dem Zwange unterwarf. 

Kein Strafausschliessungsgrund ist der Zwang bei folgenden Strafthaten: 
Hochverrat, Mord, Mordversuch, Seeraub, Beihülfe zur Notzucht, gewaltsame 
Entführung, Raub, schwere Körperverletzung und Brandstiftung. 

Wer unter Zwang einen ungesetzlichen Eid, durch welchen er sich zur 
Begehung gewisser Verbrechen (§§ 98, 99) vei^pflichtet, geleistet hat, ist wegen 
des Zwanges nur dann straflos, wenn er die näheren Umstände der Eides- 
leistung sowie die Strafthat, um welche es sieh handelt, innerhalb 14 Tagen 
nach der Eidesleistung, im Falle der Behinderung dui'ch physische Gewalt 
oder Krankheit innerhalb 4 Tagen nach Wegfall des Hindernisses oder aber 
bei seiner Vernehmung, falls diese vor Ablauf obiger Fristen stattfindet, an- 
zeigt (§ 100). 

d) Unkenntnis des Gesetzes schliesst die Strafbarkeit niemals aus 
(§ 25). 

e) Amtliche Eigenschaft (§ 26 folg.) Die Vollstreckung eines Urteils, 
einer Strafe oder eines Haftbefehls seitens eines dazu berechtigten Beamten 
kann niemals strafrechtlich geahndet werden, selbst dann nicht, wenn das 
Urteil u. s. w. von einem unzuständigen Gericht erlassen ist. Ein Irrtum bei 
Vollstreckung von Urteilen und bei einer Verhaftung entschuldigt dann, wenn 
der Thäter in gutem Glauben war. Eine grosse Anzahl Fälle ist sodann noch 
im C. C. aufgeführt, in welchen die Verhaftung von Personen auf Grund von 
ungültigen Haftbefehlen oder ohne solche, sowie die Verhaftung unschuldiger 
Personen, und in welchen die Anwendung von Gewalt bei Verhaftungen zwecks 
Unterdrückung eines Aufruhrs oder Verhinderung der Flucht eines Gefangenen 
strafrechtliche Folgen für den Thäter nicht nach sich zieht. 

f) Notwehr und Notwehr gegen Exzess der Notwehr (self-defence 
against unprovoked und against provoked assault), § 56 folg. Notwehr ist die 
Zurückweisung eines nicht provozierten rechtswidrigen Angriffs durch Anwen- 
dung einer nicht den Tod oder eine schwere Körpei*verletzung des Angreifen- 
den bezweckenden und nicht über die Zwecke der Selbstverteidigung hinaus- 
gehenden Gewalt. 

Die Herbeiführung des Todes oder einer schweren Körperverletzung des 
Angreifenden ist nur dann nicht strafbar, wenn der Angegriffene berechtigter- 
weise fürchten konnte, dass er selbst durch die seitens des Angreifenden 
ursprünglich aufgewendete oder bei Verfolgung seines Zieles demnächst an- 
gewandte Gewalt getötet oder körperlich schwer verletzt werden könnte und 
wenn er vernünftigerweise glauben durfte , sich auf andere Weise davor nicht 
schützen zu können. 



304 Australien. — 4. Neuseeland. 



Der ursprüngliche Angreifer kann gegen die Notwehrhandlung des von 
ihm Angegriffenen unter den zuletzt erwähnten Voraussetzungen seinerseits 
ungestraft Gewalt anwenden, vorausgesetzt, dass er den ursprünglichen Angriff 
nicht in der Absicht unternahm, den Angegriffenen zu töten oder körperlich 
schwer zu verletzen und dass er sich auch nicht bemühte, dies letztere zu 
thun, bevor er selbst gezwungen war, sich zu verteidigen, vorausgesetzt femer, 
dass er sich, bevor die letzterwähnte Möglichkeit an ihn herantrat, soweit in 
seinen Kräften stand, aus dem Handel herauszuziehen versuchte. Eine Provo- 
kation im Sinne vorstehender Bestimmungen kann durch Schläge, Worte oder 
Geberden bewirkt werden. 

Gestattet ist femer die Anwendung von Gewalt zur Verteidigung gegen- 
über einer gegen den Angegriffenen oder eine unter seinem Schutze stehende 
Person gerichteten thätlichen Beleidigung (assault accompanied with insult), 
jedoch darf nicht mehr Gewalt angewendet werden, als erforderlich ist, um 
den Angriff oder eine Wiederholung desselben zu verhindern; auch wird durch 
diese Vorschrift die absichtliche Zufügung eines Übels, welches mit dem zn 
verhütenden Angriff in keinem Verhältnis steht, nicht gerechtfertigt Ins 
einzelne gehende Bestinmiungen sind sodann noch gegeben über das Recht 
zur Verteidigung beweglichen Eigentums gegen Wegnahme; des Wohnhauses 
gegen unberechtigten Eintritt und Einbruch bei Tag und Nacht; des Grund- 
eigentums gegen Betreten; sowie zur Anwendung von Gewalt zwecks Aus- 
übung von Wegegerechtigkeiten u. s. w. (§§ 60 — 67). 

g) Häusliche Disziplin. Eltern sowie deren Stellvertreter und Schul- 
lehrer dürfen gegen ihre Pflegebefohlenen aus Erziehungsrücksichten Gewalt 
in vernünftigem Umfange anwenden. Dasselbe dürfen Schiffskapitäne und 
Offiziere auf See zum Zweck der Aufrechterhaltung der Ordnung und Disziplin 
an Bord (§ 68). 

h) Geschützt gegen strafrechtliche Verfolgung ist, wer zum Nutzen eines 
anderen an demselben mit der erforderlichen Sorgfalt und dem nötigen Ge- 
schick eine nach Lage der Sache und dem Zustande des Patienten vernünftige 
Operation ausführt (§ 69). 

i) Exzess. Jeder, der nach dem Gesetz berechtigt ist, Gewalt anzu-